Dietrich von Bern-Forum
Verein für Heldensage und Geschichte e.V.

(Herausgeber)

Forschungen zur Thidrekssaga

Untersuchungen zur Völkerwanderungszeit
im nördlichen Mitteleuropa

Band 8

Hammerschmied (Hüttenmann)

Der Sage nach Wielands Bruder Slagfidr (Schlagfeder)
In der Eifel und im Sauerland: Reidemeister
In Siegen heißt er Frieder

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

vor allem für Leser, die bisher noch keine Verbindung mit dem „Dietrich von Bern-Forum“ oder dem BERNER hatten

Schatzsucher haben es selten leicht. Meist ist das, was sie suchen, versteckt und nur schwer zugänglich. Manchmal aber stößt man auch auf Schätze vor der eigenen Nase. Man muss nur die Augen offen halten und vielleicht zum zweiten Mal und nun genauer betrachten, was man schon längst einmal gesehen hat, und man merkt dann plötzlich, dass man einen „Schatz“ vor sich hat.

Der Lesestoff in diesem Band – und damit der Ort, wo hoch interessante „Wissens-Schätze“ zu finden sind – steht bereits in den Bücherschränken wenigstens etlicher Mitglieder unseres Vereins, vor allem, wenn sie ihm schon lange angehören und damit die kleine bescheidene Zeitschrift DER BERNER beziehen – und wenn sie diese Hefte aufgehoben haben. Denn der größte Teil der Beiträge in diesem Buch sind Nachdrucke von Aufsätzen aus älteren und neueren Heften dieser Zeitschrift.

Doch der eigentliche Fundort der „Wissens-Schätze“, um die es hier geht, liegt wiederum in anderen schriftlichen Quellen, die nun allerdings viele hundert Jahre alt sind, wenigstens ihre schriftliche Fixierung. Sie wurden meist in den Aufsätzen im BERNER behandelt. Und der wahre Ursprung dieser älteren Quellen liegt sogar noch etliche weitere Jahrhunderte zurück und reicht tief in die Zeit hinein, da man noch nicht schreiben konnte und wichtiges Wissen für künftige Generationen nur auf mündlichem Wege überliefern konnte, dem sogenannten „oralen Zeitalter“.

Es handelt sich um die „Sagen“ aus alter Zeit, die „Heldensagen“ (nicht die Dorf- oder Ungeheuer-Sagen). Für das Gebiet des nördlichen Mitteleuropa sind solche Heldensagen in einem dicken Manuskript aus dem 13. Jahrhundert erhalten, das in nordischer (altnorwegisch/isländischer) Sprache geschrieben ist, die sogenannte „Thidrekssaga“. Doch ist diese „Sage“ nur eine Übersetzung aus der alt-nieder deutschen Sprache; allerdings ist ein Text in dieser Sprache schriftlich nicht erhalten.

Für Philologen („Alt-Skandinavistiker“, „Alt-Germanisten“) dürfte es eine Überraschung sein, dass auch die berühmte „Edda“ aus Island im Grunde ebenfalls Vieles aus dem Gebiet des späteren Deutschland und dessen früher Kulturgeschichte berichtet, doch wurde das trotz 200 Jahren wissenschaftlicher Erforschung bisher kaum erkannt.

Der Verein, der als Herausgeber dieses Buches fungiert, widmet sich seit dem Jahr 2000 der Erforschung des „Rätselbuches Thidrekssaga“. Das betrifft keineswegs nur seinen Text, sondern vor allem auch sein historisches Umfeld, nämlich das reale Leben der Menschen im nördlichen Mitteleuropa in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitwende, soweit man dazu etwas aus den Sagen entnehmen kann. Doch auch andere ähnliche „Sagen-Texte“, wie etwa die nordische Edda oder das angelsächsische Beowulf-Epos, wurden und werden immer wieder von Autoren behandelt, die für unseren Verein schreiben.

Dieser Verein, das „Dietrich von Bern-Forum – Verein für Heldensage und Geschichte e.V.“, hat einen wichtigen Vorzug gegenüber der herkömmlichen Form der Erforschung so alter Texte. Für die Forscher in unserem Verein gelten nicht die strengen Grenzen zwischen den Fakultäten an den Universitäten, vielfach sogar zwischen einzelnen Fächern innerhalb der Fakultäten (z.B. Historiker, Philologen – und hier wieder Alt-Germanisten, Indogermanisten, Sprachwissenschaftler usw.) Auch spielen für uns alte akademische „Dogmen“ oder „Tabus“ keine Rolle. Hier können, wie auf einem offenen Markt („Forum“) auch Ansichten veröffentlicht werden, die der „herrschenden Meinung“ im (akademischen) Fachgebiet total widersprechen.

Zum Interessenfeld der herkömmlichen philologischen Forschung an deutschen oder europäischen Universitäten gehörten (und gehören!) die Themen, die in diesem Band behandelt werden, allerdings ohnehin nicht. Was haben die ehrwürdigen „Göt tersagen“ voller geheimnisvoller Mythen, wie sie etwa in der „Edda“ niedergeschrieben worden sind, mit so profanen Dingen wie der Arbeit der Schmiede zu tun…?

Die Autoren, die in unserem Mitteilungsblatt DER BERNER zu Wort kommen, sind (fast) alle „Hobby-Forscher“, allerdings mit höchst beachtlichem speziellen Wissen auf ganz bestimmten Fachgebieten „nicht-philologischer“ Art. Das geht den akademischen Forschern zur „Edda“ und anderen nordischen oder germanischen Sagen-Texten, auch der „Thidrekssaga“, zumeist ab.

Die Erforschung der Geschichte der Technik, speziell des Bergbaus und der Kunst der Eisen-Gewinnung und Verarbeitung, lag bisher auch nicht im Vordergrund des Interesses der Autoren, die Aufsätze im BERNER veröffentlicht haben. Doch, wie erwähnt, stand dem auch kein „Tabu“ seitens unseres Vereins entgegen.

Seit 2014 gibt es jedoch einen eigenen Arbeitskreis innerhalb des Vereins, der sich bemüht, die Rätsel der „Montanwirtschaft“ in unserem Land seit der Zeit der Römer – wenn nicht noch früher – bis zum Einsetzen schriftlicher Quellen im Mittelalter aufzuklären. Das soll geschehen durch gezielte Auswertung der eben erwähnten alten Texte, aber auch durch Heranziehen von Erkenntnissen der Archäologie, der Sprachwissenschaft, der Regionalforschung, der Ortsnamen-Kunde, der Geologie, dem modernen Geografischen Informations-System und anderer Wissenschaften. Vielfach leben diese akademischen Fächer bis heute bewusst „an einander vorbei“ und tragen somit nicht zu übergreifendem Wissen bei.

Vielleicht fällt es auch eher „Nicht-Philologen“ auf, dass die einzelnen germanischen Sprachen, die man aus früher Zeit kennt – etwa das Gotische oder das Alt-Isländische, das Angelsächsische, das frühe Dänische oder die Mundarten der Germanen südlich der Nordsee - bis ins frühe Mittelalter enger mit einander verwandt und sich sehr ähnlich gewesen sein müssen, als die Sprachwissenschaft zuzugeben bereit ist.

Es gab damals nur wenige Menschen, die mit diesen Sprachen „gestaltend umgingen“ und in ihren Köpfen die alten mündlichen Erzählungen aufbewahrten, nämlich die Dichter/Sänger, „Skops“ (im Norden „Skalden“) genannt. Sie aber scheinen recht gut über das Bescheid gewusst zu haben, was sowohl in Skandinavien, im (germanischen) Norddeutschland oder im (inzwischen von Germanen als Herren übernommenen) Britannien vor sich ging, oder besser, was von ihren Kollegen „jenseits des Meeres“ davon erzählt wurde.

Gleich wo diese Skops lebten, haben sie in ihren Köpfen das Wissen auch ihrer Kollegen bewahrt und für ihre eigenen Erzählungen benutzt. Denn diese Sänger und zugleich Dichter waren in ihrer Zeit das, was heute Bücher, Zeitungen, Fernsehen und andere Institutionen leisten: sie lieferten den wenigen Menschen, die nicht ausschließlich Bauern waren (und die daher das alles nicht interessierte), das Neueste aus der Welt, aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart, indem sie davon „Sagen“ erzählten.

Ihre Zuhörer waren auch nur wenige. Es waren die Häuptlinge oder Könige mit ihren Familien und „Mannen“ (Kriegern) auf den Adelshöfen, aber auch die Kaufleute, unentbehrlich als Überbringer hoch begehrter Waren und vor allem auch wichtiger Informationen über die nahen und fernen Nachbarn in einer Zeit, da man ja keine andere Form der Nachrichtenübermittlung kannte.

Und noch eine Gruppe von Menschen dürfte an den Lippen der Skops gehangen haben: das waren die Bergleute und die Schmiede, die „Handwerker“, die aus bestimmten Steinen im Berginneren Erzklumpen holten und es in Eisen und dieses in „schneidende“ Schwerter aus Stahl „verzaubern“ konnten. Denn für die Masse der Menschen waren diese komplizierten Vorgänge noch bis vor anderthalb Jahrtausenden so etwas wie Zauberei. Für diese kleine, aber ungeheuer wichtige Berufsgruppe waren die Lieder der Skops, die manchmal gerade für sie wichtige Themen behandelten, keine Rätsel, sondern leicht verständliche und leicht ins eigene Gedächtnis aufzunehmende „Betriebsanleitungen“.

Nur für uns heutige Deutsche müssen diese „Lügengeschichten“, als die sie uns erscheinen, nach ihrem wahren Sinn hinterfragt werden.

Denn nie fiel es den Skops ein, ihre Lieder in banaler „Alltagssprache“ vorzutragen. Stets mussten Götter aus dem germanischen Asen-Himmel, Riesen, Ungeheuer oder wenigstens große Helden die Hauptpersonen ihrer Erzählungen sein (und nicht etwa simple Schmiede!). Und bestimmte Worte (vor allem in den altisländischen Texten die sogenannten „Kenningar“) bedeuteten völlig Anderes als im normalen Leben. Aber wer einst die Lieder der Skops öfter gehört hatte, wusste, was damit wirklich gemeint war. Wir wissen das nicht, und die gelehrten Übersetzer der alten Texte in heutiges Deutsch haben es vielleicht auch nicht gewusst, oder wenigstens hielten sie es nicht für nötig, den modernen Lesern ihrer Übersetzungen das näher zu erklären.

Doch wenn man hinter den wirklichen Kern vieler dieser „Heldenlieder“ kommt, beginnt man zu verstehen, dass etwa „Wasserungeheuer“ nichts anderes als Zuflussbäche für Wassermühlen sind, „steinerne Riesen“ frühzeitliche „Hochöfen“, „Mjölnirs Hammer“ ein von einem Wasserrad getriebener „Aufwerfhammer“ und vieles andere mehr. Der Erklärung vieler dieser Begriffe dienen die Texte, die den umfangreichen Teil I dieses Bandes bilden. Ihr Autor Karl Mebold ist selbst auch erst in den letzten Jahren schrittweise auf mehreren „Reisen“ durch die Sagentexte auf den „Hintersinn“ vieler „Lügengeschichten“ gestoßen.

Es gibt aber auch manche Hinweise auf die Menschen, die in dieser Frühzeit der Metallverarbeitung sich damit beschäftigten. Das waren nämlich keineswegs irgendwelche Bauern, die durch Zufall zu ihrem neuen „Job“ gekommen waren, sondern offenbar Spezialisten aus ganz bestimmten Völkern, und zwar wohl viele davon mit sehr bezeichnender (geringer) Körpergröße. Waren es „Zwerge“, die einst die ersten Stollen in die Berge hämmerten und das Erz herausholten? Die unendlich vielen Sagen von „schmiedenden Zwergen“ aus vielen deutschen Landschaften – sind sie reine Phantasie-Erzeugnisse? Von den Menschen in der frühen Technik berichten die Aufsätze, die im Teil II zusammengestellt sind.

Schließlich dürfte viele Leser auch interessieren, wo sich in der Realität der Landschaft in Norddeutschland – vielleicht auch in Skandinavien? – solche frühen Schmiedefeuer nachweisen lassen. Die im Teil III – Orte gesammelten Aufsätze beschäftigen sich damit.

Die meisten dieser Aufsätze wurden einst von ihren Autoren „isoliert“ verfasst und auch so gelesen. Man nahm sie zur Kenntnis, doch weder der Autor noch die Leser konnten ahnen, dass es noch ganz andere, dazu passende Erkenntnisse geben könne.

Wie erwähnt, war bisher auch bei den Autoren unseres Vereins kein spezielles Interesse an der frühen Technik zu verzeichnen. Aber unter den vielen hundert Aufsätzen, die dieser Verein bisher auf weit über 5000 Seiten veröffentlicht hat (in der Zeitschrift DER BERNER und in bisher 7 Bänden „Forschungen zur Thidrekssaga“) fanden sich doch immer wieder Beiträge, die mit dem Thema dieses (8.) Forschungsbandes zu tun hatten. Und die Zusammenstellung mit anderen dazu passenden – und ebenfalls bereits veröffentlichten – Forschungen, wie sie in diesem Band versucht wird, öffnet das Auge für einen „zweiten Blick“.

Vor allem die wegweisenden Beiträge von Karl Mebold (im Teil I dieses Bandes) verdienten es, nach ihrer ersten Veröffentlichung in den Heften des BERNER noch einmal abgedruckt zu werden. Denn zu ihnen gehören Illustrationen, die der Autor in unübertroffener Weise selbst erstellt hat; er ist von Beruf u.a. Kunsterzieher! In der Zeitschrift DER BERNER musste beim beschränkten Platzangebot mit jeder Seite gespart werden; in dem hiermit vorgelegten Buch war das nicht nötig. Erst mit der Erklärung durch die Zeichnungen werden viele der „Lügengeschichten“ verständlich, die der Verfasser dem Leser erklärt.

Dieser „zweite Blick“, nun in einem Umfeld, das plötzlich Querbezüge zu allen möglichen plausiblen Erklärungen anderer Autoren und anderer historischer Vermutungen erkennen lässt, zeigt, dass hier offensichtlich ein Wissens-Schatz liegt, der – zusammen genommen! – ein „Aha-Erlebnis“ für jeden historisch interessierten Leser ermöglicht. Da öffnen sich plötzlich Einblicke in die Frühzeit der Eisenverarbeitung, in eine Zeit, von der man bisher glaubte, eigentlich überhaupt nichts zu wissen!

Damit soll nicht behauptet werden, nunmehr seien alle Rätsel gelöst und die neue, sich anbietende Erklärung sei die einzig Richtige! Beim Lesen der Beiträge in diesem Band wird ein aufmerksamer Leser feststellen, dass auch in ihm immer noch zahlreiche Widersprüche und neue ungeklärte Fragen auftauchen. Wie sollte das auch anders sein bei nur sehr indirekten (schriftlichen) Berichten über eine Zeit, in der man noch nicht schreiben konnte!

Aber immerhin, vielleicht ergeben die vielen gut erklärten „Wissens-Splitter“, die in diesem Band zusammen getragen worden sind, doch so etwas wie eine neue „Schicht des realen Wissens“ über die Technik der Eisen-Gewinnung und -Verarbeitung aus Zeiten, da die Menschen noch nicht schreiben konnten!

Mit dem Beitrag von Dietrich Bauer im Teil III überschreitet der herausgebende Verein eine gewisse (bisher) selbst gesteckte Grenze: nämlich im Wesentlichen aus den alten „Heldensagen“ die Realität der Zeiten vor 1500 Jahren und mehr zu enträtseln. Doch er tut das gerne, weil den Verantwortlichen klar ist, dass die in akademischen Kreisen übliche Scheu vor dem Überschreiten der Grenzen der alten Spezialwissenschaften (Geschichte, Archäologie, Sprachwissenschaft, Sagenforschung, Geographie,…) keinesfalls mehr zum Fortschritt des Wissens beitragen kann, sondern nur eine übergreifende Sicht.

Wir hoffen, dass dieser Band der „Forschungen zur Thidrekssaga“ ausnahmsweise auch zahlreiche Interessenten erreicht, die sich bisher nicht besonders für Sagenforschung interssierten, aber gerne wüssten, wie vor tausend oder mehr Jahren Metalle aus der Erde geholt und verarbeitet wurden. Denn das hat so sehr den zivilisatorischen Fortschritt der Menschheit befördert. Vielleicht hat der eine oder andere Leser dieses Bandes Lust, sich an weiteren Forschungen zu beteiligen.

Als Herausgeber: Der Vorstand des „Dietrich von Bern-Forums – Verein für Heldensage und Geschichte e.V.“

Als Bearbeiter dieses Bandes: Dr. Reinhard Schmoeckel

I.

Metallum

Die harte Wahrheit hinter uralten Lügengeschichten

Sechs „Reiseberichte“ über die Aufdeckung technologischer und montanwirtschaftlicher Geheimnisse in frühen europäischen Erzählungen, Sagen und Märchen

Von Karl Mebold

Vorweg gesagt

Die hier vorgelegten „Sechs Berichte über Reisen“ “ sind entstanden aus Schriftfassungen von Manuskripten für Vorträge zum Thema „Sagen und Märchen – mit der Montan-Brille gelesen“, die der Verfasser auf verschiedenen wissenschaftlichen Tagungen des „Dietrich von Bern-Forums – Verein für Heldensage und Geschichte e.V.“ in den letzten zwei Jahren gehalten hat. Die Schriftfassungen sind anschließend größtenteils im Mitteilungsblatt des Vereins DER BERNER (vierteljährlich erscheinend) abgedruckt worden. Diese Abdrucke wurden für die Zusammenfassung in diesem Band, so weit nötig, nochmals leicht überarbeitet.

Neben dem Zentralthema der Vortragsreihe, der sowohl in der Geschichtsschreibung wie auch in der Sagenforschung oft vernachlässigten Technik- und Wirtschaftsgeschichte, ist das spannungsreiche Verhältnis zwischen mündlicher Erzählkultur und klerikaler Schriftkultur ein wesentlicher Erkenntnisgegenstand dieser Arbeit.

Das dritte thematische Zentrum der Untersuchung ist die Metaphorik. Eine Metapher ist die bildhafte Beschreibung eines Sachverhalts, die Ersetzung eines Begriffs durch einen anderen Begriff, den man meistens kennen muss, um das „Angedeutete“ zu verstehen. Metaphern sind in der Sprache der alten Sagen ein häufig vorkommendes Sprachmittel, um reale, nüchterne Sachverhalte in aufregende Umschreibungen zu verpacken (statt „Herd“ z.B. „Waldverschlinger“ = „Verbraucher von Holz“ zu sagen). Bildhaftmetaphorisches Sprechen und dadurch bewirktes „Bilder-Hören“ sind meines Erachtens Gründe für das Verschwinden von Stoffen wie Mechanik, Technik, Wirtschaft aus den alten Erzählungen, jedenfalls in der uns heutigen Lesern von Übersetzern und anderen Universitätsgelehrten vorgelegten Form. Die Rückabwicklung fehlgedeuteter Sprachbilder ist daher ein Weg, die Rätsel der Sagensprache aufzulösen.

Die Urstoffe der hier durchforsteten Erzählungen (auch das Wort „durchforstet“ ist hier eine Metapher!) wurzeln in nicht mehr gesprochenen Mundarten und in schriftloser Vorzeit. Die uns überlieferten Texte sind nach mehrfacher Übersetzung aus (oft fehlerhaften!) Abschriften entstanden. Daher gehe ich von der Annahme aus, dass besonders bei der Weitergabe von technologischen Informationen aus der Epoche der Mündlichkeit (Oralität) in die Schriftkultur ein „Schlupf“ stattgefunden hat, ein Übertragungs- und Sinn-Verlust, der von der frühen Abschreibern (und deren Abschreibern!) nicht wieder einzuholen war. Jedes Kind kennt dieses Phänomen als „Stille Post“.

Auch die von mir vorgelegten Forschungsberichte sind in Wahrheit mehr Erfahrungsberichte, mehr Erzählung als nüchterne, wissenschaftliche Forschung. Sie sind Verschriftungen von ursprünglich „oralen“, d.h. interaktiven und dialogischen Veranstaltungen, nämlich meinen Vorträgen vor interessierten Zuhörern, nicht nur bei den Tagungen des „Dietrich von Bern-Forums“. Denn diese Vorträge waren für mich ein „performativer Lernprozess“ (ein Lernprozess, der sich zugleich mit dem Vortrag in mir selbst vollzog). Er führte zu immer wieder verblüffenden „Aha-Erlebnissen“ auch beim Vortragenden selbst. Schriftlich sind solche „Ahas“ schwer zu vermitteln, weil die „Entdeckungsreisen“ im „Reich des Sprechens“ stattfanden.

Ich habe meine Forschungen in sechs „Berichte“ oder sechs „Reisen“ gegliedert. Damit folge ich dem Wortgebrauch der alten Stahlschmiede, die von „Hütten- oder Hammer-Reisen“ sprechen, wenn ihre Werke laufen und die Räder drehen. Denn letztendlich erzähle ich hier in 27 Kapiteln vom Einem, der auszieht, um Drachenrätsel zu lösen, der aber bei Niederschrift von Reisebericht 1 nicht wissen kann, welche Erkenntnisse ihm die Reisen 2 bis 6 bringen werden.

In frühmittelalterlichen Verschriftungen alter Erzählungen, z. B. im Beowulf-Epos, sind die Spuren ursprünglicher Mündlichkeit selbst in modernen Übersetzungen noch erkennbar. Das zu wissen, erleichtert die Text-Rezeption, also das verstehenden Lesen. Im hier vorgelegten Buch beitrag ist das „Rätsellösende“ z.B. im Vor und Zurück der imaginierten Dialoge, in Sprüngen und Wiederholungen, (die in Wahrheit Vertiefungen sind) und in der Gliederung des Ganzen in sechs Reisen ablesbar. Dazu gehört, dass die Sagen-Texte von der Sagen-Deutung unterscheidbar sind. Im Schriftbild wird das behelfsweise durch den Wechsel der Schriftart sichtbar: Die (ursprünglichen) Erzählungen sind kursiv, Deutung und Diskurs in „Normal“-Schrift gesetzt.

Wir steigen mit der Analyse da ein, wo nach meiner Überzeugung Technik und Montanwirtschaft in Sprach bildern ihren Ausdruck finden. Anders ausgedrückt: zum Beispiel das Rätsel des Nibelungen hortes, die Geheimnisse seiner Beschaffenheit, Größe und Lage ist nicht in den Wäldern (oder im Rhein oder wo auch immer!), sondern in der Sprache der alten Dichtungen aufzulösen. Die Wahrheitssuche hat Prozess charakter, als gäbe es den ständigen Austausch und direktes Feedback auch zwischen Autor und Leser, das heißt: manchmal dauert’s! Es macht aber Spaß und kann spannend sein, die Geheimnisse rätselhafter Sagen-Episoden schritt weise aufzudecken. Diese Entdeckerfreude soll im Buch erhalten bleiben.

Leider kann dieses Buch kein Sagen-Vorlese buch sein. Die Dichtungen in ihrer kunstvoll durch-komponierten Sprachgestalt sind meist arg verkürzt wiedergegeben. Dem Leser, der aktiv und reflektiv an den „Entdeckungsreisen ins Reich der Sagensprache“ teilnehmen will, empfehle ich die folgende Primär literatur zu lesen:

GRIMM, Haus- und Kindermärchen, speziell „Der junge Riese“ und Das tapfere Schneiderlein“.

EDDA, Heldenlieder und Prosa-Edda, Empfehlung: Marix-Verlag Wiesbaden 2004, Herausgeber M. Stange

BEOWULF, Reclam Nr. 18303 oder (lesbarer!) Insel Taschenbuch 3306, G. Haefs

Ich habe u.a. als Dramaturg, Kunsterzieher und Werklehrer – als solcher bin ich „Techniker“ – gearbeitet. Heute schreibe und illustriere ich Kinderbücher (für die Enkel). Der Einschub mit dem „Techniker“ ist eine maßlose Übertreibung, wie sie zu den Merkmalen und Gestaltungsmitteln klassischer Ich-Erzählungen gehören. Die Literaturgeschichte hat für diese Textsorte, deren Übertreibungen und Verzerrungen so überdeutlich sind, dass kein Leser nach ihrem Wahrheitsgehalt fragt, einen definierten Begriff: „Lügengeschichten“. Zu den Ich-Erzählern gehören z. B. Odysseus, Thor, Münchhausen, Beowulf (in seinen Unterwasserkämpfen), Gargantua, Karl May. Der Begriff „Lügengeschichte“ ist also nicht nur (was uns hier interessiert) Metapher oder Synonym für „Blendwerk“, sondern auch eine literaturhistorische Kategorie.

Wara (Wahrheit) ist die neunte der Asen-Göttinnen; sie hört alle Eide und erforscht alles Dunkle. Von ihr kommt die Redensart,, dass man einer Sache gewahr wird, wenn man sie in Erfahrung bringt.

Als Pennäler der Klasse 9 im Ferienjob habe ich in der Birlenbacher Hütte meinen ersten Hochofen-Abstich erlebt und danach im Verband der Masselschläger gusseiserne Barren zerschlagen dürfen. Als Werkstudent der Dortmund-Hörder Hütten-Union habe ich von der Möller-Bühne Zuschläge ins strahlende Ofenloch geschaufelt, habe also mehrfach erfahren, was „Drachenhitze“ ist. Das Wort ist eine Metapher, die Erfahrung der Sache ist „ungeheuerlich“ – was wiederum nur eine Metapher ist. Die Sache selbst ist unvergessen. Nicht vergessen ist auch die Intensität und Präzision des wortlosen Kontakts zwischen den Arbeitern am „Drachenofen“.

40 Jahre Interpretationsarbeit mit Schülern und Erwachsenen an allen erdenklichen Artefakten erleichtern es mir, die unterschiedlichen Symbolsprachen zu verstehen und zu übersetzen, besonders die bildstarken metaphorischen. Dabei spekuliere und projiziere ich – für Archäologen Todsünden, nicht aber für den Komparatisten! Sobald ich erkenne, dass ein Gedanke spekulativ ist, gehe ich ihm trotzdem nach. Wenn ich sehe, dass ein Begriff eine Metapher oder gar ein Kenning ist, suche ich die Geschichte dahinter. Oft stehen sie in anderen Texten. Dabei denke ich vergleichend – genau das meint „komparatistisch“. Ich vergleiche auch Ungleiches, allerdings, ohne die Unterschiede gleich zu machen. Ein Heldenlied ist kein Unfallprotokoll, keine Strafanzeige, keine Bedienungsanweisung. Das sind vier verschiedene Textsorten, und können doch alle auf den gleichen Vorgang hinweisen.

Als Komparatist wünsche ich Ergänzung, Korrektur – auch Streit! – durch und mit Anglisten, Ingenieuren, Landeskundlern, und ich hoffe, dass das Dietrich von Bern-Forum ein dafür geeigneter Marktplatz ist.

Einige bedauern, dass in der hier vorgelegten Untersuchung zwar Ross und Reiter, aber nicht der Stall genannt wird, dass Grani und Sigfrid, sogar Granis Weg, dass aber Granis Route auf der Wanderkarte nicht einzutragen ist. „Granis Weg“ ist eben ein Kenning! Nach meiner Auffassung geben Sagenforscher ihre Disziplin der Lächerlichkeit preis, wenn sie aus den vieldeutigen und offenen Symbolsprachen der alten Texte zeiträumlich präzise Verortungen glauben ablesen zu können: siehe das „Hexenhaus“ (von Hänsel und Gretel) in den Wäldern am oberen Main, samt ergrabenem Lebkuchenofen mit darin verbrannten Skelettresten einer älteren, natürlich buckligen, Frau. Zwischen Schweden und des Südpfalz sind mir fünf penibel belegte Lokalisierungsberichte für eine „Wielandschmiede“ bekannt. Dabei fällt auf, dass die Autoren das Urgeschehen der Erzählung stets in der Nähe ihres Geburts- oder Wohnortes oder wenigstens in die Heimatregion verlegen.

In Anspielung auf eines der witzigsten Lügenlieder der Edda (gemeint ist die „Heimholung von Thors Hammer“ - Hammarsheimt oder Thrymlied aus der Älteren Edda) nannte Heinz Ritter die fünf eben erwähnten Berichte über Wielands Werkstätten „Heimholungen des Mythos“. Im besagen Eddalied klagt Thor, er habe geträumt, sein Hammer sei ihm gestohlen worden. Loki müsse ihn umgehend heimholen. (Lauter Lügen: statt „klagt“ muss es heißen „lügt“, statt geträumt“: „fantasiert“, statt „sein Hammer“: „das Gerät, das er unbedingt haben will“, und statt „heimholen“ muss es heißen „klauen“!)

Darüber kann man schmunzeln, zumal auch Dr. Ritter selbst nicht gegen derartige Heimholung und Festlegung gefeit war. Oder aber ich schließe daraus (wie im Fall Wieland), dass es in vielen Jahrhunderten an vielen Orten Schmiedewerkstätten gegeben hat, in welchen nach einem der vielen (Wieland zugeschriebenen) Verfahren Stahlpanzer, Kettenringhemden und beißende unkaputtbare Schwerter hergestellt wurden. Diesem Gedanken ist nachzugehen, auch wenn er spekulativ ist. Und wenn ich – ganz komparatistisch – in den historisierenden Schlachtenschinken über die Völkerwanderungszeit hektargroße Flächen von dünn gewalztem Stahlblech auf den Schultern römischer Soldaten und auf den Decken ihrer Pferde sehe, komme ich zu der Mutmaßung, dass es sehr viele solcher Werkstätten gegeben hat.

Eine solche Mutmaßung – nach meiner Wahrheit besser „sichere Annahme“ – projiziere ich auf verschiedene Landschaften. Ich lese (in Texten und Landschaften), assoziiere und projiziere diese Vorstellungen probeweise in eine konkrete Landschaft. Diese Landschaften sind damit unter frühen „Montanverdacht“ gestellt. Sie müssen allerdings die eine Grundvoraussetzung für frühe Stahlproduktion mitbringen; der anstehende Fels zeigt sichtbar dichte Eisenkonkretionen, die schon keltische Prospektoren auflesen konnten, dazu einen hohen Manganwert (< 10%) und wenig Schwefel/Phosphor/Arsen. Das ist eine sehr enge Bedingung, trifft aber für viele, sogar sehr viele Täler und Berghänge im Rheinischen Schiefergebirge rechts wie links des Rheins zu. Zielführend für die Tatortsuche ist vielleicht eine Reise entlang des aufgelassenen Limes, wo Asa-Thor auf die spätrömischen Riesen (Metapher!) traf. Davon erzählt Gylfis Verblendung: König Utgardloki bleckt die Zähne, lächelt und spricht: selten hörte ich von langer Reise Wahres berichten.

Fragen zu Beowulf treffen ein Kernthema dieser Arbeit, die Metaphorik. Also: Beowulf ist eine literarische Figur, keine historische, nicht mal eine sagenhafte. Beowulf ist das Konstrukt des „unsunbekannten-christlichen-Autors“, der für seine politisierende und moralisierende Predigt einen waffenlos kämpfenden und trotzdem vorbildlichen Helden erfunden hat. Das einzig Wirkliche ist, dass der Prediger, der im frühen Mittelalter in Ostengland schrieb, tatsächlich gelebt hat. Alles andere ist Metapher, in meiner Kinderbuchsprache „Lüge“, „Erfindung“, in Sturlusons Sprache „Blendwerk“: die sogenannte „dänische Halle“, die Vorzeit, die Könige Hygelac, Beowulf, Grendel und seine Mutter, die Midgardschlange, die Riesen - - alles Metaphern. Sturlusons Botschaft heißt: „Es geht übel aus, wenn wir uns durch Metaphern den Blick auf die Wirklichkeit verstellen.“ (Siehe „König Gylfis Verblendung“ oder „Wie Utgardloki die Asen verarscht“, indem er nämlich ausschließlich in Metaphern spricht, und die Asen merken es nicht.)

Die durchgehende Nummerierung der Kapitel in allen sechs Reisen führt den Leser auch durch das Metaphern-Dickicht von Sigurds „Drachen-Abstich“ zum „unermesslichen Hort“ des Zwerges Nibelung. Eine andere Hilfe ist das „Kleine Schmiede-Lexikon“ auf den Seiten →-→ für die vielen Fachworte aus der uralten Schmiedesprache.

Das Inhaltsverzeichnis nennt die Fundorte aller untersuchten Sagen-Episoden und erleichtert so die aktive Teilnahme an der „Schatzsuche“.

Zuletzt gesagt: Auch in der Buchfassung ist mir das Teilhaben am Suchen und Finden wichtiger, als eilfertiges Mitteilen von „Forschungsergebnissen“, die letztlich doch nur Mutmaßungen sein können.

Zu allerletzt: Diese Wahrheitssuche ist kein Alleingang. Ich danke den Teilnehmern der Arbeitsgruppe „Montanwirtschaft“, den Kollegen, Brief- wie Telefon-Partnern, insbesondere meinem geduldigen und hartnäckigem Lektor, sowie allen risikobereiten Lesern fürs Mitgehen.

Viel Spaß unterwegs – und viele Ahas!

Blaue Mühle (Nideggen-Embken), 18. Februar 2016

Karl Mebold

Reise 1: Schmelzer und Schmiede

Hier wird erzählt von Zwergen, Schmelzern und Schmieden, von Sigmund/Sigurd//Sigfrid, vom tapferen Schneiderlein und vom Schmiedegott Thor.

1.   Summarischer Überblick und vorweggenommenes Fazit

In dieser Untersuchung stelle ich Texte aus der Edda, dem Beowulf-Epos, der Thidrekssaga, aus Grimms Märchensammlung und anderen alten Erzählungen unter Technologie-Verdacht. Die untersuchten Geschichten werden mit einer „Techniker-“ oder „Schmiede-Brille“ gelesen. Diese Brille blendet alles Mythologische, Genealogische, Ethnographische, Historiographische und Heroische aus – was in den genannten Texten ja ebenfalls enthalten ist! -, macht stattdessen aber die Arbeitswelt, im Besonderen Bergbau, Köhlern, Erzschmelzen und Schmieden deutlich sichtbar. Für diese begrenzte, aber auch zielgerichtete Sichtweise auf das Thema METALLUM benutze ich die Metapher „Montanbrille“.

Es geht im Kern um frühgeschichtliche Stahlerzeugung und ihre gesellschaftliche Wirkung. Das wird in drei Zeilen (in „Märchen-Sprache“) zusammengefasst:

Nüchtern gesagt: es geht um die waffentechnische Überlegenheit eines Volkes, eines Gruppe, einer Sippe als Voraussetzung für Macht-Erwerb und Macht-Erhalt. Das ist das Kernthema der vorliegenden Untersuchung und eines der Hauptthemen der frühen europäischen Geschichte:

Ich vereinfache in dieser Arbeit die historischen und genealogischen Aspekte bewusst, um stattdessen die technologischen Voraussetzungen für politische Macht plakativ herauszuarbeiten.

Das Grundthema dieser Forschung ist eine literatur - vergleichende Frage, keine Frage an die Geschichte oder an die Technik der Metallurgie. Ich frage nicht, wann, wo und ob überhaupt „Sigurd der Schmelzer“ oder „Wieland der Schmied“ gearbeitet haben, sondern welche Texte von der Arbeit der beiden Helden erzählen.

Als Nebenthemen verfolge ich die Fragen:

Warum wird der montanwirtschaftlich-technische Aspekt in der Sagenforschung so sträflich vernachlässigt? (Von Ausnahmen wie Alfred Lück, Helmut Vitt, Harry Böseke mal abgesehen).

Und warum erscheinen die Prozesse und Abläufe aus der Arbeitswelt dermaßen verzerrt und verschlüsselt, dass sie lange Zeit als Lügengeschichten oder pure Poesie abgetan werden konnten?

Im weiteren interessieren mich die Regeln der Metaphorik und ganz allgemein die metaphorische Sprache, deren Kenntnis es dem neugierig gewordenen Leser/Zuhörer ermöglicht, die rätselhaften und kunstvollen Verschlüsselungen der alten Texte selbst aufzulösen, um schließlich die Wahrheit, die Faktizität, hinter der poetischen Gestalt der alten Lieder und Märchen erkennen zu können. Auch das ist eine literaturgeschichtliche Problemstellung, keine technologische oder metallurgische.

Ehe es zu spät ist, sei gesagt, dass sich zeit-räumliche Zuordnungen der Ereignisse, aus denen die Stoffe der Erzählungen stammen, in einer literaturvergleichenden Untersuchung verbieten. Die Frage heißt nicht: wo ereignete sich diese Geschichte, sondern: woher hat der Erzähler die Information?

Obwohl es wahrnehmungs-physiologisch begründet und daher überhaupt nicht zu vermeiden ist, dass ich beim Hören/Lesen aufregender Geschichten das Geschehen mit inneren, vertrauten Ort- und Landschaftsvorstellungen verbinde, um es besser zu behalten. Ich verorte also das Gehörte im visuell Vertrauten, und letzteres nennt man „Heimat“. Das mag die Euphorie vieler Heimatkundler bei der Verortung alter Mythen erklären.

Zur Veranschaulichung der Vorgehensweise in dieser Untersuchung werden die überlieferten Texte zitiert, vielfach nacherzählt, verknappt und gerafft, aber un gedeutet (kursive Schrift). Darunter (in normaler Schrift) den jeweiligen Textteilen zugeordnet diejenigen Elemente, Begriffe und Formulierungen, die der „Suchradar“ (oder die „Montanbrille“) als zur Arbeitswelt gehörend erkennt. Neben den „üblichen Verdächtigen“ (Zwerge, Riesen, Drachen, Köhler, Schmiede, Drachentöter) meldet der Radar Treffer z.B. bei Eisenstange (statt Schwert), Steinschild (statt Holz), Kraftgürtel, Beißzange, Wurfhammer, siebenfache (oder dreißigfache) Kraft einer Faust, Eisenhandschuh, Eisenschuhe, Helfer namens „Hödd“ (mundartlich für „Hütte“), Riesen aus Lehm oder Ton usw.

2.   Einstieg in die Untersuchung

Zum Einstieg werden jetzt drei Szenen aus den seit Generationen ausschließlich mündlich weiter gesagten Textzusammenhängen herausgenommen und für meine Erzählabsicht etwas gerafft (kursiv) wiedergegeben.

In jeder dieser Episoden geht es um das Fliessen, um die Fähigkeit eines Helden, Gestein zu verflüssigen. Metaphorisch gesagt: den Käse ausquetschen, das Blut herausfließen zu lassen, aus dem Stein Wasser zu pressen. Der Stein tropft, der Lehmofen „seicht“, Sigurd badet im Blut.

a.   Aus der Prosa-Edda: Thors Wettkampf mit dem Riesen Hrungnir

Asa-Thor sowie seine Gefährten Loki und Thialfi befinden sich im Wettkampf mit dem Riesen Hrungnir auf dessen Hof Griottuna-gardr. Hrungnirs Leute haben ihm, weil die Asen zu dritt angereist sind, einen Gehilfen zur Seite gestellt, aus Lehm gebaut, neun Rasten hoch und drei breit vor der Brust. Sie finden aber kein geeignetes Herz, das groß genug ist. Das einer Stute erweist sich als ungeeignet. Es flattert, als Thor kommt.

Schauen wir statt auf Heldisches auf die Arbeitswelt: Dann ist der Gott ein Schmied, seine„Waffe ist ein Werkzeug. Der schlaue Loki ist Ingenieur. Thialfi ist ein altnordisches Wort für Arbeiter. Der Schmiedewettstreit findet auf einem Hof statt, der Griottuna-gardr heißt (Grotti = Wassermühle, Gardr = Garten, umzäunter Bereich, das Ganze etwa:= Werksgelände, vielleicht „Stahlwerke Südwestfalen“ - - falls ich diesen Begriff überhaupt verwenden kann, ohne dass Heimatfreunde ihn punktgenau verorten.

Hrungnir selbst hat ein Herz aus Stein, scharfkantig, aus drei aufgestellten Steinen – wie man seitdem das Runenzeichen, welches Hrungnirs Herz heißt, zu beschreiben pflegt. Auch sein Haupt ist mit Stein bedeckt, Stein auch sein Schild und seine Waffe. Ihm zur Seite steht der Lehmriese. So stehen sie auf Griottuna-gardr und harren der Asen.

Der (Hoch?)Ofen hat drei Rasten Brustbreite. Eine „Raste“ muss ein altes Längenmaß sein: Die Winddüse hat die Größe einer flatternden Stutenmuffe. Natürlich ist nicht das Herz einer Stute gemeint. Die Edda erzählt in einer körperbetonten Symbolsprache, in sinnenhaft wahrnehmbaren Bildern von sinnlich wahrnehmbarer Realität – und noch nie hat jemand ein Stuten herz flattern sehen. Wer aber schon einmal ein Herz in eine Baumrinde geschnitten hat und dann den phallischen Pfeil hineingesetzt hat, der weiß, was gemeint ist – und wie groß die Düse am brennenden Windofen sein soll, und dann wird das Flattern des „Herzens“ sogar hörbar. (Für S. Sturluson ist das Wort „Herz“ an dieser Stelle „metaphorisches Blendwerk“; mehr dazu in Reise 5, S. → ff.)

Zurück zur hier behandelten Episode aus der Edda. Einer der Öfen bekommt den Wind durch drei Steine, die so aufgestellt werden, wie durch ein Runenzeichen überliefert ist. Es werden zwei Ofentypen erwähnt: der aus Lehm gebrannte und der aus Stein gemauerte. Der Hofname „Mühlengarten“ lässt mehr vermuten: Vielleicht wasserrad-getriebene Blasebälge und Wasserhämmer?

Sobald Thor kommt, lässt der Lehmriese Wasser. Loki ruft: „Er nässt ein, er hat Angst. Er seicht schon!“. Thialfi rät Hrungnir: „Nimm einen Stein unter die Füße. Du bist schlecht geschützt. Thor fährt niederhalb in die Erde und wird von unten an dich herankommen!“

Daraufhin nimmt der Riese seinen Schild und stellt sich drauf. Jetzt trifft Thors Hammer Mjölnir auf das ungeschützte Haupt des Riesen und zerschmettert ihm den Schädel. Thor selbst bleibt mit einem Fuß unter den Trümmern eingeklemmt und kann nur mit Hilfe vieler hinzu geeilter Asen befreit werden… Unter ihnen ist Magni, der Sohn Thors mit einer Riesin. Er ist erst drei Jahre alt, sagt aber: „Schmach und Schande, Vater! Wäre ich doch früher hier gewesen. Ich hätte diesen Riesen allein mit meiner Faust zur Hel gesandt!“

Falls es sich nicht um einen räuberischen Überfall handelt, bei dem Thor den Ofen zertrümmert, wird hier die lebensgefährliche Schmelzer-Arbeit der Hüttenleute beschrieben. Sobald der Schmelzpunkt für Schlacke und Erz erreicht ist, sickert oder seicht das schwere Metall nach unten und sammelt sich als „Bart“, als „Luppe“ oder „Wolf“ oder „Sau“ oder „Ass“ oder „Herzstück“ auf dem steinernen Herdboden.

Der Schmelzer „beißt“ dieses Herz mit einer riesengroßen Beißzange und zerrt das „Ass“ (den „Wolf“ oder die „Luppe“) heraus. Die darin noch enthaltene Schlacke wird heraus gehämmert. Bei jedem Schlag quillt die Gischt wie Käsebrei aus dem mit Hilfe der großen Zange ständig neu aufgestellten Werkstück.

Genauer wird dieser Arbeitsvorgang in Reise 3, S. → ff. beschrieben. Dort findet sich auch eine Abbildung, die Vieles besser als Worte erklären kann.

Trotzdem schon hier ein erster Hinweis auf die besondere und uralte Fachsprache der Eisenleute. Das Wort Wolf heißt im Lateinischen Lupus; das Wort „Ass“ gehört zu den Abkömmlingen des indoeuropäischen Kernworts „as“, welches u. a. den Begriffen Asche, und Esse (für Rauchabzug oder Feuerherd), aber auch dem Essen = Beißen zugrunde liegt.

Das Ende der hier beschriebene Episode könnte auch ein Arbeitsunfall sein, oder ein Raubüberfall oder der Konkurrenzkampf zweier Schmiede. Dass aber heldenhaftes Verhalten in lebensbedrohenden Situationen am Schmelzofen beschrieben wird, scheint mir unabweisbar. Ein Arbeiterlied!

b.    Aus der Lieder-Edda: Sigmunds/Sigurds/Sigfrids Drachenabstich

In einem Kampf auf Leben und Tod besiegt Sigurd (im Deutschen Sigfrid) einen feuerspeienden Lindwurm. Er hockt sich in eine Rinne, die vom Standort des Drachen zum Wasser führt. Kniend sticht er dann dem Wurm von unten auf (oder ab). Dann beißt er dem Gegner ins Herz, reißt es heraus, trinkt vom Drachenblut und badet im ausfließenden Blut, um unverletzlich zu werden.

Der Sigurd-Stoff wird in der Edda in mehreren Liedern besungen, im altenglischen Beowulf-Epos taucht er bzw. sein Vater Sigmund als Beispiel für vorbildliches Handeln auf. In der niederdeutschen Nibelungensage heißt der Held Sigfrid, im höfischen Nibelungenlied Siegfried.

In der hier wiedergegebenen Episode erledigt er die Arbeit an einem „feuerspeienden Lindwurm“. Das ist ein isländisches Kenning. Kenningar (Plural) sind metaphorische Kurzbezeichnungen für ganze Erzählungen, deren Kenntnisse beim Hörer vorausgesetzt werden.

Mit einer Ritzzeichnung auf einem flachen Felsen hat ein Künstler im 11. Jahrhundert n. Chr. in Ramsund (Mittel-Schweden) fast die gesamte Sigfrid-Sage bildlich dargestellt, soweit sie sich auf den „Drachen“ bezieht. Der mit germanischen Runen beschriebene Körper der Schlange („Drachen“) umschlingt die verschiedenen Episoden; auf diese kann hier nicht näher eingegangen werden.

Unten rechts sticht der Held Sigfrid von unten in den Leib des Drachen und öffnet ihn damit zum Ausfließen des geschmolzenen und flüssig gewordenen Erzes aus dem Ofen. Die „Beißzange“, mit der Sigfrid anschließend arbeitet, ist in der linken Hälfte abgebildet

(Nachzeichnung: Karl Mebold)

Hier steht „Wurm“ für Schlange, für „Ver-schlinger“ und für Schatzbesitzer. Wörtlich: er sitzt über dem Schatz, über der Stahlluppe. „Lind“ oder „Lint“ steht für Holz oder allgemein Wald. Gemeint ist also der „waldverschlingende Schmelzofen“. Sigurd entreißt ihm das Herz, den Schatz oder die Luppe mit der Beißzange. Der Stahl wird geschmiedet und im organischen Nitrier-Bad (Blut) gehärtet, zuletzt dann zum „hürnenen Harnisch“ geschmiedet. Das macht ihn (beinahe) unverletzbar.

c.   Aus Grimms Märchensammlung; Das tapfere Schneiderlein

Das tapfere Schneiderlein trifft gleich zu Beginn seiner Abenteuerreise, an deren Ende er eine Prinzessin für sich gewinnt und König in seinem eigenen Reich wird, auf einen gewaltigen, aber dummen und angeberischen Riesen. Der, provoziert durch das Motto „Sieben auf einen Streich“, welches der Schneider sich auf seinen Bauchgurt gestickt hatte, fordert das Schneiderlein zum Wettkampf.

Der Riese nimmt einen Stein, quetscht ihn mit der bloßen Faust so lange, bis Wasser heraustropft. Nun fordert er den Schneider auf, es ihm gleichzutun. Der greift heimlich in seinen Brotbeutel, nimmt einen garen Handkäs heraus und presst den so lange, bis ihm der Quark durch die Fingerritzen quillt. Der Wettstreit steht unentschieden. Da wirft der Riese einen Stein so gewaltig hoch, dass er erst Atemzüge später wieder exakt neben ihnen herunter fällt. Unser gut vorbereiteter Schneider nimmt einen Vogel aus seinem Beutel, wirft ihn auf - so hoch, dass er nicht wieder herunterfällt. Da muss sich der Riese dieses Mal geschlagen geben.

Das Märchen erzählt von einem „Harnisch-Schneider“ oder „Schwert-Feger“. Das sind mittelalterliche Worte für einen Stahlschmied, „fegen“ bedeutet eigentlich „reinigen, von Unrat befreien“, daher das Wort „Fegefeuer“, und der Name „Feggehutt“ für eine Stahlhütte, die Blankeisen erzeugt..

Der Stahlschmied wird schließlich „König in seinem Reich“. Er kann Gestein zum Fließen bringen. Er quetscht die Schlacke aus der Luppe. Er hat ein Werkzeug, das den Griff seiner Hand mittels der Hebelkraft seiner Zange versiebenfacht (siehe Abbildung auf S. →). Vor allem beherrscht er das Aufwerfen, will sagen: er schmiedet am Aufwerfhammer, bewegt durch das mächtige Rad einer Wassermühle (siehe Reise 3, S. →/→).

Im Märchen trickst er den Riesen aus, denn Vogel und Fliegen und Feder sind Kenningar, deren erzählerische Bedeutung nur der literarische Kenner kennt. Aber davon hat der Riese eben keine Ahnung. Grund für uns, das Thema hier zu klären..

3.   Klärung und Hilfestellung

a.   Das unterschiedliche Alter der Texte

Die hier behandelten Erzählungen stammen aus sehr verschiedenen Zeitaltern. Das Sigurd-Lied, jahrhundertlang immer mündlich weitergesagt, (bis zu seiner Verschriftung durch latein-geschulte klerikale Schreiber) ist ein Bericht über oder eine Anleitung für die Arbeit an den frühesten Metallschmelzöfen. Das waren anfangs einfache Feuergruben, mit Holzkohle und Bohnerzen vollgepackt, später mit einer Rinne für die Luftzufuhr, und schließlich mit Lehmummantelung versehen: So entstehen noch vor Christi Geburt (in der sog. „Eisenzeit“; Latènezeit) Rennfeueröfen (siehe die Abbildung auf S. →).