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Nr. 1

 

Im Licht der blauen Sonne

 

Das neue Galaktische Rätsel – ein Wesen aus der Vergangenheit greift ein

 

Michael Marcus Thurner

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

1.

2. Zwei Tage zuvor

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14. Kurz zuvor

15.

16.

17.

18. Kurz zuvor

19.

20.

21.

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

Seit mehr als dreieinhalb Jahrtausenden bereisen die Menschen den Weltraum und erforschen die Wunder des Universums. Sie sind faszinierenden Fremdvölkern begegnet, haben zahlreiche Welten besiedelt und kosmische Geschichte gestaltet.

Als die Raumfahrer einst zu den Sternen aufbrachen, war das Sonnensystem der Wega mit seinen zahlreichen Planeten ihr erstes Ziel. Im Jahr 2059 Neuer Galaktischer Zeitrechnung kehrt Perry Rhodan erneut dahin zurück, wo er das Volk der Ferronen kennengelernt und den Schlüssel zur Unsterblichkeit entdeckt hat.

Der Freundschaftsbesuch nimmt jedoch einen verhängnisvollen Verlauf. Raum und Zeit scheinen sich überall im Wegasystem zu verändern – eine unbekannte Macht greift die Ferronen und Menschen an.

Gleichzeitig trifft eine Botin aus ferner Vergangenheit ein und überbringt eine Nachricht des mysteriösen Geisteswesens ES. Um die Gefahren abzuwehren, muss Rhodan ein neues Galaktisches Rätsel lösen. Es nimmt seinen Anfang IM LICHT DER BLAUEN SONNE ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Perry Rhodan – Der Terraner besucht eine alte Wirkungsstätte.

Reginald Bull – Rhodans Freund feiert ein unerwartetes Wiedersehen.

Gucky – Dem Mausbiber gelingt eine waghalsige Rettung.

Gillian Wetherby – Die Pilotin überbringt eine mysteriöse Botschaft.

»Es ist der richtige Ort,

es ist die richtige Zeit«,

sagte der eine zum anderen.

»Du weißt, was du zu tun hast, Bastardprinz?«

»Selbstverständlich.

Lass uns diesen Irrtum

der Geschichte korrigieren.«

 

 

1.

 

Grelle Lichter flammten auf, jedes der Widerschein einer Detonation. Wie Blumen aus Tod und Feuer, die das All in Fetzen zu reißen schienen.

Marium Polescar blickte auf das riesige Außenbeobachtungshologramm der CAMBOTH, konnte seinen Blick nicht abwenden. Er spürte, wie sich seine Lippen bewegten, als ob er heimlich ein Gebet spräche, aber er unterband es nicht. Der Kommandant wollte einfach nicht glauben, was zu sehen war.

Überall Gefahr. Überall Feinde.

Überall Tod.

Bald ist es vorüber, dachte Polescar in ohnmächtiger Wut. Dass er so hilflos war, erfüllte ihn mit Grimm.

Er ließ seinen Blick kurz durch die Zentrale schweifen. Er sah die Kollegen, die er seit Jahren kannte, mit denen er gelacht und gefeiert hatte. Manche waren zu Freunden geworden.

Der Zweite Pilot schluchzte und schlug die Hände vors Gesicht, die Bordingenieurin betete zu irgendwelchen Göttern. Jemand in der Ortungsabteilung gab mit hektischer Stimme allerlei Anweisungen an die Positronik, die in den letzten zehn Sekunden ihres Lebens niemanden mehr erreichen würden.

Polescars Erster Offizier, mit dem er vor wenigen Wochen in Szonterkamm noch eine große Hochzeit gefeiert hatte, sprang auf. Der schlanke Mann, immer gepflegt und sauber gekleidet, den nichts und niemand aus der Ruhe bringen konnte, sah sich wie ein wildes Tier um, das in eine Ecke gedrängt worden war. Mit einem Aufschrei stürmte er aus der Zentrale des Raumschiffs. Vielleicht wollte er seiner Frau noch eine letzte Botschaft schicken, vielleicht einfach nur einen Schrei zu den Sternengöttern schicken?

Polescar hinderte ihn nicht daran. Er würde niemanden mehr an irgendetwas hindern. Tut, was ihr für richtig haltet!, dachte er, sprach es aber nicht aus.

Die grellen Lichter kamen näher; sie schienen in den Holos noch größer zu werden. Der Tod kam näher.

Aus den Lautsprechern in der Zentrale drang die Stimme der Positronik. Sie gab neue Informationen durch, meldete die aktuellen Probleme, benannte die Schwächen ihrer Technik.

Polescar hörte es, nahm die Stimme wahr und ignorierte sie. Es hätte nichts geändert und nichts geholfen, wenn er versucht hätte, noch etwas in die Wege zu leiten. Sie waren alle verloren, er wusste das besser als jeder andere an Bord.

Vor ihm aktivierte sich ein neues Holo, eine Anzeige, die ihm die Positronik direkt vor die Augen projizierte. Er starrte auf die Daten, auf das altmodische Balkendiagramm, das ihm aber keine grundsätzlich neue Information lieferte.

Er wusste: Die Schutzschirme der CAMBOTH waren aufs Äußerste belastet. Sobald sie nachgaben, würde das Schiff wie eine reife Frucht platzen.

Sein Schiff. Sein Ein und Alles. Der Stolz der Flotte. Das großartige Schiff des Thort.

Polescar erhob sich, auf einmal wusste er genau, was er zu tun hatte. Er war der Kommandant, er musste eine Entscheidung treffen, auch wenn nur noch Augenblicke blieben. Mit einem Tastendruck – so etwas erledigte er lieber auf klassische Weise manuell – schaltete er die Rundrufanlage ein.

»Lasst uns gemeinsam und mit Haltung dem Ende entgegensehen«, sagte er laut und deutlich. »Wir sind Ferronen, und das ist unsere Heimat. Wir sterben in Würde.«

Er blieb stehen und starrte auf die Hologramme. Die Blicke seiner Kameraden in der Zentrale spürte er geradezu auf seiner Haut.

Gespenstische Ruhe kehrte ein. Kein Schluchzen mehr. Kein Gegreine, kein Beten, kein Schreien. Alle Besatzungsmitglieder saßen einfach nur noch da und blickten dem Tod entgegen. Polescar nahm an, dass es in den anderen Abteilungen des Schiffs ebenso war.

Der Thort, der bislang geschwiegen hatte, seufzte tief.

Seine Stimme war voller Bitternis. »Schuld an unserem Tod ist nur dieser Terraner«, sagte er. »Perry Rhodan und seine Leute haben das verursacht ...«

Sengend heißes Licht kam über Marium Polescar – dann war da nichts mehr.

2.

Zwei Tage zuvor

 

Ein Ausflug in die terranische Nachbarschaft. Das war es. Nicht mehr und nicht weniger.

Oder?

Perry Rhodan atmete tief durch. Warum soll ich mich selbst belügen? Jede Reise ins Wegasystem ist mehr als das. Es ist, als würde ich auf meinen eigenen Spuren wandeln. Auf Spuren, die mehr als dreieinhalb Jahrtausende alt sind – und die man noch immer sehen kann. Schließlich bewegen wir uns auf historischem Boden.

Rhodan setzte vorsichtig einen Schritt vor den anderen. So als müsste er sich vergewissern, dass er tatsächlich festen Grund unter den Füßen hatte.

Das matt glänzende Deckmaterial, mit dem der Palastboden überzogen war, federte nach. Es gab einem das Gefühl besonderer Leichtigkeit.

Wachen standen zwischen den schillernden Glassäulen links und rechts ihres Wegs. Sie steckten in schneeweißen Uniformen, hielten altertümliche Hellebarden oder Lanzen fest in den Händen und stierten stur geradeaus. Die Männer und Frauen trugen das kupferrote Haar kurz geschoren, die Gesichter waren mit einer Art glitzerndem Puder benetzt. Sie wirkten wie plumpe, grob gemeißelte Gestalten, die im Innern eines fragilen Puppenhauses platziert worden waren.

»Bin ich hier in einer altertümlichen Trivid-Show?«, brummelte Reginald Bull.

Der Freund zog die Schultern ein, als er das Echo seiner Stimme zurückgeworfen bekam, lauter als die eigentlichen Worte. Ein ferronischer Adjutant, der einige Schritte vor ihnen ging, zuckte zusammen. Er gab sich aber nicht die Blöße, auf Bulls unhöflichen Kommentar zu reagieren. Es wäre mit der steifen Etikette am Hof des Thort nicht vereinbar gewesen. Er räusperte sich bloß und zupfte am Kragen seiner Prunkuniform.

»Ist das Fettnäpfchen noch so klein, Resident Bull tapst hinein«, reimte Gucky grässlich falsch und so leise, dass sein Wispern kein Echo verursachte. Der Mausbiber schwebte zwischen Rhodan und Bull, von seinen eigenen telekinetischen Kräften getragen. »Der Thort wird sich gewiss freuen zu hören, was du vom Neubau des Roten Palastes hältst.«

Rhodan nahm den verbalen Ausrutscher seines ältesten Freunds gelassen hin. Bull war ein hervorragender Politiker. Aber auf dem diplomatischen Parkett war er schon öfter mal angeeckt.

Rhodan konzentrierte sich stattdessen auf das, was er rings um sich sah. Der aktuelle Rote Palast ähnelte in keiner Weise jenem wuchtigen Bau, der so lange die Stadt Thorta geprägt hatte. Hatte der jahrtausendealte vorige Palast düster und bedrückend gewirkt, sah Rhodan nun Verspieltheit und Heiterkeit.

Sie erreichten ein Portal, glänzend und mit Lichtverzierungen unterschiedlicher Strahlintensität versehen, die wohl einen leistungsfähigen integrierten Schutzschirm verhüllen sollten.

Der Adjutant bewegte flüchtig die Hände, und mit einem Mal öffneten sich die beiden Torflügel geräuschlos nach außen. Der Raum dahinter lag in Dunkelheit. Bloß ein vager Lichtschein in einiger Entfernung deutete darauf hin, dass ihr Gastgeber anwesend war.

Der Adjutant blähte seinen breiten Brustkorb auf und rief mit voller Lunge: »Liga-Kommissar Perry Rhodan, Resident Reginald Bull und Gefolge wünschen den Allerhöchst Erhabenen Thort zu sprechen!«

Rhodan blieb ruhig. Ihn nervte dieses pompöse Getue ebenso wie Bull. Aber im Gegensatz zu seinem Freund wusste er die Contenance zu wahren.

»Sollen eintreten«, war eine Stimme zu vernehmen.

Der Adjutant runzelte die Stirn. Er war gewiss enttäuscht, dass der Thort weniger Wert auf Etikette legte als er selbst.

Der Ferrone bedeutete Rhodan, den Raum zuerst zu betreten, und Rhodan tat ihm den Gefallen. Bull mochte der ranghöchste terranische Politiker sein. Aber im Palast des Thort galten andere Maßstäbe. In dieser Umgebung stand Rhodans geschichtliche Bedeutung im Vordergrund.

Er ging auf die Lichtquelle zu, während ringsum automatisch Lampen den Raum zu erhellen begannen. Rhodan nahm weitere Eindrücke auf, ohne ihnen allzu viel Bedeutung beizumessen. Der Saal, in dem der Thort von Ferrol seinen Pflichten nachging, war spartanisch eingerichtet. Nur da und dort hingen Bilder an der Wand, die aus dem alten Gebäude übernommen worden waren. Das Gesicht eines der Porträtierten erkannte Rhodan auf den ersten Blick: Es zeigte jenen Thort, der im Jahr 1975 alter Zeitrechnung geherrscht hatte.

Nirgendwo waren gekennzeichnete Reportersonden zu entdecken, die sie umschwirren und lästige Fragen stellen würden. Ferrols Regierungschef legte augenscheinlich Wert darauf, dass diese Begegnung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand.

Ein grellblauer Läufer führte unmittelbar zu einem einfachen Schreibtisch, hinter dem der Gastgeber wartete. Rhodan blieb in gebührendem Abstand stehen, der Thort erhob sich langsam.

»Willkommen auf Ferrol«, sagte der Ferrone namens Nactiel Ook mit leiser Stimme. »Ich hoffe, ihr hattet eine gute Anreise?«

Rhodan ergriff die Hand, die ihm der Thort entgegenstreckte, und erwiderte den festen Gruß des nicht mehr jungen Ferronen. Bull und Gucky folgten seinem Beispiel. »Danke der Nachfrage«, antwortete Rhodan. »Die Distanz ist gering, und mein Schiff, die MARCUS EVERSON, bietet alle Annehmlichkeiten.«

»Viel zu viele Annehmlichkeiten«, murrte Bull. »Würde ich mehr Zeit an Bord des Raumers verbringen, hätte ich mein Gewicht binnen Kurzem verdoppelt.«

»Das geht, ohne dass du platzt?«, fragte Gucky und kicherte.

Rhodan warf dem Kleinen mahnende Blicke zu, und der Ilt schwieg augenblicklich.

Gucky und Bull benahmen sich manchmal wie kleine Schuljungen. Auch wenn dies ein Treffen unter Verbündeten war, galt es doch, das Protokoll zu wahren.

Ook tat so, als hätte er die Frotzelei zwischen Gucky und Bull nicht bemerkt. »Es freut mich, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid«, sagte er. »Eure Anwesenheit wertet die morgen beginnenden Feierlichkeiten auf.«

»Selbstverständlich sind wir gekommen. Unsere Völker eint viel. Nicht zuletzt die gemeinsame Geschichte, die Verbundenheit zur Superintelligenz ES und ...« Rhodan machte eine weitläufige Geste, die den ganzen Raum umfassen sollte. »... und die unglaublichen Dinge, die im Roten Palast geschehen sind.«

»Richtig.« Ook wischte sich müde über die Stirn. »Der alte Palast war höchst geschichtsträchtig. Als ich noch klein war, habe ich mir alles über ihn erzählen lassen. Über seine Mythen und Geheimnisse, seine Bedeutung, seinen Platz in den Annalen der Milchstraße. Und als ich vor mehr als fünfzehn Jahren selbst im alten Palast eingezogen bin, ging für mich ein Traum in Erfüllung. Wann immer sich die Gelegenheit für mich ergab, wanderte ich durch die alten Gemäuer und ließ mir von Historikern erläutern, was sie im alten Palast alles entdeckt, kategorisiert, katalogisiert und bewertet hatten.«

»Warum hast du die alte Hütte dann abreißen lassen, wenn sie dir so viel bedeutete?«, mischte sich Bull in die Unterhaltung ein.

»Ah. Das forsche Auftreten des terranischen Residenten Reginald Bull ist legendär.« Ook lächelte. »Wusstest du, dass du in unseren Geschichtsbüchern zumeist mit den Worten polternd und undiplomatisch in Verbindung gebracht wirst?«

»Nicht mit Freiflug?,« piepste Gucky und zeigte seinen einzigen Zahn.

»Wollt ihr euch bitte zusammenreißen?«, rügte Rhodan sie. An Ook gewandt, berichtigte er: »Du weißt, dass viele der Vorurteile nicht zutreffen, die man uns andichtet. Weder bin ich stets der ruhige und besonnene Terraner, der alles zu kontrollieren versucht, noch ist Resident Bull ein impulsiver und aus dem Bauch heraus handelnder Charakter. Nur Gucky ist, nun ja, immer Gucky.«

Ook grinste, wurde aber gleich wieder ernst. »Ihr wollt wissen, warum ich den alten Palast abreißen ließ? Nun – es gab praktische Gründe. Der alte Kasten war feucht und unbequem. Letztlich war er nicht mehr zu sanieren. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass er nur noch durch Klebemasse, sein Eigengewicht und über die Jahrtausende hinweg immer wieder eingespritzten Terkonitbeton zusammengehalten wurde. Eine weitere Renovierung hätte mehr gekostet als ein kompletter Neubau.«

»Warum hast du den historischen Bau nicht konservieren lassen und das neue Regierungsgebäude an anderer Stelle errichtet?«

»Ich möchte ganz Ferrol erneuern«, antwortete Ook überraschend offen. »Nicht das Gebäude an sich ist ein Symbol für unsere Kultur. Viel wichtiger für mein Volk ist der Ort, an dem der Palast steht. Unter unseren Füßen begann alles, nicht wahr?«

Rhodan nickte. Unter dem Roten Palast waren Bull, Rhodan selbst und einige weitere Gefährten im Jahr 1975 in einen ganz besonderen Raum vorgestoßen, in die Zeitgruft. Von dort aus waren sie via Transmitter in eine Maschinenhalle mit einem Fiktivtransmitter gelangt. Das Gerät hatte sie zu den sonderbarsten Orten gebracht – und am Ende zu der Superintelligenz ES. Zu jenem Geisteswesen, welches das Schicksal der Menschheit über lange Zeit hinweg geprägt hatte.

»Hast du es jemals bereut?«, fragte Ook.

»Wie bitte?« Rhodan schreckte aus seinen Gedanken hoch.

»Bereust du es, das Geschenk der Unsterblichkeit angenommen zu haben?«

»Gegenfrage: Würdest du denn ablehnen, wenn du damit deinem Volk durch schwierige Zeiten helfen könntest?«

»Natürlich nicht.« Ook blickte demonstrativ auf eine Uhr, die aus unzähligen Ferranitkristallen bestand und deren Teile seitlich seines Arbeitsplatzes hoch und nieder tanzten. »Ich würde diese Unterhaltung liebend gern fortsetzen und vertiefen. Allerdings erst morgen. Heute muss ich mich leider den Amtsgeschäften widmen: Dokumente prüfen, gegenzeichnen und an die Fachausschüsse weiterleiten. Ich muss mich mit den Zentralpositroniken beraten und anschließend dem Parlament gegenüber Rechenschaft über ein Entwicklungsprojekt auf Wega Siebzehn ablegen. Man wird meine Pläne blockieren und mir bürokratische Hindernisse in den Weg legen.« Ook seufzte.

Rhodan kannte das. Der Thort wollte sie loswerden. Ferrol hatte viel zu bieten, litt aber auch seit jeher unter einer überbordenden Bürokratie.

»Kalaman Pirlik wird euch zu den Quartieren geleiten. Euch stehen alle Annehmlichkeiten des neuen Palastes zur Verfügung.«

Der Adjutant zuckte zusammen. Er runzelte erneut die Stirn. Die wulstigen Augenknochen, charakteristisch für sein Volk, traten deutlich hervor.

»Es war geplant, dass wir die Nacht auf der MARCUS EVERSON verbringen«, sagte Rhodan zögerlich. »Wir wollten erst morgen, zu Beginn der eigentlichen Feierlichkeiten, zurückkehren.«

»Ich weiß. Ich weiche vom Protokoll ab«, gab der Thort zu. »Aber ihr seid als Freunde gekommen, und ich möchte euch wie Freunde behandeln. Seht euch um, lernt den neuen Roten Palast kennen, genießt die ferronische Gastfreundschaft. Ich bitte euch darum.«

»Gibt es Mohrrüben?«, fragte Gucky.

»Unweit von hier, im Szechental, gedeihen die schmackhaftesten Gemüsesorten«, antwortete Ook. »Die Farmen werden von terranischen Auswanderern betrieben. Ich habe vorsorglich einige Kilogramm der besten Sorten herbeischaffen lassen.« Der Thort wandte sich Bull zu. »Darüber hinaus würde es mich freuen, wenn ihr den heimischen Whiskey und den besten Jahrgangswein unserer Anka-Ernte kosten würdet. Die Ankatolikabeeren sind voriges Jahr besonders gut gereift.«

»Da will wohl jemand auf subtile Art und Weise den Außenhandel ankurbeln.« Rhodan lächelte. »Mein Freund Reginald scheint durchaus empfänglich für eine derartige Form von Bestechung zu sein.«

»Und ob ich das bin! Die Kochkultur auf der MARCUS EVERSON ist ausgezeichnet, aber die Getränkeauswahl beschränkt sich auf Wasser oder Wasser.«

»Ich sehe schon, ich muss mich geschlagen geben. Gegen einen Ilt mit leerem Magen und einen terranischen Residenten mit einer Vorliebe für alkoholische Getränke komme ich nicht an«, scherzte Rhodan.

»Ausgezeichnet!« Nactiel Ook klatschte in die Hände, der Adjutant glitt an seine Seite. Der Thort unterhielt sich leise mit ihm.

Rhodan wartete geduldig. Dieses Treffen verlief ganz anders, als er gedacht hatte. Abweichend vom üblichen Zeremoniell: informell, persönlich und von freundlicher, aufgelöster Stimmung geprägt.

Ook reichte Gucky, Bull und Rhodan nochmals die Hand, bevor er sich in seinen Sessel zurückfallen ließ und sich wieder ums Tagesgeschäft kümmerte.

 

*

 

Perry Rhodan und seine Freunde gingen gemeinsam mit Kalaman Pirlik aus dem Arbeitsraum des Thort. Der Adjutant wirkte irritiert, vielleicht sogar verärgert. Er und der ferronische Regierungschef hatten spürbar nicht das beste Einvernehmen.

Rhodan nahm es zur Kenntnis. Er würde später Notizen über diese Begegnung anfertigen und das angespannte Verhältnis zwischen den beiden Ferronen erwähnen.

Milchstraßendiplomatie war wie ein Balanceakt auf einer Messerschneide, sie erforderte viel Feingefühl. Der persönliche Gesprächston, den sie bei dieser kurzen und zwanglosen Begrüßung angewandt hatten, war bezeichnend für die Umgangsweise, die Nactiel Ook mit Verbündeten pflegte. Wenn er jedoch mit Vertretern anderer bedeutender Reiche als der Liga Freier Galaktiker verhandeln musste, galt der Thort als harter Knochen.

Sie wichen nach wenigen Schritten von jenem Weg ab, der sie in den Arbeitsraum des Thort geführt hatte. Pirlik brachte sie in einen Bereich des Roten Palastes, der nicht ganz so luftig wie die zentralen Räume wirkte. Die Wände rückten näher, Säulen und Pilaster gaben diesem Gebäudeteil eine sonderbare Wuchtigkeit. Selbst das federnde Gefühl beim Gehen änderte sich, obwohl optisch kein Unterschied wahrzunehmen war.

»Eure Räumlichkeiten.« Pirlik öffnete die Tür zu einer weiteren Zimmerflucht. »Euch wird es an nichts fehlen. Ab hier seid ihr völlig autark. Die Nassräume sind für terranische Gepflogenheiten adaptiert.«

»Danke sehr, Kalaman.«

»Ich bin Pirlik, Borq von Hopther«, verbesserte der Adjutant mit ausdruckslosem Gesicht. »Ich möchte dich bitten, die Form zu wahren.«

Rhodan unterdrückte seine Irritation über den Standesdünkel des Ferronen. »Selbstverständlich, Borq.« Er deutete eine Verbeugung an und ging an dem Ferronen vorbei durch die Tür, ohne sich noch mal umzudrehen.

Er hörte Reginald Bull etwas sagen und gleich darauf heftige Widerworte von Pirlik, ohne sich weiter darum zu kümmern. Es war klar, dass die beiden bei der erstbesten Gelegenheit hatten aneinandergeraten müssen.

Rhodan sah sich in den insgesamt fünf Räumen um. Wäsche lag für sie bereit, ebenso diverse Ausrüstungsgegenstände und Lesegeräte. Es gab mehrere Positronikterminals, einen mobilen Schwebekühlschrank – sowie die versprochenen Getränke samt einem Bündel saftiger Mohrrüben.

»...schloch, überhebliches!«, hörte er Bull hinter sich sagen.