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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar.

Impressum:

© 2011 Bernd Sternal, Dr. Götz Wilde, Ulrich Herrmann
Herausgeber: Verlag Sternal Media, Gernrode
Gestaltung und Satz: Lisa Berg, Sternal Media, Gernrode

 www.sternal-media.de

 www.harz-urlaub.de

Illustration: Lisa Berg
1. Überarbeitete Neuauflage Mai 2011
ISBN: 978-3-8448-8495-1
Herstellung und Verlag:
Books on Demand GmbH, Norderstedt

Meinem Bruder Manfred Wilde
und in memoriam
seiner Frau Marlene

Inhaltsverzeichnis

 

Vorwort

I

Abschied von Berlin

 

Der letzte Zug vom Bahnhof Zoo

 

Noch mal am Alex

 

Bombardement in Aschersleben

 

Auf Kartoffelwagen nach Quedlinburg

 

Die Familie ist davongekommen

II

Letzte Kriegstage im Ostharz

 

Panzersperre und Volkssturm

 

Der Elendszug nach Bergen-Belsen

 

Ein Fliegerhorst wird geplündert

 

Die Front verläuft durchs Wohnzimmer

 

Die Befreier in Mutters Garten

 

Zehn Tage Police Chief

 

Makabre Götterdämmerung - der »Heldentod« Hitlers

 

Über Nacht Bürgermeister

 

Ein Rivale

III

Bürgermeister in Gernrode

 

Erste Schritte im neuen Amt

 

Auf Quartiersuche mit Captain Dillow

 

Der kriegszerstörte Wald

 

Ein alliiertes Gaunerstück

 

Der Antifa-Ausschuß wird gebildet

 

Ein Werwolf

 

Delikatessen unterm Misthaufen

 

Die Barbarossa-Glocke kehrt zurück

 

Gerüchte über Besatzungswechsel

 

Die Amerikaner rücken ab

 

Die rote Fahne auf dem Rathausdach

 

Wieder auf Quartiersuche für Kommandant Wilissow

 

Parteimitglieder werden abgeholt

 

Der letzte Regent der Askanier

 

Die Sorgen der alten Exzellenz

 

Besatzungsalltag und ein russischer Freund

 

Ein Denunziant wird abgefertigt

 

Ein Kriegsgewinnler

 

Zweimal Tränen im kalten Winter

 

Wilhelm Pieck in Magdeburg

 

Das Klinik-Sanatorium

 

Ilse Meudtner - die Ballerina auf dem Lande

 

Paul Burg, eine Köhlerin und Graf Luckner

 

Der Harzgewinnungsbetrieb

 

Ein ganz besonderer Forstmeister

 

Berlin im Oktober 1945

 

Konferenz in Berlin-Karlshorst

 

Trübe Eindrücke ringsum

 

Der Betrieb läuft gut

 

Idyllische Dienstreise

 

Nochmals in Berlin-Karlshorst

IV

Ungewollte Veränderungen

 

Ich werde abgesetzt

 

Dr. Dr. Gereke - ein Wanderer zwischen vielen Welten

 

Neue Anfänge der Justiz

 

Ich trete der SPD bei

 

Der Vorgesetzte als Bittsteller

Vorwort

Die Flucht aus dem umlagerten Berlin, der Abzug der letzten versprengten Truppen, der Einmarsch erst der Amerikaner, dann der Russen, die Ströme der Flüchtlinge aus dem Osten und der Befreiten aus den Lagern, die Zeit der Einquartierungen und Requirierungen - das alles machte einmal das Leben von zwanzig Millionen Deutschen aus. In unserem Teil des Landes ist das alles nahezu vergessen und doch hat es das Bewußtsein der Betroffenen in eben dem Maße geprägt wie die Zeit der Gewaltherrschaft, die ich als Verteidiger in politischen Prozessen erlebte.

Über diese Jahre habe ich in meinem Buch »Tödlicher Alltag. Strafverteidiger im Dritten Reich« erzählt. Was danach kam, war weniger blutig und doch fast ebenso bedrückend – die Unterwerfung eines Landes und seiner Menschen unter ein neues Regime. Die Hoffnungen des Aufbruchs wurden zuschanden, und der Enthusiasmus des Neubeginns endete in neuer Flucht.

Ich erlebte diese Jahre zwischen Elan und Depression erst als von den Alliierten eingesetzter Bürgermeister, dann als Richter in der neuen Justizverwaltung der sowjetischen Besatzungszone. Mein berufliches Leben hatte ich als Anwalt der Verfolgten begonnen, nun sollte ich selber Urteil sprechen über Bedrohte und Angeklagte. Als ich sah, daß es noch einmal mehr um Macht als um Recht ging, begann ich mich zu entfernen, zuerst nach innen, schließlich nach draußen. Wenige Stunden vor meiner Verhaftung gelang mir die Flucht über die Grenze ins westliche Deutschland. Aus dieser Welt liegen wenige Aufzeichnungen vor und doch sollte auch sie im Zeugnis aufbewahrt werden; nicht in der Form der Anklage, sondern in der des Berichts. So gebe ich dem Drängen vieler Leser nach und erzähle »aus jenen Jahren«, die nach den Worten Margret Boveris Tage des Überlebens waren, voller düsterer, grotesker, aber auch humoristischer Szenen. Sie waren ein Teil meines Lebens und sie sind Bestandteil unser aller Geschichte.

Dietrich Wilde 1983

I. Abschied von Berlin

Der letzte Zug vom Bahnhof Zoo

Kurz vor Ostern 1945 war ich zum letzten Mal unter dem Dritten Reich als Verteidiger tätig gewesen; auf abenteuerlichen Wegen war ich in die alte Festung Torgau gefahren, die jetzt als Gefängnis des Reichskriegsgerichts diente und wo ein Mandant von der Hinrichtung bedroht war. Den Donner der sich nähernden Front im Ohr, hatte ich mich dann wieder nach Berlin durchgeschlagen, nachdem ich meine evakuierte Familie in meinem Heimatort Bad Suderode über Ostern besucht hatte. Meiner Frau hatte ich bei unserer Trennung versprochen, die Stadt spätestens dann zu verlassen, wenn die Wehrmachtsberichte und BBC-Rundfunkmeldungen erkennen ließen, daß die Westalliierten, die schon an der Weser standen, kurz davor waren, den westlichen Harzrand zu erreichen. Am 12. April meldete Radio Beromünster, der schweizerische und also zuverlässige Sender, daß Hildesheim besetzt worden sei und die Einnahme von Goslar bevorstehe. Das war das Zeichen zum Aufbruch, um bei meiner Frau und den Kindern zu sein, wenn auch Suderode besetzt werden würde.

Berlin erwartete den Angriff der Roten Armee, die noch an der Oder stand, aber dort schon seit Februar ihre Kräfte zur letzten entscheidenden Offensive versammelte. Die Propaganda behauptete zwar, die zur Festung erklärte Reichshauptstadt werde nie erobert werden und vor ihren Toren werde die große historische Abwehrschlacht geschlagen werden, die große Wende stehe unmittelbar bevor, was schon daraus hervorgehe, daß auch in der Natur der tiefsten Nacht stets die Helle des Morgengrauens folge. Aber solchen Unsinn glaubte damals niemand mehr; nur in den Köpfen weniger unverbesserlicher Fanatiker spukte noch immer der Glaube an den Einsatz einer von Hitler absichtlich bis zum letzten Augenblick zurückgehaltenen Wunderwaffe.

Mit einem der letzten Züge, die das umschlossene Berlin verließen, war ich dann auf Umwegen in den Harz gelangt. Der Bahnhof Zoologischer Garten in der Nähe des Kurfürstendamms war noch nicht so vollkommen zerstört wie der Potsdamer und Anhalter Bahnhof, von denen früher die Züge nach Mittel- und Süddeutschland abgefahren waren; zwar war er von unzähligen Bomben getroffen worden, und das nackte Hallengerüst stand fahl gegen den Himmel. Aber noch liefen Züge, wenn auch in unbestimmbaren Abständen, ein und aus, und es gelang mir, beim Bahnhofsvorsteher eine Fahrerlaubnis nach Torgau zu ergattern, weil ich einen Ausweis des Reichskriegsgerichts vorlegen konnte, wonach ich als Strafverteidiger vor dem Gericht in mehreren anhängigen Verfahren tätig war. Das »RKG« - wie seine Abkürzung lautete - war seit Mitte 1943 von Berlin nach Torgau in das dortige Fort Zinna verlegt worden. Zivilpersonen war das Reisen über eine Distanz von neunzig Kilometern nur noch mit besonderer behördlicher Erlaubnis in wichtigen Ausnahmefällen gestattet. Aber in diesem April 1945 waren die wenigen noch verkehrenden Züge ohnehin nur noch militärischen Transporten vorbehalten. Erstaunlicherweise gab es aber noch Bahnverkehr, wenn auch die Räder schon lange nicht mehr für den Sieg rollten, wie die Spruchbänder noch vielerorts verkündeten.

Ich hatte es also geschafft, das schon nahezu vollkommen zerstörte, ausgeglühte und dem baldigen Untergang geweihte Berlin - die Heimat meiner Eltern, die Stadt meiner Jugendträume, meiner Ausbildung als Student und Referendar und meines beruflichen Werdens - diese geliebte, aus tausend Wunden blutende Stadt endgültig zu verlassen. Ein Stückchen Papier mit Stempel und amtlichem Kopf - Zufall, Glück, Schicksal?

Als ich 1939 beim Wehrbezirkskommando Wilmersdorf meinen rosaroten Wehrdienstuntauglichkeitsschein in Empfang nahm, hatte mir der Stabsarzt angesichts meiner angeborenen erheblichen Beinverkürzung (Tibia-Aplasie nannten das die Ärzte), die mir das Gehen und Stehen nur mit einem Stützapparat ermöglichte, halb humoristisch, halb zynisch gesagt: »Wenn wir Sie brauchen, werden wir den Krieg verloren haben!« Daran dachte ich, als ich im Februar 1945 die Einberufung zum vierten Aufgebot des Volkssturms erhalten hatte, der ich mich aber unter Berufung auf meine höheren kriegswichtigen Aufgaben als einer der letzten in Berlin noch tätigen Verteidiger vor Kriegsgerichten entziehen konnte. Nun war ich abermals begünstigt; Millionen Unglücklicher, Verängstigter, Verzweifelter zurücklassend, kam ich aus dem Inferno des überall brennenden Berlin noch in letzter Stunde heraus. Ich wußte nicht, daß es ein Abschied für immer sein würde.

Der Bahnhofskommandant im Bahnhof Zoo sagte mir nach stundenlangem Warten um die Mittagsstunde, daß voraussichtlich am Abend gegen 20 Uhr noch ein Kurzzug bis Belzig oder Güterglück fahren werde. Es könne sein, daß man dort Anschlußzüge in Richtung Dessau-Halle erreiche, Genaueres konnte er nicht sagen, auch die Telefonverbindungen waren immer wieder stundenlang unterbrochen, niemand wußte mehr, ob und wann Züge verkehren würden. Ich verwahrte meinen Koffer und eine Daunendecke, die ich mir um den Leib geschnallt hatte, im Dienstraum des Bahnsteigbeamten, der noch immer eine rote Mütze trug - Gepäckaufbewahrung gab es nicht mehr - und fuhr mit der bis zu allerletzt noch intakten U-Bahn vom Bahnhof Zoo zum Alexanderplatz, um mich bei meinem besten Freund während der Kriegszeit, dem Landgerichtsdirektor Dr. Franz Paetzold, im Gebäude des Landgerichts in der Grunerstraße zu verabschieden.

Noch mal am Alex

Wie auch das nahe gelegene Polizeipräsidium, aus dem ich in den vergangenen Jahren so manchen Häftling herausgeholt hatte, stand das massive Gerichtsgebäude noch bis in die letzten Kriegstage fast unbeschädigt; nur Glasschäden gab es alle paar Tage, die aber unbegreiflicherweise meist schnell behoben wurden.

Franz Paetzold, ein Westpreuße aus Konitz, war der Mann meiner Jugendfreundin Monika aus der Ritterstraße, Vater von fünf Kindern, die seit zwei Jahren mit der Mutter im Erzgebirge evakuiert waren in einem Waldhaus, das früher als Jagdhaus gedient hatte. Als Personalreferent des Landgerichtspräsidenten war er dessen rechte Hand, seit ein paar Monaten aber als Reserveoffizier des ersten Weltkrieges zum Kommandeur eines Volkssturmbataillons einberufen worden, in dem er alten Männern und Halbwüchsigen mangels ausreichender Bewaffnung vernünftigerweise vor allem beibrachte, wie und wo man bei Artilleriebeschuß am schnellsten und sichersten Deckung finden könne. Dieser militärische Dienst fand aber immer erst am Nachmittag auf einem nahe gelegenen Kasernenhof statt, bis dahin machte er seinen Dienst im Landgericht.

Ich versuchte, Paetzold zu überreden, angesichts des hereinbrechenden Chaos seine Aufmerksamkeit statt auf die Aufarbeitung längst überflüssig gewordener Personalakten auf Transportmöglichkeiten in Richtung Erzgebirge zu wenden, aber er sah mich nur müde an: »Schon alles überlegt und abgewogen, mein Lieber«, sagte er, »du bist als freier Anwalt mit Reiseerlaubnisschein ein Glückspilz, ich ein Beamter mit Diensteid, noch dazu Bataillonskommandeur mit noch einem Diensteid und außerdem ohne jeden Marschbefehl. Ob ich mich nun in Zivil oder in Uniform auf den Weg mache, die nächste Wehrmachtsstreife hängt mich in jedem Falle am nächsten Baum auf. Irgendwie habe ich sogar selber das Gefühl, daß mein Platz dort ist, wo ich als Beamter zu sein habe. «

Was sollte man da viel sagen?

So nahmen wir Abschied voneinander, wie alle Welt in diesen Wochen verabredeten wir einen Treffpunkt für die Zeit, wenn »alles vorüber« sein werde. Das war die Vokabel, wenn man vom Dritten Reich, Hitler und dem Krieg sprach. Wir haben uns nie wieder gesehen. Franz Paetzold wurde gleich nach der Eroberung Berlins durch die Rote Armee, im Trainingsanzug aus dem Keller kommend, auf Grund der Denunziation eines belgischen Fremdarbeiters, den er, da er ein Verhältnis mit dem Hausmädchen seiner Mutter unterhielt, einmal zurechtgewiesen hatte, von einem russischen Kommando verhaftet und mit unbekanntem Ziel abtransportiert.

Seine Familie erfuhr Jahre hindurch nichts über sein Schicksal. Erst nach sechs Jahren brachte ein aus Buchenwald entlassener ehemaliger Richterkollege die Nachricht, daß Paetzold schon 1948 nach Hause habe entlassen werden sollen. Vom Hungertyphus stark geschwächt, sei er schon lange nicht mehr arbeitsfähig gewesen. Mein Freund ist aber nie nach Hause gekommen; wo und wann er umgekommen und begraben ist, blieb bis heute unbekannt.

Am Spätnachmittag kam ich wieder zum Bahnhof Zoo zurück. Eine dichtgedrängte Menschenmenge stand vor den Sperren, die von Wehrmachtsstreifen kontrolliert wurden. Nur nach genauer Inspektion wurden ein paar hundert nach stundenlangem Warten durch die Absperrungen gelassen; verzweifelt harrten die anderen aus, auf ein Wunder hoffend. Der Bahnsteig war übervoll, als ein vollkommen leerer Zug gegen 21 Uhr aus Richtung Bahnhof Friedrichstraße langsam einrollte. Bevor der Zug noch hielt, stürmte die Menge die rollenden Waggons. Der Zug war sehr kurz; Lokomotive, Tender, zwei offene Güterwagen, zwei Personenwagen ohne Scheiben. In Minutenschnelle waren die Wagen überfüllt, die Abteile quollen über, in den Güterwagen standen die Reisenden dicht bei dicht, ganze Trauben hockten auf den Dächern. Ich war mit ein paar Dutzend anderen auf den Kohlentender gesprungen, der nur zur Hälfte gefüllt war. Mühselig stemmte ich meinen Koffer hinauf, dann zog ich mich über die Wagenpuffer hinterher; irgendwo im rußigen Eisenkäfig fand ich mich wieder, mehr getreten als geschoben. Der Zug hielt nur wenige Minuten, es konnte ja jeden Augenblick einen Fliegerangriff geben. Eine Trillerpfeife ertönte schrill und durchdringend, dazu Rufe »Zurückbleiben«. Schreie der Empörung und Verzweiflungsrufe der nicht Mitgekommenen klangen mir noch in den Ohren, als der Zug schon über Bahnhof Charlottenburg und Grunewald hinaus war.

Es war dunkel geworden. Der Fahrtwind pfiff nicht schlecht, ich knöpfte den Kragen meines Flieger-Ledermantels hoch und kauerte mich in eine Tenderecke, musterte die Schicksalsgefährten: abgehärmte Frauen, Kriegsversehrte, Kinder, vermummte Gestalten. Der Heizer winkte uns von der Lok zu und drohte lachend mit seiner Schaufel. Keinem war aber zum Lachen zumute, jeder hatte etwas zurückgelassen, Verwandte, Freunde, Hoffnungen und Illusionen. Berlin lag hinter mir.

Bombardement in Aschersleben

Die Gedanken beschäftigten sich nur noch mit dem vor uns Liegenden. Wann die Amerikaner wohl den Harz erreichen würden, noch vor meiner Ankunft bei der Familie? Was dann? Würde es zu letzten verzweifelten Kämpfen kommen, vielleicht versprengter SS-Einheiten? Wir waren kaum eine Stunde gefahren, als der Zug hart bremste. Fliegeralarm! Alles sprang rechts und links aus den Wagen. Nicht weit von uns hörte man Flak ballern. Jemand sagte ins Dunkel hinein: »Hier ist doch gar nichts los, das kann nur über Berlin sein. Warum sollen die denn Provinzorte angreifen?« Einige Scheinwerfer irrlichterten von irgendwoher am Himmel. Nach ungefähr zwanzig Minuten stieß unsere Lok einen schrillen Pfiff aus. Von überall aus der Nacht sprangen die Reisenden an dem hohen Bahnkörper empor und nahmen ihre Plätze wieder ein, wenn sie sie denn in der Dunkelheit fanden. Das Gepäck hatte jedermann bei den Waggons liegen gelassen. In sehr langsamem Tempo zuckelte der Zug jetzt durch die fahle Nacht. Ab und zu abgedunkelte Bahnhöfe, gar nicht zu erkennen, welche Stationen. Dann wieder Kiefernwälder und Kiefernwälder, also immer noch die Mark.

Ich war eingenickt, als ich durch einen langen Pfiff der Lokomotive aufschrak. Der Zug stand und wartete wohl auf ein Einfahrtssignal. Der Heizer rief herüber: »Gleich sind wir in Güterglück, weiter geht es nicht, alles aussteigen!«

Es war gegen 4 Uhr morgens, als wir auf dem Bahnsteig in Güterglück standen, dessen kleiner Bahnhofswarteraum rasch überfüllt war. Am nächsten Morgen sollte ein Zug von Güsten kommen und nach kurzem Aufenthalt dorthin zurückfahren. Also warten. Warten hatten wir während des ganzen Krieges schon geübt. Immer wurde auf irgend etwas gewartet - auf die Elektrische, auf die U-Bahn, auf Verhandlungen an Gerichtsstellen, auf das Urteil, auf Post von der Familie, besonders auf Feldpost, vor Läden auf Lebensmittel, in Gaststätten auf das Essen, auf Telefonanrufe, auf Nachrichten der ausländischen Sender.

Im langsam grauenden Morgen warteten wir an die vier Stunden, dann kam der Zug von Güsten. Es stiegen nur wenige Personen aus, aber viele ein. Die Lokomotive setzte um und wir fuhren mit häufigen Halts tatsächlich bis Güsten. Die Abteile hatten keine Fensterscheiben, es zog beträchtlich, aber inzwischen schien die Frühlingssonne wärmend hinein und entspannte die übernächtigten Gemüter. Am frühen Vormittag waren wir in Güsten, einer der Knotenpunkte der einst von Generalstabschef Helmuth von Moltke konzipierten Kanonenbahn Berlin-Metz und außer seinem Umsteigebahnhof von jeher wahrlich ein Ort ohne besondere Merkwürdigkeit.

Erstaunlicherweise stand der Güstener Bahnhof in der altbewährten Schönheit der Bahnhofs- und Postgebäuden-Einheitsarchitektur von 1860 mit seinen zahlreichen Gleisanlagen noch gänzlich unzerstört. Obwohl Güsten eine Schaltstelle des militärischen Verkehrs war, hatte ihm kein einziger Angriff gegolten, während mittelalterliche Fachwerkflecken bis auf die Grundmauern zerbombt worden waren.

In Zeiten des Chaos scheint es Inseln der Ordnung zu geben. Als ich einen Beamten fragte, ob es irgendeine Möglichkeit gäbe, nach Aschersleben zu kommen, wies er wortkarg auf einen Triebwagen, der auf dem Nachbargleis stand. Wild keuchend schleppte ich meine Habseligkeiten durch die Unterführung auf den anderen Bahnsteig und stieg in den halbleeren Wagen. Dann tat sich nichts. Nach einer Stunde neuen Wartens setzte sich der Wagen ohne jede Ankündigung in Bewegung; inzwischen hatte er sich bis auf den letzten Platz gefüllt. Während er in gleichmäßigem Rollen durch den jetzt strahlenden Vormittag fuhr, erzählten Mitreisende von Jabo-Angriffen auf die Züge und Bahnhöfe, was ich - dem Berliner Inferno mit seinen Tages- und Nachtangriffen gerade entronnen - nicht sehr ernst nahm. Was sollte hier schon zwischen Dörfern und Marktflecken geschehen? Endlich liefen wir in Aschersleben ein, aber bevor der Triebwagen im Bahnhof noch zum Stehen gekommen war, hörten wir wieder die durchdringenden Sirenen, die uns die letzten Jahre begleitet hatten. Alles stürzte vom Bahnsteig zu einem mäßig großen Luftschutzbunker neben dem Bahnhofsgebäude. Gerade als die dicke Eisentür hinter uns geschlossen worden war, drangen von draußen Detonationen herein, die so nahe liegen mußten, daß der Bunker vor Erschütterung bebte und richtig wackelte. Hier drinnen war kein Wort zu hören und dieser Kontrast zwischen dem Schweigen der vor Furcht wie Gelähmten und dem Inferno da draußen war das Unheimliche.

Irgendwann wischte man sich den Kalkstaub, der von den Kellerwänden gestoben war, aus dem Gesicht, hörte wie die Einschläge ferner und schwächer klangen, und endlich kam von oben die Meldung, daß es ringsum brenne, aber der Angriff vorüber scheine. Bis zur Entwarnung dauerte es nach Angriffen noch eine ganze Weile. Man maß das akustisch; solange die Flak ballerte, waren noch feindliche Flugzeuge in der Nähe. Aber die Spannung war vorüber und oft hatte man während der Bombenangriffe der letzten Jahre die Erfahrung gemacht, daß nach der unmittelbaren Gefahr eine sonderbare Heiterkeit aufkam, der Galgenhumor der Davongekommenen. Jetzt, als ich den Staub von Mantel und Hose klopfte, ging mir durch den Kopf, daß es absurd gewesen wäre, ausgerechnet in Aschersleben - wo ich zu Beginn des Dritten Reiches im Frühjahr 1933 einen jungen Kollegen vertreten hatte, mein Leben zu beenden, nachdem ich viereinhalb Kriegsjahre mit 360 Luftangriffen in Berlin überstanden hatte.

Nach etwa zwanzig Minuten waren die letzten Detonationen beendet, die Entwarnung ließ uns aus dem stickigen Bunker wieder frei. Der Bahnhof bot ein Bild der Verwüstung. Die Bahnsteigdächer hingen herunter, die Gleise waren aufgerissen und staken sperrig kreuz und quer, unser Triebwagen brannte noch immer lodernd, der Bahnhof von Aschersleben war für lange Zeit unbrauchbar.

Auf Kartoffelwagen nach Quedlinburg

Nun gab es auch keine Möglichkeit mehr, mit der Bahn noch weiterzukommen. Die direkte Eisenbahnverbindung von Aschersleben nach Quedlinburg führte am östlichen Harzrand entlang über meinen Heimatort Bad Suderode. Aber von Aschersleben ging jetzt kein Zug mehr; es galt, anderweitig fortzukommen. Auf dem Bahnhofsvorplatz suchten viele Reisende nach Möglichkeiten, irgendwie per Anhalter weiterzukommen. Aber es kamen nur wenige Fahrzeuge und die meisten fuhren schnell und nahmen die am Straßenrand Stehenden nicht auf.

Nur am Einfahrtstor zum Güterbahnhof stand ein unbemerkt gebliebener LKW voller Kartoffelsäcke, der der Quedlinburger Saatzuchtfirma David Sachs gehörte, dem Züchter der fadenlosen Bohnen. Ich traf einen freundlichen Fahrer, dem ich mich als Freund der Firmeninhaber - Familie Schreiber bekanntgab. Ich zückte eine Schachtel Zigaretten und bat um Mitnahme. Er sagte nicht unfreundlich: »Deine Glimmstengel kannste behalten, ick rauche nicht! Na, dann man tau, hucke dich man obenauf!« Das war »gut quellenborjisch« gesprochen und schon schwenkte er meinen Koffer nach oben und ich enterte auf. »Make man schwinne, sonst kumm' die annern ook noch all« sagte er, sprang in sein Fahrerhaus und startete den Laster. Aber der Anlasser sprang nicht an, und während er immer neue Versuche unternahm, den Motor in Gang zu setzen, waren zehn bis zwölf Personen aus der Reihe der Wartenden heran, die den Ortsnamen Quedlinburg am LKW gelesen hatten. Niemand fragte länger, alles saß einfach auf, und endlich ging die Kartoffelfuhre mit dem laut schimpfenden Fahrer ab.

Die mit Obstbäumen dicht besetzte Chaussee, deren erstes Grün die warme Frühlingssonne schon herausgelockt hatte, führt an die dreißig Kilometer ziemlich schnurgerade von Aschersleben über Frose - Nachterstedt - Hoym nach Quedlinburg - ein geradezu ideales Zielgebiet für Jagdbomber, die den Überlandverkehr lahmlegen wollen. Aber es war nur geringer Kraftwagenverkehr auf der Straße, die das armselige Bild einer Armee in Auflösung bot: Soldaten, die ihre Gewehre, MGs und Feldgeschütze in die Straßengräben warfen und mit umgehängten Beutestücken hintereinander herzogen oder querfeldein das Weite suchten. Es dauerte kaum eine Viertelstunde, bis die ersten Jabos da waren, die, von keinem Abwehrfeuer gestört, die Landstraße ganz ungestört auf und ab flogen und Soldaten und Zivilisten mit ihren Maschinengewehr-Garben in die Straßengräben oder hinter das seitliche Buschwerk jagten. Die Fahrt, die normalerweise fünfundvierzig Minuten gedauert hätte, nahm mit den immer wiederholten Angriffen gut vier Stunden in Anspruch. Obwohl die Jagdbomber fast in Baumwipfelhöhe flogen, wurde niemand getroffen, nur die Kartoffelladung hatte eine Garbe abbekommen. Der Motor war nicht getroffen und so liefen wir gegen 17 Uhr in Quedlinburg ein. Die sieben Kilometer nach Suderode ließen sich notfalls zu Fuß schaffen.

Ich hatte mich am Bahnhof in Quedlinburg absetzen lassen, wo ich erfuhr, daß der Zugverkehr nun endgültig ruhe, die Gepäckaufbewahrung jedoch auch im Chaos des Zusammenbruchs ordnungsgemäß geöffnet sei. So deponierte ich dort meinen Koffer und marschierte zum Quedlinburger Krankenhaus, dessen chirurgische Abteilung von der Frau meines als Oberarzt im Felde befindlichen Bruders ärztlich betreut wurde; der Chef war als Marinearzt eingezogen worden. Seit fast sechs Wochen hatte ich nichts mehr von meinem Bruder gehört, der Ende 1944 an der in schweren Abwehrkämpfen befindlichen Westfront eingesetzt gewesen war. Zuletzt hatte er sich aus Remagen gemeldet, wo dem Amerikaner Mitte März dann der Sprung über die Rheinbrücke gelungen war. Konnte er über den Rhein nach Osten entkommen oder war er in Gefangenschaft geraten?

Die Familie ist davongekommen

Im Quedlinburger Krankenhaus, links der Bode im Grünen gelegen, 1907 erbaut, standen der Chefinternist Dr. Spencker und einige Assistenzärzte in wießen Kitteln im Garten und verfolgten durch Ferngläser zwei über Quedlinburg kreisende Flugzeuge, die kurz vorher einige kleinere Bomben abgeworfen hatten, ohne viel Schaden anzurichten. Knapp eine Woche zuvor, am 8. April, hatten die Bomber das schöne mittelalterliche Halberstadt total zerstört. In diesen Wirren der letzten Wochen tobte sich der Wahnsinn noch einmal aus und militärische Abwägungen schienen bei der Wahl der Ziele keine Rolle mehr zu spielen. Die Schwerverwundeten aus Halberstadt waren in die Krankenhäuser der Umgebung verbracht worden, so auch nach Quedlinburg, dessen Chirurgische Abteilung vollkommen überbelegt war. Die Betten standen in den Fluren, die Baderäume waren belegt, im Keller lagen die Leichtverwundeten.

Meine Schwägerin konnte ihren Augen nicht trauen, als sie mich plötzlich vor sich sah. Da in diesem Moment aus dem OP nach ihr gerufen wurde, schickte sie mich in ihr Privatzimmer; sonderbarer Weise sagte sie nichts über meinen Bruder. Während ich ungeduldig in ihrem Zimmer hin und her ging, suchte ich mich zu beruhigen; zumindest konnte keine schlechte Nachricht gekommen sein, wenn sie so alles auf später verschob. Wahrscheinlich hatte auch sie nichts mehr gehört.

Ich überlegte gerade, ob ich wohl rasch ein Bad nehmen könne, als sich die Tür zum Badezimmer öffnete und in einem roten Krankenhaus-Bademantel mein Bruder vor mir stand. Wir lagen uns in den Armen; zuletzt hatten wir uns bei seiner Hochzeit im Hotel Stubenberg oberhalb der Stadt Gernrode im November 1944 gesehen; dann war er an die Westfront abgerückt. Ich glaubte ihn demobilisiert, aber er klärte mich in wenigen Worten auf. Er lag mit seiner Einheit »an der Harzfront«, aber sein Regimentskommandeur hatte ihm vierundzwanzig Stunden Urlaub zum Besuch seiner Frau gegeben. »Davon habe ich über zehn Stunden im OP geholfen. In zwei Stunden muß ich zurück. Unser Stab liegt im Forsthaus bei Harzgerode. «Ich fragte nach dem Regiment, wo es jetzt genau läge. Mein Bruder lachte. »Regiment ist gut. Das ist längst nach Hause gegangen«. Das Regiment war in Friedenszeiten im Solling und Leinetal zwischen Weser und Westharz zu Hause; als es jetzt vom Westen her auf dem Rückzug dort durchkam, hatte sich die Truppe in knapp zwei Tagen aufgelöst. »Ich habe unserem Oberst, übrigens ein ehemaliger k. u. k. Offizier mit Ritterkreuz, gesagt: Ich führe Sie auf Schleichwegen durch den Harz. Nur durchkommen bis zur Kapitulation. So leicht findet uns keiner, ich kenne jeden Wald. »Wir sind«, fuhr er fort, »ja nur noch der Oberst, ein Major, zwei Hauptleute, zwei Oberleutnants, drei Leutnants, mein Sanifeldwebel, zwei Kradmelder und ich. Das ist das ganze Regiment. Aber wir haben zwei PKW-Kübelwagen, einen Sanka voller Rotwein und Schampus und zwei Kräder mit Beiwagen. Das ist der restliche Regimentsstab.«

Mein Bruder hatte dieses Offizierskorps durch den Harz von West nach Ost durch fünf Forsthäuser gelotst, deren Bewohner er kannte. »Wenn die Amis hinten hereinkamen, sind wir vorne losgefahren gen Osten im Wehrmachtsbericht heißt das: erbitterte Rückzugskämpfe. Aber jetzt ist der Harz gleich zu Ende und die verdammte SS strömt, um Widerstandsnester zu bilden, in den Harz von allen Seiten.« Die Hauptsorge der Versprengten galt nicht dem amerikanischen Feind, sondern der eigenen SS. Sie wollten so schnell wie möglich aus dem Harz heraus. Jedermann dachte nur noch, heil herauszukommen und nicht fünf Minuten nach zwölf zu fallen oder aufgehängt zu werden.

Inzwischen war meine Schwägerin hereingekommen, nach stundenlangen Notoperationen überarbeitet, aber angesichts der unverhofften Situation heiter und fröhlich. Es gab Bohnenkaffee und einen Topfkuchen. Plötzlich fragte meine Schwägerin: »Willst du nicht zu Hause anrufen?« Im allgemeinen Chaos hatte ich es für unmöglich gehalten, daß wenige Kilometer von der Front entfernt noch Ferngespräche möglich seien. Meine Frau blieb stumm, als sie plötzlich meine Stimme hörte. Sie konnte es kaum fassen, daß ich Berlin entronnen und nicht weit von ihr entfernt war. »In einer halben Stunde bin ich bei euch«, sagte ich zum Schluß. Sie glaubte an einen Scherz. Dann klärte ich sie auf: »Manfreds Kradmelder fährt mich rasch zu euch, die Rückkehr aus dem Kriege soll standesgemäß sein!«

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Haus Brinkstraße 14 in Bad Suderode, 1945

Vierundzwanzig Stunden seit der Abreise von Berlin fuhr ich auf einem Wehrmachtskrad, meinen Koffer auf den Rücken geschnallt, vor meinem Elternhaus vor.

Meine Mutter, meine Frau, unsere drei Kleinen, die Jüngste gerade ein Jahr alt, die jungverwitwete Schwester meiner Frau mit zwei kleinen Söhnen, die Berliner Freundin meiner Mutter mit ihrer Tochter und noch zwei Kindern - das waren jetzt die Bewohner des Suderoder Doktorhauses, als der Sohn des Hauses zurückkehrte. Mein Vater war 1943 gestorben, so war ich jetzt bei Kriegsende der Paterfamilias; ein bewegender und melancholischer Gedanke.

II. Letzte Kriegstage im Ostharz

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Panzersperre und Volkssturm

Suderode schwirrte von Nachrichten über das Näherrücken der Front; es konnte sich nur noch um Tage handeln, daß die Amerikaner oder die Engländer - das wußte niemand - hier sein würden. In den wenigen Tagen, die blieben, gab es noch allerlei Aufregungen. Aber erst einmal hatte ich mich auf dem Rathaus zu melden, um die notwendigen Lebensmittelbezugsscheine zu erhalten. Dort traf ich den inzwischen zum Volkssturmführer Suderodes ernannten Studienrat a.D. W. Elchlepp, der 1933 als alter Braunschweiger Sozialdemokrat aus dem Schuldienst entlassen worden war. Mit seiner tüchtigen Frau hatte er danach eine Schülerpension eröffnet und mit großem pädagogischem Erfolg zehn Jahre betrieben. Er war ein wortreicher und von seiner Wichtigkeit sehr überzeugter Mann, der - in der Nazizeit übergangen und verfemt - in den Stunden des Untergangs seinen Patriotismus zur Schau stellte; beim Kreisleiter hatte er alle Register der Verstellung gezogen, um unter Berufung auf seine Eigenschaft als Frontoffizier des Ersten Weltkrieges zum Führer des Volkssturms eingesetzt zu werden. Nach seiner Ernennung entwickelte er nach außen allerlei phantastische Verteidigungspläne. So hatte er die vom Harzkamm herabkommende Talstraße an ihrer engsten Stelle zwischen den Saalsteinen durch den Bau einer Panzersperre sichern lassen. Im Stillen aber erklärte er den alten Männern seiner Truppe, die den Krieg gründlich satt hatten, daß er bei Annäherung des Gegners sogleich Kapitulationsverhandlungen aufnehmen werde. Das vertraute er auch mir an, da wir bei gelegentlichen Besuchen in Suderode in den letzten Jahren ziemlich offen über die Aussichtslosigkeit der Kriegslage gesprochen hatten.

In diesen letzten Kriegstagen ging es nur noch um die Frage, von wo die Sieger kommen würden - von Süden, vom Harz herunter, wo die Panzerspitzen der Alliierten mit den Resten der Wehrmacht in Kämpfe verwickelt waren, wie wir aus dem anhaltenden Geschützdonner entnehmen konnten. Oder vom Westen und Norden, wo die breit vorrückenden Kampflinien der Amerikaner verliefen, also von Braunschweig und Halberstadt her.

Ehe wir das erlebten, sind mir noch zwei bedrückende Ereignisse gegenwärtig, die den völligen Zusammenbruch der Nazimacht auf das Eindringlichste illustrierten:

Der Elendszug nach Bergen-Belsen

An einem Spätnachmittag dieser Tage bewegte sich ein endlos erscheinender Zug vom Harz herunter durch unser Dorf. Schleppenden und taumelnden Schrittes zogen abgemagerte Elendsgestalten, von älteren, oft verwundeten Soldaten bewacht, die Straßen entlang. Von der Bevölkerung ließ sich niemand blicken, nur verstohlene Blicke aus Seitenstraßen und hinter Gardinen hervor galten den wandelnden Skeletten, die einheitlich gestreifte Jacken und Hosen trugen, die wie Pyjamas aussahen. Es waren KZ-Häftlinge, die von den unterirdischen Fabrikationsanlagen der V-Waffen bei Ilfeld im Südharz nach Bergen-Belsen getrieben wurden.

Dergleichen hatte noch niemand gesehen, nur aus dunklen, hinter vorgehaltener Hand weitergegebenen Gerüchten hatten die Menschen von den Zuständen in den Konzentrationslagern gehört. Hier sah man einen Zug des fürchterlichsten Elends, schweigend schleppten sie sich mühselig weiter, ab und zu Kommandorufe der Bewacher, dann Kolbenhiebe, wenn sich ein Müder an den Straßenrand setzte. Mitunter gab es einige alte Leute, die Brot und Wasser reichen wollten - es war ein sehr warmer Frühlingstag - aber sofort sprangen die Wachtposten dazwischen. »Wegbleiben! Runter von der Straße!« Mich packte das kalte Grauen, wenn ich daran dachte, wie die Sühne für solche Schuld aussehen würde, die hier auf das eigene Volk geladen worden war. Und noch wußte man nichts von den Millionen der Vergasten und Ermordeten.

Ein Fliegerhorst wird geplündert

Am nächsten Tag ging es wie ein Lauffeuer durch den Ort: Der Fliegerhorst »Römerschanze«, der zwischen Quedlinburg und dem Harzrand lag, sei von der abziehenden Luftwaffe geräumt worden und alle dortigen Magazine seien für die Bevölkerung freigegeben. Ein Massenaufbruch von Menschen aller Altersstufen mit Handwagen, Kinderwagen, Fahrrädern, Säcken und Kartons war die Folge. In einem Umkreis von zehn Kilometern waren alle Zufahrtsstraßen voller Menschen und Fahrzeuge, zumindest zehntausend Leute auf den Beinen. Die riesige Kasernenanlage für etwa 1.500 Mann Besatzung wurde in einem einzigen Tag nahezu vollständig ausgeplündert und demontiert. Von den Flugzeughallen, Werkstätten, Kasinos und Magazinen blieb am Ende wirklich nur das nackte Mauerwerk stehen, sogar die Fensterkreuze waren herausgerissen worden.

Der örtliche Volkssturm, dem ich unter Leutnant Elchlepps Führung die fünf Tage bis zur Ankunft der Amerikaner angehörte, mußte am Nachmittag dieses Beutetages regelrecht zur Verkehrsregelung eingesetzt werden; rund um den Fliegerhorst war ein Tohuwabohu entstanden, dessen Verkehrsknäuel unentwirrbar schien. Es war meine einzige militärische Handlung im Zweiten Weltkrieg. In den Abendstunden war alles vorüber und die Straßen waren geräumt. Es war auch das erste Mal, daß ich erlebte, was »Plünderung« heißt, obwohl es das im Rechtssinne, streng genommen, nicht war. Die Wehrmachtsbestände waren von dem Kommandeur für die Bevölkerung freigegeben worden, und jedermann sagte sich: Lieber für mich als dem Feind überlassen! Daß niemandem etwa zum Bewußtsein kam, daß dies alles öffentliches Eigentum war, und wenn es schon zur Verteilung kam, nur eine gerechte Verteilung hätte erfolgen sollen - dieser Hemmungsmangel dokumentierte nur zu deutlich, wie die Moral im Verlauf des Krieges verfallen war und die Zusammenbruchsstimmung nicht nur im »Rette sich, wer kann«, sondern auch im »Raffe, was du kannst« zum Ausdruck kam. Meine Frau, ihre Schwester und eine in unserem Hause evakuierte junge Berlinerin waren noch am Nachmittag verspätet zum Fliegerhorst aufgebrochen, um nach Decken zu schauen, die den Flüchtlingskindern fehlten. Es gelang ihnen, drei Decken zu erobern, wofür sie bei Rückkehr harte Worte meiner preußisch-berlinisch erzogenen Mutter einstecken mußten. Es war eine Untergangsstimmung mit grotesken Zügen. Die ebenfalls evakuierte Frau des Berliner Anwalts Kleiböhmer traf ich mit ihrem kleinen Jungen, der seinen Kinderwagen auf der Chaussee einherschob, auf dem sie eine große Trommel mit Stricken befestigt hatte. Sie hatte sich, wie sie mir traurig erzählte, mit dem Fünfjährigen nicht in das Massengedrängel auf dem Fliegerhorst gewagt; so war, als sie endlich hineinkam, alles Eßbare und sonstig Verwertbare schon abtransportiert, selbst die Instrumente der Militärmusik. Nur die große Trommel hatte man liegenlassen. Sie war das letzte Beutestück, das die Dame fand und triumphierend nach Hause fuhr.