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Zum Autor

Michael Bordt SJ studierte Theologie und Philosophie und trat mit 28 in den Jesuitenorden ein. Nach seiner Promotion an der Universität Oxford über Freundschaft, Liebe und Sexualität bei Platon und einem Forschungsaufenthalt in Princeton habilitierte er sich an der Universität Fribourg über Platons Theologie. Seit 1996 arbeitet er an der Hochschule für Philosophie in München als Professor für philosophische Anthropologie, Ästhetik und Antike Philosophie. Von 2005 bis 2011 war er Rektor der Hochschule. 2011 gründete er dort das Institut für Philosophie und Leadership. Neben der Forschung und Lehre gibt er Workshops für Führungskräfte, die um Fragen zu Werten, Spiritualität und dem geglückten Leben kreisen, und in der Tradition des Jesuitenordens Meditationskurse, die eine kontemplative und spirituelle Lebenshaltung einüben wollen.


»Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein.«


John Stuart Mill

Inhalt


Vorwort

Krisen und Neuanfang

Die philosophische Perspektive

Zurück zu Werten?

Richtige Werte

Was alles nicht zählt

Hauptsache Gesundheit?

Hauptsache Geld?

Hauptsache Statussymbole?

Hauptsache Erfolg?

Ist Glücklichsein alles?

Das gelungene und geglückte Leben

Freundschaft und Liebe

Arbeiten und Tätigsein

Eine einfache Regel

Zwei Welten begegnen sich

Innerer Aufbruch

Tugend?!

Tugenden in der Krise

Prioritäten

Zu guter Letzt

Vorwort zur sechsten Auflage

Vor nun beinahe acht Jahren, im Winter 2009, habe ich das vorliegende Buch geschrieben. Der unmittelbare Anlass war der Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise. Ich wollte mit dem Buch einen Beitrag zu der Diskussion darüber leisten, wie es zu dieser Krise kommen konnte – freilich nicht aus der Sicht eines Wirtschaftswissenschaftlers, denn der bin ich nicht, sondern aus der eines Philosophen und Jesuiten. Es ist meine Überzeugung, dass es zu dieser Krise auch deshalb kommen konnte, weil Menschen vergessen haben, auf was es im Leben eigentlich ankommt. Anders gesagt: Weil sie in falschen Bildern des glücklichen Lebens gefangen sind. Weil Menschen sich von Dingen ihr Glück versprechen, die sie nicht glücklich machen.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist nach wie vor nicht wirklich überwunden. Wirtschaftlich geht es zwar vielen von uns einigermaßen gut, einigen sehr Wenigen sogar deutlich besser als vor der Krise, viele Menschen haben einen Arbeitsplatz und auch die umstrittenen Bonizahlungen fließen bei einigen Finanzinstituten und Unternehmen wieder – teilweise sogar noch kräftiger als vor der Krise. Aber ob die Finanzkrise als Schuldenkrise für die Länder der Eurozone tatsächlich nicht doch einmal ernsthaft bedrohlich werden könnte, ist unklar. Ein anderer Krisenherd, der in dem vorliegenden Buch nur knapp erwähnt wird, hat sich dramatisch verschärft: Der internationale Terrorismus, der die westliche Welt nicht nur durch gezielte Attentate in europäischen Großstädten schockiert, sondern in deutlich größerem Ausmaß ganze Regionen im Nahen Osten und einigen Ländern Afrikas durch Terror und Gewalt destabilisieren will. Die vielen Menschen, die vor Verelendung und Massakern aus den Krisengebieten flüchten und zumindest vorübergehend eine neue, sichere Heimat suchen, stellen unsere Gesellschaft vor neue Fragen und Herausforderungen. In welcher Art von Gesellschaft wollen wir leben? Was ist uns im Leben wichtig und wofür wollen wir einstehen? Auf was kommt es im Leben an? Fragen, auf die dieses Buch Antworten geben möchte.

Wenn dieses Buch nun nach so vielen Jahren eine Neuauflage erfährt und der Text an einigen wenigen Stellen verändert wurde, dann deswegen, weil eine Antwort auf die Frage, was im Leben zählt, unabhängig von der Krise ist, in der wir uns gerade befinden. Denn was in Krisen zählt, zählt auch im Leben. Krisen sind Zeiten, in denen die Orientierung schwerer fällt, weil es auf Grund eines erhöhten Handlungsdrucks und wachsender Komplexität schwerer fällt, Klarheit und Sicherheit in der eigenen Gedanken- und Gefühlswelt zu erreichen. Die Entscheidungen, die getroffen werden müssen, sind unsicherer und folglich belastender. Dabei lassen sich zwei Fragen voneinander unterscheiden: Was für unmittelbare Maßnahmen müssen ganz konkret ergriffen werden, damit die Krise nicht zur Katastrophe wird, sondern die Chance, die in jeder Krise steckt, ergriffen werden kann? Um diese Frage zu beantworten, ist Sachkompetenz gefordert. Und: Welche ist die richtige Grundorientierung des eigenen Lebens und des Zusammenlebens in einer Gesellschaft? Die Grundorientierung ist dabei wie ein Kompass. Wenn ein Kompass nicht richtig eingenordet ist, wird man trotz bestem Willen und aller Mühen keinen gangbaren Weg aus einem Dschungel finden. Wenn unklar ist, was im Leben zählt, dann fehlt jeder einzelnen Entscheidung ein sicheres Fundament.

Um eine kurze, aber klare Skizze dieser Grundorientierung ging und geht es mir in diesem Buch. Dass es von allem auch von oberen Führungskräften in der Wirtschaft so positiv angenommen worden ist, hat mich besonders gefreut. Vor allem von Topmanagern wird in Krisen erwartet, dass sie Orientierung geben können. Ich bin davon überzeugt, dass sowohl die abendländische Philosophie als auch die jahrhundertealte Tradition des Jesuitenordens dazu wichtige Impulse geben können. Aber lesen Sie selbst ...

Krisen und Neuanfang

Eine der beeindruckendsten Silvesterfeiern war die Silvesternacht der Wende zum dritten Jahrtausend. Trotz aller Unsicherheit darüber, was die Zukunft bringen würde: Man konnte eine Hoffnung mit Händen greifen. Die Hoffnung, dass mit dem Kalenderwechsel ins neue Millenium auch ein neues Zeitalter anbricht. Eine friedlichere, freiere und glücklichere Zeit. Von jetzt an, so dachten viele, würde alles irgendwie besser werden.

Nichts ist besser geworden. Nur selten hat es in der Geschichte der Menschheit knappe zehn Jahre gegeben, in denen so deutlich geworden ist, wie bedroht wir Menschen sind – oder besser gesagt, in welchem Maße wir selbst die Grundlagen unseres eigenen Lebens bedrohen. Vor allem drei Krisen erschüttern uns: Der internationale Terrorismus, die mögliche Klimakatastrophe und der immer weiter um sich greifende Zusammenbruch der Finanzmärkte mit seinen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Die drei Krisen stellen die Grundfeste unserer Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur infrage.

Krisen fallen nicht vom Himmel. Auch diese drei Krisen haben ihre Wurzeln in der Vergangenheit. Sie lassen uns einiges, was in den letzten Jahrzehnten geschehen ist, in einem neuen und anderen Licht sehen. Der internationale Terrorismus macht deutlich, wie Amerika und die restliche westliche Zivilisation in anderen Teilen der Welt wahrgenommen werden: als machtversessen und rücksichtslos. Sind wir so? Stimmt diese Wahrnehmung? Hat die »westliche Welt« tatsächlich imperialistische, politisch und wirtschaftlich ungerechte Strukturen geschaffen, die nun ihrerseits zu einer Brutstätte für den Terrorismus und ein terroristisches Umfeld geworden sind?

Der Klimawandel, soweit er von uns Menschen verursacht wurde, zeigt, dass der ungeheure Wirtschaftsaufschwung vor allem in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts einen hohen Preis gekostet hat und weiter kosten wird. Können wir den Klimawandel, der Teile unseres gesamten Planeten bedroht, noch stoppen? Viele Experten sagen Ja! Die entscheidende Frage ist aber doch, ob wir tatsächlich den politischen und ökonomischen Willen haben, ihn aufzuhalten. Auf was werden wir künftig verzichten müssen, wenn wir eine lebenswerte Zukunft für alle Menschen wollen? Und wird der industrialisierten Welt, die den Klimawandel maßgeblich verursacht, dieser Preis vielleicht zunächst zu hoch sein? Und wie würde es dann weitergehen?