Willi Näf

Die endgültige Schweizer Nahtodkomödie

Unterstützt durch die Kulturförderung
Appenzell Ausserrhoden

© 2017, Schwabe AG, Verlag Johannes Petri, Basel

Lektorat: Satu Binggeli

Umschlaggestaltung: Stephanie Kübler

Umschlagbild: Silvan Wegmann (SWEN)

Gesamtherstellung: Schwabe AG, Basel/Muttenz

ISBN Print 978-3-03784-135-8

ISBN (ePUB) 978-3-03784-142-6

ISBN (mobi) 978-3-03784-143-3

www.verlag-johannes-petri.ch

rights@schwabe.ch

Willi Näf

Die endgültige Schweizer Nahtodkomödie

Samstag, 14.45 Uhr

Es war Samstagnachmittag, Viertel vor drei, und Nik Hofmann lebte noch. Immerhin etwas.

Das Wochenende hatte prächtig begonnen. Die altersmilde Novembersonne warf ihre Strahlen auf die altgelben Birkenhaine nördlich des Dorfes, auf die Häuser und auf die verwitterte Tafel am Haus beim Postplatz mit dem ins Holz gekerbten Schriftzug Babettas historischer Coiffeursalon. Ein paar vorwitzige Strahlen gingen gar noch weiter und fielen durch das blitzsaubere Schaufenster direkt auf Nik Hofmann, der im Salon seinem Broterwerb nachging. Der bestand darin, mittels Kamm, Schere und Haarschneider seine Kundschaft schöner zu machen oder wenigstens von ihren Gesichtern abzulenken, was ihm bisweilen auch gelang.

Mit seinen 47 Jahren war Nik noch nicht allzu alt. Er war auch nicht allzu schlank oder allzu gross oder allzu attraktiv. Nichts an ihm war auffällig, abgesehen von seinen dichten braunen Haaren, die er am richtigen Ort trug, nämlich auf dem Kopf, und nicht in den Ohren wie zum Beispiel der alte Walter.

Niks Empfangsdame lag in der Ecke. Sie hörte auf den Namen Lassie und galt als dümmster Collie weitherum. Sie mochte alle, bis auf eine Ausnahme. Die hing im Moment im mittleren Coiffeurstuhl, war 20 Jahre alt, 191 Zentimeter lang und mit riesigen Ohren ausgestattet, die aber so bemerkenswert eng an den Kopf angelegt waren, dass die Lästermäuler Birkweils behaupteten, die Hebamme Johanna, die die ganze Dorfbevölkerung der Neuzeit aus der Taufe gehoben hatte, habe ihm damals eine halbe Stunde nach seiner Entbindung aus lauter Mitleid seine Ohren am Kopf festgeleimt. Die Häme hatte erst ihr Ende gefunden, als Boris gross genug geworden war, um die Spötter in den Brunnen vor dem Pfarrhaus zu tauchen, was er auch mehrfach und ausführlich getan hatte, mitnichten genussvoll allerdings, sondern stets mit der ihm eigenen Portion Missmut.

«Sie haben Schnee angesagt.» Nik bog mit der Linken Boris’ linkes Ohr nach vorne, um es mit der Schere in der Rechten freizuschnipseln.

Er war aus Prinzip sonnig gelaunt während der Öffnungszeiten. Fröhlichkeit sei aller Zaster Anfang in dieser Branche, davon war er überzeugt. Deshalb pflegte er ein breites Spektrum an Plauderthemen. Prominente, Gesundheit und Esoterik deckte er mit den Magazinen in seiner Warteecke ab, die er vor dem Auflegen selber las, um gegenüber seiner Kundschaft einen Wissensvorsprung zu haben. Über Politik und Sport hielt er sich mittels Radio und TV auf dem Laufenden. Auch seine Filmtipps waren gefragt. Zudem hatte er im Lauf der Jahre eine gesunde Fantasie entwickelt, mit der er sich geschickt von einem Thema zu einem andern hangeln konnte, ohne dass die zwei wirklich etwas miteinander zu tun haben mussten. Und wenn jemand bei einem bestimmten Glied in der Themenkette einhakte, dann verweilte er dort bis er den Haarschnitt beendet hatte. Über etwas so Banales wie das Wetter sprach er nur mit Kotzbrocken.

«Schnee, jetzt schon. Zwei, drei frostige Nächte, und schon macht der November die Natur kalt. Ein guter Monat zum Sterben, man kommt dann auch um das ganze Weihnachts-Trallalla herum.»

Boris verdrehte die Augen. «Bist du schon mal gestorben?»

Nik verzog das Gesicht. Kunden mit Mundgeruch gehörten zum Beruf, da musste man hindurch. Aber Boris’ Schlund war die Pforte zur Hölle. Sonja hatte ihn einmal als wandelnde Vergärungsanlage bezeichnet, und Nik schwor sich jedes Mal, bei Boris’ nächstem Besuch zu schweigen. Aber er schaffte es einfach nicht. Er hasste Stille im Salon.

«Ob ich schon einmal gestorben bin?» Nik sah zur Sitzecke hinüber. «Weisst du zufällig, ob ich bereits gestorben bin, Nelly?»

Samstag, 14.46 Uhr

Mit ihrem iPhone am Ohr lag Sonja bäuchlings auf dem Spannteppich ihres grossen Schlafzimmers. Ihr Festnetztelefon stand auf dem Sideboard, aber Sonja benutzte grundsätzlich das Smartphone. Darauf war ihr Leben gespeichert. Besonders Sascha.

«Gut, um vier bin ich bei Dušanka. Holst du mich ab?»

Sonja duftete geduscht, klang verliebt und fuhr sich eins ums andere Mal durch ihre rotblonden Locken. Sie hatte freche Grübchen, das Gebiss einer Miss und Kurven, die Jungs rot und Mädchen gelb werden liessen.

«Klar ist Dušanka informiert. Offiziell bin ich den ganzen Abend mit ihr zusammen. Schreib mir, wenn du losfährst.»

Sonja beendete das Gespräch, schlenderte in die Küche und goss sich ihren dritten Kaffee ein. Die Wohnung lag im ersten Stock, und vom Haus auf der andern Seite des Birkweiler Kirchplatzes hätte jeder sehen können, dass sie bloss einen rosa Sport-BH und einen gleichfarbigen Slip trug. Das war ihr so was von egal.

Eine Viertelstunde und zwei Croissants später zog Sonja sich ein Shirt und einen Rollkragenpullover über und stieg in ihre schwarze Jeans. Sie verliess die Wohnung und hüpfte die lange, dunkle Holztreppe in den Hausgang hinunter.

Samstag, 15.02 Uhr

Nelly hatte den Wortwechsel zwischen Nik und Boris sehr wohl mitverfolgt, doch sie war still im lindengrünen Biedermeiersofa gesessen und hatte getan, als ob sie furchtbar in ihre Lektüre vertieft gewesen wäre.

Unschuldig blickte sie nun über den Heftrand: «Wie bitte?»

«Weisst du zufällig, ob ich bereits gestorben bin?»

«Natürlich, in deinem früheren Leben», antwortete Nelly und blickte weise, «vielleicht als Tiger.»

«Und in meinem jetzigen Leben?»

Boris verdrehte die Augen.

Nelly sah Boris trotzig an. «Nik ist das Leben in Person.»

Boris antwortete mit einem lauten Schweigen.

«Ich bin beruhigt, ich lebe noch», sagte Nik.

Nelly lächelte befriedigt. Er hatte ja keine Ahnung, wie sehr sein Leben sich noch verändern würde.

Nik stand hinter Boris, musterte ihn im grossen Wandspiegel und hielt ihm einen zweiten Spiegel hinter den Kopf. «Gut?»

Boris sah sich im Spiegel kurz an, nickte, stand wortlos auf, bezahlte, zog seine Jacke an und brummte: «Lebt wohl.» Als er die Holztüre mit den Milchglasfenstern öffnete, die in den Hausgang hinausführte, stiess er mit Sonja zusammen.

«Grüss dich», sagte Sonja kurz angebunden.

Boris blickte eisig an ihr vorbei, ging grusslos die wenigen Schritte durch den Hausgang zur Haustüre und liess sie ins Schloss krachen.

«Morgen, Nelly, Paps und Lassie», rief Sonja.

Lassie sprang auf und rannte ihr entgegen. Sie gehörte Sonja. Oder umgekehrt. Nik hatte seiner Tochter die Hündin vor sechs Jahren als Spielgefährtin gekauft.

«Guten Morgen, Sonne», sagte Nik väterlich.

Sonja mochte den süsslich besorgten Ton nicht, den ihr Vater immer noch anschlug, aber sie hatte ihm wenigstens abgewöhnt, sie bei jeder Gelegenheit auf die Stirn zu küssen. Mit dem andern liess es sich leben. Es sprachen handfeste Gründe dafür, gut für einen Paps zu sorgen, der einen abgöttisch liebte.

Sonja setzte ihren Kleinmädchenblick auf. «Paps, würdest du heute Abend bitte mit Lassie die Waldrunde übernehmen? Ich möchte dieses Wochenende zu Dušanka, wir wollen lernen.»

Nik lächelte.

«Danke.» Sonja ging fröhlich zur Türe, drehte sich dann aber noch einmal um: «Paps … nach dem Lernen gehen wir in die Stadt, eine Wohnung besichtigen, und dann wollten wir noch ins Kino. Und weil ich bei Dušanka was essen kann, hätte ich sie gerne eingeladen. Aber eigentlich … Ich wollte mein Geld ja für den Führerschein beiseitelegen.»

Ohne zu zögern trat Nik zum historischen Prunkstück seines Salons, einer knapp hundertjährigen, silberglänzenden mechanischen Registrierkasse aus der National-Manufaktur, von der aufgrund ihres gewaltigen Krachs zu vermuten war, dass sie in einem späteren Leben als Maschinengewehr zur Welt kommen würde. Mit einem kräftigen Stoss schob er die Geldschublade hinein, die zurückfederte und ihm gehorsam entgegenschoss, und entnahm ihr eine Fünfzigernote.

«Du bist ein Schatz», Sonja drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Backe. «Ach ja, danke auch für die Croissants.»

«Gern geschehen. Ich hole dich ab.»

«Brauchst du nicht. Ich schlafe wieder bei Dušanka, morgen wollen wir den ganzen Tag lernen, am Abend vermutlich auch, Prüfung am Dienstag, wird sicher spät, geniess den Fernsehabend. Ciao Paps, ciao Nelly.»

Gut gelaunt hüpfte Sonja in den Gang, liess die Türe ins Schloss fallen und freute sich auf den Abend mit Sascha.

Samstag, 15.15 Uhr

Nelly legte das Magazin beiseite, und obwohl sie den wissenschaftlichen Artikel zum Thema «Abnehmen mit Tarot» nicht zu Ende hatte lesen können, strahlte sie. Nun war sie an der Reihe. Sie wuchtete sich aus dem Sofa empor, schleppte sich so leichtfüssig wie möglich über das Parkett, das unter der aussergewöhnlichen Last verzweifelt ächzte, und warf dabei einen Kontrollblick auf ihr eindrückliches Décolleté. Sass sie erst einmal im Coiffeurstuhl, dann würde Nik ihr den Umhang umlegen. Ihr Ausschnitt hatte also nur wenige Sekunden Zeit, seine Wirkung zu entfalten. Und in diesen musste freie Sicht gewährleistet sein.

Nelly presste sich beglückt zwischen die Lehnen des mittleren Sessels, lehnte sich zurück, harrte der Hände, die da kommen würden, und behielt den grossen Spiegel vor sich im Auge. Ein Blick in dieses Décolleté war für den Coiffeur kaum zu vermeiden. Nelly beobachtete einmal mehr zufrieden, wie verzweifelt der brave Nik beim Umlegen des Umhangs Gleichgültigkeit demonstrierte, bis er zu guter Letzt mit einem lautlosen Seufzer in Nellys Genick den Klettverschluss des Umhangs zumachte.

Nik liess das Wasser ins Waschbecken laufen, wartete ein paar Sekunden und benetzte kurz Nellys Hinterkopf. «Warm genug?»

«Wunderbar», schnurrte sie und gab sich ihm demonstrativ hin. Nik spülte ihre dunklen Haare und begann, sie zu schamponieren. Sie hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie sein Kraulen bis in die letzte Haarwurzel hinein genoss.

«Gut, dass Sonja mit dieser hohlen Giraffe Schluss gemacht hat», sagte Nelly unvermittelt.

«Hat sie nicht», erwiderte Nik, ohne seine Kraulen zu unterbrechen, «sie war nie mit Boris befreundet.»

«Er scheint aber anderer Meinung zu sein.»

Nik zog die Augenbrauen hoch. «Das ändert nichts daran. Bei Dušanka war es dasselbe Theater. Der Bursche bleibt ein Einzelgänger. Und meine Kleine ist sowieso noch zu jung für einen Exfreund.»

«Wie jung?», fragte Nelly unschuldig.

«17, das weisst du doch.»

«Nein, 18, bald jedenfalls, das weisst du doch. Mit Dušanka zusammenziehen wird sie, sobald die zwei eine Wohung haben. Ein Freund wird in ihr Leben treten und eine Frau in deins.»

«Das Birkenwasser schlägt ja prächtig an», stellte Nik in geschäftigem Tonfall fest, «hast du die Flasche schon leer?»

Nelly lächelte. «Es steht in deinem Horoskop für die nächsten 14 Tage und Nächte, quasi wirst du endlich wieder zu leben beginnen, eine Frau wird dich verführen.»

«Vom eigenen Birkenwasser habe ich nur noch wenige Flaschen. Bis im Frühling werden die mir nicht reichen, mein selbst gezapftes Wasser ist nun einmal beliebter als dieses industrielle Zeugs, das darüber hinaus auch noch teuer ist. Wobei der Preis eigentlich reell ist, ich sehe ja selber, wie viel Arbeit es gibt, selber zu zapfen. Bohren, kanalisieren, sammeln und stetig das Gefäss kontrollieren, zuletzt das Loch mit Baumwachs verschliessen.»

«Rote Spitzen wird sie tragen und dir deine Wünsche von den Lippen ablesen.»

«Ich kann ja noch froh sein, dass ich meinen Birkenhain fast vor der Haustüre habe, die alte Babetta hat das sehr klug gemacht damals, das mit ihren eigenen Birken, meine ich, überhaupt, welcher Coiffeur zapft denn noch selber Birkensaft und weiss das wertvolle Naturprodukt dann auch so einzusetzen, dass seine haarkräftigenden Eigenschaften optimal zur Wirkung kommen, ich muss zugeben, von Babetta habe ich einiges gelernt, auch wenn sie selber wohl kaum wusste, woraus Birkensaft eigentlich besteht, dass er viele Mineralstoffe und Spurenelemente wie Kalzium, Magnesium, Natrium oder Fruktose enthält, und wie hervorragend mein Birkenwasser funktioniert, sieht man ja an meinem eigenen dichten Haarwuchs.»

Nelly sah triumphierend in den Wandspiegel, wo ihre Blicke sich trafen.

Einen Augenblick lang herrschte Stille. Dann begann Nik, Nellys Haar oberflächlich zu frottieren. «Und wenn ich mir von ihr wünschte, dass ihr klar wird, dass ich gar keine Wünsche habe?»

Nellys gesamtes Gesicht formte sich zu einem unverschämten Lächeln. «Das überhörte sie. Eine kluge Frau liest ihrem Mann nur die klugen Wünsche von den Lippen ab und nicht etwa die dummen. Quasi will sie ja sein Bestes.»

«Den Haarschnitt wie immer?»

«Ich möchte, dass du mich so frisierst, wie es dir gefällt.»

«Dann könnte ich dir ja den Kopf kahl rasieren.»

«Sicher», antwortete Nelly zartschmelzend, «aber das wirst du nicht.»

Samstag, 19.00 Uhr

Müdegeliebt sassen Sonja und Sascha in Sonjas Lieblingslounge und assen Scampi. Sie hatten jede Minute der Viertelstunde Fahrzeit nach Hardstadt in Saschas altem Audi genossen – und jede Minute zuvor in Saschas Apartement.

Sonja betrachtete Sascha, diesen grossen, schlanken, blonden Künstler, dem Geld so entsetzlich unwichtig war, weil er als Spross einer Münchener Industriellenfamilie reichlich davon besass. Dass er nicht Recht oder Ökonomie studierte, sondern die Fachschule für Gestaltung absolvierte, und das erst noch in der Schweiz, sah ihm seine reiche Sippschaft nach. Ein Künstler verlieh jeder erfolgreichen Unternehmerfamilie intellektuellen Schick, und es gefiel Sonja, einen Künstler zum Freund zu haben.

Der Kellner räumte ab und brachte den Kaffee. Sascha zog seinen Kugelschreiber aus dem Jackett, zupfte eine Serviette aus dem Serviettenhalter und begann, Sonjas Gesicht darauf zu skizzieren. Immer wieder blickte er auf und betrachtete sie. Gekonnt beendete Sascha ihr filigranes Porträt und gab ihr die Serviette. Sie lächelte. Genau so wollte sie gesehen werden.

Eine Weile hingen sie ihren Gedanken nach. Sonjas Doppelleben mit Sascha dauerte schon fast zwei Jahre. Bereits mit 14 war sie zum ersten Mal allein in ihr regelmässiges Wochenende zu ihrer Mutter nach München gefahren, Paps war beinahe gestorben vor Angst. Mit 16 hatte sie Sascha kennengelernt. So lange gingen sie schon zusammen. In München hatten sie ihre Freundschaft geniessen können, aber seit Saschas Studienbeginn im letzten Jahr in Hardstadt war das Doppelleben intensiver und komplizierter geworden.

«Ich werde es Paps sagen», sagte Sonja leise. Sie verstaute die Serviette mit ihrem Porträt sorgfältig in der Tasche ihrer Jacke. «Ich mag dieses Versteckspiel ja auch nicht mehr.»

Am Sonntagabend war ihr Vater in der Regel entspannt, dann würde er den Schock am ehesten überleben. Fürchterlich würde es trotzdem werden.

«Er wird es überstehen», sagte Sascha. «Du bist volljährig. Und ich bin kein Monster, soweit ich das beurteilen kann.»

«Aber ein Deutscher», seufzte Sonja.

Sonntag, 10.30 Uhr

Nik sass in der Kirchenbank. Die andern sangen, er lächelte. Wie jeden Sonntag. Der Besuch des Gottesdienstes gehörte zum Marketing eines Coiffeurs. Darüber hinaus gab es noch einen weiteren Grund für den regelmässigen Kirchgang: Es gab einen Deutschen im Dorf, nämlich den alten Knorr, und der war an den Gottesdiensten auch immer anwesend. Knorr war einer dieser Ekelfrommen, die ohne Anlass und ohne Unterlass predigten, und dazu besass er als Dorfpfarrer einen Freipass. Deshalb sass Nik jeden Sonntag in der Kirche, verpasste dem Gesangbuch Eselsohren, hasste den Pfarrer und lächelte dazu. Und am meisten hasste er ihn, wenn er in seinem widerlich geschliffenen Hochdeutsch über Solidarität und Gerechtigkeit predigte. Also immer.

Nicht wenige im Dorf waren der Ansicht, der hagere Deutsche mit seiner Lederhaut wäre gescheiter Missionar in Tansania geblieben und dort gelegentlich von einem Löwen gefressen worden, statt Moralapostel in Birkweil zu werden. Ausgerechnet in Birkweil, wo nun wirklich keiner etwas dafür konnte, dass es in Afrika unten nicht funktionierte, und überhaupt.

Aber damals, vor zehn Jahren, hatte Birkweil schon seit Langem vergeblich einen Hirten gesucht, und als ein gewisser Pfarrer Theodor Oswald Knorr sich meldete, um nach 21 Jahren in Afrika wieder nach Europa zurückzukehren, wählte man ihn trotz Afrika, trotz deutscher Zunge und trotz seines säuerlichen Robin-Williams-Lächelns. Sonjas Schulkameradin Dušanka hatte vor ein paar Jahren einmal Stubenarrest gefasst, nachdem sie den Pfarrer auf der Strasse mit «Guten Morgen, Mrs. Doubtfire» gegrüsst hatte.

Als Sonja vor zwei Jahren konfirmiert worden war, hatte Nik allerdings verwundert festgestellt, dass Knorr bei den Teenagern beliebt war, weil er im Religionsunterricht mehr von Afrika erzählte als von der Bibel. Bei den übrigen Birkweilern dagegen waren seine Beliebtheitswerte so schnell im Keller gewesen wie die eines Politikers nach 100 Tagen im Amt. Einige waren entschlossen der Ansicht, dass Knorr aus Afrika nebst seinem Hüftleiden und seinem Gerechtigkeitswahn etliche intellektuelle Dysfunktionen mitgebracht hatte. Vermutlich von der Sonne.

Heute trug dieser Mensch wieder einmal die ganze Last der Welt auf seinen Schultern, und seine Predigt gehörte zur Kategorie «von Ewigkeit zu Ewigkeit». Nik gab sich seinen Fantasien hin. Ausgangspunkt war der Schlüssel für den Hintereingang zum Pfarrhaus. Sonja und Dušanka hatten ihn einst beim Spielen im Pfarrgarten entdeckt, während Dušankas Vater Janosch, Sigrist und Allround-Arbeiter und aufgrund seiner vielfältigen Begabungen «Janosch für alles» genannt, in eben diesem Pfarrgarten den Rasen mähte und die Sträucher schnitt. Der Schlüssel lag diskret versteckt unter einem Blumentopf neben der Türe.

Das Wissen um dieses Versteck hatte Nik beim Überstehen so mancher Predigt geholfen. Es gewährte ihm in seiner Fantasie freien Eintritt ins Pfarrhaus. Und dort konnte man allerhand tun. Den Bildschirm des Computers mit Tipp-Ex beschmieren. Die Tabakpfeifen mit Chilipulver präparieren. In sein Bett pinkeln, zwei Stunden bevor die Putzfrau kam. Und eines Tages würde er seine Fantasien in die Tat umsetzen.

Aber auch bei den bösesten Herzenswünschen gelang es Nik nicht immer, seine Abneigung bis zum Schluss der langen Predigt wachzuhalten. Sein Blick wurde dann träger und blieb schliesslich auf den Glasmalereien der schmalen hohen Spitzbogenfenster kleben. Die Fenster liessen nicht allzu viel Licht in das Kirchenschiff, die Glasmaler hatten es etwas zu bunt getrieben damals. Eine Ausnahme war der Heiligenschein über Petrus auf dem vordersten Fenster der Südseite, den die Künstler lediglich mit einem leichten elfenbeinfarbenen Schleier versehen hatten. Er schien die Sonnenstrahlen zu bündeln und geradewegs in die Kirche hineinzuleiten, und Petrus wirkte bei gutem Wetter immer wahnsinnig erleuchtet. Trotz Glatze. Vor zweitausend Jahren war ein kahler Kopf vermutlich noch keine Schande gewesen, eher eine Auszeichnung, wenigstens bei Männern.

Nik hatte sich öfter gefragt, welche Frisur Jesus getragen haben mochte. Auf Skizzen und Malereien trug er immer lange Haare, vermutlich damit er feminin wirkte. Und einen zarten Bart, vermutlich damit er trotzdem nicht für eine Frau gehalten wurde. Einmal hatte Nik in der Traubibel nach Hinweisen auf die Frisur Jesu gesucht, ohne Erfolg, und Knorrs Vorgänger im Pfarramt hatte dem verwunderten Coiffeur bestätigt, dass es in der ganzen Bibel nicht einen einzigen Hinweis auf das Aussehen Jesu gebe, und damit auch nicht auf seine Frisur. «Holder Knabe im lockigen Haar» war vermutlich übertrieben, die wenigsten Kinder kamen lockig zur Welt, hatte Nik sich damals gedacht. Und blond war das Christkind schon gar nicht gewesen, schliesslich war es ein Jude oder Palästinenser oder sonst etwas Afrikanisches.

Am Schluss der Predigt waren die Zuhörer erlöst, bei Nik setzten Abneigung und Lächeln wieder ein. Der Pfarrer teilte mit, die heutige Kollekte sei für ein deutsches Hilfswerk bestimmt, und des Coiffeurs Lächeln wurde noch eine Spur seliger.

Nach dem Segen begannen die Gläubigen, diskret in ihren Geldsäckeln zu nesteln. Die Orgel setzte ein, die Gottesdienstbesucher erhoben sich umständlich und bewegten sich dann langsam durch den Mittelgang zur Türe, in den Händen unauffällig einen Obolus.

Die Kollektentöpfe waren beidseits der Türe angebracht, zwei rechteckige Kupferkästchen mit Einwurfschlitz. Wie viel jemand gab, liess sich allenfalls aufgrund der Lautstärke des Klimperns abschätzen, wenn das Geld in die Kollektenkästchen fiel. Leises Klimpern waren kleine Münzen, lautes Klimpen waren grosse Münzen, gar kein Klimpern war Notengeld, ohne Zweifel.

Als Nik seine Hand über den Einwurfschlitz bewegte, klimperte es. Es klimperte oft. Nik suchte den Blick des Pfarrers, der vor dem Aufgang zur Empore stand, und lächelte liebenswürdig. Der alte Knorr lächelte ebenso liebenswürdig zurück.

Nik mochte dieses zähneknirschende Lächeln des Pfarrers, der zusehen musste, wie Nik rostige Nägel in den Schlitz des Kollektenkästchens fallen liess. Er hatte gefälligst zu lächeln während der Arbeitszeiten, schliesslich gehörte das zum Jobprofil eines Pfarrers. Das war nur gerecht, und Gerechtigkeit war diesem Deutschling nun einmal wichtig. Im Übrigen war er selber schuld, denn er war mit Sicherheit der letzte Pfarrer auf diesem Planeten, der noch die Unverschämtheit besass, sich nach dem Gottesdienst in Sichtweite des Kollektenkästchens zu platzieren. Aber was konnte man anderes erwarten von einem, der so lange in Afrika an der Sonne gewesen war.

Nelly, die Nik kaum je aus den Augen liess, ging hinter ihm her. Auch sie führte die Hand über den Einwurfschlitz, doch es klimperte nicht. Pfarrer Knorrs Sauerlächeln wirkte jetzt noch eine Spur gefrorener. Mehr als einmal schon hatte das Kollektenkästchen bei Nelly nicht geklimpert, nach dem Gottesdienst dann aber trotzdem nur Münzen freigegeben. Nellys Lächeln war weitaus breiter als das Lächeln des Pfarrers, was nicht zuletzt der voralpinen Topografie ihres Gesichtes zu verdanken war.

Sie trat ins Freie und sah zu Nik.

Dieser warf ihr einen anerkennenden Blick zu und machte sich zufrieden auf den Spaziergang nach Hause, hinein in einen entspannten Restsonntag, wie immer. Am Nachmittag eine Komödie, vielleicht was mit Jack Lemmon und Walter Matthau. Dann Lassie, dann Nachtessen und zum Schluss etwas Lustiges ohne Robin Williams.

Sonntag, 13.00 Uhr

Auch Nelly war nach dem Gottesdienst nach Hause gegangen. Sie hatte Nik ausnahmsweise nicht mehr angesprochen. Das hob sie sich auf für das grosse Finale heute Abend. Im Wohnzimmer ihrer Dreizimmerwohnung schob sie eine Best of von Bryan Adams ein, füllte die Fressnäpfe von Shakira, Clooney, Doktor Renz und Bridget mit Katzenfutter, setzte sich in die Küche und ass ein kleines Salätchen zu Mittag. Das war ein Trick, mit dem das erfolgreiche «Achtsam abnehmen mit Tarot» noch unterstützt würde, wie sie gelesen hatte. Nelly war dermassen aufgeregt, dass sie sogar auf die Schokolade zum Dessert verzichtete und direkt zu den Zigaretten überging. Es war wie ein Traum. So anerkennend wie heute beim Portal der Kirche hatte Nik sie noch nie angesehen. Er war bereit. Sie auch.

Nelly war in den 37 langen Jahren ihres Lebens schon in fast jeden halbwegs männlichen Einwohner von Birkweil einmal unsterblich verliebt gewesen, abgesehen von den durchaus sterblichen Bewohnern der Abendsonne gegenüber von ihrem Mehrfamilienhaus, die gern in der Cafeteria des Alters- und Pflegeheims sassen, den Rollator neben sich, und Wetten abschlossen, ob Nelly ihren Mazda in die Parklücke bekam. Nellys Appetit war ungestillt geblieben, und sie wusste auch warum: Männer küssen nicht gerne aufwärts. Und sie war 1,80 gross. Man konnte noch so attraktiv sein als Frau, aber mit 1,80 war man angeschmiert, echt.

Bei Nik standen Nellys Chancen aber gut. Er mit seinen 1,70 war gewohnt, aufwärts zu küssen, seine Exfrau war nämlich grösser gewesen als er. Einsam war er auch. Und schüchtern. Er brauchte eben Zeit. Und die hatte sie ihm gegeben, fast sechs Jahre. So lange war er schon solo und hatte weder aufwärts noch abwärts geküsst, soweit Nelly das beurteilen konnte. Und das konnte sie, hatte sie ihn doch schon seit jenem Tag scharf beobachtet, an dem Sheryl ihn überstürzt verlassen hatte. Dem Universum war es zu verdanken gewesen, dass ausgerechnet sie, Nelly, am Vormittag nach Sheryls Auszug seine erste Kundin gewesen war. Mit wohliger Befriedigung erinnerte sie sich, wie Nik alle Hemmungen verloren und alle Prinzipien über den Haufen geworfen und sich bei ihr, seiner Kundin, ausgeheult hatte, wie sie ihn tröstend in ihre eutergrossen Brüste gepresst hatte und wie er fast darin erstickt wäre.

In jener Sekunde hatte sie ihn annektiert. Hatte ihn nun fünf Jahre, sieben Monate und elf Tage lang umworben, die Nächte nicht mitgezählt, die sie mit ihm verbracht hatte, ohne dass er es gewusst hätte. Und dass er für sie bestimmt war, wusste Nelly zweifelsfrei. Sie war nämlich sensitiv, unheimlich sensitiv, schon als Kind war sie es gewesen. Immer wieder war sie selber überrascht, wie glasklar sie die Atmosphäre in einem Raum und die Schwingungen von Menschen wahrnehmen konnte. Kein Wunder, dass sie sich ihrer Sache so sicher war. Er frisierte sie immer genau so, wie sie es wollte. Er kannte ihre Lieblingslektüre. Er traf stets die perfekte Wassertemperatur. Alle Filme, die sie toll fand, fand er auch toll, und künftig würden sie ihre täglichen Fernsehabende wohl gemeinsam geniessen, sofern der Film dabei überhaupt noch eine Rolle spielte.

Das alles war kein Zufall. Nelly stand in engem Kontakt zum Universum, bei dem sie Nik bestellt hatte, und den sie nun endlich bekommen würde, wenn auch nach einer etwas zu langen Lieferfrist, was bei den enormen Distanzen im Universum jedoch verständlich war. Nur deshalb hatte sie so lange auf ihn gewartet, und weil die übrigen Flirts ergebnislos geblieben waren.

Natürlich hätte Nelly sich Nik längst an die Brust genommen, wenn er nicht stets beteuert hätte, seiner kleinen Sonja niemals eine Stiefmutter zuzumuten, nie, niemals. Sie hatte sämtliche ihr zu Verfügung stehenden Argumente zielgerichtet eingesetzt, vollumfänglich, hatte aber nichts ausrichten können, Nik war hart geblieben: Keine Stiefmutter für seine Kleine.

Doch nun war Sonja auf Wohnungssuche, nächste Woche wurde sie 18, und heute Abend würde Nelly die Ernte einfahren. Hundert Mal hatte sie Niks Eroberung schon mit dem Universum durchgesprochen und mit der passenden Wäsche durchgespielt, die sie im letzten Jahr gekauft hatte. Mehrmals hatte sie sich vor dem Spiegel ihres Schlafzimmerschranks hineingezwängt und dann am Küchentisch achtsam abgenommen mit ihrem Tarotmagazin und Truffes.

Nelly holte sich aus dem Kühlschrank eine Büchse Prosecco und beschloss, erst um halb elf bei Nik aufzutauchen. Je verruchter die Tages- oder eher Nachtzeit, desto besser. Sie war von ihrer eigenen Kühnheit überrascht. Sonja würde sie nicht stören, sie übernachtete ja bei Dušanka. Höchst zufrieden setzte sie sich auf ihr Sofa und setzte die Dose an ihre Lippen. «Prost, Doktor Renz!» Sie lachte und sah den getigerten alten Kater an. «Quasi ist Prosecco gut für die Hemmungslosigkeit!»

Nach vier Folgen Bergdoktor stellte Nelly sich vor den Spiegel und strahlte. Nichts konnte sie daran hindern, heute Abend die schärfste Beute zu sein, die je einem Jäger auflauerte. Sie würde sich Nik dermassen hingeben, dass ihm Hören und Sehen vergehen würde. Heute Abend blieb keine Zeit für Achtsamkeit. Dass die Spitzen-Zierbänder ihrer halterlosen Netzstrümpfe in ihrer Oberschenkelmasse bestimmt rote Striemen hinterliessen, war ihr egal; das Universum hatte vorgesehen, dass sie sie nicht lange tragen müsste.

«Bridget, so ein Mist!» Nelly lachte. «Ich bin viel zu früh. Es ist ja erst sechs Uhr.» Sie kicherte. «Sechs, Bridget, hast du gehört? Sechs, wie klingt das, na? Komm, wir trinken noch eine Büchse zusammen.»

Sonntag, 18.03 Uhr

Es war dunkel, als Nik mit Lassie zurückkam. Zwei Stunden waren sie im Wald unterwegs gewesen, etwas länger als üblich. Birkweil lag am Fuss eines ausgedehnten, sanft abfallenden Hügelzuges, der mit einem wohltuenden Teppich aus Birken, Rotbuchen und Fichten bedeckt war. Normalerweise brauchte Nik 14 Minuten vom Postplatz zum Parkplatz am Waldrand, wo die Sportskanonen ihre Karossen abstellten, bevor sie auf dem weit verzweigten Netz von Waldwegen der Konkurrenz ihren neusten atmungsaktiven Hightechmist vorführten. Nur wenn Lassie heftig unter Druck stand, schafften sie es auch mal in neun oder sogar acht Minuten an den Riegelhäusern, Ställen, Gärten, Brunnen und Misthaufen der Birkenstrasse entlang hinauf. Nik genoss die langen Spaziergänge mit der Hündin, und wenn er nach einem langen Marsch mit ihr bei Fuss wieder ins Dorf hinuntertrottete, schien ihm das Leben oft freundlicher als zuvor.

Eine Melodie summend betrat Nik um drei Minuten nach sechs den Hausgang. Die Deckenlampe war an. Er seufzte. Genau so fing es an, das Älterwerden. Erst liess man das Licht brennen, dann die Herdplatte, dann fand man die Schalter nicht mehr, dann den Heimweg, und dann zog man zum Sterben in die Abendsonne.

Nik hängte den Mantel an den Haken links neben der Salontüre mit den Milchglasfenstern und ging hinter Lassie durch den Hausgang zur Treppe, die jeden seiner Schritte mit einem ehrfurchtgebietenden Knarren beantwortete.

Auf der Treppenmitte blieb Lassie stehen und begann, fröhlich mit dem Schwanz zu wedeln. Nik sah auf. Vor der Wohnungstüre am oberen Ende der Treppe stand ein grosser Mann in einem dunklen Mantel, das Gesicht zur Türe gerichtet. Offensichtlich suchte er den Knopf der Wohnungsglocke. Das schummrige Licht der Funzel im Hausgang reichte nicht aus, um zu erkennen, wer es war.

«Ja hallo!» Nik stieg weiter die Treppe empor auf den Besucher zu. Er versuchte, mit dem fröhlichen Plaudern eines routinierten Coiffeurs jene Zeit zu gewinnen, die er brauchte, um dem Besucher den richtigen Namen zuzuordnen, ohne dass dieser begriff, dass er ihn nicht sofort erkannt hatte. «Was für eine Überraschung, ein Sonntagsbesuch! Gut, dass ich gerade heimgekommen bin.»

Weder gab der Mann eine Antwort noch drehte er sich um. Seltsam.

Nik blieb stehen. Plötzlich lachte er auf: «Lassie, schau her, Walter, das alte Haus! Findet die Glocke nicht, und mich hört er auch nicht. Der nächste Haarschnitt ist überfällig!»

Schon seit Jahren hegte Nik die Vermutung, dass Haarbüschel in den Gehörgängen das Hörvermögen beeinträchtigten, doch beweisen konnte er es nur schon deshalb nicht, weil Männer, denen Haare aus den Ohren wuchsen, für gewöhnlich in einem Alter waren, in dem sie auch ohne Haare im Gehörgang gern schwerhörig wurden. Und Walter war in diesem Alter.

Nik stieg die letzten Tritte hoch, doch noch bevor er Walter auf die Schulter tippen konnte, drehte der sich um. Nik stiess einen erschreckten Schrei aus; der Mann trug eine Sturmhaube. Er versetzte Nik einen heftigen Stoss. Dieser krachte die Treppe hinunter, überschlug sich mehrmals, knallte mit dem Kopf auf den Bodenkacheln des Hausgangs auf und war auf der Stelle tot.

Lassie schien nicht recht zu wissen, was sie davon halten sollte, und in solchen Situationen entschloss ihr sonniges Gemüt sich stets für ein optimistisches Wedeln mit dem Schwanz.

Sonntag, 18.05 Uhr

Walter Jakob sass am Küchentisch und putzte mit einer alten Zahnbürste sein Gewehr. Er war 81 Jahre alt, das Gewehr 63, die Zipfelmütze 25, die Zahnbürste 14. Zeitlebens hatte der grosse Mann in dem baufälligen Bauernhäuschen eine Viertelstunde ausserhalb des Dorfes gewohnt, und beinahe zeitlebens hatte er den Sonntagnachmittag damit verbracht, mit der Zahnbürste sein Gewehr zu putzen, egal ob er vorher damit gejagt hatte oder nicht. Für seine letzten Zähne und Stummel brauchte er keine Zahnbürste mehr.

In neuerer Zeit hatte Walter das Gewehr oft auch am Dienstag- oder Freitagnachmittag geputzt. Mit den Wochentagen kam er nämlich nicht mehr ganz klar, und wenn er sich nicht sicher war, welcher Tag war, was ihm am Morgen beim Aufstehen genauso passieren konnte wie nach dem Mittagsschläfchen, dann beschloss er, dass es ein Sonntag sei. Der Kalender an der Küchenwand half ihm auch nicht weiter, den hatte immer Johanna ersetzt, bis sie vor einem knappen Jahr kurz vor ihrem 98. Geburtstag eine selber gebrühte Medizin gegen allgemeine Altersgebresten eingenommen hatte, woraufhin der gewünschte Effekt eingetreten war, wenn auch nicht ganz im Sinne ihrer Anwenderin. Seit dem Tod seiner Mutter benutzte Walter nun eben denselben alten Monatskalender, den er fast jede Woche treu umblätterte.

«So, Josef», sagte Walter feierlich zu seinem Gewehr, «jetzt sind wir wieder sauber, gell.»

Er öffnete den Kühlschrank, aber an diesem Abend schien Josef zu gross für den Kühlschrank. Walter dachte scharf nach und kam zum Schluss, dass der Kühlschrank zu voll sei. Kurz entschlossen räumte er ihn leer: Käse, Milch, Abwaschmittel, eine Beige Unterhosen, ein halbes Dutzend unvollständiger Jasskarten-Sets, ein Bild des heiligen Christophorus und eines von sich selber als Kind, eine alte Bibel und zwei Dutzend Fläschchen mit verschiedensten Substanzen, die Johanna ihm hinterlassen hatte. Doch der Kühlschrank war immer noch zu klein für sein Gewehr. Walter schaute fünf Minuten lang hinein. Dann wurde ihm kalt und er räumte alles wieder in den Kühlschrank.

«Tut mir leid, Josef», sagte er zu seinem Gewehr, «du musst draussen übernachten.»

Walter stapfte in den Flur, hängte Josef an den Kleiderhaken und machte grosse Augen: Auf der Hutablage lagen Ottilie und Berthold, beide tot. In letzter Zeit war er nur noch selten auf die Jagd gegangen, und auch nur dann, wenn niemand ihn sah. Und noch viel seltener war er mit Beute aus dem Wald zurückgekehrt. Meistens war er nach erfolgloser Jagd hinter das Haus gestiefelt und hatte sich im Hühnerstall stattdessen eine Legehenne geschossen. An Ottilies Gackern konnte er sich noch erinnern, aber Berthold? Irgendjemand musste ihn erlegt und hier deponiert haben. Hier lag er nun und roch, und jetzt besass Walter keinen Hahn mehr.

Walter kratzte sich im Ohr und sagte: «Hast wieder mal den Kopf nicht bei der Sache, du Birne.» Das erinnerte ihn so sehr an seine Mutter, die ihn stets Birne genannt hatte, dass er ein bisschen weinen musste. Immer wieder hatte die alte Hebamme ihren geistig zurückgebliebenen Buben mit allerhand Tinkturen, Pülverchen oder Kräutern aus Wald und Garten behandelt, wobei nicht immer klar war, ob sie ihn damit heilen wollte oder ob sie an ihm ein neues Tinktürchen ausprobierte. In Sachen Heilung hatten die Versuche so wenig gebracht wie seinerzeit die Sonderschule, weshalb Johanna den Buben zeitlebens bei sich behalten und ihm ihr reiches Programm an Borstigkeiten und Schrullen weitervermittelt hatte.

Ausgelacht worden war Walter trotzdem kaum je. Die wenigen Buben, die es gewagt hatten, waren von Johanna ebenfalls behandelt worden, wenn auch nicht mit Kräutern, sondern mit der Fahrradpumpe, die sie selbst bei flotter Fahrt in Sekundenschnelle aus der Klemmhalterung gerissen hatte, um dem Ziel ihres Angriffs eins überzubraten.

Zudem liess Walter oft auch eine Portion Schalk oder gar Liebenswürdigkeit aufblitzen, weswegen die Erwachsenen ihn genauso mochten wie die Kinder. Also hatte man ihn in der Obhut seiner Mutter gelassen. Aber mit seiner zunehmenden Demenz war es je länger, je weniger tragbar, ihn in seinem alten Haus allein wohnen zu lassen. Er stand denn auch auf der Warteliste der Abendsonne, und wenn dort in zwei, drei Wochen die erste Wintergrippe vorbeischaute, würde bestimmt ein Zimmer frei für ihn. Alle ausser ihm wussten das.

«Hast wieder mal den Kopf nicht bei der Sache, du Birne», wiederholte Walter, packte seinen toten Hahn, stiefelte hinaus und vergrub ihn im Lauchbeet auf der Südseite des Holzhauses, im Andenken an Johannas Rezept für Hähnchen mit Lauch. Dazu heulte er laut. Wie immer klang Walters Heulen wie das Wiehern eines Pferdes. Dem gab man im Dorf nicht allzu viel Gewicht. Aufmerksamkeit war erst dann angebracht, wenn sein Heulen klang wie ein drei Minuten dauernder Schleuderunfall.

Nach Bertholds feierlicher Beisetzung marschierte Walter in den Schuppen, wo er gut gelaunt Ottilie rupfte und mit ihr plauderte. «So, fertig, altes Kalb!», rief er nach ein paar Minuten, «Zeit für die Medizin.» Er schneuzte sich, stieg aus seinen Stiefeln, tappte in seine kleine Stube und betrachtete die ungezählten Fläschchen mit Flüssigkeiten und Dosen mit Pulvern auf dem Stubenbuffet, Mutters Hausapotheke.

Walter schüttete wahllos Ingredienzen in ein seit Tagen ungewaschenes Glas, schloss die Augen, sagte «Gesundheit!» und kippte die Mixtur in einem Zug hinunter. Anschliessend schlurfte er in die Küche, machte im kleinen Holzherd ein Feuer und stellte ein Pfännchen Milch darauf. Mit einem Milchkaffee setzte er sich schliesslich an den Küchentisch und verteilte sich selber Jasskarten. Plötzlich sah er auf, blickte auf den heiligen Sebastian an der Wand, rief «Verreckt, es wirkt» und rannte zur Toilette.

Sonntag, 18.07 Uhr

Nik hockte auf der untersten Treppenstufe und starrte fassungslos auf den Boden des langen Hausganges. Da stand Lassie und leckte fröhlich wedelnd ein Gesicht ab. Es war sein eigenes.

Nik sah sich selber am Boden liegen. Er spürte, wie sein Herz pochte. Das war doch gar nicht möglich! Wenn er dort am Boden lag, tot, wie konnte er denn gleichzeitig danebensitzen? Und wie konnte er einen Puls fühlen? Noch einmal sah er sich den Körper auf dem Boden genauer an. Doch, das war eindeutig er selber, Nik Hofmann. Also befand er sich ausserhalb seines eigenen Körpers. War das jetzt eines dieser sogenannten Nahtoderlebnisse?

Er blickte an sich hinunter. Seine Hand lag auf einer halb offenen schwarzen Wildlederjacke mit grauem Futter. Darunter trug er ein schwarzes Leinenhemd mit senkrechten, fingerbreiten und sehr eleganten silbergrauen Streifen. Die Hose, die Socken und die stilvollen gefütterten Winterschuhe waren schwarz und sassen perfekt. Nik erinnerte sich, wo er diese Kleider schon einmal gesehen hatte: im Versandkatalog, vor drei oder vier Tagen. Es war exakt jene Kombination, die er sich geleistet hätte, wenn er sie sich hätte leisten können. Und nun trug er sie. Offenbar hatte er jetzt also einen zweiten Körper. Sehr seltsam.

Nik atmete auf. Von Dingen, die er in den Tagen zuvor gesehen oder erlebt hatte, träumte er des Öftern. Bestimmt schlief er nur, und der Wecker würde ihn aus diesem Albtraum erlösen.

Er stellte sich vor, wie er im Bett lag, und versuchte, im Rücken seine Matratze zu spüren, im Genick das Kopfkissen, in der Blase den Druck. Zum ersten Mal im Leben ersehnte er das nervtötende Piepsen seines Weckers. Eine, zwei Minuten sass er regungslos da. Je länger er wartete, desto mehr zerbröckelte seine Hoffnung, und als er die Augen wieder öffnete, sah er sich genau wie zuvor daliegen, der Oberkörper auf dem Boden des Gangs und die Beine auf den untersten beiden Treppenstufen. Es sah scheusslich definitiv aus. Nacktes Entsetzen erfasste ihn.

Nik erhob sich und gab seinem Körper mit dem Fuss einen leichten Tritt. Er bewegte sich nicht. «Steh auf», flüsterte er, doch sein Körper tat nichts dergleichen. Ihn zu beatmen brachte wohl auch nichts, so wie es aussah, hatte er sich das Genick gebrochen. Das da auf dem Boden war nicht sein Körper, sondern – sein Leichnam. Nik erschauerte. Er war tot.

Die Erkenntnis schnürte ihm die Kehle zu. Wenn er tot war, war Sonja allein. Nik stiess einen wütenden Schrei aus, sodass Lassie erschrocken zusammenzuckte und einen Moment lang vergass, das Gesicht der Leiche abzulecken. Der unbekannte Maskierte war über alle Berge, aber Nik schleuderte ihm trotzdem noch alle Flüche, die ihm einfielen, durch den Hausgang hinterher, was nicht allzu viele waren, und Lassie zog den Schwanz ein.

Der Verstorbene dachte nach. Walter konnte es nicht gewesen sein. Dafür war er zu sonnig und zu einfältig. Ausserdem mochte Walter ihn, so wie er grundsätzlich alle Menschen mochte, und er hätte auch gar keinen Grund gehabt, ihn umzubringen. Eigentlich hatte überhaupt niemand einen Grund gehabt, ihn umzubringen. Man tötet seinen Coiffeur ja nicht gleich, nur weil mal ein Schnitt nicht ganz den Erwartungen entsprach.

Müdigkeit und Resignation befielen Nik. Das war so irrwitzig sinnlos. Er setzte sich wieder auf die Treppe, richtete seinen Blick auf seine Leiche und verstummte. Sonja würde nach Hause kommen und ihren Paps am Treppenabsatz finden, unschön verrenkt und mit gebrochenem Genick. Es sah aus wie ein Unfall, ein Sturz von der Treppe, und niemand würde das Geringste ahnen.

Eine Weile brütete Nik vor sich hin. Dann sagte er laut: «Du bist tot.» Es klang schockierend, und doch tat es irgendwie gut, die eigene Stimme zu hören, denn das hiess nichts anderes, als dass er immer noch ein bisschen am Leben war. «Tot bist du, Nik Hofmann, was für ein überraschend gemütlicher Sonntagabend, aber am Montag ist der Salon sowieso geschlossen, du brauchst nicht mal Kunden zu verschieben.»

Nik blickte erneut an sich herunter. Sein Bäuchlein war verschwunden, in seinen Kleidern sah er unglaublich gut aus. Wer mochte ihn so angezogen haben? Wie kam es überhaupt, dass er einen zweiten Körper hatte, wenn doch sein eigener vor ihm auf dem Boden lag? Nik erhob sich, stellte sich vor seinen leblosen Körper und gab diesem einen kräftigen Tritt in die Seite. Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen rechten Fuss, und er verzog das Gesicht. Trotz des heftigen Tritts war seine Leiche bewegungslos geblieben, wogegen sich sein Fuss anfühlte, als hätte er versucht, eine Betonmauer als Freistoss zu treten. Nik verbiss sich ein Fluchen. Sterben und sich dann den Fuss verstauchen, grossartig. Das waren dann wohl Phantomschmerzen. Und er war dann wohl ein Phantom.

Nik biss die Zähne zusammen, humpelte vor den Afri-Cola-Spiegel aus den Fünfzigern, der rechts neben der Türe zum Salon hing, und blickte hinein. Ein hinreissend aussehender Nik Hofmann im Alter von 25 Jahren betrachtete ihn, mit dichtem Haar und coolem Dreitagebart. Er sah genau so aus, wie er sich immer gewünscht hatte. Nik drehte sich nach rechts, blickte über die linke Schulter, neigte seinen Kopf, fuhr sich mit der Hand in einer eleganten und schwungvollen Bewegung durch die Haare, sah sich dabei zu und wusste nicht, ob er lachen oder heulen sollte. Vorsichtig tastete er sich ab, rieb die Stoffe seiner neuen Kleider zwischen den Fingern, kniff sich. Es schmerzte. Sehen, hören und fühlen – alles funktionierte einwandfrei.

Irgendwie hatte Nik sich das Totsein toter vorgestellt. So musste Bruce Willis sich in The Sixth Sense gefühlt haben, zumindest nach der Schlusspointe. Nik hatte die meisten Filme mit Bruce Willis gesehen. Diese Saftwurzel hatte eine Glatze und spielte trotzdem Hauptrollen, als Einziger seit Kojak, der aber schon deswegen nicht zählte, weil seine Glatze künstlicher Natur gewesen war. Normalerweise starben die Kahlköpfigen in Hollywood ja immer zuerst. Ob bei der Mafia, im Raumschiff oder in der Armee: Wer zuerst gefällt wurde, den hatte man mit einer Glatze oder zumindest mit schütterem Haar gekennzeichnet. Vermutlich als Orientierungshilfe für den Regisseur. Bei den Frauen waren es die Dicken, die Brünetten und sicher die Brillenträgerinnen. Zuletzt starb dann noch die Alibischwarze, und nur die Blondine erlebte das Happyend. Manchmal mit Bruce Willis zusammen, der die Blondine dann auch noch kriegte, und das obwohl er eine Glatze hatte und bei Filmende meist auch etwas verbeult aussah.

Nik wandte seinen Blick vom Afri-Cola-Spiegel ab, richtete sich auf und sagte: «Also. Jemand hat mich von der Treppe geschubst. Ein grosser Kerl. Habe ich Feinde? Nein. Es war nur ein Einbrecher. Ich habe ihn überrascht, er schubste mich. Dass ich mir dabei das Genick gebrochen habe, ist einfach nur Pech. Mein Tod ist ein kleiner, zufälliger Unfall.»

Und was jetzt? Was würde passieren mit Sonja, mit dem Salon? Und was mit ihm? Und wie war das mit Himmel und Hölle und dem lieben Gott und dem Jüngsten Gericht und so?

Nik wurde mulmig zumute. In die Kirche war er durchaus regelmässig gegangen. Quantitativ konnte man ihm da nicht viel ankreiden. Und da er nun überrascht konstatieren musste, dass er zwar tot war, aber trotzdem noch lebte, war es auch nicht mehr undenkbar, dass es einen Gott gab. Eine ungemütliche Vorstellung. Womöglich hatte der ja auch regelmässigen Blickkontakt zu den Kollektenkästchen.

Lassie lag auf dem Boden und spielte mit Niks Perücke, die ihm beim Sturz vom Kopf gerissen worden war. Nun würden auch noch alle vom beschämenden kleinen Geheimnis ihres Coiffeurs erfahren. Dem halben Dorf hatte er sein Birkenwasser angedreht. Alle würden es aus ihren Spiegelschränken holen und in die Toilette schütten. Wie ein Lauffeuer würde es sich verbreiten, dass er, ausgerechnet er, Nik Hofmann, Inhaber und Betreiber von Babettas historischem Coiffeursalon, Bruce Willis’ Frisur gehabt hatte. Nun war er selber so ein früh gefällter Glatzenträger. Und keiner wusste, dass er eine Art Geistkörper hatte, der aussah wie der junge George Clooney. Leider taugte der Körper nun zu nichts mehr. Er konnte ja Lassie nicht einmal mehr die Perücke wegnehmen. «Dummer Hund!», brummte Nik.

Lassie hörte unvermittelt auf, mit dem Schwanz zu wedeln, schaute auf und blickte irritiert in seine Richtung.

Menschenskind – sie hörte ihn ja!

Nun war Nik hellwach. «Komm Lassie, komm!», rief er.

Lassie stellte ihre Ohren auf und bellte verwirrt. Nik humpelte auf sie zu. Ihr Blick folgte ihm nicht.

Vorsichtig berührte Nik Lassie am Hinterkopf. Er spürte, wie seine Finger zwischen die langen Haare des Collies fuhren, doch das Fell bewegte sich nicht, und Lassie reagierte nicht. Nik runzelte die Stirn. Er streichelte sie kraftvoll, packte sie spielerisch und spürte ihren weichen Balg. Das Fell blieb ohne jegliche Bewegung. Sie konnte ihn also nur hören, aber weder sehen noch riechen noch spüren. Das war komplett absurd.

Unvermittelt hob Lassie den Kopf und spitzte die Ohren. Dann sprang sie auf und rannte zur Haustüre.