IMPRESSUM

Stürmisches Geheimnis erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2007 by Sarah Morgan
Originaltitel: „A Bride for Glenmore“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe ROMANA
Band 1712 - 2007 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Trixi de Vries

Umschlagsmotive: Volodymyr TVERDOKHLIB / Shutterstock

Veröffentlicht im ePub Format in 12/2020 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751505031

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

 

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

 

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

1. KAPITEL

Die Fähre legte in den frühen Morgenstunden an.

Es war recht frisch an diesem Junitag, dunkle Wolken jagten über den Himmel. Umgeben von den anderen Fahrgästen, die ohne Auto an Bord gekommen waren, stand Ethan an der weißen Reling und wartete darauf, an Land zu gehen. Die kühle Brise zog spielerisch an seinem dunklen Haar und vermittelte einen Vorgeschmack auf das Wetter auf dieser einsamen schottischen Insel, das selbst im Sommer unbeständig war.

Trotz der frühen Stunde herrschte bereits reger Betrieb am Hafen. Die Leute kauften fangfrischen Fisch direkt von den einlaufenden Booten und unterhielten sich über Belanglosigkeiten. Von seiner Position oben auf der Fähre hatte Ethan einen guten Blick auf Cottages, ein Café, einen Souvenirladen und ein altmodisches Gemüsegeschäft mit kunstvoll arrangierten Gemüse- und Obstsorten, an denen kein Kunde achtlos vorbeigehen konnte. Eine kurvenreiche Straße führte vom Pier auf die Insel hinauf und verlief entlang der Küste, bis sie sich hinter einer Biegung Ethans Blicken entzog.

Er wusste auch so, wohin die Straße führte. Glenmore war ihm durch und durch vertraut, obwohl er zum ersten Mal den Fuß auf die Insel setzte.

Unwillkürlich ließ er eine Hand in die Sakkotasche gleiten und tastete nach dem Brief. Das hatte er schon unzählige Male getan, das Papier war inzwischen ganz zerknittert und die Schrift teilweise kaum noch lesbar. Das Lesen konnte er sich sparen, denn inzwischen kannte er den Inhalt auswendig.

Die Insel war so präzise und anschaulich beschrieben worden, dass sie ihm bereits vertraut war. Er meinte den eisigen Wind von den unwegsamen unwirtlichen Bergen zu spüren, die sich in der Inselmitte erhoben, und stellte sich vor, an der felsigen Küste spazieren zu gehen, die schon vielen Schiffen zum Verhängnis geworden war. In Gedanken hatte er im Segelboot den tiefen See überquert und war in der alten Burgruine herumgeklettert, die vor Jahrhunderten Schauplatz einer erbitterten Schlacht zwischen Kelten und Wikingern gewesen war. Glenmore konnte auf turbulente Zeiten und eine abwechslungsreiche Vergangenheit zurückblicken, was dem unbeirrbaren Freiheitsdrang der Inselbewohner zu verdanken war. Mit allen Mitteln hatten sie für ihre Unabhängigkeit gekämpft.

Freiheit – danach strebte doch jeder Mensch, oder? Jedenfalls war das einer der Gründe, warum Ethan auf die Insel gekommen war. Er musste den Fängen der Vergangenheit entkommen, die ihn schier zu ersticken schienen.

Am liebsten hätte er sofort den höchsten Berggipfel erklommen und sich anschließend in die eisigen Fluten des Atlantiks gestürzt. Vielleicht hätten ihm Tümmler Gesellschaft geleistet. Angeblich sollten sie sich in diesen Gefilden herumtreiben. Es war gut, dem Druck und den Erwartungen anderer Menschen zu entkommen. Doch das war nicht der eigentliche Grund für seinen Aufenthalt auf der Insel. Vielmehr war er hier, um etwas herauszufinden.

Er wollte Antworten auf seine Fragen erhalten.

Wenn es ihm auf dieser von wilder Schönheit geprägten einsamen schottischen Insel gefiele, wäre das umso besser.

Unvermittelt empfand Ethan ein tiefes Glücksgefühl, das ihn selbst überraschte.

Wohlmeinende Freunde und Kollegen hatten ihn für verrückt erklärt, als sie erfuhren, dass er sich auf einer abgelegenen schottischen Insel vergraben wollte. Hoch qualifiziert wie er war, hätte er nach Afrika mit all den medizinischen Herausforderungen zurückkehren oder wieder in dem renommierten Londoner Lehrkrankenhaus arbeiten sollen, in dem er seine Ausbildung erhalten hatte. Alle hatten zu bedenken gegeben, wie öde und langweilig das Inselleben sein würde. Nichts als eingewachsene Zehennägel, Krampfadern und alte Damen, die über die Plagen des Alters klagten. Spätestens nach einer Woche würde ihm die Decke auf den Kopf fallen.

Ein flüchtiges Lächeln huschte über Ethans markante Züge. Vielleicht sollten seine Kollegen recht behalten und sein Job würde ihn wirklich bald langweilen, doch in diesem Augenblick empfand er ein richtiges Hochgefühl.

Aber auch tiefe Trauer über einen unwiederbringlichen Verlust.

Tief atmete er die salzige Seeluft ein. Es wurde Zeit, die Fähre zu verlassen. Zeit, endlich anzufangen. Langsam löste er sich von der Reling, blieb aber gleich wieder stehen, als sein Blick auf ein großes schlankes Mädchen fiel, das sich einen Weg zwischen den Menschen am Kai hindurch bahnte, die auf das Andocken der Fähre warteten. Ihr Schritt war federnd und energiegeladen, als habe sie tausend Dinge zu erledigen, aber wenig Zeit. Freundlich grüßte sie nach links und rechts, wechselte einige Worte mit den Wartenden und setzte unbeirrt den Weg zur Fähre fort. Sie hatte langes Haar, das sie offen trug, ihr Lächeln war herzlich und freundlich, über eine Schulter hatte sie die Henkel einer großen Tasche gestreift. Anmutig wie eine Gazelle sprang sie jetzt auf die Gangway.

Als Mädchen konnte man sie eigentlich nicht mehr bezeichnen, sie war eine junge Frau von vielleicht Anfang zwanzig, die ausgesprochen lebendig und energisch wirkte.

Der Wind trug Wortfetzen zu Ethan herauf.

„Hallo, Kyla. Ohne Fahrkarte darfst du nicht an Bord.“ Ein breites Lächeln erhellte das wettergegerbte Gesicht des Kapitäns, als er auf die junge Frau zuschlenderte. Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange. In ihren Augen blitzte der Schalk.

„Ich will nur die Sachen abholen, die Logan auf dem Festland bestellt hat, Jim. Außerdem soll ich die Post und den neuen Doktor in Empfang nehmen.“

Ethan runzelte die Stirn. Kyla? Im Brief war von einer Kyla die Rede gewesen. Jetzt hatte er sie leibhaftig vor sich. Und sie war so wundervoll, dass er kaum den Blick von ihr abwenden konnte.

Der Kapitän hievte mit ölverschmierten Armen einen Sack an Land. „Den neuen Doktor?“

„Genau. Den haben wir auch auf dem Festland bestellt.“ Kyla bückte sich, um Jim mit dem schweren Sack zu helfen. „Hoffentlich taugt er was. Wenn nicht, schicken wir ihn postwendend zurück. Mein armer Bruder braucht dringend jemanden, der ihm in der Praxis hilft. Außerdem müsste er mal wieder eine Nacht durchschlafen.“

Jim musterte sie ungläubig. „Als Vater eines einjährigen Kindes kann er das wohl vergessen.“

Ethan beobachtete, wie Kylas hübsches Lächeln vorübergehend verflog. „Ach, das ist halb so wild. Meine Tante hat momentan ziemlich viel im Café zu tun, deshalb hat eine der Foster-Schwestern ihm in den vergangenen Wochen geholfen. Sie kann wirklich gut mit dem Baby umgehen. Das ist also kein Problem.“

„Noch nicht, aber warte, bis sie sich Hoffnungen macht und die Hochzeitsglocken läuten hört, wie alle Frauen, die mit deinem Bruder zu tun haben.“ Jim griff nach einem Paket und dem Postsack. „Hier sind die Sachen, Kyla. Du bist wirklich früh auf. Dabei kannst du doch erst spät ins Bett gekommen sein. Die Party gestern Abend hat richtig Spaß gemacht. Bleibst du morgens eigentlich nie länger im Bett liegen?“

Kyla verstaute die Post in ihrer Schultertasche und hob vorsichtig das Paket auf. „Wenn du jemanden für mich findest, mit dem es sich lohnt, länger im Bett zu bleiben, sag mir Bescheid, Jim. Bis es so weit ist, stürze ich mich lieber in die Arbeit. Jemand muss schließlich dafür sorgen, dass die Bewohner unserer Insel gesund und stark bleiben.“

„Du musst es nur sagen, wenn es dir in deinem alten Cottage zu einsam wird.“

Sie wollte ihm eine passende Antwort geben, wurde jedoch abgelenkt.

Erst einen Moment später wurde Ethan sich bewusst, dass es sein Anblick war, der sie abgelenkt hatte. Er selbst konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Ohne es zu merken, war er auf sie zugegangen, als würde er magisch von ihr angezogen. Diese plötzliche Erkenntnis beunruhigte ihn. Eigentlich hatte er seine Gefühle stets unter Kontrolle, insbesondere wenn es um Frauen ging.

Ungehalten über seine Reaktion sprach er Kyla kühl an. „Ich hörte gerade, dass Sie den neuen Doktor abholen wollen. Ich bin Dr. Walker. Ethan Walker.“ Gespannt beobachtete er sie und stellte dann erleichtert fest, dass sein Name ihr nichts zu sagen schien. Woher auch? Vielleicht würde er ihr seine Identität später verraten. Aber jetzt noch nicht, das würde seinen Aufenthalt auf der Insel nur unnötig komplizieren. Er brauchte Zeit, um sich einzugewöhnen und die Situation einzuschätzen.

Fasziniert beobachtete er, wie der Wind mit ihrem blonden Haar spielte und es ihr ins Gesicht wehte.

„Sie sind Dr. Walker?“ Der offene Blick, mit dem sie ihn abschätzte, spiegelte keine Spur von Schüchternheit oder Koketterie wider. Ethan wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihn postwendend zurück aufs Festland geschickt hätte, wenn ihr sein Anblick nicht gefallen hätte.

Eine seltsame Hitze breitete sich in ihm aus, und er rang sich ein Lächeln ab.

Für eine feste, tiefer gehende Beziehung war in seinem Leben kein Platz, daher vermied er sorgfältig alles, was dazu hätte führen können. Trotzdem hatte er einen Blick für weibliche Schönheit und fühlte sich von ihr angezogen.

Unter anderen Umständen hätte er der starken Anziehungskraft zwischen Kyla und ihm vielleicht mehr Beachtung geschenkt, doch eine Liebesbeziehung würde seine derzeitige Situation nur unnötig komplizieren.

Ethan versuchte, die überwältigende Reaktion seines Körpers zu analysieren. Es musste doch eine logische Erklärung dafür geben, dass er so unvermittelt verzehrende Lust empfand.

Natürlich war sie atemberaubend, aber er war mit Frauen von größerer Schönheit und Eleganz zusammen gewesen. Diese Bekanntschaften verbrachten den ganzen Tag damit, sich herauszuputzen, was man Kyla nicht gerade nachsagen konnte. Sie war von einer ungestümen Schönheit, das blonde Haar fiel ihr in ungebändigten Locken über die Schultern, und ihr Gesicht war ungeschminkt.

Doch sie hatte ein sehr gewinnendes Lächeln, und in ihren Augen blitzte die Lebensfreude. Sie wusste offensichtlich, was Glücklichsein bedeutete. Er hatte eine Optimistin vor sich, die das Leben in vollen Zügen zu genießen schien.

Als Ethan merkte, dass er sie noch immer starr anblickte, erinnerte er sich energisch an die Gründe, die ihn in den abgelegensten Winkel Schottlands geführt hatten. Weibliche Gesellschaft war darin nicht vorgesehen.

„Ich bin Kyla MacNeil, Logans Schwester.“ Sie klemmte sich das Paket unter den Arm und reichte Ethan die andere Hand. „Willkommen in Glenmore, Dr. Walker. Bitte kommen Sie mit, dann bringe ich Sie direkt zur Praxis und zeige Ihnen anschließend Ihr neues Zuhause.“

„Sie sind Logans Schwester?“ Erstaunt blickte er in ihre blauen Augen und versuchte, etwaige Ähnlichkeiten mit Logan festzustellen. „Er erwähnte seine kleine Schwester …“

„Das bin ich. Mit meinen fünfundzwanzig Jahren bin ich sechs Jahre jünger als er, also bin ich seine kleine Schwester. Wollen Sie nun meine Hand schütteln, Dr. Walker? Wenn nicht, ziehe ich sie zurück.“

Ethan konnte sich nicht erklären, wieso er dieser jungen Frau gegenüber so verlegen war. Er hatte doch Erfahrung mit Frauen … Schnell riss er sich zusammen, schüttelte ihre Hand und nickte dann Jim zu. „Vielen Dank fürs Mitnehmen. Wir sehen uns sicher mal wieder.“

„Wenn Sie der neue Doktor sind, würde ich Sie lieber nicht so bald wiedersehen, höchstens in der Kneipe oder wenn Sie die Insel verlassen.“ Jim machte den letzten Autos Platz, die über die Rampe von der Fähre fuhren. „Ich habe vor, gesund zu bleiben.“

„Apropos, wie kommst du mit deiner Diät klar?“ Kyla sah ihn fragend an, und Jim verzog das Gesicht.

„Seit du Maisie empfohlen hast, was ich essen soll, gibt es bei uns nur noch Fisch und Haferbrei. Kein Schinkenspeck, keine Eier. Und Käse habe ich zuletzt bekommen, als die Sonne mal schien. Das ist schon eine ganze Weile her. So macht das Leben keinen Spaß. Einen Vorteil hat die Sache allerdings: Logan ist sehr zufrieden mit meinen Cholesterinwerten. Seit ich das neue Medikament nehme, sind die Werte erheblich gesunken.“

„Ach ja, er hatte dir ein Statinpräparat verordnet. Freut mich, dass es wirkt. So, nun müssen wir aber los. Wenn ich mich nicht bald in der Praxis blicken lasse, wird Logan ungehalten. Pass auf dich auf, Jim. Für das Wochenende ist Sturm vorhergesagt.“

Jim wandte sich ab und beobachtete, wie der letzte Wagen über die Rampe rumpelte und auf den Hafendamm fuhr. „Glenmore wäre nicht Glenmore ohne Stürme.“

Kyla drehte sich zu Ethan um. „Haben Sie Ihren Wagen mitgebracht?“

„Ich war bis vor Kurzem im Ausland tätig und bin mit dem Zug gekommen. Mein Wagen wird aber heute noch geliefert. Ich habe die Praxisadresse angegeben.“

„Dann nehme ich Sie jetzt im Auto mit zur Praxis. Zu Fuß ist der Weg zu weit.“

Ethan nahm seinen Koffer in die andere Hand. „Kommen Sie, lassen Sie mich das Paket tragen.“

„Danke, wir schreiben jetzt zwar das einundzwanzigste Jahrhundert, aber ich weise nie eine ritterliche Geste zurück.“ Sie übergab ihm das Paket und schob die Träger ihrer Schultertasche zurecht. „Aber nicht fallen lassen, das ist der neue Defibrillator. Das Gerät hat eine Computerstimme. Wie ich meinen Bruder kenne, wird er sich mit dem Ding streiten, wenn es ihm Befehle erteilt.“

Gemeinsam gingen sie am Kai entlang zu Kylas Auto. Interessiert beobachtete Ethan, wie die junge Frau immer wieder angesprochen wurde.

„Hallo, Kyla.“ Eine ältere Frau überquerte die Straße, um mit Kyla zu reden. „Ich habe die Broschüre gelesen, die Sie mir mitgegeben haben. Sie wissen schon, was ich tun kann, um meine Knochen zu stärken.“

„Sehr gut, Mrs. Porter.“ Sie lächelte freundlich. „Alles in Ordnung?“

„Oh ja. Ich soll mich mehr bewegen und Gewichte heben. In die Turnhalle möchte ich in meinem Alter nicht mehr gehen, daher habe ich leere Milchflaschen mit Wasser gefüllt und benutze sie als Gewichte.“

„Das ist ja genial! Sollten Sie noch Fragen haben, finden Sie mich jederzeit in der Praxis, dort können wir uns in Ruhe unterhalten. Denken Sie bitte auch daran, Evanna nach dem Fitnesskurs zu fragen.“

Kaum hatten sie sich wieder auf den Weg gemacht, wurde Kyla erneut aufgehalten – dieses Mal von einem Fischer, der gerade sein Netz entwirrte. „Schwester MacNeil, bei mir müssen die Fäden gezogen werden.“

„Wie fühlt sich Ihr Bein denn an?“

„Es tut weh.“

Sie nickte verständnisvoll. „Das war ja auch ein ziemlich tiefer Schnitt. Sie müssen das Bein hochlegen, wenn Sie sich ausruhen. Schauen Sie am Freitag in der Praxis vorbei, dann ziehe ich die Fäden und sehe mir das Bein noch mal an. Wenn Sie Antibiotika brauchen, rede ich mit Logan.“

Sie ging weiter, wobei sie allen freundlich zunickte, lange Gespräche jedoch vermied.

Ethan bewunderte insgeheim, wie freundlich, fast herzlich die Inselbewohner miteinander umgingen. In London wäre das unvorstellbar. Dort sah jeder stur geradeaus und kümmerte sich nur um seine eigenen Angelegenheiten. „Sie scheinen hier wirklich jeden zu kennen.“

„Wir leben hier auf einer Insel, Dr. Walker. Da kennt jeder jeden.“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn und musterte ihn fragend. „Haben Sie damit ein Problem?“

„Warum sollte ich?“

„Weil Sie ein Städter sind und das Leben in einer großen seelenlosen Stadt nun einmal anonym ist. Manchen Menschen gefällt das. Nicht jeder ist darauf erpicht, dass seine Nachbarn alles über ihn wissen.“

Ein Städter.

Ethan dachte an die Orte, an denen er bisher gearbeitet hatte. An den Staub, die Hitze, das menschliche Elend. Sie hatte ja keine Ahnung! Oh ja, er hatte auch Anonymität kennengelernt. So in der Art: Man rief, und keiner antwortete.

Kyla beschleunigte ihren Schritt, nickte einer älteren Frau zu und blieb dann stehen, um einem Kleinkind im Kinderwagen übers Haar zu streichen. „Es ist kaum zu glauben, dass er schon zwei Monate alt ist, Alice. Denk dran, ihn zum Impfen in die Praxis zu bringen.“ Im Weitergehen zog sie ihren Autoschlüssel aus der Jackentasche.

„Anonymität ist eine Sache“, sagte Ethan. „Aber was ist, wenn Sie freihaben? Wie schalten Sie ab und halten die Leute auf Distanz?“

„Eigentlich respektieren die Menschen hier, dass man auch ein Privatleben hat. Wenn ich Lippenstift aufgelegt habe, hochhackige Schuhe trage und ein Glas in der Hand halte, wissen sie, dass sie mich besser nicht auf ihre Krankheiten ansprechen sollten. Natürlich kennt hier jeder jeden, und das hat seine Vor- und Nachteile, je nachdem, wie man gestrickt ist und was man gerade tut. Wenn Sie nicht aufpassen, halten Sie an jeder Straßenecke eine Sprechstunde ab. Meistens macht mir das nichts aus, aber manchmal lege ich auch Wert auf mein Privatleben. So, nun müssen wir uns aber beeilen. Zur Praxis brauchen wir zehn Minuten mit dem Auto. Sie liegt im Dorf.“

Ethan sah sich erstaunt um. „Ich dachte, das hier sei das Dorf.“

„Nein, Dr. Walker, das ist der Hafen. Die Leute wohnen über die ganze Insel verteilt, was wirklich zum Schreien ist, wenn man einen dringenden Hausbesuch machen muss. Aber das werden Sie selbst bald merken.“ Sie blieb vor einem dunkelvioletten Kleinwagen stehen. „Steigen Sie ein! Wir fahren zuerst zur Praxis. Dort wartet mein Bruder schon auf Sie, dann bringe ich Sie zu Ihrem Cottage, bevor die Sprechstunde anfängt.“

„Das ist Ihr Wagen?“ Ungläubig betrachtete er das winzige Gefährt und erntete einen missbilligenden Blick von Kyla.

„Wagen Sie ja nicht, eine abfällige Bemerkung über die Farbe zu machen. Ich hänge sehr an meinem Auto. Sie sollten sich ebenfalls mit ihm anfreunden, Dr. Walker. Ohne meinen Wagen müssten Sie jetzt mit Ihrem Gepäck zu Fuß den Berg hinaufsteigen.“

Obwohl ihre Bekanntschaft erst wenige Minuten währte, war Ethan sich bewusst, dass Kyla eine warmherzige Frau mit hitzigem Temperament war. Diese Mischung faszinierte ihn. Zum ersten Mal seit Monaten musste er sich ein vergnügtes Lächeln verkneifen. „Sie werden es nicht glauben, aber knalllila ist meine Lieblingsfarbe“, behauptete er.

„Sehr komisch.“ Sie funkelte ihn an, musste dann aber doch lachen. „Na schön, ich sage Ihnen die Wahrheit: Ich habe das Auto auf dem Festland zu einem Spottpreis erworben. Offensichtlich mochte niemand sonst die Farbe.“

„Was Sie nicht sagen!“

„Sparen Sie sich Ihren Sarkasmus, Dr. Walker. Der Kofferraum ist offen, falls Sie Ihren Koffer loswerden wollen.“ Sie glitt hinter das Steuer, und Ethan gelang es irgendwie, das Gepäckstück in dem winzigen Kofferraum zu verstauen. Unter schmerzhaften Verrenkungen zwängte er seine hundertneunzig Zentimeter Körperlänge dann auf den Beifahrersitz.

„Die Farbe mag grässlich sein …“, murrte er leise, als er die Tür zuzog, „… aber wenigstens ist das Auto geräumig.“

„Beleidigen Sie etwa meinen Wagen?“ Sie sah ihn von der Seite an und lachte schallend. „Sie sehen vielleicht komisch aus.“

„Das Auto ist komisch, nicht ich.“

„Mit dem Wagen ist alles in Ordnung, aber Sie passen nicht hinein.“

„Wem sagen Sie das?“ Verzweifelt versuchte Ethan, es sich etwas bequemer zu machen. Vergeblich. Mit den Knien unterm Kinn saß er zusammengezwängt neben Kyla. „So geht es einigermaßen. Sie können losfahren. Wir sind hoffentlich bald da, sonst brauche ich am Ende der Fahrt eine Krankengymnastik. Aber so etwas gibt es auf dieser einsamen Insel sicher nicht.“

„Haben Sie eine Ahnung. Glenmore ist zwar etwas abgelegen, hat aber viele Einwohner. Für Krankengymnastik ist Evanna zuständig. Sie versteht sich sehr gut aufs Massieren, und mit schreienden Säuglingen und wehleidigen Erwachsenen kann sie auch gut umgehen.“ Sie ließ den Motor an, sah in den Rückspiegel und fuhr in halsbrecherischem Tempo die Küstenstraße entlang.

„Evanna?“ Ethan fragte sich, wie so ein winziges Auto so schnell fahren konnte. „Den Namen haben Sie vorhin schon mal erwähnt. Ist das die andere Krankenschwester und Arzthelferin?“

„Ja. Wir haben verschiedene Aufgabenbereiche. Evanna ist auch als Hebamme ausgebildet und ist zudem für Krankengymnastik zuständig. Wir bemühen uns, möglichst viele medizinische Bereiche abzudecken, damit die Inselbewohner nicht wegen jeder Kleinigkeit aufs Festland müssen.“

Durch das Seitenfenster sah Ethan die Küste nur so an sich vorbeifliegen und erhaschte einen flüchtigen Blick auf felsige Buchten und Sandstrände. Die Insel hatte eine wechselvolle Geschichte hinter sich, wie er sich erinnerte, und zahlreiche Schiffswracks lagen verstreut auf dem Meeresgrund.

Geistesabwesend betrachtete er das Meer. Er hatte so viele Fragen, wagte jedoch nicht, sie zu stellen, aus Furcht, er könnte dabei zu viel von sich preisgeben. Stattdessen wandte er den Kopf und musterte Kylas Profil. Sie hatte eine leicht nach oben gebogene Nase und lange dichte Wimpern. Eigentlich sehr niedlich, dachte er. In ihrem Gesicht spiegelte sich wider, dass sie ein glücklicher Mensch war. Er konnte weder Fältchen noch Schatten entdecken. Offenbar war sie mit sich und der Welt zufrieden.

„Starren Sie mich bitte nicht so an, Dr. Walker. Das macht mich nervös beim Autofahren.“

„Okay, dann werde ich jetzt lieber geradeaus schauen.“ Er lächelte matt. „Zumal diese schmale Küstenstraße dicht am Klippenrand entlangführt. Da will ich Sie lieber nicht ablenken.“

„Ich wohne schon seit meiner Geburt auf der Insel und kenne auf dieser Straße jede einzelne Bodenwelle. Übrigens bin ich so eine Art Mädchen für alles. Ich arbeite als Ernährungsberaterin, bin auf die Behandlung von Asthma und Diabetes spezialisiert, mache Schwangerschaftsberatung, momentan allerdings mit wenig Erfolg, die Bevölkerungszahl schrumpft zurzeit. Wenn jemand mich um die Pille bittet, lehne ich ab und empfehle, mehr Sex zu haben, um so vielleicht die Geburtenrate zu erhöhen. Wir brauchen viele Babys, sonst wird möglicherweise die Praxis geschlossen und die Schule gleich mit.“

Ethan lachte amüsiert. „Das ist ja ein ganz neuer Ansatz zur Familienplanung. Ist das Ihr Ernst? Besteht wirklich die Gefahr, dass die Schule geschlossen wird?“

„Nein, noch nicht.“ Lächelnd warf sie ihm einen schnellen Seitenblick zu. „Eigentlich florieren die Geschäfte auf der Insel, wir können uns nicht beklagen. Aber die Einwohnerzahl ist rückläufig. Das ist typisch für das Leben auf dem Land. Es ist den Menschen zu anstrengend. Sie wollen lieber in einer Großstadt wohnen. Wer die Insel einmal verlassen hat, kehrt in der Regel nicht zurück, sondern heiratet auf dem Festland und bekommt dort seine Kinder.“

Sie wechselte den Gang und raste in beängstigendem Tempo um die nächste Kurve.

„Fahren Sie immer so schnell?“

„Ich mache alles schnell. Dann schaffe ich nämlich doppelt so viel an einem Tag, was auf dieser Insel nur von Vorteil ist. Jetzt haben wir aber genug von mir geredet. Wovor laufen Sie weg, Dr. Walker?“

Angespannt wandte er sich ihr zu. „Wie kommen Sie darauf, dass ich vor etwas weglaufe?“

„Weil Menschen vom Festland nicht unbedingt hier in der abgelegenen Wildnis ihren Sommer mit Arbeit verbringen“, erklärte sie fröhlich. „Sie kommen her, um Abstand zu gewinnen und sich neu zu orientieren. Laufen Sie vor der Arbeit davon oder vor einer unglücklichen Liebe?“

Ethan dröhnte der Kopf. Natürlich hatte er erwartet, dass man ihm Fragen stellen würde. Aber doch nicht sofort! Er hatte sich noch gar keine Antworten zurechtgelegt. „Sind Sie immer so direkt?“

„Auf einer Insel kann man kein Geheimnis bewahren.“ Sie öffnete das Seitenfenster einen Spalt, und die Brise wehte herein und ließ ihr Haar flattern. „Daher sollten Sie lieber gleich mit der Wahrheit herausrücken.“

Ethan blickte sie starr an, bevor er sich abwandte und aus seinem eigenen Seitenfenster sah. Wenn er ihr sein Geheimnis verriete, würde sie wahrscheinlich sofort anhalten und ihn von den Klippen stoßen. „Ich diskutiere mein Sexleben nicht“, sagte er daher nur ausweichend.

„Gut. Aber danach hatte ich auch gar nicht gefragt. Es geht um Ihr Liebesleben.“