Der Rabe Oskar und das verschwundene Armband

Henry Wimmer

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Erste Auflage 2017

© Coverbild: Christine Lichter

Covergestaltung, Layout & Lektorat: net-Verlag

© Illustrationen: Christine Lichter

© net-Verlag, 39517 Tangerhütte

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-95720-218-5

Widmung

Ich widme den ersten Band der Geschichte um den Raben Oskar unserem zweiten Enkelkind und meinem Namensvetter Henry sowie meiner lieben Freundin Katrin. Ohne sie hätte der Rabe vermutlich niemals das Licht der Welt erblickt. Und außerdem liebt sie Oskar ebenso sehr wie ich.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Kapitel 1 Ein überraschender Umzug

Kapitel 2 Klarstellende Verhältnisse

Kapitel 3 Ankunft

Kapitel 4 Abkühlung

Kapitel 5 Etwas Glitzerndes

Kapitel 6 Nahrungsaufnahme

Kapitel 7 Streit

Kapitel 8 Morgentau

Kapitel 9 Kümmerer

Kapitel 10 Parade

Kapitel 11 Aufklärung

Kapitel 12 Große Runde

Kapitel 13 Viele Meinungen

Kapitel 14 Aufbruchsstimmung

Kapitel 15 Inspektion

Kapitel 16 Auf in ein Abenteuer

Kapitel 17 Übersetzen

Kapitel 18 Zu spät

Kapitel 19 Behandlung

Kapitel 20 Operation

Kapitel 21 Wieder ist es Nacht

Kapitel 22 Ein unerwartetes Hindernis

Kapitel 23 Ein Plan

Kapitel 24 Angeklopft

Kapitel 25 Ein erster Kontakt

Kapitel 26 Aus anderer Sicht

Kapitel 27 Zwischen Himmel und Erde

Kapitel 28 In letzter Sekunde

Kapitel 29 Unerwartete Unterstützung

Kapitel 30 Erwischt

Kapitel 31 Verwirrende Augen

Kapitel 32 Vorsichtig

Kapitel 33 Was jetzt?

Kapitel 34 Ein Lichtblick

Kapitel 35 Der Fisch

Kapitel 36 Zweiter Versuch

Kapitel 37 Kräutergarten

Kapitel 38 Einschiffen

Kapitel 39 Probleme

Kapitel 40 Hilfe naht

Kapitel 41 Ein Name

Kapitel 42 Schlechtes Gewissen

Kapitel 43 Entdeckt

Kapitel 44 Aktion

Kapitel 45 Was ist zu tun?

Kapitel 46 Wie gewonnen

Kapitel 47 Planung und Umsetzung

Kapitel 48 Epilog

Danksagung

Autorenbiografie

Buchempfehlungen

Kapitel 1

Ein überraschender Umzug

Oskar kniff die Augen zu.

Na ja, wir wollen ehrlich sein. Zumindest hätte er das getan, wenn seine Augenlider beweglich gewesen wären. Da sie aber, genau wie sein ganzer Körper, nur aus Metall bestanden und nicht dafür vorgesehen waren, sich öffnen oder schließen zu können, blieb es bei dem frommen Wunsch.

Das Licht des neuen Tages stach in seine Augen.

In dem Baumarkt, in dem Oskar sein Zuhause fand, flammten die Deckenbeleuchtungen auf. Durch das Oberlicht schien bereits die Sonne ins Innere. So weit Oskar das sehen konnte, versprach es, ein wolkenloser Tag zu werden. Er selbst hoffte, nicht zu sehr von der Sonne verwöhnt zu werden. Denn Verwöhnen traf es in seinem Fall überhaupt nicht. An manchen Tagen stellten sie ihn in den Außenbereich. Steckten ihn in einen der bepflanzten Blumenkübel und verloren keinen Gedanken daran, dass er die pure Sonnenhitze überhaupt nicht vertrug. Im Grunde konnte er schon froh sein, dass sie ihn bei einsetzendem Regen hereinholten. Denn Rost hätte seinem Teint schon sehr geschadet.

Auch so liefen die meisten Menschen achtlos an ihm vorüber. Hielten ihn für ein seelenloses Stück Metall. Wenn Oskar sich doch nur hätte bemerkbar machen können. Auch er besaß schließlich Wünsche und Vorstellungen.

Wann es ihn hierher verschlagen hatte, wusste er nicht zu sagen. Es war ihm, als sei er eines Tages hier aufgewacht. Ein anderes Leben durfte er bisher nicht kennenlernen.

Lange Zeit wusste er noch nicht einmal, um was es sich bei ihm überhaupt handelte.

Wenn er sein Umfeld betrachtete, soweit sein eingeschränktes Blickfeld dies überhaupt zuließ, sah er verschiedene Dinge. Je nachdem, wohin sie ihn gerade verfrachteten. Irgendwie wurde er den Eindruck nicht los, dass er dem Personal lästig war. Inzwischen wusste er sogar, dass er der Einzige seiner Art war. Und das kam so:

Eines Tages gab man ihm eine neue Stelle, an der er geduldig darauf warten sollte, dass irgendjemand irgendwann auf die Idee käme, ihn nach irgendwohin mitzunehmen. Alleine von diesem Irgendwo besaß er nicht die geringste Vorstellung. Sein Dasein bestand nur aus Sonnenaufgang, aus Sonnenuntergang und aus dem Anblick der Menschen, die achtlos an ihm vorbeizogen.

An jenem Tag aber, da Oskar ein Bewusstsein zu seiner eigenen Person entwickeln durfte, stellte man ihn genau gegenüber eine Reihe von Spiegeln auf, die dort auf ihren Abtransport warteten. Zuerst fielen sie ihm gar nicht auf. Woher hätte Oskar überhaupt wissen sollen, dass er selbst es war, der sich auf der anderen Seite des Ganges zeigte? Er begriff erst, was er sah, als unvermittelt ein Kind nach ihm griff, ihn kurz beobachtete und dann wieder zurückstellte.

Oskar war zuerst enttäuscht, schließlich aber dankbar, dass der Junge ihn genauso wieder ins Erdreich steckte, wie er ihn herausgezogen hatte. Denn so zeigte sein Gesicht immer noch in Richtung der Spiegel.

Verwundert hatte er das Geschehen betrachtet. Es angesehen, als schaue er einem Fremden zu. Als ihm schließlich dämmerte, was sich vor seinen Augen abspielte, war es bereits fast zu spät. Kurz darauf wurden die Spiegel unter erheblichem Getöse aufgeladen. Doch bevor der letzte verschwand, hatte Oskar sich ausgiebig betrachten können.

Als endlich wieder Ruhe herrschte, dachte er nach.

Gefiel ihm, was er gesehen hatte?

Nicht, dass Oskar eitel gewesen wäre. Aber er wäre auch ganz und gar nicht abgeneigt gewesen, sich nochmals in Augenschein zu nehmen. Im Grunde verstand er nicht, weshalb noch niemand auf ihn aufmerksam geworden war.

In Gedanken rief er das Bild seines eigenen Selbst wieder und wieder in Erinnerung.

Er war ein Rabe.

So viel stand fest. Auch wenn er noch niemals einen solchen leibhaftig zu Gesicht bekommen hatte, beschloss er, damit richtig zu liegen.

Punkt!

Sein Körper besaß eine rostbraune Färbung.

Irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, dass auch lebendige Vögel eine solche Färbung ihres Gefieders aufwiesen. Aber wen scherte das schon? Er war kein lebendiges Exemplar und durfte sich deswegen gewisse Eigenheiten sehr wohl erlauben.

Die Flügel nach hinten seitlich angelegt. Ein stolzer langer Schnabel. In seinen Augen ein Ausdruck von Klugheit und Schläue. Oskar interpretierte dies so. Sollte ihm doch jemand das Gegenteil beweisen!

Auf seinem Kopf saß ein fescher Hut. Ebenfalls aus Metall.

Mochten andere diesen vielleicht als albern ansehen, ihm gefiel der Hut. Er gab ihm ein verwegenes und fesches Aussehen. Am liebsten hätte Oskar tief geseufzt, weil er sein Bild nicht mehr in Realität sehen durfte. Aber selbst dieses Seufzen war ihm versagt.

Sein Körper ruhte auf zwei geschickt dargestellten Füßen, die wiederum auf einer Stange saßen, die nach unten spitz zulief. Unter seinen Füßen gab es eine Art gewölbtes Dach, gefolgt von einer Schale. Noch wusste er nicht, was seine eigentliche Aufgabe war. Aber das würde er schon herausfinden.

Oskar war sich sicher, zu Größerem erschaffen worden zu sein. Nur, dass sich etwas ändern musste, um das zu beweisen.

»Diese dumme Vogeltränke steht immer noch hier. Niemand interessiert sich wirklich dafür. Ich warte noch bis zum Ende der Woche. Wenn sie bis dahin nicht verkauft ist, geht sie an den Hersteller zurück. Soll er damit machen, was er will. Mir steht sie jedenfalls im Weg.«

Ein Mann näherte sich, griff nach Oskar und war gerade dabei, ihn an eine andere geeignete Stelle zu setzen, als er von einer Frauenstimme unterbrochen wurde: »Oh, wie hübsch. Ist der schon verkauft?«

Oskar, kurz zuvor noch in Gedanken versunken aufgrund der neuen Information, dass er eine Vogeltränke sei, plusterte sein Gefieder auf. Mist, ging es durch seinen Kopf. Man hat mir die Instinkte eines normalen Vogels geschenkt, aber alles, was mir bleibt, ist dumm auf meiner Stange zu hocken.

Wie gerne hätte er seinem inneren Drängen gehorcht und tatsächlich sein Gefieder weit aufgeplustert. Jetzt aber schalt er sich einen Narren. Viel wichtiger als diese unsinnigen Gedanken war es, dem Gespräch zu lauschen.

»Nein. Sie können ihn gerne mitnehmen. Er ist der letzte seiner Art. Hat reißenden Absatz gefunden. Sie können froh sein, dass sie noch einen davon ergattern konnten.«

Oskar verdrehte innerlich die Augen. Lügner.

Doch eigentlich war das egal. Hauptsache war, sie würde ihn mitnehmen. Oskar wusste plötzlich, dass dies genau der Punkt war, auf den er hingelebt hatte. Jetzt oder nie!

Die junge Frau wechselte noch einige Worte mit dem Verkäufer. Schließlich griff sie nach dem metallenen Raben, klemmte ihn sich unter den linken Arm und schlenderte mit ihm in Richtung der Kasse.

In Oskars Brust pochte es, als besäße er selbst ein Herz, dessen regelmäßigen Schlag er vernahm. Wahrscheinlich war es aber nur der Herzschlag der Käuferin, der sich auf ihn übertrug. Trotzdem kam Oskar sich in diesem Augenblick fast ein wenig vor, als sei er tatsächlich ein lebendiges Wesen.

Als sie kurz darauf den Baumarkt verließen, betrachtete Oskar seine neue Umwelt. Begierig sog er jedes Bisschen an Bildern auf, die sich ihm darboten.

War er schon einmal mit einem dieser lauten Gefährte befördert worden, in dessen hintere Klappe er jetzt verstaut wurde? Erinnern konnte er sich jedenfalls nicht daran. Als sich die Klappe über ihm schloss, versank die ganze Welt in Dunkelheit. Oskar spürte, dass sie das Gelände des Baumarktes verließen.

Begierig wartete er darauf, was seine neue Welt ihm zu bieten hatte. Darüber schlief er ein. Mit offenen Augen. So, wie es sich für einen Raben aus Metall gehört.

Kapitel 2

Klarstellende Verhältnisse

Ein angenehmer oder erholsamer Schlaf war es keineswegs.

Immer wieder rumpelte das Fahrzeug über Unebenheiten des Straßenbelags. Oskar, der solche Beförderungen nicht gewohnt war, wachte stets auf und hatte es schwer, in den Schlaf zurückzufinden. Er war der Meinung, dass es für ihn nur gut sein könne, den Transport schlafend zu überstehen. Desto schneller würde dieser vorbei sein, und er konnte sich endlich an seiner neuen Umgebung sattsehen. Diese malte er sich bereits in den schönsten Farben aus. Wenn es auch überhaupt kein Bild gab, das er als Vergleich heranziehen konnte, war Oskar der Meinung, er komme der Wirklichkeit ziemlich nahe. Dazu sei überdies noch erwähnt, dass es dem Raben inzwischen ziemlich übel war und er inständig hoffte, sie würden bald den Zielpunkt erreichen.

»Wer sagt das?«

»Wie bitte?« Ich lehnte mich zurück und schaute verwirrt auf meine Tatstatur. Hatte ich tatsächlich eine Stimme gehört, oder bildete ich mir diese nur ein?

»Dumme Frage! Ich bin keine Einbildung.«

Hilflos griff ich nach der Flasche mit kühlem Sprudelwasser, die ich während des Schreibens immer in meiner Nähe habe. Wenn ich zu lange in erdachten Welten versinke, wird mir gerne einmal der Mund trocken. Dann ist ein erfrischender Schluck äußerst hilfreich.

Jetzt aber war ich mir nicht mehr sicher, ob ich dabei war, den Verstand zu verlieren.

Misstrauisch warf ich einen Blick auf das Etikett der Flasche, schraubte sie auf und roch vorsichtig daran. Ohne Zweifel war das frisches Sprudelwasser. Ein vorsichtiger Schluck beseitigte meine letzten Zweifel.

»Mach nicht so ein Theater! Du weißt genau, wer ich bin.«

»Weiß ich eben nicht.«

Natürlich hegte ich einen Verdacht. Aber dieser war so weit hergeholt, dass er ins Reich der Fantasie gehörte. Niemals war es möglich, dass …

»Meinst du, du hast die Weisheit ganz alleine gepachtet? Du seist das Maß aller Dinge? Lass dir gesagt sein, das bist du definitiv nicht.«

»Oskar?«

»Ohhh! Der Herr wacht auf. Ich fasse es ja nicht. Wer sollte ich deines Erachtens denn sonst wohl sein? Denkst du, irgendwelche Hirngespinste senden dir geheime Botschaften? Oh Gott, oh Gott. Was mag nur passiert seiiin …«

Ich musste zugeben, dass meine eigene, soeben erst erdachte Figur begann, mir gewaltig auf den Keks zu gehen.

Es wäre so einfach. Beenden! Die Frage nach Speichern mit Nein beantworten. Und schon wäre Oskar nicht mehr als ein flüchtiger Gedanke.

»Untersteh dich! Außerdem würdest du es nicht übers Herz bringen. Du magst mich doch bereits. Hast mich in dein Herz geschlossen.«

Mein metallener Rabe ließ einige schmatzende Geräusche hören, die entfernt an ein Küssen erinnern sollten. Wo auch immer er das schon einmal wahrgenommen hatte, aus seinem blechernen Schnabel klang es reichlich verwirrend.

Ungefähr so: Schmmmkrrrk. Na ja, Ihr wisst schon, was ich meine.

Trotzdem musste ich zugeben, dass er nicht ganz im Unrecht war. Ich mochte ihn tatsächlich schon und …

»Hab ich es doch gesagt. Hab ich es doch gesagt. Ich wusste es!« Sein triumphierender Tonfall machte mich bereits wieder zweifelnd. Vermutlich sollte ich vorsichtiger sein, mit der Wahl meiner Worte. Der Schlingel las tatsächlich mit.

»Wie kann es sein, dass du zu mir sprichst? Du bist nichts als eine erdachte Figur.«

»Ach??? Und deswegen habe ich keine Gefühle? Überlege doch mal. Wenn ich nicht mehr wäre als eine Wortspielerei, dann würde ich die Leser nur langweilen. Gestehe mir also bitte etwas Eigeninitiative zu. Und falls nicht …« – Oskars Stimme nahm einen drohenden Unterton an – »… such dir jemand anderen, den du höchst unzureichend beschreiben kannst. Denn …« Wieder folgte eine kurze Pause. »Ich bin keine Vogeltränke. Sondern ein überaus gelungenes Exemplar einer Futterstation.«

»Entschuldigung.«

Keine Antwort.

»Oskar? Bist du beleidigt?«

»Hmmm. Ich doch nicht. Aber grundsätzlich wären wir beim Thema.«

»Was heißt das?«

»Ganz einfach. Wer bist du, dass du meinst, meine Gefühle beschreiben zu können? Dazu sei überdies noch erwähnt, dass es dem Raben inzwischen ziemlich übel war und er inständig hoffte, sie würden bald den Zielpunkt erreichen.«

Er äffte mich tatsächlich nach.

Ich verschränkte meine Arme vor der Brust. Inzwischen wurde ich sauer. Wenn ich solche unsinnigen Unterhaltungen mit jeder meiner Figuren hätte führen müssen, welch eine dumme Zeitverschwendung wäre das gewesen!

»Aha! Als Zeitverschwendung tituliert mich der Herr!«

»Das habe ich doch gar nicht gesagt.«

»Aber gemeint!«

»Quatsch. Raus mit der Sprache! Was willst du von mir?«

»Hast du das noch immer nicht begriffen, du Stoffel? Ich will meine Geschichte selbst erzählen. Aus meiner höchsteigenen Sicht. Dann wird sie vielleicht auch zu einem Erfolg. Solange du nur auf deine Tasten haust, wird da im Leben nichts draus. Ich diktiere dir. Du schreibst.«

»Vergiss es!«

»Dann lassen wir das eben.«

»Genau. Die Lust ist mir schon längst vergangen.«

Stille. Kein Laut war mehr zu hören.

»Hey du … Ich habe es nicht so gemeint.«

Aha! Kam das freche Biest tatsächlich zur Besinnung.

»Einsicht ist der erste Weg zu Besserung. Und noch was. Ich heiße nicht ›Hey du‹.«

»Sondern?«

»Henry.«

»Na gut, Henryyy, dann schreibe weiter aus deiner Sicht.«

Die Art und Weise, wie Oskar meinen Namen betonte und in die Länge zog, ließ keinen Zweifel zu, dass diesem Disput noch einige folgen würden.

Kapitel 3

Ankunft

Mit quietschenden Bremsen kam das Fahrzeug zum Stillstand.

Oskar hatte keine Ahnung vom normalen Leben. Von Autos schon gleich gar nicht. So wusste er auch nicht, dass es sich um ein reichlich altersschwaches Exemplar handelte. Was in diesem Zusammenhang zwar unerheblich ist, aber an anderer Stelle eine wichtige Rolle einnehmen wird.

»Interessant.«

»Oskar! Halt den Rand!«

Als der Kofferraumdeckel geöffnet wurde, fielen Oskar erste Regentropfen ins Gesicht. Nichts war mehr von dem strahlenden Sonnenschein bei ihrer Abfahrt geblieben. Oskar war enttäuscht. Er hatte sich so sehr gewünscht, den Garten – denn nichts anderes erwartete er – sogleich sehen zu dürfen. Jetzt im Innern des Hauses warten zu müssen, schmeckte ihm ganz und gar nicht. Andererseits … Nässe verschandelte ihm möglicherweise seinen Teint. Und da Oskar eitel war …

»Stimmt nicht!«

»Aber hallo …!«

Also. Da Oskar eitel war, würde er den Aufenthalt im Haus der alternativen Unterbringung vorziehen. Dass es darüber hinaus genug zu sehen gab in den Zimmern, durch die er nun geführt würde, auch das stand für Oskar unumstößlich fest. Da er neugierig war, würde es vielleicht gar nicht schlecht sein, sich ein allgemeines Bild zu verschaffen. Wer konnte schon wissen, wozu es noch gut sein würde, sich auszukennen.

Ehrlich gesagt, ich war schon erstaunt, dass ich zum Thema Neugier keine Reaktion erhielt.

»Ich würde es ja auch nicht Neugier nennen, sondern Interesse an meiner Umgebung. Banause!«

Ich grinste. Unverständlicherweise fehlten mir seine Anmerkungen bereits.

Wie erstaunt war Oskar jedoch, als seine neue Besitzerin mit schnellen Schritten das Haus durchquerte, die Verandatür zum Garten öffnete und ihn auf seinem Stab lieblos an der nächstbesten Stelle in das Erdreich rammte.

Sein Gesicht zeigte zum anderen Ende des Gartens. So war es Oskar nicht möglich zu sehen, was sich in seinem Rücken abspielte. Er hörte nur, dass sich die Türe wieder schloss. Dann war er alleine. Alleine mit sich selbst. Dem Regen. Und dem Blick in das weite Rund. Der natürlich durch die Tatsache begrenzt war, dass der Rabe seinen Kopf nicht drehen konnte, sondern wie angewurzelt immer in dieselbe Richtung blickte.

»Das mach dir Spaß, darauf herumzureiten.«

»Aber es stimmt doch!«

»Selbst wenn. Man hätte es netter ausdrücken können. So zum Beispiel: Oskars edler Kopf blickte in Herrscherpose über den Rasen, der sich endlos vor ihm erschloss. Wie gerne hätte er auch die anderen Ecken inspiziert. Dies war ihm allerdings derzeit aus diversen Gründen nicht möglich.«

»Ja, ja, ja. Ich nehme deinen Einwand mit auf. Sollen sich andere dazu äußern.«

Was als ein leichter Sommerregen begann, wuchs sich nach und nach zu einem Wolkenbruch aus. Es regnete, nein, es goss wie aus Eimern. Das Wasser lief an Oskar hinab. Er konnte sich bereits lebhaft vorstellen, dass es nicht bei seiner rötlichen Farbe bleiben würde …

»Bei seiner w u n d e r v o l l e n rötlichen Schattierung …«

»Gut, meinetwegen. Ich bin einverstanden.«

Als der Regen endlich nachließ und die dichten Vorhänge aus Wasser begannen, sich aufzulösen, war es Oskar erstmals möglich, sein neues Zuhause ernsthaft unter die Lupe zu nehmen.

Vor ihm erstreckte sich ein ungepflegter Rasen, der …

»Warum muss es unbedingt ein ungepflegter Rasen sein? Ein fürstliches Geläuf hätte mir besser zu Gesicht gestanden.«

»Oskar! Geh mir nicht auf die Nerven! Es ist wichtig für diese Geschichte, dass der Rasen ungepflegt ist. Wenn du mich laufend unterbrichst, komme ich nicht weiter.«

… ein ungepflegter Rasen, der von Disteln und hochwachsendem Unkraut übersät war. Ein wahrgewordener Traum, um sich darin zu verstecken.

Sehnsuchtsvoll blickte Oskar auf sein neues Reich. Wie gerne er doch daran teilgenommen hätte. Vor seinen Augen huschte einiges an kleinem Getier durch das Unkraut. Wenn der Rabe genau hinsah, konnte er noch Schwänze erkennen, die im Dickicht verschwanden. Zwar hatte er noch niemals eine Maus kennengelernt, aber sein Instinkt sagte ihm, dass es sich zweifellos um Mäuse handeln musste.

Ein lautes Pling ertönte.

Jemand hackte mittels eines harten Gegenstandes auf Oskars Rücken. Dann herrschte wieder Ruhe. Zum tausendsten Mal verfluchte Oskar die Tatsache, dass er sich nicht drehen konnte. Das bemerkte aber auch sein Besucher, und so hüpfte er nach vorne, wobei er sich mit seinem Schnabel an den verschiedensten Teilen des Rabenkörpers festhielt.

Aus kleinen Knopfaugen starrte der Vogel Oskar an.

Noch wusste er nicht so recht, was er von dem neuen Besucher halten sollte. Als er ihn mit einem schrillen Piepsen ansprach, erhielt er keine Antwort. Nachdem ihm das zu bunt wurde, flog der Spatz in Richtung des Gartens wieder davon.

»Stell mich nicht als überheblich dar! Wie sollte ich das bitte tun?«

»Vergiss es, Oskar! Vergiss es einfach!«

Aus dem Augenwinkel seines rechten Auges erkannte der Rabe einen Teich, der einen erheblichen Umfang ausmachte. Im Gegensatz zum Garten selbst war dieser akkurat angelegt. Inzwischen vermutete Oskar, dass der Teich zuerst in Angriff genommen wurde und der Rest noch folgen sollte. Nun ja, er würde genügend Gelegenheit finden, dies zu beobachten.

Ein Grollen, das vom Himmel zu kommen schien, lenkte Oskars Aufmerksamkeit ab. Schlagartig wurde es dunkel. Ein lebhafter Wind kam auf. Und noch bevor Oskar sich fragen konnte, was das nun zu bedeuten habe, klatschten bereits wieder dicke Regentropfen auf sein blechernes Gefieder.

So wäre es vermutlich sein ganzes Leben weitergegangen, wenn nicht … Ja, wenn dieses alte Haus über einen Blitzableiter verfügt hätte. Was es aber nicht tat.

Als nun Blitz um Blitz am Himmel jagten, hätte Oskar sich am liebsten versteckt. Er hatte schlichtweg Angst!

»Ja, natürlich. Ich hätte dich einmal sehen wollen. Du hast Beine, um wegzulaufen und dich zu verstecken. Ich nicht!«

»Mensch, Oskar. Sei doch nicht immer so kleinkariert! Ich bin doch dabei, es aufzulösen. Aber wenn du andauernd, deinen Senf dazugibst … Du weißt schon.«

Oskar brummelte sich etwas in sein Gefieder, das ich nicht verstand.

Was vielleicht auch besser so war.

Das Gewitter befand sich mit einem Mal genau über diesem kleinen verwunschenen Garten. Das wusste Oskar nicht. Aber er würde es gleich zu spüren bekommen.

Urplötzlich schoss ein gleißend heller Blitz in Oskars Richtung, der aber Gott sei dank nicht den Raben selbst traf und damit in sämtliche Einzelheiten zerlegt hätte.

Stattdessen schlug er in den Stab ein, auf dem Oskar hockte. Ein Strahl aus gebündeltem Licht und Hitze fuhr nach oben und ließ die Füße des Raben hell aufleuchten.

»Hell aufleuchten? Henry, du bist eine Pfeife. Ich hatte Schmerzen wie niemals zuvor in meinem Leben.«

»Ich weiß, Oskar. Ich weiß.«

»Pfff!«

Mit glühenden Krallen löste sich Oskar von seinem Untergrund, hüpfte ein Stück in die Höhe und krachte mit einem gehörigen Scheppern auf den Rasen.

Der gleichzeitige Donner des abziehenden Gewitters verschluckte jegliches Geräusch.

Kapitel 4

Abkühlung

Oskar starrte hinauf zu seinem angestammten Platz und verstand mit einem Mal die Welt nicht mehr. Was war passiert, dass er sich plötzlich hier unten auf dem regennass durchtränkten Rasen wiederfand. Und wieso, was für ihn viel schlimmer zählte, schmerzten seine Füße urplötzlich, als ob …

Schmerzen!!!

Oskar sprang auf und verschwendete keinen Gedanken daran, dass er diese Bewegungen noch Sekunden zuvor in den Bereich der Fabel verwiesen hätte.

»Kannst du dich bitte beeilen? Halte dich nicht damit auf zu beschreiben, was ich kann und was nicht. Ich habe Schmerzen. Und wenn du mir nicht endlich aus der Patsche hilfst, wünsche ich dir die Pest an den Hals.«

Okay. Diese Unmutsäußerung saß. Und tatsächlich spürte ich Anflüge eines schlechten Gewissens.

»Oh. Wie gnädig. Aber vielleicht wirft der Herr ja doch kurz einmal einen Blick auf meine Füße.«

Die Art, wie Oskar diesen Spruch herauspresste, ließ vermuten, dass er nicht schauspielerte.

Ich sah hinunter auf seine Füße. Und erschrak.

Tatsächlich war die rostbraune Farbe einem glühenden Rot gewichen. Oskar benötigte Hilfe. Und zwar sofort. »Sorry«, murmelte ich. Erntete aber nur einen unterdrückten Laut, der nach Hmpf, oder so ähnlich klang.

»Wo soll ich nur hin mit dir?«

Inzwischen nahm meine Stimme einen weinerlichen Klang an. Oskar tat mir entsetzlich leid, und ich verfluchte bereits den Moment, als ich beschloss, den Raben per Blitzschlag von seinem Sockel zu befreien. Wieder einmal nicht weit genug gedacht.

»So wie man dich kennt. Wenn ich nicht alles selbst in meine Krallen nehme, bin ich verraten und verkauft. Wirf einen Blick in Richtung des Teiches! Möglicherweise fällt dir dann etwas ein. Wenn nicht, dann vergiss diese Geschichte! Andere werden pfleglicher mit mir umgehen.«

»Jaja«, zischte ich zwischen meinen Zähnen hindurch. Dass ich bei seinen Worten allerdings hochrot anlief, entspricht nicht der Wahrheit. »Und jetzt lass mich in Ruhe nachdenken!«

Oskar schaute sich panisch um.

Immer noch glühten seine Füße in einem tiefen Rot. Die erste Kralle begann bereits, eine unnatürliche Form anzunehmen. Es war höchste Zeit, etwas zu unternehmen. Aufgeregt trippelte der Rabe hin und her, bis endlich der Teich, den er von oben schon gesehen hatte, in sein Blickfeld geriet.

Während er durch das nasse Gras lief … Gut, ich würde es eher als eine Art Humpeln bezeichnen. Die verformte Kralle behinderte ihn schon jetzt gewaltig.

»Das bringst du wieder in Ordnung, Henry!«

Oskar hörte sich genervt und wütend an. Und ich beschloss, darüber nachzudenken. Andernfalls würde er sowieso keine Ruhe mehr geben.

Beim Laufen jedenfalls hinterließ Oskar verfärbte Stellen im Gras. Kleine Rauchwolken und ein feines Zischen kündeten von der unvorstellbaren Hitze, die von dem glühenden Metall ausging. Die Spuren im Gras den Besitzern des Gartens zu erklären würde vermutlich auch nicht ganz so einfach werden.

Endlich erreichte Oskar den Teich.

Er ließ sich auf sein Hinterteil fallen und rutschte vorsichtig an das Wasser heran.

»Gib acht auf mich! Ich kann nicht schwimmen!«

»Natürlich. Keine Sorge. Für wie dumm hältst du mich eigentlich?«

Der Rabe streckte seine Füße nach vorne aus. Vorsichtig ließ er sie in das kühle Wasser des Teichs eintauchen. Ein lautes Zischen war zu hören. Oskars Gesicht nahm einen verklärten Ausdruck an. Während er auf die Wasseroberfläche schaute, konnte er erkennen, wie seine Gliedmaßen nach und nach dunkler wurden. Bis sie nur noch als ein Schemen im Wasser zu erkennen waren.

»Lange hätte ich das nicht mehr ausgehalten.« Oskar drehte seinen Kopf in Richtung der Stange, die noch immer im Erdreich steckte. Nunmehr jedoch ohne ihn.

»Oskar?«

»Sprich! Ich bin ja nicht taub.«

Fröhlich wippte der Rabe seine Krallen im Wasser auf und ab.

»Hast du gemerkt, dass du deinen Kopf jetzt ebenfalls bewegen kannst?« Ich muss zugeben, dass auch ich selbst von den Wendungen der Geschichte überrascht war. Wie schon oft zuvor überholten mich die Ereignisse, ohne dass ich sie selbst beeinflussen konnte.

»Tatsächlich.«

Mehr Worte war Oskar diese herausragende Tatsache nicht wert. Was aber vielleicht auch daran lag, dass er heilfroh war, seine Gliedmaßen wieder ohne Beeinträchtigung bewegen zu können. Als er seinen rechten Fuß aus dem Wasser zog, war sogar zu erkennen, dass die verformte Kralle in der Phase der Abkühlung fast wieder die gewohnte Form annahm.

»Da hast du Schwein gehabt. Ich … Hallooo!!! Lass das!«

Erstaunt hielt ich inne. »Was meinst du?«

Ich sah genauer hin. Und begriff.

Das Bein des Raben schwebte weiterhin über der Wasseroberfläche. Wäre Oskar ein Mensch gewesen, so hätte das keinerlei Probleme bereitet. So aber besaß er keine Chance, das Rutschen auf dem morastigen Untergrund zu stoppen.

Dort, wo ihr oder ich uns mit den Händen abgestützt hätten, führte seine, zugegebenermaßen seltsame Körperhaltung, dazu, dass sein Körper in Richtung des Wassers abglitt. Ich versuchte in höchster Not zu schreiben, dass er sein erhobenes Bein mit Wucht wieder ins Wasser des Teichs tauchte. Damit machte ich es jedoch eher schlimmer als besser. Der letzte Halt war dahin. Und Oskar verlor auch seine letzte Chance, sich zu halten.

Begleitet von einem leisen Platschen versank sein Körper aus Metall. Einige Ringe auf dem Wasser kündeten noch davon, dass hier etwas, oder jemand, untergegangen war. Dann war auch dieser Moment dahin.

In der Dunkelheit der Nacht war zu sehen, wie sein Körper lautlos nach unten trudelte. Im nächsten Augenblick verschwand auch dieser Eindruck.

Alles, was von dieser Nacht blieb, war das leise Grollen des abziehenden Gewitters sowie schwere Regentropfen, die den Teich aufwühlten.

Erschrocken zog ich die Hände von der Tatstatur.

Was jetzt?

Kapitel 5

Etwas Glitzerndes

»Blllbbbbschblbbb.«

Ich riss meine Augen auf. War da wirklich etwas zu hören gewesen. Oder war nur der Wunsch der Vater meiner Gedanken?

»Oskar???«

»Schlbbbbschl bbbsdchlll!!!«

Ich schluckte krampfhaft.

Da schwang bereits eine gehörige Portion Unmut in seinen Äußerungen mit. Ob ich ihm zu verstehen geben sollte, dass ich froh und glücklich war, von ihm zu hören?

Bevor ich mir die richtigen Worte zurechtlegen konnte, meldete der Rabe sich erneut.

»Wärsccht du – blubb – scho freundlisch – blubb – mir endlisch eine Antwort zu geben?«

»Reg dich nicht unnötig auf! Ich habe vorher kein Wort verstanden von dem, was du mir sagen wolltest.«

»Interessiert msch – blubb – nischt. Hol mich jetzt hier rausch! Alleine schaffe isch – blubb – das nischt.«

Ich überlegte fieberhaft, wie ich das bewerkstelligen konnte.