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Cover

Vorwort

Stellaris 71

Vorwort

»Gefahrenzulage« von Hermann Ritter

Stellaris 72

Vorwort

»Ein Roboter namens Ferdinand« von Michael G. Rosenberg

Stellaris 73

Vorwort

»Die Runde machen« von Ulf Fildebrandt

Stellaris 74

Vorwort

»Die Sonne der STELLARIS« von Dennis Mathiak

Stellaris 75

Vorwort

»Linearraum-Rhapsodie« von Michael Tinnefeld

Stellaris 76

Vorwort

»Der Ara« von Olaf Brill

Stellaris 77

Vorwort

»Die Sehnsucht der Flechte« von Gerhard Huber

Stellaris 78

Vorwort

»Eingedost« von Dieter Bohn

Stellaris 79

Vorwort

»Das Erbstück« von Roman Schleifer

Stellaris 80

Vorwort

»Der Intelligenztest« von Ulf Fildebrandt

Impressum

 

Das Raumschiff STELLARIS lädt ein zu einer besonderen Reise in das Perryversum

 

Die STELLARIS ist ein besonderes Raumschiff: Seit vielen Jahren reist sie durch das Universum der PERRY RHODAN-Serie, bemannt von einer wechselnden Besatzung, unter wechselnder Leitung und mit wechselnden Zielen. Die Abenteuer, die ihre Besatzung und Passagiere erleben, sind Thema zahlreicher Geschichten ...

Unterschiedliche Autoren verfassten die Kurzgeschichten rings um das Raumschiff STELLARIS. Sie werden seit Jahren regelmäßig im Mittelteil der PERRY RHODAN-Hefte veröffentlicht – hier präsentieren wir die Folgen 71 bis 80 in einer Sammlung.

Mit dabei sind Kurzgeschichten von Hermann Ritter, Michael G. Rosenberg, Ulf Fildebrandt, Dennis Mathiak, Michael Tinnefeld, Olaf Brill, Gerhard Huber, Dieter Bohn und Roman Schleifer.

 

Das STELLARIS-Paket 8 umfasst folgende Geschichten:

Folge 71: »Gefahrenzulage« von Hermann Ritter

Folge 72: »Ein Roboter namens Ferdinand« von Michael G. Rosenberg

Folge 73: »Die Runde machen« von Ulf Fildebrandt

Folge 74: »Die Sonne der STELLARIS« von Dennis Mathiak

Folge 75: »Linearraum-Rhapsodie« von Michael Tinnefeld

Folge 76: »Der Ara« von Olaf Brill

Folge 77: »Die Sehnsucht der Flechte« von Gerhard Huber

Folge 78: »Eingedost« von Dieter Bohn

Folge 79: »Das Erbstück« von Roman Schleifer

Folge 80: »Der Intelligenztest« von Ulf Fildebrandt

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Folge 71: »Gefahrenzulage« von Hermann Ritter

 

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Titelillustration: Dietmar Krüger

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Ahoi vom Raumschiff STELLARIS!

 

Die STELLARIS ist ein terranisches Fracht- und Passagierschiff, das vor etwa fünfhundert Jahren auf dem Planeten Myra abgestürzt ist, der hinter einer Hypersturmfront verborgen lag. Nachdem das Schiff wieder flottgemacht worden ist, als die Hypersturmaktivität nachgelassen hat, bricht die STELLARIS mit einer neuen Mannschaft in die Milchstraße auf, die sich radikal verändert hat.

Kapitänin ist die mit allen Wassern gewaschene Thassaia, die einzig zu einem Thema beharrlich schweigt, nämlich wie eigentlich ihr Vorname lautet. An ihrer Seite steht die junge Erste Offizierin Kaya Tikane, deren Vorfahren Priester des Báalol-Kultes waren. Unser Zeichner Dietmar Krüger zeigt uns in der Titelillustration dieser Story ein – wie ich finde – starkes Porträt der jungen Raumfahrerin.

Viele andere Crewmitglieder sorgen im Dreischichtbetrieb dafür, dass die STELLARIS, ihre Fracht und Passagiere sicher ans Ziel kommen. Diesmal blicken wir in den Arbeitsalltag des ploxandischen Frachtführers Obregon, der ebenfalls auf der genannten Illustration dargestellt ist. Eigentlich möchte er nur penibel seiner Arbeit nachgehen, auch wenn er gelegentlich von Größerem träumt. Doch manchmal läuft so ein Arbeitstag anders, als man es sich so denkt. Vor allem, wenn es plötzlich zum Job gehört, Gefangene zu betreuen ...

Der Autor der vorliegenden Geschichte ist für die PERRY RHODAN-Leser kein Unbekannter: Hermann Ritter ist ein Urgestein der deutschen Phantastik-Szene: langjähriger Mitherausgeber von »Magira«, dem umfangreichen »Jahrbuch für Fantasy«, mehrmaliger Vorsitzender der PERRY RHODAN-FanZentrale, und den meisten von euch sicher von den PERRY RHODAN-Clubnachrichten bekannt, die er bis Januar 2019 mehr als fünfzehn Jahre lang betreute.

Ritter hat mehrere Romane zu PERRY RHODAN-Action und PERRY RHODAN NEO beigesteuert. Auch in der aktuellen Miniserie um die Mission SOL ist er wieder dabei. Sein Roman »Das Orakel von Takess« ist im August erschienen.

Tatsächlich gehört Hermann Ritter sogar zu den Ur-Autoren der STELLARIS-Reihe: Die fünfte Episode stammt von ihm, sie ist sage und schreibe vor elfeinhalb Jahren erschienen. Zeit für einen weiteren Beitrag – hier ist er! Ich bin sicher, dass wir von Hermann Ritter in Zukunft weitere phantasievolle Geschichten lesen werden, ob sie auf dem Raumschiff STELLARIS spielen oder irgendwo anders im vielfältigen Universum von PERRY RHODAN.

 

Allzeit gute Fahrt zu den Sternen

Ad astra

 

Euer

Olaf Brill

Folge 71

Gefahrenzulage

von Hermann Ritter

 

Es half nichts – Obregon war wach. Er hatte versucht, sich mit schönen Bildern in den Schlaf zu wiegen. Doch das einzige Wort, das ihm immer wieder einfiel, wenn er fast eingeschlafen war, lautete Gefahrenzulage. Dies war der Begriff, mit dem die Kapitänin die neue Ladung beschrieben hatte.

Gefahrenzulage – das klang nach Abenteuern, wie sie Holo-Detektive im Trivid erlebten, nach großen Herausforderungen an die technischen Fähigkeiten der Mannschaft.

Obregon hatte sich vorgestellt, wie er unter den bewundernden Blicken der Kameraden riesige Fesselfeldgeneratoren im Laderaum installierte, um etwas zwischen einem der legendären Marschiere-Viels und einem Dolan festzusetzen. Selbstverständlich hätte er dafür die Maschinen bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit treiben müssen. Die Fesselfelder hätten unter dem Ansturm geklungen, als schlage jemand mit einem großen Hammer auf eine riesige Glocke ein. Aber unbeirrt von allen Störungen hätte er, Obregon, der Ploxander, die Ruhe bewahrt und mit einer geschickten Notfallschaltung die Situation unter Kontrolle gebracht.

Doch das war alles nur eine Phantasie.

Stattdessen bestand seine Ladung, ihre Ladung, aus Sträflingen. Gefangenen. Übeltätern einer fremden Welt, die nach Gesetzen verurteilt worden waren, die grausamer und archaischer waren als alles, das man je auf der STELLARIS für vorstellbar gehalten hatte.

Die Nacht war für ihn vorbei. Obregon richtete sich auf, blickte auf die an die Wand projizierte Zeitanzeige und beschloss, dass 4.27 Uhr schon fast 6.30 Uhr war. Damit hatte er sicherlich lange genug geschlafen, um nicht völlig zerschlagen und mit dem Gesichtsausdruck eines zerknautschten Matten-Willys seinen Dienst zu beginnen.

Er gähnte herzhaft und strich sich die Mundtentakel glatt. Gefahrenzulage. Verdammter Mist.

 

*

 

Es half wenig, dass die Kapitänin überall lachend herumerzählte, wie ungefährlich die beiden Gefangenen und wie rückständig die Prudencer waren. Obregon hatte trotzdem das Gefühl, dass ihn die Verantwortung erdrückte, die auf seinen Schultern lastete. Wenn nichts geschah, gab es die Gefahrenzulage. Wenn etwas geschah, gab es keine Gefahrenzulage – und er war schuld.

Also nahm er sich besser Zeit für eine erneute Kontrolle. Noch vor dem Frühstück!

Er aktivierte die Konsole und ließ sich die Bildüberwachung der beiden Kabinen vorführen. Seine Art, in die Frachträume hineinzublicken, war nicht jedermanns Sache. Ihm half es, sich in die Begebenheiten vor Ort einzufinden. Das war bei leblosen Dingen unproblematisch, aber bei den beiden Gefangenen war es vielleicht doch keine so gute Idee.

Denn so, als wären sie mit ihm in der Kabine, tauchten die beiden Figuren als perfekte Wiedergaben im Holobild vor ihm auf.

Der eine war ein hagerer, hochgewachsener Mann namens Kel Drummond, der für einen Menschen unverschämt gut aussah. Er lag in seiner Koje und schaffte es, selbst im Schlaf ein Lächeln auf sein Gesicht zu zaubern. Der zweite Gefangene, ein gewisser Veldekan, war wach und ging ruhelos in seiner Kabine auf und ab.

Obregon musste den Impuls unterdrücken, ihm auszuweichen, als Veldekan an ihm vorbei drei Schritte ging, dann wendete und wieder zurückkam. Aus dem Mundwinkel des Gefangenen floss ein Speichelfaden. Er hob die behaarte Hand und wischte den Faden fort. Dann strich er die Hand an seiner Kleidung ab, um ungerührt seine Wanderung weiterzuführen.

Obregon seufzte. Dieser Veldekan war alles andere als ein Sympathieträger. Das Gegenteil traf zu: So stellte er sich einen Verbrecher vor. Unsympathisch, unhygienisch und auf keinen Fall unschuldig.

Er seufzte erneut. Immerhin war er wach, also konnte er auch arbeiten. Obregon aß eine Kleinigkeit aus einer tönernen Schale, in der er für solche Gelegenheiten mit Schokolade ummantelte Nüsse sowie einige unter fremder Sonne mutierte Riesenrosinen aufbewahrte. Dazu trank er einen Becher einer dunklen, sehr süßen Limonade, und zum Nachtisch – »Wegen der Vitamine«, wie seine Mutter ihn immer ermahnt hatte – aß er einen Kleetash.

Gesättigt machte er in seinem Morgenprogramm weiter. Sorgsam zog er die Borduniform über, warf einen letzten Blick in den Holospiegel, um sein Aussehen zu kontrollieren und eventuelle Nussreste im Gebiss zu identifizieren, und begab sich direkt in sein Büro.

Es gab Crewmitglieder, die ihre Kabine nie verlassen mussten, weil ihre Arbeit von dort erledigt werden konnte. Manchmal gingen Wohnbereich und Arbeitsbereich auch fließend ineinander über.

Obregon konnte das nicht. Für ihn war es wichtig, dass es einen Übergang zwischen Arbeit und Freizeit gab. Selbst wenn er morgens ein paar Vorarbeiten in seiner Kabine erledigte – die tatsächliche Arbeit begann, wenn er sein Büro erreichte, und sie endete, wenn er es verließ. Zumindest in der Theorie ...

Sein Büro war überschaubar, die Einrichtung zweckmäßig, auf Funktionalität ausgerichtet. Als Frachtführer war er für einen der Lagerräume der STELLARIS verantwortlich. Diese Zuständigkeit war für ihn Grund genug, den Lagerraum engmaschig zu überwachen. Er wusste ganz genau, was in jedem Container lagerte: weiche Pelze oder rostige Maschinenteile, alte Folianten oder Datenbanken voll mit akonischem Erotik-Trivid.

Dazu kam, dass er seinen Lagerraum mit modernster Technik überwachte, damit die Waren optimal gelagert und transportiert wurden. Er war sogar so weit gegangen, einige Erweiterungen privat zu bezahlen. Auf der STELLARIS war Eigeninitiative gewünscht. Deshalb hatte es keine Probleme gegeben, als er die Grundeinstellungen anpasste.

Vor vielen Jahren hatte er mal eine Dokumentation über archaische Spiele gesehen. Da ging es um ein frühes, zweidimensionales Computerspiel, in dem unterschiedlich farbige und abwechslungsreich geformte Teile einen Schacht herunterfielen. Während des Fallens konnte man sie drehen, sodass sie sich passgenau auf die schon vorhandenen Gebilde legten. War eine Reihe vollständig, verschwand sie, und man hatte Platz für Nachschub. Das Ganze wurde immer schneller und immer komplizierter, je weiter man in dem Spiel vorankam.

Seine Arbeit erinnerte ihn oft an dieses Spiel. Die Symmetrie des Lagers, jene Aufgabe, möglichst viele unterschiedlich zu behandelnde Waren in ein System zu bringen, das garantierte, dass sie alle unbeschädigt ankamen – das war seine Welt! Eine schöne Welt, eine ordentliche Welt, die mit leblosen Dingen gefüllt war.

Als er Frachtführer geworden war, hatte er es sich nie träumen lassen, dass er irgendwann dafür zuständig sein würde, Gefangene zu transportieren. Für ihn war eine solche Arbeit abschreckender als der Gedanke, für einen Hangar voll Okrills verantwortlich zu sein – Hege und Pflege der Tiere eingeschlossen.

Einige Minuten vertrieb er sich damit, an der Konsole den Zustand der Fracht zu überprüfen. Bei Obst war es wichtig, dass Temperatur und Luftdruck stimmten; andere Waren mussten immer wieder daraufhin überprüft werden, dass sie ordentlich befestigt waren. Auf der STELLARIS hatte es gelegentlich Schwierigkeiten mit der Energieversorgung gegeben, weshalb er dazu übergegangen war, einen Teil der Fracht zusätzlich mit Gurten oder sogar Keilen zu fixieren.

Gegen einen Ausfall der Schwerkraft waren die meisten Dinge damit nicht geschützt. Obregon hoffte dennoch, dass seine Vorkehrungen die Auswirkungen überraschend auftretender Schwierigkeiten zumindest minimieren würden.

Er hatte alles getan, was er im Büro erledigen konnte. Damit gingen ihm die Ausreden aus: Er musste nach den beiden Gefangenen sehen, auch wenn ihm ein unangenehmer Prughgeruch in die Nase stieg. Er erwischte sich dabei, wie er darüber nachdachte, erneut die Container XII und CII zu überprüfen. Das hatte er zwar an diesem Morgen schon getan, aber man wusste ja nie ...

»Obregon?« Vor ihm baute sich das Gesicht eines dunkelhaarigen Terraners auf.

Selbstverständlich erkannte er ihn sofort – wie jeder an Bord. Prep Ykraus, der Sicherheitschef ... immer zur Stelle, wenn man ihn überhaupt nicht gebrauchen konnte.

»Ja?«

»Muss ich dich daran erinnern, dass die Gefangenen eine menschenwürdige Behandlung verdient haben, so wie es die Vereinbarungen mit den Prudencern vorsehen?«

Dieser Tag schien genauso mies weiterzugehen, wie er begonnen hatte. »Frühstück ist unterwegs. Nahrhaft, wohlschmeckend, liebevoll angerichtet und von mir persönlich überbracht. Gleich.«

»Gleich klingt gut. Shanee hat mich heute erneut ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Gefangenen ...«

Die alte Leier.

»Ich weiß nicht, warum sie glaubt, ich würde Gefangene im Frachtraum foltern. Und ich weiß nicht, welchen Narren sie an den Gefangenen gefressen hat.«

Ohne dass er es vermeiden konnte, bildete sich das Gesicht von Kel Drummond vor seinem inneren Auge. Der Gefangene, dem die Frauen vertrauen.

Der Sicherheitschef war am einfachsten dadurch abzulenken, dass man ihn nach Dingen fragte, die direkt in seinen Verantwortungsbereich gehörten.

»Hast du inzwischen die Datei von Prudence geknackt, damit wir etwas mehr über die beiden erfahren?«, fragte Obregon.

Immerhin war allgemein an Bord bekannt, dass Prep gerne über alles informiert war, was an Bord geschah. Über alles. So hatte Prep schon mehrmals versucht, die Datensätze zu dechiffrieren, die man ihnen für den Gefangenenplaneten übergeben hatte.

Sein Gegenüber reagierte nicht begeistert. »Fragmente, Bruchstücke, mehr nicht. Aber ich weiß nicht, ob du das wissen willst ...«

»Ich könnte mich erkenntlich zeigen!«

Preps Augenlid zuckte. Einen Moment rang er mit sich. »Es gibt da ein paar Dinge in Container IV, die ich gerne selbst noch einmal inspizieren würde.«

Törtchen. Genau das war der Inhalt von Container IV: trockene, spröde, brüchige, nach Obregons Geschmack schlecht schmeckende Törtchen. »Einverstanden.«

»Aber sag es keinem weiter ...« Dieses lemurische Sprichwort war immer noch nicht aus der Mode. Obwohl es eigentlich nur ein Platzhalter war – Geheimnisse waren an Bord von Raumschiffen die gängige Währung, wenn man Gefallen oder Neuigkeiten eintauschen wollte.

»Veldekan heißt eigentlich Veldekan Temerint Kardogal da Cansagar. Er ist ein Arkonidenabkömmling, hat adlige Vorfahren. Aber das passt kaum zu dem, was ich aus der Datei herausgelesen habe. Veldekan ist ein mehrfacher Mörder, der seine Opfer auf bestialische Weise zu Tode gebracht hat.« Er machte eine kurze Kunstpause, damit Obregon die Informationen verdauen konnte. »Kel Drummond hingegen ist ein ...« Prep musste ein Lachen unterdrücken. »... Heiratsschwindler!«

»Was ist das denn?«

»Jemand, der Wesen zu einer vermeintlichen Liebesbeziehung verführt, eine Verbindung mit ihnen eingeht, die ihm ihr gesamtes Vermögen sichert, und sich dann damit auf und davon macht! Angeblich stammt diese Tradition von dem mythischen Planeten Erde.«

Obregon gluckste. »Und darauf steht auf Prudence die Todesstrafe?«

»Natürlich«, entgegnete der Sicherheitschef ernsthaft. »Genauso wie auf Mundraub, Niesen im Gottesdienst, das Tragen von karierten Oberhemden bei Vollmond, Kindesentführung und Organhandel. Na gut, das mit dem Niesen habe ich erfunden, aber der Rest passt zu den Prudencern. Ich komme dann nachher wegen des Containers vorbei ... vergiss unsere Abmachung nicht!« Er beendete die Verbindung.

Also muss ich wieder ein paar Törtchen als verdorben ausbuchen. Das mindert meine Erfolgsbilanz.

Während Obregon sich daranmachte, das Frühstück für die beiden Gefangenen zusammenzustellen, dachte er über die grausame Kultur der Prudencer nach. Dort regulierten Tabus und Verbote das gesamte Leben. Egal, was du falsch machen konntest – es war ein Verbrechen und wurde mit dem Tode bestraft. Eine einfache Logik, die wenig Spielraum für Auslegungen ließ.

Als die planetare Zivilisation einen ersten Kontakt zu den Zivilisationen in der galaktischen Nachbarschaft erhielt, wollten die Prudencer ihren Weg nicht aufgeben. Aber die Nachbarn handelten nur unter der Bedingung mit ihnen, dass sie keine Gefangenen mehr bestialisch hinrichteten.

Also einigte man sich darauf, dass jene, die zum Tode verurteilt worden waren, von Prudence deportiert wurden. Sie wurden von Schiffen wie der STELLARIS auf verschiedene streng bewachte Zielplaneten gebracht und erhielten dort die Chance, sich zu resozialisieren. Die Betreiber der Transportschiffe wurden dafür fürstlich belohnt – mit Gefahrenzulage!

Obregon platzierte die Nahrungsmittel jeweils auf einem kleinen Tablett. Es war schwierig, beide zu balancieren, ohne dämlich auszusehen, wenn er damit durch den Frachtraum ging. Deswegen bediente er zuerst Veldekan. Dass es sich bei diesem Abscheu erregenden Ungetüm um einen Mörder handelte, machte dessen Aussehen nicht erträglicher.

Niemand mochte Mörder. Daher wäre man auf Prudence nur zu gerne bereit gewesen, Veldekan für seine Untaten zwischen vier Holzpflöcken mit nassen Lederbändern an den Handgelenken auf dem Boden festzumachen, danach mit Honig einzuschmieren und darauf zu warten, dass die Falo-Spinnen ihn bei lebendigem Leib auffraßen.

Hingegen war man auf der STELLARIS ein wenig freundlicher eingestellt. Sogar gegenüber einem Mörder. Es gab für jeden Gefangenen eine eigene Nasszelle, in der er allein und garantiert unbeobachtet war, dazu eine Kabine in einem speziell umgebauten Container. Man hatte als Gefangener sogar Zugang zum Datenspeicher – keine Kommunikation nach außerhalb, das verstand sich von selbst, aber man konnte sich bei der Unterhaltung und der allgemeinen Information bedienen. Der Container war nicht geräumig, aber angenehm klimatisiert, und er enthielt alles, was ein Mensch zum Überleben brauchte.

Als sich Obregon dem ersten der beiden Container näherte, blieb er kurz stehen. Dann rümpfte er die Nase. Da war er wieder – dieser Geruch nach zu altem Prugh. Er hatte das schon ein paar Mal überprüft – im Lagerraum gab es nichts, was riechen konnte. Eher war wahrscheinlich, dass er sich einen Infekt eingefangen hatte. Oder vielleicht wurde sein Geruchssinn einfach wahnsinnig.

Er riss sich zusammen. Als er um die Ecke des Containers bog, geriet er in das Blickfeld des angenehm ausgestatteten Wohnteils des ersten Gefängnisses.

»Guten Morgen!«, begrüßte er den Gefangenen.

Die Erwiderung war nicht freundlich. Veldekan spuckte nur einen Speichelklumpen in die Ecke des Containers. Dann begann er sich mit seiner rechten Hand zwischen den Beinen zu kratzen, während seine Linke den Mund abwischte.

Obregon wurde fast schlecht. Er stellte das Frühstück auf die eine Seite der Klappe, die sich in Bauchhöhe zwischen ihm und Veldekan befand. Eine einfache Schleuse ohne energetischen Blödsinn, die es erlaubte, kleinere Dinge von außen nach innen und ebenso auch von innen nach außen zu transportieren. Keine Gefahr für das Schiff.

Was wollte man auch hier hinein- oder hinausschmuggeln? Bad und Toilette hatten eine eigene Versorgung, die Atemluft im Raum wurde aufwendig erneuert, und alle anderen Dinge waren entweder positronisch verpackt, oder sie mussten durch diese Klappe.

Natürlich hätte man an Bord der STELLARIS dafür sorgen können, dass der Container völlig autark blieb. Aber da aus den Unterlagen nicht eindeutig hervorging, welche Nahrung die Prudencer bevorzugten, hatte man sich zu diesem kostengünstigen Kompromiss entschlossen.

Es war einfacher, mit den großen Nahrungserzeugern der STELLARIS außerhalb der Container alle Varianten vorzuhalten, als in jedem Container ein autarkes System einzubauen. Das würde sicher daran scheitern, dass frischer Yemyem mit Gnurkeln, einer Prise Zimt und einem erfrischenden Glas vincranische Feuerminze mit einem Hauch Limette gerade nicht lieferbar waren. Obregon hätte es nicht ertragen, wenn zu den normalen Kommentaren über die Behandlung seiner Gefangenen noch Hinweise darauf eingegangen wären, dass er sie verhungern ließ.

Obregon schnüffelte erneut. Für einen kurzen Moment war ihm, als käme der müffelnde Geruch direkt vor ihm aus der Klappe. Ein rascher Blick: Veldekan war gerade dabei, mit dem Tablett in die Sitzecke zu gehen.

Irgendwie konnte er einem leidtun ... es sollte keine Entschuldigung sein, aber mit diesem Aussehen konnte jemand nur zum Mörder werden. Vielleicht hat ihn seine Mutter nicht genug geliebt ... Obregon schüttelte den Kopf. Ohne sich noch einmal umzusehen, nahm er das zweite Tablett mit dem anderen Frühstück auf.

Kel Drummond sprang sofort von seiner Lagerstatt auf, strich sein Hemd glatt und lächelte fröhlich in Richtung seines Bewachers. »Ich bitte um die Erlaubnis, dir einen guten Morgen entbieten zu dürfen, Sir.«

»Erlaubnis erteilt.« Obregon stellte das Tablett in die Durchreiche. »Muss das wirklich jeden Morgen sein? Solche Förmlichkeiten sind doch seit über zweitausend Jahren abgeschafft!«

Kel nahm das Tablett aus der Durchreiche und schloss sie mit einer Handbewegung wieder. »Ich bitte um die Erlaubnis, das ein wenig zu erläutern.«

Obregon nickte nur.

»Ich habe mich mit dem Datenmaterial über die Milchstraße eingehend beschäftigt. Und meine Untersuchungen lassen nur einen Schluss zu: Mit Höflichkeit im täglichen Umgang miteinander könnte man die Verbrechensrate auf einem beliebigen Himmelskörper radikal minimieren. Höflichkeit, ja, einfache Höflichkeit, das ist die wirkliche Grundlage jeder Zivilisation und jeder Beziehung ...«

Obregon hörte nicht weiter zu. Er überprüfte, ob die Durchreiche ordentlich geschlossen war, damit sie nur von außen aktiviert werden konnte. Als Ploxander war ihm vieles von den Schwierigkeiten fremd, die Humanoide mit ihren Geschlechtern hatten. Er legte Eier, ein anderer Ploxander befruchtete sie, dann zog er sie auf. Deswegen war dieser Heiratsschwindler, mochte er für Menschenfrauen noch so attraktiv sein, für ihn keine Gefahr. Eine Beziehung zwischen ihnen war ausgeschlossen, deswegen war Obregons kleines Vermögen sicher. Er lächelte. Dann blickte er auf, weil Kel Drummond auf einmal verstummt war.

Kel wandte schnell den Kopf zur Seite, um sich dann weiter mit seinem Frühstücksteller zu beschäftigen. Der Blick, den Obregon wahrgenommen hatte, hatte hungrig gewirkt.

Ein Schauer lief ihm über den Rücken – war dieser Heiratsschwindler etwa wirklich an ihm interessiert? Echt jetzt?

 

*

 

Abends legte Obregon sich so müde in seine Koje, dass er darauf hoffte, wenigstens eine Nacht durchzuschlafen und einmal, wenigstens diesmal erst vom Wecker aus dem Schlaf gerissen zu werden. Doch das Universum hatte kein Mitleid.

Halb wach wälzte er sich herum. Hinein in die Eingeweide des Traums, um nach wenigen Atemzügen wieder aus seinem warmen Bauch ausgespuckt zu werden.

Manchmal überlegte er sich, ob er nicht Kaya Tikane, die Erste Offizierin, um Hilfe bitten sollte. Vielleicht könnte sie etwas tun, um seine Nachtruhe zu sichern. Immerhin stammte sie von Báalols ab, was immer das wirklich zu bedeuten hatte.

Aber sie würde ihn wahrscheinlich auslachen, denn die Gaben der alten Báalols waren – wenn man den Geschichten glauben durfte – unfassbar mächtig gewesen. Kaya Tikane war eine beeindruckende Frau, aber mächtig war sie sicherlich nicht. Oder verwechselte er wieder einmal Aras und Báalols?

Er griff sich an die Stirn. Sie war schweißnass. Gnishta!

Obregon drehte den Kopf, um seinen knirschenden Nacken zu entspannen. Als Nächstes war der Kiefer dran, der ein wenig Auflockerung vertragen konnte. Mund auf, Mund zu, dabei den Unterkiefer von links nach rechts bewegen und die Doppelzunge drehen. Als Letztes stand er auf und machte einige Kniebeugen, rollte die Schultern und streckte die vier Arme zur Decke seiner Kabine, während er den Kopf in den Nacken legte. Besser.

Danach wandte er sich der Konsole zu. Ihm war nicht nach Unterhaltung aus der Konserve, sondern eine unbestimmte Neugier trieb ihn dazu, einmal nachzuschauen, was seine Gefangenen gerade taten. Er aktivierte das Holo, das auf die besondere Fracht eingestellt war.

Kel Drummond schlief wieder wie ein kleines Kind. Es fehlte nur noch, dass er sich den Daumen in den Mund schob. Hier gibt es nichts zu sehen, geht einfach weiter!

Vor ihm entstand das Holo von Veldekans Container. Sein Bett war leer. Für einen winzigen Augenblick erschreckte Obregon. Aber da stand Veldekan, nicht zu übersehen – direkt vor der Durchreiche.

Was macht er da?

Obregons Blick saugte sich förmlich am Holo fest. Der Gefangene stand vor der Durchreiche. Auf der anderen Seite stand ebenfalls jemand, ganz eng an die durchsichtige Fläche gepresst. Die Durchreiche war halb gedreht, sodass ein kleiner, schmaler Durchgang entstanden war. Dieser Durchgang musste schmal sein, denn er war nur dafür gedacht, Nahrung problemlos hinein und schmutziges Geschirr hinauszubekommen.

Obregon beugte sich vornüber, um mehr zu sehen, vergrößerte dann den Holo-Ausschnitt. Er hatte sich nicht getäuscht: Veldekan hielt in seinen Händen eine schlanke Hand, wahrscheinlich eine Frauenhand, die jemand von der anderen Seite durch die enge Durchreiche gestreckt hatte, um ihn zu berühren.

Oder war das gar keine zärtliche Berührung, sondern jemand versuchte dem Gefangenen etwas zuzustecken? Drogen? Eine Waffe? Oder versuchte Veldekan, etwas hinauszuschmuggeln?

Nein, die Prudencer hatten keine Technologie, die etwas so verstecken konnte, dass es weder ihrer einheimischen Polizeibehörde noch der Eingangskontrolle der STELLARIS entgangen wäre. STELLATRICE, die Bordpositronik, hatte zu viel Erfahrung, um nicht zu wissen, dass Handelsschiffe ein Hort für Schmuggel waren – wenn man dem nicht mit aller Macht einen Riegel vorschob.

Obregons zwei Dutzend Finger blieben während dieser Überlegungen nicht untätig. Er versuchte, das Gesicht der Frau zu erkennen. Oder er wollte wenigstens eine vernünftige Ansicht ihres Körpers haben – damit wäre die Positronik in Windeseile in der Lage, die Person zu identifizieren.

Aber es war wie verhext. Der Lagerraum wurde überwacht – Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Gravitation. Aber die Holos waren auf Frachtüberwachung eingestellt – niemand hatte dabei zuschauen wollen, wie Obregon drei Mal täglich den Gefangenen Nahrung brachte. Warum auch?

Obregon überlegte hektisch. Natürlich konnte er den Frachtraum hermetisch abriegeln.

Das würde einen Alarm auslösen. Was hatte er zu bieten, wenn man ihn fragte, warum er das getan hatte? Ich habe da etwas gesehen ...

Aber war das strafbar? Jemand, wahrscheinlich eine Frau, hatte die Hand zu einem Gefangenen hineingestreckt. Das war nicht unbedingt eine tolle Idee, aber wahrscheinlich war die Tat nicht verboten. Wenn es keinen Austausch von Waren gegeben hatte ... aber das konnte er nicht beweisen, wenn er nicht den Frachtraum sperrte, den Sicherheitschef weckte und eine Überprüfung einleitete, um ein Nicht-Verbrechen aufzuklären.

Wer hatte dafür plädiert, nur eine Durchreiche einzubauen, weil das billiger und einfacher war? Er selbst. Wer war dafür zuständig, den täglichen Kontakt zu den Gefangenen zu halten? Er. Wessen Kabine würde man sofort durchsuchen, nachdem man bei ihr vielleicht etwas gefunden hatte, was Veldekan ihr zugesteckt hatte – oder gar bei Veldekan etwas fand, was ihm die Besucherin übergeben hatte? Seine Kabine.

Ob das der richtige Moment war, um zu erklären, dass die Pflanzensamen unter seinem Kopfkissen nur zufällig zu einer Pflanze gehörten, deren Wurzeln bei richtiger Lagerung später geraucht werden konnten, wobei man dann lustige Farben sah und sogar vergaß, dass das Kraut auf gefühlt 623 Planeten illegal oder maximal halb legal war. Nein, das war nicht der Moment, um über Moral und Amoral zu diskutieren. Oder über Narkotika.

Aber man konnte über Frachträume diskutieren. Und da hatte Obregon gerade eine verdammt gute Idee, die er unbedingt ausprobieren wollte.

 

*

 

Die Mehrheit der Instrumente, die ihm zur Überprüfung des Frachtraums zur Verfügung standen, war für den aktuellen Fall nicht ausgelegt. Aber er hatte vor einiger Zeit in weiser Voraussicht dafür gesorgt, dass in seinem Frachtbereich keine Ware mehr verrottete.

Dafür hatte er die Atmosphärensensoren immer wieder neu kalibriert und dann und wann mit kleinen, zusätzlichen Einbauten versehen. Damit waren sie in der Lage, auf jene Gerüche zu reagieren, die normalerweise mit Verwesung oder nur dem Verrotten von Nahrung einhergingen. So wollte er dafür sorgen, dass seine Erfolgsbilanz irgendwann hundert Prozent erreichte.

Alle angelieferten Waren werden im selben Zustand ausgeliefert. Eine einfache Maxime.

Seine grundsätzliche Überlegung war nicht immer passend, aber sie half, ein Frühwarnsystem für Obst zu installieren. Reifes Obst erzeugte Ethanol, dieser wiederum war in der Atmosphäre nachweisbar. Und zwar ohne dass man irgendwelche Geräte einführen und vielleicht wertvolle Fracht beschädigen musste.

Seine Theorie war einfach: Wenn die mysteriöse Besucherin in den letzten Stunden vor dem Besuch bei dem Gefangenen Alkohol konsumiert hatte, würde er das nachweisen können. In diesem Fall waren in der Atmosphäre des Lagerraums Spuren davon zu finden. Winzige Spuren, kaum auffindbare Spuren – aber er würde sie entdecken.

Oder er hatte noch mehr Glück, und sie trug ein Parfüm, dessen Essenzen auf Alkoholbasis erzeugt wurden. Chemisch war das nicht ganz korrekt beschrieben, aber er war Frachtführer, kein Chemiker. Wenn die Ergebnisse stimmten, waren ihm die naturwissenschaftlichen Grundlagen an diesem Tag mal egal.

Trotzdem erwies es sich als ausgesprochen kompliziert. Es dauerte mehrere Stunden, bis er erkannte, dass der Alkohol deswegen schwer nachzuweisen war, weil eine andere hoch flüchtige Substanz den Nachweis erschwerte.

Erst überprüfte er gewissenhaft alle Frachtpapiere. Dann überprüfte er die Listen ein zweites und ein drittes Mal. Nur um sicherzugehen ... ein viertes Mal. Wieder und wieder überprüfte er seine Auswertungen, verwarf andere Möglichkeiten und wühlte sich durch Datenmengen hindurch.

Die organischen Verbindungen in Veldekans Kabine waren da, sehr gut versteckt – aber sie waren zu finden. Es war jagryllianischer Wein. Schwer zu bekommen, sehr bekannt und chemisch nachweisbar. Aber das war nicht das, was ihm solche Schwierigkeiten bereitet hatte.

Am Ende seiner Suche war er der Meinung, dass er alle Alternativen ausgeschlossen hatte. Obregon setzte sich auf, streckte sich, knackte mit den acht Daumen und dachte intensiv nach.

 

*

 

Drei Tage brachte er damit zu, seine Vermutungen mit Beweisen zu untermauern. Drei Tage, in denen er wenig schlief, aber dafür umso mehr beobachtete.

Es gab drei unterschiedliche Phänomene, die er in diesen Tagen immer wieder unter die Lupe nahm, um sie am Ende zu verstehen. Denn das war etwas, das ihn trieb: die Suche nach der Erkenntnis. Er wusste, dass das nicht immer seine oberste Priorität gewesen war. Er hatte nach der Freundschaft anderer Wesen gesucht, nach dem Gefühl, gebraucht zu werden.

Freundschaft hatte er endlich an Bord der STELLARIS gefunden. Ebenso eine Aufgabe: Er war Frachtführer, und zwar ein verdammt guter. Aber auf einem Schiff, das aus einem langen Schlaf geweckt worden war, war gewissermaßen auch er erwacht. Er hatte seine Berufung gefunden – und die uralten terranischen Trivid-Produktionen mit ihren altertümlichen Holos hatten leider ihren Teil dazu beigetragen.

Natürlich war er in Wahrheit kein interstellarer Detektiv wie in den Trivids, kein Held, der am Rande eines Pools lag, in den rechten Händen je einen Drink, während er mit den linken den makellos gebräunten Rücken einer fremdweltlichen Schönheit kraulte.

Aber er war einem Geheimnis auf der Spur!

Die Suche nach der Erkenntnis brachte ihn dazu, sich jeden Tag stundenlang die wenigen Interaktionen der beiden Gefangenen mit der Umwelt anzuschauen. Gefühlte eine Million Mal hatte er Drummonds »Ich bitte um die Erlaubnis« gehört. Ebenso oft hatte er dabei zusehen müssen, wie Veldekan seinen Speichel abwischte oder in seiner engen Containerzelle auf und ab ging.

Obregon war geduldig, und so konnte er jene Fetzen von Informationen zusammentragen, die er brauchte.

Da waren die seltenen Begegnungen der Gefangenen mit anderen Wesen, die den Frachtraum betraten. Da war Thassaia, die nur einmal im Frachtraum auftauchte und sich normal verhielt. Er hoffte sehr, dass er den Sicherheitschef von der Liste der Verdächtigen streichen konnte – sonst würde es sehr schwierig sein, seinen Folgerungen Konsequenzen folgen zu lassen.

Aber er sah nur Prep Ykraus, der seine eigentlich nur täglichen Rundgänge inzwischen mehrmals täglich absolvierte. Vermutete er, dass ein Gefangener einen Löffel zurückbehielt, ihn anschliff und sich damit einen Fluchttunnel aus der Nasszelle heraus grub? Das war schon hirnrissig genug. Wohin sollte man fliehen, wenn man sich auf einem Raumschiff im Nirgendwo befand? Was war das für ein Ort, an den ein Prudencer fliehen wollte?

Kaya Tikane, die Báalol-Nachkommin, fand in diesen Tagen immer wieder einen Grund, den Frachtraum zu besuchen. Doch sie näherte sich nur selten den beiden Containern mit den Gefangenen, sondern irrte zwischen der Fracht umher, als suche sie etwas, von dem sie nicht wusste, dass sie es verloren hatte.

Das zweite Phänomen waren seine Hinweise. Er hatte chemische Verbindungen gefunden, die in seiner Datenbank nicht vorhanden waren. Immer wieder überprüfte er seine Ergebnisse, suchte nach Querbezügen und weiteren Informationen. Er war kein Chemiker, aber mithilfe der STELLATRICE-Informationen konnte er auf Wissen zurückgreifen, das ihm half, die Lücken zu schließen.

Das dritte Phänomen war der Wein. Irgendwo an Bord musste er sich befinden – und wenn er den Wein fand, hatte er auch die Weintrinkerin. Dann würde er alles auflösen können. Wer sollte besser als der Herr über die Fracht wissen, was sich an Bord befand?

Er war nur ein einfacher Frachtführer mit einem eng abgegrenzten Aufgabengebiet. Grob gesagt: sein Frachtraum, seine Verantwortung – anderer Frachtraum, andere Verantwortung.

Trotzdem: Im Laufe einer längeren Beschäftigung lernte man seine Pappenheimer kennen, sodass man wusste, wen man fragen konnte. Ein Gespräch mit jemand, der sich mit Wein auskannte. Ein paar Worte über Ernährung und Fitness mit dem Sicherheitschef, wenn dieser mal wieder zufällig vorbeikam. Einige neugierige Rückfragen zur Kultur der Báalols an Kaya Tikane, die nicht gerne an die schon mythischen Untaten ihrer vor vielen Jahrhunderten aktiven Vorfahren erinnert wurde.

Das war wie eines jener Spiele, die die Ploxander liebten – Puzzles. Da besaß man viele verschieden aussehende Teile, die zusammengesetzt einen Gegenstand ergaben. Den Reiz des Rätsels hatte er bisher nicht verstanden, war es doch eine Sache von Millisekunden, einen Rechner aus den Teilen das gesamte Stück erstellen zu lassen. Diese Art des Puzzelns war nichts anderes als das Bedienen einer Maschine, welche die Arbeit für einen übernahm.

Allerdings hatte man am Ende nicht das Gefühl, dass man es gelöst hatte. Man war nur derjenige, der den Auftrag definierte und das Ergebnis überprüfte. Dazwischen lagen viele einzelne Schritte, die überhaupt keine Rolle spielten, weil sie nicht wahrgenommen wurden.

Nun konnte er das erste Mal nachvollziehen, wie es war, wenn man den Weg allein ging. Erschwerend kam hinzu, dass es kein Bild vom fertigen Puzzle gab. Er besaß nur ein paar Teile, einzelne Stücke, von denen er nicht wusste, ob das, was er darauf erkannte, wichtige oder unwichtige Details des Gesamtbildes waren.

Wenn er alle Informationen verarbeitet, alle Teile mehrmals gedreht und sie in unterschiedlichen Kombinationen aneinandergehalten hatte, blieb etwas übrig, was eine Maschine nicht halb so gut konnte wie er – gezieltes Raten.

 

*

 

Am Ende blieb ihm nichts, als alle zu einer wichtigen Besprechung in sein Büro einzuladen. Kapitänin Thassaia hatte erst versucht, nur die Erste Offizierin zu schicken – doch als sie hörte, dass diese ebenfalls eingeladen war, sagte sie zu. Kaya Tikane hatte dasselbe versucht und mit der Anwesenheit der Kapitänin argumentiert. Aber er bestand darauf, dass beide da sein mussten.

Die Anwesenheit von Prep Ykraus war zwingend notwendig, denn immerhin ging es um die Gefangenen und damit auch um Sicherheitsfragen. Der Vollständigkeit halber lud er die Myranerin Shanee ein. Sie hatte sich Sorgen um die Gefangenen gemacht – und er brauchte die Mitbesitzerin der STELLARIS als Zeugin.

»Was ist so wichtig, dass wir alle für ein Gespräch antanzen müssen?« Die Kapitänin war offensichtlich schlechter Laune.

»Nehmt erst einmal Platz. Ich werde alles erklären.«

»Ich hoffe sehr, dass es einen guten Grund gibt.« Auch Kaya schien wenig amüsiert darüber, in dieser Runde Platz nehmen zu müssen.

Immerhin waren Prep und Shanee bereit, ohne weitere Vorerklärungen zu erfahren, warum er sie wegen Gefährdung der Gefahrenzulage eingeladen hatte.

»Hallo. Schön, dass ihr alle gekommen seid. Ich will es kurz machen: Einer unser beiden Gefangenen versucht mit Hilfe eines Besatzungsmitglieds zu entkommen.«

»Das ist lächerlich ...«

»Wohin soll denn ...«

»Und dafür opfere ich meine Zeit ...«

Die Sätze wurden nicht zu Ende gesprochen, denn mit einer Handbewegung aktivierte Obregon Holos, welche die Gefangenen zeigten. Dazu tauchten zwischen den Anwesenden mitten im Raum diverse Texte, Grafiken und einige chemische Strukturformeln auf.

»Die Beweise sind hier.« Er wies auf die Projektionen. »Aber ich will euch nicht mit langen Erläuterungen langweilen. Ihr könnt das alles nachher überprüfen. Die Fakten: Die Prudencer haben sich im Laufe der letzten Jahrhunderte ihrer Umwelt angepasst. Ihr Körper erzeugt Pheromone, also Botenstoffe, die einigen einheimischen Fressfeinden signalisieren, dass sie zu ihrer Art gehören und daher als Beute ausscheiden. Bei einigen, ausgesprochen seltenen Mutationen führt das dazu, dass diese Pheromone auf andere Wesen wirken. Unterbewusst nimmt man diese Prudencer als enge Freunde oder Geschwister wahr und ist bereit, ihnen jeden Gefallen zu tun. Einer unserer Gefangenen nutzt das weidlich aus und versucht, Besatzungsmitglieder zu beeinflussen. Mein Vorschlag ist ganz einfach: ab jetzt Atemmasken im Lager und eine Meldung an die, welche die Gefangenen von uns übernehmen. Dazu kommt, dass im Lager nur Zweiergruppen agieren dürfen. Ich glaube zwar nicht, dass das nötig ist, wenn alle Atemmasken tragen, aber ...«

Der Sicherheitschef sah ihn neugierig an. »Und welches Besatzungsmitglied ...«

Obregon lächelte. »Die Daten sind alle hier. Aber ich gehe davon aus, dass kein Besatzungsmitglied wusste, dass es unter dem Einfluss eines Pheromons handelte. Hätten wir uns länger mit den Prudencern unterhalten, wäre es uns sicherlich aufgefallen. Aber mit den Hinterweltlern spricht man nur ungern. Die Daten waren auch alle da – aber warum etwas über eine Welt erfahren, die man nie besuchen will? Ihr alle bekommt Kopien. Aber wenn Prep einverstanden ist, würde ich die Sicherheitsvorkehrungen wie beschrieben ab sofort ändern. Einverstanden?«

Die Kapitänin musterte ihn fast bewundernd. »Respekt, Obregon, Respekt. Wenn das wahr ist, darfst du auf eine Prämie aus der Gefahrenzulage hoffen. Wenn es nicht wahr ist, weiß ich, wer nachher allein die Container wieder säubert. Aber das mit den Sicherheitsvorkehrungen – einverstanden. Den Rest klären wir in Ruhe.« Sie schaute in die Runde. »Genug für heute. Einverstanden?« Alle nickten.

Seine Gäste verließen das Büro. Obregon hatte Zeit. Er nahm sich eine Kleinigkeit zu trinken und stahl eines der Törtchen, das er eigentlich für den Sicherheitschef vorgesehen hatte. Es dauerte nicht lange, und da stand Kaya in seinem Büro.

»Hallo!«, grüßte sie ihn fast schüchtern. »Hast du einen Moment Zeit?«

»Natürlich. Ich habe sogar auf dich gewartet.«

»Du weißt ...?«