Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. O Menschenherz, was ist dein Glück?
  4. Vorschau

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O Menschenherz, was ist dein Glück?

Einer der berühmtesten Hedwig Courths-Mahler-Romane

 

 

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Wenn Herr Salfner nach mir fragen sollte, lassen Sie ihn auf mein Zimmer führen, ich erwarte ihn dort.“

„Sehr wohl, mein Herr.“

„Das Zimmer, das ich für Herrn Salfner bestellte, ist doch bereit?“

„Gewiss.“

„Gut. Dann brauche ich noch zwei Zimmer für meine Tochter und ihre Begleiterin. Es sind doch hoffentlich noch Zimmer frei? Die Damen kommen morgen an.“

„Das trifft sich gut. Heute sind zwar alle Zimmer noch besetzt, aber morgen reisen die Herrschaften ab, die die beiden Zimmer bewohnen, die direkt an das Ihre anstoßen.“

„So belegen Sie diese beiden Zimmer für mich.“

„Für längere Zeit, Herr Rottmann?“

„Nein, nur für zwei Tage. Auch Herr Salfner wird dann mit uns zusammen abreisen.“

„Trifft der Herr mit dem Dampfer ein?“

„Ja, er kommt über Lindau.“

„Dann muss er in wenigen Minuten hier sein.“

„Ganz recht. Also ich erwarte ihn auf meinem Zimmer.“

Damit verließ der hoch gewachsene Herr den Raum, in dem die im Insel-Hotel ankommenden und abreisenden Gäste abgefertigt wurden. Der Portier, mit dem er eben gesprochen hatte, sah ihm eine Weile nach.

Sieht aus wie ein verkappter Fürst, das Befehlen scheint er wenigstens gewöhnt zu sein. Reich ist er auch. Na und überhaupt, das hat man so im Gefühl. Er hat eine weite Reise hinter sich, das sieht man aus den Hotelmarken an den Koffern. Sicherlich hat er schon die ganze Welt bereist. Also Klasse – der Herr wird gut bedient werden.

So war der Gedankengang des Portiers, während er dem eleganten, stattlichen Herrn nachsah, der inzwischen das Vestibül durchquert hatte und jetzt durch den hohen Kreuzgang in das Innere des Hotels ging.

Das Insel-Hotel war ehemals ein gewaltiges Kloster. Nur waren die früher als Klosterzellen dienenden Räume zu Gastzimmern eingerichtet worden. Der Kreuzgang war mit kunstvollen Fresken an den Wänden geschmückt, die fortlaufend die Geschichte des Klosters erzählten. Er umgab den kleinen inneren Klosterhof, der durch hübsche Anpflanzungen zum Garten geworden war. Efeu und wilder Wein rankten an den Säulen empor und bedeckten die Wände.

Fritz Rottmann hatte den Kreuzgang verlassen und schritt über eine breite Steintreppe hinauf in den ersten Stock. Breite, hohe Gänge umgaben hier die Zimmerfluchten. Sie waren mit Holzschnitten und Kupferstichen geschmückt. Auch sie stellten die Geschichte des Klosters dar.

Fritz Rottmann betrat sein Zimmer, das direkt nach dem Bodensee hinaus lag. Er trat an das Fenster heran und blickte hinab in den großen Klostergarten, der das mächtige Gebäude umgab und mit dicht bewachsenen Laubengängen bis an die niedrige Kaimauer hinanreichte, die ihn vor den Wellen des Bodensees schützte.

Auf dem See herrschte reger Verkehr von Dampfern, Segel- und Ruderbooten. Versonnen ließ Fritz Rottmann seine Augen darüber hinschweifen. Und er dachte an den Verkehr im heimatlichen Hamburger Hafen, den er von seinen Kontorfenstern aus übersehen konnte. Dieses Bild hier vor ihm war wie ein heiteres Spiel, das Bild von seinen Kontorfenstern aus bedeutete den tiefsten Ernst. Mit ganzer Seele hing Fritz Rottmann an dem alten, ehrwürdigen Handelshaus, das den Namen Rottmann trug und das in seinen mächtigen Speichern aufnahm, was die Schiffe hereinschleppten.

Eine Weltfirma mit erdumspannendem Ruf.

Düster zog er plötzlich die Stirn zusammen. Er dachte daran, dass die Firma Rottmann keinen männlichen Erben hatte, zum ersten Mal seit ihrem Jahrhunderte langen Bestehen.

Schwer ließ er sich in einen Sessel fallen und zog seine Brieftasche hervor. Aus ihr entnahm er zwei Briefe. Der erste, den er entfaltete, zeigte die klare Schrift einer Dame. Er las ihn nochmals durch.

Mein lieber Vater!

Es freut mich sehr, dass du mir erlaubst, nun endlich heimzukehren – für immer. Ich habe große Sehnsucht nach dir, nach Deutschland, nach meinem Vaterhaus, nach allem, was ich so lange entbehren musste.

Ehe ich dich nach so langer Zeit wiedersehe, muss ich dir einmal, ein einziges Mal nur, und auch nur brieflich sagen, dass ich es als Härte empfunden habe, dass du mich so lange aus der Heimat verbanntest. Auge in Auge mit dir würde mir der Mut fehlen, das auszusprechen, aber aussprechen muss ich es einmal.

Ich habe verstehen können, dass du mich, gleich nach Mutters Tod, in eine Pension brachtest, denn damals war ich kaum fünfzehn Jahre alt und bedurfte noch weiblicher Aufsicht und Fürsorge. Du selbst hattest als vielbeschäftigter Chef der Firma Rottmann keine Zeit, dich um ein dummes kleines Mädel zu kümmern. Ich konnte auch verstehen, dass du mich dann, als ich das Pensionat verließ, nach Basel zu Tante Gertrud schicktest. Sie ist ja die einzige Schwester meiner Mutter und meine einzige Verwandte. Ich glaubte aber damals, es handle sich nur um einen kurzen Besuch bei ihr. Aber es wurden Jahre daraus.

Du sagtest mir damals, dass es die Unruhen in der jungen deutschen Republik ratsam erscheinen ließen, mich in der Schweiz in sicheren Gewahrsam zu bringen, und dass sich Tante Gertrud, sicher freuen würde, mich einige Zeit bei sich aufnehmen zu können. Sie hat sich auch gefreut, aber ich glaube, ich habe ihr doch einige Unruhe bereitet. Sie war gewöhnt, in ihrem Altjungfernheim allein zu sein, und stand mir ziemlich ratlos gegenüber. Auch sie hat wohl kaum geahnt, dass ich jahrelang bei ihr bleiben sollte. Nie, niemals in all der Zeit bin ich die Sehnsucht nach der Heimat losgeworden. Von Jahr zu Jahr wartete ich darauf, heimgerufen zu werden, und wagte es doch nicht, dich darum zu bitten. Ich wartete vergebens. Die Verhältnisse in Deutschland waren doch, trotz allem Schweren, ruhiger geworden, nichts hätte mich gehindert, heimzukehren. Ich war auch so weit erwachsen, dass ich dir keine Last mehr gewesen wäre.

Warum riefst du mich nicht eher heim, Vater? Du ließest mich in der Fremde. Das war hart und grausam. Ich vegetierte nur in dem ängstlich abgeschlossenen Altjungfernheim der Tante. Ich bin stumpf und weltfremd geworden. Du hast durch diese lange Trennung, deren Notwendigkeit ich nicht einsehen konnte, eine Entfremdung zwischen dir und mir, zwischen meiner Heimat und mir herbeigeführt, die mich namenlos bedrückt hat. Seit du mich nach Basel brachtest, habe ich dich nicht wiedergesehen. Kurze drei Tage, das war in fünf Jahren alles, was ich von meinem Vater hatte seit Mutters Tod. War das wirklich nötig, Vater? Ich habe mir sagen müssen, dass du mich nur sehr wenig lieb haben kannst. Als ich das einmal gegenüber Tante Gertrud aussprach, meinte sie, du hättest nie verwinden können, dass dein einziges Kind nur ein Mädchen sei, weil du dir brennend einen Sohn als Erben gewünscht hättest – einen Nachfolger in der Firma Rottmann.

Ich fühlte, dass Tante Gertrud Recht hat. Aber – war es recht von dir, mich entgelten zu lassen, dass ich als Mädchen zur Welt kam? Hättest du mich nicht trotzdem lieben müssen wie dein Fleisch und Blut? Wäre es nicht richtiger gewesen, du hättest mich von früh auf an deine Seite gestellt, hättest mir eine Erziehung gegeben, die mich befähigt hätte, dir einen männlichen Erben zu ersetzen? Wie gern hätte ich gearbeitet und gelernt wie ein Junge, und ich weiß, ich hätte dich zufriedengestellt. Statt dessen hast du mich zu einem nutzlosen Schattendasein verdammt.

Fritz Rottmann hielt im Lesen inne, sann einen Augenblick nach, dann las er weiter.

Ich bin inzwischen einundzwanzig Jahre alt geworden und stehe doch dem Leben ganz fremd gegenüber. Du schreibst in deinem letzten Brief, dass ich nun alt genug geworden sei, um deinem Haus vorzustehen und die Firma Rottmann zu repräsentieren in der Gesellschaft meiner Vaterstadt. Nichts steht in deinem Brief von Sehnsucht nach deinem Kind, nichts von väterlichen Zärtlichkeiten. Nur weil ich alt genug bin, Repräsentationspflichten zu übernehmen, rufst du mich heim. Weißt du denn, ob ich diesen Pflichten gewachsen sein werde, ich, die seit Jahren in einem nur zu engen Kreis lebte und fast nur mit alten Damen von Tante Gertruds Art zusammenkam?

Werde ich diese Rolle zu deiner Zufriedenheit spielen können? Werde ich nicht deinen Unwillen erregen, wenn ich es nicht kann? Mir ist bange vor der Heimat, vor dem Wiedersehen mit dir, das ich doch so lange herbeigesehnt habe, und ich muss mir diese Bangigkeit vom Herzen schreiben: Denn dir das alles sagen Auge in Auge, das kann ich nicht. Dazu bin ich zu scheu und ängstlich. Schreiben kann ich das alles so, wie ich es empfinde.

Und deshalb will ich dich brieflich bitten, habe Nachsicht mit mir, wenn ich am Anfang unsicher und unbeholfen bin. Ich will mir Mühe geben, mich so rasch wie möglich in meine neuen Pflichten einzuleben, aber lernen muss ich erst. Du wirst Geduld haben müssen. Dies alles schreibe ich dir, um dich vorzubereiten – wir wollen nicht von diesem Brief sprechen, wenn wir zusammen sind. Nimm meine Worte auf als das, was sie sind – der Ausdruck meines innersten Empfindens.

Trotz allem freue ich mich, heimzukommen. Es soll so sein, wie du es haben willst. Ich werde am 8. Juni mit dir im Insel-Hotel in Konstanz zusammentreffen, wenn du von deiner Auslandsreise zurückkommst. Tante Gertrud will mich begleiten, weil sie mich, das ihr anvertraute Gut, wohlbehalten an dich abliefern will. Sie wird schon am nächsten Tag nach Basel zurückkehren, wahrscheinlich froh, ihrer schweren Pflichten entledigt zu sein. So gefügig ich mich auch ihrem Haushalt angegliedert habe, manchmal habe ich doch in meiner stürmenden Ungeduld nach Leben und Bestätigung ihren Frieden gestört, und es hat sie nervös gemacht, dass ich nicht so zufrieden war mit der Stille ihres Lebens wie sie selbst. Es scheint mein Schicksal zu sein, dass sich die Menschen leichter von mir trennen, als ich mich von ihnen.

Also, ich treffe pünktlich in Konstanz ein.

Auf baldiges Wiedersehen, mein lieber Vater

deine Tochter Carla

Fritz Rottmann faltete den Brief zusammen und sah nachdenklich vor sich hin. Seine Stirn bildete über der Nasenwurzel eine tiefe Falte. Er atmete tief auf.

Seine Tochter hatte Recht. Er hatte nie die echte, rechte Vaterliebe für sie gefühlt, weil sie ein Mädchen war. Der heiß ersehnte Sohn war ihm versagt geblieben. Das hatte er nicht nur seine früh verstorbenen Frau fühlen lassen, sondern auch seine Tochter. Und er hatte sich dabei all die Zeit über im Recht gefühlt. Was sollte er mit einer Tochter anfangen? Was konnte sie ihm sein?

Aber dieser Brief Carlas, den er vor kurzem erhalten hatte, war doch nicht ohne Eindruck auf ihn geblieben. Bisher hatte er seine Tochter, gleich allen Frauen, als ein sehr unwichtiges Wesen betrachtet. Ihre Schüchternheit ihm gegenüber war ihm unlieb gewesen, und er sagte sich nicht, dass er selbst die Schuld daran trug.

Und nun hatte sie es plötzlich gewagt, in einem so ganz anderen Ton mit ihm zu reden. Furchtlos hatte sie sein Verhalten kritisiert und beleuchtet. Ruhig und bestimmt sagte sie ihm, dass er ein Unrecht an ihr begangen habe.

Zuerst war eine zornige Aufwallung in ihm emporgestiegen. Was fiel diesem kleinen dummen Mädel ein? Aber dann, als er den Brief wieder und wieder las, erwachte doch wider Willen ein anderes, besseres Gefühl in ihm. Er wollte es sich in seiner selbstherrlichen Art nur nicht eingestehen, dass er ihm imponierte. Ein klarer Geist leuchtete daraus hervor, und im Grunde sprach sie doch nur die Wahrheit. Ein wenig, ein ganz klein wenig schämte er sich nun doch, seine Tochter vernachlässigt zu haben.

„Wenn sie ein Junge geworden wäre – das wäre ein ganzer Kerl geworden“, sagte er jetzt, widerwillig anerkennend, vor sich hin.

Aber als er den Brief wieder in seine Brieftasche steckte, trotzte er doch gegen dieses Gefühl auf.

„Eine unbotmäßige Tochter, das könnte mir fehlen! Ich werde sie möglichst schnell verheiraten. Sie soll mir wenigstens dazu verhelfen, einen Schwiegersohn zu bekommen, der nach meinem Herzen ist. Ja, Heinz Salfner soll ihr Gatte werden… und mein Sohn. Ich will’s.“

Und schnell fasste er nach dem anderen Brief und las:

Mein hoch verehrter Freund!

Ich weiß Sie in diesen Tagen auf der Rückkehr nach Deutschland, weiß, dass Sie am 7. Juni in Konstanz zu treffen sind, ehe Sie vermutlich nach der Schweiz reisen, um Ihr Fräulein Tochter abzuholen. Es sind hier allerlei Geschäfte von größter Wichtigkeit erledigt worden, und Sie haben mir mit der Vollmacht, die Sie mir gaben, auch die Verantwortung auferlegt. So gut ich konnte, und hoffentlich in Ihrem Sinn, habe ich nach eigenem Gutdünken disponiert.

Nun drängt es mich aber, zu erfahren, ob Sie zufrieden sind. Ich kann damit nicht warten, bis Sie heimkehren, und mache mich übermorgen auf den Weg, um Sie in Konstanz zu treffen. Bitte erwarten Sie mich im Insel-Hotel. Ich komme über Lindau, da ich auf dem Weg noch einige Geschäfte abzuwickeln habe. Die üblichen Geschäftsberichte lege ich bei, damit Sie schon jetzt Einsicht nehmen können.

Mit ergebenen Grüßen Ihr allzeit dankbarer

Heinz Salfner

Ein Lächeln flog über das strenge Gesicht Fritz Rottmanns.

„Was mag der Teufelskerl angestellt haben? Nun, ich traue ihm das Beste zu. Solch einen Sohn zu haben – das wäre die Erfüllung aller Wünsche! Er muss mein Sohn werden, um jeden Preis!“

Auch dieses Schreiben legte er in die Brieftasche zurück. Ungeduldig sah er nach der Uhr und schritt dann im Zimmer auf und ab. Zuweilen blieb er am Fenster stehen und sah auf den Bodensee hinab. Die Anlegestelle der Dampfer war von hier aus nicht zu erblicken, aber er sah über den Bäumen die Rauchschwaden des Dampfers aufsteigen, der Heinz Salfner gebracht haben musste. Und auf der breiten Promenade, die nach der Haltestelle hinüberführte, war der Verkehr stärker geworden, ein Zeichen, dass der Dampfer angelegt hatte.

Nun musste Heinz Salfner gleich hier sein. – Und schon nach wenigen Minuten klopfte es an die Doppeltür. Gleich darauf stand ein schlanker, hoch gewachsener Mann mit einem gebräunten Gesicht auf der Schwelle.

Fritz Rottmann streckte ihm beide Hände entgegen.

„Endlich!“, rief er mit einem tiefen Aufatmen.

Heinz Salfners Brust hob sich ebenfalls in einem befreiten Atemzug.

„Gottlob! Ich fürchtete schon, dass Sie nach der Schweiz weitergereist sein könnten, ehe ich Sie erreiche.“

„Ich reise nicht nach Basel. Es verlangt mich nicht, in das Puppenheim meiner altjüngferlichen Schwägerin einzudringen, und deshalb habe ich meine Tochter einfach hier herbestellt. Ich erwarte sie morgen. – Aber nun, ohne Umschweife, Salfner, was hat es gegeben? Nehmen Sie Platz, und wenn Sie nicht gar zu müde sind, kommen wir gleich zur Sache.“

Er ließ sich nieder, aber Heinz Salfner reckte seinen kraftvollen, sehnigen Körper.

„Gestatten Sie mir, dass ich stehen bleibe, bis ich alles vom Herzen herunter habe. Ich habe zum Sitzen keine Ruhe.“

„Wie Sie wollen. Also?“

Der junge Mann atmete nochmals tief auf.

„Sie haben die rasend schnelle Markentwertung unterwegs verfolgt, Herr Rottmann?“

„Mit schwerer Sorge, das können Sie sich denken. Mein einziger Trost war, dass ich Sie daheim auf dem Posten wusste.“

Heinz Salfner strich sich über die Stirn.

„Es ging auch hart auf hart, Herr Rottmann. Ich wusste kaum, wie ich mit dem Kurssturz Schritt halten sollte. Der Dollar stieg und stieg, und unsere Speicher leerten sich rasend schnell, ohne dass ich genügend für Ersatz sorgen konnte. Da kam unerwartet ein meiner Ansicht nach sehr günstiges Angebot, aber es handelte sich um einen enormen Posten und in einer Stunde musste ich mich entscheiden. Eine Riesensumme musste sofort flüssig gemacht werden, für eine zweite gleich große wurden kurzfristige Wechsel verlangt. Ich habe es gewagt, habe alle Reserven flottgemacht und den Abschluss getätigt, denn es blieb mir nicht einmal Zeit, mich telegrafisch mit Ihnen zu verständigen. Hätte ich es nicht getan, ständen unsere Speicher jetzt bis zur Hälfte leer. Nun ist alles gefüllt, und ich bringe Orders auf große Bestellungen. Wir können billiger liefern als die anderen… und besser, weil ich die günstige Gelegenheit beim Schopf fasste und wir der Konkurrenz zuvorkommen konnten. Trotzdem habe ich verschiedene schlaflose Nächte gehabt, Herr Rottmann, denn mit solchen Summen habe ich noch nie jonglieren müssen. Hier bringe ich Ihnen alle Unterlagen. Bitte, sehen Sie alles durch, und dann sagen Sie mir, ob ich recht gehandelt habe.“

Heinz Salfner war tief erregt. Seine Augen blitzten, und die Muskeln seines Gesichts zuckten. Schnell legte er nun verschiedene Papiere vor seinen Chef. Fritz Rottmann hatte aufmerksam zugehört und prüfte nun die Papiere, die einen genauen Überblick von Heinz Salfners Tätigkeit gaben.

Der junge Mann hatte glänzend gearbeitet. Das war tatsächlich mehr, als Fritz Rottmann jemals von seinem Stellvertreter erwartet hätte.

Endlich richtete Rottmann sich auf und reichte Heinz Salfner mit einer raschen Bewegung beide Hände.

„Ich habe gewusst, dass die Firma unter Ihren Augen sicher geborgen war. Meine beiden alten Prokuristen sind ja tüchtige Männer, aber sie wurzeln zu sehr in der alten Zeit, um sich den Sprüngen der neuen anpassen zu können. Es geht mir zuweilen selbst der Atem aus. Sie sind der neuen Zeit gewachsen, Salfner, Sie haben die nötige kaltblütige Entschlossenheit. Und außerdem haben Sie Wagemut, der uns Alten fehlt. Ich danke Ihnen. Ohne Ihr entschlossenes Eingreifen wäre uns ein riesiger Gewinn entgangen, und, was schlimmer gewesen wäre, unsere Leistungsfähigkeit wäre stark beeinträchtigt worden. Jetzt können wir der neuen Sturm- und Drangperiode einigermaßen ruhig entgegensehen. Sie sind ein prächtiger Mensch, Salfner, und ein Gewinn für die Firma Rottmann. Das habe ich schon längst gewusst, und Sie haben es mir von neuem bestätigt.“

Heinz Salfners blaue Augen leuchteten auf. Seine Stirn rötete sich.

„Ich freue mich, dass Sie mit mir zufrieden sind, Herr Rottmann. Und wenn ich Ihnen einen Dienst geleistet habe, dann habe ich wenigstens einen Teil meiner Dankesschuld an Sie abgetragen.“

Lächelnd sah Rottmann zu ihm auf. „Diese Dankesschuld hat Sie wohl arg gedrückt?“

Salfner schüttelte den Kopf. „Nein, dazu ließen Sie es nicht kommen, dass sie mich drückte. So großmütig und großzügig haben Sie mir geholfen, als ich nach Kriegsschluss mit leeren Händen und existenzlos dastand. Vermögen hatte ich nicht, meine Mutter und Schwester sind eher auf meine Unterstützung angewiesen, als dass sie mir hätten helfen können, und so stand ich so ziemlich dem Nichts gegenüber, als ich Ihnen damals in einer schauderhaften Gemütsverfassung am Hafen begegnete. Sie zeigten mir gleich ein so warmes Interesse, dass ich Ihnen ewig dankbar dafür sein muss.“

„Das war doch selbstverständlich. Sie waren der Sohn meines besten Freundes, den ich schon immer um seinen tüchtigen Sohn beneidet hatte. Da war es für mich selbstverständlich, dass ich mich Ihrer annahm.“

„Und das haben Sie in sehr umfassender Art getan. Sie boten mir eine sichere Existenz in Ihrem Haus, zeigten mir Vertrauen und gaben mir neue Pflichten, neue Lebensmöglichkeiten.“

„Nun, davon sollen Sie kein Aufhebens machen. Wenn ich in Ihnen nicht den tüchtigen Kerl entdeckt hätte, wäre meine Fürsorge für Sie nicht so eifrig gewesen. Ich habe selbst den meisten Nutzen davon gehabt. Dass ich an Ihnen einen guten Griff getan hatte, wusste ich schon nach vier Wochen, und seither haben Sie mir das immer wieder bewiesen. Zuletzt mit diesem Bravourstückchen. Ja, mein lieber Salfner, jetzt hat sich das Blättchen gewendet. Jetzt bin ich in Ihrer Schuld. Oft in diesen Jahren, da Sie meine rechte Hand geworden sind, habe ich mir gewünscht, dass Sie mein Sohn sein möchten. Heute wünsche ich mir das mehr denn je.“

Heinz Salfner atmete tief auf. „Das macht mich sehr stolz, Herr Rottmann“, sagte er bewegt.

Eine Weile blieb es still. Dann stand Rottmann plötzlich auf, fasste Salfners Hand von neuem und sah ihn mit einem seltsam drängenden Blick an.

„Ich muss Ihnen in dieser Stunde etwas sagen, was ich schon lange auf dem Herzen habe, was mich lange schon innerlich beschäftigt. Gerade jetzt soll es ausgesprochen werden, wo Sie große Summen und das Ansehen der Firma Rottmann gerettet haben. Sie wissen, ich habe sehr darunter gelitten, dass ich keinen Sohn, keinen männlichen Erben habe. Seit ich Sie an meiner Seite arbeiten sah, habe ich immer denken müssen: So wie dieser prächtige junge Mensch hätte dein Sohn beschaffen sein müssen, hättest du einen gehabt. Und dieser Gedanke hat sich mehr und mehr zu dem Wunsch verdichtet, Sie für immer an mich und die Firma Rottmann zu fesseln. Ich habe darüber nachgedacht, Tag und Nacht, wie ich Sie unlösbar an mich binden könnte. Und da ist mir endlich eine Erleuchtung gekommen, und ich habe mich nun in diesen Gedanken verbissen. Salfner, Sie könnten mein Sohn werden – und zwar über meine Tochter hinweg. Ich meine, Sie müssten mein Schwiegersohn werden.“

Der junge Mann zuckte betroffen zusammen und sah ihn betreten an.

„Herr Rottmann!“, rief er mehr erschrocken als erfreut.

Rottmann strich sich über die Stirn. „Sie erschrecken? Es ist auch ein sehr ungewöhnliches Anerbieten, das ich Ihnen mache. Sie kennen meine Tochter noch nicht, ich selbst habe sie seit reichlich drei Jahren nicht mehr gesehen. Sie ist mir fremd geworden, und ich hätte sie wohl auch jetzt noch nicht heimgerufen, wenn ich nicht die Hoffnung hätte, dass sie mir helfen könnte, Sie als Sohn zu erringen. Sie darf natürlich nicht wissen, dass ich solche Pläne mit ihr habe. Frauen sind in solchen Dingen sentimental. Aber wir zwei Männer können doch offen über diese Dinge reden. Nein, sprechen Sie noch nicht, ich will keine rasche Antwort, die vielleicht gegen meine Wünsche ausfallen könnte. Lassen Sie mich noch einiges hinzufügen. Meine Tochter ist gesund an Leib und Seele, sie ist auch nicht hässlich, vielleicht sogar hübsch. Und sie hat eine sorgfältige Erziehung genossen, hat ziemlich abgeschlossen bei ihrer alten Tante gelebt und ist sicher noch ein unbeschriebenes Blatt. Sie ist sanft und gefügig und würde Ihnen sicher eine gute Frau werden. Sie wird die Erbin meines Vermögens und der Firma Rottmann sein, und niemand erscheint mir würdiger, ihr Gatte zu werden, als Sie. So, nun können Sie sprechen.“

Mit seinen stahlblauen Augen sah Heinz Salfner zum Fenster hinaus. Sein Blick schweifte über den Bodensee. Aber er sah nichts. Mit all seinen Sinnen war er bei dem, was Rottmann zu ihm gesprochen hatte.

Als junger Offizier hatte er, wie viele seiner Kameraden, seine kleinen Abenteuer gehabt, aber die Frauen war ihm nicht besonders wichtig erschienen. Dann kam der Krieg – und nach allem Furchtbaren, was er erlebte, das schlimme Ende. Da hatten die Frauen gar keine Rolle mehr gespielt in seinem zerstörten Leben. Nur an die geliebte Mutter und Schwester hatte er sich noch mehr angeschlossen in gemeinsamer Not, und dass er ihnen kein sorgloses Leben schaffen konnte, bedrückte ihn mehr als seine eigene Existenzfrage. Rottmann hatte ihm dann eine neue Existenz geboten, aber es galt, alle Kräfte einzusetzen – auch da blieb ihm keine Zeit, sich sonderlich um die Frauen zu kümmern.

An eine Heirat hatte er wohl manchmal gedacht wie an die Krönung seines Lebens, aber die Zeiten waren nicht dazu angetan, an die Gründung eines eigenen Hausstands zu denken. Nach Geld zu heiraten, daran hatte er nie gedacht. Das lag seinem Wesen völlig fern. Als er bei Rottmann ein sehr gutes Gehalt bezog, freute er sich, Mutter und Schwester helfen zu können. Und nun bot ihm Rottmann plötzlich mit vollen Händen alles, was ihm das Leben bisher versagt hatte, unter anderem auch die Möglichkeit, noch mehr als bisher für Mutter und Schwester tun zu können.

Das vor allem fiel schwer in die Waagschale. Aber auch sonst war dies Anerbieten so verlockend, dass er schwach werden konnte. Er sollte der Schwiegersohn des Mannes werden, den er so hoch verehrte, sollte sein Erbe sein, sein Nachfolger an der Spitze der Firma Rottmann – aber auch zugleich der Gatte von Fritz Rottmanns Tochter, einer Frau, die er nicht kannte, von deren Wesensart er nichts wusste. Das nahm ihm fast den Atem. Erst nach einer langen Weile vermochte er zu sprechen.

„Ich weiß nicht, Herr Rottmann, was ich Ihnen erwidern soll. Ihre Worte haben alles in mir aufgewühlt. Sie wissen, wie sehr ich Sie verehre, und ich verkenne auch nicht, was Sie mir da an äußeren Gütern bieten. Es überwältigt mich einfach, und ich bin nicht Fantast genug, ein so großes Glück ohne weiteres zu zerschlagen. In dieser schweren Zeit wiegt es doppelt, und ich muss dabei auch an meine Mutter und meine Schwester denken. Aber bei alledem darf ich Ihr Fräulein Tochter nicht vergessen. Sie hat in dieser Frage das erste Wort zu sprechen.“

Rottmann hob die Hand.

„Meine Tochter ist im strengen Gehorsam gegen mich erzogen und wird sich ohne weiteres meinem Wunsch fügen, wenn ich ihn ihr eröffne. Daran soll mein Plan nicht scheitern. Aber aus Rücksicht auf das Feingefühl der Frauen will ich vorläufig nicht in Aktion treten. Ihnen wird es sicherlich nicht schwer fallen, so ein junges, unberührtes Mädchenherz zu erobern. Ein Mann wie Sie braucht doch nur zu wollen.“

Heinz Salfner schüttelte den Kopf. „Da spricht so mancherlei mit, Sie vergessen, dass wir gar nicht wissen, ob das Herz Ihres Fräulein Tochter noch frei ist. Sie kann es längst anderweitig verschenkt haben.“

Rottmann fuhr auf wie im jähen Schrecken, aber dann wehrte er hastig ab. „Nein, nein, das ist nicht anzunehmen. Meine Tochter hat sehr zurückhaltend gelebt. Hätte sich ihr ein Mann genähert, so hätte mir meine Schwägerin sofort einen Bericht zugesandt. Die Hauptsache ist, dass Sie sich bereit erklärt, meinen Wunsch zu erfüllen. Ich will nur wissen, ob außer Ihrem Willen noch Hindernisse vorliegen.“

„Hindernisse? Nein, ich bin wie Sie wissen, ein freier Mann. Aber ich muss natürlich, ehe ich mich entscheide, Ihr Fräulein Tochter kennen zu lernen, wissen, ob ich Sympathie für sie empfinden kann. Das halte ich für unerlässlich. Eine große Leidenschaft ist nicht nötig als Grundstein für eine gute Ehe, aber Sympathie und Hochachtung muss man der Frau entgegenbringen, die man an seine Seite stellt.“

„Nun gut, lernen Sie meine Tochter kennen! Sie wird morgen hier eintreffen, und Sie können unverfänglich mit ihr zusammentreffen, so oft Sie wollen. Und wenn Sie Sympathie für sie empfinden können, dann erfüllen Sie meinen Wunsch, nicht wahr?“

Eine Weile zögerte der junge Mann noch. Es zog doch in diesem Augenblick etwas wie ein holder Traum an ihm vorüber. Früher hatte er zuweilen daran gedacht, dass es schön sein müsse, eine Frau heimzuführen, die man von ganzem Herzen lieben konnte. Und nun sollte er sich für ein Mädchen entscheiden, das ihm nur äußere Verhältnisse und die Dankbarkeit gegen den Vater aufnötigten. Aber warum sollte es nicht möglich sein, dass er sein Herz an Carla Rottmann verlor, und dass auch er ihre Liebe errang?

Er strich sich über die Stirn. „Verzeihen Sie, wenn ich mich noch bedenke, Herr Rottmann, es kommt mir alles so überraschend. Aber ich habe den innigen Wunsch, dass ich den Ihren erfüllen kann.“

Rottmann fasste seine Hand. „Damit bin ich vorläufig zufrieden. Ich gebe Ihnen so viel Zeit, wie Sie wollen. Sie kennen jetzt meinen geheimsten Herzenswunsch, und das Übrige wird sich finden.“

„Nur eine Bitte habe ich noch.“

„Nun?“

„Sie müssen mir versprechen, dass Sie auf Ihr Fräulein Tochter keinerlei Zwang ausüben wollen. Wenn sie nicht freiwillig meine Frau werden kann, darf sie nicht beeinflusst werden.“

„Gut, das verspreche ich Ihnen. – Und nun wollen wir zu Tisch gehen. Sie werden hungrig sein.“

Lächelnd nickte Salfner. „O ja, hungrig bin ich. Vor lauter Aufregung hatte ich unterwegs nicht viel essen können. Gestatten Sie mir, dass ich mich erst vom Reisestaub reinige.“

„Selbstverständlich, machen Sie sich fertig, und holen Sie mich dann ab.“

Sie trennten sich mit einem nochmaligen festen Händedruck.

Eine Viertelstunde später schritten sie nach dem großen Speisesaal. Während der Mahlzeit, die sie einnahmen, sprachen sie von Geschäften.

***

Am nächsten Tag holte Fritz Rottmann seine Tochter und auch seine Schwägerin vom Bahnhof ab. Er sah mit prüfendem Blick über ihre Erscheinung hin. Sie war mittelgroß, schlank gewachsen und hatte feine sympathische Gesichtszüge. Aber sie hatte unfreie, linkische Bewegungen, vielleicht gerade deshalb, weil sie fühlte, dass der Vater sie kritisch beobachtete. Sie hatte das Antlitz des Vaters mit einem großen, fragenden Blick gestreift, als er sie mit einer etwas erzwungenen Heiterkeit begrüßte, und dann hatten sich ihre Augen gesenkt. Still hatte sie den Kuss geduldet, den er ihr auf die Stirn drückte, und nun schritt sie neben ihm und Tante Gertrud den Bahnsteig entlang und tauschte oberflächliche Redensarten über die Reise und das Wetter mit ihm aus.

Immer wieder flog der Blick des Vaters von der Seite her prüfend auf die Tochter. Sie trug ein graues Reisekleid, das sehr schlecht saß, wenn es auch von gutem Stoff war, und einen wenig kleidsamen Hut.

Tante Gertrud war eine hagere, altjüngferliche Erscheinung mit eckigen Bewegungen. Sie trug ein Reisekleid vom gleichen Schnitt wie das ihrer Nichte. Anscheinend hatte die alte Dame auch den Reiseanzug ihrer Nichte bestimmt. Carla würde sich anders kleiden müssen, wenn sie einem Mann von Geschmack gefallen sollte.

Als sie in einem Wagen vor dem Bahnhof Platz genommen hatten, sagte Tante Gertrud aufatmend: „Welch ein furchtbarer Trubel! Reisen ist schrecklich, man wird ganz krank davon. Ich werde froh sein, wenn ich erst wieder in meiner stillen Klause bin.“

„Oh, es tut mir Leid, dass ich dich zu dieser Reise veranlasst habe, liebe Gertrud. Ich ahnte freilich nicht, dass ich dir damit ein Opfer auferlegte“, erwiderte Rottmann.

Die alte Dame lächelte wie ein Opferlamm. „Lass nur, lieber Schwager, ich bringe dieses Opfer gern. Aber es ist nirgends so still und friedlich wie daheim bei mir, nicht wahr, Carla?“

Ein müdes Lächeln huschte um Carlas Mund. „Ganz gewiss nicht, Tante Gertrud.“

Die alte Dame nickte. „Ja, ja, du wirst dich noch manchmal nach diesem stillen Frieden zurücksehnen, wenn du auch zuweilen ungeduldig nach der Welt da draußen verlangt hast. Aber natürlich ist es jetzt an der Zeit, dass du in dein Vaterhaus zurückkehrst. Lieber Schwager, ich habe nicht gedacht, dass du Carla so lange bei mir lassen würdest, aber ich habe natürlich alles getan, um ihre Erziehung zu vollenden. Ich denke, du wirst zufrieden sein. Eine wohlerzogenere, gesittetere junge Dame als Carla gibt es nicht. Darüber sind all meine Freundinnen sich einig, und die sind alle sehr streng in ihren Ansichten.“

Fritz Rottmann sah zu seiner Tochter hinüber und bemerkte, dass ihre Lippen zuckten. Ein leises Unbehagen stieg in ihm auf.

Ehe sie das Hotel erreichten, sagte Fritz Rottmann: „Mein jüngster Prokurist, Herr Salfner, weilt auch in Konstanz. Du wirst ihn nachher kennen lernen. Er ist der Sohn meines besten Freundes, ein sehr liebenswürdiger und tüchtiger junger Mann. Er verkehrt viel in meinem Haus und wird also auch mit dir sehr oft zusammenkommen, Carla. Ich hoffe, du stellst dich gut mit ihm.“

Carla hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie dachte nur immer: Wann wird mich mein Vater einmal ansehen, wie ein liebevoller Vater seine Tochter ansieht?

Ihr war sehr weh ums Herz. Sie fror unter dem kritisch prüfenden Blick ihres Vaters. Sie ahnte natürlich nicht, dass er sie nur daraufhin ansah, ob sie Heinz Salfner gefallen würde.

Dass er einen günstigen Eindruck auf Carla machen würde, bezweifelte Rottmann keinen Augenblick. Oft genug hatte er bemerkt, dass die Frauen seiner interessanten Erscheinung mit sehr wohlgefälligen Blicken nachsahen. Es würde ihm gewiss nicht schwer fallen, dieses unberührte Mädchenherz gefangen zu nehmen.

Aber… war es wirklich noch unberührt? Diese Frage beunruhigte ihn plötzlich, und er wünschte sich Gewissheit zu schaffen. Deshalb sagte er wie im Scherz: „Da habe ich nun eine erwachsene Tochter, die längst heiratsfähig ist. Du bist doch bereits einundzwanzig Jahre alt, Carla?“

„Ja, Vater“, erwiderte sie tonlos.

„Und wie steht es mit der Heiratslust? Hast du etwa gar schon dein Herz verschenkt?“

Ruhig und unbefangen sah sie ihn an. „Nein, Vater, mein Herz ist noch frei. Ich habe auch nie Gelegenheit gehabt, es zu verschenken, denn ich habe fast nur mit alten Damen verkehrt und keine jungen Herren näher kennen gelernt.“

„Nun, zum Verlieben braucht man sich doch nicht näher zu kennen“, scherzte er.

Da traf ihn ein großer ernster Blick aus den Augen seiner Tochter. „Doch, Vater, wenn man einen Menschen lieb gewinnen soll, muss man ihn doch auch kennen. Man liebt doch schließlich nicht nur das Äußere an einem Menschen, sondern seine ganze Art, sein ganzes Wesen.“

Nun war er befriedigt. Aber er sagte lächelnd: „Es soll doch auch eine Liebe auf den ersten Blick geben.“

Was würde ihm Carla für eine Antwort geben?

Seine Tochter schien zu überlegen.

Jetzt hatte sie scheinbar die Antwort auf seine Frage gefunden.

Sie zuckte die Achseln. „Das kann ich nicht beurteilen.“

„Jedenfalls wirst du dir bald ein Urteil darüber bilden können, du wirst jetzt in die Gesellschaft deiner Vaterstadt eingeführt werden und natürlich genug junge Herren kennen lernen.“

„Es eilt mir damit nicht, Vater“, sagte sie in ihrer ernsten, stillen Art.

Fritz Rottmann war ihr ernster Blick unbehaglich. Er musste an den Brief denken, den sie ihm geschrieben hatte. Und er glaubte, in ihren Augen denselben Vorwurf zu lesen, den sie ihm in ihrem Brief gemacht hatte.

Etwas in diesem Blick griff ihm nun doch ans Herz. Er fasste ihre Hand und beugte sich vor. „Wir sind uns ein wenig fremd geworden, Carla, und daran trage ich die meiste Schuld. Aber das soll nun besser werden, nicht wahr?“, sagte er, wärmer als bisher.

Und der stattliche, imponierende Mann konnte etwas sehr Bestrickendes haben, wenn er sich einmal warm und herzlich gab, vielleicht gerade, weil das so selten geschah. Carla schoss das Blut ins Gesicht, alles war in diesem Augenblick vergessen, was trennend zwischen ihr und dem Vater stand. Alle Tore ihres vereinsamten Herzens sprangen auf, und sie umklammerte mit krampfhaftem Druck seine Hand.

„Lieber Vater – lieber, lieber Vater, wie sehr freue ich mich darauf!“, rief sie mit ihrer seltsam tief und weich klingenden Stimme. Und dann fuhr sie zaghaft fort: „Hast du meinen Brief erhalten?“

Er nickte. „Ja, und ich habe ihn mir auch zu Herzen genommen. Sieh, Kind, so ein Geschäftsmann wie ich, der hat wenig Zeit, nur Mensch zu sein. Aber wenn du bei mir bist, soll es besser werden.“

Sie drückte seine Hand in tiefster Erregung und ihre Augen strahlten ihn glückselig an. Die wenigen guten Worte des Vaters hatten sie mit froher Hoffnung auf die Zukunft erfüllt.

Ihr Vater fand, dass sie mit diesen aufleuchtenden Augen sehr reizend aussah und er dachte: Wenn sie Heinz Salfner so ansieht, wird sie ihm schon gefallen.

Im Hotel angekommen, führte Fritz Rottmann die Damen auf ihre Zimmer und sagte ihnen, dass er sie in einer Stunde abholen würde, um mit ihnen zu Tisch zu gehen.

„Ich werde euch dann Herrn Salfner vorstellen, der mit uns speisen wird“, sagte er.

Carla hätte es lieber gesehen, wenn sie mit dem Vater allein geblieben wäre, aber das sprach sie nicht aus. Sie blieb, als sie in ihrem Zimmer allein war, stehen und drückte die Hände aufs Herz.

„Vater, lieber Vater!“, flüsterte sie flehend, als wollte sie ihn beschwören, sie lieb zu haben.

Und dann atmete sie tief auf und begann, sich umzukleiden. Als sie sich im Spiegel betrachtete, schüttelte sie unwillig den Kopf. Es hätte ihr nie Freude gemacht, sich anzusehen, und was ihr Tante Gertrud an Garderobe bestellte, hatte ihr nie gefallen. Sie trug es nur, um die alte Dame durch eine Ablehnung nicht zu kränken und weil ihr bisher ihr Äußeres sehr gleichgültig gewesen war. Jetzt sah sie im Geist ihren eleganten Vater neben sich stehen, fühlte wieder seinen kritischen Blick und seufzte tief auf.

Und dann dachte sie darüber nach, wie sich ihr ferneres Leben gestalten würde. Sie wollte alles tun, was in ihrer Macht lag, um des Vaters Liebe zu erringen. Jetzt würde sie ja täglich bei ihm sein, würde um seine Liebe werben können. Es musste ihr doch gelingen, in seinem Herzen etwas für sie zu wecken.

***

Als Fritz Rottmann die beiden Damen abholte, um sie nach dem Speisesaal zu führen, waren sie längst bereit. Im Speisesaal hatte Fritz Rottmann am Fenster einen Tisch reservieren lassen. Dort wurden sie von Heinz Salfner erwartet. Er sprang auf und blieb abwartend stehen, bis ihn sein Chef mit den Damen bekannt machte. Sein Blick flog forschend über die Erscheinung der jüngeren Dame.

Carla hatte ein leichtes Sommerkleid angezogen, aber obwohl sie darin ein wenig vorteilhafter aussah als in ihrem schlecht sitzenden Reiseanzug, machte sie mit ihrem unbeholfenen Wesen doch keinen sehr günstigen Eindruck. Sie schob sich zaghaft und unsicher durch die Reihen der dicht besetzten Tische, und ihre Augen blieben gesenkt.

Erst als nun Heinz Salfner einige Worte an sie richtete, hob Carla die Augen zu ihm empor. Nur eine Sekunde sah sie in seine Augen hinein, dann senkte sie den Blick wie im heißen Erschrecken wieder zu Boden. Der Blick dieser stahlblauen Männeraugen, die sich so forschend in die ihren senkten, erschreckte sie.

Carla hatte in ihrem klösterlich abgeschiedenen Leben wenig Gelegenheit gehabt, mit jungen Herren zusammenzukommen, und noch nie hatte ein junger Mann irgendwelche Gefühle in ihr ausgelöst. Jetzt, unter Heinz Salfners Blick, zuckte zum ersten Mal in ihrem Herzen eine geheime Erregung auf, die ihr das Blut schneller durch die Adern jagte. Sie neigte verlegen, dankend das Haupt, als er ihr den günstigsten Platz am Fenster anbot, und ihr den Sessel zurechtrückte.

Mit gesenkten Augen, die Hände krampfhaft im Schoß verschlungen, saß sie ihm dann gegenüber und fühlte mit einer brennenden Scham, wie linkisch sie ihm erscheinen musste. Sie kam sich noch viel gedemütigter vor als unter dem kritischen Blick ihres Vaters. Beklommen sah sie zur Seite, wo eine reizende Dame in einer entzückenden Toilette mit einem jungen Herrn zusammensaß und ihm mit graziöser Schelmerei die Hand reichte, die er mit inniger Gebärde an die Lippen führte.

Mein Gott, wie hässlich und ungeschickt ich bin, sagte sie sich bedrückt.

Und ihr Wesen wurde durch diese Erkenntnis noch unfreier und gezwungener als zuvor.

Zum Glück kam jetzt der Kellner und nahm die Bestellung Fritz Rottmanns entgegen. Dadurch wurde eine Pause geschaffen, die Carla benutzte, um sich ein wenig zu fassen. Als sie aufblickte, bemerkte sie, dass Heinz Salfner sich an Tante Gertrud wandte und ihr die Speisekarte reichte.

So konnte sie unbeobachtet ihre Augen auf ihm ruhen lassen, und ein seltsam traumhaftes Gefühl kam über sie, als ihr Blick seine interessante, kraftvolle Persönlichkeit streifte. Als er sich ihr dann wieder zuwandte und sie ansah, schlug sie wieder erschrocken, wie auf einem Unrecht ertappt, die Augen nieder.

Ihre Hilflosigkeit erbarmte Heinz Salfner, er versuchte, sie durch eine ruhige Unterhaltung etwas sicherer zu machen.

Man speiste nun zusammen, und Tante Gertrud erklärte, dass die Küche des Insel-Hotels vorzüglich sei. Sie trank auch mit Genuss ein Gläschen Wein und wurde dabei etwas gesprächiger und vergnügter. Sie erzählte in ihrem Schweizerdeutsch allerlei Erlebnisse ihrer Reise.

Nach Tisch ging man hinaus in den großen gepflegten Garten. Fritz Rottmann ging mit Tante Gertrud voraus, und Carla folgte an Heinz Salfners Seite. Sie schritten einen breiten Laubengang hinab, der sich dicht an der Kaimauer dahinzog, und nahmen dann dicht an der Mauer, die mit Schlingpflanzen bewachsen war, in weißen Rohrsesseln an einem runden weiß lackierten Tisch Platz. Hier nahmen sie den Mokka, den eine schwarz gekleidete Dienerin servierte, ein. Heinz Salfner hatte versucht, ein interessantes Gespräch mit Carla anzuknüpfen, als sie durch den Garten schritten. Aber so gern sie darauf eingegangen wäre und so kluge und geistvolle Antworten sie hätte geben können, da sie ja über ein ziemlich großes Wissen verfügte, war ihr doch die Kehle wie zugeschnürt, und sie konnte nur einsilbige, belanglose Antworten geben.

Ein großes Licht ist diese junge Dame nicht, sie scheint ziemlich gleichgültig zu sein, sagte er zu sich selbst.