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SOZIALWISSENSCHAFTLICHE STUDIEN DES SCHWEIZERISCHEN INSTITUTS FÜR AUSLANDFORSCHUNG

BAND 44 (NEUE FOLGE)

Begründet von
Prof. Dr. Dr. h.c. Friedrich A. Lutz (†)

siaf

www.siaf.ch

Zwischen Sicherheit und Risiko

Herausgegeben von Martin Meyer

Mit Beiträgen von Jonathan Franzen, Joachim Gauck, Eric Gujer, Hans Ulrich Gumbrecht, Wolfgang Ischinger, Haruhiko Kuroda, Kishore Mahbubani, Harald Welzer

NZZ Libro

Inhalt

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Vorwort

HANS ULRICH GUMBRECHT
Amerika, hast du es (immer noch) besser?

KISHORE MAHBUBANI
Can Asia Lead the World?

HARALD WELZER
Die Zukunft der Freiheit

JONATHAN FRANZEN
A Writer’s Perspective on a (Quickly) Changing World

HARUHIKO KURODA
Quantitative and Qualitative Monetary Easing and Economic Theory

ERIC GUJER
Neue Welt(un)ordnung

WOLFGANG ISCHINGER
Überlegungen zur Zukunft europäischer Sicherheit

JOACHIM GAUCK
Europa – einst Verheissung – heute Streitfall

Autoren und Herausgeber

Vorwort

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Unruhige Zeiten rufen nach kompetenten Analysen, erhellenden Hintergründen und qualifizierten Meinungen. Damit ist auch umrissen, was von jeher die Aufgaben und Pflichten des Schweizerischen Instituts für Auslandforschung ausmacht. Die Unübersichtlichkeit des Weltgeschehens ist in den letzten Jahren nicht geringer geworden, ganz im Gegenteil: Der alte Begriff von der Geopolitik erhält in der Epoche mannigfaltiger politischer, wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und wissenschaftlicher Umbrüche eine neue Bedeutung. Europa, die Vereinigten Staaten von Amerika, Asien und die arabische Welt sehen sich immer wieder spannungsvollen Herausforderungen gegenüber. Diesem Faktum trug das Institut mit einem bunten Strauss von Vorträgen und Diskussionen Rechnung. Schon früh im Jahr meldete sich der an der Stanford University lehrende Kulturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht mit einem viel beachteten Referat zu Wort, das die neuesten Entwicklungen seit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump untersuchte. Wenig später erhellte der Politologe Kishore Mahbubani die asiatischen Verhältnisse mit Blick auf die grossen wirtschaftlichen Kräfte, die sich in China, in Japan, aber auch im gesamten asiatischen Raum bemerkbar machen. Damit war bereits eine weite globale Klammer aufgetan, die danach auch im Hintergrund wirkte, wenn es etwa wie in dem Referat von Harald Welzer um den modernen Menschen und sein Verhältnis zur Freiheit ging.

Auch im Herbstsemester konnten wichtige Referenten an die Universität Zürich eingeladen werden. Den Auftakt machte der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen mit einer brillanten Lecture, in der er sich kritisch, aber auch selbstkritisch mit den Kräften des Wandels auseinandersetzte, die uns seit der Epoche der Digitalisierung nicht mehr loslassen. Jonathan Franzens Auftritt konnte kombiniert werden mit der Verleihung des Frank-Schirrmacher-Preises an den Schriftsteller, wobei der weitherum bekannte Blogger und Internetspezialist Sascha Lobo eine viel beachtete Laudatio hielt. Einen anderen Akkord schlug der Chef der japanischen Zentralbank, Haruhiko Kuroda, an, der zu aktuellen Fragestellungen der Weltfinanzpolitik und damit auch zu den Problemen und Hypotheken weitverbreiteter Staatsverschuldung Position bezog. Mit Eric Gujer betrat der Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung das Podium: Gujer gab eine eindringliche Übersicht über das, was mit dem Titel seines Vortrags zu Recht als die «Neue Welt(un)ordnung» bezeichnet werden kann. In ähnlicher Richtung argumentierte kurz danach auch Botschafter Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, der fundierte Überlegungen zur Zukunft europäischer Sicherheit anstellte und dabei zeigte, dass das transatlantische Verhältnis zwischen den Kontinenten immer noch auch für Europa von der massgeblichsten Bedeutung ist. Den Abschluss dieses ereignisreichen Jahrs bildete ein Vortrag des ehemaligen Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Joachim Gauck anlässlich des traditionellen «Churchill Europe Symposium» in Zusammenarbeit mit dem Europa Institut an der Universität Zürich. Gauck plädierte in bester Tradition Churchills für ein aufgeklärtes Europa, das sich aber auch sämtlicher Herausforderungen bewusst sein müsse.

Zürich, im März 2018

Dr. Martin Meyer, Präsident des Vorstands SIAF

(Alle Texte geben mündlich gehaltene Vorträge wieder und sind in diesem Sinne als niedergeschriebene Reden zu verstehen.)

Amerika, hast du es (immer noch) besser?

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HANS ULRICH GUMBRECHT

Vortrag vom 21. März 2017

Was kann ich an Interessantem und Relevantem über die neue politische Situation in den Vereinigten Staaten sagen, wenn ich doch nur ein zünftiger Literaturwissenschaftler bin? Zweierlei vielleicht: Erstens, dass ich seit Beginn der Emergenz des Phänomens Trump, das heisst seit Beginn des langen Vorwahlkampfs, der Primaries, versucht habe, Tag für Tag – und das muss man bei Trump, weil man nie weiss, was der nächste Tag bringt – dieses Phänomen mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln analytisch und argumentativ zu entschlüsseln. Zweitens, dass ich als amerikanischer Staatsbürger, der in Europa, in Deutschland geboren ist, seit dem Jahr 2000 am Verstehen dieser Situation leidenschaftlich interessiert bin und hoffe, dass ich zumindest diese Leidenschaft in meiner Analyse vermittle.

Der Titel dieses Vortrags geht auf einen sprichwörtlich gewordenen Vers aus einem Gedicht von Goethe zurück, das postum veröffentlicht wurde. Es ist gewiss nicht sein bestes Gedicht. Trotzdem möchte ich, weil man als in Deutschland geborener Literaturwissenschaftler die Chance nicht auslassen sollte, Goethe zu zitieren, vor allem auf den Beginn des Gedichts hinweisen:

Den Vereinigten Staaten

Amerika, du hast es besser

Als unser Kontinent, das alte,

Hast keine verfallene Schlösser

Und keine Basalte.

Dich stört nicht im Innern,

Zu lebendiger Zeit,

Unnützes Erinnern

Und vergeblicher Streit.

Benutzt die Gegenwart mit Glück!

Und wenn nun eure Kinder dichten,

Bewahre sie ein gut Geschick

Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.

Zunächst möchte ich zu dem Gedicht in klassisch-literaturwissenschaftlicher Weise zwei kurze Kommentare im Sinn eines «running commentary» abgeben. Was im zweiten Vers «das alte» bedeutet, ist unklar. Ob Goethe vergessen hat, das Adjektiv in ein Substantiv zu verwandeln durch Grossschreibung des «A», ob er sich nicht mehr an das grammatikalische Geschlecht des Kontinents erinnert hat – wir wissen es nicht. Wir wissen allerdings, warum er das Wort Basalte gebraucht hat. Dass Basalte nicht der beste Grund für das Errichten eines Gebäudes sind, war eine Obsession und eine relativ neue Entdeckung der Geologie zur Zeit Goethes, die auch ihn fasziniert hat. Aber – unglücklicherweise, möchte ich fast sagen – dieses Gedicht geht beinahe unendlich weiter und wird, wenn man das bei Goethe einmal sagen darf, sehr altersgeschwätzig. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes war er ja noch viel älter, als ich es heute bin, und man könnte sagen, dass er sich mit einer Vergangenheitsbesessenheit beschäftigt. Goethe kritisiert, wie man schon in der ersten Strophe sieht, Europa wegen einer aus seiner Sicht übertriebenen Fixierung auf die Vergangenheit. Er bezieht sich da vor allem auf die Restauration, also den Wiener Kongress von 1815, auf den Versuch, das Europa vor den bürgerlichen Revolutionen nicht nur konstitutionell wieder entstehen zu lassen, und auch auf all die Abrechnungen mit dem von ihm so bewunderten Napoleon Bonaparte. Im Gegensatz zu dieser Vergangenheitsfixiertheit in Europa sieht er ein Positivum der neuen, der jungen Vereinigten Staaten darin, dass dort eine solche Vergangenheitsobsession nicht existiert, und er prognostiziert ihnen eine bessere Zukunft. Das ist der Inhalt dieses Gedichts. Warum er dafür etwa 350 Zeilen brauchte, weiss ich nicht.

Das Gedicht ist, und das ist nun wirklich interessant, Teil einer im frühen 19. Jahrhundert entstehenden intellektuellen Gattung, die bis heute existiert, meines Wissens aber noch nie literaturwissenschaftlich beschrieben worden ist. Ganz kurz möchte ich aus vier Perspektiven diese Gattung darstellen. Es geht erstens um einen Vergleich zwischen den Vereinigten Staaten und nicht einzelnen europäischen Nationen, sondern ganz Europa. Das ist heute angesichts der EU selbstverständlich, für das frühe 19. Jahrhundert aber relativ verwunderlich. Zweitens geht es in dieser Gattung immer um eine Perspektive des historischen Weltbilds. Das ist insofern interessant, als das, was wir das historische Weltbild nennen – ich werde später ausführlicher darauf eingehen –, eigentlich eine Form der Welterfahrung ist, die sich erst im frühen 19. Jahrhundert formiert und Gestalt gewinnt.

Kontext des historischen Weltbilds bedeutet drittens, was nicht selbstverständlich ist, dass in diesem Vergleich, als wenn es um einen Wettbewerb ginge, immer die eine Seite vorn und die andere Seite zurückliegt. Also entweder liegt Europa vorn oder die Vereinigten Staaten. Aber die jeweiligen Positionen sind nicht notwendigerweise positiv oder negativ. Es kann negativ sein, wenn man dem anderen voraus ist, aber auch positiv. Und dasselbe gilt für das Zurückbleiben. Für jede Seite gibt es also sozusagen immer vier mögliche Zustände. Viertens schliesslich, und das hat ebenfalls etwas mit dem historischen Weltbild zu tun, wird die Analyse der Gegenwart und auch die Prognose für die Zukunft immer sehr stark aus einer Analyse der Vergangenheit begründet. Im Rahmen dieser Gattung ist im frühen 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von Leitmotiven entstanden, auf die man immer wieder sich wechselseitig zitierend zurückkommt. Vier dieser Leitmotive möchte ich nennen, weil ich sie für meine Analyse der jetzigen Situation verwenden möchte.

Das erste Leitmotiv stammt von Hegel – wie könnte es anders sein, da Hegel ja jener Philosoph ist, der das philosophische Weltbild ausbuchstabiert und in ein philosophisches System überführt hat. Hegel nennt die Vereinigten Staaten einen «Ableger von Europa», wie z. B. – und das ist sicher kritisch gemeint – Fürth in Bezug auf Nürnberg oder Altona in Bezug auf Hamburg. Also Nürnberg und Hamburg sind erfolgreich und saturiert, und die neuen Generationen gründen dann eine andere Stadt, den «Ableger». Die Vereinigten Staaten verhalten sich zu Europa also wie Fürth zu Nürnberg. Für jemanden, der lange Zeit in Franken gelebt hat, und ich bin in Franken geboren, ist das absolut negativ. Aber, und das ist nun überraschend, Hegel sagt, dass vor Ableger-Nationen mehr Zukunft liegt, und beschreibt das in der Reflexion über die Philosophie der Geschichte auch räumlich. Die USA haben nicht nur mehr Zukunft als Europa, sondern auch, weil ja die ersten 13 Staaten alle an der Ostküste lagen, noch einen ganzen Kontinent, den sie zu entwickeln haben, ein Prozess, der heute im Silicon Valley zu beobachten ist. Ableger-Nationen haben also mehr Zukunft – dabei geht es um die Quantität, nicht unbedingt um eine positive Zukunft.

Das zweite Motiv ist genau das, was das Goethe’sche Gedicht von 1827 charakterisiert: Europa ist Restauration, zu stark auf die Vergangenheit fixiert. Und weil das im Fall der Vereinigten Staaten erstaunlicher- oder plausiblerweise nicht der Fall ist, haben sie eine grössere Möglichkeit, die Freiheit, ihre eigene Zukunft zu gestalten. Und das bezieht sich nicht auf Quantität, sondern auf Qualität.

Das dritte Motiv, das ich nennen will, stammt von dem vielleicht grössten Klassiker dieser Gattung, Alexis de Tocqueville, und aus seinem wunderbaren Buch De la Démocratie en Amérique, das nach einem achtmonatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten 1835 veröffentlicht wurde. Tocqueville beschreibt darin in Bezug auf die Vergangenheit die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten aus einem Impuls der Freiheit und Unabhängigkeit gegenüber dem britischen Kolonialstaat gegründet wurden. Und er sagt, dass die Vereinigten Staaten von den beiden zentralen Begriffen der Französischen Revolution von 1789 Liberté und Égalité – Fraternité kam erst 1848 dazu – den Begriff der Gleichheit weniger privilegieren als die europäischen Nationen. Erstaunlicherweise assoziiert Tocqueville den Begriff der Gleichheit, auch den der sozialen Gleichheit, mit dem Wiener Kongress von 1815 – aber das wäre ein eigenes Thema. Das Motiv lässt sich jedenfalls so beschreiben, dass jeweils die Staaten und die Gesellschaften eine bessere Zukunft erwarten können, die dem Wert der Freiheit gegenüber dem der Gleichheit den Vorzug geben.

Das vierte Motiv stammt von Karl Marx aus einem nicht oft gelesenen, aber sehr interessanten Text aus den 1860er-Jahren. In dieser Zeit ist Marx in London und analysiert die koloniale Situation in Indien. Dabei zieht er einen sehr interessanten Vergleich zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Er sagt, dass die Endlinie in der Geschichte der Vereinigten Staaten in einer Aufhebung der Staatlichkeit liegen wird, während in Europa der Staat immer wachsen wird. An dieser Stelle fragt man sich, ob Marx nicht doch eine stärkere Prognosefähigkeit hatte, als man ihm normalerweise unterstellt.

Dies sind nicht alle Motive, die in dieser Gattung im frühen 19. Jahrhundert entstehen. Aber die vier beschriebenen von Hegel, Goethe, Tocqueville und Marx möchte ich für meine Analyse der Situation verwenden. Zunächst werde ich im engen und präzisen Bezug auf die Gegenwart der Vereinigten Staaten eingehen – und bei Gegenwart beziehe ich mich auf die ersten beiden Monate der Regierungszeit von Donald Trump. Dann werde ich einen weiteren Kontext eröffnen, ausgehend von meinem Eindruck, dass wir in einer Zeit leben, in der, ohne dass wir das wirklich wahrnehmen, das historische Weltbild als Prämisse unserer Welterfahrung, an das auch unsere normative Vorstellung von Politik gebunden ist, von einem anderen Weltbild abgelöst wird, was ich faute de mieux das «Weltbild der breiten Gegenwart» nennen möchte. Drittens möchte ich schliesslich noch einen weiteren Begriff in die Diskussion bringen, und das ist der vor allem in der ökologischen Gegenwartsphilosophie heute sehr populäre Begriff des Anthropozäns. Wie stellt sich unsere Situation im Kontext des Anthropozäns dar? Am Ende meines Beitrags werde ich der Versuchung nicht widerstehen können, eine persönliche Antwort auf die alte Frage zu geben: «Hast du es immer noch besser, Amerika?»

Zuerst aber zur amerikanischen Gegenwart seit Januar 2017 und zu einer, wenn man das so formulieren kann, Phänomenologie des Präsidenten Donald Trump, basierend auf fünf Beobachtungen. Zum Ersten ist deutlich, dass wenigstens ein Punkt der Versprechen des Wahlkampfs eingelöst wird – wenn es auch in Zweifel steht, ob man überhaupt so etwas wie ein politisches Programm oder eine politische Strategie dieses Präsidenten beschreiben kann –, und das ist die Reduktion des Staats. Aus Washington wird aus verschiedensten Richtungen berichtet, dass sich die Regierung tatsächlich an die eigene Vorgabe hält, für jede neue Verordnung und institutionelle Struktur zwei bestehende institutionelle Strukturen zu streichen. Trumps ideologischer Berater, wenn man ihn so nennen kann, Steve Bannon hat neulich gesagt: «We’re right on track», und dass sie mit dem «demolishing» – genau dieses Wort hat er verwendet – des Staats begonnen hätten. Das ist ein Punkt, an dem die Marx’sche Einschätzung einer Aufhebung des Staats als Endlinie der Vereinigten Staaten auf eine für mich erschreckende Weise Realität zu werden scheint.

Die zweite Beobachtung bezieht sich auf das bekannte Motiv aus dem Vorwahlkampf: «We will make Amerika great again.» Bemerkenswert daran ist die erste Person Plural «Wir machen Amerika wieder gross», die Resonanzsuche beim Publikum, aber vor allem die Tatsache, dass ein Satz dieses Inhalts meines Erachtens in Europa undenkbar ist. Nicht nur, weil dort vielleicht gar nicht so ein Bedürfnis vorherrscht, Europa wieder gross zu machen, sondern weil damit suggeriert wird: Wir haben Zeit genug, um Amerika wieder zu seiner Grösse zurückzuführen. Mit dieser Zeit rechnet man in Europa nicht mehr. Hier spiegelt sich das hegelianische Motiv der Ableger-Staaten, die immer noch mehr Zukunft vor sich haben als die Begründer-Staaten, ein Motiv, das tatsächlich schon seit dem frühen 19. Jahrhundert mit der Politik in Amerika assoziiert wird.

Die dritte und zentrale Beobachtung, die ich hier erwähnen möchte, ist die absolute Inkohärenz der täglich neuen Positionen des Präsidenten. Man hat den Eindruck – und so wird es ja auch aus dem Weissen Haus berichtet –, dass der Präsident sehr früh aufwacht, im Bademantel durchs Weisse Haus eilt und dann gleich, wie man sagt, «die erste Twitter-Message schiesst». Dabei fühlt er sich ganz offensichtlich nicht an seine Botschaften der Vortage gebunden. Für ihn zählen auch empirische Untersuchungen und ihre Ergebnisse nicht. Stattdessen hat er ganz bewusst und mit gutem Gewissen den Begriff der alternativen Wahrheiten eingeführt. (Ich denke übrigens, diesen mit Lüge zu übersetzen ist zu moralistisch, hat sozusagen nicht genug analytische Distanz.) All diese Twitter-Botschaften haben eigentlich nur ein einziges Ziel: eine starke Resonanz bei seinen Anhängern, aber auch international hervorzurufen. Dabei scheint der Unterschied zwischen positiver und negativer Resonanz zu verschwinden. Trump ist es zunächst wichtig, eine solche überhaupt zu erzielen. Ich sage Resonanz und bezeichne sein Publikum als Resonanzboden, weil es hier um keine intellektuell durchdachte Resonanz geht, sondern um die Stärke der unmittelbaren Reaktion. Eigenartigerweise korrespondiert das damit, was Goethe über die Vereinigten Staaten sagte. Man muss Trump bescheinigen, dass er nicht einmal mikroskopisch gesehen eine Vergangenheitsobsession hat. Er redet nicht nur nie von Geschichte, sondern berücksichtigt nicht einmal seine eigenen Twitter-Botschaften und sonstigen Statements vom Tag zuvor. Das letzte in Europa kommentierte Beispiel waren Trumps Tweets nach der Abreise von Angela Merkel, die mit den Kommentaren und Statements während ihrer Anwesenheit in Washington absolut nichts zu tun hatten, und das sicherlich nicht, weil er auf sie Rücksicht nehmen wollte. Es ist vielmehr diese absolute Freiheit der Inkohärenz. Das hat Goethe in seinem Gedicht sicher nicht gemeint, und doch entspricht es genau seiner Beschreibung, dass amerikanische Politik nicht vergangenheitsbesessen ist.

Wenn man nun viertens auf die interne Wirtschaftspolitik schaut und nicht auf die Kritik am Freihandel, scheint sich da in eigenartiger, verfremdender Weise auch das Tocqueville-Motiv zu erfüllen, und zwar dergestalt, dass auf der einen Seite Steuersenkungen versprochen werden – also aus der Perspektive der Finanzstarken eine durchaus grössere Freiheit – und auf der anderen Seite die eine emblematische Errungenschaft der Gleichheit, nämlich Obamacare, tatsächlich, wenn das denn in den beiden Häusern durchzusetzen ist, zerstört werden soll. Auch Tocqueville hat das so sicherlich nicht im Sinn gehabt, aber es entspricht genau der von ihm beschriebenen Privilegierung der Freiheitsimpulse gegenüber den Gleichheitsimpulsen.

Fünftens, und das war kein Leitmotiv im Rahmen dieser Gattung im 19. Jahrhundert, hat diese Art der Politik schon in kürzester Zeit zur Erosion der Würde des Amts und der Aura des Weissen Hauses geführt. Aber auch das scheint durchaus zum Programm, zu den Impulsen von Trump zu gehören. Man könnte ja mit Marx sagen, dass, wenn die Entelechie eine Aufhebung des Staats sein soll, dann natürlich auch die Aura des Präsidentenamts, die Würde des Weissen Hauses verschwinden muss.

Wie steht es nun mit den Wählern von Trump? Ich habe versucht zu zeigen, dass sich dieser Präsident wie ein Patchwork aus verschiedenen Motiven darstellt, die seit dem 19. Jahrhundert als ein Potenzial amerikanischer Politik angesehen werden. Auf der anderen Seite glaube ich, dass die Wählerdisposition, die ihn ins Präsidentenamt gehoben hat und die sich – das sollte man nicht unterschätzen – bis heute in erstaunlich hohen «approval rates» manifestiert, derjenigen der europäischen Wählerschaft ähnelt. Entscheidend für seinen Wahlsieg war vor allem eine Bevölkerungsgruppe von unterprivilegierten Weissen, die etwa 10 Prozent der amerikanischen Gesellschaft ausmachen, Leute, die sich selbst – und deswegen ist es nicht inkorrekt, dieses Wort zu verwenden – «White Trash» nennen. Menschen, die es mit 25 000 Dollar pro Jahr und vielen Kindern irgendwie durch das Leben schaffen müssen. Es war gewiss nicht Trumps Absicht oder Strategie, gerade bei dieser Wählergruppe Stimmen zu gewinnen, aber sie war von grosser Bedeutung und viele aus dieser Gruppe haben zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben gewählt. In dieser Hinsicht muss man sagen, dass es im hegelianischen Sinn ein Verdienst des Trump-Wahlkampfs war, eine List der Vernunft vielleicht, diese Minorität, die nie eine Lobby hatte, ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.

Er ist nun sozusagen verpflichtet, zumindest so zu agieren, als sei er der Lobbyist des White Trash. Aber nicht nur diese Wählergruppe hat Trump ins Amt gehievt, sondern eben auch jene grosse Zahl von finanziell in keinen problematischen Verhältnissen lebenden Amerikanern, die sich – wie es immer heisst – abgehängt