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Der Rabe Oskar
und die Entführung

Henry Wimmer

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Erste Auflage 2019
© Henry Wimmer
© Coverbild: Christine Lichter
Covergestaltung, Layout & Lektorat: net-Verlag
© Illustrationen: Christine Lichter
© net-Verlag, 09125 Chemnitz
printed in the EU
ISBN 978-3-95720-237-6
eISBN 978-3-95720-258-1

Widmung

Ich widme meinen zweiten Band der Geschichte um den Raben Oskar meiner Schwester Eli. Danke, dass auch du so viel Freude daran hast.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1 Das Jahr geht zur Neige

Kapitel 2 Schilfgras

Kapitel 3 Pirouetten

Kapitel 4 Ungebetener Besuch

Kapitel 5 Esmeralda

Kapitel 6 Wo ist Oskar?

Kapitel 7 Esmeralda stellt sich vor

Kapitel 8 Über das verschneite Feld

Kapitel 9 Rettungsaktion

Kapitel 10 Angekommen

Kapitel 11 Ein wenig zu hart

Kapitel 12 In Erwartung

Kapitel 13 Aus dem Schlaf gerissen

Kapitel 14 Ein Schlachtplan

Kapitel 15 Ein finaler Schritt

Kapitel 16 Nachtflugverbot

Kapitel 17 Verkantet

Kapitel 18 Warten auf den Sonnenaufgang

Kapitel 19 Vielleicht ein guter Einfall

Kapitel 20 Weiteres Vorgehen

Kapitel 21 Käfig

Kapitel 22 Ein erschreckender Fund

Kapitel 23 Friederich

Kapitel 24 Lagebesprechung

Kapitel 25 Transportprobleme

Kapitel 26 So nicht, mein Freund

Kapitel 27 Ein beschwerlicher Weg

Kapitel 28 Esmeralda ist verschwunden

Kapitel 29 Aufbruch

Kapitel 30 Ein Quartier für die Nacht

Kapitel 31 Das große Tor

Kapitel 32 Kassandras Nacht

Kapitel 33 Friederichs Plan

Kapitel 34 Ein weiterer Tag, eine weitere Nacht

Kapitel 35 Ein erstes Beschnuppern

Kapitel 36 Unverhofft kommt oft

Kapitel 37 Aufmunternde Worte

Kapitel 38 Ein schrilles Klingeln in der Nacht

Kapitel 39 Mangelnde Sichtverhältnisse

Kapitel 40 Unerwünschte Geräusche

Kapitel 41 Nach Hause

Kapitel 42 Flugversuch

Kapitel 43 Aufbruch

Kapitel 44 Ausbesserung

Kapitel 45 Wiedervereint

Kapitel 46 Epilog

Danksagung

Autorenbiografie

Buchempfehlungen

Kapitel 1

Das Jahr geht zur Neige

Als Oskar sich an jenem Morgen umsah, begriff er im ersten Moment nicht, was diese Veränderung herbeigeführt hatte. Wo sich ihm gestern noch grünes Gras darbot, war jetzt alles von einem seltsamen weißen Teppich bedeckt. Konnte das etwas zu tun haben mit diesen winzigen weißen Flocken, die ihm entgegenwehten, als er sich vor der letzten Nacht zur Ruhe begab?

»Das ist Schnee, Oskar.«

Wir hatten seit längerer Zeit nicht miteinander gesprochen. Oskar war erfüllt davon, sein nunmehr beständiges Leben zu genießen. Ein paar Tage nachdem die Frau des Hauses ihre Kette zurückbekam, war sie eines Morgens überraschend vor Oskar aufgetaucht. Da der Rabe in diesem Augenblick gerade dabei war, seine metallenen Flügel zu richten, hatte er das Auftauchen der Frau erst im letzten Moment bemerkt. Augenblicklich hielt er still, verbunden mit der Hoffnung, dass sie nichts von seinen Bewegungen mitbekommen hatte. Dass einer seiner Flügel dabei leicht verdreht an seinem Körper ruhte, war jetzt dem Schicksal geschuldet.

Kritisch hatte die Frau lange Zeit vor ihm gestanden. Es sah aus, als hoffe sie auf irgendetwas, das dann doch nicht geschah. Bildete Oskar es sich nur ein, oder war da tatsächlich ein leicht enttäuschter Gesichtsausdruck in ihrer Miene aufgetaucht?

»Ich werde nicht schlau aus dir. Manchmal denke ich …, ach was! Jetzt unterhalte ich mich bereits mit leblosen Dingen. Meine Freunde haben recht, wenn sie sagen, ich solle mich der Realität zuwenden. Das nimmt eines Tages kein gutes Ende mit mir.« Sie setzte ein verlegenes Lächeln auf. Aber als sie sich abwandte, um wieder ins Haus zu gehen, sagte sie diesen einen Satz, nach dem Oskar und seine Freunde sich so sehr sehnten: »Ich habe mich übrigens entschieden. Du bleibst hier. Irgendwie … bist du mir ans Herz gewachsen. Und das nicht nur, weil du meine Kette … Ach was, ich spinne vermutlich.«

Hätte sie sich noch einmal umgesehen, so wäre ihr aufgefallen, dass es Oskar nicht länger möglich gewesen war stillzuhalten. In seiner Freude reckte und streckte er sich und wartete nur darauf, dass sich die Verandatür endlich schloss. Die Frau des Hauses kniff derweil die Augen kurz zusammen und schob es auf die verzerrte Sicht in dem sich spiegelnden Glas, dass sie eine Bewegung des Raben wahrgenommen hatte.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich Oskar bat, vorsichtiger zu sein. Aber er war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass er mir zugehört hätte.

Aber ich bin erneut abgeschwenkt.

Ihr müsst entschuldigen, wenn ich manchmal in Erinnerungen schwelge. Es mag vielleicht mit meinem Alter zusammenhängen.

»Schnee? Was bedeutet das?«

»Das siehst du doch. Das, was vor dir weiß und kalt den Rasen und die Bäume bedeckt, das ist Schnee. Kalt und, ja, ich muss es sagen, auch wunderschön.«

Oskar betrachtete die weiße Pracht ausgiebig. »Nun gut, in einem muss ich dir beipflichten. Schön ist das wirklich. Aber … woher soll ich wissen, dass es kalt ist?«

Ich musste an dieser Stelle zugeben, dass ich manchmal vergaß, dass es sich bei meinem Raben nicht um einen echten Vogel handelte. Wenn er sich auch bewegen konnte, wenn er auch sprach, so durfte ich darüber nicht vergessen, dass es einem Wunder nahekam, wenn ich mich nun mit ihm unterhielt.

»Geh doch runter und schau es dir selbst an!«

Seid ehrlich, hätte ich bei diesen Worten erwähnen müssen, dass es angebracht sei, vorsichtig zu sein?

Wie auch immer, ich tat es nicht.

Und so kam es, wie es vermutlich kommen musste.

Oskar streckte sich ein weiteres Mal. Er setzte die Krallen seines linken Fußes an die Stange, um langsam daran hinunterzurutschen. So, wie er das immer tat, seit dieser Blitz im vergangenen Sommer ihn zum Leben erweckte. Nein! Um ihm zu seinem Leben auch die Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. So ist es korrekt ausgedrückt. Manchmal aber bringt diese Freiheit der Bewegung auch gewisse Tücken mit sich. Wie eben genau in diesem Fall.

Ich hatte noch ein »Pass auf« auf meinen Lippen … Aber da war es bereits zu spät. In dem Moment, als Oskar sein vollständiges Gewicht auf die linke Kralle verlagerte, merkte er, dass da nichts war, was ihm noch irgendeinen Halt ermöglichte. Die Metallstange war eine einzige glatte Fläche.

Entschuldigung, wenn ich kurz schmunzeln muss. Aber Oskars Gesichtsausdruck, gepaart aus Verblüffung und Überraschung, war einfach zu goldig. Mit einem verzweifelten Hacken seines Schnabels versuchte er noch, das Unvermeidliche zu stoppen. Ohne Chance. Oskar rutschte wie der Blitz hinab und landete scheppernd auf dem hart gefrorenen Boden.

»Das hast du gewusst«, zischte er. »Dieses dumme Lachen kannst du dir auch sparen!«

Glucksend schluckte ich mein Kichern hinunter.

Nein, das war nun wahrlich nicht der richtige Zeitpunkt, um dem Raben zu sagen, dass Schadenfreude wirklich nicht böse gemeint sei. Ich glaube, dass ihm dazu in diesem Augenblick jegliches Verständnis fehlte.

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»Hast du dir etwas getan?«

Ich meinte diese Frage ehrlich. Aber auch die Sorge um sein Wohlergehen besänftigte den Raben nicht. Stattdessen stand er auf, sortierte in übertriebenem Stolz sein Gefieder und ging mit hoch erhobenem Haupt in den Garten hinein. So wie er das seit jenem Sommer täglich tat. Oskar fühlte sich verantwortlich für die Bewohner des Gartens. Diese wiederum genossen es, jetzt endlich jemanden zu haben, der sich ihrer Belange annahm. Meistens handelte es sich nur um kleinere Streitereien, die mit ein paar Worten beizulegen waren. Inzwischen besaß Oskar bereits eine gewisse Übung darin. Nicht jeder ging völlig besänftigt heim. Meistens waren diejenigen, die den Streit vom Zaun brachen, auch die, die die Welt nicht mehr verstehen konnten. Wenn sie aber in Ruhe darüber nachdachten, kamen auch sie immer wieder zu dem Schluss, dass wohl doch eine gewisse Wahrheit in den Worten des Raben steckte.

Ich beobachtete seinen Weg über den verschneiten Rasen. Nach jedem Schritt blieb ein kleiner Abdruck seiner Krallen deutlich zurück. Da es aber seit einigen Minuten weiter ergiebig schneite, fielen auch diese Spuren bald dem Vergessen anheim. Was wahrscheinlich auch gut so war.

»Wo sind sie alle?«

Überrascht nahm ich zur Kenntnis, dass Oskar mich wieder ansprach.

»Nun, sie fühlen die Kälte. Ganz im Gegensatz zu dir. Kassandra und Ben werden sich vermutlich irgendwo ein warmes Plätzchen gesucht haben. Im Gegensatz zu den anderen besitzen sie kein Fell, das sie wärmt.«

»Ich ja wohl auch nicht …«

Genervt verdrehte ich die Augen. »Dieses Thema hatten wir ja bereits … Aber … Oskar, was machst du da?« Ich hielt die Luft an, als ich feststellte, dass Oskar sich dem Teich näherte, der bereits eine erste Schicht aus blankem Eis trug …

Kapitel 2

Schilfgras

»Pass auf«, flüsterte ich, in dem Wissen, dass Oskar noch niemals zuvor mit einer Eisfläche in Berührung gekommen war. Wie schnell konnte es da passieren, dass er zu viel Wagemut an den Tag legte und einen unvorsichtigen Schritt auf das nur hauchdünne Eis versuchte.

»Hältst du mich eigentlich für verrückt? Ich weiß, dass ich noch viel zu lernen habe. Da werde ich …«

Was der Rabe mir darüber hinaus noch mitzuteilen gedachte, ging in einem verblüfften »Kassandra?« unter.

Ich muss zugeben, dass ich die Spinne selbst nicht bemerkt hatte. Umso verwunderter war auch ich, als sie hinter einem kleineren Gestrüpp, welches den Teich säumte, zum Vorschein kam. Erstaunt blickte sie Oskar ins Gesicht.

»Erstens heißt das ›Guten Morgen, liebe Freundin‹. Und zweitens: Warum fragst du so verwundert? Ich bin schon viel länger auf den Beinen als du. Da wäre es wohl eher angebracht, ein überraschtes ›Oskar?‹ auszustoßen.«

Der Rabe blickte ein wenig verlegen drein und beeilte sich, seiner Freundin zu erklären, dass er sie keinesfalls hatte kontrollieren wollen. Es war einfach nur so überraschend gewesen, sie plötzlich zu bemerken.

»Es kam mir vor, als hättest du dich versteckt, meine liebe Kassandra. Sei ehrlich zu mir. Stimmt etwas nicht?«

Kassandra schüttelte den Kopf.

Wobei Oskar nicht entging, dass sie immer wieder nach hinten schaute, von wo in regelmäßigen Abständen ein schnippendes Geräusch ertönte. Fast an der Grenze des Hörbaren. Hätte der Rabe mich nicht flüsternd darauf hingewiesen, so hätte ich es wahrscheinlich nicht einmal bemerkt.

Schnipp! Schnipp! Schnipp!

Da war es wieder. Dreimal in kurzen Abständen. Dann verstummte es.

»Was ist das, Kassandra?« Oskar beugte sich ein wenig vor, um hinter das Gebüsch zu schauen.

Kassandra kam ihm jedoch zuvor. Drohend aufgerichtet ging sie zwei Schritte auf Oskar zu. Wohlwissend, dass sie keine Chance haben würde, wenn ihr Freund es darauf anlegte. In diesem Falle vertraute sie einfach auf seine Zurückhaltung.

Wobei ihr Vertrauen nicht enttäuscht wurde. Auf der Stelle wich der Rabe zurück. Mit mehr Verwirrung in seinem Blick als zuvor.

»Du musst das verstehen …« Kassandra spürte instinktiv, dass sie etwas sagen sollte, um die Situation aufzuklären. Es wäre unsinnig, weiterhin diese Geheimniskrämerei fortzusetzen. »Du musst das verstehen, Oskar. Es war einzig und allein meine Idee. Ich möchte sie mir nicht fortnehmen lassen. Du weißt, dass viele mich meiden. Ich kann doch nichts dafür, dass ich bin, wie ich bin. Aber vielleicht führt meine Idee ja dazu, dass man mich mit etwas anderen Augen sieht.«

Oskar schmunzelte. »Du machst dir unnötige Gedanken. Erstens tut man das schon längst. Dein Mut, den du im Sommer gezeigt hast, ist bereits zum geflügelten Wort in diesem Garten geworden. Wusstest du das nicht? Immer häufiger vernehme ich den Ausspruch: ›Mutig wie Kassandra‹, wenn jemand eine besondere Stärke gezeigt hat. Und da meinst du, du musst noch in anderer Form auf dich aufmerksam machen? So ein Quatsch!« Oskar sah Kassandra tief in die Augen.

Verlegen wich sie seinem Blick aus. Wobei der Rabe sehr wohl registrierte, wie ihre Augen vor verlegenem Stolz leuchteten.

»Und was ist mit zweitens?«, flüsterte sie.

»Zweitens müsstest du mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich der Letzte wäre, der dir etwas fortnimmt.«

Beide lachten sich an, und Kassandra gab zu verstehen, dass Oskar ihr folgen möge.

Auch ich, das muss ich zugeben, brannte vor Neugier.

Schnipp! Schnipp! Schnipp!

»Oh. Hallo, Ben! Guten Morgen. Du auch hier?«

Der Ohrenkneifer war so vertieft in seine Aufgabe, dass er von dem Gespräch zwischen seinen Freunden nichts mitbekommen hatte. Ein wenig erschrocken zuckte er zusammen, entspannte sich aber wieder, als er erkannte, wer ihm seine morgendliche Aufwartung machte.

»Hallo, Oskar. Entschuldige bitte. Ich habe viel zu tun. Kassandra, die ersten Probeexemplare sind fertig. Nicht ganz so einfach. Das Gras ist hart gefroren und höllisch scharf. Eben hätte ich beinahe in eine meiner Zangen geschnitten.« Ben rückte mit seinem Hinterteil an die nächste bereitliegende Faser des Schilfgrases und begann, winzige Stücke abzuschneiden. Schnipp! Schnipp! Schnipp!

Endlich wussten wir, welchen Hintergrund dieses Geräusch besaß. Nur der Sinn erschloss sich uns noch immer nicht.

»Es muss scharf sein. Sonst funktioniert es nicht, mein Lieber.«

Kassandra griff nach den ersten zwei Exemplaren der Schnittstücke, um sich ein wenig abseits damit niederzulassen.

Oskar folgte ihr, wagte es aber nicht, sie auf ihr Vorhaben anzusprechen. Früher oder später mochte es vielleicht selbsterklärend sein.

Kassandra spann zwei kleine, aber sichtlich haltbare Fäden ihrer Spinnenseide. Sie griff zuerst nach einem Stückchen Schilfgras, setzte es unter eines ihrer Füße und schlang die Seide fest drumherum. Prüfend zog sie daran und schien zufrieden mit ihrer Arbeit.

Der zweite Fuß wurde, schneller als zuvor, ebenso versehen.

Noch ehe der Rabe etwas fragen konnte, meldete die Spinne sich zu Wort: »Hol mir noch sechs, bitte! Du kannst doch zählen?«

Obwohl es als Scherz gemeint war, schien Oskar nicht zu solch dummen Redensarten aufgelegt zu sein. Der Morgen hatte mit dem Sturz schon dumm genug begonnen. Da musste Kassandra ihm nicht noch solch überflüssige Fragen stellen.

Wortlos warf Oskar ihr die sechs verlangten Stücke vor die Füße.

»Du hast wahrscheinlich noch nie etwas von Schlittschuhen gehört. Die Menschen lieben es, über das Eis zu gleiten. Da habe ich mir gedacht, weshalb nicht auch wir. Mag die Eisdecke auch noch so dünn sein, für mein Spinnengewicht reicht sie aus. Ich werde gleich einen Selbstversuch starten. Und wenn es klappt, lade ich alle Tiere des Gartens nach und nach ebenfalls dazu ein. Wenn das Eis dafür vielleicht auch noch etwas mehr Stärke benötigt.« Sie sah Oskar musternd von oben bis unten an. »Von dir einmal ganz abgesehen, mein Freund.«

Während sie sprach, war es ihr gelungen, sämtliche Füße mit diesen provisorischen Schlittschuhen zu versehen. Ungelenk stand Kassandra auf und bewegte sich staksend auf den zugefrorenen Teich zu.

Oskar sah mit Aufregung im Blick zu. »Hast du das schon jemals versucht?«

Kassandra tat einen weiteren Schritt. »Nein. Aber wird schon schiefgehen.«

Hinter Oskar verrichtete Ben weiterhin gehorsam seine Aufgabe. Schnipp! Schnipp! Schnipp!

Kapitel 3

Pirouetten

Vorsichtig setzte Kassandra ihren ersten Fuß auf die dünne Eisschicht. Langsam prüfte sie die Beschaffenheit des Eises, indem sie leicht mit ihrem Schlittschuh hin- und herfuhr. Erst als sie sicher sein konnte, dass das Eis tatsächlich eine durchgängige Fläche darstellte, wagte sie es, ihr Bein mit ihrem vollen Gewicht zu belasten.

Natürlich war dieses volle Gewicht, wenn man Oskar zum Vergleich nahm, nicht mehr als ein Hauch in der winterlichen Luft. Mich einmal völlig davon ausgenommen. Doch ich denke, Kassandra tat gut daran, mit Besonnenheit auf das Eis zu gehen. Es war schließlich eine der ersten Nächte, in denen der Winter mit knackig kalten Temperaturen Einzug gehalten hatte. Für einen solchen Winzling, wie die Spinne es darstellte, mochte es aber kein Problem sein.

Nach und nach zog sie ihre weiteren Beine auf die Eisfläche, bis sie tatsächlich vollständig auf dem gefrorenen Untergrund stand.

»Das wäre schon mal geschafft.« Kassandra blickte sich um und warf Oskar und Ben einen triumphierenden Blick zu. Vielleicht hätte sie das besser gelassen. Denn es war etwas anderes, in voller Konzentration auf dem Eis zu stehen, als sich umzublicken und die eigene Standfestigkeit außer Acht zu lassen. Das Verdrehen ihres Körpers führte dazu, dass die Spinne das Gleichgewicht verlor. Als sie es merkte, versuchte sie noch gegenzusteuern. Was die ganze Sache aber eher verschlimmerte. Sämtliche acht Beine suchten sich den Weg des geringsten Widerstandes. Ehe Kassandra sich versah, landete ihr Körper auf dem kalten Untergrund. Ihre Beine streckten sich in sämtliche Himmelsrichtungen.

»Kann ja mal passieren«, murmelte sie, in der Hoffnung, ihr Missgeschick als eine kleine Unachtsamkeit erscheinen zu lassen. Doch jeder, der bereits einmal auf dem Eis gestanden hatte, im Grunde bezog sich dieses Wissen nur auf mich selbst, erkannte, dass es mit ihren Künsten nicht sehr weit her war.

Langsam zog Kassandra das erste ihrer Beine näher an den Körper. Sie stützte sich leicht ab und hoffte, mit dem nächsten Bein schon so viel neue Standfestigkeit zu erhalten, dass sie sich elegant würde aufrichten können.

Weit gefehlt! Die Natur machte ihr einen Strich durch ihre Rechnung.

Ob es daran lag, dass sie sich vor dem Betreten des Eises nochmals kurz in den Schnee setzte? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall aber war es ihr nicht möglich, sich wieder vom Eis zu erheben. So sehr sie sich auch mühte, ihr Körper bewegte sich keinen Millimeter.

»Ich klebe fest.«

Vermutlich war es ihrer Scham zu würdigen, dass Kassandra so leise sprach. Oskar jedenfalls hatte kein Wort verstanden.

»Warum stehst du nicht endlich wieder auf? Nicht dass du uns noch festfrierst.«

Was von dem Raben als Scherz gemeint war, bedeutete für Kassandra nicht mehr und nicht weniger als die Wirklichkeit. »Lass diese dummen Sprüche! Hilf mir besser … Esisttatsächlichpassiert …« Den Rest nuschelte sie vor sich hin.

Oskar verstand dennoch. Im letzten Moment schaffte er es, ein Lachen zu unterdrücken. »Ich habe gedacht, du kennst dich auf dem Eis aus. Hast du nicht etwas von Pirouetten erzählt, die du in vorzüglicher Eleganz drehen wolltest?«

»Nein! Habe ich nicht! Hilf mir besser hier weg!« Wütend schielte Kassandra in Richtung des Ohrenkneifers. »Natürlich beherrsche ich das Laufen auf dem Eis. Dass es jetzt zu Anfang nicht funktioniert hat, liegt einzig und allein an Ben. Er hat das Schilfgras zu scharf geschnitten. Wie soll ich mich da auf den Beinen halten können?«

Jeder wusste, dass es sich nur um eine Ausrede handelte, um von ihrer eigenen Schwäche abzulenken. Daher sah es auch Ben als überflüssig an, eine Antwort darauf zu geben. Er vertiefte sich erneut in seine Aufgabe und schnitt die benötigten Teile zurecht. Schnipp! Schnipp! Schnipp!

»Kümmert sich jetzt bitte endlich mal jemand um mich?«

Oskar schaute auf das Eis. »Es wird mich wohl kaum halten.«

Trotzdem startete der Rabe einen Versuch. Er legte sich an der Kante des Teichs auf seinen Bauch, reckte seinen Schnabel und versuchte, ein wenig warme Luft in Richtung Kassandra zu pusten.

Aufgebracht fuhr die Spinne den Raben an: »Was soll das? Hast du vergessen, dass du keineswegs über warme Atemluft verfügst? Anstatt mich zu wärmen, wird mir nur noch kälter.«

Oskar rappelte sich auf. »Da versucht man etwas und wird augenblicklich so angefahren. Dann hilf dir doch selbst!« Beleidigt wandte Oskar sich ab und konnte deswegen nicht sehen, wie die Spinne sich unter gehörigem Schimpfen tatsächlich aus eigener Kraft vom Eis löste. Nicht ohne jedoch ein gutes Stück ihres Fells auf dem Eis zurückzulassen.

Kassandra wäre aber nicht Kassandra gewesen, wenn sie sich durch dieses Missgeschick hätte von ihrem Plan abbringen lassen. Immer wieder versuchte sie es aufs Neue. Irgendwann wusste sie tatsächlich nicht mehr, welches Bein an welche Stelle ihres Körpers gehörte. Ihre Gliedmaßen bildeten einen einzigen Knoten. Als sie langsam in Richtung des Ufers robbte und sich dabei mit zwei ihrer acht Beine vorwärtszog, ahnte sie, dass es keine einzige Stelle ihres Körpers gab, die nicht mehrfach Kontakt mit dem glatten Untergrund aufgenommen hatte.

»Morgen ist auch noch ein Tag.«

Endlich konnte Kassandra ihre Beine wieder so sortieren, dass es sie in die Lage versetzte, aufrecht in Richtung des Ohrenkneifers zu gehen.

»Lass es gut sein für heute! Morgen machen wir weiter. Das Eis, nun ja, ich glaube, dass es noch nicht dick genug ist. Also für die anderen …«, fügte sie schnell hinzu. Sie war einfach nur froh, dass Ben scheinbar nichts von ihren hilflosen Versuchen mitbekommen hatte.

»Wo ist eigentlich Oskar?« Kassandra musterte die Spuren des Raben im Schnee. Kurz nachdem sie das Eis verlassen hatte, begann es wieder zu schneien. Nicht mehr lange, und Oskars Spuren würden nicht mehr zu erkennen sein.

Ob sie ihm folgen sollte, um ihn zu besänftigen? Vielleicht hatte sie sich tatsächlich ein wenig vorlaut und unklug verhalten. Aber Oskar besaß ein dickes Fell. Oder so … Morgen würden sie bereits beide darüber lachen. Warum also unnötigen Aufwand betreiben?

Als sie ein weiteres Mal die Spuren anschaute, waren diese kaum noch zu sehen.

Der Schneefall nahm zu.

Kapitel 4

Ungebetener Besuch

Oskar war langsam durch den Garten geschlendert. Sollte Kassandra doch machen, wonach auch immer ihr der Sinn stand. Für ihn war es einfach nur ein dummer Gedanke. Mochten andere darüber entscheiden. Auf jeden Fall hatte er es nicht nötig, sich von der Spinne so anblaffen zu lassen.

Als der Rabe den hinteren Teil des Gartens erreichte, war er noch immer so tief in seine Gedanken versunken, dass er überrascht war, an den Zaun zu stoßen. War er tatsächlich so weit gelaufen? Niemand war ihm auf dem Weg hierher begegnet. Jedenfalls hätte er es nicht bewusst sagen können. Hinter ihm verschneiten seine Spuren bereits wieder. Sorgen, dass jemand seine Spuren bemerkte, musste Oskar sich nicht machen.

Vor wenigen Tagen war es ihm gelungen, ein Gespräch der Hausbesitzer zu belauschen. Sie sprachen von einer bevorstehenden Reise. Bereits sehr früh am nächsten Morgen hatte der Rabe gehört, wie sie das Haus verließen und den Motor ihres Fahrzeuges starteten.

Oskar blickte hinaus. Hinweg über das Feld. Bis hin zu dem Baum, an den ihn sein letztes Abenteuer führte. Schon längere Zeit hatten die Elstern keinen Kontakt mehr aufgenommen. Doch auch wenn sie sich zuletzt als hilfreich und freundlich erwiesen hatten, glaubte er nicht, dass dieses Verhalten von längerer Dauer wäre. Daher vermisste er die großen Vögel auch nicht wirklich.

Weit entfernt drang das Klingeln einer Glocke an sein Gehör. Gefolgt von einer ohrenbetäubenden, krächzenden Musik. Bevor Oskar noch weiter darüber nachdenken konnte, verstummte der Lärm wieder, und Ruhe senkte sich erneut über die winterliche Landschaft. Sie hatte etwas unwahrscheinlich Beruhigendes. Es kam Oskar vor, als strahle sie einen unendlichen Frieden aus.

Mit einem wohligen Gefühl in seiner Brust atmete der Rabe tief durch.

Am besten ginge er jetzt zu Kassandra zurück, bevor sie sich noch Sorgen um ihn machte.

»Viel ist hier nicht zu finden. Lass uns noch einmal durch den Garten gehen! Wenn wir dort nichts finden, verschwinden wir. Es ist mir zu gefährlich, entdeckt zu werden.«

Oskar erstarrte.

Aus seinem Augenwinkel bemerkte er die Gestalt eines großen Mannes, der sich näherte. Instinktiv ließ Oskar sich in seine gewohnte Starre verfallen, sobald er Menschen in seiner Nähe wähnte. Vielleicht hatte er Glück, und sie bemerkten ihn nicht. An dieser Stelle hatte der Rabe allerdings seine eigenen Spuren im Schnee übersehen.

»Hier ist doch jemand gelaufen.«

Der Mann lauschte für einen Augenblick, bis sein Partner zu ihm aufschloss.

»Das war nur ein Vogel. Uninteressant. Jetzt komm endlich! Das wird mir zu heiß hier am helllichten Tag.«

»Unsinn. Hier ist weit und breit niemand. Lass mich noch mal nachsehen! Irgendwie kommen mir diese Spuren seltsam vor.«

»Hier ist nichts. Hier ist gar nichts. Nur ein dummer Rabe aus Metall, der unvorsichtig gewesen ist.« Oskar flüsterte in seiner Angst und duckte sich tiefer im Gebüsch.

Woher hätte er auch wissen sollen, dass es gerade das Metall war, auf das diese Männer aus waren?

Fast meinte der Rabe, es überstanden zu haben, da vernahm er die Stimme des ersten Mannes wieder.

»Wusste ich es doch.« Triumphierend griff er nach Oskar und hielt den Raben in die Höhe. »Nicht viel. Auch nichts Besonderes. Aber wie heißt es so schön, Kleinvieh macht auch Mist.«

Sein Kompagnon jaulte auf: »Bei allen … Lass uns verschwinden! Siehst du nicht, dass hier etwas nicht stimmt? Wie soll ein Rabe aus Metall aus eigener Kraft solche Spuren im Schnee hinterlassen? Hier verstecken sich irgendwelche Kinder. Sie haben mit ihm gespielt und beobachten uns jetzt. Komm. Raus hier!«

Der Entdecker Oskars ließ den Raben im ersten Schrecken scheppernd in den Schnee fallen. Was Oskar hoffen machte, dass es für ihn glimpflich ablief.

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Dann aber kehrte der Metalldieb zurück. »Ganz ohne Beute gehe ich von hier nicht fort.« Erneut packte er sich den Raben, lief um das Haus herum und warf Oskar in hohem Bogen auf die Ladefläche eines Transportfahrzeuges. Polternd und mit hellem Scheppern purzelte der Rabe durch unzählige Gegenstände aus Metall, die auf ihre neue Bestimmung warteten. Ehe er noch überlegen konnte, ob er vielleicht seine, eigentlich zum Fliegen höchst untauglichen, Schwingen einsetzen konnte, um zu verschwinden, schlug er so heftig mit dem Kopf auf, dass er augenblicklich seine Besinnung verlor.

Als Oskar wieder erwachte, kam das Fahrzeug gerade zum Stillstand.

Wie weit sie gefahren waren, konnte er nicht sagen. Schließlich wusste er nicht, wie lange er ohne Bewusstsein gewesen war.

»Bist du da?«

Selbstverständlich war ich das. Schließlich hatte ich mit Erschrecken beobachten müssen, was sich zutrug. »Ja, Oskar. Ich bin hier.«

»Wo sind wir? Ich will nach Hause zurück.«

»Es tut mir leid, mein Freund. Ich weiß doch noch nicht einmal, in welcher Stadt wir sind. Woher soll ich dann wissen, wo dein momentaner Aufenthaltsort sich befindet?«

Oskar stöhnte auf. »Du bist mir ja wieder eine unwahrscheinliche Hilfe. Läuft es jetzt darauf hin, dass wir uns selbst wieder helfen müssen? Meine Freunde lassen mich jedenfalls nicht im Stich …«

Täuschte ich mich, oder klang diese Aussage nach dem berühmten Pfeifen im dunklen Wald? Ich beschloss, nichts dazu zu sagen. Wem nutzte es, wenn ich Oskar die Hoffnung nahm, in seinen Garten zurückzukehren?

Die Türen des Fahrzeuges öffneten sich in jenem Augenblick. Der Wagen schaukelte leicht, als die Männer ausstiegen. Dann schlugen die Türen hörbar zu.

»Das war heute wenig erfolgreich.«

»Habe ich es dir nicht gesagt? Das ist dafür die falsche Jahreszeit.«

Langsam entfernten sich die Stimmen und wurden leiser, bis sie vollständig verklangen.

Oskar wartete eine geraume Zeit ab.

Als die Männer nicht zurückkehrten, kletterte er auf die obere Kante der Ladewand und sah sich neugierig um. Unzweifelhaft befand er sich innerhalb eines geschlossenen Raumes.

»Eine Garage, denke ich, Oskar.«

»Darauf wäre ich auch selbst gekommen.«

Während der Rabe mit Hilfe seiner Krallen versuchte, abwärts zu klettern, stutzte er. Hatte er da nicht eine leise Stimme gehört?

»Vergiss mich nicht … Nimm mich mit!«

Zweifellos.

Da rief jemand um Hilfe.

Oskar überlegte nicht lange und kehrte zurück.

Kapitel 5

Esmeralda

Neugierig, aber auch ein wenig verängstigt steckte Oskar seinen Kopf erneut über die Ladefläche des Transporters. Wenn es sich nun um eine Falle handelte? Als der Rabe seinen Blick über das Altmetall schweifen ließ, wusste er jedoch, dass es für diesen Gedanken bereits zu spät war.

»Du machst dir immer Gedanken. Wer soll wissen, dass du hier bist und dass es sich bei dir um ein lebendiges Wesen handelt? Falle! So ein Nonsens.«

Oskar lehnte sich zurück und verdrehte die Augen.