Woodtalker

 

 

 

 

 

 

 

HYBRID VERLAG

Ebookausgabe

08/2019

 

 

© by Susa Reichmann

© by Hybrid Verlag, Homburg

 

Umschlaggestaltung: © 2019 by Creativ Work Design

Vorlektorat: Maja Creutzberg

Lektorat: Paul Lung

Korrektorat: Monika Ruf

Buchsatz: Eva Töpelt

Autorenfoto: privat

 

 

Buchwerbung:

Coverbild ›Das Geheimnis von Talmiil‹

© Artwort by Mika Jänisen, Cover by Creativ Work Design

Coverbild ›Remoment‹

© by Creativ Work Design

 

ISBN 978-3-946-82096-3

 

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

 

 

 

Susa Reichmann

 

 

Woodtalker

 

Das Lied der Bäume

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Urban Fantasy

Inhaltsverzeichnis

Jahreszeiten

1.

2.

3.

4.

5.

Herbst

6.

7.

8.

Winter

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

Frühling

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

Sommer

25.

Glossar

Danksagung

Die Autorin

Jahreszeiten

 

 

 

 

 

Jahr und Tag zieh՚n an den Bäumen

Wie ein ew՚ger Kreis vorbei.

Ob wir wachen oder träumen,

Ist den Wäldern einerlei.

 

In der Stille wächst das Leben.

Zeit ist՚s, die die Kraft dir bringt,

Deine Krone zu erheben,

Bis das Lied der Bäume klingt.

 

(aus dem Buch der Bäume)

1.

 

Der Kater schoss auf mich zu, kaum dass ich das Gartentor geöffnet hatte. Er schrie und schrie. Um ihn zu beruhigen, nahm ich ihn auf den Arm. Er strampelte sich frei, wobei er mir den halben Unterarm zerkratzte, und rannte zur Haustür. Lauthals miauend. So hatte ich ihn noch nie erlebt.

»He, Fridolin. Was ist los mit dir, mein Dicker?«

Er stellte sich an der Tür hoch, das schwarzweiße Fell gesträubt. Mit den Krallen bearbeitete er die ins Holz der Haustür geschnitzte Buche, als wäre sie ein Kratzbaum. Einer, der aus unerfindlichen Gründen seine Wut entfachte.

»Fridolin! Lass das!« Ich klingelte und seufzte, als sich in der Schreinerwerkstatt nichts rührte. Kasimir konnte unmöglich schon wieder unterwegs sein! Der Liefertermin für den großen Eckschrank war gestern gewesen, und ein anderer stand diese Woche nicht an. Oder täuschte ich mich? Ich reckte mich, um auf den kleinen Hof neben dem Haus zu schauen. Dort pflegte Kasimir seinen rostfleckenübersäten Lieferwagen zu parken.

Die Blätter des Walnussbaums warfen ein kompliziertes Muster aus Licht und Schatten auf das Pflaster. Abgesehen davon war der Hof leer. Doch ein Termin. Musste mir wohl entgangen sein. Ich fischte nach meinem Haustürschlüssel und steckte ihn ins Schloss. Fridolin produzierte eine weitere Reihe von Tönen, hinter denen kein normal denkender Mensch eine Katze vermutet hätte.

»Silva?«, übertönte Leos Stimme das Geschrei. Mein bester Freund lehnte sein Fahrrad an die Hecke und spähte zu mir herüber. »Alles okay?«

Er nahm den Fahrradhelm von seinen verschwitzten blonden Haaren, die im Gegensatz zu dem Haufen wüst abstehender rotbrauner Fusseln, die ich besaß, glatt am Kopf anlagen. Immer noch keuchend durchquerte er den Vorgarten.

Der Weg von unserem Gymnasium in der Stadt bis raus aufs Dorf war um die zehn Kilometer lang und hügelig wie die gesamte Gegend hier, aber ansonsten ganz nett zu fahren. Daher zogen Leo und ich das Rad meistens dem Bus vor. Der war grundsätzlich überfüllt, was Leo hasste. Die letzten zweihundert Meter unserer Fahrradstrecke hasste er allerdings auch, denn da machte die Dorfstraße einem Gebirgspass Konkurrenz.

»Bei mir ist alles super, nur der Kater hat irgendein Problem.« Ich scheuchte Fridolin zur Seite, damit er aufhörte, das Holz zu demolieren.

Leo guckte aus seiner luftigen Höhe von einem Meter neunzig prüfend erst auf mich, dann auf Fridolin herunter, bevor er nickte. »Ich kümmer mich um ihn.« Er kniete sich hin und streckte die Hand aus. »Ist ja gut. Komm her, Mutzebär. Was hast du …«

»Maooooaooo!«, grollte Fridolin.

Leo zuckte explosionsartig zurück. Im selben Moment klickte das Schloss, die Tür schwang auf und donnerte gegen die Werkbank. Die Werkbank? Hinter der Tür? Mein ganzer Körper erstarrte zu Stein. Nur mein Herz nicht. Das hämmerte schneller als eine Schlagbohrmaschine, während mein Blick durch die Werkstatt glitt.

Offene Kisten. Herausgerissene Schubladen. Umgestürzte Regale. Schrauben, Nägel und Holzstücke überall. Dazwischen die Werkzeuge, normalerweise penibel sortiert in Regalen und Schränken.

Mittendrin breitete sich aus einem Topf mit Kartoffelsuppe ein gelblich-dickflüssiger See aus, in dem wie eine Insel ein Hammer lag. Gestern hatte ich drei Teller von der Suppe gegessen. Jetzt wurde mir bei ihrem Anblick schlecht. Kasimirs Werkstatt, mein zweites Zuhause, in Trümmern – mein Kopf weigerte sich, das zu begreifen.

»Kasimir?«, krächzte ich heiser. Keine Antwort. Zögernd betrat ich die Werkstatt. Fridolin raste an mir vorbei zur Treppe, den Schwanz derart aufgepuschelt, dass er dem eines Eichhörnchens ähnelte.

Leo legte mir die Hand auf die Schulter. Ich fuhr herum. Leos Augen, sonst sanft und braun wie Vollmilchschokolade, waren dunkel und weit aufgerissen. »Was ist hier passiert? Ist wer eingebrochen?«

»Keine Ahnung.« Die Angst schnürte mir die Kehle zu. Wieso sollte jemand in eine Schreinerwerkstatt einbrechen, noch dazu in eine so kleine wie die meines Onkels? Das ergab keinen Sinn.

»Kasimir!«, schrie ich, einfach, um die fürchterliche Stille im Haus zu durchbrechen.

Leo stimmte mit ein. »Kasimir!«

Keine Antwort. Wo steckte er? War er etwa … Mein Magen krampfte sich zusammen. Nein. Nein. Nein! »Wir müssen ihn finden!« Ich rannte zur Treppe. Ein Haufen Schraubenmuttern klirrte unter meinen Füßen. Den Sack mit dem Sägemehl trat ich beiseite. Eine staubige, nach Holz duftende Wolke stieg auf. Leo hustete, als er hindurchlief, mir dicht auf den Fersen.

Oben bot sich ein ähnliches Bild wie in der Werkstatt. Alle Schränke offen, wüstes Durcheinander. Und kein Kasimir. Nacheinander durchsuchten wir jeden Winkel des kleinen Fachwerkhauses. Die Werkstatt im Erdgeschoß. Schlaf- und Wohnzimmer im ersten Stock. Das winzige grün geflieste Bad daneben. Den Dachboden. Überall Chaos, nirgends eine Spur von meinem Onkel.

Mit jedem Zimmer schwand meine Hoffnung ein Stück weiter, bis nichts mehr davon übrig blieb. Ich strich über das glatte, zierlich geschwungene Holz eines Sofabeins, das hilflos in die Luft ragte. »Meinst du, jemand hat Kasimir überfallen?«

Leo reagierte überhaupt nicht. Er stand stocksteif im Türrahmen und glotzte Fridolin an, der in der Ecke auf seinem umgeworfenen Körbchen hockte und Leos Blick ebenso starr erwiderte.

Ich machte einen Schritt in Leos Richtung. Unter meinem Fuß knirschte Glas. Ein gerahmtes Familienfoto. Meine Eltern, meine beiden älteren Brüder und ich grinsten mehr oder weniger schief in die Kamera. Ich bückte mich, um das Bild aufzuheben, und schnitt mich an einer Scherbe. Auf die weiße Bluse meiner Mutter floss Blut. Meine Hand bebte.

Fridolin schlich von seinem Körbchen zu mir und rieb den Kopf an meinem Bein. Das weckte Leo aus seiner Versteinerung. Er nahm mir den Rahmen behutsam aus der Hand und stellte ihn auf ein Regal, in dem sich zwei einsame Bücher hartnäckig gegen das Herunterfallen wehrten. In mir stieg ein Schluchzen auf. Wer hatte das Haus so zugerichtet? Und viel wichtiger: Was hatte derjenige Kasimir angetan? Ich schluckte, um meine Stimme wiederzufinden. »Leo, wann hast du Kasimir zuletzt gesehen?«

»Gestern früh, bevor ich zur Schule losgefahren bin. Kann mich nicht erinnern, ob er seitdem da war.«

Meine Knie wurden weich. Ich schwankte. Leo packte mich am Arm und verhinderte gerade noch rechtzeitig, dass ich umkippte. »Komm mit. Raus an die frische Luft. Wir rufen erst mal deine Eltern an. Und die Polizei.«

 

Der Streifenwagen hielt neben dem Gartentor, direkt vor dem großen Stein, auf dem ich saß. Die Septembersonne wärmte mein Gesicht. Mein Innerstes fühlte sich dagegen an wie tiefgekühlt, und mein Herz klopfte nach wie vor viel zu schnell. Leo hatte mir aus dem Nachbarhaus, wo er mit seiner Mutter wohnte, eine Cola geholt – »damit du nicht aus den Latschen kippst.« Er stand an den Torpfosten gelehnt neben mir, und lediglich seine Nähe hielt mich davon ab, in totale Panik zu verfallen.

Zwei Polizisten stiegen aus dem Auto, ein dunkler Typ mit Dreitagebart und eine kräftige blonde Frau, die ihre Haare zum Pferdeschwanz gebunden trug. Im Haus gegenüber bewegten sich die Vorhänge. Die alte Frau Segerle. Natürlich. In spätestens einer halben Stunde würden im Dorf die wildesten Gerüchte herumschwirren.

»Ein Einbruch?«, fragte die Polizistin, nachdem sie einen Blick in die Werkstatt geworfen hatte.

»Ich denke schon – obwohl, die Tür war zugesperrt, glaube ich …« Hatte ich den Schlüssel zweimal umdrehen müssen oder nicht? »Und mein Onkel ist verschwunden!«

Der Große nickte. »Wir sehen uns zuerst das Haus an. Ihr wartet am besten hier.« Während die beiden drinnen von Zimmer zu Zimmer gingen, bog der schwarze BMW meines Vaters um die Ecke.

»Papa!« Ich sprang auf und stürzte ihm entgegen. Er drückte mich an sich. Sein vertrauter Duft nach Rasierwasser und teurem Anzug stieg mir in die Nase. Sofort beruhigte sich mein Herzschlag. Jetzt würde alles gut werden.

Papa ruckelte seine Brille zurecht, die einzige Art, wie sich bei ihm Nervosität äußerte. »Ist dir was passiert, Silva?«

»Ich bin in Ordnung, aber Kasimir ist weg! Und jemand ist bei ihm eingebrochen, alles ist durcheinander, und …«

In diesem Moment kehrten die Polizisten von ihrem Rundgang zurück.

»Sind Sie der Hauseigentümer?«, wollte der mit dem Dreitagebart wissen.

»Nein, das Haus gehört meinem Bruder.« Papa setzte mich auf den Stein, als wäre ich eine Puppe. Ich gehorchte. Meinen Beinen vertraute ich ohnehin nicht so ganz. Mein Vater begrüßte die Polizisten mit Handschlag, und sie beschrieben die Lage im Haus. Papas Miene verfinsterte sich mit jedem Wort mehr.

Dreitagebart zog ein Notizbuch aus der Tasche. »Ist der Besitzer des Hauses verreist?«

»Nein. Silva war gestern Nachmittag erst bei ihm.«

Alle guckten zu mir, und ich räusperte mich unsicher. »Da war er nicht zu Hause!« Meine Stimme zitterte ebenso wie mein Körper.

Leo trat hinter mich. Ich fühlte seine Hände auf meinen Schultern und lehnte ich mich dankbar an ihn.

Papa runzelte die Stirn. »Den ganzen Nachmittag?«

»Ich habe ihn gar nicht getroffen. Er hatte mir einen Zettel hingelegt, dass er einen Schrank ausliefert. Um halb fünf musste ich los zur Geigenstunde. Da war Kasimir noch nicht daheim. Ich dachte, er ist vielleicht zum Kaffee eingeladen worden oder so …« Den Schrank hatte diese Frau bestellt, die Kasimir immer anbaggerte, wenn sie in die Werkstatt kam – was sie so häufig tat, dass Kasimir mutmaßte, sie mache ihre Möbel mit Absicht kaputt. Oder doch ein anderer Kunde? Ich schluckte. »Kasimir hatte für mich Mittagessen gekocht, die Werkstatt war ordentlich. Alles normal.« Mir rann eine Träne über die Wange, und ich wischte sie mit dem Handrücken weg. Zähne zusammenbeißen, Silva. Krieg dich in den Griff!

»Wann ist er zum letzten Mal gesehen worden?«, fragte die Polizistin in die Runde.

»Ich habe ihn gestern früh gesehen, so um Viertel nach sieben«, antwortete Leo.

»Ist dir etwas an ihm aufgefallen?«

»Nein. Er hat sich bloß kurz mit mir unterhalten, über die Schule und so.«

»War er schon einmal weg, ohne das vorher anzukündigen?«

Mein Vater rieb sich über die Stirn. »Ja. Mehr als einmal.«

Mein Mund klappte auf, ohne dass ich etwas zu sagen vermochte. Wie bitte? Seit meiner Einschulung verbrachte ich jeden Tag hier. Nie war Kasimir fortgeblieben. Stets war er für mich da. Zuverlässig wie ein Uhrwerk. Half mir bei den Hausaufgaben, brachte mir bei, mit der Schleifmaschine umzugehen. Ich schoss meinem Vater einen wütenden Blick zu.

Er ignorierte mich geflissentlich. »Früher ist Kasimir oft verschwunden. Wir wussten nie, wohin. Irgendwann kam er immer wieder nach Hause. Das konnte ein paar Tage dauern oder mehrere Monate.«

»Sie vermuten, dass er freiwillig gegangen ist?« Die Blonde schaute ihn zweifelnd an.

Papa nickte. Der Eisblock in meinem Inneren taute allmählich auf und machte lodernder Wut Platz. Der dunkelhaarige Polizist schien ebenfalls nicht überzeugt.

»Und das Chaos im Haus?«

»Kommt mir leider bekannt vor. Wenn er ging, ließ er alles stehen und liegen. Einmal wäre fast das Haus abgebrannt, weil er den Herd nicht ausgeschaltet hat.«

Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. »Geh wenigstens mal rein! Da sieht՚s aus, als hätte jemand alles durchwühlt!«

»Wer weiß, vielleicht hat er etwas gesucht.«

Heftig schüttelte ich den Kopf. »Kasimir hätte Bescheid gesagt! Er hat mir jedes Mal eine Nachricht hinterlassen, wenn er nicht hier sein konnte!«

»Ich dachte auch, er hätte sich geändert. Aber was ich sehe, spricht dagegen!« Papa wollte mir den Arm um die Schultern legen.

Ich schubste ihn weg. »Nein! Das glaub ich dir nicht!«

Die Polizistin meldete sich zu Wort. »Wollen Sie Anzeige erstatten? Wenn Ihr Bruder bis morgen verschwunden bleibt, können Sie ihn als vermisst melden.«

»Nein!« – »Ja!«, sagten mein Vater und ich gleichzeitig. Mit hochgezogener Augenbraue wartete die Polizistin. Als Papa sein »Nein« bekräftigte, verabschiedeten sie und ihr Kollege sich und fuhren weg.

Böse starrte ich meinen Vater an. Der interessierte sich plötzlich nur noch für sein Smartphone. »Silva, ich habe in zwanzig Minuten einen wichtigen Kunden in der Bank. Soll ich dich vorher zu Hause absetzen?«

»Nein, ich bleibe. Wenn du dich nicht zuständig fühlst … Irgendwer muss ja hier Ordnung machen!« Ich stampfte in die Werkstatt. Leo kam mit. Wenigstens einer, auf den ich mich verlassen konnte.

Mit einem widerlichen Geräusch glitschte mein Fuß durch die Kartoffelsuppenpfütze. Zwischen Gebirgen aus Werkzeug, Brettern und Katzenfutter blieb ich stehen. Ich holte tief Luft und drehte mich zu Leo um. »Los geht՚s. An die Arbeit!«

»Warte mal.« Leo setzte sein Grüblergesicht auf: halb geschlossene Augen, die Nase gekraust.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust, absolut nicht willens, mich auf weitere Verzögerungen einzulassen. »Worauf?«

»Wir könnten Spuren verwischen. Falls es welche gibt.«

»Okay«, sagte ich gedehnt. »Was schlägst du vor?«

Leo drehte sich gemächlich um seine eigene Achse, wobei er die gesamte Werkstatt eingehend musterte. Ich klopfte mit dem Fuß einen ungeduldigen Takt dazu. Nach einer 360-Grad-Drehung beendete Leo seine Inspektion mit einem Schulterzucken. »Dummerweise habe ich kein Graphitpulver für Fingerabdrücke. Nicht mal eine ordentliche Lupe. Und ehrlich gesagt nicht die geringste Ahnung, auf was ich achten müsste. Du?«

»Hallo? Bin ich hier diejenige, die ihre Meerschweinchen Watson und Holmes genannt hat?«

»Du vergisst Poirot und Mr. Marple.« Leo zwinkerte mir zu.

»Hol sie doch rüber, wenn sie sich mit Spurensicherung besser auskennen als du!«, schnaubte ich.

Leo ließ sich von meiner Wut nicht beirren. Er kannte mich seit der Grundschule und wusste aus Erfahrung, dass sie lediglich ein Zeichen meiner Verzweiflung war. »Zumindest das da würden sie bestimmt mit Freude aufputzen.« Breit grinsend deutete er auf die Suppenpfütze.

Bei der Vorstellung, wie sich vier gierig schmatzende Fellknäuel um den Kartoffelmatsch zankten, musste ich tatsächlich lächeln. Trotz allem.

»Fangen wir einfach an. Und achten auf alles, was uns komisch vorkommt«, sagte ich und erkannte im selben Augenblick die Ironie meines Vorschlags. Was war denn hier bitteschön nicht  sonderbar?

Gemeinsam richteten wir die Regale auf und räumten allen Kleinkram ein. Anschließend schrubbten wir die Bodendielen, bis kein Tropfen Kartoffelsuppe mehr daran klebte. Als der Nachmittag sich dem Ende zuneigte, sah die Werkstatt tipptopp aus – mit einem Schönheitsfehler: Es gab nicht den allerkleinsten Hinweis darauf, wo Kasimir steckte. In seinem Haus jedenfalls nach wie vor nicht.

»Für heute hab ich die Nase voll.« Ich feuerte den Wischmopp in den Putzschrank. »Machen wir Schluss. Der Rest kann bis morgen warten.«

Leos Magen knurrte so laut, dass ich zusammenzuckte. Leo hob entschuldigend die Hände. »Kein Mittagessen. Irgendwann wird er halt ungeduldig. Gehen wir rüber zu mir. Ich koch uns was, bevor du nach Hause musst.«

Mein Bauch fühlte sich an, als hätte jemand sämtliche Eingeweide miteinander verknotet, und die Sorge um Kasimir nagte an diesem Knoten wie ein Biber. Mit langen gelben Zähnen. »Lass mal. Ich hab keinen Hunger.«

»Ich schon. Und du musst ganz dringend was in den Magen kriegen. Hey, lass uns ›Herr der Ringe‹ schauen, und dazu mach ich dir Spaghetti à la Leo!«

»Welche Version meinst du? Die mit oder die ohne schwarze Stücke in der Soße?« Ziemlich jämmerlicher Witz, zumal Leo tausendmal besser kochte als ich.

Er lachte trotzdem.

»Danke fürs Helfen«, sagte ich leise.

»Dafür sind Freunde da.« Leo nahm mich tröstend in den Arm. Ich vergrub mein Gesicht zwischen Sägemehl- und Kartoffelsuppenflecken in seinem T-Shirt, ungefähr auf Höhe seines knurrenden Magens, und Leo klopfte mir auf den Rücken. »He, wir packen das! Wenn es sein muss, suchen wir Kasimir eben selbst. Wir werden ihn finden.«

Ich zuckte mit den Schultern und versuchte mich an einem Nicken, dem ich selbst nicht glaubte.

 

Papa schmierte sich sein Brot, als wäre alles vollkommen normal. So sah er auch aus. Die braunen Haare akkurat gescheitelt und selbst am Abend noch tadellos rasiert. Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkel und wartete darauf, dass er etwas sagte. Was nicht passierte. Schließlich reichte es mir.

Ich schob meinen Teller weg – Hunger hatte ich ohnehin nicht mehr nach Leos Spaghetti – und fragte angriffslustig: »Planst du eventuell, mich noch in diesem Leben darüber aufzuklären, was du der Polizei heute über Kasimir erzählt hast? Oder tun wir lieber alle so, als ob gar nichts gewesen wäre?«

»Warum sollte ich dich mit alten Familiengeschichten belasten? Die musst du nicht alle kennen. Kasimir verschwindet eben ab und zu. Ohne sich um das Chaos zu scheren, das er hinterlässt.« Papa machte eine wegwerfende Handbewegung.

Mit zusammengekniffenen Augen starrte ich ihn an. »Ach. Ist das so? Und warum parkt ihr mich seit der ersten Klasse jeden Nachmittag bei ihm?« Das war unfair, und ich wusste es. Um nichts in der Welt hätte ich die Zeit mit Kasimir gegen langweilige Nachmittage daheim eingetauscht. In seinem verwinkelten Fachwerkhaus fühlte ich mich weitaus wohler als in dem Designerkasten aus Stahlbeton und Glas, den ich mit meinen Eltern bewohnte.

Kasimirs Haus besaß sein eigenes Leben: Das Sonnenlicht, das durch die Sprossenfenster fiel und helle Streifen in die staubgesättigte Luft malte. Der Geruch von frisch gesägtem Holz und trocknender Farbe. Das rhythmische Scharren, wenn Kasimir die Oberfläche eines Möbelstücks schliff, und das Kreischen der Kreissäge, mit der er die Bretter zurechtschnitt.

Mit Ruhe und Bedacht bearbeitete er das Holz. Dabei hörte er mir zu, wie ich über die Hausaufgaben oder die arroganten Social-Media-Lifestyle-Queens in meiner Klasse schimpfte. Er lehrte mich Lesen und Rechnen ebenso wie Schnitzen und Zinken. Längst entwarf und baute ich kleinere Möbelstücke ganz alleine, ein paar hatte ich sogar bereits verkauft. Meine Eltern hielten meine Schreiner-Leidenschaft für nutzlosen Unfug. Sie kannten nicht mal den Unterschied zwischen einer Fein- und einer Laubsäge.

Mama unterbrach meine Gedanken mit einem Versuch, zwischen Papa und mir zu vermitteln. Beinahe als säße sie auf ihrem Richterstuhl statt an unserem Esstisch. »Das hat sich halt damals so ergeben. Wir mussten arbeiten, er hatte Platz und Zeit für dich. Und du warst schon als Baby mit ihm auf derselben Wellenlänge. Außerdem ist er seit Jahren nicht mehr fort gewesen – weiß der Himmel, wieso er ausgerechnet jetzt in diese alten Gewohnheiten zurückfällt.«

»Was für Gewohnheiten?« Kasimir, der zuverlässigste Mensch auf der Welt? Der peinlich genau darauf achtete, alle Rechnungen sofort zu bezahlen und jeden Liefertermin exakt einzuhalten? In meinem Bauch rumorte heiße, ohnmächtige Wut. Warum kauten meine Eltern ganz entspannt ihr Abendbrot wie zwei Kühe das Gras auf der Weide, während Kasimir womöglich irgendwo hilflos und verletzt lag? Ohne Grund würde er mich niemals im Stich lassen. Genauso wenig wie seinen Kater.

»Was für Gewohnheiten?«, wiederholte ich, diesmal lauter.

Papa spießte eine Scheibe Salami so heftig auf, als wolle er die Wurst erstechen. »Zum Beispiel die, alle vor den Kopf zu stoßen, denen was an ihm liegt.«

»Wann, bitteschön, hat Kasimir irgendwen vor den Kopf gestoßen?«

Mein Vater schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Gläser schepperten. »Schluss damit! Wenn Kasimir meint, er müsste unbedingt abhauen, kann sowieso keiner was daran ändern!«

»Aber –«

»Kein Aber! Denk du lieber über deine nächste Englischarbeit nach. Deine Note im letzten Zeugnis war ja nicht so berauschend!«

Ich sprang auf. Mein Stuhl krachte zu Boden. »Wie kann er euch nur so egal sein?«

»Weil wir ihm egal sind! Wir alle!«

Noch nie hatte ich meinen Vater so brüllen hören. Heiße und kalte Wellen liefen abwechselnd über meinen Körper. Fassungslos stand ich vor dem Tisch, suchte nach Worten und fand keine, fand überhaupt nichts mehr, weil meine gesamte Welt plötzlich wankte.

»Silva, warte!« Mama streckte die Hand nach mir aus.

Ich wich zurück. Einen Schritt, zwei, dann fuhr ich herum, rannte in mein Zimmer und warf mich aufs Bett. Es war, als hätte mich jemand in die Minen von Moria gestürzt, wie vorhin Gandalf im ›Herrn der Ringe‹. Ich fiel in bodenlose Tiefen.

Kasimir sollte freiwillig weggegangen sein? Nie im Leben! Dieses Chaos im Haus, in seiner geliebten Werkstatt, wo noch der kleinste Schraubendreher seinen festen Platz hatte … und Fridolin, völlig außer sich … Etwas Schreckliches musste geschehen sein. Nur: Was konnte ich tun, wenn nicht mal meine Eltern mir glaubten?

Tränen brannten in meinen Augen, und nun ließ ich ihnen freien Lauf. Meine Gedanken liefen Amok. Verzweifelt kämpfte ich darum, Ordnung in sie zu bringen wie heute Nachmittag in die Werkstatt. Keine Chance.

Es dauerte lange, bis meine Tränen der Erschöpfung wichen und meine Augen unaufhaltsam zufielen. Traumfetzen stiegen auf, Bilder von umgestürzten Hockern und herumliegenden Nägeln. Dazwischen diese elende Kartoffelsuppe.

Ich würde nie wieder welche essen.

Ganz sicher.

2.

 

Über Nacht verschmolzen die Ereignisse des Vortages mit meinen bösen Träumen und den Geräuschen des Gewitters, das über unserem Haus tobte. Am Morgen wachte ich schweißgebadet auf. Im Schlafanzug und nicht annähernd ausgeschlafen tappte ich in die Küche. Mein Vater war bereits zur Arbeit gegangen.

Mama schlüpfte gerade in ihren Mantel. »Ich mache heute früher Feierabend, damit du nicht den ganzen Nachmittag alleine herumsitzt. Hol dir heute Mittag in der Stadt was zu essen, ja?« Sie drückte mir einen Zwanzig-Euro-Schein in die Hand.

»Wie bitte?« Ich beäugte das Geld. Die Erinnerung begann in mein Bewusstsein zu tröpfeln, doch ich schob sie weit von mir. Das konnte einfach nicht wahr sein. Es durfte nicht.

»Na, ich komme eher heim, damit du nach dem Schock von gestern heute Nachmittag nicht so alleine hier bist.«

»Wieso sollte ich hier sein?« Stirnrunzelnd faltete ich den Schein zusammen.

Meine Mutter sah mich prüfend an. »Weil Kasimir weg ist, natürlich.«

Kein Alptraum. Realität. Meine Knie wurden weich, und ich sank auf den nächstbesten Stuhl.

Mama eilte zu mir und legte mir die Hand auf die Stirn. »Geht es dir nicht gut?«

Mit der Erinnerung kehrte die Wut zurück, wenn auch müdigkeitsgedämpft. Ich wich Mamas Hand aus.

»Wie könnte es mir gutgehen, solange ich nicht weiß, was Kasimir passiert ist? Und nebenbei, ich fahre auf jeden Fall in die Werkstatt. Wer soll sich sonst um Fridolin kümmern?«

»Ach ja, die Katze … Hierher kann sie nicht, wegen meiner Allergie. Am besten, wir finden bald ein neues Zuhause für sie.« Mama wandte sich zum Gehen.

Ich sprang vom Stuhl auf und verstellte ihr den Weg. »Klar. Heute Nachmittag bringen wir ihn ins Tierheim. Das hätten wir schon vor zwei Jahren machen sollen, als ich ihn gefunden habe.« Meine Stimme triefte vor Sarkasmus. »Hätte uns ne Menge Mühe gespart, das ganze Mit-der-Flasche-Großziehen und so. Und wenn wir grade dabei sind, sollten wir direkt das Haus verkaufen. Kasimir braucht es sicher nicht mehr, er ist schließlich weg!« Das letzte Wort schrie ich.

»Sei nicht so theatralisch. Niemand will das Haus verkaufen.«

Ich holte mir eine Tasse aus dem Schrank und knallte sie auf den Tisch. »So, wie es da aussieht, würde es eh kein Mensch kaufen! Ich bin ja anscheinend die Einzige, die sich darum kümmert!«

»Silva, du musst dich um gar nichts kümmern, du musst lediglich in die Schule.«

Bockig verschränkte ich die Arme vor der Brust und starrte Mama in die Augen. »Ich gehe nach der Schule in Kasimirs Werkstatt. Und nirgendwo anders hin!«

Sie stieß genervt die Luft aus. »Wenn du meinst …«

»Ich meine!«

»Also gut, von mir aus kannst du den Nachmittag dort verbringen. Vergiss die Hausaufgaben nicht! Und nimm dir was zu essen mit!« Weg war sie.

Na also. Fridolin retten: Check. Bestimmt vermisste er Kasimir entsetzlich. Selbst wenn er nach Katzenart meist so tat, als würde er uns Menschen nicht im Geringsten brauchen. Außerdem mussten Leo und ich unsere Spurensuche fortsetzen. Vielleicht versteckten sich ein paar Indizien in den Wohnräumen im Obergeschoss. Ich hoffte inständig darauf. Wider alle Wahrscheinlichkeit.

 

Es goss wie aus Eimern. So sehr ich mein Fahrrad liebte, bei diesem Sauwetter ließ ich es zu Hause in der Garage und nahm den Bus. Leo schloss sich mir an. Unsere Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, rannten wir von der Haltestelle bis zu Kasimirs Haus. Innerhalb weniger Sekunden drang der Regen durch unsere Kleidung.

Leo blinzelte mich an. Seine Brillengläser benötigten ganz dringend einen Scheibenwischer. Oder ein Putztuch. »Ich besorg mir erst mal trockene Klamotten. Soll ich dir welche mitbringen – und traust du dich ohne mich da rein?«

»Hallo? Seh ich aus wie՚n Angsthase?« Ich stemmte die Hände in die Seiten und versuchte, Leo möglichst überlegen in die Augen zu schauen. Was nicht allein wegen der nassen Brille schwierig war, sondern auch, weil ich ihm nur bis knapp über den Bauchnabel reichte. Na ja, vielleicht bis zum Magen. Und zu allem Übel konnte er meine Gedanken lesen.

»Die Größe stimmt.« Leo schaute sehr betont auf mich herunter.

»Hau bloß ab! Kleider hab ich genug hier.« Ich pikte ihn mit dem Finger genau in die kitzeligste Stelle seines Bauchs. Die erreichte ich nämlich hervorragend.

Leo schnaufte überrascht und fing meine Hand ein. »Okay, okay, kapiert, du brauchst keinen männlichen Beistand. Du erstichst jeden Einbrecher mit dem Fingernagel!«

»Stimmt«, sagte ich würdevoll. »Und falls das nicht genügen sollte, gibt es da drinnen ein hübsches Bohrmaschinensortiment.«

Auf dem Weg zur Werkstatttür warf ich einen Blick hinüber zum Hof. Kein Lieferwagen. Ich seufzte, durchquerte die Werkstatt und ging nach oben ins Wohnzimmer. Dort bewahrte ich ein paar Ersatzklamotten in einer Kommodenschublade auf.

Im ersten Stock sah es unverändert aus. Chaos überall. Nirgendwo ein Anzeichen dafür, dass Kasimir in der Zwischenzeit daheim gewesen wäre. Das graue Licht des Regennachmittags drang durch die kleinen Scheiben der Sprossenfenster. Gerade genug, um mich zurechtzufinden.

Während ich nach meinem kuscheligen alten Fleeceshirt kramte, traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag: Die Kommode war vollkommen unversehrt. Wie konnte der Eindringling sie bloß übersehen haben, als er den Rest des Wohnzimmers verwüstete?

Mysteriös. Ich fröstelte. Hatten Leo und ich den Entführer – falls es denn einer gewesen war – gestern durch unser Auftauchen gestört? Was, wenn er wiederkam? Mich ganz alleine hier vorfand? Der Drang, möglichst schnell abzuhauen, überkam mich.

Knarrte da nicht eine Diele im Flur? Verdammt, ich hätte das Licht einschalten sollen! Ein Kratzen. Rechts neben mir. Mein Herz blieb stehen.

Ein Schatten fiel lautlos vom Schrank. Nur Zentimeter vor meinem Gesicht sauste er vorbei, und ein kalter Luftzug streifte meine Wangen. Aus dem Stand sprang ich rückwärts, stolperte über einen Bücherberg und krachte vor dem Sofa auf den Boden. Alte Eichendielen. Hart wie Beton.

»Au!«, entfuhr es mir, dann biss ich mir auf die Lippen. Ich durfte den Eindringling nicht noch auf mich aufmerksam machen! Mit panischen Blicken suchte ich das Zimmer ab. Im Dämmerlicht schienen sich die halbleeren Regale zu bewegen. Ich kroch rückwärts zur Tür. Ganz langsam … ganz leise …

Der Schatten materialisierte sich neben mir. Er räkelte sich und – platzierte zwei weißbesockte Vorderpfoten auf meinen Bauch. »Mmmmrrrrau!«

»Fridolin! Du hast mich zu Tode erschreckt!« Ich lachte hysterisch und wollte den Kater hinter den Ohren kraulen.

Der duckte sich jedoch unter meiner Hand weg und flitzte die Treppe hinunter. »Meeeaaaooo!«, erklang es aus Richtung seines Futternapfes. Eindeutig eine Anklage.

Kichernd rappelte ich mich auf, wechselte eilig Jeans, Socken und Pullover und folgte dem hungrigen Monster. In der Werkstatt öffnete ich den Deckel eines der vier bunt gestrichenen Hocker. Aus dem großen Sack, der sich darin befand, holte ich eine Handvoll Katzenfutter.

Fridolin umkreiste laut schnurrend meine Beine.

Gefräßig wie Garfield, dieser Kater, dachte ich und schmunzelte. Doch im Gegensatz zu seinem Kollegen aus dem Comic war Fridolin langbeinig und athletisch. Außerdem nicht rot getigert, sondern schwarzweiß gescheckt: Schwarzer Rücken, weiße Beine, weißes Gesicht mit schwarzer Batman-Maske sowie schwarze Flecken rund ums Maul. Diesen Flecken verdankte er seinen Namen. Sie glichen nämlich haargenau dem Bart meines Ururgroßvaters, Fridolin Waldmeister, dessen vergilbtes Foto die Wand über dem Sofa zierte.

Mit dem zwischen meinen Füßen herumwuselnden Kater trug ich das Futter zum Napf. Fridolin schlug sich umgehend den Bauch voll. Ich setzte derweil einen Topf Wasser auf, um eine Tütensuppe zuzubereiten.

Kurz darauf erschien Leo, ebenfalls in trockenen Kleidern. Er rümpfte beim Anblick der Suppe die Nase. »Fertigfraß?«

»Was dagegen?«

»Nicht viel dafür.«

»Wenn du՚s nicht willst, frag mal Fridolin.« Ich deutete auf den Kater, der die letzten Bröckchen aus seinem Napf klaubte. »Möglicherweise gibt er dir was von seinem ab.«

»Herzlichen Dank. Ich bleibe lieber bei Menschen-Fertigfutter. Und morgen koche wieder ich. Ist das Zeug wenigstens vegetarisch?« Leo beugte sich über den Topf, rührte die Suppe um und schnupperte kritisch.

»Würde ich dir was anderes anbieten? Deck mal den Tisch, sie ist fast fertig.«

Leo holte Teller aus dem Schrank, und ich verteilte die Suppe darauf.

Sie schmeckte gar nicht so schlecht, wie Leo befürchtet hatte. Mir jedenfalls. Die Nudeln flutschten meinen Hals hinunter, ohne dass ich kauen musste, und die Brühe wärmte meinen Bauch von innen. Wunderbar.

Nach dem Essen begannen wir sofort mit der Indiziensuche. Leider lief die nicht besser als am Vortag. Nichts deutete darauf hin, dass außer meinem Onkel jemand hier gewesen war.

Während ich Socken in die eine Schrankschublade sowie eine Menge Schals, Handschuhe und Mützen in die andere sortierte, kreisten meine Gedanken um Kasimir. »Sag mal, Leo, deine Mum ist doch hier aufgewachsen. Hat sie jemals was davon mitbekommen, dass Kasimir früher öfter abgehauen ist?«

Leo wusch konzentriert einen Lappen im Putzeimer aus und streifte ihn über den Schrubber. »Sie sagte, dass sie nie viel mit ihm zu tun gehabt hat, damals. Er war ja erwachsen, als sie geboren wurde.«

Frustriert pfefferte ich ein weiteres Sockenpaar in die hinterste Ecke der Schublade. Leos Oma, die sowas bestimmt gewusst hätte, war vergangenes Jahr gestorben. Die alte Segerle von gegenüber wollte ich nicht fragen. Damit würde ich ihr nur neuen Stoff zum Tratschen liefern. Und meine Eltern … »Mein Vater ist gestern total ausgerastet, als ich ihn danach gefragt habe. Komisch, oder? Als gäbe es da etwas, das ich auf keinen Fall erfahren dürfte.«

»Ein Familiengeheimnis. Wie nett. Jetzt hast du endlich auch eins. Herzlichen Glückwunsch.« Leo hielt mir eine putzwassernasse Hand hin. Ich schnitt ihm eine Grimasse. Was Familiengeheimnisse betraf, war Leo Experte. Seine Mutter redete nie über ihre Vergangenheit, und von seinem Vater wusste er nur, dass er aus Südafrika stammte und noch vor der Geburt seines Sohnes gestorben war. Nicht mal ein Foto von ihm existierte.

»Du musst zugeben, dass Kasimir ein komischer Typ ist.« Leo zuckte mit den Schultern. »Ich meine, wie er zum Beispiel mit den Brettern spricht – ›Willst du lieber eine Schranktür werden oder ein Fensterbrett? Oder eher ein Besenstiel?‹«, imitierte Leo Kasimirs bedächtige Sprechweise.

Im Augenblick fand ich das so gar nicht lustig. Ich biss die Zähne zusammen und wandte mich wieder der Sockenschublade zu.

Leo kniete sich neben mich. »Sorry. Ich weiß, was Kasimir dir bedeutet. Wir finden ihn, versprochen.« Er legte einen Arm um mich, und ich ließ den Kopf an seine Schulter sinken.

»Wie sollen wir ihn denn finden, wenn wir nicht die geringste Spur haben? Freiwillig gegangen ist er sicher nicht, sonst hätte er wenigstens ein paar von seinen Kleidern mitgenommen. Geklaut worden ist nichts, zumindest habe ich nicht bemerkt, dass was fehlt. Außer dem Lieferwagen, und wenn ich den als gestohlen melde, zickt mein Vater rum. Überhaupt – warum sollte jemand Kasimir entführen?«

Leo faltete seine langen Beine zu einem Schneidersitz, ohne mich loszulassen. »Einen Ansatzpunkt haben wir. Kasimir wollte am Dienstag zu einem Kunden. Weißt du, zu wem?«

»Mensch, dass ich da nicht drauf gekommen bin! Leo, du bist ein Genie!« Ich entwand mich Leos Arm so schwungvoll, dass ich ihn glatt umwarf, und rannte die Treppe hinunter. In der Werkstatt suchte ich Kasimirs Auftragsbuch heraus. Mein Blick flog über die Seiten. »Ottokar. Ottokar. Verflixt, wo stehst du? Ah, hier.«

Eckschrank, 2100 x 2500 x 600 mm. Der Name »Ottokar« stand selbstverständlich nicht daneben. Den Möbeln Namen zu geben war ein reiner Insider-Gag, den Kasimir und ich mit Hingabe zelebrierten. Dafür prangte in Schönschrift der Name des Kunden auf dem Papier: Müller, Eichbaumallee 1. Daneben eine Telefonnummer.

Ich griff nach dem Telefon und wählte. Leo neigte den Kopf, um mitzuhören.

»Die gewählte Rufnummer ist ungültig.«

Verwählt. Mist.

Sorgfältig kontrollierte ich die Nummer. Sie stimmte mit der im Buch exakt überein. Ich schüttelte den Kopf und wählte von Neuem – mit identischem Ergebnis. Dritter Versuch. Selbe Ansage.

»Ist wohl eher ՚ne Sackgasse. Hat Kasimir die Nummer nicht richtig aufgeschrieben?« Leo tippte auf den Eintrag im Buch.

»Möglich. Allerdings nicht sehr wahrscheinlich. Er hakt lieber dreimal nach, ehe er eine Telefonnummer falsch notiert. Seltsam.« Ich ging den ganzen Eintrag durch. Neben der nutzlosen Telefonnummer war der Liefertermin vermerkt, der vergangene Dienstag, 11:00 Uhr.

»Schreibt er die Termine sonst nicht in den Kalender?« Leo zeigte auf den großen Wandplaner neben der Werkstatttür.

Ich scannte erneut das Auftragsbuch. »Ja. Hier drin trägt er nur das Bestelldatum ein. Wenn das Stück fertig ist, ruft er den Kunden an und macht mit ihm einen Liefertermin aus. Eine Uhrzeit habe ich hier im Buch noch nie gesehen. Komisch. Vielleicht weiß Kevin was darüber?«

Die großen, schweren Stücke konnte Kasimir nicht alleine tragen. Bei solchen Lieferungen half ihm üblicherweise Kevin, ein Student aus dem Nachbardorf. Der besaß die Statur eines menschlichen Kleiderschrankes und wuchtete die schwersten Möbel vollkommen mühelos durch die Gegend.

Ich suchte Kevins Nummer aus der Liste neben dem Telefon heraus und wählte. Während das Freizeichen ertönte, beobachtete ich Fridolin, der durch die Werkstatt schlich und ein Regal nach dem anderen beschnüffelte. Leo steuerte auf ihn zu.

Im Telefon knackte es, als jemand den Hörer abnahm. Janek war dran, Kevins Freund. »Kevin ist krank, er schläft gerade. Soll ich ihn wecken?«

»Nee, lass mal. Weißt du zufällig, ob er am Dienstag mit Kasimir einen Schrank ausgeliefert hat?«

»Er sollte. Aber als sie mit Aufladen fertig waren, ist ihm schlecht geworden. Kasimir hat ihn nach Hause gebracht, und seitdem hängt der Arme die meiste Zeit über der Kloschüssel. Magen-Darm-Grippe oder so. Hat Kasimir die Lieferung denn allein geschafft?«

Gute Frage. Ich schwieg.

»Silva? Ist alles in Ordnung?«

»Kasimir ist verschwunden«, presste ich hervor.

Janek sog so scharf die Luft ein, dass ich es durchs Telefon hörte. »Himmel. Was ist passiert?«

»Keine Ahnung. Mein Vater behauptet, Kasimir wäre schon öfter abgehauen, und will keine Polizei einschalten.«

»Kasimir und abhauen? Quatsch. Wieso sollte er?«

»Das frag ich mich auch die ganze Zeit.«

Einen Moment lang sprach keiner von uns beiden. Schließlich brach Janek das Schweigen. »Hör zu, Silva, wenn du Hilfe brauchst, egal wobei, ruf uns an. Kevin und ich tun, was wir können.«

»Danke, Janek. Lieb von euch. Gute Besserung für Kevin!«

Ich beendete das Gespräch. Mein Hals fühlte sich ganz eng an, und ich räusperte mich, um meine Stimme wiederzufinden. »Kevin liegt krank im Bett. Kasimir hat den Schrank allein ausgeliefert.«

Leo reagierte nicht. Er stand leicht gebückt vor Fridolin, die Hand ausgestreckt, als wolle er den Kater streicheln. Stattdessen lieferten sich die beiden ein Anstarrduell, wie Fridolin es regelmäßig mit seinem Lieblingsfeind, dem Nachbarskater Socke, praktizierte.

»Du musst noch dein Fell sträuben«, bemerkte ich.

»Was soll ich?« Leo richtete sich langsam auf, ohne den Blick von Fridolin abzuwenden.

»Fridolin kriegt jedes Mal einen Schwanz wie ein Eichhörnchen, wenn er Socke so anstarrt. Du solltest was Ähnliches mit deinen Haaren machen, wenn du gewinnen willst. Was habt ihr beiden denn neuerdings für ein Problem miteinander?«

Leo antwortete nicht, sondern fixierte den Kater. Komisch. Sonst lief Fridolin Leo hinterher, als wäre er ein Hund und kein Kater. Alle Tiere liebten Leo. Was auf Gegenseitigkeit beruhte. Normalerweise.

Ich beschloss, dass ich neben Kasimirs Verschwinden nicht noch mehr Gründe zum Grübeln brauchte. Nach einem letzten Blick ins Buch klebte ich ein Post-it auf die Seite mit dem Auftrag und legte das Buch in die Schublade zurück. Ganz ordentlich.

»In einer Werkstatt kannst du nur arbeiten, wenn jedes Schräubchen seinen Platz hat«, pflegte Kasimir zu sagen. Ich strich mit der Hand über das Buch und schloss die Schublade eine Spur zu heftig. »Aufwachen, Leo! Wir haben noch Arbeit.«

Leo guckte mich an wie ein Auto, doch nach einem letzten Seitenblick auf Fridolin folgte er mir wortlos.

An Leos Schweigen änderte sich nichts, während wir die übrigen Zimmer aufräumten. Zwei Stunden lang. Es störte mich nicht weiter. Mir schwirrten genügend eigene Gedanken im Kopf herum, die mich beschäftigten.

Endlich sah alles aus, als wäre nichts Ungewöhnliches vorgefallen. Wir standen unschlüssig in Kasimirs Wohnzimmer und betrachteten unser Werk.

»Eine Idee hätte ich noch«, sagte Leo.

»Ah. Schweigephase beendet«, bemerkte ich.

Leo wurde ein kleines bisschen rot. »Sorry. Mir war grad nicht so nach Reden. Dafür habe ich eine Idee. Willst du sie hören?«

»Unbedingt, wenn es schon so lange gedauert hat, bis du draufgekommen bist.«

Leo ignorierte meinen Spott. »Eichbaumallee 1.«

Die Lieferadresse. Darüber hatte ich ebenfalls bereits nachgedacht. Ich zog fragend die Augenbrauen hoch. »Hast du eine Ahnung, wo das ist?«

»Nein, absolut keine. Eigenartig, oder? Wir müssen jede Straße in der Umgebung irgendwann abgefahren sein.«

Das stimmte.

Mit den Rädern durch die Gegend zu flitzen war seit jeher eine unserer Haupttätigkeiten. In den Ferien machten wir ab und an längere Touren. An eine Eichbaumallee konnte ich mich dennoch nicht erinnern. »Kasimir hat es ganz normal im Buch eingetragen, ohne Wegbeschreibung. Er muss die Straße also kennen, sonst hätte er sich den Weg notiert. Gucken wir mal auf den Stadtplan.«

Ich holte mein Handy aus der Hosentasche und ließ mich aufs Sofa fallen, ein uraltes Stück und wie alles andere im Haus aus Holz. Erst vor ein paar Monaten hatte Kasimir die Polsterung erneuert. Sie bestand aus festem Stoff, den geschwungene Blumenranken zierten. Sofern man sie als Zierde betrachtete, was Kasimir tat. Er hatte erklärt, der Stoff wäre recht originalgetreu, exakt so hätte dieses Sofa zur Zeit seiner Herstellung vermutlich ausgesehen. Blumen hin oder her – man saß bequem.

Leo nahm neben mir Platz, und ich googelte die Eichbaumallee. Die Suchmaschine fand die Straße problemlos.

»Es gibt sie also wirklich!« Ich klickte auf die Karte. Als ich sie größer zog, wurde mir sofort klar, warum wir den Straßennamen nicht kannten. »Das ist im Industriegebiet, ganz hinten bei der Möbelfabrik.«

»Tatsächlich ist die Möbelfabrik in der Eichbaumallee«, präzisierte Leo. »Und sonst nicht viel, wie՚s aussieht. Aber die Fabrik kann Kasimir wohl kaum gemeint haben.«

»Hm.« Ich zoomte noch näher heran, sodass man den Gebäudekomplex der Möbelfabrik und dessen Umgebung besser erkennen konnte. Wir beugten uns beide über das Smartphone. Eine Strähne von Leos langen Haaren fiel nach vorn, und ich strich sie ihm hinters Ohr. Er lächelte mich kurz an und wandte den Blick erneut zum Display.

Im Wald auf der Rückseite des Fabrikgeländes stand ein weiteres Haus. Es musste sich auf dem Firmengelände befinden, denn es lag innerhalb der Umzäunung. Ein Radweg in der Nähe davon kam mir bekannt vor. »Dort hinten sind wir mal langgefahren, oder?«

»Hast recht. Da muss die Schutzhütte in der Nähe sein, wo wir damals bei diesem Gewitter drin waren.«

»Das werde ich sicher nie vergessen.« Ich kicherte bei der Erinnerung. Das Lachen verging mir, als ich aus dem Fenster schaute. Es schüttete ganz ähnlich wie an jenem denkwürdigen Sommertag.

»Heute können wir nicht mehr dorthin«, stellte Leo fest.

Missmutig nickte ich. »Morgen?«

»Muss ich nachmittags in der Tierklinik aushelfen. Und hast du nicht Orchesterprobe?«

»Pfeif ich drauf! Von mir aus auf die ganze Schule! Ich muss Kasimir finden, bevor ihm jemand etwas antut.«

»Wenn ihm jemand etwas antun wollte, hätte er dafür schon genug Zeit gehabt.« Leo setzte diesen Blick auf, den er immer bekam, wenn er fand, dass ich die Dinge überstürzte. Als wäre er viel älter und vernünftiger als ich.

Dabei war ich älter als er. Wenn auch nur dreieinhalb Stunden. Das mit dem vernünftiger … na gut. Da musste ich ihm zähneknirschend Recht geben. »Samstag?«

»Samstag. Da soll das Wetter besser werden, und wir können die Räder nehmen. Bis dahin kannst du nochmal probieren, dort anzurufen. Vielleicht war՚s nur eine Störung oder so.«

Die Wanduhr schlug, und ich schaute auf. »Shit! Mein Bus fährt in fünf Minuten! Kannst du Fridolin sein Abendessen geben und hier abschließen?«

»Natürlich. Lauf zu!« Leo schob mich zur Wohnzimmertür. Hintereinander rannten wir die Treppe herunter. Hastig kramte ich den Schlüssel aus meinem Rucksack, drückte ihn Leo in die Hand, warf die Jacke über und riss die Haustür auf. Fast stolperte ich über Fridolin, der auf der Fußmatte schlief.

Der Kater erhob sich majestätisch und räkelte sich mit halb geschlossenen Augen. »Mrrrp.«

Leo fuhr zusammen. »Was –?«

Unten an der Straße kündigte ein Brummen den Bus an. Mist! »Bis morgen!«

Im letzten Augenblick erreichte ich den Bus. Keuchend warf ich mich auf einen Fensterplatz und legte die Stirn an die kühle Scheibe.

Oben am Hang stand Kasimirs Haus, das letzte in der Straße. Die Tür war geschlossen. Aus dem Fenster fiel gelber Lichtschein in den trüben Abend hinaus. Beinahe, als wäre Kasimir zu Hause.

3.

 

Der Anrufbeantworter in der Werkstatt empfing mich am nächsten Nachmittag mit rot blinkendem Licht. Zwei neue Nachrichten, verkündete das Display. Ich stürzte quer durch die Werkstatt zum Telefon, ohne darauf zu achten, dass ich einen der Hocker umstieß. Mein Herz pochte wie wild. Kasimir! Ich hatte doch gewusst, dass er nicht einfach so verschwinden würde! Mit zitternden Fingern drückte ich auf den Knopf.

»Hallo, hier ist Hofmann. Ich wollte nachfragen, ob es dabei bleibt, dass ich meine Schublade, die ich Ihnen zum Reparieren gebracht habe, nächste Woche abholen kann. Bitte geben Sie mir kurz Bescheid.«

– PIEP –

»Hofmann hier. Bitte rufen Sie mich zurück, ich bin nämlich ab Mitte nächster Woche im Urlaub und möchte die Schublade gerne vorher holen.«

– PIEP –

»Es liegen keine weiteren Nachrichten vor.«

– PIEP PIEP PIEP.

Mechanisch richtete ich den umgekippten Hocker auf und sank darauf nieder. Keine Nachricht von Kasimir. Ich hatte so darauf gehofft, von ihm zu hören, und dann war es bloß eine nervige Kundin. Eine Kundin. Oh verdammt! Neben Ottokar, dem Eckschrank, gab es ja noch andere Aufträge!

Wenn Kasimir tatsächlich längere Zeit verschwunden blieb, bekamen seine Kunden die bestellten Stücke nicht. Und bei Kasimirs Marketingstrategie – niemals Anzeigen schalten, sich voll und ganz auf Stammkunden und deren Mundpropaganda verlassen – bedeutete das, er würde bei seiner Rückkehr ohne Arbeit und Geld dastehen. Dagegen musste ich dringend etwas unternehmen.

Als Leo eine Stunde später klingelte, öffnete ich ihm in meiner dunkelgrauen Latzhose mit den vielen Taschen und dem schwarzen Kniebesatz die Tür.

Leo beäugte meine Arbeitskleidung kritisch. Ebenso die halbfertige Schubladenrückseite auf der Werkbank. »Was hast du denn damit vor?«

»Kasimirs Lebensunterhalt sichern.« Ich setzte meine Japansäge, Kasimirs Geschenk zu meinem fünfzehnten Geburtstag vor ein paar Wochen, präzise auf die vorgezeichnete Linie.

»Ist das dein Ernst? Du kannst nicht eben mal nebenher eine komplette Schreinerei übernehmen!«

»Muss ich gar nicht. Ich hab im Buch nachgeschaut. Außer dem Schrank stehen im Moment zum Glück nur ein paar Reparaturen auf der Liste. Kleinkram. Das krieg ich alleine hin, und Kevin kann die Sachen ausliefern, sobald sie fertig sind.«

Mühelos glitt das Sägeblatt in das Holz. Der erste Zinken nahm Gestalt an.

»Du spinnst«, sagte Leo. Ich streckte ihm die Zunge raus.

Er grinste, zog sich einen der Hocker heran und setzte sich neben die Werkbank. »Wie war die Lateinarbeit bei dir?«

Ich schoss ihm einen bösen Blick zu.

»Ist gut, ich frag lieber nicht. Keks?« Er zauberte eine Dose Schokocookies hervor. »Hat meine Mum gestern Abend gebacken. Zum Stressabbau, sagte sie.«

Ohne meine Sägearbeit zu unterbrechen sperrte ich den Mund auf wie ein Schwalbenjunges den Schnabel. Leo stopfte einen Keks hinein. Knusprige Krümel und schmelzende Schokolade füllten meine Backen.

»Deine Mum hätte Bäckerin werden sollen«, mümmelte ich.

Leo gluckste. »Vielleicht solltest du Bäckerin werden. Dafür braucht man kein Latein. Obwohl, wenn ich an deine Kochkünste denke …«

Ich pfefferte ihm ein ausgesägtes Holzstückchen an die Nase. »Blödes Latein. Von dem ganzen Mist brauch ich nur Quercus – die Eiche, Fagus – die Buche und Pinus – die Kiefer. Eventuell noch Acer, Picea und Betula.«

»Und Silva. Der Wald.« Leo schmiss das Holzstückchen in meine Richtung und verfehlte mich um mindestens einen Meter. Ich machte mir nicht mal die Mühe auszuweichen. Leo traf nie.