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Alfred Bekker

Das Erbe der Halblinge

Roman

Originalausgabe

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1. Auflage

Originalausgabe Juni 2013 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © 2013 by Alfred Bekker

Die Veröffentlichung dieses Werkes erfolgt auf Vermittlung der literarischen Agentur für Autoren und Verlage Peter Molden, Köln.

Umschlaggestaltung und Illustration: Max Meinzold, München

Karte © Jürgen Speh

Lektorat: Rainer Schöttle

HK · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-09488-1

www.blanvalet.de

Es geschah in jener Zeit, als die Elben noch in ihrer alten Heimat, dem Kontinent Athranor, siedelten und König Péandir ihr Reich regierte. Damals erhob sich Ghool, der Verderber des Schicksals, nach viele Zeitaltern aus seiner Verbannung und drohte die Macht über ganz Athranor zu erringen. Ein Zauber der Elben besiegte Ghools Horden in der Schlacht bei der Anhöhe der drei Länder, und der Kampfesmut eines Menschensohnes, der bei den Halblingen aufgewachsen war, tötete den schrecklichen Zarton, ein grausiges Monstrum, das Ghool zu seinem Feldherrn bestimmt hatte. Der Name dieses Helden lautete Arvan Aradis. Arvan war von der Familie des Halblings Gomlo aus dem Stamm von Brado dem Flüchter an Sohnes statt angenommen und aufgezogen worden.

Und während man am Hof des Elbenkönigs dem Trugschluss erlag, das Böse sei schon besiegt, ehe es sich richtig erheben konnte, hatte der Krieg in Wahrheit noch kaum begonnen.

Die Mächte des Übels sammelten sich – Orks, Dämonen, Schattenvögel, Monstren der verschiedensten Art, und alle, die Ghool darüber hinaus untertan waren, zogen in seinem Namen mordend und plündernd umher. Eine Flut des Schreckens, gegen die es keine Waffe zu geben schien.

Noch ahnte niemand, welches machtvolle Erbe der legendäre Erste König der Elben, Elbanador, vor vielen Zeitaltern dem kleinen Volk der Halblinge gegeben hatte, um es für die Stunde der Gefahr zu bewahren.

Und noch ahnte niemand, dass derjenige, der dieses Erbe antreten sollte, selbst kein Halbling sein durfte

Aus dem Älteren Buch Keandir

Verborgen war das mächtige Erbe der Halblinge für lange Zeit.

Geschützt durch Zauber und Magie.

Unerreichbar seit dem Tag, da der unsterbliche Elbenkönig Elbanador – der Einzige, der das Erbe hätte erwecken können – in der Schlacht um Noragorns Lande den Tod fand.

Bewahrt in den Legenden des Kleinen Volkes.

Aus der Chronik der Blauen Stadt

Der Kampf geht weiter

Wie die Sense des leibhaftigen Todes sauste das Schwert hernieder. Arvan konnte dem Schlag gerade noch ausweichen. Haarscharf fuhr die Klinge an ihm vorbei.

Ächzend wich der junge Mann zurück. Er riss sein eigenes Schwert empor. Beschützer hatte er die mächtige Klinge genannt, weil sie ihn im Kampf gegen die Orks gerettet hatte, und im Moment konnte Arvan nur hoffen, dass die Waffe ihrem Namen auch diesmal alle Ehre machen würde. Stahl klirrte krachend auf Stahl, so wuchtig, dass Funken sprühten.

Arvan fasste seine Klinge mit beiden Händen. Erinnere dich deiner Wut!, durchfuhr es ihn. Denn diese Wut gibt die Kraft, mit der du selbst ein übermächtiges Monstrum wie Zarton töten konntest!

Arvan parierte mit großer Mühe einen weiteren Hieb seines Gegners. Dessen Schlag war so heftig, dass ein furchtbarer Schmerz Arvan über die Hände, die Arme empor und in die Schultern fuhr. Für einen Augenblick glaubte er, wie gelähmt zu sein und sich nicht mehr rechtzeitig bewegen zu können, um den nächsten Hieb noch parieren zu können.

Sein Gegner holte aus.

Arvan duckte sich. Die Klinge fuhr über ihn hinweg. Dann schnellte er vor, ließ die Spitze des Beschützers auf den Körper seines Gegners zufahren.

Doch der ließ sein Schwert zurückschnellen. Klirrend kamen die Klingen gegeneinander. So wuchtig und präzise kam dieser Hieb, dass Arvan seine Waffe nicht festhalten konnte. Im hohen Bogen wurde ihm der Beschützer aus der Hand gerissen.

Noch ehe er tief durchgeatmet hatte, spürte er das kühle Metall einer Schwertspitze an seiner Kehle.

»Versuch nicht, wie ein Halbling zu kämpfen, Arvan!«

»Aber …«

»Das kannst du nämlich nicht, und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass du bei ihnen aufgewachsen bist.«

»Woher willst du wissen, wie Halblinge kämpfen? Gibt es dort, woher du kommst, etwa auch welche, Whuon?«

Der dunkelhaarige Krieger grinste breit. »Ich habe deine Halblinggefährten während der Schlacht zumindest für kurze Zeit beobachten können, ehe ich sie aus den Augen verlor und ich dir folgte, um dich vor den Folgen deiner eigenen Kampfeswut zu schützen.« Whuon senkte seine Klinge. Er atmete tief durch. Der Oberkörper des Schwertkämpfers war frei, da er in diesem Übungskampf sein Wams hatte schonen wollen. Arvans Blick wurde immer wieder von der Metallplatte angezogen, die in Whuons Brust eingelassen und auf magische Weise mit seinem Körper verbunden war, so als wäre sie ein Teil von ihm. Whuon wirbelte die Klinge einige Mal durch die Luft und ließ sie dann mit einer geschmeidigen Bewegung in die andere Hand gleiten. »Was ist? Hast du noch genug Wut in dir, um richtig zu kämpfen, oder stocherst du mit deiner Klinge in der Luft herum, als hättest du das zierliche Rapier eines Halblings in der Hand?«, spottete er.

Arvan schluckte.

»Ich glaube, meine Wut reicht heute nicht aus, um richtig bei der Sache zu sein«, sagte er.

»Woran liegt es?«, fragte Whuon. »Beschäftigt irgendetwas deine Gedanken so sehr, dass es deinen Kampfeswillen tötet, oder liegt es daran?« Mit einer Schnelligkeit, die man von jemandem, der ein so gewaltiges, breites Schwert führte wie Whuon, nicht erwartete, ließ er plötzlich die Klinge vorschnellen. Seitlich ließ er den Stahl gegen den Schaft von Arvans rechtem Stiefel klatschen.

Wäre dies ein echter Kampf gewesen, hätte er mir das Knie zerschlagen, und ich hätte keinen Schritt mehr tun können, wusste Arvan. Selbst die besonderen Selbstheilungskräfte, die mir eigen sind, hätten mir dann wohl kaum das Leben retten können!

»Dagegen, dass du Schuhe trägst und nicht mehr barfuß wie ein Halbling herumläufst, ist nichts einzuwenden«, meinte Whuon. »Aber die Frage ist, ob du dich an diese schweren Schaftstiefel schon richtig gewöhnt hast.«

»Das habe ich«, behauptete Arvan. »Hätte ich den siebenarmigen Riesen Zarton erschlagen können, wenn es anders wäre?«

»Du hattest Glück!«

»Was?«

»Arvan, du fängst an, dir auf deine größte Heldentat etwas einzubilden. Das ist meistens der erste Schritt in den Abgrund und eine gute Voraussetzung dafür, den nächsten Kampf oder die nächste Schlacht nicht zu überleben. Glaub es mir, ich habe in so vielen verschiedenen Heeren gedient und so viele Krieger gesehen, die durch Selbstüberschätzung ihr Grab gefunden haben. Es ist immer das Gleiche.«

»Ich überschätze mich nicht«, widersprach Arvan.

»Du verlässt dich darauf, dass dir nichts geschehen kann. Du denkst, jemand, der Zarton erschlug, kann alles schaffen. Und du glaubst, dass dich der elbische Heilzauber, den man an dir durchgeführt hat, als du ein Säugling warst, dich auch in Zukunft immer davor schützen wird, in Stücke gehauen zu werden.« Whuon schlug sich mit der Faust gegen das Metallstück in seiner Brust, dessen Oberfläche sich auf unheimliche Weise anpasste, wenn er atmete oder sich bewegte. »Ich würde mich auch nie auf das hier verlassen und mich dieses magischen Metallstücks wegen für unverwundbar halten.«

Whuon machte einen Schritt zur Seite. Sein Wams hatte der Schwertkämpfer in einer der Schießscharten zwischen den steinernen Zinnen abgelegt. Jetzt zog er es über.

Sie befanden sich auf einem der zahllosen Türme von Gaa. Und da dieser Turm sich nicht an einer der für die Verteidigung der Stadt wichtigen äußeren Mauern befand, sondern zu einem der inneren Wälle gehörte, war er im Moment unbesetzt. Man hatte von hier aus einen hervorragenden Überblick über die Hauptstadt von Gaanien, der südlichsten Provinz in Harabans Reich. Aus dem Norden floss ein Fluss, der sich aus dem Langen See speiste und sich bei Gaa in den Langen Fjord am Caraboreanischen Meer ergoss. Eine Brücke spannte sich von Gaa aus zum anderen Flussufer zur Provinz Neuvaldanien. Dort verlief eine breite Heerstraße parallel zum Flussufer nach Waldhaven. Auch auf der gaanischen Seite des Flusses gab es eine Straße, wenn auch eine deutlich schmalere. Kolonnen von Soldaten zogen über beide Wege in nicht abreißenden Strömen nach Gaa. Die Söldner des Waldkönigs Haraban stellten die Mehrheit in diesen Kolonnen. Das Trompeten ihrer Kriegselefanten war oft meilenweit zu hören. Gewaltige Katapulte wurden über das glatte Pflaster der beiden Heerstraßen gerollt. Außerdem trafen frische Truppen des Königs von Bagorien ein – unter ihnen mehr als die Hälfte grünhäutige Oger, die die Angewohnheit hatten, während ihrer Märsche mit tiefen Stimmen dröhnend zu singen.

Im Hafen von Gaa hatten inzwischen zahllose Schiffe festgemacht. Immer wieder pendelten koggenähnliche, bauchige Transportschiffe zwischen der auf dem gegenüberliegenden Fjordufer gelegenen Hafenstadt Lyrr und dem Hafen von Gaa. Sie brachten vor allem gepanzerte Ritter aus dem Königreich Beiderland. Nichts brauchten die verbündeten Heere der Menschenreiche von Athranor dringender als Nachschub an frischen Truppen. Denn auch wenn die Schlacht auf der Anhöhe der drei Länder mit dem Tod von Ghools Feldherrn und der Vernichtung eines großen Teils seines aus Orks und Dämonenwesen bestehenden Heeres geendet hatte, war doch der Blutzoll auf Seiten der Verbündeten so hoch gewesen, dass man sich davon eigentlich kaum erholen konnte.

»Die nächste Schlacht wird so sicher kommen wie der blutrote Aufgang der Sonne«, meinte Whuon, während Arvan einen Moment nachdenklich in Richtung des Hafens blickte, wo gerade wieder ein Schiff mit beiderländischen Rittern anlandete. »Und so viel du auch schon gelernt haben magst – es stünde dir gut an, dich noch zu vervollkommnen, ehe es so weit ist.«

»Gewiss«, murmelte Arvan.

»Denn eins solltest du bedenken: Seitdem du den siebenarmigen Riesen Zarton erschlagen hast, bist du nicht mehr irgendwer. Ghool wird deinen Namen inzwischen vernommen haben. Und du bist nun ein Ziel seines Hasses geworden …«

»Woher …«

»Woher ich das weiß?«

»Du bist schließlich ein Fremder, der durch das Weltentor in Thuvasien nach Athranor kam. Aber anscheinend hat Lirandil dich nicht nur in der Sprache der Elben unterwiesen, sondern dir auch viel von ihrem Wissen vermittelt.«

Whuon lachte dröhnend. »Um sich das zusammenzureimen, braucht man nur einen wachen Verstand, Arvan! Du wirst in Zukunft sehr auf dich Acht geben müssen, und ich weiß nicht, ob ich immer rechtzeitig zur Stelle bin, um dir den Rücken freizuhalten.«

Arvan lächelte. »Du weißt, dass ich viel aushalten kann und dass meine Wunden schnell heilen.«

»Für einen abgeschlagenen Kopf dürfte das nicht einmal bei dir gelten! Wir müssen an deiner Deckung arbeiten, Arvan. Sonst wirst du irgendwann geradewegs in eine offene Klinge hineinlaufen.«

»Genau das ist ihm so ähnlich schon passiert«, mischte sich eine helle Stimme ein. Arvan und Whuon drehten sich um. Ein Halblingmädchen war vollkommen lautlos auf den Turm gestiegen.

»Zalea«, murmelte Arvan.

Das Haar fiel ihr weit über die Schultern. Die spitzen Ohren stachen daraus hervor, und die leicht schräg gestellten Augen bedachten Arvan mit einem wohlwollenden Blick.

»Lirandil hat uns alle zusammengerufen. Aus irgendeinem Grund ist es wohl sehr dringend.«

»Typisch Elben«, meinte Arvan. »Wartet unter Umständen Jahrhunderte auf irgendetwas, und dann muss es auf einmal ganz schnell gehen.«

»Wir sollten seine Geduld nicht überstrapazieren«, drängte Zalea.

»Überstrapazieren?« Arvan schüttelte den Kopf. »Wochen sind seit der Schlacht an der Anhöhe der drei Länder vergangen. Für eine Weile war es ja ganz sinnvoll, sich nach Gaa zurückzuziehen, um die Kräfte neu zu formieren, aber jetzt hängen wir schon so lange hier herum. Es ist noch nicht einmal ein neuer Hochkönig gewählt worden, der uns anführen könnte.«

»Wieso beklagst du dich?«, mischte sich Whuon ein. »Du hättest dieses Amt doch annehmen können. Und dem Helden, der Ghools Feldherrn erschlug, wären ganz gewiss auch alle gefolgt.«

Aber Arvan schüttelte den Kopf. »Ich hatte gute Gründe, das nicht zu tun«, erklärte er. »Kann sein, dass die Krieger mir gefolgt wären. Aber die Könige hätten mir den Ruhm nur noch viel mehr geneidet. Oder sie hätten einen dummen Jüngling in mir gesehen, der leicht zu manipulieren ist.«

»Du hast eine Gelegenheit verpasst«, glaubte Whuon. »Aber jeder muss seine Entscheidungen selbst treffen und anschließend für die Folgen geradestehen. Jedenfalls finde ich die Tatsache, dass noch immer kein Hochkönig ausgerufen wurde, bedenklicher als den Gedanken, dass ein siebzehnjähriger Junge das Heer geführt hätte.«

»Lass nur, Whuon«, sagte Zalea sehr bestimmt. »Ich glaube, Arvans größte Stunden werden noch schlagen.«

Whuon schloss sein Wams und lachte rau, während Zalea bereits auf den Einstieg zu der Treppe zuging, die hinabführte. »Die hält aber große Stücke auf dich, wenn sie glaubt, dass du noch größere Taten vollbringen könntest, als den siebenarmigen Riesen zu erschlagen!«

Die Zusammenkunft fand in einem hohen, großzügig eingerichteten Raum statt, der Prinz Eandorn während seines Aufenthaltes in Gaa als standesgemäßes Quartier zugeteilt worden war. Die Burg von Gaa kam diesbezüglich schon an ihre Grenzen, nachdem sich nach der Schlacht auf der Anhöhe der drei Länder auch der Waldkönig und die Herrscher von Beiderland, Ambalor und Bagorien mit ihrem zum Teil vielköpfigen adeligen Gefolge hier einquartiert hatten. Und da man jederzeit die Ankunft des Königs von Dalanor mit seinen Truppen erwartete, hatte sogar der Statthalter von Gaanien bereits seine Privatgemächer für die zahlreichen Gäste geräumt.

Arvan und seine Gefährten hatten natürlich – trotz des Ruhms, den er inzwischen errungen hatte – mit deutlich kleineren und bescheideneren Quartieren vorliebnehmen müssen. Aber da die immer noch um einiges großzügiger waren als die Behausungen auf den Wohnbäumen der Halblinge, die Arvan aus seinem bisherigen Leben gewohnt war, wäre er niemals auf den Gedanken gekommen, sich darüber zu beklagen.

Als Arvan, Zalea und Whuon eintrafen, hatten sich bereits alle anderen Gefährten aus der bunt zusammengewürfelten Gruppe versammelt, die sich aufgemacht hatte, um ein Bündnis gegen die Macht des Schicksalsverderbers zu schmieden und dem Bösen zu begegnen. Lirandil, der elbische Fährtensucher, dessen außerordentliches diplomatisches Geschick dafür gesorgt hatte, dass überhaupt ein schwacher Bund zustande gekommen war, wirkte sehr ernst. Er unterhielt sich mit dem elbischen Thronfolger Prinz Eandorn in der Sprache ihres Volkes, als Arvan den Raum betrat. Die beiden Halblinge Borro und Neldo wirkten ziemlich ungeduldig. Und dem besorgten Gesicht nach, das der rothaarige Borro machte, während er sich auf seinen Bogen stützte, ließ Arvan vermuten, dass es schlechte Nachrichten gab und die beiden davon zumindest schon einen Teil gehört hatten. Links von ihnen befand sich Brogandas, Gesandter der Dunkelalben von Albanoy. Die eingebrannten Runen, die nahezu seinen gesamten, vollkommen haarlosen Kopf bedeckten, schienen ihre Form leicht zu verändern. Ein Zeichen, das Arvan noch mehr beunruhigte als Borros Gesichtsausdruck. Brogandas’ Blick traf Arvan, durchdrang ihn förmlich. Wenn sich die Runen in seinem Gesicht verändern, ist Magie im Spiel, wusste Arvan. Finstere Dunkelalbenmagie Während des Weges, den sie gemeinsam zurückgelegt hatten, waren sie durch diese Magie einmal mit knapper Not gerettet worden. Auf welche Gefahr bereitet er sich vor? Welche Bedrohung spürt er?, ging es Arvan durch den Kopf.

Je mehr du das herauszufinden versuchst, desto mehr wird er seinen Geist verschließen, erreichte ihn die Gedankenstimme Lirandils, mit der der elbische Fährtensucher manchmal mit ihm in Verbindung zu treten pflegte, seit dieser für kurze Zeit seinen Geist mit dem Arvans verschmolzen hatte. Also versuch es gar nicht erst!

Manchmal war sich Arvan nicht sicher, ob er tatsächlich Lirandils Gedanken wahrnahm oder ob es sich nur um eine Widerspiegelung seiner eigenen handelte, die er in seinem inneren Gehör mit Lirandils Stimme versah und sie ihm dadurch gewissermaßen in den Mund legte. Aber in diesem Fall war Arvan sicher.

Zwei elbische Krieger aus Prinz Eandorns Gefolge standen an der Eingangstür zu dessen Gemächern. Eandorn wies sie auf Elbisch an, sich draußen zu postieren.

»Ich habe euch alle hier zusammengerufen, weil es Neuigkeiten gibt. Neuigkeiten, die uns beunruhigen sollten. Zwar ist der König des Dalanorischen Reiches mit einem Kontingent seiner Krieger hierher unterwegs, und inzwischen erreichen täglich beiderländische Ritter diese Festung. Aber erstens können dadurch die Verluste aus der Schlacht auf der Anhöhe der drei Länder kaum ausgeglichen werden, und zweitens erhielt ich gerade die Nachricht, dass die Orks die Burg Sy im Norden von Rasal dem Erdboden gleichgemacht haben.«

»Das bedeutet, dass Ghool jetzt nahezu ganz Rasal bis zum Grenzfluss nach Pandanor kontrolliert«, stellte Brogandas fest. Die Runen in seinem Gesicht hatten dabei wieder ihre alte Form angenommen.

Lirandil nickte. »Abgesehen von den eingeschlossenen Küstenstädten, die aber gewiss fallen werden, sobald Ghool eine weitere Angriffswelle befiehlt.«

»Was ist mit dem Widerstand der Orks des West-Orkreichs?«, fragte Brogandas.

»Der dürfte schon seit Längerem vollkommen gebrochen sein«, sagte Lirandil. »Wirklich schlimm ist, dass Ghools Schergen inzwischen überall zwischen der rasalischen Küste und dem Langen See zu finden sind. Nichts und niemand ist vor den dort eingesickerten Orkhorden sicher. Und gleichzeitig gibt es Berichte darüber, dass Ghool ein weiteres großes Heer aus Orks und Dämonenwesen sammelt.«

»Die Lage war schon vorher beunruhigend, aber ich sehe nicht, was sich substanziell verändert haben sollte«, meinte Brogandas.

Eandorn und Lirandil wechselten einen kurzen Blick, so als hätten sie sich bereits untereinander verständigt und es bliebe nur ein Rest von Zweifeln, ob sie den Dunkelalben in ihre Kenntnisse einbeziehen sollten. Inwieweit man Brogandas wirklich trauen konnte, war nie vollkommen klar geworden. Andererseits hatte er ihnen allen das Leben gerettet, als er sie mithilfe seiner finsteren Dunkelalbenmagie in die unwirtliche Mark des Zwielichts versetzte, bevor sie von den geheimnisvollen Vogelreitern niedergemacht werden konnten, die Ghool ausgesandt hatte, um zu verhindern, dass sie das Elbenreich erreichten. Die Magie der Elben wurde zwar seit vielen Zeitaltern immer schwächer, war aber noch immer mächtig genug, um in diesem Krieg ein entscheidender Faktor zu sein. Und so war es von allergrößter Bedeutung gewesen, die Elben aus ihrer Lethargie zu reißen und zum Eingreifen zu bewegen.

Wenn Brogandas unsere Mission nur hätte sabotieren wollen, wäre das sicher ein guter Moment dafür gewesen, dachte Arvan. Also gab es eigentlich keinen Grund, ihm mit Misstrauen zu begegnen. Andererseits hatten sich die Mächtigen von Khemrand, die das Reich der Dunkelalben von Albanoy beherrschten, noch immer nicht entschieden, ob sie überhaupt in diesen Konflikt eingreifen wollten und, wenn ja, auf welcher Seite. Und Ähnliches galt für die Magier von Thuvasien, die weit im Norden ein gewaltiges Heer aufstellten, von dem noch niemand wusste, gegen wen es sich dereinst wenden würde. Dass auch das unter dem Seegrund des Zwergischen Meers liegende Reich des Zwergenkönigs Grabaldin noch immer abwartete, wie sich die Waage der widerstreitenden Kräfte neigen würde, um sich dann auf der Seite der Sieger positionieren zu können, war dagegen ein vergleichsweise geringfügiges Problem.

»So wie ich das sehe, wird sich Ghool sehr gut überlegen, noch einmal eine so geballte Streitmacht zusammenzuziehen und damit die Entscheidung in offener Feldschlacht zu suchen«, glaubte Brogandas. »Er weiß jetzt, dass er die Magie der Elben fürchten muss.«

»Das muss er nicht«, sagte Eandorn ernst und kam damit offenbar zum Kern des Problems.

Die Runen in Brogandas’ Gesicht veränderten sich, und Arvan vermutete, dass das in diesem Augenblick vielleicht einfach ein Zeichen seiner Verwirrung war. »Das verstehe ich nicht! Die vereinten Kräfte Eurer Magier und Schamanen haben zum ersten Mal seit vielen Zeitaltern Riboldirs Zauber angewandt. Sie könnten das jederzeit wieder tun und Ghools Horden unter einem Regen aus Gesteins- und Felsbrocken begraben. Das Elbengebirge dürfte noch lange nicht abgetragen sein, und falls diese Gefahr doch bestehen sollte, gibt es sicher noch andere Gebirge, von denen man Felsbrocken in die Luft aufsteigen und über dem feindlichen Heer fallen lassen könnte!«

»Ihr habt keine Vorstellung davon, welche Anstrengung es unsere Magier und Schamanen gekostet hat, diesen Zauber seit so langer Zeit wieder anzuwenden«, erklärte Eandorn. »Es ist fraglich, wann sie dazu in der Lage wären, dies ein zweites Mal zu tun. Aber es ist auch fraglich, ob die Elbenheit bereit wäre, überhaupt noch einmal einzugreifen.«

»Habt Ihr etwa neue Nachrichten aus dem Elbenreich erhalten?«, fragte Arvan.

Der mit seinen nicht einmal 500 Jahren für elbische Verhältnisse noch recht junge Thronfolger wandte den Kopf in Arvans Richtung. »Elben, die sich sehr nahestehen, sind manchmal auch über weite Entfernungen hinweg miteinander in mehr oder weniger starker geistiger Verbindung«, erklärte er. »Und so vieles mich auch von meinem Vater König Péandir trennen mag – was unsere Ansichten über die Zukunft der Elbenheit betrifft, stehen wir uns zweifellos sehr nahe. Ich weiß, was seine Gedanken beherrscht. Er glaubt, dass die Gefahr fürs Erste abgewendet ist und es keine Notwendigkeit gibt, noch einmal einzugreifen. Ghool wurde ja schließlich vor vielen Zeitaltern schon einmal besiegt, als die Elben unter König Elbanador an der Seite der Ersten Götter gegen sie in die Schlacht am Berg Tablanor zogen. Selbst für die Begriffe der Elben ist seit damals unvorstellbar viel Zeit vergangen, und offenbar hat der Gedanke sich verbreitet, dass man auch diesmal wieder Äonen Zeit hätte, bevor man Ghool ein weiteres Mal in die Schranken weisen müsste.«

»Aber das ist doch ein offensichtlicher Irrtum!«, entfuhr es Arvan. »Wie kann es sein, dass die angeblich so weisen Elben so töricht sein können?«

»Eine Mischung aus der Erkenntnis ihrer zunehmenden Schwäche und dem seit Langem grassierenden Desinteresse an allem, was jenseits der Grenzen ihres Reiches geschieht«, gab Eandorn bereitwillig zur Antwort. »Mein Vater hält zwar die Menschen nicht für eine Legende, wie es nicht wenige aus unserem Volk tun, die oft jahrtausendelang kaum aus der unmittelbaren Umgebung ihrer Burgen herausgekommen sind, aber im Prinzip ist er der Mehrheit seines Volkes sehr ähnlich.«

»Dann werdet Ihr ein schweres Erbe antreten, wenn Ihr einst sein Nachfolger werden solltet, Prinz Eandorn«, glaubte Arvan.

Eandorn schien das ähnlich zu beurteilen. Er nickte leicht. »Vor unserer Abreise hat Brass Elimbor mir ein Geheimnis verraten. Ich musste es hüten bis zu diesem Zeitpunkt, da ich spüre, wie sich das Blatt wendet und dass wir uns in Zukunft nicht darauf verlassen können, dass mein Volk tatsächlich auf der Seite des Bündnisses gegen Ghool stehen wird.«

Vor Arvans innerem Auge erschien das Gesicht des uralten obersten Schamanen der Elben. Er war so unvorstellbar alt, dass selbst langlebige, nahezu unsterbliche Elben Mühe hatten, sich die Länge dieses Lebens wirklich vorzustellen. Brass Elimbor hatte schon gelebt, als der legendäre Erste Elbenkönig Elbanador auf Seiten der Ersten Götter am Berg Tablanor in die Schlacht gegen Ghool gezogen war. Und so war es nicht verwunderlich, dass gerade ihm das volle Ausmaß der Bedrohung bewusst war. Nach Kräften hatte er deshalb versucht, König Péandir und dessen Thronrat dahingehend zu beeinflussen, dass sie ihr Gewicht in diesem Konflikt zu Gunsten des Bündnisses in die Waagschale warfen. Es lag auf der Hand, dass ohne Brass Elimbors Einfluss die Magier und Schamanen der Elbenheit wohl niemals Riboldirs Zauber angewandt hätten und die Schlacht auf der Anhöhe der drei Länder ganz gewiss einen anderen Ausgang genommen hätte. Arvans Heldentat allein hätte die Wende nicht bewirken können.

Prinz Eandorn machte eine bedeutungsvolle Pause.

»Brass Elimbor eröffnete mir, auf welche Weise unser Erster König seinerzeit die Schlacht zwischen Ghool und den Ersten Göttern entschied«, erklärte Eandorn. »Er sagte, dass Elbanador damals eine Art von Magie angewandt habe, die wir Elben ablehnen. Eine dunkle Kraft, gegen die selbst die schwarze und von uns abgelehnte Magie der Dunkelalben sich ausnimmt wie ein schwaches Lüftchen gegen einen ausgewachsenen Sturm.«

»Sieh an«, sagte Brogandas. »Um ehrlich zu sein, gab es immer schon Gerüchte und Legenden darüber, dass es keineswegs nur Elbanadors Heldenmut war, der die Schlacht entschied.« Der Spott, der in den Worten des Dunkelalben mitschwang, war nicht zu überhören.

Eandorn wandte sich Brogandas zu und erklärte: »Ich würde Elbanadors Vorgehensweise keinesfalls mit dem vergleichen, was ihr Dunkelalben getan habt. Elbanador hat sich ein einziges Mal einer verbotenen Art von Magie bedient, weil er wusste, dass er nur so die böse Kraft Ghools wirksam bekämpfen konnte. Ihr Dunkelalben aber habt euch den verschiedenen Arten von finsteren Kräften verschrieben und seid längst zu Sklaven der Mächte geworden, die zu rufen euch zur üblen Gewohnheit und später zur Sucht wurde.«

Brogandas verzog das Gesicht. »Und doch bemüht man sich nach wie vor darum, uns Dunkelalben als Verbündete zu gewinnen, damit wir unsere Magie gegen Ghool einsetzen!« Er machte eine wegwerfende Handbewegung, und einige der Runen, mit denen sein haarloser Kopf bedeckt war, veränderten sich und bildeten dornenartige, spitze bis scharfkantige Formen aus, die sich fortsetzten und ineinander zu verschlingen begannen, sodass sie schließlich ein feines Muster bildeten. »Wie auch immer, das Elbenvolk neigte ja wohl schon immer dazu, mit zweierlei Maß zu messen.«

»Hätte ich nur früher davon erfahren, dass es offenbar eine Waffe gegen Ghool gibt!«, stieß Lirandil hervor.

»Ich habe Brass Elimbor schwören müssen, so lange zu schweigen, wie es Alternativen zum Einsatz dieser Art von Magie gab«, erklärte Eandorn. »Und diese Alternativen gab es, solange die Magier und Schamanen der Elbenheit bereit waren, ihre Kräfte zu vereinen und sie gegen Ghool einzusetzen. Aber nun hat sich die Lage geändert. Ich spüre immer deutlicher, dass mein Vater nicht die Neigung hat, diesen Einsatz zu wiederholen. Und außerdem ist es auch fraglich, ob ein nochmaliger Einsatz von Riboldirs Zauber überhaupt einen durchschlagenden Erfolg hätte – selbst unter der Voraussetzung, dass unsere Magier und Schamanen dafür wieder genug Kraft gesammelt hätten. Außerdem weiß niemand, wie schnell das selbst im besten Fall geschehen könnte.«

»Worin besteht diese Waffe nun eigentlich, wenn ich mal fragen darf?«, meldete sich nun der für seine Vorwitzigkeit berüchtigte Borro zu Wort. Sowohl von Lirandil als auch von Brogandas wurde er dafür mit einem tadelnden Blick bedacht. Beide schienen wohl zu empfinden, dass es ihm nicht zustand, diese Frage zu stellen, sondern dass es seinem Stand, seinem Alter und seiner Position innerhalb ihrer Gefährtenschaft entsprochen hätte, geduldig zu warten, bis diese Frage geklärt würde.

Aber um solcherlei Empfindlichkeiten seiner Mitgeschöpfe pflegte sich Borro in der Regel nicht zu kümmern.

Whuon grinste verhalten. Der Söldner und Schwertkämpfer pflegte ebenfalls kein Blatt vor den Mund zu nehmen und stets geradeheraus seine Meinung zu sagen. Und dabei war es ihm ziemlich gleichgültig, ob er damit irgendwelche Konventionen verletzte oder jemand sich beleidigt fühlte.

»Welcher Art die Magie war, die König Elbanador einst anwandte, weiß ich nicht«, sagte Eandorn. »Brass Elimbor hat seinerzeit schwören müssen, darüber zu schweigen, und er fühlt sich anscheinend bis heute an diesen Schwur gebunden. Aber er verriet mir, wo das Geheimnis zu finden ist. Elbanador hat all das verbotene Wissen, das ihm damals zur Verfügung stand, niedergeschrieben. Diese Schriften wären beinahe vernichtet worden, als innerhalb der Magiergilde der Elben Kräfte die Oberhand gewannen, die jegliche Spuren schwarzer Magie tilgen wollten. Damals übergab Brass Elimbor diese Schriften an den Magier Asanil, der sich sowohl mit der gesamten Magierschaft des Elbenreichs als auch im Besonderen mit meinem Vater völlig zerstritten hatte.«

»Ich kenne Asanil gut«, sagte Lirandil. »Asanil zog es vor, im Exil unter den Menschen zu leben, weil seine magischen Erfindungen im Elbenreich als unelbisch abgelehnt wurden. Er ließ sich sogar einen langen Bart wachsen, um sich von seinesgleichen zu unterscheiden und seiner Empörung über die Ignoranz der Elbenheit Ausdruck zu verleihen. Zuletzt war ich vor gut dreieinhalb Jahrhunderten zu Gast in dem Turm, in dem er bis dahin lebte und an dem er sein magisches Himmelsschiff anlegte. Danach brach er zu einer langen, auf tausend Jahre angelegten Reise mit dem Himmelsschiff auf, auf der er unter anderem die vergessenen Länder der Meeresherrscher von Relian jenseits der Kochenden See erforschen wollte, zu der vor langer Zeit die Verbindung abriss.«

»Aber sein Turm wird doch gewiss noch dort zu finden sein, wo er ihn einst errichtete!«

»Eine ganze Stadt hat sich in den letzten Jahrhunderten um diesen Turm gebildet, werter Eandorn! Asanilon nennt man sie, die Stadt am Asanil-Turm. Niemand, der sich der Küste Transsydiens nähert, kann diesen Ort übersehen! Asanilon ist eine der größten Städte Athranors – nur übertroffen von Carabor und der beiderländischen Königsresidenz Aladar! Und der Turm dient als weithin sichtbares Leuchtfeuer für die Schiffe!«

Eandorn lächelte verhalten. »Wie es scheint, ist man bei uns im Elbenreich tatsächlich kaum informiert über die Dinge, die sich in den Reichen der Menschen getan haben, denn ich höre den Namen Asanilon zum ersten Mal.«

»Jedenfalls steht der Turm an seinem Ort – verschlossen und angefüllt mit einer der größten magischen Bibliotheken, die es außerhalb des Elbenreichs geben dürfte«, erklärte Lirandil. »Es ist eine wirklich einzigartige Sammlung, in der ich immer gern gestöbert habe, solange das noch möglich war.«

»Dann müssten sich die Schriften des ersten Elbenkönigs darunter befinden, sofern Asanil sie nicht auf seine Reise mitgenommen hat!«, schloss Prinz Eandorn.

»Dafür gäbe es keinen vernünftigen Grund«, erklärte Lirandil. »Zumal Asanil ja auch seine eigenen magischen Schriften dort zurückließ und den Turm magisch versiegelte.« Lirandil machte einen Schritt nach vorn. Die rechte Hand des Elbenkriegers umfasste den Griff des langen, schmalen Schwertes aus Elbenstahl an seiner Seite. Der Blick seiner grauen Augen schien in die Ferne gerichtet, und man hatte den Eindruck, dass er sich ein paar Augenblicke lang in seinen Gedanken verlor.

»Nun, seid Ihr in der Lage, diese Versiegelung zu lösen, Lirandil?«, fragte Eandorn.

»Ich bin mir nicht sicher«, sagte der Fährtensucher. »Und da Asanil manchmal nicht davor zurückschreckte, auch verbotene magische Praktiken anzuwenden, werden wir vielleicht auf die Hilfe eines fernen Verwandten angewiesen sein.« Während er das sagte, traf Lirandils Blick auf Brogandas.

Arvan war schon zuvor aufgefallen, dass der Dunkelalb aus irgendeinem Grund abgelenkt war. Seine Nasenflügel bewegten sich leicht, wie bei einem Tier, das Witterung aufnahm. Die Runen in seinem Gesicht waren einer fortwährenden Veränderung unterworfen, und sein Blick wanderte ruhelos umher, so als würde er nach etwas suchen. Was ist es, das er da spürt?, ging es Arvan durch den Kopf.

»Dunkelalben gelten als Meister magischer Versiegelung – und ihrer Auflösung«, sagte Lirandil. »Ich nehme doch an, dass wir auf Eure Unterstützung zählen können, Brogandas?«

»Gewiss!«, zischte der Dunkelalb aus Batagia. Doch es war überdeutlich, dass seine Aufmerksamkeit etwas anderem galt.

»Was beunruhigt Euch, Brogandas?«, stellte Lirandil nun jene Frage, die Arvan schon länger auf den Nägeln brannte.

»Nichts …«, murmelte Brogandas. Er wandte noch einmal suchend den Blick, dann schüttelte er den Kopf und fuhr fort: »Ich hatte geglaubt, eine bestimmte Art magischer Kraftlinien zu spüren, aber diese Empfindung war nur sehr schwach.«

»Könnt Ihr diese Empfindung genauer beschreiben«, fragte Lirandil stirnrunzelnd.

»Nein. Es tut mir leid, aber ich bin selbst sehr verwirrt darüber. Und daher ist es mir nicht möglich, mich genauer dazu zu äußern. Es war nur … ein flüchtiger Eindruck.« Ein Ruck ging durch Brogandas’ schlanke, hoch aufragende Gestalt. Sein Gesicht zeigte nun ein breites Lächeln. »Was die magische Verschlüsselung dieses Turms angeht, so stehe ich Euch natürlich gern mit Rat und Tat zur Seite.«

Es amüsiert ihn offenbar, dass Elben auf die Hilfe eines Dunkelalben angewiesen sind, erkannte Arvan. Aber das ist wohl angesichts der äonenalten wechselvollen Geschichte dieser beiden so nah verwandten Völker zu verstehen. Eine Geschichte immerhin, die einen gemeinsamen Ursprung hatte, bevor sie sich beide auf getrennten Wegen weiterentwickelten.

»Ich hatte Lirandil angeboten, Euch mit meinem Gefolge zum Turm des Asanil zu bringen, aber er hat mir deutlich gemacht, dass gewichtige Gründe dagegen sprechen. Gründe, die mich überzeugt haben.« Prinz Eandorn neigte leicht das Haupt und bedeutete damit Lirandil, dass es an ihm sei, diese Gründe vorzutragen.

»Wenn wir gemeinsam mit dem Thronfolger des Elbenreichs zum Asanil-Turm reisen, dann würde das großes Aufsehen erregen. Überall gibt es Spione Ghools, und davon abgesehen hat er auch magische Mittel, um jederzeit darüber informiert zu sein, was sich auf Seiten seiner Gegner tut. Er darf aber hinsichtlich unseres Plans nicht zu früh Verdacht schöpfen. Noch wissen wir ja gar nicht, ob uns die Magie des Ersten Elbenkönigs überhaupt helfen könnte. Schließlich haben sich die Zeiten seit den Tagen von König Elbanador geändert. Nicht einmal Ghool selbst dürfte noch derselbe sein, der er damals war.«

»Dann ist es letztlich nicht mehr als eine vage Hoffnung?«, fragte Borro.

»Eine vage Hoffnung ist immer der Beginn der Veränderung«, sagte Lirandil. »Und diese Hoffnung ist durchaus mehr als nur vage.«

»Lirandil hat mich außerdem davon überzeugt, dass ich ohne Verzug an den Hof meines Vaters am Elbenfjord zurückkehren muss. Sonst besteht vielleicht schon bald keine Aussicht mehr darauf, dass das Elbenreich Teil des Bündnisses gegen Ghool bleibt. Ich werde meinen ganzen Einfluss und meine ganze Überzeugungskraft einsetzen müssen, um meinen Vater und den Thronrat auf unserer Seite zu halten.«