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Band 251

 

Hinter der Dunkelwolke

 

Lucy Guth

 

 

 

Pabel-Moewig Verlag KG, Rastatt

 

Cover

Vorspann

1. Ehekrach

2. Teichgespräche

3. Ein Team für Rhodan

4. Serviceprobleme

5. Überraschungen

6. Guter Wille

7. Die Frau des ehemaligen Protektors

8. Die Aufgabe eines Riesen

9. Die Delegation

10. Wunderschiff

11. Fremdenführung

12. Geheimnisse

13. Blindflug durch die Dunkelwolke

14. Nicht nur ein Problem

15. Hinter der Dunkelwolke

16. Ein persönliches Gespräch

17. Entdeckung auf EMschen

18. Das sterbende Schiff

19. Eindringling

20. Reanimationsversuche

21. Sinnkrise

22. Todesfalle

23. Einschleusen

Impressum

PERRY RHODAN – die Serie

 

Vor fast sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan als erster Mensch auf Außerirdische getroffen. Seither hat die Menschheit ihren Einflussbereich ausgedehnt und ferne Sonnensysteme besiedelt.

Allerdings kommt es im Jahr 2102 zu einem Konflikt mit den Kolonien. Um einen Krieg zu verhindern, wird der Notfallplan Laurin eingeleitet – er geht jedoch schrecklich schief. Erde und Mond stranden im Blauen System der Akonen, rund 34.000 Lichtjahre von der Heimatsonne entfernt.

Rhodan will Terra und Luna zurückbringen. Eine erste Spur sind mysteriöse Impulse aus dem Zentrum des Sternhaufens M 3. Um diesem Hinweis nachgehen zu können, setzen die Terraner auf ein neues Großraumschiff mit ungeahnten Möglichkeiten. An Bord der SOL beginnt Perry Rhodans gefahrvolle Suche HINTER DER DUNKELWOLKE ...

1.

Ehekrach

 

Das Schiff hing im Weltall wie eine Herausforderung. Zwei Kugeln mit Ringwülsten, verbunden über einen Zylinder und damit eine Gesamtstruktur, die am ehesten mit einer Hantel zu vergleichen war – Perry Rhodan hatte ein Raumschiff ähnlicher Bauart noch nie gesehen. Kugeln, Walzen, Spindeln, Kegel, Diskusse, das alles waren bekannte und verbreitete Formen. Aber die SOL, wie Nathalie das von ihr angekündigte Raumfahrzeug genannt hatte, war völlig anders.

»Sie ist wunderschön, nicht wahr? Und NATHAN unterstellt sie deinem Kommando, damit seine Expedition überhaupt gelingen kann.« In Nathalie Rhodan da Zoltrals Stimme schwang unverhohlener Stolz mit.

»Sie ist auf jeden Fall außergewöhnlich.« Rhodan musterte das Schiff, das mannshohe Hologramm, das mitten in der Zentrale der CREST II schwebte.

Die Aufmerksamkeit der gesamten Zentralebesatzung war auf das Schiff gerichtet, das vor wenigen Minuten am Rand des Akonsystems aufgetaucht und mittlerweile in der Nähe der Erde zum Stillstand gekommen war. Die meisten machten einen ungläubigen bis irritierten Eindruck. Ein paar Leute sahen beunruhigt aus. Wie Thora.

»Auf jeden Fall ist sie riesig.« Thora Rhodan da Zoltral runzelte die Stirn. »Miss Maas, haben Sie in dieser Hinsicht ein paar Daten für uns?«

»Selbstverständlich, Kommandantin.« Die Ortungs- und Funkoffizierin Sarah Maas rief ein Tasterwerteholo auf. »Das Schiff ist viertausend Meter lang, die Kugeln haben einen Durchmesser von fünfzehnhundert Metern.« Maas unterbrach sich, um auf ein blinkendes Signal ihrer Funkanlage zu reagieren. »Ma'am, Auris von Las-Toór ruft uns.«

Mit einem resignierten Seufzer nickte Rhodan. Natürlich. Wir würden auch nachfragen, wenn plötzlich so ein Ungetüm in unserem Sonnensystem auftauchen würde.

»Das habe ich befürchtet.« Thora dachte wohl ähnlich. »Legen Sie sie ins Hauptholo, vor das Bild der SOL.«

Sofort rückte das Raumschiff in den Hintergrund. Stattdessen erschien das dreidimensionale Bild einer attraktiven Frau mit seidigen, kupferfarbenen Haaren, die mit sehr viel Weiß durchwirkt waren. Die Haarsträhnen hatten nichts mit ihrem Alter zu tun, sondern waren ein Merkmal der Akonen, als deren Sprecherin die Hohe Rätin agierte. Schon kurz nachdem Erde und Mond durch das verunglückte Projekt Laurin im Akonsystem gestrandet waren, hatten die Menschen es mit Auris von Las-Toór zu tun bekommen, wobei der Namenszusatz eine Herkunft und keinen Titel darstellte. Zu Rhodans Erleichterung handelte es sich offensichtlich um eine vernünftige Gesprächspartnerin; allerdings wusste er noch nicht, wie sie auf die SOL reagieren würde.

Zumindest hielt sie sich nicht mit langen Vorreden auf. »Kommandantin da Zoltral, Mister Rhodan, können Sie mir erklären, wo dieses Schiff plötzlich herkommt? Gehört dieser ... Koloss zu Ihnen?«

»Es sieht ganz so aus.« Thora warf ihrer Tochter Nathalie, die mit verschränkten Armen neben ihrem Vater stand, einen vorwurfsvollen Blick zu. »Es tut mir leid, dass wir Sie nicht vorwarnen konnten. Aber wir haben selbst gerade erst von der Ankunft der SOL erfahren.«

Nathalie hob entschuldigend die Schultern und schenkte ihrer Mutter ein strahlendes Lächeln.

»Ist das so?« Die Miene der Akonin blieb unbewegt, doch Rhodan meinte, ein leises Misstrauen in ihrer Stimme zu hören.

Er schaltete sich in die Unterhaltung ein. »Tatsächlich hat uns ein langjähriger Verbündeter dieses Raumschiff geschickt, nachdem er von unserem Dilemma hörte. Er hat uns damit alle überrascht.«

»Von welchem der vielen Dilemmata reden Sie genau?«

»Davon, dass wir in das Zentrum des Sternhaufens M Drei vordringen müssen. Es scheint, als sei dieses Schiff eine reelle Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen.«

Dass sie dringend in den Kernbereich von M 3 vordringen mussten, ein Areal, das die Akonen Bacor-Kavi nannten, stand für Rhodan außer Frage, seit er erfahren hatte, dass die Akonen von dort im Moment des Erscheinens der Erde und dem Verschwinden ihres Planeten Na-Thir starke Hyperimpulse empfangen hatten. Er war sicher, dass sie dort eine Antwort darauf finden konnten, was geschehen war – und wie sie es wieder rückgängig machen konnten. Die Akonin hatte auf dieses Vorhaben extrem skeptisch reagiert – und tat es nun wieder.

»Ich habe Ihnen doch bereits gesagt, dass es noch niemand in das Zentrum des Kugelsternhaufens geschafft hat – oder zumindest nicht wieder heraus. Dieses Gebiet wird von einer extrem dichten Dunkelwolke umhüllt.« Auris verzog spöttisch den Mund. »Und Sie denken, dass diesem Schiff gelingen wird, woran Generationen von Akonen gescheitert sind?«

»Das ist zumindest das, was man uns sagt«, antwortete Rhodan. »Sie werden diesen ... Wie sagten Sie? ... diesen Koloss jedenfalls nicht lange in ihrem System dulden müssen.«

»Solange das Schiff zu Ihnen gehört und Sie dafür bürgen, dass keine Aggression davon ausgeht, kann es bleiben. Wir haben Besseres zu tun.«

»Danke für Ihre Kooperation. Das wissen wir zu schätzen. Wie schreiten die Reparaturarbeiten voran?«, erkundigte sich Thora.

Die Versetzung der Erde und ihres Trabanten hatte nicht nur auf den zwei solaren Himmelskörpern große Schäden angerichtet; auch das Blaue System hatte stark gelitten. Unter anderem war der sogenannte Große Blaue Schirm ausgefallen, der die Heimat der Akonen jahrtausendelang vor der Außenwelt verborgen hatte.

»Nur sehr schleppend.« Die Hohe Rätin schürzte die Lippen. »Wir haben momentan an vielen Fronten zu kämpfen.«

»Vielleicht können unsere Techniker Sie unterstützen.« Rhodan wusste, dass er dieses Angebot nicht mit Thora abzusprechen brauchte.

Umso erstaunter war er, als Thora rasch hinzusetzte: »Sofern genug Zeit dafür ist und Sie die Hilfe von uns überhaupt wollen.«

»Wir sind für jede Hilfe dankbar.« Auris nickte knapp. »Wir melden uns.«

Sobald das Kommunikationshologramm erloschen war, fuhr Thora zu Rhodan herum. »Ist es nicht etwas leichtfertig, unsere Hilfe anzubieten, wenn wir gar nicht wissen, wie lange wir noch in diesem System bleiben?«

Rhodan blinzelte überrascht. »Ich denke, dass wir vorerst festsitzen – zumindest, bis wir nach Bacor-Kavi vorgedrungen sind und mehr herausgefunden haben.«

»Eben. Und dafür wird die CREST II das Blaue System verlassen müssen.«

Rhodan räusperte sich und zeigte auf das Holo der SOL. »Für diese Expedition ist die SOL, denke ich, besser geeignet.«

»Woher willst du das wissen? Wir kennen dieses Raumschiff überhaupt nicht.«

»Weil ich es sage, Mom!« Nathalie trat einen Schritt vor. »Ich versichere dir, dass die SOL durchaus in der Lage ist, in den Bereich vorzudringen, an dem die Akonen bisher gescheitert sind. Die technischen Voraussetzungen der CREST II jedoch reichen dafür nicht aus.«

Thora presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. »Ich denke, wir besprechen das besser in meinem Büro.«

Wenn Thora von ihrem Büro sprach, meinte sie ihren Arbeitsbereich im privaten Quartier der Eheleute. Und wenn sie Rhodan dort sprechen wollte, statt einfach ein Privatsphärefeld in der Zentrale zu nutzen, war die Sache ernst.

Thora erhob sich aus ihrem Kommandosessel und ging zügig auf den Ausgang zu. Die Zimmerflucht mit den zwei Büros des Ehepaars lag nur wenige Schritte entfernt.

Rhodan bemerkte, dass zahlreiche Mitglieder der Zentralebesatzung den Streit verfolgt hatten und sich nun hastig ihren Aufgaben zuwandten. Er folgte Thora leicht verlegen. Weil Nathalie nicht mitkam, drehte er sich zu ihr um und zog fragend die Augenbrauen nach oben.

Nathalie schüttelte den Kopf. »Macht das lieber unter euch aus, Dad. Ich störe da nur.«

Wahrscheinlich hatte sie recht. Rhodan querte den Durchgang zum Ringflur vor der Zentrale, das Schott glitt selbstständig hinter ihm zu.

 

Wenige Minuten später trafen Rhodan und Thora im Arbeitszimmer der Kommandantin wieder zusammen.

»Es tut mir leid, ich wollte das nicht vor aller Augen ...«, begann Rhodan.

Thora ließ ihn nicht ausreden. »Bist du völlig verrückt geworden? Du kannst doch nicht ernsthaft darüber nachdenken, mit diesem fremden Schiff zu dieser Mission aufzubrechen!«

»Warum sollte ich das nicht?« Rhodan war ehrlich verblüfft. »Nathalie hat erzählt, dass NATHAN und die Posbis viele Jahre an der SOL gearbeitet haben. Wenn ich jemandem zutraue, ein Raumschiff für besonders gefährliche Missionen zu konstruieren, dann ihnen.«

»Du traust NATHAN und den Posbis so bedingungslos? Wir haben die SOL noch nicht mal selbst inspiziert. Die CREST II ist zuverlässig, und meine Besatzung beherrscht sie im Schlaf. Wir sind ein eingespieltes Team.« Thora schnaubte. »Die SOL dagegen ist mehr oder weniger aus dem Nichts aufgetaucht – mit einer von NATHAN ausgewählten Crew, über die wir nicht das Geringste wissen. Es könnten Mörder und Terroristen sein.«

»Warum sollte NATHAN ein derart wichtiges Schiff solchen Leuten überlassen?« Rhodan bemühte sich, ein Lächeln zu unterdrücken. Er wusste genau, dass es in diesem Moment bei seiner Frau ganz und gar nicht gut angekommen wäre. »Thora, ich sage ja nicht, dass wir sofort aufbrechen sollen. Natürlich will ich mir das Schiff erst genauer ansehen. Ich habe aber keinen Grund, an Nathalies Worten zu zweifeln. Sie sagt, mit der SOL ist die gefährliche Expedition möglich und dass ihre Bordsysteme die Impulse, die wir suchen, zuverlässig orten konnten.«

Thora ging unruhig um ihren futuristischen, beigeweißen Schreibtisch herum, der wie immer klinisch leer und sauber war. Thora arbeitete fast ausschließlich mit Hologrammen; deren Technik verbarg sich gut kaschiert im Innern des Möbelstücks. »Ich gebe es nur ungern zu, aber Nathalie traue ich in diesen Dingen genauso wenig wie NATHAN und den Posbis. Sie ist schon lange nicht mehr das kleine Mädchen, dem ich Dagor beigebracht und abends seinen Plüschhaluter unter die Decke gesteckt habe. Sie hat sich verändert.«

»Das weiß ich.« Rhodan wusste: Es schmerzte Thora nach wie vor, dass Nathalie einst auf Olymp untergetaucht und in die Rolle des »Kaisers« Anson Argyris geschlüpft war. Zwar hatte ihre Tochter diese Rolle mittlerweile abgelegt, und offiziell hatte Thora Nathalie das Versteckspiel verziehen – aber der Stachel saß tief, sehr tief.

Und sie hatte recht: Nathalie war ihren Eltern unter NATHANS Einfluss fremd geworden, auch wenn die Hyperinpotronik auf Luna wahrscheinlich nicht viel dazu beigetragen hatte. Nathalie bezeichnete sich selbst als Dyade, und womöglich wusste nur sie, was das genau bedeutete.

Rhodan seufzte. »Trotzdem ist und bleibt sie unsere Tochter. Sie würde niemals etwas tun, was uns und der Erde schadet. Und NATHAN genauso wenig.«

»NATHAN hat auch Farouq und Tom zu Emotionauten ausgebildet, ohne uns um unsere Meinung zu fragen«, sagte Thora bitter.

Es folgten endlos lange Sekunden des Schweigens. Der frühe Tod ihres Adoptivsohns Farouq lastete noch immer schwer auf Thora, obgleich es Jahre her war. Und auch Rhodan litt noch sehr darunter. Wahrscheinlich kam man nie über den Tod seines Kindes hinweg. Normalerweise erwähnten sie Farouqs Namen gern und genossen die gemeinsamen Erinnerungen an ihn. Aber in der gegenwärtigen Situation erschien es ... unpassend.

»Es tut mir leid.« Thora rieb sich mit zwei Fingern den Nasenrücken. »Ich hätte das nicht sagen sollen. Es hat mit unserer aktuellen Lage nichts zu tun.«

Rhodan war nicht gewillt, sich davon ablenken zu lassen. »Und es wird auch nichts an meiner Meinung ändern, dass es richtig ist, auf Nathalie zu hören.«

Mit einem Ausdruck absoluter Fassungslosigkeit auf dem Gesicht, den sich die sonst so kühle Arkonidin nur in seiner Gegenwart gestattete, sank Thora auf ihren Bürosessel. »Du willst also wirklich die CREST II zurücklassen und auf die SOL wechseln – einfach so?«

»Nicht einfach so, sondern gut vorbereitet und mit einem qualifizierten Team, das ich sorgfältig auswählen werde.« Rhodan nickte überzeugt. »Thora, wenn du Nathalie nicht vertraust, oder NATHAN, dann vertrau doch einfach mir.«

Ihre Miene verfinsterte sich. Sie stand langsam auf. »Ich bin mir nicht sicher, ob du deinem Urteil selbst vertrauen solltest, Perry. Aber bitte – wenn du es dir in den Kopf gesetzt hast, wirst du deinen Plan so oder so verfolgen, egal was ich sage. Lass dich nicht aufhalten.«

Thora Rhodan da Zoltral stürmte nicht aus ihrem Büro, das war nicht ihre Art. Sie ging bedächtig und mit erhobenem Haupt, wie eine Königin. Als sie Perry Rhodan passierte, meinte er, einen eiskalten Hauch zu spüren. Er fröstelte. Ich habe mich durchgesetzt. Aber es steht noch lange nicht fest, wer in diesem Streit gewonnen hat.

2.

Teichgespräche

 

Thora Rhodan da Zoltral verließ ihr Büro und ging quer durch die private Zimmerflucht der Rhodans wieder auf den Hauptkorridor hinaus, wo sie allerdings einen anderen Weg einschlug als den, den sie beim Herkommen genommen hatte. Sie hatte das Gefühl, dass es derzeit keine gute Idee war, in die Zentrale zu gehen. Ihre Erste Offizierin Gabrielle Montoya hatte dort sicher alles bestens im Griff, und die CREST II konnte in der aktuellen Lage keine wütende Kommandantin gebrauchen. Sie musste nach dem Streit mit ihrem Mann erst wieder zur Ruhe kommen.

Kurz entschlossen betrat sie die Kabine eines Expresslifts und fuhr ein paar Ebenen höher. In der äußeren Zentralkugel der CREST II gab es dort mehrere hydroponische Gärten. Einer davon lag etwas versteckt hinter einem der Forschungslaboratorien und war nach dem Vorbild eines japanischen Wandelgartens angelegt. Er war nicht besonders groß, und Schilder am Zugangsschott zum Vorraum wiesen darauf hin, dass es sich um einen Ort der Stille handelte, in der Gespräche möglichst unterbleiben sollten. Deswegen war er meist nicht sonderlich stark frequentiert. Genau das, was Thora suchte, die momentan einfach für sich sein wollte.

Sie betrat den ovalen Raum durch eine Rauchglastür, die geräuschlos vor ihr aufglitt. Wie erhofft, war niemand zu sehen, sie hatte den Garten für sich allein. Ein Weg aus Trittsteinplatten schlängelte sich an Farnen und Ziergräsern in verschiedenen Grüntönen, japanischen Azaleen, Pfingstrosen und Schwertlilien vorbei. Auf den akribisch angelegten Hügeln zogen Bonsais die Blicke auf sich. Steinerne Laternen erinnerten an die Tradition asiatischer Teehäuser, ebenso wie ein kleiner Pavillon. Den Mittelpunkt des Gartens bildete ein Teich mit geschwungenen Uferlinien, an denen Funkien und Prachtspieren wuchsen. In der glatten Wasserfläche spiegelten sich die Wolken des holografischen Himmels und die umstehenden Pflanzen. Einzelne Trittsteine führten quer über das Gewässer von Ufer zu Ufer.

Thora ließ sich auf einen dekorativen Findling am Teichrand sinken und atmete tief durch. Sie legte die Hände auf die Knie, schloss die Augen und versuchte sich an einer Dagoratemübung, um sich zu sammeln.

Als ob dir eine Dagorübung jemals weitergeholfen hätte, wenn du Krach mit Perry hattest, meldete sich ihr Extrasinn zu Wort.

Thora biss sich auf die Unterlippe. Ihre innere Stimme hatte sich während des Konflikts auffällig zurückgehalten. Schon zuvor, als Nathalie unvermittelt aufgetaucht war und die SOL angekündigt hatte, war es verdächtig ruhig in ihrem Kopf geblieben. Du warst mir keine besonders große Hilfe bei der Argumentation, verehrter Logiksektor.

Vielleicht weil deine Motivation nicht besonders viel mit Logik zu tun hatte?

Thora öffnete die Augen und betrachtete das Spiegelbild der virtuellen Wolken im See. Was soll das denn bitte heißen? Wirfst du mir sonst nicht immer vor, dass ich zu logisch und pragmatisch denke?

Tust du ja auch. Normalerweise zumindest.

Dieses Mal nicht?, fragte Thora.

Lass uns die Sache doch mal analysieren: Ihr habt das Problem, in einen Raumsektor vordringen zu müssen, für den euer Schiff nicht geeignet ist. Dann taucht deine Tochter auf, einer der Menschen, die dir am nächsten stehen – wobei ich diese Gefühlsduselei für die kleine Verräterin immer noch nicht begreife ...

Bleib beim Thema!

Schon gut! Nathalie kommt und hat die perfekte Lösung im Gepäck – und du bist nur am Meckern. Also, wer verhält sich unlogisch?

Thora stand auf und ging unruhig am Ufer auf und ab. Ihr Extrasinn hatte völlig recht. Es wäre logisch, Nathalies Hilfe dankbar anzunehmen, statt sie anzuzweifeln – so wie Rhodan es tat. Warum fiel ihr das so schwer?

Wir wissen rein gar nichts über die SOL – außer dass sie ein Produkt von NATHAN und den Posbis ist, zählte sie im Geist ihre Bedenken auf.

Was spricht dagegen, mehr über sie herauszufinden?

Ich weiß nicht recht. Thora hockte sich ans Ufer und tauchte einen Finger ins Wasser. Es war kühl, aber nicht eiskalt – die Gartenpositronik sorgte dafür, dass in der Anlage stets die gleichen Bedingungen herrschten wie an einem lauen Frühsommertag in Japan. Eigentlich ist es nur ein Gefühl – ein starkes, mulmiges Gefühl, dessen Ursprung ich mir nicht erklären kann.

Dass ich das noch mal erleben darf: Thora Rhodan da Zoltral hört auf ihr Bauchgefühl!

Deinen Sarkasmus kannst du dir sparen. Sie klatschte mit der flachen Hand ins Wasser und beobachtete die Wellen, die sich langsam ausbreiteten. Ich komme allmählich selbst zu der Erkenntnis, dass es keine gute Idee ist, auf dieses Bauchgefühl zu vertrauen. Es hängt zu viel davon ab, dass die Expedition ins Zentrum von M Drei erfolgreich verläuft. Wenn ich keine rationalen Gründe finde, die gegen die SOL sprechen, sollte ich aufhören, mich Perrys Plänen zu widersetzen.

Nun, von meiner Seite wirst du keine weiteren Argumente zu hören bekommen, versicherte der Extrasinn.

Danke. Du bist eine große Hilfe!

»Kommandantin?« Die Stimme war leise und schüchtern, doch sie erschreckte Thora dermaßen, dass sie beinahe vornüber in den Teich gefallen wäre.

Eine kleine, kräftige Hand packte sie an der Schulter und riss sie zurück. Thora blickte auf und sah in das Gesicht von Donna Stetson.

Die Positronikpsychologin, die an Bord der CREST II mit der Künstlichen Intelligenz SENECA zusammenarbeitete, war noch genauso blass und verhuscht wie bei ihrer ersten Begegnung vor zwölf Jahren. Thora hatte sich mittlerweile an die etwas seltsame Art der Terranerin gewöhnt. Stetson hatte zwischenzeitlich ein paar Jahre auf dem Mond verbracht und geforscht und war auf ausdrückliche Empfehlung von NATHAN vor zwei Jahren zur CREST II zurückgekehrt, um sich voll und ganz SENECA zu widmen.

Merkst du was? Damals hattest du zum Beispiel auch kein Problem damit, einer Empfehlung von NATHAN zu folgen. Und es war keine schlechte Entscheidung.

Thora konnte nicht anders, als ihrem Extrasinn zuzustimmen: Seit Stetson die neu geschaffene Stelle der SENECA-Interpreterin übernommen hatte, war die Zusammenarbeit mit der KI deutlich einfacher geworden. Die Hauptpositronik der CREST II hatte sich, sehr zu Thoras Unbehagen, immer mehr zu einer echten Künstlichen Intelligenz entwickelt – weit über die Rakkor-Grenze hinaus, die von den Arkoniden schon in ferner Vergangenheit definiert und akzeptiert worden war. SENECA hatte eine eigenständige Persönlichkeit entwickelt. Das war Thora unheimlich. Bereits mehrfach hatte die KI bewusst Befehle missachtet und eigene Entscheidungen getroffen, die für Thora als Schiffskommandantin nicht nachvollziehbar waren. Stetson war so etwas wie eine Vermittlerin, die den Menschen SENECAS Gedankengänge näherbrachte. Gleichzeitig »übersetzte« sie der KI menschliches Verhalten, suchte nach Programmierschwächen und half SENECA, neu erworbene Fähigkeiten zu strukturieren und in sinnvolle Bahnen zu lenken. Dass Stetson selbst ein wenig ... nun ja, schrullig war, kam ihrer Arbeit vermutlich zugute.

»Miss Stetson – Sie haben mich erschreckt.« Thora richtete sich auf und strich sich aus einem Reflex heraus über die ohnehin exakt sitzende Montur. Es war ihr etwas unangenehm, auf dem falschen Fuß erwischt worden zu sein. Wie lange hat sie mich wohl schon beobachtet?

»Entschuldigen Sie, das wollte ich nicht.« Die weit auseinanderstehenden, graugrünen Augen der Frau waren irritierend. »Ich saß in dem kleinen Pavillon, um zu lesen – ich habe gerade Pause –, und habe Sie anfangs gar nicht bemerkt. Erst als ich gehen wollte.«

»Nun, da haben wir etwas gemeinsam: Ich habe Sie ebenfalls nicht bemerkt.« Thora atmete tief durch.

Stetson zögerte. Thora wusste, dass die Terranerin sich schwertat, wenn es um Zwischenmenschliches ging. Ihr war bekannt, dass die SENECA-Interpreterin nicht viele Freunde hatte, obwohl sie nicht unbeliebt war.

»Kommandantin, es geht mich wahrscheinlich nichts an, aber ich hatte den Eindruck, dass Sie aufgewühlt sind. Wären Sie SENECA, würde ich mich hinsetzen und die Subroutinen überprüfen.«

»Danke, dass Sie mich mit unserer Positronik vergleichen«, sagte Thora trocken. »Kommt es häufiger vor, dass SENECA ›aufgewühlt‹ ist, wie Sie sagen?«

»Eigentlich nicht. Obwohl, in letzter Zeit ... Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn Sie über etwas reden möchten, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung. Ich bin zwar nur Positronikpsychologin, aber ich kann gut zuhören.«

Thora war erstaunt. Früher wäre Stetson nicht so offensiv auf sie zugekommen. Sie hatte in den vergangenen Jahren Fortschritte gemacht. Trotzdem war Stetson anzumerken, dass sie das Angebot große Überwindung gekostet hatte. Deswegen wollte Thora sie nicht einfach abblitzen lassen.

»Nun, eine zweite Meinung könnte tatsächlich nicht schaden.«

Eine dritte Meinung, willst du wohl sagen, warf ihr Extrasinn beleidigt ein.

Thora ignorierte ihn. »Es geht um dieses Raumfahrzeug, das vor Kurzem aufgetaucht ist, die SOL. Mein Mann hat die Absicht, mit diesem Schiff zu einer Expedition aufzubrechen, und ich bin nicht sicher, was ich davon halten soll.«

»Warum nicht?«

»Weil wir von diesem Hantelschiff nichts wissen, außer dass es von NATHAN konstruiert wurde.«

»Und Sie misstrauen der Hyperinpotronik?«

»Misstrauen ist vielleicht das falsche Wort ...«

»Ich könnte es verstehen.« Stetson nickte bekräftigend. »Ich habe lange auf dem Mond gearbeitet, wie Sie wissen – auch mit NATHAN. Er kann tatsächlich ziemlich einschüchternd sein, insbesondere für Positronikspezialisten. Wir werden sein Wesen wohl nie ganz erfassen – und er genießt den Mythos und die Geheimnisse, die ihn umwittern.«

Thora legte den Kopf schief. »NATHAN kann etwas genießen?«

Stetson lachte, was selten vorkam. Meist war ihre Miene unbewegt und ernst. Sie hatte ein hübsches Lachen, kurz und trotzdem strahlend, wie Sonne, die zwischen Wolken hervorblitzte. »Soweit ich das beurteilen kann, tut er das wirklich. Es ist kein Wunder, dass Sie der SOL kritisch gegenüberstehen. NATHAN gibt sich so mysteriös, dass man sich über Misstrauen nicht zu wundern braucht. Aber nüchtern betrachtet, hat er sich bislang immer als Freund der Menschheit erwiesen.«

»So argumentiert mein Mann auch«, gab Thora zu.

»Ich habe viel von NATHAN gelernt, vor allem, was den Umgang mit SENECA angeht. Sie glauben nicht, was ich für faszinierende Forschungsobjekte in den Untergrundanlagen auf dem Mond gesehen habe. Die dortige Technik, die auf die Posbis zurückgeht, kommt selbst mir manchmal wie Magie vor, obwohl ich es besser weiß.« Sie legte sinnierend eine Hand an ihr Kinn. »Diese SOL scheint ein faszinierendes Schiff zu sein. Vielleicht ist sie es wert, genauer erforscht zu werden.«

Habe ich nicht vorhin etwas Ähnliches gesagt? Ich mag diese Frau!

Thora hob die Augenbrauen. »Das klingt, als wollten Sie mich überreden, die SOL zu besuchen?«

Stetson hob die Schultern. »Muss ich Sie dazu überreden? Oder haben Sie vielleicht selbst gute Gründe dafür?«

Die Kleine ist gut.

Thora dachte über die Frage nach. »Natürlich interessiere ich mich für dieses Raumschiff. Und wenn Perry vorhat, mit einigen unserer Leute dorthin zu wechseln und ins Unbekannte zu fliegen, sollte ich mir die Sache als Kommandantin genauer ansehen, oder?«

»Wenn Sie der Meinung sind, dass die CREST II ohne Sie zurechtkommt?«

Thora musste lächeln. »Sie spielen gern den Advocatus Diaboli, was?«

»Eigentlich nicht.« Stetsons Miene blieb unbewegt. »Es ist jedoch eine beliebte psychologische Strategie, die mir angemessen erschien.«

»Aha. Danke schön, Miss Stetson. Sie haben mir auf jeden Fall Stoff zum Nachdenken gegeben.«

»Gern, Kommandantin.« Stetson wandte sich zum Gehen. Sie zögerte noch einmal kurz. »Eine Sache noch: Sie haben vorhin gefragt, ob SENECA häufiger aufgewühlt ist. Ist Ihnen in dieser Hinsicht etwas aufgefallen?«

Thora horchte auf. »Das war nur ein Witz. Oder haben Sie andere Beobachtungen gegeben?«

»Nicht direkt. Doch SENECA scheint in jüngster Zeit etwas zu beschäftigen, das habe ich in meiner Konversation mit ihm bemerkt ... und an anderen Kleinigkeiten. Vielleicht steht wieder eine neue Entwicklung an.«

»Das wissen Sie bestimmt besser als ich. Gibt es Grund zur Sorge?«

»Bislang nicht mehr als gewöhnlich. Ich muss zurück an die Arbeit.« Donna Stetson nickte ihr noch einmal zu und verließ den Garten.

Thora dachte nicht allzu lange über Stetsons letzte Bemerkung nach. SENECA machte ständig irgendwelche seltsamen Entwicklungen durch, über die sich die Positronikspezialisten freuten wie junge Mütter über die ersten Schritte ihres Nachwuchses.

Vielleicht lernt SENECA gerade, aufs Töpfchen zu gehen, witzelte der Extrasinn.

Das vorherige Thema ihrer Unterhaltung mit Stetson beschäftigte Thora mehr. Sie musste zugeben, dass der Gedanke, zusammen mit Perry Rhodan auf die SOL zu wechseln, etwas für sich hatte. Nicht nur, weil sie ihn nicht allein gehen lassen wollte – ihr Mann war schon oft ohne sie zu Abenteuern aufgebrochen, ohne dass es ihr etwas ausgemacht hätte. Aber wenn sie ehrlich war, hatte sie gewisse Bedenken, auf der CREST II zurückzubleiben und ohne ihn mit den Akonen und insbesondere mit Auris von Las-Toór konfrontiert zu werden.

Ja, auch ich habe das Gefühl, dass wir mit ihr niemals richtig warm werden, pflichtete ihr der Extrasinn bei.

Woran das wohl liegt? Thora ließ sich wieder auf den Findling sinken. Zwischen Auris und mir steht so etwas wie eine Wand.

Wundert dich das? Die Akonen sind direkte Nachfahren der Liduuri. Sie blicken auf uns Arkoniden herab, weil unser Volk deutlich jünger ist.

Vielleicht tun sie das. Es fühlt sich jedenfalls so an. Entschlossen presste Thora Rhodan da Zoltral die Lippen aufeinander. Es kann jedenfalls nichts schaden, ein paar Lichtjahre zwischen mich und diese Auris von Las-Toór zu bringen.

3.

Ein Team für Rhodan

 

Perry Rhodan sah seiner Frau einige Sekunden regungslos nach, dann verließ er seufzend das Büro durch dieselbe Tür. Er wollte ihr allerdings nicht hinterher, sondern suchte sein eigenes Arbeitszimmer auf. Er war fest entschlossen, seinen Plan umzusetzen, und es galt, einige Vorbereitungen zu treffen.

Rhodans Büro befand sich genau neben dem von Thora. Auf der anderen Seite des Flurs lag ihr gemeinsamer Wohnbereich, den Gang hinunter ihr Schlafzimmer und das Bad. Thora war nicht mehr in der Wohnung, da brauchte er nicht nachzusehen: Wenn die Arkonidin verärgert war, setzte sie sich nicht schmollend auf die Couch, sondern blieb zunächst in Bewegung, um sich erst anschließend einen ruhigen Platz zum Nachdenken zu suchen. Sie waren lange verheiratet, Rhodan kannte sie gut genug. Nach einer Weile würde seine Frau entweder einlenken oder ihn kalt lächelnd auflaufen lassen. Wie auch immer, er konnte nichts daran ändern. Sie hatten trotz all der gemeinsamen Zeit nach wie vor unterschiedliche Ansichten, was gewisse Dinge anging.

Mit langen Schritten ging er zu dem Getränkespender, der in seinem Büro in einer Ecke stand, und holte sich ein Glas Wasser. Während er daran nippte, überlegte er, womit er anfangen sollte. Bedächtig nahm er an seinem Schreibtisch Platz. Sein Büro war optisch das Gegenstück zu dem von Thora: dunkles Holz, schwarze Ledersessel, dunkelgrauer Teppich. Technisch stand es dem der Arkonidin in nichts nach.

Mit wenigen Handbewegungen rief Rhodan eine dreidimensionale Darstellung der Mannschaftsliste auf. Es war Zeit, sein Team zusammenzustellen. Gucky war einer der Ersten, die ihm dazu einfiel. Er zog dessen Miniatur-Konterfei auf eine holografische Pinnwand. Der Ilt war ihre »Allzweckwaffe«, auf seine Hilfe wollte er nicht verzichten. Und überreden brauchte er den neugierigen Mausbiber sicher auch nicht zu dieser Mission.

Er tippte außerdem auf die Personalakte von Omar Hawk. Seit seinem Auftauchen vor zwölf Jahren gehörte der Oxtorner mit einigen Unterbrechungen zur Stammbesatzung der CREST II. Wegen seiner Hochschwerkraftwelt-Konstitution kam er unter anderem bei Außenmissionen auf unbekanntem Terrain häufig zum Einsatz – wer anders als dieser »Überlebensspezialist« schien für den Aufbruch hinter die Dunkelwolke geeigneter zu sein? Zudem war er ein fähiger Raumfahrer, Hochenergietechnikingenieur und Positronikwissenschaftler, in Summe also jemand, den Rhodan bei dieser Mission gern dabeihatte.