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Manchmal möchte ich mich totlachen

DIE AUTORIN
29022

© privat

Birgit Schlieper, geboren 1968 in Iserlohn, hat Amerikanistik, Romanistik und Anglistik ­studiert, ihr Studium aber abgebrochen, als ihr ein Zeitungsvolontariat angeboten wurde. Seit­dem schreibt sie unaufhörlich: von Einkaufszetteln und Post-its über Reportagen bis zum Tagebuch und Gedichten, für Nachrichtenagenturen, die SZ, in Lehrbüchern für den Deutschunterricht – und für cbt.

DIE AUTORIN
29022

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Nina Stahl, geboren 1977 in Münster, lebt in der Nähe von Dortmund. Sie studierte Erziehungswissenschaften und arbeitet seit 2002 ­als wissenschaftliche Mitarbeiterin im psychosozialen Dienst der Pädiatrischen Hämatologie und Onkologie des Universitätsklinikums Münster und ist seit 2012 für den Deutschen Kinderhospizverein e.V. tätig. Bei ihrer Arbeit im Psychosozialen Dienst der Pädiatrie vermisste sie ein thematisch passendes Jugendbuch und so entstand die Zusammenarbeit mit Birgit Schlieper zu diesem Roman.

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BIRGIT SCHLIEPER · NINA STAHL

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© 2020 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Die deutsche Originalausgabe erschien 2010 unter
dem Titel »Manchmal möchte ich mich totlachen«
im Sauerländer Verlag.
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Suse Kopp, Hamburg,
unter Verwendung mehrerer Motive von Kelly
Sillaste / Trevillion Images
he · Herstellung: SeS
Satz und E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN: 978-3-641-17036-3
V001

www.cbt-buecher.de

Inhalt

»Du wirst sterben.«

Der Arzt guckt weiter seinen Kugelschreiber an. Es ist so ein billiger Wegwerfkugelschreiber, bei dem man noch nicht mal die Miene wechseln kann. Der Arzt dreht den Stift. Ich sehe den Werbeaufdruck für einen Baumarkt.

Ich dachte immer, Ärzte haben goldene Kugelschreiber. Mit Initialen und so. Vielleicht ist Dr. Boll gar kein richtiger Arzt.

Du wirst sterben.

Die Worte waren nicht für den Kugelschreiber bestimmt. Sie gehen an mich, hängen wie tiefe Wolken im Raum. Ich höre meine Eltern synchron einatmen. Dr. Boll guckt durch den schmalen Schlitz zwischen Pony und Brille kurz zu mir rüber.

Vielleicht hat er die Brille auch aus dem Baumarkt. Kann man ja mittlerweile überall kaufen. Die Wolkenworte kommen näher, schließen mich ein. Ich habe das Gefühl, nicht mehr richtig atmen zu können. Wie können mich drei Worte von allen vier Seiten bedrängen? Ich stehe auf, mein Stuhl fällt polternd um.

»Nils!«

Die Stimme meiner Mutter ist leer und laut.

Sterben darf ich. Krach machen nicht.

Ich lächele Dr. Boll kurz an.

»Sie werden auch sterben.«

Ich gehe. Durch die erste Tür. Durch die nächste. Warte nicht auf den Aufzug. Man weiß hier nie, was einen hinter den Schiebetüren erwartet. Manchmal ist es ein freakiger Zivi. Manchmal auch eine hübsche Krankenschwester. Manchmal ein stöhnender Opa in fleckigem Bettzeug. Manchmal fällt der erste Blick auf einen prallen Urinbeutel.

Ich nehme das Treppenhaus. Die Tür nach draußen öffnet sich automatisch.

Ich muss hier raus, weg.

Atme die kalte fiese Luft, die von der Raucherecke zu mir rüberwabert.

Und jetzt?

Vielleicht hätte ich ja eben noch fragen sollen, wann mein Licht ausgeht. Schaffe ich noch ein Bier? Einen Kinofilm? Vielleicht sogar mit Überlänge? Werde ich die Sonne noch mal sehen? Und wenn ja: Wie oft?

Mein Hals wird eng. Mein Herz pumpt.

In meiner Hosentasche klimpern zwei Wohnungsschlüssel. Ich will keinen davon benutzen.

Nicht in die Wohnung von meinem Vater, wo mein Zimmer noch genau so aussieht wie an dem Tag, als ich das erste Mal ins Krankenhaus kam.

Nicht in die Wohnung meiner Mutter, wo ihr neuer Mann Thomas allein von meinem Anblick völlig überfordert sein wird. Er wird sich sofort vor Maja stellen. Klein-Maja soll nicht geschockt werden durch den Anblick ihres todgeweihten Halbbruders. Nicht, dass die kleine Zicke noch ein Trauma bekommt.

Ich gehe einfach geradeaus und lande im Hauptbahnhof.

Auf Gleis 16 fährt gleich ein ICE nach Mailand.

Italien wäre gut. Sonne. Strand. Und ich könnte mir lächelnd einen Sonnenbrand holen. Wäre ja auch scheißegal. Ehe ich an Hautkrebs sterbe, bin ich eh schon halb verwest.

Auf Gleis 2 fährt ein Intercity nach Hamburg ein.

Ich traue mich nicht. Sitze in einer orangen Plastikschale, starre auf Rotz- und Kaugummiflecken auf dem Boden und versuche, nicht zu denken.

Auch nicht an die Versuchung, einfach im letzten Moment aufzustehen, zwei, drei Schritte nach vorne zu machen. Ins Bodenlose. Die Ratten, die da unten rumflitzen, würden staunen.

Ich gehe schnell. Wieder die Treppe runter in die Halle, lasse mich zum Nordausgang treiben. Hier beginnt die dunkle Seite der Stadt.

Auch bei Tag.

Die Häuser sehen verwundet aus. Abgeplatzter Putz. Wie bröckelndes Make-up einer alten Frau. Satel­litenschüsseln wie kleine Geschwüre überall. In den Autos, die vorbeirasen, klopfen Bässe von innen an die Scheiben.

In mir hämmern drei Worte.

Ich lasse mich in den Schlund der erstbesten Dönerbude ziehen, fühle mich seltsam heimisch in dem grellen Licht der Neonröhren.

Ich ekle mich nicht vor den siffigen Tischen. Es ist mir alles so egal.

In meinem früheren Leben kam dieser Teil der Stadt nicht vor. Mittlerweile bin ich gerne hier. Ich muss ja auch keine Angst mehr haben. Was kann mir noch passieren? Vielleicht werde ich nur deswegen nicht doof angemacht. Vielleicht würde ich aber sowieso nicht doof angemacht werden. Ich werde es nie erfahren.

Zwei Stunden sind vergangen, seitdem ich aus der Klinik abgehauen bin. Ob meine Eltern noch da sind? Meine Mutter wird geweint haben. Still, komplett lautlos. Mein Vater wird sich immer wieder mit der Hand über das Gesicht gestrichen haben. Als könne er so ­Gedanken wegwischen. Wie bei diesen Ritsch-Ratsch-Maltafeln. Vielleicht suchen sie mich auch. An Orten, die schon lange nicht mehr zu meinem Leben gehören. Sie werden sich Sorgen machen. Was befürchten sie wohl? Dass mir was zustößt? Ich muss laut auflachen. Spüre die irritierten Blicke von dem Döner-Typen hinter dem Tresen. Ich wollte eh weiter. Die Tränen stehen zu hoch in meinem Hals, als dass ich noch länger in einem hell erleuchteten Imbiss sitzen möchte.

Eine gute Stunde später werde ich wieder vorm Krankenhaus angespült. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich hergegangen bin. Ich habe das Krankenhaus wiedergefunden wie ein Tier seinen Bau. Wo soll ich auch hin? Wo soll ich stranden? Ich nehme die Treppe. Kurz vor meiner Zimmertür sieht mich Dr. Boll aus der Ferne. Er unterbricht ein Gespräch, geht zielstrebig auf mich zu. Doch bis er in meinem Zimmer ist, liege ich schon im Bett, die Decke über den Kopf gezogen. Die Tür schnappt leise wieder ins Schloss, als er geht.

Ich schlafe ein, wache auf, schlafe wieder ein. Ich versuche, die Zeit zu stoppen. Zwischen Aufwachen und dem ersten Gedanken an die drei Worte. Es geht nicht. Die Gedanken sind zu schnell für meine Uhr. Ich döse wieder ein. Wache genau so oft auf, wie ich eingeschlafen bin. Noch.

Ohne Kugelschreiber weiß dieser blöde Arzt nicht, wohin er gucken soll. Er beobachtet seine leeren Hände, als er an meinem Bett sitzt. Schon vor dem Frühstück. Umständlich versucht er, es mir zu erklären. Es läuft immer wieder auf dasselbe raus. Sie können nichts mehr für mich tun. Nach all den Chemotherapien, den Transplantationen haben sie nichts mehr für mich im Angebot. Dr. Boll wird abgelöst durch meine Eltern und eine Sozialtante. Ich solle die Zeit nutzen.

»Welche Zeit?«, brülle ich sie an. »Ich bin 16 Jahre alt. An die ersten sechs Jahre kann ich mich nicht erinnern. Das heißt, dass ich hier gerade mal ein verficktes Jahrzehnt hatte. Mit den paar Wochen, die jetzt noch kommen, ist das insgesamt ein bisschen wenig, oder?«

Ich habe im Herbst Geburtstag. Ich traue mich nicht zu fragen, ob ich dann noch hier sein werde.

Am Nachmittag stehe ich endlich auf. Mir tut vom Rumliegen schon alles weh. Ich schlendere ins braune Zimmer. Die Ärzte hören das nicht so gerne. Wir nennen es so, weil hier so viele kahlköpfige Jugendliche abhängen. Wie Skins eben. Offiziell heißt das Zimmer Gemeinschaftsraum. Dabei haben wir hier alle was ganz anderes gemein als einen Raum. Wir alle hier haben Krebs. Mal mehr, mal weniger. Mich erinnert alles ein bisschen an ein Landschulheim. Oder an das, was ich mir darunter vorstelle. Ich war nie auf Klassenfahrt. Ich durfte nie mit.

Außer mir sucht gerade keiner hier Gemeinschaft. Ich trödel zurück in mein Zimmer. Aus meinem Fenster gucke ich auf den großen Hof. In der Ecke ist die Krankenhauskapelle.

»Das ist ja nett. Von hier habe ich es dann auch nicht so weit bis zu meiner Trauerfeier«, war mein erster Kommentar dazu. Da wusste ich noch gar nicht, wie nah ich schon an der Wahrheit war.

Ich höre meine Mutter noch schluchzen. Ich würde gerne das Gleiche tun. Oder mich einfach rückwärts aus dem Fenster fallen lassen. Das Letzte, was ich dann vor meinem inneren Auge sehen würde, wäre meine Mum. Ein schöner trauriger Gedanke. Ich habe Angst, dass der zweite Stock nicht hoch genug ist.

Hätte dieser »Möchtegern-Arzt« nicht einfach sein Maul halten können?

Ich sterbe.

Du stirbst.

Er, sie, es stirbt.

Und? Das ist ja keine Neuigkeit, oder? Das Ende steht von Anfang an fest. Bei mir liegen Anfang und Ende sehr nah beieinander. Muss ich das wissen? Vielleicht fällt mein Vater morgen bei einem Shooting vom Baugerüst und ist Geschichte. Würde es ihm helfen, das heute zu wissen?

Ja.

Er würde das Shooting nicht machen. Er hätte die Wahl. Ich nicht. Ich kann meinen kaputten Körper nirgendwo eintauschen. Ich komme einfach nicht aus mir raus.

Meine Eltern kommen wieder rein, haben noch mal mit irgendwelchen Ärzten gesprochen. Warum auch immer. Vielleicht haben sie sich ein Bestattungsinstitut empfehlen lassen.

»Können wir noch was für dich tun?«

Ich starre meine Mutter an.

»Noch was? Was wollt ihr denn noch für mich tun? Noch, ehe ich hier abdanke?«

Sie wird rot. So rot wie ihre Augen.

Mein Vater schiebt sich ins Bild.

»Schrei mich an, wenn dir das hilft. Mum ist gerade nicht stark genug für deine Wut.«

»Vielleicht bin ich auch nicht stark genug hierfür.«

Ich wollte das nicht sagen.

»Bringt ihr mir meinen Laptop mit?«

Mein Vater nickt. Wortlos bleiben sie sitzen. Ihre Stummheit saugt alles auf.

»Ich bin müde.« Nach ewigen Minuten fällt mir der Satz ein. Sie sollen gehen. Ihre verdammte Trauer mitnehmen. Ich ertrage das nicht.

Ich habe gelogen. Ich bin nicht müde. Ich reiße das Fenster auf, setze mich mit einer alten Zeitschrift auf die Fensterbank. Fange an zu blättern. Ich kann nicht lesen. Ich schaffe keinen einzigen Satz. Ich blättere schneller und hektischer und ziehe mir mit einer Seite einen dünnen Schnitt quer über die Hand. Direkt neben einer der Linien in der Innenfläche. Der Schnitt ist kaum zu sehen, tut aber tierisch weh. Ich balle immer und immer wieder eine Faust, bis endlich Blut rauskommt. Irgendwo in dieser hellroten Flüssigkeit ist der Krebs. Tausende von kleinen Krebsfratzen schwimmen durch meine Adern. Zerfressen mich. Während der ersten Chemotherapie, als ich diesen Alles-wird-gut-du-wirst-schon-sehen-Quatsch noch geglaubt habe, sollte ich mir vorstellen, wie die Chemie den Krebs in mir auffrisst. Visualisieren hieß das. Ich habe mir immer so eine Art Pac-Man-Invasion vorgestellt. Kleine gefräßige Wesen, die wie eine Müllpolizei durch mich durchschwimmen. Aber der Krieg ist verloren. Jetzt fühle ich fast die kleinen Blutratten, die mich bei lebendigem Leib verspeisen.

Bis jetzt tut es noch nicht sehr weh. Die Schmerzmittel, die ich bekomme, wirken schnell. Ich habe Angst, dass die irgendwann nicht mehr reichen. Nicht, weil ich die Schmerzen fürchte. Ich möchte einfach nicht, dass mich jemand so sieht. Ich habe schon andere wimmern und winseln gehört. Nachts auf den Stationen gibt es ganz andere Geräusche als tagsüber. Nachts zeigt die Krankheit ihr wahres Gesicht.

Meine Eltern kommen gleichzeitig ins Zimmer. Ich frage mich, ob sie sich vorher getroffen haben. Ob sie vorher über mich geredet haben. Mein Vater stellt meinen Laptop auf den Tisch, meine Mutter lädt jede Menge Obst ab.

»Soll ich gesund sterben, oder was?«

Ich frage mich, ob erst meine Mutter anfängt zu weinen oder ob mein Vater vorher noch »Nils!« sagen wird.

Es passiert nichts. Sie heult nicht. Er sagt nichts. Zumindest nicht zu mir. Sie machen Small Talk. Ich sitze hier wie ein Zuschauer beim Tennis. Nein. Nicht Tennis. Es ist eher ein langweiliges Federballspiel. Ich möchte brüllen. Dass ich hier krepiere, dass ich mich langsam auflöse. In meinen Zellen ist nur noch Krebs und Angst. Ich möchte sie anschreien, dass sie still sein sollen. Doch vor ihrer Sprachlosigkeit habe ich noch mehr Angst. Irgendwann beginnt ihr Gespräch mich einzulullen. Mir fällt auf, dass wir wie immer sitzen. Meine Mutter links von mir, mein Vater rechts. So saßen wir auch beim Essen. Nein, ich denke noch nicht in der Vergangenheit von mir. Aber dieser Teil meines Lebens ist schon lange Vergangenheit. Ich starre gegenüber die Wand an. Mir fehlt das Gesicht von Laura da. Ihr Grinsen. Ihre Grimassen. Sie konnte für den Bruchteil eines Moments ihr Gesicht ganz fürchterlich verziehen. Und wenn ich dann einen Lachflash bekommen habe, saß sie im nächsten Moment da und beteuerte mit Engelsblick, sie wisse auch nicht, was mit mir sei. Sie jedenfalls habe nichts gemacht. Manchmal musste ich sie auch aufheitern. Dann habe ich mir den Mund vollgestopft, alles zu Brei gekaut und so getan, als müsste ich kotzen. Oder ich habe versucht, mit der Zungenspitze meine Nase zu erreichen. Das allerdings mit leerem Mund.

Sie fehlt mir. Ich kenne niemanden, der so ernst und unschuldig aussieht und gleichzeitig so witzig ist. Sie sieht so aus wie meine Mutter. Dunkle Locken, noch dunklere Augen, etwas zu dicke Augenbrauen und ein eckiges Kinn. Aber sie ist nicht so zögernd wie Mum. Eher so unstet wie Dad. Immer auf der Suche. Ich glaube, was sie gerade in den USA sucht, weiß sie selber nicht genau. Sie arbeitet dort als Au-pair-Mädchen bei einem Ärzteehepaar. Ich wünschte, sie wäre hier. Ich weiß aber auch, wenn Laura jetzt nach Hause fliegt, wird es eng. Dann ist nicht mehr viel Sand in meiner Uhr.

»Habt ihr schon mit Laura gesprochen?«

Sie nicken beide.

»Und? Kommt sie?«

»Das hängt von dir ab. Wenn du willst, kommt sie sofort«, sagt mein Vater.

»Und wenn ich es nicht will, kommt sie erst zu meiner Beerdigung?«

Ich kann nicht anders. Ich fühle mich scheiße, weil ich weiß, dass ich sie verletze. Aber meine Gedanken verletzen mich auch. Jede verdammte Sekunde, die vergeht. Die uneinholbar vergeht. Auf mich nimmt hier auch keiner Rücksicht. In mir kommt Panik hoch.

»Was mache ich jetzt eigentlich, bis es so weit ist? Hier rumsitzen und abwarten? Dann können wir es doch auch jetzt beenden, oder?«

Der Gedanke ist plötzlich da. Ohne Vorwarnung. Ich weiß gar nicht, ob ich das wirklich will. Aber es erscheint mir schlüssig. Warum nicht jetzt den Vorhang fallen lassen?

Mein Vater guckt mich auf kürzestem Wege an.

»Ich kann dich verstehen. Wir möchten aber noch Zeit mit dir verbringen. So viel Zeit wie irgend möglich. Wir möchten, dass du nach Hause kommst.«

Meine Augen schwimmen. Ich versteife meinen Unterkiefer, damit er zu zittern aufhört.

»Welches Zuhause?«, fragt meine Stimme irgendwann, ehe sie ertrinkt.

Die Wohnung, in der mein Vater wohnt, war mein Zuhause. Als Mama und Laura da auch noch wohnten. Mama ist schon vor Jahren ausgezogen. In dem alten Zimmer von Laura hat mein Vater sich ein Studio aufgebaut. Er ist Fotograf. Nicht von Models oder so. Er fotografiert Möbel und Häuser und manchmal sogar Essen. Mein Zimmer sieht so aus wie immer. Aber es fühlt sich nicht so an. Es ist kalt da. Die Luft ist alt. Immer wenn ich in den letzten Monaten da war, hatte ich das Gefühl, ich gehe in ein altes Foto von meinem Zimmer. Ein Schritt in die Vergangenheit. Bei meiner Mutter hatte ich ein schönes neues Zimmer. Dann kam Maja. Mit 39 Jahren war Mum noch mal schwanger. Ich fand’s ein bisschen peinlich. Als meine kleine Halbschwester ein Jahr alt war, wurde mein Zimmer zu unserem Zimmer. Meine Mutter hat sich echt Mühe gegeben. In das Kinderzimmer wurde für mich eine Schlafcouch gestellt. Meine Bücher und CDs kamen in einen abschließbaren Schrank. Ein Paravent teilte den Raum. Doch die Lego-Armee machte vor dem Paravent nicht halt. Barbies saßen auf meiner Couch. Und überall hingen Lillifee-Poster.

Die letzen Male als ich bei Mum war, habe ich auf der Couch im Wohnzimmer geschlafen.

»Wo fühlst du dich denn am meisten zu Hause?«, fragt meine Mutter leise. Ich weiß die Antwort nicht. Auch nicht, wer hier was hören will. Möchte Mum, dass ich zu ihr will? Denkt sie dann, sie ist eine gute Mutter? Oder hat sie vielleicht Angst, dass ich zu ihr komme und bei ihr sterbe? Fürchtet sie mich am Ende sogar? Oder wäre sie doch eifersüchtig, wenn ich lieber zu Dad will?

»Was meint ihr denn, wo ich jetzt wohnen soll?«, versuche ich vorsichtig.

»Ich habe zuerst gefragt«, kontert meine Mutter. Sie mag es nicht, wenn ich eine Frage mit einer Gegenfrage beantworte. Ich mag ihre Fragen meist nicht.

Der Gedanke, bei Mum zu sein, fühlt sich auch ein bisschen gut an. Der Gedanke allerdings, dass dann auch Thomas und Maja zur Stammbesetzung gehören, fühlt sich kacke an. Bei meinem Vater werde ich viel alleine sein. Oder ich werde nicht alleine sein, weil er sich vielleicht Urlaub nimmt. Wie lange wohl? Das will ich gar nicht wissen. Ich habe mich immer darauf gefreut, mal wirklich alleine zu wohnen. Das wäre jetzt die Chance. Die allerletzte Chance. Meine Eltern würden das natürlich nicht erlauben. Sie könnten den Gedanken nicht ertragen, dass ich alleine in einer Wohnung sitze.

»Ich würde gerne in ein Hotel ziehen«, sage ich plötzlich. Ich weiß gar nicht, woher die Idee kommt. Aber irgendwie wäre es cool. So ein kleines Hotel mitten in der Stadt. Vielleicht noch über einer Kneipe, von der immer ein bisschen Musik zu hören wäre. Und eine Neonreklame würde dauernd die Farben wechseln und mein Zimmer mal in rotes und mal in blaues Licht ­tauchen.

»Ein Hotel?«

Meine Eltern sind im Chor irritiert.

»War nur so eine Idee.«

»Ich hätte dich gerne bei mir«, sagt mein Vater irgendwann leise.

Wenn er wütend ist und sehr laut, finde ich das ätzend. Wenn er so leise, fast tonlos spricht, kann ich das noch weniger ertragen.

»Ich denke drüber nach«, beschließe ich das Thema. Ich fühle mich plötzlich so erschöpft.

»Ich muss noch über vieles nachdenken«, hänge ich an. Meine Eltern verstehen nur langsam. Endlich gehen sie.

Als es dämmert, stehe ich wieder auf und setze mich an den Laptop. Direkt vor dem Krankenhaus ist ein Café mit Hotspot. Von dort kann ich E-Mails schicken.

Tag 0

Hi Laura,

du weißt ja schon Bescheid, was hier so passiert ist. Mum und Dad meinten, du würdest kommen, wenn ich das will! Jetzt kann ich dir auch noch deinen ganzen Traum von Amerika und Freiheit und so versauen. Ich muss nur sagen: »Komm!«, und schon lässt du alles stehen und liegen? Das könnte dir so passen! Bleib bloß da, wo du bist! Hast wohl Schiss und Heimweh, was? Und ich soll dafür herhalten, dass du dich da vor deiner riesigen Verantwortung mit zwei scheißenden und schreienden Blagen retten kannst? Vergiss es!

Vor zwei Monaten am Flughafen haben wir uns bestimmt nicht zum letzten Mal gesehen. So schnell wirst du mich nicht los! Da kannst du Gift drauf nehmen! Ich halte die paar Monate, bis du wiederkommst, schon durch.

Ich fühl mich auch gar nicht nach Sterben. Wie fühlt sich Sterben eigentlich an? Gerade fühl ich mich wie immer … bis auf diese Scheißwut im Bauch! Diese ganzen Schwachmaten hier. Was haben die mir nicht alles erzählt von »gute Heilungschancen« und »in zwei Jahren bist du hiermit fertig«. Blablabla. Jetzt wär ich ja fast froh über zwei Jahre. Damals war es der Super-GAU. Zwei Jahre mit Chemo und dem ganzen Quatsch verbringen? Jetzt klingt das wie ein Lottogewinn: »Herr Meyer, Sie sind in der glücklichen Lage, Chemotherapie für zwei Jahre gewonnen zu haben und danach ein fast ganz normales Leben zu führen! Herzlichen Glückwunsch!« Und jetzt? Was ist passiert in den letzten drei Jahren? (Hast du’s gemerkt? Das ist schon ein Jahr mehr als zwei, Rechnen kann ich sogar noch. Super! Gehirn ist noch halbwegs intakt, auch wenn der Rest von der Seuche infiziert ist.) Jetzt hab ich wohl die Niete gezogen: »Lieber Nils, alles, was wir dir bisher versprochen haben, ist absoluter Quatsch! Bald bist du weg vom Fenster!« Zack! So sieht es aus.

So, Schwesterchen, das waren die Supernews von mir … Und falls du zufällig von einem tollen Typen hörst, der ’ne Geheimwaffe gegen Leukämie entwickelt hat, lass es mich wissen. Dann wird ja vielleicht doch noch was aus einem Besuch bei dir. Dann jette ich einfach zu dir, der bombardiert mich mit seiner Erfindung (im Bombardieren sind die Amis doch besonders gut, oder?), und alles ist wieder gut.

Schöner Traum.

So langsam werd ich müde! Häng hier noch in der Klinik ab. Super Ort zum Chillen. Muss man sich um nix kümmern. So nette Schwestern mit Knackpopo (okay, nicht alle) bringen dir einmal am Tag ’ne warme Mahlzeit, morgens und abends gibt’s außer trockenem Brot sogar etwas Wurst, Butter und Marmelade. Da könnte doch jeder Knacki neidisch werden, oder? Aber wo sollen sie auch sonst hin mit mir? Mum sagt zwar, ich kann zu ihr, aber ich weiß jetzt schon, wie sehr sich Super-Thomas über mein Erscheinen freuen wird. Gar nicht! Und dann diese kleine Zicke Maja den ganzen Tag um mich rum. Nein danke! Zu Dad kann ich »natürlich« auch. Aber der ist ja nie da. Und ob ich alleine klarkomme? In meinem Zustand? Das will hier auch keiner verantworten. Also bleib ich erst noch etwas hier und chille rum.

Nur die Schule vermisse ich. Hättest du dir das vorstellen können? Dass ich so was mal sage? Nie im Leben! Aber es ist ja auch bald Schluss mit Leben. Vielleicht liegt es daran. Sagt man doch so, oder? Am Ende des Lebens wird man weise. Ich hör dich bis hierhin lachen, wenn du das liest. Nils und weise … Ganz sicher nicht auf dieser Welt! Tja, Schwester, da ich aber schon auf dem Weg in die nächste Welt bin, ist die Lage etwas anders.

Nächste Welt … Wie es da wohl aussieht? Lieber Gott mit Rauschebart? Oder Abenteuerland wie bei den »Brüdern Löwenherz«? Jetzt ist es aber echt zu spät für so philosophische Dinge. Ich werde eh vor euch wissen, wie es ist. Und dann werd ich es auch nicht verraten. Darüber können wir aber ein anderes Mal nachdenken. Hab dich jetzt lange genug zugetextet. Weiß grad gar nicht, wie spät es bei dir ist. In welche Richtung muss ich die Uhr umstellen? Und … waren es sechs oder acht Stunden? Aber was ist schon Zeit?

Sei gedrückt!

Nils

Ich wache auf und habe noch schemenhafte Bilder im Kopf. Von einer Wohnung. Meiner Wohnung. Ich konnte über die ganze Stadt gucken. Ein absoluter Wolkenkratzer. Und hinter jedem Zimmer war noch ein Zimmer. Ich bin irgendwie die ganze Nacht von Raum zu Raum gelaufen. Nur waren alle Räume leer. Hat mich aber nicht gestört. Ich muss an einen Urlaub denken, der ewig her ist. Wir hatten ein Haus an der Nordsee gemietet. Das war riesig. Viel zu groß für uns vier. Abends haben wir Verstecken im Dunkeln gespielt. Was hatte ich für einen Schiss damals! Dachte ich zumindest. Jetzt weiß ich, was Angst ist. Ich liege ganz starr da. In meinem Kopfkino taucht ein Bild nach dem nächsten auf. Wie Fotos im Entwicklungsbad. Ganz langsam nehmen die Bilder Konturen an. Formen, Gestalten tauchen auf. Ich drehe mich schnell auf den Bauch, versuche, wieder an die Wohnung zu denken. Die Traum-Wohnung. Ich werde nie eine ­eigene haben. Doch. Werde ich. Rund zwei Quadratmeter groß. Ein Single-Appartement quasi. Untergeschoss. Ich weiß nur noch nicht, wann der Mietvertrag beginnt.

Unter der Dusche versuche ich, die Gedanken abzuspülen. Plötzlich fallen mir die Mädchen ein. In dem Traum waren Mädchen. Ich konnte sie sehen, obwohl sie auf dem Balkon über mir saßen. Ich habe noch nie von Mädchen geträumt. Oder zumindest anders. Mit einem klebrigen Gefühl am Morgen.

Im braunen Zimmer sitzen Meike, Tobias und ein paar Leute, die ich noch nicht kenne. Ob es sich schon herumgesprochen hat? Nils hat die fristlose Kündigung vom lieben Gott. Ich kann da jetzt nicht reingehen. Will nicht mit ihnen reden. Ich drehe um und setze mich wieder an den Laptop.

Tag 1 nach 0 (Meine alte Rechnung: Tag 12 nach KMT, Tag 70 nach KMT etc. macht wohl keinen Sinn mehr, oder? Weißt du noch, was eine KMT ist? Knochenmarkstransplantation. Das Wort stammt aus der Zeit, als es noch eine erlogene Hoffnung gab. Jetzt führe ich meine eigene Zählweise ein. Gestern war Tag 0 vom Rest meines Lebens. Und heute ist Tag 1. Da hab ich doch schon einen gewonnen … oder habe ich einen verloren?)

Also:

Einen schönen guten, was auch immer du gerade hast!

Du wirst es nicht glauben: Ich habe von süßen Mädchen geträumt. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich glaube, das waren Engel.

Was für ein gruseliger Gedanke: Von Engeln abgeholt zu werden. So kleine blonde Wesen, mit langen Locken und Flügeln, die mit mir durch die Luft schweben. Nein, definitiv nicht!

Dann sollte mich doch lieber Kurt Cobain abholen. Meinst du, man sieht noch sein riesiges Loch im Kopf? Und dann empfängt er mich mit einem lässigen: »Come as you are …« Und wir trinken diverse Bierchen auf euch hier unten. Kann man im Himmel Bier trinken? Und kriegt man einen Kater davon? Kann ja eigentlich nicht sein, oder? Man sagt doch, es gibt keine Schmerzen mehr, wenn man tot ist … Muss ja auch wenigstens etwas Gutes haben, wenn man tot ist.

Ich werde dir dann meine Grüße aus dem Himmel als kleine Melodie rüberschicken. Weißt du? Wie bei den Brüdern Löwenherz, da hat doch der eine dem anderen eine weiße Taube geschickt oder so. Ich schick dir dann ein cooles Lied. Das ist doch viel geiler, oder? Dann weißt du, dass es mir gut geht und dass ich gerade mit Kurt Cobain rumhänge. Tot sind wir ja schon. Dann kann ja nicht mehr viel passieren.

Oder was meinst du?

Ob Opa Hans auch da ist? Und Lumpi, mein alter Kanarienvogel? Oder gibt es für Tiere einen Extrahimmel? Oder gibt es gar nichts? Kein Kurt Cobain? Kein Opa Hans? Bin ich dann einfach endgültig weg vom Fenster?

Nur dunkle Leere in einem kalten Grab und langsam von den Würmern aufgefressen werden?

Vielleicht sollte ich mich verbrennen lassen. Dann könnte das schon mal nicht passieren. Dann würden die Flammen meinen verseuchten Körper oder das, was davon noch übrig ist, in Asche zerfallen lassen. Immerhin könnte ich dann schon mal eine Möglichkeit ausschließen. Denn der Gedanke an die Würmer in der kalten Erde ist nicht gerade prickelnd.

Aber: Fragt mich eigentlich jemand, was ich will?

Wer entscheidet das überhaupt?

Dad?

Mum?

Dass die beiden sich einig werden über meine Beerdigung, glaubt ja eh kein Mensch. Im Leben nicht!

Aber im Tod?

Ob ich ihnen das einfach sagen sollte? Hört mal zu, so und so hab ich mir das vorgestellt. Ich hab schon mal ’nen Plan gemacht. Es wäre sehr schön, wenn ihr nicht über meine Beerdigung streiten würdet. Aber dann bricht Mum zusammen und das ertrag‹ ich nicht!

Ich sollte besser einen Brief schreiben. Da schreib ich drauf: »Erst nach meinem Tod lesen«, und erkläre darin, wie sie das mit der Beerdigung machen sollen. Aber wo soll ich das Ding hinlegen, ohne dass sie es vorher finden und trotzdem noch rechtzeitig, bevor die ganze Sache schon durchgezogen ist? Keine Ahnung! Vielleicht fällt mir ein anderes Mal mehr dazu ein. Sorry, dass ich dich jetzt mit diesen wirren Gedanken alleine lasse, aber die Visite kommt gleich, und vorher wollen die noch Blut von mir. Ob Ärzte mit Vampiren verwandt sind? Die wollen doch auch immer Blut, Blut, Blut. Bald bin ich leer gelutscht. Dann sterb ich an Blutarmut und nicht an Leukämie. Was soll’s.

Ich meld mich!

Ciao! Nils

Es kommt die ganz große Besetzung. Zwei Ärzte, ein paar Schwestern, eine Psychotussi, ein Zivi. Es ist echt voll in meinem Zimmer.

»Soll ich noch Stühle holen, damit alle sitzen können?«, frage ich laut.

Keiner antwortet.

»Ach, das ist eine Stehparty? Sie werden wohl nichts dagegen haben, dass ich mich hinlege. Ich will mich schon mal daran gewöhnen.«

Zwei der Schwestern gucken so angestrengt auf den Boden, als hätten sie ihre Kontaktlinsen da verloren.

»Hast du gut geschlafen?«