Herbert W. Franke

60 JAHRE GRÜNER KOMET

Ein fantastischer Geniestreich

 

SF-Werkausgabe Herbert W. Franke

Band 31

hrsg. von Ulrich Blode und Hans Esselborn

 

 

AndroSF 136

 


Herbert W. Franke

60 JAHRE GRÜNER KOMET

Ein fantastischer Geniestreich

 

SF-Werkausgabe Herbert W. Franke

Band 31

hrsg. von Ulrich Blode und Hans Esselborn

 

AndroSF 136

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

 

Der Autor Herbert W. Franke wird vertreten durch AVA International GmbH, München, www.ava-international.de.

 

© Dezember 2020 by

p.machinery Michael Haitel

 

Titelbild: Thomas Franke

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda Michael Haitel

Korrektorat: Ulrich Blode

Korrektorat & Lektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda Michael Haitel

 

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Ammergauer Str. 11, 82418 Murnau am Staffelsee

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

 

ISBN des Paperbacks: 978 3 95765 227 0

ISBN des Hardcovers: 978 3 95765 228 7

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 866 1

 

 

Susanne Päch: Vor 60 Jahren: Der grüne Komet

Ein Vorwort

 

 

Es war einer jener unerwarteten Zufälle, die im Leben zu großen Veränderungen führen: Der Verleger Wilhelm Goldmann war 1960 auf dem Weg, die erste deutsche Taschenbuchreihe im Genre Science-Fiction herauszubringen. Den jungen Physiker und Sachbuchautor Herbert W. Franke hatte er als »wissenschaftlichen Berater« angeheuert, der in den ersten Jahren die Auswahl der Bände maßgeblich beeinflusst hat. Wie es dazu kam, dass aus dem wissenschaftlichen Berater auch ein SF-Autor wurde, darüber berichtete Franke selbst vor Kurzem im zweiten Teil des Interviews mit Peter Tepe im Onlineportal »Zwischen Wissenschaft und Kunst«. Der Ausfall eines Bandes zum Start durch unlösbare rechtliche Probleme hatte Goldmann in eine Schwierigkeit gebracht: Denn zuvor war schon öffentlich angekündigt worden, dass die Reihe mit acht Bänden starten würde. Nun entsann er sich, dass sein Berater davon berichtet hatte, selbst schon Geschichten dieses Genres geschrieben zu haben. Er bot Franke an, in die Lücke zu springen, was aufgrund der kurzen Zeit alles andere als einfach war, denn dieser hatte bis dahin nicht viel mehr als ein halbes Dutzend extrem kurzer Science-Fiction-Geschichten verfasst.

Das Ergebnis konnte sich auch vor der Presse sehen lassen, die dem jungen Autor ein gutes Zeugnis ausstellte. Die Welt schrieb damals euphorisch: »Sehr knappe, funkelnde Storys, von denen fast jede mehr Einfälle enthält als ein ganzes Buch von Asimov.«

Die Superkurzgeschichten im Stil von »Der grüne Komet« wurden eines von Frankes Markenzeichen als SF-Autor – neben der reduzierten und kühlen Ausdrucksweise, die seiner Meinung nach mit dem Science-Fiction-Sujet und seinen stets wissenschaftlich-technisch fokussierten Plots besonders gut harmoniert. »Der grüne Komet« erschien in den folgenden Jahren in mehreren Auflagen, später auch noch einmal in der violetten Reihe des Suhrkamp-Verlags.

 

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Bis heute gehört es zu den bekanntesten Veröffentlichungen, obwohl es für das Erstlingswerk – anders als bei zahlreichen späteren Romanen und Geschichten – noch keinen Preis gab. Die Geschichtensammlung »Der grüne Komet« ist inzwischen als erster Band der »SF-Werkausgabe Herbert W. Franke« im Büchermarkt, die derzeit mit mehr als dreißig Bänden im Verlag p.machinery erscheint und das gesamte literarische Werk von Herbert W. Franke umfassen wird – einschließlich seiner zahlreichen, bisher unveröffentlichten Filmdrehbücher.

Die Bedeutung des Autors für das Genre fasst der Literaturwissenschaftler und Mitherausgeber der Werkausgabe Hans Esselborn so zusammen: Herbert W. Franke habe die deutschsprachige Nachkriegs-Science-Fiction mit seinen zahlreichen Veröffentlichungen wie kein anderer als Pionier geprägt.

 

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Das Privatarchiv der SF-Belege von Herbert W. Franke – oben rechts zu sehen: die bisher erschienenen Ausgaben der bibliophil gestalteten Werkausgabe.

 

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Der grüne Komet: Science-fiction-Erzählungen. Phantastische Bibliothek 231. Überarbeitete Ausgabe. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1989. 184 S. – Titelbildkünstler: Tom Breuer.

 

 

Herbert W. Franke: Der grüne Komet

 

 

Die fernsten Fernen in Zeit und Raum – wie sehen sie aus? Eins steht fest: Sie haben nichts Menschliches an sich. Vielleicht werden es Verteilungen sein, Strukturen, durch die Materie und Energie, Masse und Kraft in einen Gleichgewichtszustand geführt sind, in denen sich Physik und Geometrie vereinigen.

 

Als schwereloser diffuser Ring schwebte er im Mittelpunkt seines achtdimensionalen Kontinuums und drehte sich langsam um die eigene Symmetrieachse. Die Negatronenströme kreisten in einer festen Ebene und bauten ein Feld auf, gerade stark genug, um Veränderungen der Raumkrümmung in den Pararäumen anzuzeigen. Aus seinem eigenen Raum waren keine Störungen zu erwarten. Längst hatte er alle Materie in sich aufgenommen und in das Gleichmaß seiner Nullwertstruktur überführt.

Die Impulse waren unerwartet stark. Zuerst transformierte er sich in eine kugelsymmetrische Verteilung mit abfallender Ausstrahlung gegen den unendlich fernen Punkt, um die Koordination festzustellen. Dann zog er sich zusammen und schwang sich über den Pararaum in das sechsdimensionale hyperbolische Universum, aus dem die Schwingungen kamen. Er ließ sich in Form einer weit ausladenden Zykloide niedergleiten. Jede elektrische Erscheinung, selbst abgesättigte Kreisströme der Atomhülle, jede Kraftwirkung überhaupt, veränderte die Form.

In dieser Region des Pararaums trieben noch Klumpen metastabiler Materie. Er hatte vor, sie zu gegebener Zeit aufzunehmen. Aber nicht von ihnen kam die Störung. In einem Winkel entdeckte er eine hochorganisierte Struktur, ihm selbst nicht unähnlich, in der Gestalt einer Rotationszissoide. Es war ihm rätselhaft, woher sie gekommen sein konnte. Er streckte Akzeptoren aus, um sich über den Ordnungszustand des Fremden näher zu orientieren, zog sie aber eilends zurück, denn er vernahm niederwertige Zitterbewegungen. Hier gab es keine friedliche Verschmelzung, nicht einmal glatte Vereinigung.

Er umfasste den Gegner als gestrecktes Hohlellipsoid, doch der wich in den Pararaum aus und umklammerte den Angreifer, sodass sie ineinander hingen wie zwei Glieder einer Kette. Er überzog den Gegner als Oberflächenschicht, doch diesem gelang eine inverse Transformation, sodass der Angreifer selbst eingeschlossen war. Er wich in einen parallelen Nachbarraum aus, nahm die Gestalt des Gegners an und trat so zurück, dass er mit ihm zur Deckung kam. So zwang er ihn zur Entscheidung. Er wusste, dass eine Struktur, die Materie in hochentropischen Zustand überführt, seiner nullstabilisierten Organisation nicht gewachsen war. Quant um Quant zerschmolz er und wandelte sie in negatronische Singularitäten um. Er wuchs dadurch fast um ein Viertel seines Durchmessers.

Ihn interessierte der Weg seines Widersachers. Er breitete sich aus und holte die davoneilenden alten Impulse ein, um die Emissionszentren zu erfahren. Er fand die Übergangskoordinaten und tauchte in einen Raum, der ihm bisher entgangen war. Es war ein dreidimensionales Kontinuum, in einer vierten Dimension gekrümmt und geschlossen, und es war voll von primitiver Materie. Diesen Zustand durfte er nicht andauern lassen, er musste die Substanz, die hier noch zwischen Energie und Masse hin und her schwankte, befrieden, in das wunderbare Gleichmaß der negatronischen Ordnung einbeziehen. Er zog sich in dreidimensionale Form zusammen und flog als riesiger leuchtender Tropfen, eine grüne Spur hinter sich, auf die nächste Materiezusammenballung zu – einem Haufen von Körpern, die längs einer Spirale angeordnet waren.

 

 

Herbert W. Franke: Wie Der grüne Komet entstand