Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Des anderen Ehre
  4. Vorschau

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Des anderen Ehre

Wenn eine schöne Frau zwischen zwei Männern steht

 

 

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Konsul Henrici öffnete die Tür zum Boudoir seiner Frau. „Bist du fertig, Vera?“

Vera Henrici stand mitten im Zimmer. Ein Kleid aus kostbarer Seide fiel in weichen Falten von ihren Schultern herab. Es war in mattweißen und lichtgrauen Tönen gehalten und brachte die blühende Schönheit der jungen Frau zur vollsten Geltung. Vor ihr kniete ihre Zofe und befestigte am Saum des Kleides eine gelöste Ranke von Blütenknospen. Neben ihr stand ihre Gesellschafterin, Fräulein Helma Olfers, und entnahm einer Kassette von silberbeschlagenem Ebenholz Veras Schmuck.

„Nur noch einige Minuten Geduld, Albert, gleich bin ich bereit“, rief Vera ihrem Gatten zu.

Albert Henrici warf einen aus Lust und Schmerz gemischten Blick auf seine schöne Frau, dann trat er zurück und schloss die Tür. Langsam schritt er im Nebenzimmer über den dicken Teppich. In seinem scharf geschnittenen, charaktervollen Gesicht zuckte es wie verhaltene Erregung. Mit nervösen Fingern strich er über das kurz gehaltene, an den Schläfen schon grau melierte Haar. Dann ließ er sich müde in einen Sessel fallen. Die schlanke, sehnige Gestalt sank wie haltlos in sich zusammen, und das Gesicht zeigte schlaffe Züge. Er hatte in diesem Augenblick kaum Ähnlichkeit mit dem sonst so stattlichen, elastischen Mann, dessen geistvolle Liebenswürdigkeit und Frische überall bewundert wurde. Obwohl Henrici schon beinahe fünfzig war, behauptete er sich sonst mit seiner eleganten Erscheinung selbst an der Seite seiner um fünfundzwanzig Jahre jüngeren Gattin. Der Altersunterschied kam kaum jemand zum Bewusstsein, wenn man diese beiden Menschen zusammen sah.

Jetzt freilich hätte ein scharfer Beobachter in seinen Zügen und den umflort blickenden Augen wohl die Zeichen des nahenden Alters erblickt.

Henrici war in seiner Jugend einer der Männer gewesen, die das Leben mit vollen Sinnen auskosten. Sonst ein Ehrenmann im strengsten Sinne des Wortes, gab es auch bei ihm, wie bei so vielen seiner Art, eine Stelle, wo er nicht einwandfrei empfand und handelte. In Bezug auf die Frauen war sein Gewissen sehr dehnbar. „Des anderen Ehre“ galt ihm nichts, wenn es sich um eine begehrenswerte Frau handelte.

Übersättigt von der Gunst der Frauen, die dem reichen und interessanten Mann im Übermaß zuteil wurde, reizte ihn eine Liaison nur noch, wenn sie mit einiger Gefahr verknüpft war, wenn sie zu den verbotenen Früchten gehörte. Aber dann kam ein Tag, der ihn emporschreckte aus diesem leichtsinnigen, gewissenlosen Genussleben.

Ein beleidigter Ehemann forderte ihn vor die Pistole. Wie so oft entschied das Schicksal auch in diesem Fall ungerecht. Albert Henrici schoss seinem Gegner durch die Brust. Er hatte es nicht gewollt, in der Erregung des Augenblicks hatte er kaum gezielt; seine Hand war unsicher. Wie durch einen Nebel sah er seinen Gegner wanken und fallen. Erschrocken taumelte er vorwärts. Da traf ihn der letzte Blick seines Opfers mit wilder Anklage. Diesen Blick vergaß Albert Henrici nie.

Seit jener Stunde war er ein anderer geworden. Während der Haft, die über ihn verhängt wurde, quälte ihn sein erwachtes Gewissen Tag und Nacht. Er machte sich selbst die bittersten Vorwürfe, es so leicht genommen zu haben mit des anderen Ehre.

Nach verbüßter Haft schickte ihn sein Vater, ein mehrfacher Millionär, auf Reisen. Es sollte Gras über die Angelegenheit wachsen, und vor allen Dingen wollte sein Vater verhindern, dass er mit der Frau, um derentwillen das Duell ausgefochten wurde, wieder in Berührung kam.

Albert Henrici wäre ihr indessen auch ohnedies ferngeblieben.

Überhaupt – seit dem Duell waren ihm die Frauen gleichgültig geworden. Er ging ihnen aus dem Weg, wo er konnte. Seit seiner Weltreise, die sich auf zwei Jahre erstreckte, hatte sich sein Sinn ernsteren Zielen zugewandt.

Als er nach Europa zurückkehrte, nahm er einen mehrjährigen Aufenthalt in Italien, um dort die Geschäfte seines Vaters zu vertreten. Er kam immer nur besuchsweise heim zu seinen Eltern. Bei dieser Gelegenheit versuchten sie, ihn zu einer Heirat zu bewegen, aber ermochte nichts davon hören. Wohl hätte er jetzt, da er das Leben ernster auffasste, gern eine eigene Familie gegründet. Aber eine unbewusste Angst vor der Vergeltung hielt ihn davon ab. Er wagte nicht, eine Frau zur Hüterin seiner Ehre zu machen. An die absolute Treue einer Frau glaubte er nicht. Und warum sollte ihm nicht mit demselben Maß gemessen werden, mit dem er gemessen hatte?

So blieb er unverheiratet, zum Schmerz seiner Eltern.

Sie starben, als er bereits über vierzig Jahre zählte. Kurz zuvor war er nach Deutschland zurückgekehrt, um in seiner Vaterstadt das italienische Konsulat zu übernehmen.

Nach dem Tod seiner Eltern wohnte er allein mit der Dienerschaft in der vornehmen Villa am Stadtwald.

Natürlich fehlte es nicht an Versuchen, ihn in eheliche Fesseln zu schlagen. Freunde und Bekannte wetteiferten mit töchtergesegneten Müttern, ihn unter die Haube zu bringen. Aber umsonst – er blieb ledig.

Aber eines Tages ereilte ihn doch das Geschick. Bei einem Besuch auf dem Landsitz eines Freundes lernte er eine junge Dame kennen, die mit ihrer Mutter gleichfalls dort zu Besuch war. Er wusste nicht, dass dieses Zusammentreffen nicht ganz zufällig war. Die Gattin seines Freundes hatte Vera Böhmer mit ihrer Mutter absichtlich zu gleicher Zeit eingeladen. Veras Mutter war die Witwe eines hohen Beamten, die nur über eine schmale Pension verfügte. Entfernt verwandt mit der Gastgeberin, hatte sie ihr gegenüber den Wunsch geäußert, Vera mit einem vermögenden Mann zu verheiraten. Konsul Henrici wurde als glänzende Partie für die junge Dame in Aussicht genommen. Vera wusste, was man von ihr erwartete, die Mutter hielt ihr einen langen Vortrag über die Notwendigkeit einer reichen Heirat. So stand das junge Mädchen Henrici in einer Befangenheit gegenüber, die den seltsam eigenartigen Reiz ihrer Schönheit noch verstärkte. Wie ein Feuerstrom schoss das Blut zum Herzen des gereiften Mannes, als er das junge Geschöpf vor sich sah. Der mächtige Eindruck, den Vera auf ihn machte, verstärkte sich von Tag zu Tag.

Kurzum, Albert Henrici kehrte als Vera Böhmers Verlobter zurück, um alles zu einer baldigen Hochzeit vorzubereiten.

Verwöhnt, bewundert und geliebt wie nie in ihrem Leben, zog Vera wenige Monate später in die schöne Villa am Stadtwald ein. Das glänzende Los, das sie gezogen hatte, täuschte sie hinweg über die Herzensleere, die sie bei dieser Verbindung empfand.

All ihre Reize entfalteten sich in dem luxuriösen Leben, sie war sinnberückend schön, und wo sie an der Seite ihres Gatten erschien, wurde ihr gehuldigt.

Henrici liebte seine junge Frau grenzenlos, und eine kurze Zeit war er in ihrem Besitz restlos glücklich. Aber als er dann sah, wie die jungen Männer der Gesellschaft sich eifrig um ihre Gunst bemühten, als er merkte, wie gern sie sich diese Bewunderung gefallen ließ, da erwachte die alte Angst vor Vergeltung. Er hätte mit Vera in einen stillen Erdenwinkel flüchten, sie vor allen Augen verbergen oder wenigstens zurückgezogen mit ihr leben mögen.

Bisher hatte er noch nichts entdeckt, was ihm Grund zur Sorge gab. Aber vor jedem neuen Fest, das er mit Vera besuchte, überfiel ihn diese lähmende Angst. Er wusste, es gab auch heute noch genug Männer, die es leicht nahmen mit des anderen Ehre.

Mitten in eine besonders glänzende Saison fiel dann plötzlich eine Trauerbotschaft, die Vera zwang, den geselligen Freuden vorläufig zu entsagen. Ihre Mutter starb. Die Liebe zu ihr war nicht groß genug gewesen, um Vera lange niederzudrücken. Aber dass sie all den schon geplanten Festlichkeiten fernbleiben musste, war ihr ein großer Kummer. Sie war noch so jung und lebensfreudig und hatte bis zu ihrer Verheiratung wenig vom Leben genossen.

Ihr Mann dagegen schien wie von einem bösen Albdruck befreit. Er war glückselig, dass er Vera nun eine lange Zeit für sich allein haben konnte.

Und doch sollte gerade diese stille Zeit seinem Glück gefährlich werden. Im geselligen Trubel hatte Vera keine Zeit gehabt, sich auf sich selbst zu besinnen. Jetzt, ganz auf ihren Mann angewiesen, empfand sie zum ersten Mal, dass er ihrem Herzen im Grunde fremd geblieben war. Eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas Unerreichbarem erfüllte ihre Seele. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie ihren Gatten nicht liebte, dass sie sich verkauft hatte für Glanz und Reichtum. Eine tiefe Traurigkeit wechselte in ihrem Wesen mit nervöser Reizbarkeit. Henrici hielt die Veränderung in ihrem Wesen für eine Folge ihrer Trauer.

Um sie nicht allein lassen zu müssen, wenn er seinen Geschäften nachging, engagierte er eine Gesellschafterin für seine Frau, mit der sie musizieren, plaudern und spazieren fahren konnte. Diese junge Dame, die Tochter einer Majorswitwe, gefiel Vera sehr. Helma Olfers war ein kluges, taktvolles und lebensfrisches Geschöpf. Sie übte einen heilsamen Einfluss auf die junge Frau aus. Henrici bemerkte es sehr wohl und wünschte sich Glück zu dem guten Griff, den er getan hatte.

Helma Olfers wurde, ohne dass es sonderlich auffiel, so etwas wie ein guter Hausgeist. Ihre Anwesenheit allein hatte schon etwas Wohltuendes, Erfrischendes. Mit feinem Takt fühlte sie heraus, wann ihre Anwesenheit erwünscht oder störend war. Vera konnte sich bald ein Leben ohne Helma nicht mehr denken.

Nun war das Trauerjahr zu Ende, und heute sollte Henrici seine junge Frau zum ersten Mal wieder zu einem Fest führen. Sie waren zu einer glänzenden musikalischen Soiree im Hause des Kommerzienrats Delbrück eingeladen.

Vera wusste, dass sie all ihre Verehrer dort treffen würde. Sie verlangte im Stillen sehnlichst nach Bewunderung und Verehrung, nach schmeichelhaften Komplimenten und feurigen Blicken aus Männeraugen. Galt ihr auch nicht ein einziger mehr als ihr Mann, so hatte sie doch genug von dem süßen Gift der Bewunderung genossen, um sich danach zu sehnen, wie nach einem berauschenden Trank.

Sie ahnte nicht, wie sehr sich ihr Mann vor dieser Festsaison fürchtete. Er verstand es meisterhaft, sich zu beherrschen. Nie hatte er sie fühlen lassen, was er litt, wenn er sie von Verehrern umlagert sah. Sie wusste nicht, dass er aufatmete, wenn er nach einer Gesellschaft endlich wieder allein mit ihr im Wagen saß, um heimzufahren. Und kein Gedanke beunruhigte sie, wenn er sie scheinbar scherzhaft ausforschte nach allem, was man ihr Schönes gesagt hatte. Sie wusste kleine Eigenheiten ihrer Bewunderer drollig zu karikieren und freute sich, wenn ihr Mann darüber lachte. Dass dieses Lachen eine Erlösung von schwerer Pein war, ahnte sie nicht.

Nun würde dieses Spiel von neuem beginnen! Henrici saß in düsteren Gedanken versunken. Er empfand schon im Voraus die tausend Qualen, die ihn wieder erwarteten. Wie sie sein schönes junges Weib wieder umschwärmen würden von allen Seiten! Er musste es dulden, dass man ihr huldigte, ihr schöne Worte sagte und sie mit kühnen, eroberungssüchtigen Blicken streifte. Ach – er kannte ja all die kleinen Manöver, mit denen man die Gunst der Frauen gewann. Ein helles Frauenlachen drang aus dem Nebenzimmer an sein Ohr. Mit fahlem Gesicht richtete er sich auf und sah mechanisch nach der Uhr.

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und Fräulein Olfers trat heraus.

Wie befreit von einem quälenden Traum, sah er zu dem schlanken blonden Mädchen hinüber, dessen Gesicht ein anmutiges Lächeln zeigte.

„Nur noch einen Augenblick Geduld, Herr Konsul! Die gnädige Frau ist jetzt wirklich in zwei Minuten fertig“, sagte sie mit einer warm klingenden, frischen Stimme.

Vera trat in sieghafter Schönheit ins Zimmer.

Sie sah schelmisch abbittend zu ihm auf. „Hab ich dich lange warten lassen? Bist du böse?“

„Böse? Dir? Nein, Vera, das wird nie geschehen.“

Sie streichelte seine Wange und sah ein wenig kokett zu ihm empor. „Wer weiß! Ich will dich lieber nicht auf die Probe stellen.“

Er küsste ihre Hand. Es lag eine vornehme Ritterlichkeit in seiner Bewegung. „Ich würde jede Probe bestehen, Vera, auch die schwerste.“

Sie schmiegte sich einen Augenblick an ihn wie ein verwöhntes Kind. Dann richtete sie sich schnell empor. „Nun müssen wir aber gehen, sonst kommen wir wirklich zu spät.“

Er legte ihr den kostbaren Pelzmantel um die schönen Schultern. Dabei drückte er einen Kuss auf ihren Nacken. Sie zuckte leise zusammen und schloss einen Augenblick die Augen. Als sie sie wieder öffnete, lag ein sonderbar sehnsüchtiger Ausdruck darin. Aber sie sah ihren Gatten nicht an.

Wer vermag die rätselhaften Empfindungen einer Frauenseele zu ergründen! Vera wusste selbst nicht, nach was sie sich sehnte. Aber sie war in einer jener Stimmungen, in denen die Frauen besonders bezaubernd sind – und am leichtesten fremdem Zauber erliegen.

Sie kamen wirklich zu spät. Die musikalischen Vorträge hatten bereits begonnen. Ein junger Sänger mit weicher, voller Baritonstimme sang gerade ein Brahmssches Lied. Um nicht zu stören, blieb Vera im Vorzimmer sitzen. Ihr Gatte trat leise durch die offene Tür des Musiksaals und blieb dort stehen.

„Immer leiser wird mein Schlummer“, tönte es an Veras Ohr. Sie lauschte. Das Lied sprach zu ihrem Herzen, als wenn es aus ihrem eigenen Empfinden herausströmte.

Ein Seufzer entfloh ihren Lippen, ohne dass sie es wollte. Gab es eine Liebe wie diese, aus der das Lied geboren war? Wie mochte das sein, wenn man eine solche Liebe empfand? Musste sie nicht mehr Schmerz als Freude bringen? Süße Schmerzen! Gab es das? Existierte solch ein Gefühl nicht nur in der Fantasie der Dichter? Und doch es musste etwas Wahres daran sein, das sagte ihr die unbestimmte Sehnsucht, die sie beherrschte.

Immer tiefer verstrickte sie sich in solche gefährlichen Träume. Ihr im Grunde leidenschaftliches Naturell verlangte heimlich nach etwas anderem, als es ihr die kühle Vernunftehe brachte. Mit großen Augen sah sie um sich, und da blieb ihr Blick plötzlich in einem anderen Augenpaar hängen, das deutliche Bewunderung verriet. Dieses Augenpaar gehörte einem schlanken, großen Mann von ungefähr dreißig Jahren. Er war, gleichfalls verspätet, leise in das Vorzimmer getreten und stand nun, im Anschauen der eigenartig schönen Frau versunken, regungslos neben der Tür. Vera kannte ihn nicht. Seine Erscheinung wirkte aber in diesem Augenblick wie eine Offenbarung auf sie wie eine Verwirklichung ihrer Träume. Verwirrt sah sie in das frische, gut geschnittene Männergesicht mit den strahlenden Augen.

Wie gebannt hingen die Blicke der beiden ineinander. Endlich verneigte sich der junge Mann wortlos vor Vera, ohne den Blick von ihr zu lassen. Sie dankte mit einem verträumten Lächeln und fühlte dabei, wie ihr heiße Glut ins Gesicht stieg.

Die Stimme drüben im Musiksaal verstummte und lebhafter Applaus setzte ein. Vera schrak zusammen, ein Lächeln umspielte ihren Mund. Noch nie hatte sie so schön ausgesehen wie in diesem Augenblick.

Henrici trat in das Vorzimmer, um seine Frau in den Saal zu begleiten. Als er sich eben zu ihr neigte, um ihr seinen Arm anzubieten, erblickte er den jungen Mann, der sofort auf ihn zuschritt.

Lächelnd bot ihm Henrici die Hand. „Auch zu spät gekommen? Guten Abend, mein lieber Herr Althoff!“

Heinz Althoff legte seine Hand in die Henricis. „Guten Abend, Herr Konsul! Endlich sieht man Sie wieder! Sie waren wie verschollen.“

„Ja, wir hatten Trauer. Und vorher waren Sie in Paris. Wir haben uns sehr lange nicht gesehen. Ihren Vater treffe ich oft.“

Vera hatte interessiert dem kurzen Gespräch gelauscht. Jetzt machte Heinz Althoff eine Bewegung nach der jungen Frau. „Wollen Sie mich bitte dem gnädigen Fräulein vorstellen?“

Henrici lachte. Keine innere Stimme warnte ihn in diesem Augenblick. „Gestatte, Vera, Herr Heinz Althoff, der Bruder von Robert und Felix Althoff – meine Frau. Ich vergaß, dass Sie sich noch nicht kannten.“

Heinz Althoff konnte seine Überraschung nicht ganz verbergen. Das also war die schöne Konsulin, von der er schon so viel gehört hatte!

Während er einige höfliche Worte mit ihr wechselte, begegneten sich ihre Blick wieder. Und da zuckte es auf in seinen Augen, denn er erkannte mit scharfem Blick, dass er Eindruck auf sie gemacht hatte.

Zusammen betraten sie den Saal. Vera wurde sofort von allen Seiten umringt. Aber ihr Blick flog wieder und wieder zu Heinz Althoff hinüber, der lächelnd am Flügel lehnte und mit einer jungen Dame plauderte. Über ihren Kopf hinweg fing er Veras Blicke auf und erwiderte sie kühn. Wie verhaltene Leidenschaft flammte es zuweilen auf zwischen den beiden.

Und Henrici sah nichts von alledem. Er beobachtete nur die Herren, die sich um Vera drängten. An Heinz Althoff dachte er gar nicht.

Von diesem Tag an war Vera eine andere geworden. All die zurückgehaltene Heißblütigkeit, die in ihrem Naturell schlummerte, kam jetzt zum Ausbruch. Mit Sturmesgewalt hatte sie die Liebe zu Heinz Althoff erfasst. Und da sie fast täglich irgendwo in Gesellschaft zusammentrafen, fand ihre Liebe immer neue Nahrung.

Während aber ihr ganzes Sein eine Umwandlung erfahren hatte und die Liebe ihr ganzes Wesen durchdrang, war sie für Heinz Althoff nicht mehr als viele andere schöne Frauen, denen er schon gehuldigt hatte. Zuweilen loderte wohl auch in ihm ein Strohfeuer auf, wenn Veras Schönheit wie ein Rausch auf ihn einwirkte. Er zeigte dann ziemlich unbekümmert, wie ihn ihre süße Schönheit in Entzücken versetzte. War sie aber fern, dann konnte er sich mitgleicher Begeisterung in die Reize einer anderen schönen Frau versenken. Und er ahnte nicht einmal, welches Unheil er damit anrichtete, dass er Vera gegenüber keinen Hehl daraus machte, wie bewunderungswürdig sie ihm erschien.

Zu tief und eingreifend war die Veränderung, die mit Vera vor sich gegangen war, als dass Henrici sie nicht bemerkt hätte. Sie war nervös, launenhaft und unberechenbar, und ihr Verhältnis zu ihrem Gatten erschien ihr eine endlose Marter. Wenn er sie mit sorgender Unruhe betrachtete, ging sie aus dem Zimmer, um dann bald darauf zurückzukehren und ihn um Verzeihung zu bitte. „Du musst Nachsicht mit mir haben, Albert. Ich weiß, ich bin unausstehlich jetzt. Ich glaube wirklich, in bin etwas nervös. Sei mir nicht böse!“

Er küsste und streichelte sie dann wie ein krankes Kind. „Du gehst zu viel aus, Vera. Es strengt dich an. Wollen wir nicht lieber einige Festlichkeiten absagen?“

Da schüttelte sie aber heftig den Kopf. „Nein, nein, ich glaube eher, ich bin nervös geworden, weil wir so lange nicht ausgegangen sind. Ich freue mich doch sehr auf alles. Achte nur nicht auf mich, es wird schon vorübergehen.“

Aber es ging nicht vorüber. Wie eine rastlose Unruhe lag es über ihrem Wesen, und nur dann war sie zufrieden und glücklich, wenn sie mit Heinz Althoff zusammen sein konnte.

***

Karl Althoff, Heinz Althoffs Vater, war Besitzer einer bedeutenden Hutfabrik. Er hatte vor dreißig Jahren die Fabrik von seinem Vater übernommen. Damals bestand sie nur aus einem schmalen dreistöckigen Gebäude. Karl Althoff besaß jedoch viel Unternehmungsgeist und einen scharfen kaufmännischen Blick. Mit Fleiß und Umsicht brachte er sein Unternehmen immer mehr in Schwung. Heute galt seine Fabrik als die bedeutendste in ganz Deutschland.

Das Fabrikgebäude bestand jetzt aus drei Häusern, die mit dem neu erbauten Wohnhaus ein Viereck bildeten und einen großen Hof umschlossen. In dem einen Haus wurden Strohhüte fabriziert, in dem zweiten Filz- und Seidenhüte, und das dritte war für den Versand eingerichtet. In dem großen hübschen Wohnhaus war nun gar in den letzten zehn Jahren ein Detailgeschäft eingerichtet worden, in dem sich die Damenwelt all die reizenden Hüte kaufte, die ihre Schönheit krönen sollten.

Karl Althoff war bei der Einrichtung dieser Abteilung seines Unternehmens von folgenden Gedanken geleitet worden: Er besaß drei Söhne, die, nachdem sie genügend gelernt und sich ein wenig in der Welt umgesehen hatten, in des Vaters Geschäft eintraten. Karl Althoff war ein guter und vernünftiger Vater. Er war für reinliche Arbeitsteilung. So ging er von dem Standpunkt aus, dass seine Söhne jeder einen besonderen Wirkungskreis haben sollten, für den sie die Verantwortung übernehmen mussten. Also bestimmte er folgendermaßen: Robert, der Älteste, leitete die Fabrik; Heinz, der Zweite, den Versand; und Felix, der Jüngste, der infolge eines Sturzes in der Kindheit lahmte, das Detailgeschäft.

Diese Einrichtung erwies sich als sehr zweckentsprechend. Die drei Brüder, ausgesprochen verschiedene Charaktere, wetteiferten miteinander, ihre Abteilung auf der Höhe zu halten. Statt dass sie bei einem Durcheinander der Arbeitseinteilung in Streit gerieten, wusste sich jeder in seinem Ressort an erster Stelle und für alles verantwortlich.

Das Detailgeschäft nahm das Parterre und den ersten Stock des Wohnhauses ein. Im zweiten Stock befand sich die Wohnung der Eltern und im dritten Stock für jeden der drei Brüder ein Wohn- und ein Schlafzimmer. Auch das Schlafzimmer der Eltern befand sich im dritten Stock, da man im zweiten Stock einige große Räume für gelegentliche Festlichkeiten reserviert hatte.

Karl Althoff war eine bekannte und beliebte Persönlichkeit. Nicht nur, weil er ein reicher Mann geworden war, sondern weil von seinem ehrlichen, geraden Wesen etwas Belebendes ausging.

Seine drei Söhne waren begehrenswerte Partien, sie hätten in allen Familien mit Erfolg anklopfen dürfen, wenn sie nur gewollt hätten. Bis jetzt hatte aber noch keiner von ihnen gewollt.

Robert zählte zweiunddreißig Jahre, Heinz dreißig und Felix achtundzwanzig. Sie lebten in einer sehr innigen Gemeinschaft mit ihren Eltern.

Robert huldigte in seinen Mußestunden dem Sport, Heinz hatte neben dem Geschäft nur eine Passion – schöne Frauen, und Felix beschäftigte sich in seiner freien Zeit mit Literatur. Durch das leichte Lahmen seines linken Fußes, das durch eine Sehnenverkürzung entstanden war, musste er sich von manchem zurückhalten, was anderen jungen Männern Freude machte. Während Robert Tennis spielte und ruderte, während Heinz den Spuren schöner Frauen folgte, saß Felix über seinen Büchern.

Im Charakter waren die Brüder sehr verschieden. Robert war ein wenig kühl, gelassen, überlegen; Heinz übermütig, voller sonniger Heiterkeit, immer zu Scherzen aufgelegt; und Felix sensitiv, tief empfindend und zurückhaltend.

Karl Althoff hatte im Verhalten zu seinen Söhnen eine Richtschnur: „Sei der Freund deiner Kinder!“ Es gab keine väterliche Tyrannei in der Familie. Seine Erziehung bestand aus einer vernünftigen, liebevollen Leitung. So bestand zwischen Vater und Söhnen eine echte Kameradschaftlichkeit.

Und zwischen diesen vier eigenartigen, kraftvollen Männern lebte Frau Emilie Althoff ein etwas abhängiges Dasein. Sie war einfach nicht anders zu denken, als von irgendwem oder irgendetwas abhängig. Als junges Mädchen war sie von ihren Eltern in Abhängigkeit und Unselbstständigkeit erzogen worden. Wie selbstverständlich ordnete sie sich dann ihrem Mann unter, und ohne dass es ihr so recht zum Bewusstsein kam, war sie nun auch von ihren Söhnen abhängig geworden. Emilie Althoff war so stolz auf ihre Söhne wie auf ihren Mann. Sie ließ sich willig in allen Dingen von ihnen beraten und fügte sich wie selbstverständlich ihren klügeren Ansichten. Ein großer heimlicher Kummer lag aber doch in ihrem Inneren versteckt. Sie hätte so gern ein Töchterchen gehabt. Ihr Zärtlichkeitsbedürfnis verlangte nach einem Wesen, das sie streicheln und liebkosen konnte. Ihre großen Jungen waren ihr unter den Händen weggeglitten, wenn sie zärtlich mit ihnen sein wollte. Nach Jungenart hielten sie es für unmännlich, sich verhätscheln zu lassen.

Freilich, von ihren Jungen hätte sie auch keinen hergegeben, nicht um die Welt. Und nun, da sie erwachsen waren, lebte ein stiller Trost in ihrem Herzen. Die Jungen mussten doch eines Tages heiraten, dann brachten sie ihr liebe Töchter ins Haus – und vielleicht konnte sie eines Tages eine kleine Enkelin auf den Knien schaukeln. Das war ihr heimlicher Zukunftstraum.

Es war an einem Sonntagabend. Den Sonntagnachmittag hatten Vater und Söhne, wie üblich, der Mutter gewidmet. Gegen sechs Uhr hatte Karl Althoff sich zu seinem Dämmerschoppen begeben, und die beiden ältesten Brüder waren hinaufgegangen, um sich umzukleiden. Robert wollte in seinen Klub gehen, und Heinz wurde von Henricis im Theater erwartet.

Felix saß noch bei der Mutter im Wohnzimmer. Sein fein geschnittenes Gesicht mit den geistvollen, warm blickenden Augen war hell beleuchtet, und seine Mutter bemerkte im Stillen wieder, dass ihr Felix ein bildhübscher Mensch sei, der seinen Brüdern an äußerlichen Vorzügen nichts nachgab. Wenn nur sein armer Fuß nicht wäre! Sie seufzte heimlich leise in sich hinein.

Da wurde die Tür lebhaft geöffnet, und Robert und Heinz traten ein, um sich von der Mutter zu verabschieden.

„Seid ihr schon fertig, Jungen?“, fragte sie erstaunt.

„Na, Milchen, es wird auch Zeit, dass wir gehen, sonst komme ich zu spät ins Theater“, sagte Heinz, die Mutter bei den Schultern fassend.

„Junge, du sollst doch nicht immer ‚Milchen‘ zu mir sagen.“

„Aber warum nur nicht? Milchen finde ich so bezeichnend für dich. An diesem Namen ist alles so heiter, voll und weich, wie du selbst bist, mein Muttchen. Und Vater nennt dich doch auch so.“

„Ja, Vater, der hat ein Recht dazu. Es klingt so wenig respektierlich, wenn du ‚Milchen‘ zu mir sagst.“

Heinz küsste sie lachend auf die Wange. „Strapazier dich nicht mit einem Vortrag über die Respektlosigkeit deiner Söhne! Den hast du schon so oft gehalten, dass du bald selbst daran glaubst.“

„Ja, da fehlt es auch sehr bei euch. Zumal bei dir. Aber warte nur, deine Frau wird dich schon unter die Fuchtel nehmen!“

Heinz machte ein erstauntes Gesicht. „Meine Frau? Wo ist sie denn, dieses holde Wesen?“

„Ich meine natürlich deine zukünftige.“

„Ach so! Und die soll mich unter die Fuchtel nehmen? Na, Milchen, Herzensmilchen, wenn sie von deiner Art ist, dann hast du nicht viel Glück damit. Mich kriegt keine unter – schon deshalb nicht, weil ich nie heiraten werde.“

„Das hat schon mancher gesagt, Heinz. Im Ernst, es wird wirklich Zeit, dass ihr ans Heiraten denkt. Ihr habt doch alle drei das Alter dazu.“

„Brr – komm, Robert, jetzt geben wir Fersengeld! Wenn Milchen auf das Heiratsthema kommt, ist sie unerschöpflich. Gute Nacht, Herzensmilchen, schlaf gut und träume von deinen Schwiegertöchtern in spe!“

Er presste seine Lippen so fest auf ihren Mund, dass sie nicht reden konnte, dann klopfte er Felix auf die Schulter und rief: „Servus, Kleiner!“, und war mit einem Satz zur Tür hinaus.

Robert verabschiedete sich in ähnlicher, nur etwas gelassenerer Weise.

Die Mutter war in ihren Stuhl zurückgesunken und schüttelte halb lachend, halb ärgerlich den Kopf.

„Solche ausgelassenen Stricke! Der Heinz wird alle Tage übermütiger“, sagte sie zu Felix.

Er hatte lächelnd die Szene beobachtet. „Lass sie doch, Mutter, freu dich an ihrer unbändigen Lebenslust.“

„Ach, sie treiben‘s oft zu bunt. Du bist ganz anders, Felix!“

Ein leiser Schatten flog über sein Gesicht. „Es ist der Überschuss an Kraft in ihnen, der sich austoben will. Sei doch froh, Mutter, dass du nicht drei solche Söhne hast, wie mich.“

Die Mutter sah ihn erschrocken an. „Aber Felix!“

Er errötete wie ein junges Mädchen und streichelte ihr lächelnd die Hände. „Siehst du, nun bist du auch mit mir unzufrieden.“

„Nein, nein, Felix. Das bin ich nie. Aber weh tut es mir, wenn ich merke, dass du dich mit deinem armen Fuß deinen Brüdern nicht gleich fühlst. Mein armer lieber Junge!“

Felix erhob sich jäh mit blassem Gesicht. „Nicht bedauern, Mutter du weißt, das ertrag ich nicht.“ Und sich bezwingend, fuhr er ruhiger fort. „Was willst du auch? Mein Leben ist so reich und schön genug, obwohl mir das eine Bein nur halbe Dienste tut.“

Die Mutter sah ihn voll heimlicher Sorge an. „Ja, ja – aber manchmal kränkt es mich doch deinetwegen, wenn die beiden so übermütig sind. Ich denke dann, es tut dir weh, dass du nicht so mittollen kannst.“

„Ich glaube, da kommt der Vater von seinem Dämmerschoppen heim“, sagte er ablenkend.

Wirklich trat gleich darauf Karl Althoff ein. „Holla, ihr beiden! Haben euch die Wildlinge allein gelassen? Ich sah sie grad noch um die Ecke flitzen, als ich in die Straße einbog. Sie hatten‘s eilig.“ „Heinz wollte nicht zu spät kommen, Henricis erwarten ihn.“

„Ja, Milchen, das weiß ich ja. Lass sie sich nur amüsieren! Na und du, Felix? Dich zieht es schon wieder zu deinen Büchern, nicht? Ober bleibst du noch ein wenig bei uns Alten?“

„Gern, Vater. Ich habe neue Zeitschriften mit heruntergebracht. Willst du sie mit durchsehen?“

Karl Althoff setzte sich behaglich in einen Lehnstuhl.

„Machen wir, Felix. Bist ein lieber Kerl. Sorgst immer ein bisschen für die Unterhaltung deiner Eltern. Milchen, lass eine Flasche Wein bringen, und dann setz dich zu uns! Dich verlangt gewiss danach, deine zwanzigste Romanfortsetzung zu lesen!“

Die alte Dame strich sich das glatt gescheitelte Haar zurecht und setzte ihre Brille auf. Wie das verkörperte Wohlbehagen saß sie nun in ihrem schlichten grauen Hauskleid zwischen den beiden Männer.

***

Heinz Althoff war nur eine kurze Strecke mit Robert gegangen. Dann verabschiedeten sie sich und gingen nach entgegengesetzten Richtungen auseinander.

Dicht neben dem Theater war noch ein Blumenladen geöffnet. Einem Impuls folgend, trat Heinz ein und bestellte ein Bukett. Man sollte es sofort Fräulein Dora Manders, einer jungen Schauspielerin, in die Garderobe schicken. Er schrieb einige Worte auf eine Visitenkarte – eine Einladung zum Souper nach dem Theater – und legte die Karte zu den Blumen. Nachdem er noch eine Blume für sein Knopfloch erstanden hatte, zahlte er und verließ den Laden.

Als er in die Loge trat, waren Henricis bereits anwesend. Auch Helma Olfers und noch zwei andere Herren, Geschäftsfreunde Henricis aus Italien, hatten Platz genommen. Er begrüßte die Anwesenden in seiner frischen Art, führte Veras Hand an die Lippen, sprach einige artige Worte mit Helma und ließ sich dann auf seinem Platz schräg hinter Vera nieder.

Die Vorstellung begann, und die kleine Dora Manders kokettierte ziemlich ungeniert zu Heinz herauf. Alle merkten es. In der Pause neckte Henrici ihn mit seiner Eroberung, und die Italiener lachten verständnisinnig und machten Heinz ein Kompliment über la bella Signorina. Nur Vera blieb still. Ihr Atem ging schwer, und eine heiße Angst stieg in ihr auf. Ein verzehrender Blick streifte das Gesicht des jungen Mannes. Man ging hinaus ins Foyer. Vera schritt voran, Heinz hielt sich an ihrer Seite. Hinter ihnen ging Helma mit dem einen Italiener. Dann folgte der Konsul mit dem anderen.

Vera sah zu Heinz empor. In ihren Augen glühte ein düsteres Feuer. Aber mit Macht bezwang sie den Sturm, den die Eifersucht in ihr erweckt hatte. Sogar ein Lächeln umspielte ihren Mund, als sie halblaut sagte: „Die Manders ist ein sehr schönes Mädchen.“

Heinz sah ihr mit einem strahlenden Leuchten in das schöne Gesicht. „Wer denkt an eine Dora Manders, wenn er neben Vera Henrici gehen darf?“, antwortete er leise.

Die Spannung in ihren Zügen verlor sich ein wenig. „Das sind wohlfeile Komplimente. Alle haben bemerkt, dass sie zu Ihnen herauf spielte. Und man glaubt, dass Sie sie lieben.“

Er lächelte und sah sie zärtlich an. „Es ist besser, man glaubt das als die Wahrheit.“

Ein flehender Blick traf in seine Augen. „Die Wahrheit? Was ist die Wahrheit?“, fragte sie mit bebender Stimme.

„Dass Heinz Althoff in diesem Augenblick neben der angebeteten Königin seines Herzens geht“, erwiderte er.

Veras Augen strahlten auf in jubelnder Freude. Kein Gedanke flog jetzt zu ihrem Man hinüber. Wie eine Erlösung von banger Qual berührten sie die Worte Heinz Althoffs. Alles ging unter in der Gewissheit, von ihm geliebt zu werden.

„Nicht wahr, gnädige Frau, es ist gut, dass die Leute glauben, ich liebe die kleine Manders“, sagte Heinz dringlich.

Sie nickte und atmete tief auf. „Ja – alle sollen es glauben – alle außer mir“, stieß sie dann erregt hervor.

„Nein, Sie nicht, Sie dürfen es nicht glauben. Aber Sie sollten mich ein wenig bemitleiden.“

„Warum?“

„Weil die Frau, die ich anbete, Eigentum eines anderen ist – unerreichbar meinem Sehnen.“

Vera sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an. „Diese Frau leidet vielleicht nicht weniger als Sie.“

„Oh, wenn ich das wüsste!“

„Was wäre dann?“

„Dann trügen wir beide leichter an der süßen Qual. Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.“

Die anderen kamen heran, und die Unterhaltung wurde allgemein.

„Wie ist‘s lieber Althoff, soupieren Sie nachher mit uns bei Stake?“, fragte Henrici.

Heinz wollte schon zusagen. Da erinnerte er sich jedoch, dass er Dora Manders eingeladen hatte. Er zuckte bedauernd die Achseln und sagte: „Ich bin schon anderweitig engagiert.“

Henrici drohte lachend mit dem Finger. „Wenn da nur nicht die Manders dahintersteckt!“

Heinz drückte seinen Arm. „Still – nicht indiskret sein!“

„Ich schweige wie das Grab.“

Die Pause war zu Ende. Henrici war heute Abend besonders gut aufgelegt. Die beiden Italiener kamen nicht in Betracht, und Heinz Althoff erschien ihm ungefährlich. Warum er gerade von ihm nichts fürchtete, hätte er nicht begründen können. Die Liaison mit der kleinen Schauspielerin hatte ihn wohl sicher gemacht. Und Vera beherrschte sich jetzt meisterhaft. Eine beseligende Ruhe erfüllte ihr Herz.

***

Henricis hatten Einladungen ausgeschickt zu einem großen Ball. Natürlich waren auch Althoffs geladen. Die Eltern sagten für sich ab, aber die drei Brüder nahmen an. Heinz benutzte die Gelegenheit, Vera einen Besuch zu machen, und erbot sich, die Zusagen und Absagen selbst zu überbringen.

Vera war gerade damit beschäftigt, ein neues Kostüm für den kommenden Ballabend anzuprobieren, als ihr Heinz gemeldet wurde. Sie konnte ihn nicht gleich empfangen, wollte ihn aber auch um keinen Preis abweisen lassen.

Deshalb wandte sie sich an Helma. „Bitte, empfangen Sie einstweilen Herrn Althoff! Unterhalten Sie ihn, bis ich hier fertig bin! Ich werde mich beeilen, denn ich muss ihn sprechen, da ich mir des Festes wegen einige Ratschläge bei im holen will. Er hat immer so hübsche Einfälle.“

Helma ging, um ihrem Wunsch nachzukommen. Sie fand Heinz in dem kleinen Salon, in dem die Hausfrau nur intime Freunde des Hauses zu empfangen pflegte. Heinz begrüßte Helma Olfers in seiner liebenswürdigen Weise. Helma entschuldigte Vera und bat ihn, bis zu ihrem Erscheinen mit ihrer Unterhaltung vorlieb nehmen zu wollen.

Er sah wohlgefällig auf das hübsche, anmutige Mädchen. Sie war wundervoll gewachsen. Die Farbe des Haares war eine Mischung von Goldbraun und Blond, und über der Stirn und den Schläfen stahlen sich Löckchen hervor, die eine Schattierung heller erschienen und wie flüssiges Gold wirkten. Dass ihr Teint klar und jugendfrisch, ihr Mund hübsch geschnitten und die tiefblauen Augen sehr beseelt waren, hatte Heinz schon früher bemerkt.

Da er ziemlich lange mit der hübschen Gesellschafterin Veras allein blieb, hatte er Zeit, sich all ihrer Vorzüge bewusst zu werden. Und er machte gar keinen Hehl daraus, dass ihm dieses Plauderstündchen recht gut gefiel.

Helma ging unbefangen auf seine Unterhaltung ein. Über seine deutlichen Komplimente lächelte sie sogar ein wenig amüsiert. Aber sie sah ihn doch mit warmen, offenen Blicken an.

Wie eine Schwester ihren unartigen Bruder, dem sie sich überlegen fühlt, dachte Heinz. Einige Male lachte sie ihn sogar entschieden aus. Aber dieses Lachen klang so warm und herzlich, dass er mit einstimmen musste, und plötzlich sagte er unvermittelt: „Sie sind das erste junge Mädchen, bei dem ich das Gefühl habe: Die möchtest du zur Schwester haben.“

Helma wurde bei diesen Worten ganz unmotiviert dunkelrot und sah sichtlich verwirrt zur Seite.

„Aber gnädiges Fräulein, damit kann ich Sie doch wahrhaftig nicht gekränkt haben?“, sagte Heinz verblüfft.

Helma hatte die Verwirrung bereits überwunden. Sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Gewiss nicht.“

„Aber weshalb wurden Sie so rot bei meinen Worten?“, forschte er interessiert.

„Muss dafür immer ein besonderer Grund vorliegen?“

„Unbedingt.“

„Also, nehmen Sie an, mir sei plötzlich ein Versäumnis eingefallen, worüber ich erschrak.“

„Damit muss ich mich wohl zufrieden geben. Aber unter uns, gnädiges Fräulein, ich glaube nicht daran.“

„Glaube lässt sich nicht erzwingen“, sagte sie lächelnd und fuhr dann ablenkend fort: „Frau Konsul wird wohl doch länger aufgehalten. Es wird ihr unangenehm sein, Sie so lange warten lassen zu müssen.“

Heinz lehnte sich behaglich in seinem Sessel zurück. „Oh, ich unterhalte mich ausgezeichnet, mir wird die Zeit nicht lang. Aber Ihnen gewiss, nicht wahr?“

Helma sah ihn mit ihren schönen, klaren Augen freundlich an. „Nein, gewiss nicht. Meine Zeit ist auch nicht immer so angenehm ausgefüllt wie eben jetzt.“

Donnerwetter, die Kleine macht mich noch ganz verwirrt!, dachte Heinz. Sie sieht mich so herzig und lieb an, sagt mir allerlei nette Sachen, und doch hab ich das Gefühl, als ob ich nie weniger Eindruck auf eine Frau gemacht habe als auf sie. Woran liegt das wohl?

„Sie haben gewiss schwere Pflichten zu erfüllen?“, sagte er laut.

„Das wollte ich damit nicht sagen, Herr Althoff. Seit ich hier im Haus bin, sind sie mir sogar sehr leicht.“

„Früher war das anders?“

„Ja, ich habe zwei schwere Jahre hinter mir. Gleich nachdem ich von zu Hause fortging, traf ich‘s sehr schlecht mit meiner Stellung. Aber, bitte, lassen wir das, es ist ohne Interesse für Sie!“

„Im Gegenteil, es interessiert mich sehr. Hier gefällt es Ihnen also besser?“

„Ja. Herr und Frau Konsul sind sehr gütig. Mein Muttchen ist ganz glücklich, dass ich‘s jetzt so gut getroffen habe.“

„Ihre Eltern leben noch?“

„Nur meine Mutter. Mein Vater verunglückte vor fünf Jahren im Manöver.“

„Ihr Herr Vater war Offizier?“

„Ja, Major.“

„Und – und Sie konnten nicht zu Hause bleiben – bei den Ihren?“, fragte er voll Teilnahme.

Helma lächelte halb schelmisch, halb resigniert. „Ich habe noch zwei Schwestern und zwei Brüder, alle jünger als ich. Da musste ich sehen, wie ich Mutter helfen konnte. Das Leben ist so teuer, und die Geschwister kosten viel. Da bin ich froh, dass ich Mutter von der Tasche kommen konnte. Aber wirklich sprechen wir nicht mehr von mir!“

„Freuen Sie sich denn auch ein wenig auf das Tanzfest, gnädiges Fräulein?“

„Gewiss. Es wird ein glänzendes Fest werden. Fast alle geladenen Gäste haben zugesagt.“

„Ich bin hauptsächlich aus dem Grund gekommen, um der Frau Konsul für die Einladung zu danken und zugleich mit meiner Zusage auch eine Absage zu überbringen.“

„Ihre Herren Brüder kommen nicht?“, entfuhr es wie im Schreck Helmas Lippen. Und dann wurde sie wieder dunkelrot vor Verlegenheit.

Heinz stutzte. „Doch, meine Brüder kommen, nur meine Eltern sagen ab. Sie halten sich von großen Festlichkeiten aus Bequemlichkeit zurück. Vielleicht sind sie auch der Ansicht, dass die Familie Althoff genügend von uns Brüdern vertreten wird. Wir treten ja immer im Vierteldutzend auf.“

Helma lachte noch immer etwas verwirrt.

Da in diesem Augenblick Vera eintrat, wurde sie einer Antwort enthoben.

Heinz sprang auf und ging Vera entgegen. Vergessen war in diesem Augenblick alles, was die kleine Gesellschafterin betraf. Selbstvergessen hingen die Blicke der beiden ineinander und flammten einen Augenblick unbeherrscht auf.

Helma Olfers sah diesen Blick, der deutlich genug verriet, was niemand wissen sollte. Ein heißes Erschrecken durchdrang ihre Seele.

Aber ehe sie recht erfasste, was sich ihr in diesem Augenblick enthüllt hatte, begrüßten sich Vera und Heinz schon wieder gefasst und scheinbar unbefangen.

Um die Unruhe, die sie bei dieser flüchtigen Entdeckung gemacht hatte, zu verscheuchen, schalt sich Helma selbst aus. Törin, die sie war, vor einem Blick so zu erschrecken! Ihre Fantasie hatte ihr wohl einen Streich gespielt. Nein, sie sollte gar nicht mehr daran denken, wollte vergessen, was sie zu sehen gemeint hatte.