Die Autorin

Birgit Schlieper – Foto © privat

BIRGIT SCHLIEPER lebt seit zehn Jahren mit Mann, Sohn und Tochter in einem Dorf in der Nähe von Zürich. Mittlerweile erschrickt sie auch nicht mehr, wenn plötzlich eine Kuh im Garten steht. Ihre Lust am Schreiben begann mit Gedichten, zog sich über den Journalismus bis zu Romanen – am liebsten mit Happy-End. Wenn sie schreibt, kann sie nicht stricken – was die Kinder extrem freut. Die Autorin schätzt an der Schweiz besonders, dass bei Elternabenden Wein gereicht wird. Und auch deswegen will sie dort erstmal für immer bleiben.

Das Buch

Als Mareike ihren Freund mit einer anderen Frau erwischt, ist ihr klar, so geht es nicht weiter. Mit Patrick ist ein für alle Mal Schluss und mit ihrem ungeliebten Job auch! Mareike bewirbt sich für einen Job an der Nordseeküste. Sie will da arbeiten, wo andere Urlaub machen. Einmal am Meer angekommen, stellt sie jedoch fest, die Aufgabe ist schwerer als gedacht. Das Geld ist knapp, ihre Wohnung entpuppt sich als Ladenlokal und ihre Mutter geizt nicht mit Kritik an ihren Entscheidungen. Mareike, die bisher immer nur das getan hat, was alle von ihr erwartet haben, will endlich ihr Leben selbst bestimmen. Unterstützt wird sie dabei von Olli. Der hält sie zwar erst für seine verschollene Ex-Freundin, stellt aber schnell fest, dass Mareike dieser nur äußerlich gleicht.

Es wird Zeit für einen Neuanfang in der Liebe und ihrem Leben!

Birgit Schlieper

Neuanfang mit Meerblick

Ein Nordsee-Roman

Liebesroman

Forever by Ullstein
forever.ullstein.de

Originalausgabe bei Forever
Forever ist ein Verlag
der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin
Juni 2020 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2020
Umschlaggestaltung:
zero-media.net, München
Titelabbildung: © FinePic®
Autorenfoto: © privat
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ISBN 978-3-95818-586-9

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1. Kapitel


»Weißt du eigentlich, warum ich hier sitze und nach Norden fahre?«

Ich lasse keine Zeit für eine Antwort. Woher soll der Typ neben mir das auch wissen? Was soll er darauf antworten?

»Weil ich meinen Freund erwischt habe. Mit einer großbusigen Frau bei einem Nobel-Italiener direkt bei uns um die Ecke. Mit mir war er da nie. War ihm zu teuer. Wenn wir mit Freunden Sushi essen waren, hat er vorher einen großen Topf Spaghetti gekocht, damit wir nicht so hungrig waren.«

Warum erzähle ich das diesem Typen neben mir im Auto überhaupt? Wahrscheinlich weil ich die letzten zwei Wochen bei meinen Eltern quasi in Isolationshaft war und sich in mir Unmengen an Wörtern aufgestaut haben. Die wollen alle raus. Am liebsten auf einmal.

»Für Rache-Sex komme ich nicht infrage«, ertönt es neben mir. »Ich stehe nicht auf Frauen«, ergänzt er nach einer kleinen Pause.

»Auf Männer?«, frage ich blöd.

»Wären dir Eisbären lieber?«

»Danke für das Kopfkino.« Als Übersprunghandlung mache ich das Radio an.

»Du bist also quasi auf der Flucht?«, fragt er zwei Lieder später.

»Das ist keine Flucht. Das ist ein Neuanfang«, stelle ich fest. »Ich beginne als Pharmareferentin in Ostfriesland.«

Ich räuspere mich kurz. Die ganze Zeit schon habe ich diese Frage im Kopf.

»Heißt du eigentlich Till Mann oder Tillmann?«

»Hä?«

»Ist Mann der Nachname oder gehört das zum Vornamen?«

Er lacht trocken. »Das ist alles Vorname. Mit Nachnamen heiße ich Tal.«

Ich versuche nicht zu lachen. Es gelingt nicht wirklich.

Ich habe Tillmann über die Mitfahrerzentrale kennengelernt. Das ist das Gute an meinem neuen Job: Ich habe einen Dienstwagen. Wenn man sich auf dem platten Land mit dem Bus fortbewegen will, sollte man viel Geduld haben. Habe ich nicht. Außerdem hasse ich den ÖV. Stimmt natürlich, es ist viel ökologischer, wirtschaftlicher und all das. Aber ich bin nicht gerne mit fremden Menschen auf engem Raum. Menschen, die so tun, als würden sie sich in der Nase kratzen, und eigentlich popeln. Menschen, die im Bus ihr Leberwurstbrot rausholen und essen. Menschen, die zu laut über zu Intimes telefonieren. Menschen, die vom Sport kommen. Ich kann nie schnell genug wegsehen, weghören, wegriechen. Weg sein. Um mein Umweltbewusstseins-Gen zu beruhigen, habe ich mich bei der Mitfahrerzentrale angemeldet und freie Plätze für meine Reise von Köln nach Ostfriesland angegeben. Geantwortet hat Tillmann. Der jetzt gerade in seinem Rucksack wühlt und eine Flasche Buttermilch hervorholt.


Ich muss sofort an den Abend denken, als das Ende begann.

Angefangen hat mein persönliches Desaster mit einer kaputten Milchtüte. Ich habe sie in den Kühlschrank stellen wollen, weil Patrick DAS MAL WIEDER VERGESSEN HAT. Und dann ist sie mir aus der Hand gerutscht, auf die Fliesen geknallt und direkt vor meinen Füßen aufgeplatzt.

Es war die letzte Milchtüte in unserem Kühlschrank und Freitagabend. Weil ich es liebe, den Samstagmorgen mit viel Milchkaffee zu beginnen, zog ich noch mal die Schuhe an, die Jacke über und ging Richtung Supermarkt. Zu der Milchtüte gesellten sich noch eine Tüte Chips und eine Tüte Haribo. Ich bin mit meinen Errungenschaften schon fast an dem Restaurant vorbei, als ich ihn sehe. Angewurzelt bleibe ich stehen. Hinter der Glasscheibe sitzt Patrick. Mein Patrick. Der gerade beim Basketball ist. Also Patrick, der behauptet, am Freitagabend Basketball zu spielen. Ihm gegenüber sitzt ein weibliches Wesen, von dem ich viel freien Rücken, einen D-Busen im Profil und wallende Haare sehe. Ich gehe einen Schritt nach vorne und stehe schon im Blumenbeet vor der großen Fensterfront.

Ich weiß gar nicht, über was ich mich mehr wundern soll: Dass Patrick so doof ist, sein Date direkt vor unserer Haustür abzuziehen? Dass man einen D-Busen ohne BH tragen kann? Dass der geizige Patrick, der mich höchstens mal auf einen Döner einlädt und ansonsten findet, dass es doch zu Hause am besten schmeckt, zu diesem Edelitaliener geht?

Der nackte Rücken sieht nicht so emanzipiert aus, als dass er die Hälfte der Rechnung übernehmen würde. Ich gehe noch einen Schritt nach vorne, irgendwelche Dornen kratzen an meinen Knöcheln. Die Wallemähne dreht sich ein bisschen. Wenn das mal kein Doppel-D ist. Und plötzlich sieht er mich. Patrick schaut direkt in mein Gesicht. Und dadurch hindurch. Er tut wirklich so, als gäbe es mich nicht. Ganz entspannt wandert sein Blick weiter, zurück zu seinem Gegenüber.

Ich fasse es nicht und klopfe erbost an die Scheibe.

Ein paar andere Gäste direkt vor mir erschrecken sich offensichtlich und starren mich an. Patrick stellt auf taub und blind.

Ich fange an zu winken.

Patrick winkt auch, und zwar einem Kellner.

Kurze Zeit später kommt tatsächlich so ein Pinguin raus, um mir zu sagen, dass ich die Gäste nicht weiter belästigen soll. Er hält mir eine Tüte hin. »Nehmen Sie und gehen Sie.«

Verdattert trete ich zwei Schritte zurück und starre in die Papiertüte. Darin sind knochenharte Pizzabrötchen. Dachten die, ich wollte betteln?

Wütend drehe ich mich um und stampfe wieder Richtung Supermarkt.


Anderthalb Flaschen Rotwein später ist es vollbracht.

Ich habe einen kurzen Brief an Patrick geschrieben und ihm mitgeteilt, dass ich mich von ihm trenne. Und ich habe meine Onlinebewerbung als Pharmareferentin für die »spannende Region Norddeutschland« abgeschickt, um »da zu arbeiten, wo andere Urlaub machen«. Ich hatte in letzter Zeit immer mal wieder überlegt, mir einen neuen Job zu suchen. Das war doch jetzt die perfekte Gelegenheit, etwas Neues anzufangen.


Wieso war Sienna auch ausgerechnet an dem Abend nicht zu Hause? Warum war sie das ganze Wochenende über auf irgendeinem Wellness-Trip? Wer weiß, wo ich dann jetzt wäre.

Ursprünglich ist Sienna nur Patricks und meine Nachbarin gewesen. Mittlerweile ist sie meine beste Freundin. Angefangen hat es damit, dass wir beide gerne abends mit einem Glas Wein auf dem Balkon saßen und lasen. Jede auf ihrem Balkon, ungefähr anderthalb Meter voneinander entfernt. Irgendwann kamen wir zwangsläufig ins Gespräch. Und hörten damit nicht mehr auf. Wir saßen stundenlang draußen, im Winter sogar mit Daunenjacke und Mütze. Dann gab es Glühwein. Natürlich hätten wir auch einfach in unser oder ihr Wohnzimmer gehen können. Aber so war es lustiger. Spezieller.

Irgendwann habe ich sie nach ihrem außergewöhnlichen Vornamen gefragt. Sie hat allen Ernstes behauptet, dass ihre Eltern sie während eines Urlaubs in der Toskana in Sienna gezeugt hätten und sie deswegen so italienisch sei. Nur deswegen liebe sie Wein, einen Espresso Doppio, Pizza und sentimentale Musik. Ich habe mich fast verschluckt vor Lachen. »Du willst damit nur entschuldigen, dass du immer zu spät kommst«, habe ich gelacht.


Tillmann zeigt nach hinten auf die Rückbank, wo eine Tiefkühlbox in verblichenem Orange steht. »Sind da Blutkonserven drin?«

»Glaubst du, ich bin nebenbei auch ein Vampir und das ist mein Proviant? Zu viel Twilight geguckt?«

»Sind das Spenderorgane?«, fragt Tillmann noch skeptischer nach.

Ich muss laut lachen und komme dabei kurz auf den Seitenstreifen der Autobahn. »Wenn du irgendjemanden kennst, der sich gerne eine Frikadelle einpflanzen lassen möchte, kannst du es mir sagen. Dann hat der nämlich Glück.«

»Da sind Frikadellen drin?«

»Ja. Und natürlich Kartoffelsalat mit Mayonnaise. Und Butterbrote. Und O-Saft. Und Joghurts. Und frag mich jetzt bitte nicht, ob ich nebenbei auch noch ein Partyservice bin. Bin ich nämlich nicht. Nur das Opfer einer latent hysterischen Mutter, die mich alleine für nicht überlebenstauglich hält.«

»Darf ich eine?«

»Eine was?«

»Frikadelle.«

»Klar. Und wenn du noch Obst willst oder Vollkornbrot oder Müsliriegel, bedien dich. Das ist alles im Korb auf der Rückbank.«

»Ist das alles Verpflegung für unterwegs? Dann solltest du etwas langsamer fahren. Das schaffen wir sonst nie«, sagt Tillmann mit vollem Mund.

Ich muss grinsen, als ich an den Abschied von meinen Eltern denke. Mein Vater hat mir stoffelig über den Oberarm gestreichelt und gemurmelt: »Das wird alles schon wieder.« Meine Mutter hat mich fest gedrückt und gemeint: »Vergiss Patrick. Der Richtige wird schon kommen, du musst jetzt nicht in Torschusspanik verfallen.«

Torschusspanik.

Klar. Ich sah mich vor meinem inneren Auge. Der Fußballer beim Elfmeter. Er bekommt Panik. In welche Ecke soll er schießen? Oben oder unten? Dann ich auf dem Fußballplatz: Um mich herum nur attraktive Männer. Doch dann diese Panik. Welchen von denen soll ich abschießen und mit nach Hause nehmen?

Hätte ich meiner Mutter erklären sollen, dass es Torschlusspanik heißt?

Sie hätte es wahrscheinlich nicht verstanden, wäre nur wieder beleidigt gewesen, weil ich an ihr rummeckere. Ich versprach ihr also: »Mama, keine Sorge. Ich bekomme keine Torschusspanik.«


Kurz hinter Vechta machen wir eine Tank- und Streckpause. Außerdem ziehe ich uns zwei Kaffee.

»Und was willst du in Ostfriesland?«, will ich von Till wissen. Er hat mir mittlerweile verraten, dass ihn kein Mensch Tillmann nennt. Alle würden Till sagen.

»Ich ziehe zu meinem Freund. Wir haben jetzt fast zwei Jahre Fernbeziehung hinter uns. Ich habe einen dicken Daumen vom WhatsAppen und eine Telefonrechnung, die es mir kaum noch ermöglicht, mich vernünftig zu ernähren. Das hat mir gereicht.«

»Wo habt ihr euch kennengelernt?«

»Auf einer Kreuzfahrt. Vor zwei Jahren. Horst hat da mit seiner Band gespielt.«

»Dein Lover heißt Horst?«

Till guckt mir ganz fest in die Augen und nickt leicht. Ich presse die Lippen aufeinander, gucke fest zurück und schaffe es, den Witz mit dem schwulen Adler nicht zu machen.

Leicht ist das nicht.

»Horst ist also Musiker«, schlussfolgere ich endlich.

»Genau. Und ich bin schon megagespannt auf seinen Gesichtsausdruck, wenn ich nachher vor ihm stehe.«

»Er weiß gar nicht, dass du zu ihm ziehst?«

»Noch nicht. Wird eine Überraschung.« Till grinst breit. Offenbar freut er sich wirklich sehr.

Ich stehe ja nicht so auf Überraschungen.

Im Studentenwohnheim haben ein paar Freundinnen mal heimlich eine Geburtstagsparty für mich organisiert. Eine Mitstudentin hat mich unter dem Vorwand, ich solle Wasser holen, in den Keller geschickt. Als ich die Treppe runterstieg, habe ich wohl etwas wie »Warum geht die eigentlich nicht selber? Täte ihr ganz gut« gemurmelt.

Alle anderen standen unten.

Es wurde nicht so eine rauschende Party.

Und das ist nur ein Beispiel von unglücklichen Überraschungen.

»Dann fahren wir wohl mal weiter, damit du zu deinem Horst kommst.«


Eine gute Stunde später sind wir in Wittmund. Ich halte vorm Bahnhof. Till holt seine Tasche aus dem Kofferraum. Ich steige aus und bin fast ein bisschen traurig.

»Ich kann dich wirklich bis vor die Tür fahren«, wiederhole ich nochmals.

»Nein, nein. Ist gut. Das ist nicht weit. Und die letzten Meter will ich echt gerne alleine sein«, beteuert Till. Er hat es sichtlich eilig.

Ich hätte es auch gerne eilig. Habe ich aber nicht.

»Wir können ja mal telefonieren«, verabreden wir und dann muss ich mich wieder hinter das Steuer setzen und mich Richtung Halbemond aufmachen.


Der Personalleiter von Pharma-Fit hat mir geraten, mir dort ein Hotelzimmer zu nehmen. Das sei zentral in meinem Verbreitungsgebiet gelegen. Ich könne mir ja dann in aller Ruhe vor Ort ein möbliertes Zimmer nehmen. Den Begriff »möbliertes Zimmer« kenne ich eigentlich nur aus Filmen, die vor den 90ern gedreht wurden. Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich aktuell in einer möblierten Gartenlaube hause und somit sehr genügsam sei.

2. Kapitel


Ich habe Halbemond natürlich sofort auf Google Maps gesucht und festgestellt, dass es ziemlich zentral mitten im Nichts liegt. Egal. Ich werde an die See fahren und Selfies machen. Alle sollen sehen, wie gut es mir geht. Ich werde mir mit einer Hand mein langes, vom Wind zerwühltes Haar aus dem Gesicht streichen. Im Hintergrund das Meer. Dazu werde ich ein Glas Prosecco schlürfen. Ich frage mich gerade, mit welcher Hand ich dann das Selfie knipsen will, als das Navi mir mitteilt, dass ich das Ziel erreicht hätte.

Das Hotel heißt Zur Post und hat die einladende Ausstrahlung einer Sterbegeldversicherungsfiliale hinterm Bahnhof. Mir wird klar, warum dieses Haus keine Homepage hat. Vor der Tür hängen zwei Laternen mit gelbem Glas. Auf einer Tafel wird »gutbürgerlicher Mittagstisch« angepriesen.

Ich hole tief Luft, öffne die schwere Tür und stehe in einem trüben Flur. Vor mir ein Schirmständer, der als Mülleimer missbraucht wurde. Dahinter führt eine Treppe nach oben, rechts geht es in die »Stube«. Darin finde ich drei schweigende Männer am Tresen und eine spülende Frau. Die schaut nicht mal auf, sondern sagt nur: »Sie sind wohl die Neue von dem Pharmadings. Moin.« Sie greift hinter sich. »Zimmer 4. Treppe hoch und links.«

Ich habe die Tür zum Treppenhaus schon auf, da sagt sie noch: »Ihr Vorgänger, der Karl, der hatte immer so ein Öl gegen meine schweren Beine.«

Mehr kommt nicht.

Das ist alles an Informationen. Aber ich glaube, ich weiß, was von mir erwartet wird.

Mit dem Schlüssel, der an einem Holzklotz hängt, der in Polizeiberichten durchaus als »stumpfer Gegenstand« bezeichnet werden könnte, öffne ich die Tür mit der goldenen 4. Dahinter: Bett, Schrank, Schreibtisch, Fernseher und Teppichboden. Veloursteppichboden. In Braun und langhaarig. Ganz vorsichtig setze ich einen Schritt ins Zimmer. Ich habe wirklich das Gefühl, kurz einzusinken.

Ich gehe schnell weiter und reiße das Fenster auf. Viel Nichts in blassen Farben. Ich schließe die Augen.

Es ist so übel, dass ich mich fast zu Patrick zurückwünsche. Fast.

Es hat ja eigentlich auch gut angefangen mit uns.


Eigentlich hat es seinerzeit sogar ganz vielversprechend angefangen. Die ersten Wochen waren eine Achterbahnfahrt – mit Kribbeln, nicht mit Übelkeit. Ich habe als Apothekerin in einer Filiale in der Nähe seiner Wohnung ausgeholfen, als er mit roter Nase und glänzenden Augen vor mir stand. Ein Männerschnupfen. Auch das noch. Doch nach dem Schnupfen, den er dank mir so gerade eben knapp überlebte, kam er immer wieder. Er kaufte die abstrusesten Sachen. Hühneraugenpflaster, eine Wärmflasche in Einhornform, Vitamin-D-Tropfen, eine Zungenbürste, eine Schlafmaske und Badesalz für die reife Haut. Spätestens da musste ich total lachen und er lud mich auf eine Tasse Hustentee ein.

Es ging rasend schnell und schwupps war ich bei ihm eingezogen. An meinem Appartement habe ich nie gehangen. Am Anfang fand ich es noch ganz kuschelig, das war im Winter. Im Frühling wurde mir klar, dass es in einem Souterrain-Appartement nie wirklich hell wird. Ich fühlte mich wie in einem Fuchsbau.

Bei Patrick war es so hell. So freundlich.

Meine Möbel habe ich an meine Nachmieterin verkauft. Eine 20-jährige Studentin, die sofort fand: »Das ist ja super gemütlich hier.«

Ich habe nichts dazu gesagt.

Die Achterbahnfahrt war nach ein paar Monaten vorbei. Nun war es eher so, dass wir im Schrittverkehr in einem Kreisverkehr unterwegs waren und uns einfach nicht für eine Ausfahrt entscheiden konnten. Es hätte Möglichkeiten gegeben: Kinder, Hochzeit, ein halbes Jahr Weltreise, Trennung. Aber da wir uns für nichts entschieden, sind wir einfach weiter im Kreis gefahren.

Also, offenbar bin ich alleine weiter im Kreis gefahren.


Nebenan rumpelt es. Ich hätte gar nicht gedacht, dass es in dieser Absteige weitere Hotelgäste gibt. Offenbar sind meine Nachbarn nicht mit dem Arrangement der Möbel einverstanden. Es hört sich an, als würden Betten und Nachttische verschoben.

Ich werde einen Teufel tun und hier irgendwas verschieben. Ich will definitiv nicht wissen, was unter meinem Bett oder hinter der Kommode ist. Ich hole meinen Koffer und den Produktkoffer aus dem Auto und lege eine Spur aus Handtüchern vom Bad zum Bett.

Ich werde nicht barfuß über diesen Teppichboden schreiten. Ich mache ein Foto und schicke es Sienna mit den Worten »Eine Frau geht ihren Weg :)«.

Dann höre ich eine tiefe männliche Stimme, die verkündet: »Mensch, Monika, hast du auch so Blähungen?«

Alles in mir zieht sich zusammen. Spontan höre ich auf zu atmen.

In meinem Pharmakoffer habe ich bestimmt was gegen Blähungen. Ob ich das mal kurz nach nebenan bringen soll? Besser nicht. Vielleicht hat Monika ja auch schon mit ihren Flatulenzen begonnen und ich werde ohnmächtig von dem Gestank, der mir durch die Türöffnung entgegenwabert.

Genau in diesem Moment klingelt mein Handy. Egal, wer es ist, willkommener könnte dieser Jemand nicht sein. Wahrscheinlich würde ich mich sogar über die Stimme meiner Mutter freuen.

Es ist besser. Es ist viel besser. Es ist Till.

»Ich wollte nur mal kurz hören, ob du gut im Hotel angekommen bist.«

»Sagen wir mal so: Ich bin angekommen. Und? Was hat Horst gesagt?«, will ich natürlich wissen.

»Nichts. Er ist nicht da.«

»Und jetzt stehst du da vor verschlossener Tür? Komm zu mir ins Hotel. Hier kann man super schweigend am Tresen sitzen.«

»Nein. Schon gut. Er hat mir gesimst, wo der Schlüssel liegt.«

»Und wann kommt er zurück?«

»Morgen. Er ist auf den Inseln. Da lohnt es nicht, zwischendurch nach Hause zu kommen.«

»Hast du ihm gesagt, dass du bleibst?«

»Er hat sich so komisch darüber gewundert, dass ich mitten im Schuljahr hier auftauche, da habe ich vergessen es zu erzählen.«

»Du gehst noch zur Schule?«

»Ja. Allerdings als Lehrer. Hast du deine Koffer schon ausgepackt?«

»Ja. Ich habe mir sogar schon eine Schneise gebaut.«

»Eine Schneise?«

»Einen sicheren und halbwegs sterilen Pfad zwischen Bett und Dusche.«

»Dann hast du vielleicht Lust, am Strand noch was zu trinken?«

»Super Idee. Ich bin in einer halben Stunde am Bahnhof.«


Nachdem ich ihn aufgegabelt habe, geht es direkt Richtung Meer. Bei Neuharlingersiel finden wir einen Pavillon namens Welle. Das wird unser Lieblingsort werden. Eine Mischung aus Eisdiele, Cocktailbar und Fischbude am Strand.

Till holt uns zwei Flaschen Bier und wir lassen uns in einen Strandkorb sinken. Leider vergesse ich mein Selfie zu machen. Über uns kreisen ziemlich lautstark Möwen und nerven mich überhaupt nicht.

»Du bist also Lehrer und schwänzt jetzt?«

»Nein. Ich bin Lehrer und habe schon vor längerer Zeit gekündigt, um eine Ausbildung zum Waldorflehrer zu machen, weil ich nach den Sommerferien hier an der Waldorfschule anfange.«

»Und das weiß Horst auch noch nicht.«

»Natürlich nicht.« Er lässt den Blick schweifen. Vor ein paar Stunden noch sah er glücklicher aus.

Ich fühle mich in diesem Moment einfach nur frei. Auch wenn der Himmel steinmausgrau ist. Das liegt vermutlich daran, dass ich die letzten zwei Wochen bei meinen Eltern verbringen musste. Im Gartenhaus meiner Eltern, um genau zu sein.

Wann man wo mit wem glücklich ist, hängt eben ganz davon ab, wo man mit wem vorher war. Alles eine Frage der Relation.

Am Morgen nach dem Intermezzo beim Italiener habe ich mit meinem Koffer in der Hand bei meinen Eltern geklingelt.

»Mareike, Schatz, schön dich zu sehen. Das ist ja eine Überraschung«, haben sich beide erst gefreut.

Als ich den wahren Grund meines Kommens erklärte, hieß es nur: »Das ist ja jetzt doof.«

Wow. Das nenne ich Elternliebe.

Sie erklärten mir, dass sie mein altes Zimmer mittlerweile zu einem Fitness- und Bügelraum umgebaut hätten.

»Dann kann ich doch vielleicht auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafen?«

»Nee, dann liegst du da morgens noch rum, wenn wir frühstücken. Das sieht doch nicht schön aus«, hat meine Mutter allen Ernstes gesagt.

Für wen bitte soll das nicht schön aussehen? Sie? Mich? Ich war kurz davor, die Augen zu verdrehen, was eigentlich ihr Markenzeichen ist.

»Vielleicht kann sie ja im Gartenhaus schlafen?«, hat mein Vater dann vorgeschlagen. »Nachts ist es ja noch nicht so kalt. Mit zwei warmen Decken müsste das doch gehen.«

Ähnlich müssen sich Josef und Maria gefühlt haben.

Immerhin war ich nicht schwanger. »Und wenn ich nachts aufs Klo muss?«

»Wieso musst du nachts aufs Klo? Das kommt doch erst im Alter«, widersprach meine Mutter.

»Kann doch mal sein. Wie komme ich dann rein?«

»Wir lassen auf gar keinen Fall die Terrassentür offen. Das ist viel zu gefährlich. Dann musst du eben einen Hausschlüssel nehmen. Aber sei bitte leise. Ich habe einen sehr leichten Schlaf.«

Natürlich wäre ich viel lieber zu einer Freundin gefahren, um mich bei ihr einzuquartieren und in stundenlangen Diskussionen zu klären, dass ich eh viel zu gut und intelligent und hübsch für Patrick bin. Wir hätten auf meine neue Freiheit angestoßen, und außerdem hätte mir meine Freundin andauernd Hühnersuppe gebracht, weil ich nach der Trennung nichts mehr essen wollte und schon vier Kilo abgenommen hätte.

Leider gibt es diese beste Freundin neben Sienna nicht. Es hat sich nirgends ergeben. Ich war Apothekerin und beim Pharma-Verband als Springerin angestellt. Das hieß: Fehlte irgendwo im Großraum Köln eine Apothekerin, weil sie krank war oder Urlaub hat, kam ich. Das hieß auch: Ich gehörte nirgends so richtig dazu.

Ich konnte nicht mitlästern. Ich verstand die Insiderwitze nicht. Ich war nicht bei Betriebsausflügen oder Weihnachtsfeiern dabei. Ich war nie lange genug in einer Filiale, um Kontakte zu knüpfen, die über einen gemeinsam Kaffee im Hinterzimmer hinausgingen, fand das aber gar nicht so schlimm.

Erstens lernte man immer wieder interessante Kollegen kennen. Und zweitens hatte ich einen Horror vor der Vorstellung, die nächsten 30 Jahre mit denselben Kollegen zu verbringen. Und wahrscheinlich denselben Kunden. Immer wieder die gleichen Gesichter und Geschichten. Diese Vision fand ich irgendwie abstoßend.

Also habe ich mich mit den Freundinnen von Patricks Freunden arrangiert. Darunter waren nette Frauen. Witzige. Aber auf die konnte ich nach der Trennung natürlich nicht zurückgreifen. Ich hätte viel zu viel Schiss gehabt, dass jeder Heulkrampf bei Patrick vermeldet wird. Und zu Sienna konnte ich ja allein wegen der räumlichen Nähe nicht.

Till kommt mit der zweiten Flasche Bier und einer Wolldecke.

»Dann bist du jetzt das ganze Wochenende alleine?«, hake ich nach.

»Sieht so aus.«

»Und Horst denkt, du fährst am Sonntagabend wieder?«

»Ich habe ihm vorhin geschrieben, dass er sich keine Sorgen machen soll, dass wir uns auf jeden Fall noch sehen, weil ich eine kleine Auszeit genommen hätte.«

»Und was machst du dann jetzt die zwei Tage?«

»Ich könnte dir helfen, deine Kühlbox leer zu futtern.«

»Du könntest mir auch helfen und mich mal unseren Produktkatalog abfragen. Am Montag habe ich meinen ersten Termin bei einem heimischen Arzt. Da muss ich wissen, was ich im Angebot habe.«

»Können wir Futtern und Fragen verbinden?«

»Klar.«