2012 überarbeitet und aktualisiert von Jerome Tuccille

2016 ins Deutsche übersetzt von Cornelia Kähler

Coverzeichnung von Jacek Wilk

ISBN: 978-3-9395-6254-2

© 2016

Lichtschlag Buchverlag

Natalia Lichtschlag Buchverlag und Büroservice

Malvenweg 24

41516 Grevenbroich

Inhaltsverzeichnis

Vorwort des Autors

Diese Ausgabe von „It Usually Begins With Ayn Rand“ enthält weitgehend den Text der Originalausgabe — überarbeitet und dem modernen Sprachstil angepasst — sowie neue Kapitel über Ereignisse, die sich nach der Erstveröffentlichung des Buches zutrugen. In dem neuen Material geht es unter anderem um meinen Wahlkampf um das Amt des Gouverneurs des Staates New York als Kandidat der Free Libertarian Party, eine Diskussion der Ereignisse, die nach dieser geistig umnachteten Kampagne in die politische Szene Amerikas durchsickerte, sowie Überlegungen zu meinen derzeitigen politischen und spirituellen Erkenntnissen. Der dauerhafte Erfolg von „It Usually Begins With Ayn Rand“ hat niemanden mehr überrascht als mich. Der Verkauf begann schleppend und zog dann mit der Zeit an, bis das Buch schließlich zu einem Untergrundklassiker mit einer im Laufe der Jahrzehnte stetig zunehmenden Leserschaft wurde. „It Usually Begins With Ayn Rand“ ist als politischer Memoirenband zu verstehen - die Betrachtung einer politischen Bewegung aus erster Hand, überwiegend sachlich, jedoch mit fiktiven Elementen und bewusster Übertreibung um des Effekts willen. Ein Rezensent sagte einmal, die meisten Memoiren seien weder Fact noch Fiction, sondern die Wahrheit in der Form, in der der Autor sie in Erinnerung hat. Das gilt auch für „It Usually Begins With Ayn Rand“.

Teil Eins: Überblick

1: Die Traumtänzer

Meist beginnt es mit Ayn Rand.

Der junge Kreuzritter auf der Suche nach seinem ganz persönlichen Anliegen macht sich auf in die Welt von „Der ewige Quell“ (englischer Originaltitel: „The Fountainhead“) oder „Atlas wirft die Welt ab“ (seit 2012: „Der Streik“, englischer Originaltitel: „Atlas Shrugged“) so, als betrete er erstmals die Sphäre unerhörter sexueller Genüsse. Er war gewarnt worden. Du brauchst nicht weiter zu forschen. Die Suche ist zu Ende. Hier steht die ganze Wahrheit, nach der du Ausschau gehalten hattest, auf den dicht beschriebenen Seiten zweier gigantischer Romane.

Er tritt ein, zunächst vorsichtig, vielleicht sogar skeptisch, doch es dauert nicht lange, bis er von der wilden Prosa der Autorin und den heldenhaften Aktivitäten ihrer Charaktere mitgerissen wird. Da ist die Journalistin Dominique Francon, entschlossen, ihren Lebensgefährten zu vernichten, bevor ihn die Altruisten in die Finger bekommen können; der Architekt Howard Roark, der Wolkenkratzer entwirft und öffentliche Wohnungsbauprojekte sprengt; John Galt, der Held par excellence, der sein anarchistisches Utopia mitten in den Rocky Mountains baut; die schöne und mutige Dagny Taggart, die in einem wallenden Abendkleid davonläuft, um ihre Eisenbahnlinien vor dem Untergang zu retten; der Anarchist Ragnar Danneskjöld, der auf offener See Entwicklungshilfeschiffe in die Luft jagt.

Die Titel von Rands Sachbüchern geben gute Hinweise auf die Grundprinzipien ihrer Philosophie: „The Virtue of Selfishness“ (deutscher Titel: „Ethischer Egoismus und libertäre Rechte“); „Capitalism: The Unknown Ideal“; später noch: „The Romantic Manifesto“. Ayn Rand war nicht die erste, die für Individualismus und wirtschaftliches Laissez-faire eintrat, aber sie zwar zweifellos die erste, die den Egoismus auf die Ebene einer absoluten philosophischen Kategorie erhob. Rand genügte es einfach nicht, an die individuelle Freiheit und die Wirksamkeit des freien Marktes zu glauben; notwendig war für sie ein richtiges Verständnis der Tatsache, dass der Altruismus die Ursache allen Übels ist, das jemals auf der Erde existiert hat, und dass der Egoismus (weniger arrogant übersetzt mit „rationales Eigeninteresse“) die einzig richtige Motivation für alles menschliche Verhalten ist. Alle Formen des Altruismus — einschließlich ehrenamtlicher Gemeinschaften und sogar privater Wohltätigkeit — werden als von Natur aus böse betrachtet, denn sie führen letztlich zu einer altruistischen politischen Ordnung: Kommunismus, Wohlfahrtsstaat, Regierungen mit dem Ziel, kollektive Gleichmacherei zu schützen.

Daher ist der unregulierte Kapitalismus für Rand und ihre Anhänger viel mehr als nur ein effizientes Wirtschaftssystem. Er ist ein moralisches Absolutum und der Eckpfeiler der Randschen Ethik, deren Grundlage nicht bloßer Voluntarismus, sondern Egoismus in allen Bereichen menschlichen Handelns ist. Hat man das verstanden, ist leichter zu erkennen, warum das Dollar-Zeichen von den Randianern mit der gleichen Inbrunst verehrt wird, die bei Christen dem Kreuz vorbehalten ist, bei Juden dem Davidstern, bei Moslems dem Halbmond und in der amerikanischen Mittelschicht der amerikanischen Flagge.

Alles recht berauschend, dieses Zeug, wenn man es dem beeinflussbarem jungen Geist in massiven Dosen alles auf einmal verabreicht. Besonders spricht es diejenigen an, die gerade dabei sind, einem reglementierten religiösen Hintergrund zu entkommen — vor allem junge Juden und abtrünnige Katholiken, reif für die Konvertierung in eine bestimmte Form des Religionsersatzes, um das Vakuum zu füllen. Die bröckelnden Mauern des doktrinären Katholizismus oder des eisenharten Judentums lassen dich mit einem Gefühl der Verletzlichkeit zurück. Deine Schutzhülle bekommt Risse. Du bist allmählich immer stärker der großen agnostischen Welt da draußen ausgesetzt, vor der dich die Priester und Brüder und Rabbis seit deinem fünften Lebensjahr gewarnt haben. Dir wird bewusst, dass du nicht wieder zurückkehren kannst, aber wohin kannst du sonst gehen?

Und dann entdeckst du Galts Tal am Schluss von „Der Streik“ und du weißt, von nun an wird alles für immer gut werden. Die Welt ist noch intakt und du auch.

Du bist ein gläubiger Objektivist geworden.

Nach acht Jahren Grundschule bei den Nonnen, vier Jahren Vorbereitungsinternat bei den Jesuiten und vier weiteren Jahren bei den Christlichen Brüdern im College beendete ich meine formale Schulbildung mit einer ausgeprägten Abneigung allem Papistischen und Göttlichen gegenüber. Als Kämpfer, Bilderstürmer und mehr Libertin als Libertärer ging ich auf der Suche nach zu stürmenden Bildern auf die Arbeitswelt los. Man brauchte mir nur irgendetwas zu zeigen, was sich auf irgendeinem Gebiet seiner Sicherheit, seines Glücks oder Gewissheit rühmte, und — bumm! — schwang ich meinen Bilderstürmerstab, um es mit Karacho zu Fall zu bringen. Wenn es in der westlichen Hemisphäre überhaupt jemanden mit weniger Widerstand gegen den berauschenden Wein des Objektivismus gegeben hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass er oder sie damals lebte. Später stellte ich fest, dass es damals zu Anfang der 1960er Jahre unzählige andere wie mich gab, die bereit waren zum Großen Sprung — und die ihn tatsächlich vollzogen, mit leichtsinniger Unbekümmertheit. Einstweilen hielt ich mich für einzigartig, ein einsames mutiges Individuum, das nach jahrelangem Umherirren den Heiligen Gral gefunden hatte.

Der Objektivismus kann ein wunderbar attraktiver Religionsersatz für abtrünnige Juden und Katholiken aus der Mittelschicht sein, die sich ihm mit der gleichen Besessenheit zuwenden, die zuvor ihrer althergebrachten Religion vorbehalten war — und darüber hinaus für die Söhne und Töchter der alten amerikanischen WASPS, die mit der protestantischen Ethik harter Arbeit und wirtschaftlicher Unabhängigkeit aufgewachsen waren. Er ist eine geschlossene Gedankenwelt, mehr noch als der konservative Katholizismus, der bis Mitte der 1960er Jahre en vogue war. Selbst im doktrinärsten aller katholischen Erziehungssysteme gibt es einen bestimmten Spielraum für Flexibilität. Die Grenzen sind klar definiert, aber dir ist eine gewisse Zone der Abweichung vom Pfad der Tugend gestattet, bevor du die wilden Gestade der Ketzerei betrittst. In geringerem Maße gilt dasselbe für das Judentum.

Nicht jedoch unter der Vormundschaft von Ayn Rand.

Der Objektivismus ist ein unflexibles Pauschalangebot. Ayn Rand, die sich bis zu den 1950er Jahren einen festen Platz als radikale Individualistin, als kompromisslose Skandalreporterin und Freidenkerin geschaffen hatte, errichtete danach ein strenges System der Logik, das jeden nur vorstellbaren Bereich menschlichen Strebens umfasste. Wirtschaft, Politik, Psychologie, Kindererziehung, Sex, Literatur, sogar das Zigarettenrauchen — Rand hatte über alle diese Themen geschrieben und der Reihe nach ihre Ansichten zu jedem von ihnen verkündet. Was für eine Frau, die als Verfechterin des unabhängigen Geistes begonnen hatte, merkwürdig erscheint: Sie begann ihre eigenen Ideen als logische Konsequenz von Wahrheit und Objektivität anzusehen.

„Objektive Realität“ nannte Ayn Rand das.

„Moral“ war der Einklang mit der Ethik von Ayn Rand.

„Rationalität“ war ein Synonym für das Denken von Ayn Rand.

Mit den Ideen von Ayn Rand nicht übereinzustimmen, war qua definitionem irrational und unmoralisch. Eine zulässige Abweichung gab es in den Glaubenssätzen des Objektivismus nicht — der nach der Veröffentlichung von Rands großem philosophischem Roman „Der Streik“ im Jahre 1957 rasch zu einer Art neuem Marxismus der Rechten wurde. Eine Generation früher waren die gleichen Konvertiten, die sich nun als Herde dieser Hirtin anschlossen, ebenso enthusiastisch auf den marxistischen Zug aufgesprungen und mit ihm den steinigen Weg der 1930er Jahre hinuntergerast. So wie der Marxismus mit seinem Versprechen eines proletarischen Utopia für die Hoffnungen des Kreuzritters aus der Arbeiterschicht maßgeschneidert war, wirkte der Objektivismus und seine Ethik der wirtschaftlichen Unabhängigkeit und des Erfolgs ansteckend auf die Söhne und Töchter der Mittelschicht, die am Ende der Ära Eisenhower ihren Collegeabschluss machten. Die wasserdicht abgeschottete Struktur der Randschen Logik war in sich ebenso beschränkt wie die von Karl Marx, der von Rand als Ausbund an Unmoral und Verkommenheit verdammt wurde. Die Säuberungen, die während der gesamten 1960er Jahre im Nathaniel Branden Institute, dem Hauptquartier des Objektivismus, hinter den Kulissen stattfanden, waren eine rechte Neuauflage der Säuberungen in der Kommunistischen Partei in den 1930er Jahren. Und die Abweichung — noch heute der unanständigste Begriff im marxistischen Wörterbuch — wurde für die Anhänger des Objektivismus zur Todsünde.

Der dogmatische Charakter des Objektivismus wird nicht gleich bei der ersten Berührung mit ihm erkennbar. In der Rückschau wird uns deutlich, dass ziemlich viele Leute, die in den 1950er Jahren aufgewachsen waren, einen tiefen Widerwillen gegen den amerikanischen Status quo entwickelt hatten. Die demoralisierende Atmosphäre des „Corporate America“, wie sie von Charles Reich in „The Greening of America“ so wirkungsvoll analysiert wurde, war in den Jahren nach der Truman-Regierung auf unterbewusster Ebene bereits von vielen Menschen wahrgenommen worden. Es dauerte nicht lange bis zu der Erkenntnis, dass Eisenhower nicht etwa einen neuen und spannenden Kurs einschlug, der den Menschen mehr Kontrolle über die Institutionen gegeben hätte, die ihr Leben beherrschten, sondern kaum mehr tat, als unsere irre Schussfahrt in eine bürokratische Diktatur vorübergehend zu verlangsamen.

Etwas Grundsätzliches stimmte nicht mit Amerika. Es lag eine Stimmung in der Luft, eine Andeutung, dass wir keine Kontrolle mehr über Kräfte hatten, die uns immer schneller einem Ziel zutrieben, das noch niemand hatte definieren können. Der amerikanische Staat selbst war außer Kontrolle. Dieser riesige Apparat, den wir als Regierung kennengelernt hatten, schien eine unaufhaltsame Eigendynamik zu entwickeln und sich zugleich einer ganz eigenen bizarren technokratischen Intelligenz zu bedienen. Leute, die zehn Jahre zuvor eine dezidierte Meinung zu politischen und sozialen Fragen gehabt hatten, zuckten nun die Achseln, als wollten sie sagen: „Was nützt das schon?“ Es schien, als führe „die Regierung“ das Land mittels einer körperlosen Intelligenz, und selbst den Politikern gelangen kaum mehr als Versuche, von Zeit zu Zeit die Bremsen anzuziehen.

Die Welt war zu kompliziert geworden.

Es waren Kräfte in der Welt am Werk, von denen nicht zu erwarten war, dass der durchschnittliche Bürger sie verstand.

„Sie“ — diese nur verschwommen erkennbaren, geheimnisvollen Leute an den Schalthebeln — verfügten über mehr Informationen als „wir, das Volk“. „Sie“ würden uns schon sicher lotsen.

Es war beruhigend, eine gütige Vaterfigur — Dwight D. Eisenhower — am Ruder zu wissen. Er war ein guter Mann, ein gerechter und ehrlicher Mann: ein echter Amerikaner. Wir konnten ihm vertrauen, uns heil durch diese verwirrenden Zeiten zu bringen. Wir konnten — wir mussten — unsere Zukunft in seine Hände legen. Er war der Vater des amerikanischen Volkes. Er war das amerikanische Volk, um Himmels willen! Die Welt war plötzlich zu groß und zu kompliziert; das Vertrauen des Einzelnen in seine Fähigkeit, seine eigenen alltäglichen Angelegenheiten zu regeln, war auf Null geschrumpft.

Der Einzelne war eine Null, ein Winzling, eine Zahl in der riesigen Maschinerie des Corporate State. Wir lebten im Zeitalter gigantischer Bomben, gigantischer Nationen, Konzerne, Vereinigungen; gigantischer und undurchsichtiger politischer Probleme. Individualismus war in dieser Ära des Organisationsmenschen, des Mannes im grauen Flanellanzug, der Ausdehnung der Vorstädte und des Super-Highways etwas Altmodisches. In einer Ära der Gleichheit und Konformität erschien die Opferung des Individuums und seiner Idiosynkrasien zugunsten des starren Schemas dieses gigantischen amerikanischen Shopping Centers nur logisch. Niemand hatte vor, das Schiff ins Wanken zu bringen, Vater Eisenhower bei seiner gottgewollten Aufgabe, die amerikanische Nation in sicheres Fahrwasser zu steuern, ins Ruder zu greifen. Wer das tat, war ein „Commie“, ein „Roter“. Er war ein gottverdammter „unamerikanischer“ Mensch.

Und dann kam Ayn Rand.

Niemand setzte sich radikaler als sie in der Rhetorik ihrer Romane für die Autonomie und Überlegenheit des Individuums ein. Philosophisch gesehen, war sie eine verrückte und ausgeflippte Anarchistin, eine Bilderstürmerin, eine radikale Individualistin. Sie erschuf Romanhelden, die die Autorität des „Corporate America“ herausforderten, die gegen den Konformismus des amerikanischen Nationalstaats ankämpften, sich gegen ihn verschworen und seine Institutionen bombardierten und mit weithin hörbarem Krach zum Einsturz brachten.

Das machte die Anziehungskraft von Ayn Rand zu Beginn aus — ihr Anarchismus, ihr Individualismus, ihre revolutionäre Radikalität. Ayn Rand sagte: Zum Teufel mit dem Konformismus, zum Teufel mit der Gleichheit, zum Teufel mit Corporate America.

Ayn Rand sagte „Fuck you!“ zu Dwight David Eisenhower.

Bedauerlicherweise trug dann aber die Saat der Unnachgiebigkeit aus ihren Romanen Früchte. Diese Fürsprecherin des Individuums, der Schönheit und Vielfältigkeit des befreiten Geistes begann ihr eigenes Kartenhaus zu errichten. Sie entwickelte ein eigenes System einer auf bestimmte Zwecke und Bereiche beschränkten Logik, eine eigene Form einer Ersatzreligion, die alle Grundsätze negierte, die sie erst vor so kurzer Zeit in abstrakter Form aufgebaut hatte. Alle, die dem Objektivismus zugeströmt waren, weil er inmitten eines erstickenden Miasmas politischer und kultureller Stagnation frischen Wind versprach, sahen sich nun in eine intellektuelle Zwangsjacke anderer Art eingesperrt — was umso verwirrender war, als es unerwartet kam.

Der Lichtblick, der sich dem Einzelnen mit den Grundprinzipien des Ayn Randschen Objektivismus eröffnet hatte, wurde von seiner Schöpferin rasch wieder verdunkelt. Dass ihre Anhänger später in der Rückschau den „tragischen Fehler“ in ihrer Philosophie analysieren konnten, war nur ein schwacher Trost. Das war umso enttäuschender, als sie ihnen ja erstmals ein Bewusstsein für das vermittelt hatte, was sie gesucht hatten — und dann ihr eigenes Ideal durch Engstirnigkeit und lähmende Unbeweglichkeit zerstörte.

Ihr Protegé Nathaniel Branden war Rands Lieblingsjünger, seit er ihr Anfang der 1950er Jahre einen Fanbrief geschrieben hatte, nachdem er „Der ewige Quell“ zu dem „rationalsten Buch“ erklärt hatte, das er jemals gelesen hatte. Rand erkannte schnell die scharfsinnige Klarheit von Brandens Verstand.

Angesichts seiner offenkundigen Brillanz war es nur logisch, dass Rand ihm privaten Einzelunterricht in den Ansätzen des Objektivismus gewährte. Bis zum Erscheinen von „Der Streik“ im Jahr 1957 hatte Rand Branden in den zweitrationalsten Menschen der Welt verwandelt — nach ihr selbst natürlich. Rand gründete das Nathaniel Branden Institute zur Vermarktung ihrer Philosophie durch eine Reihe von 25 Vorträgen, die als Studienkurs jeweils im Frühjahr und im Herbst angeboten wurden. Jede Woche wurde der Eingeweihte zu einem Diskurs, meist von Branden in seinem seltsamen kanadisch-northumbrischen Singsang gehalten, über einen anderen Aspekt des Objektivismus geladen: objektivistische Epistemologie, die Natur von Vernunft und Wissen, objektivistische Moral, objektivistische Politik- und Wirtschaftswissenschaft, Objektivismus und Kunst, Objektivismus und Literatur, objektivistische Psychologie und sogar Sex aus objektivistischer Sicht.

Hier wurde man eingeführt in die berauschende Welt der „Second-Hand-Menschen“ (die von den Erfolgen anderer lebten), der „Traumtänzer“ (die an das Übernatürliche glaubten), der „Überlegenheitsschwärmer“ (die andere durch spirituelle oder physische Machtausübung führten) und Amerikas verfolgter Minderheit (erfolgreiche Geschäftsleute); man erfuhr etwas über A = A (etwas ist, was es ist), über Altruismus (Kollektivismus), Kollektivismus (Altruismus), den Kult der moralischen Graustufen (die Vorstellung, es gebe Abstufungen von Gut und Böse), Helden und Heldinnen (Individualisten in „Der ewige Quell“ und „Der Streik“), Verbrecher und Ganoven (Kollektivisten in „Der ewige Quell“ und „Der Streik“), Rationalisten (alle, die die Lehren von Ayn Rand und Nathaniel Branden nicht anzweifelten) und Degenerierte (diejenigen, die es taten).

Bis zum Umzug des Instituts in größere Räumlichkeiten im Empire State Building fand die Vortragsreihe im alten Hotel Sheraton-Atlantic an der 34. Straße Ecke Broadway in Manhattan statt. Die Studenten wurden zu Beginn darauf hingewiesen, dass es unmoralisch sei, sich als Objektivisten zu bezeichnen, solange sie nicht den Grundkurs mindestens zweimal und den Aufbaukurs mindestens einmal absolviert, das gesamte Oeuvre der Randschen Literatur gelesen und ihre völlige Übereinstimmung damit erklärt hatten. Sie wurden dann formell in die Senior-Gemeinschaft aufgenommen, den inneren Zirkel eines harten Kerns von unbeirrbaren „Individualisten“. Jeder andere war lediglich ein Student des Objektivismus, und wer nicht zur Gemeinschaft gehörte und sich als Objektivisten bezeichnete, wurde rasch als „Second-Hand-Mensch“ verurteilt — oder schlimmer noch als Traumtänzer.

Hatte sich der Student mit dieser Grundregel einverstanden erklärt, trat er in die spartanische Strenge des Vortragssaals ein, vor allem anderen entschlossen, sich als würdiger Kandidat für die Senior-Gemeinschaft zu erweisen. Jeder Kurs zog über 100 frische Beitrittsanwärter an, die allesamt davon überzeugt waren, dass das Gesetz der natürlichen Auslese sie an die Spitze des Haufens spülen würde. Man bemerkte kaum ein Lächeln oder Scherzen, wenn der neueste Schwung Novizen, allesamt gepflegte und manikürte Erscheinungen, an den Fotos von Rand und Branden im Vorraum (in dem studentische Mitarbeiter die Eintrittskarten genau kontrollierten, stets Ausschau haltend nach „Betrügern und Verbrechern“) entlang, vorbei an der deutlich sichtbar drapierten Reihe von Rands Büchern und der offiziell genehmigten prokapitalistischen, antikollektivistischen Literatur, in den großen Saal mit seinen in Reih und Glied aufgestellten Reihen unbequemer Metallstühle schritt.

Ein Lächeln gönnte man sich, wenn überhaupt, nur verstohlen, denn Humor galt im Handbuch des Objektivisten als unmoralisch und lebensfeindlich, eine Einrichtung, die erfunden worden war, um die Fähigkeit des Menschen zur Größe zu zerstören; außerdem herrschte generell wenig Freundschaft zwischen den Studenten, da sie sich alle als Konkurrenten im Rennen um die Anerkennung als vollwertige Objektivisten betrachteten. Die Aufnahme in die Senior-Gemeinschaft war in Wirklichkeit ein Armageddon für Atheisten, ein Gewinnspiel für kapitalistische Zeugen Jehovas, bei dem die Hauptpreise für syllogistische statt für spirituelle Vollkommenheit verliehen wurden. Da an der Spitze nur Platz für wenige Auserwählte war, wurde jeder Student praktisch zum Feind seines Nachbarn, und daher gab es sehr wenig zu lächeln.

Meine erste Reaktion auf all dies war Ehrfurcht, die staunende Ehrfurcht eines rechtgläubigen Konvertiten, der ich meinem atheistischen Kapitalismus nun ebenso ergeben war wie dem barocken Katholizismus der 1950er Jahre. Hier war man von einem veritablen Bataillon höherstehender menschlicher Wesen umgeben, Galt-ähnlich in ihren grimmig ausladenden Kiefern und der bohrenden Entschlossenheit in Augen, die niemals blinzelten. Hinzu kamen Heldinnen in Hülle und Fülle, viele mit Capes, die hinter ihnen her schwangen, wenn sie zu ihren Plätzen eilten, und auffällig glitzernden Broschen aus Dollar-Zeichen über dem Herzen, die Zigaretten aus langen Zigarettenspitzen rauchten wie Dagny in „Der Streik“.

Jesses Maria! Es war so einfach, sich eine von solchen Menschen bevölkerte Welt vorzustellen, rationalen und wirtschaftlich unabhängigen Individuen, die sämtlich ihr Leben nach dem Kodex der Objektivisten führten: „Ich schwöre — bei meinem Leben und meiner Liebe zu diesem Leben — dass ich niemals um eines anderen Menschen willen leben und keinen anderen Menschen bitten werde, um meinetwillen zu leben.“ Wenn Branden auf die Bühne trat — hochgewachsen, markant, das Haar in blonden Wellen über die Stirn fallend und mit Augen, die glitzerten wie blaues Eis — war die Szenerie vollständig. Nicht ein einziger Student im Saal war nicht bis in die tiefsten Winkel seines Seins davon überzeugt, dass die Tage der Kollektivisten — der Verbrecher und Ganoven und irrationalen Überlegenheitsschwärmer — gezählt waren.

Mit jedem weiteren Vortrag wurde mir bewusst, dass mein neues Credo Risse bekam. So sehr ich auch glauben wollte, dass das objektivistische Pauschalangebot alle Antworten in sich trug: Die Zweifel schlichen sich einer nach dem anderen ein, so dass mir keine andere Wahl blieb, als mich ihnen zu stellen, wie es mir mehrere Jahre zuvor auch mit dem Katholizismus ergangen war.

Ich konnte nicht einmal die Vorstellung im Ganzen schlucken, dass der Altruismus für alle Übel verantwortlich war, von denen die Welt Anfang der 1960er Jahre befallen war. Ich betrachtete die Frage als ein Problem individueller Freiheit gegenüber der staatlichen Autorität, und der Gedanke, dass monopolistische Staatsunternehmen, wirtschaftlicher und militärischer Imperialismus, Rassismus, Gewalt, Verbrechen, Entfremdung usw. allesamt ihre Wurzeln in einer altruistischen Ethik hätten, war selbst für die beeinflussbarste aller Geisteshaltungen eine Überforderung.

Meine zweite Gewissenskrise drehte sich um die Randsche Literaturtheorie. Für jemanden, dessen literarischer Geschmack einen weiten Bogen von Hemingway über Maugham, Fitzgerald, Steinbeck, Dürrenmatt, Cheever, Mailer, Salinger, Evelyn Waugh, Perelman und Vonnegut bis zuletzt zu den Naturalisten und Satirikern beschrieb, war es etwas schwierig, die Theorie zu akzeptieren, dass Naturalismus und Komödie unmoralisch und lebensfeindlich seien oder dass Mickey Spillane und Ian Fleming die größten lebenden Autoren in der Tradition des Romantizismus von Victor Hugo waren.

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war die objektivistische Sexualtheorie, eine ebenso strenge Form eines atheistischen Puritanismus wie bei den dogmatischsten Marxisten. Nach Rand war es die höchste Unmoral, wenn ein Mann und eine Frau miteinander ins Bett gehen, einfach weil ihnen die Pobacken des anderen gefallen. Fleischliche Wonnen waren den Jüngern nur gestattet, wenn sie intellektuell zueinander passten und die gleichen Werte, das gleiche Lebensgefühl, den gleichen Moralkodex hatten.

Rands Analyse, woran die Leute merken sollten, ob und wann sie intellektuell zueinander passten, wies einige seltsame Verdrehungen auf. Natürlich waren ausgedehnte philosophische Diskussionen außerordentlich zeitraubend und ablenkend, vor allem wenn es einen juckte, seine sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Keine Sorge! Rand bot den Studenten des Objektivismus eine Abkürzung an. Möchtegern-Bettgefährten mussten nicht unbedingt ausführlich die Psyche des anderen sondieren, um zu entscheiden, ob sie es zusammen tun konnten oder nicht. Wirklich rationale Menschen hatten die Fähigkeit, einander auf den ersten Blick zu erkennen. Die intellektuelle Kompatibilität des anderen war offenbar an der Form des Kinns oder dem direkten, selbstbewussten Funkeln seiner Augen zu erkennen. Rationale Männer und Frauen waren ausnahmslos schlanke, hochgewachsene Naturschönheiten mit dichtem welligem Haar, einem bohrenden Blick und einer starken, energischen Kinnpartie. Das stellte kleine, dickliche Individualisten vor Probleme, die den Augenkontakt für immer und ewig üben konnten, aber ihren Wuchs und ihren Knochenbau auch mit noch so viel Mühe nicht zu ändern vermochten. Nach alledem hätte man annehmen können, es sei die Krönung der Ekstase, auf den Stufen zur New Yorker Börse von einem philosophischen Erben von William Graham Sumner vergewaltigt zu werden.

Gegen Ende des fünfmonatigen Kurses hatte ich bereits begonnen, mich vom Randschen Pfad der Tugend zu lösen. Das Gefühl, das ich damals im Jahr 1959 empfunden hatte, als der Dekan des Manhattan College mich vor „beginnender Ketzerei“ warnte und dies mit der geschickt eingesetzten Bildersymbolik von brutzelndem Fleisch und finsteren Gruben untermauerte, begann erneut hochzusteigen.

Wie auch immer – es war auf jeden Fall zu spät, umzukehren. Die Zeit war gekommen, in andere Gefilde weiterzuziehen.

2: Der rationale Tänzer

Hinter allem stand die Suche nach dem libertären Ideal.

Oft wurden die Grundprinzipien des Libertarismus in unterschiedliche Lehrmeinungen der politischen Philosophie übersetzt — vom Radikallibertarismus oder Anarchismus bis zur konservativeren Palette des klassischen Liberalismus, in dem eine Regierung dem alleinigen Zweck dienen sollte, für die Landesverteidigung und ein Rechtssystem für ihre Bürger zu sorgen — und dennoch gab es bestimmte grundlegende Bereiche, in denen die radikalsten und die konservativsten Libertären Gemeinsamkeiten feststellten.

Ausgangspunkt für die Libertären war ein Misstrauen gegenüber einer Regierung in beliebiger Form, da sie davon überzeugt waren, dass alle Regierungen mit zunehmender Dauer ihres Bestehens dazu neigen, Macht anzuhäufen, und diese Macht zwangsläufig missbrauchen werden. Thomas Jefferson mahnte gleich zu Beginn des amerikanischen Regierungsexperiments, dass es in jeder Generation einer Revolution bedürfe, um die Freiheiten zu erhalten, für die er und unsere anderen Vorfahren gekämpft hatten. Vielleicht meinte er ja eine gewaltlose Revolution, aber das ist nicht sicher. Libertäre, die überhaupt irgendeine Regierung für erforderlich hielten, wünschten sich eine, die sich auf die Bewahrung des Friedens beschränkte, indem sie ihre Bürger vor inneren und äußeren Bedrohungen ihres Wohlergehens schützte. Die Funktionen der Regierung wären dann im wesentlichen auf den Betrieb des Militärs und die Aufrechterhaltung eines Rechtssystems beschränkt, das dem Vertragsrecht Geltung verschafft, das Privateigentum schützt und Menschen vor Betrug bewahrt. Libertäre Anarchisten wollten sogar diese Institutionen von privaten Wirtschaftsunternehmen betrieben sehen.

Im Idealfall stünde es in einer libertären Gesellschaft jedem frei, seine eigene Lebensweise zu wählen, Eigentum zu besitzen oder kein Eigentum zu besitzen, in einem freien Markt ohne Eingriffe durch andere ungehindert Handel zu treiben, solange dabei nicht die Rechte anderer verletzt werden. Sie wünschten sich eine Gesellschaft, in der alle Bürger frei von Zwang leben konnten, solange sie nicht Leib und Leben oder Eigentum anderer Menschen schädigten, sich nicht rufschädigend oder verleumderisch gegenüber anderen verhielten, andere nicht betrogen, keine Schadstoffe in der Umwelt verteilten und damit vermutlich das Recht anderer auf saubere Luft und sauberes Wasser verletzten und nicht gegen die Bestimmungen von Verträgen verstießen, die sie freiwillig geschlossen hatten.

Die Libertären glaubten an das absolute Recht zur Selbstverteidigung, einschließlich des Rechts, zum eigenen Schutz und zum Schutz ihres Eigentums friedlich Waffen zu tragen. Ihrer Überzeugung nach hatten die Menschen das Recht, ihre gesellschaftlichen Institutionen nach eigenem Gutdünken zu regeln — Bildungswesen, Wohnungsbau und die Gestaltung des Zusammenlebens, Schutz durch die Polizei, Brandschutz, Hygiene, Rechtsstaat, wirtschaftliche Entlastungs- und Wohlfahrtsprogramme und andere Systeme, die für eine zivilisierte Existenz erforderlich sind. Im IdeaIfall würden zur Finanzierung dieser Leistungen, sofern die Regierung sie erbrachte, Nutzungsgebühren berechnet, und die meisten radikalen Libertären standen generell jeder Art von Steuern ablehnend gegenüber. Libertäre, die sich als klassische Liberale bezeichneten und bereit waren, eine Regierung innerhalb strenger Grenzen zu tolerieren, bevorzugten ein vereinfachtes Steuersystem wie eine pauschale Einkommens- oder Umsatzsteuer.

Die Libertären lehnten auch die Wehrpflicht ab, da sie sie als die massivste Form der Sklaverei betrachteten, bei der Menschen gezwungen wurden, unter Lebensgefahr für eine Sache zu kämpfen, an der sie nicht teilhaben wollten. Kurz, sie waren gegen Aggression in allen ihren Formen, gleich ob sie durch Einzelne oder durch die Regierung gegen ihr Volk ausgeübt wird.

Das war die libertäre Gesellschaft in ihrer höchsten Idealform. Das waren die Werte, zu denen wir uns bekannten — wenn auch damals nur in unklarer und verschwommener Weise — als wir das Manhattan College verließen und auf dem Weg zu neuen Ufern unsere Suche fortsetzten.

Natürlich hatten sich die Vereinigten Staaten in den letzten paar Jahrhunderten so weit von diesem Ideal entfernt und sich in Richtung mehr und nicht weniger staatliche Kontrollen entwickelt, dass jeder Impuls zur Abkehr von dem modernen Megastaat und dem „Empire der letzten Tage“ als ein frischer Windstoß über einem giftigen Sumpf empfunden worden wäre.

Der radikalste rechte Anarchist in den Vereinigten Staaten war seit Anfang der 1950er Jahre Murray N. Rothbard, Wirtschaftswissenschaftler und Autor, der in New York City lebte und einer der profiliertesten Vertreter der Österreichischen Schule wurde. Seit frühester Jugend war er Anarchist gewesen und hatte sich derjenigen Richtung des Libertarismus angeschlossen, nach deren Überzeugung alle wesentlichen gesellschaftlichen Leistungen einschließlich Militär und Justiz von einem nicht regulierten System der freien Marktwirtschaft ohne Einflussnahme der Regierung erbracht werden könnten.

Rothbard und sein enger Freund Leonard Liggio, der später mehrere libertäre Denkfabriken leiten sollte, darunter das Cato Institute, waren 1952 in der Bewegung Youth for Taft aktiv. Beide waren überzeugte Anhänger der Richtung, die später als isolationistische Altrechte bezeichnet wurde, der rechte Flügel von H.L. Mencken, Garet Garrett, Albert Jay Nock, Frank Chodorov und Leonard Read. Das waren die Altrechten, die damals die Liberalen verurteilten, weil sie die Vereinigten Staaten in Abenteuer in Übersee wie Korea und sogar den Zweiten Weltkrieg hineingezogen hatten — die Altrechten, von deren Positionen sich die Neue Linke zu Anfang der Friedensbewegung im Jahr 1965 allmählich kaum noch unterschied.

Rothbard und Liggio entdeckten Gemeinsamkeiten auch in den Wirtschaftstheorien von Ludwig von Mises, dem führenden österreichischen Volkswirtschaftler in den Vereinigten Staaten. Sie besuchten die Mises-Vorlesungen an der New Yorker Universität und trafen sich anschließend zum Gespräch in verschiedenen Cafés in Greenwich Village — ein Hauch europäischen Geisteslebens, den der Wiener Ökonom liebte. In rechten Kreisen verbreitete sich allmählich Rothbards Ruf als Mises‘ wichtigster Schüler, und er und Liggio (dessen Spezialgebiet der historische Revisionismus war, eine weitere enge Verbindung zwischen der Alten Rechten und der Neuen Linken von William Appleman Williams und Gabriel Kolko) scharten von nun an eine Satellitengruppe persönlicher Anhänger um sich. George Reisman, der später in Rands Senior-Gemeinschaft aufgenommen werden sollte, wurde hauptsächlich durch Rothbards Bemühungen zum österreichischen Laissez-Faire bekehrt; Robert Hessen, ein weiterer Nachwuchs-Objektivist, war ein Protegé von Liggio. Außerdem traten dem Zirkel Mitte und Ende der 1950er Jahre Ronald Hamowy und Ralph Raico bei, die Anfang der 1960er Jahre die Zeitschrift „New Individualist Review“ gründeten, deren Ziel die Kritik des Konservatismus im Stil von William F. Buckley war. Ein weiterer Konvertit war Ed Nash, der später einen eigenen Verlag in Los Angeles leitete. Damals war er vor allem daran interessiert, in seinem Haus im Viertel University Heights in der Bronx eine Art „Radio Free Bronx“ zu gründen. Er betrieb einen Radiosender mit einem Ausstrahlungsradius von etwa zehn Häuserblocks und versorgte eifrig alle erreichbaren Bewohner mit rechten Nachrichten.

Murray Rothbard hatte Ayn Rand etwa 1950 kennengelernt, nach Rands Umzug an die Westküste hatten sie sich danach jedoch für kurze Zeit aus den Augen verloren. Als 1957 „Der Streik“ erschien, bekam Rothbard nach einem Schreiben, in dem er Rand zu ihrem Erfolg beglückwünschte, eine Einladung zu den wöchentlichen Salons, die sie in ihrer Wohnung in MidtownManhattan veranstaltete.

Dort begegnete Rothbard erstmals Nathaniel Branden und seiner Frau Barbara. Jede Woche wurde die Versammlung größer. Auf Ralph Raico, George Reisman, Robert Hessen und Leonard Liggio folgten Leonard Peikoff (der später nach Rands Tod im Jahr 1982 ihr Haupterbe wurde), Alan Greenspan (Chef der amerikanischen Notenbank von 1987 bis 2006), Edith Efron (die in den 1970er Jahren einen Bestseller schrieb, in dem sie die liberalen Medien attackierte) und ganze Scharen von Professoren, Ökonomen, Studenten und rechten Mitläufern, die vom rechtsgerichteten religiösen Eifer der Marke William F. Buckleys desillusioniert waren. Etwas später entwickelte Branden das Konzept eines Instituts mit öffentlichen Vortragsreihen gegen Gebühr.

Bei alledem ließ sich Liggio am wenigsten von dem wachsenden Zulauf zu Rand betören. Schon zu Beginn hatte er einen Kern von evangelikalem Antikommunismus in ihrem Denken entdeckt, der ihren politischen Ansichten in den 1960er Jahren eine konservative Färbung verlieh. Zudem hielt er ihre historische Analyse der jeweiligen Rolle der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion in der Weltpolitik für oberflächlich und undifferenziert. Als er feststellte, dass Rand sich Ideen, die ihren eigenen widersprachen, noch nicht einmal anhören wollte, verflog jegliches Interesse, das er einmal an ihr gehabt hatte.

Was Rand betrifft, so bedauerte sie nicht, dass Liggios Teilnahme an ihren wöchentlichen Salons nachzulassen begann. Zum einen war er nach wie vor praktizierender Katholik, was nur bedeuten konnte, dass seine Grundprämissen sich im Stadium des Verfalls, wenn nicht sogar der vollständigen Auflösung befanden. Damit nicht genug, hatte er außerdem die lebensfeindliche Angewohnheit angenommen, auf ihrem Sofa einzuschlafen, wenn sie längere Zeit sprach.

Für Ganoven dieser Sorte hatte sie in ihrem Wohnzimmer keinen Platz.

Murray Rothbards Begeisterung begann zu erlahmen, als Rand sich entschied, ihre Salons zweimal wöchentlich abzuhalten. Da es nur logisch war, dass rationale Männer und Frauen die häufige Gesellschaft anderer rationaler Menschen brauchten, um sich ihren Seelenfrieden zu erhalten, beschloss Rand einen zweiwöchentlichen Turnus für ihre Zusammenkünfte. Eine Sitzung aus einem anderen Grund als Ableben oder schwerer Krankheit zu versäumen, galt als irrationaler und unmoralischer Akt. Es bedeutete, einen höheren Wert — das Gespräch mit Rand — zugunsten einer weniger produktiven Tätigkeit aufzugeben.

„Wo warst du gestern abend, Murray?“ fragte Branden in einem morgendlichen Telefonat, nachdem Rothbard erstmals in einem Salon gefehlt hatte. Branden hatte seinen rauhen Highland-Tonfall um einen leichten russischen Akzent erweitert, vielleicht in unbewusster Übernahme von Ayn Rands Sprechweise.

„Ich war müde, Nathan. Ich bin zu Hause geblieben, um mal etwas Schlaf zu bekommen.“

„Du worrrst müde! Du worrrst zu müde, um die philosophische Entwicklung der Überlegenheitsschwärmerei im drrroizehnten und vierrrzehnten Jahrhundert zu diskutieren?“

„Ich hatte die Nacht davor nicht geschlafen, Nathan. Ich hab‘s einfach nicht geschafft.“

„Verstehe. Dann muss ich wohl Ayn sagen, dass Murray Rossbott zu müde worrrr, um an ihrem Dienstags-Salon teilzunehmen. Soll ich das wirklich tun?“

„Das musst du dann wohl. Ich meine, es stimmt ja“.

„Du kommst aber natürrrlich morrrgen abend?“

„Natürlich, ich werde da sein.“

„Wir frrroien uns auf dich!“

Kurz darauf entdeckte Ayn, dass Rothbards Frau Joey gläubige Protestantin war, praktizierende Angehörige der Episkopalkirche, und tatsächlich an den positiven moralischen Wert von Vertrauen und Selbstlosigkeit glaubte. Als das letzte Nachbeben dieser Enthüllung abklang, fiel Totenstille über das Wohnzimmer. Da war eine Christin im Haus. Keine abtrünnige Christin, die ihre vergangenen Sünden anerkannte und bereit war, dafür zu büßen. Keine vom Glauben abgefallene Christin, die den Prinzipien entsagte, denen sie früher angehangen hatte. Nein — eine echte, lebende, atmende, engagierte Protestantin, die zugab, an die Existenz eines höheren Wesens zu glauben! Eine derartige Ketzerin nahm einen Platz in Ayn Rands Wohnzimmer ein — und war auch noch mit einem der begnadetsten Jünger Rands verheiratet!

Nun, wenn Murray Rothbards Frau Christin war, konnte es dafür nur eine einzige logische Erklärung geben: Sie hatte offenbar nie Ayn Rands Beweis gelesen, dass ein höheres Wesen nicht existiert, nie existiert hat, nie existieren wird und nicht existieren konnte. In alle Ewigkeit nicht.

Branden drängte sie in ein Nebenzimmer und gab ihr eine Handvoll von Rands Anti-Gott-Abhandlungen zu lesen. Joey war erleichtert, außer Hörweite dieses ganzen Geredes über Second-Hand-Menschen, freie Konzepte und Traumtänzer zu sein, und arbeitete sich durch die Aufklärungsschriften, während die Zusammenkunft im anderen Raum weiterging. Als sie ihre Aufgabe erledigt hatte und sich wieder der Gruppe anschloss, erstarb das Gespräch plötzlich und sie sah 20 bohrende Augenpaare auf sich gerichtet.

Branden ergriff die Initiative. „Und?“

„Ich fand das alles sehr interessant, Nathan.“

„Sie fand es sehrrr interrressant,“ wiederholte Branden ohne weiteren Nachdruck. „Noch etwas?“

„Die Argumente sind sehr schlüssig, aber ich bin immer noch keine Atheistin, wenn es das ist, worauf du hinaus willst.“

Rand war sichtlich verärgert und beschloss, sich einzuschalten. Zweifellos handelte es sich hier um eine Angelegenheit, die ihres persönlichen Eingreifens bedurfte. „Du hossst die Beweise gelesen?“

„Das sind alle sehr gute Denkanstöße, Ayn, aber man schüttelt einen lebenslangen religiösen Glauben nicht mit ein paar Artikeln ab. Ich werde eine Weile darüber nachdenken müssen.“

„Du hossst die Beweise gelesen und bestehst immerrr noch darrrauf, dich in deinem hirrrnlosen Mystizismus zu suhlen? Glaube ist irrational, wosss bedeutet ....“

„Was bedeutet, dass Glaube unmoralisch ist“, fiel Branden ein.

„Was bedeutet, dass er lebensfeindlich ist“, sagte Greenspan.

„Was bedeutet, dass er menschenfeindlich ist“, sagte Robert Hessen.

„Was bedeutet —“

„Gennnug“, fiel Rand Barbara Branden ins Wort. „Gennnug Smalltalk für einen Abend. Hobbben Sie noch weitere Fragen an mich?“

Das war das Signal, dass die Sitzung für den Abend beendet war. Nein. Niemand hatte noch Fragen. Rand bekam Kopfschmerzen. Es wurde Zeit, dass alle nach Hause gingen.

Dieser Vorfall markierte den Anfang vom Ende der herausragenden Stellung von Murray Rothbard in der Objektivisten-Hierarchie. Ebenso wie Liggio bezweifelte er allmählich die Klugheit vieler Randscher Einstellungen in politischen und insbesondere in historischen Fragen. Er machte sein Verbrechen, mit einer praktizierenden Altruistin glücklich verheiratet zu sein, bei der nächsten Zusammenkunft noch schlimmer, indem er es — wozu ihn Rand und Branden nachdrücklich aufforderten — ablehnte, seine Frau zu verlassen und sich eine rationalere Gefährtin zu suchen. Es gab jede Menge Dagny-Taggart-Typen, komplett mit Cape, Zigarettenspitze und Dollar-Zeichen-Brosche, die er hätte in Betracht ziehen können.

Bald darauf sah er sich bei einem Treffen an den Pranger gestellt, weil er keine Zigaretten rauchte. Zigaretten waren lebensfördernd und menschenfreundlich, da sie von produktiv tätigen Kapitalisten zur Freude der Menschen hergestellt wurden; mit der Begründung gegen Tabakgenuss zu sein, dass du damit deine Lungen zerstörst, bedeutete, gegen die kreativen Bemühungen von Industriellen zu sein, die sich all diese Mühe für Konsumenten gemacht hatten, die gar nicht zu schätzen wussten, was für sie getan wurde. Zumindest handelte es sich um einen paradigmatischen Fall von Undankbarkeit; manchmal wurde sogar das Argument angeführt, dieses Verhalten sei unmoralisch.

Dann gab es da den Salon, in dem jeder einzeln aufstand — ganz ähnlich wie bei den Anonymen Alkoholikern — und kurz Zeugnis für die eine Person in seinem Leben ablegte, die den größten Einfluss auf ihn gehabt hatte.

„Ayn Rand hat mich am meisten dadurch beeinflusst, dass …“

„Der Mensch, der mich am stärksten berührt hat, war Ayn Rand. Diese Frau hat mehr als irgendjemand sonst ....“

„Die Schriften von Ayn Rand haben mir neue Horizonte eröffnet …“

So ging es weiter in der Runde herum, bis ein junger Bursche aufstand und sagte: „Der Mensch, der den größten Einfluss auf mein Leben hatte, war Rocco Fantozi. Rocco half mir —“

Branden sprang auf. „Wer zum Teufel ist denn Rocco Fantozi?“

„Warum, er war ein Freund von mir in der High School. Als ich 16 war, habe ich nach der Scheidung meiner Eltern eine schwere Zeit durchgemacht, und Rocco hat mir geholfen. Ich glaube nicht —“

Unnötig zu erwähnen, dass er auf der Stelle aussortiert wurde.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Rothbard es dann ziemlich satt. Neben allem anderen, was sich so ereignete, war er es leid, dass sein Name ständig „Rossbott“ ausgesprochen wurde. Bei Rand war das, da sie in Russland geboren worden war, noch zu entschuldigen, nicht dagegen bei Branden, der ungeachtet seines eklektischen und nach Belieben wechselnden Akzents in einem überwiegend englischsprachigen Land geboren und aufgewachsen war.

Etwa zu dieser Zeit entdeckte ein professioneller Tanzlehrer aus Brooklyn, der Tanzstunden in einem Don-Pallini- oder Fred-Astaire- oder ähnlichem Zentrum gab, Ayn Rand und bekannte sich zur völligen Übereinstimmung mit ihren Ideen. Rand war sofort von seinem glänzenden Haar und seinem messerscharfen Verstand eingenommen. Nachdem sie zuvor entschieden hatte, dass der gesellschaftliche Umgang von Objektivisten mit Ungläubigen unmoralisch sei, bestimmte sie nun, Chachacha, Tango, Mambo und Samba seien die höchsten vom Menschen entwickelten sozialen Fertigkeiten. Als sie ihn ersuchte, die Kunst der Terpsichore den Mitgliedern der Senior-Gemeinschaft zu vermitteln, beschloss Rothbard, Lebewohl zu sagen. Die Aufnahme eines rationalen Tänzers in die Senior-Gemeinschaft war zu viel für ihn.

Der Höhepunkt dieses entscheidenden Abschnitts der amerikanischen Geschichte kam schließlich im Sommer 1958. Da es undenkbar war, dass jemand das Randsche Nest von sich aus verließ, berief Rand eine Dringlichkeitssitzung der Senior-Gemeinschaft ein, in der über die verschiedenen Vorwürfe des Abweichlertums beraten werden sollte, die in den letzten sechs Monaten gegen Rothbard erhoben worden waren. Leonard Liggio bekam Gelegenheit, teilzunehmen und selbst mit abzustimmen, ließ seine Chance zur moralischen Erlösung jedoch ungenutzt und tat die Angelegenheit als „dümmlich und unwichtig“ ab.

Die Abstimmung über den Ausschluss Rothbards aus der Welt der Vernunft war zwar nicht einstimmig, doch leider schlossen sich Reisman und Hessen, ehemalige Kollegen von Rothbard und Liggio aus früheren Zeiten, dem Mehrheitsvotum an — ebenso wie zehn Jahre später, als die Reihe schließlich an Branden kam und auch er aus der Welt ausgestoßen wurde, an deren Aufbau er so hart gearbeitet hatte.

3: Mit so einem Kinn kann er gar nicht verlieren

Die von Ayn Rand und ihrem Objektivismus desillusionierten Libertären hatten einstweilen keine politische Heimat mehr. Natürlich gab es im Lande noch andere, die ebenso dachten. Man kannte sie, weil man hin und wieder mit ihnen korrespondierte, und man stieß hier und da auf ihre Artikel in irgendeiner obskuren Zeitschrift, von der niemand sonst je gehört hatte. Ihre Ideen waren meist in einer Lawine schwerfälliger Abhandlungen über Wirtschaftstheorie begraben — solcher, die großzügig mit mathematischen Formeln und fachsprachlichen Formulierungen garniert waren, von denen man bei zu intensiver Lektüre Kopfschmerzen bekam. Oder sie wurden auf diesen stets defekten kleinen Maschinen mit hellblauer Farbe und unvollständigen Buchstaben vervielfältigt, die einen noch Stunden nach dem Lesen blinzeln ließen.

Es war eine Zeit der Desillusionierung und Ungewissheit. Und der Enttäuschung, denn man wusste, dass sich die Lage verschlechterte, statt besser zu werden. Irgendwie waren wir zwischen zwei Generationen geraten. Unsere Schulzeit fiel in die Ära von Pat Boone, Johnnie Ray und Dwight D. Eisenhower, und damit waren wir zu spät dran, um wirklich zur Beatnik-Welt von Jack Kerouac, Lawrence Ferlinghetti und Alan Ginsberg zu gehören. Bis zum Ende der 1950er Jahre war die Subkultur der Beatniks bereits im Schwinden begriffen, und der coole, progressive Jazz — das einzige Medium, das du wirklich verstehen und als deins bezeichnen konntest — verließ eilends den amerikanischen Kontinent in Richtung Paris und London. Bis zur Ära der Blumenkinder und der Rockmusik dauerte es noch einige Jahre, und als sie schließlich in Schwung kam, warst du bereits ein bisschen zu alt, um dich noch mit einer Jugendkultur für die unter 20-Jährigen identifizieren zu können.