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RONNY WAGNER

Vom GOLD BOOM profitieren

RONNY WAGNER

Vom GOLD BOOM profitieren

Rettungsanker seit Jahrtausenden – die einfachste Geldanlage der Welt

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen

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1. Auflage 2021

© 2021 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

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Redaktion: Ulrich Wille

Korrektorat: Hella Neukötter

Umschlaggestaltung: Catharina Aydemir

Umschlagabbildung: Goldbarren: VladKK/shutterstock.com, Goldfläche: detchana wangkheeree/shutterstock.com

Abbildungen innen: NMF OHG

Satz: Röser MEDIA GmbH & Co. KG, Karlsruhe

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-95972-492-0

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-930-7

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-931-4

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Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

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Inhalt

Einleitung

1. Vermögen, Geldanlage, Geld – der Kontext

Unser Finanzsystem – das Umfeld und Einflussfaktoren

Der Minsky-Moment

Globale Sicherheit und Risiken

Kein Szenario, sondern Realität: Wie die Coronapandemie Wirtschaft und Finanzsystem gefährdet (hat)

Geld – was es ist und wie es funktioniert

Vermögen

Finanzwissen: Umgang mit Geld

Alternativen und Schlussfolgerungen

2. Sicherheitsanker Gold

Ein magisches Element: Geschichte, Reputation und Eigenschaften

Praktische Anwendungen

Goldvorkommen: Für jeden Erdenbürger 25 Gramm Gold

Was macht Gold so besonders?

Der sichere Hafen

Gold als Geldanlage und im Vergleich zu anderen Anlageformen

Andere Edelmetalle: Silber, Platin und Palladium

3. Gold: Der Markt und die wichtigsten Akteure

Faktoren für die Preisbildung

Szenario: Goldverbot und Enteignungen

4. Gold ganz praktisch

Anlagekonzeption

Lagerung

Form und Größenordnung

5. Fazit und Ausblick

Literatur

Endnoten

Einleitung

Gold ist kein Investment wie jedes andere. Gold fasziniert und schmückt, ist Anlageprodukt und Sachwert – und lebt von seiner jahrtausendealten Geschichte als sicherer Hafen. In Zeiten von Börsenturbulenzen, Eurokrise, Coronapandemie und globaler Instabilität sehnen sich die Menschen nach einer Vermögenssicherung durch das Edelmetall – gerade auch als Alternative zu anderen Anlageformen.

Die Menschen vertrauen den klassischen Währungen, aber auch den dahinterstehenden Staaten und Regierungen, immer weniger. Die milliardenschweren Corona-Hilfen haben die Geldmenge und die Verschuldung gewaltig ausgeweitet und lassen an den sogenannten Fiat-Währungen zusätzlich zweifeln – obwohl die Maßnahmen zweifelsohne die Wirtschaft gestützt haben. Angesichts von Niedrig- oder vielmehr Minuszinsen werfen manche Anlageklassen und Vorsorgeprogramme kaum noch etwas ab. Hinzu kommt die wirtschaftliche Unsicherheit und nicht zuletzt der tiefe Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit. All dies führt dazu, dass Bürger nach Alternativen suchen, was am Ende nur eine Lösung nahelegt: Gold.

Woher aber kommen der Hype und die Wiederauferstehung des zwischenzeitlich angestaubten Edelmetalls? Wie ist unser Währungssystem aufgebaut, aus dem so viele flüchten wollen? Was ist überhaupt »Geld« und was »Vermögen«? Mit diesem Buch möchte ich Antworten und Anlagekonzepte liefern und auch meinen Beitrag dazu leisten, das Finanzwissen der Deutschen zu verbessern. Ich beschreibe die jahrtausendealte Erfolgsgeschichte von Gold, seine spezifischen Eigenschaften besonders aus Anlegersicht und warum, in welcher Form und Stückelung es in jedes Depot gehört: Gold als unentbehrlicher Baustein bei der Vermögenssicherung und nicht in erster Linie als Renditeobjekt.

Dabei zähle ich mich in keinster Weise zu den Crashpropheten, die vielfach düstere Untergangsszenarien gemalt haben. Vielmehr skizziere ich Szenarien, von denen niemand vorher weiß, ob sie eintreffen werden. Mit diesem Buch erhalten Sie geballtes Hintergrundwissen und Handlungsanleitungen, wie man das Edelmetall strategisch und praktisch für sich nutzt – und zwar in guten wie in schlechten Zeiten.

Die Frage nach der Wahrheit gehört zu den zentralen Problemen der Philosophie und wurde von den verschiedensten Denkern im Laufe der Jahrhunderte unterschiedlich beantwortet. Letztlich setzte sich die Überzeugung durch, dass Wahrheit bewiesen und von der Allgemeinheit als wahr akzeptiert sein muss. Im Verstehen der Welt und ihrer Wahrheiten spielen Überzeugungen, Erziehung und moralische Grundsätze eine wichtige Rolle. Demnach hat also jeder Mensch seine eigene Wahrheit? Mitnichten. Denn es gibt Dinge in unserer Welt, die einfach stimmen und über die es keine Diskussionen gibt. Dieses unmittelbar einleuchtende, keines Beweises bedürfende Augenscheinliche wird Evidenz genannt. Eine Aussage ist wahr, wenn ihre Behauptung mit der Realität übereinstimmt. Die Wahrheit einer Behauptung hängt davon ab, ob sich allein durch Argumente ein allgemeiner Konsens herstellen lässt. Wir finden einen gemeinsamen Tenor. Das ist die Wahrheit! Dennoch gibt es viele Bereiche in unserer heutigen Gesellschaft, in denen viele Diskussionen geführt werden und keine gemeinsame Übereinstimmung erreicht wird. Der Edelmetallmarkt stellt hier keine Ausnahme dar. Die Meinungen zu Gold als Anlageobjekt sind extrem kontrovers und können unterschiedlicher nicht sein. Ein großer Teil der Finanzberater, Verbraucherschützer, Anlageexperten und Investoren ist der Überzeugung, dass Gold ein Relikt längst vergangener Zeiten ist und in der modernen Finanzwelt durch bessere Anlageoptionen ersetzt werden kann. Es erzeugt keine Zinsen und Dividenden und ist daher kein gutes Investment, so deren Überzeugung.

Fortschrittliches Denken ist geprägt davon, von Zeit zu Zeit seine eigenen Überzeugungen und die Meinungen, die man selbst für wahr hält, zu überprüfen. Doch gelingt dieser Akt den meisten Menschen nicht. Sie stecken in ihren Glaubenssätzen, Auffassungen und Urteilen fest. Sie können sich nicht vorstellen, oder wollen es gar nicht, dass etwas auch ganz anders sein könnte. Sie hängen an Autoritäten und Experten, sprechen ihnen nach und wagen es nicht mehr, selbst zu denken. Mit diesem Buch wende ich mich daher auch gegen bestimmte Systeme und ihre Protagonisten, deren Theorien, Dogmen und Behauptungen einer unabhängigen Untersuchung nicht standhalten würden.

Wissen beginnt mit der Zerstörung von Täuschungen, mit der »Ent-täuschung«. Wissen bedeutet, durch die Oberfläche zu den Wurzeln und damit zu den Ursachen vorzudringen. Wissen bedeutet nicht, im Besitz von Wahrheit zu sein, sondern kritisch und tätig nach immer größerer Annäherung an die Wahrheit zu streben.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen!

1.

Vermögen, Geldanlage, Geld – der Kontext

Unser Finanzsystem – das Umfeld und Einflussfaktoren

Unser Finanzsystem ist durch stetige, ja regelmäßige Schwankungen geprägt. Oftmals hält es nur noch der Glaube vieler Menschen an die Währungen und Finanzanlagen aufrecht. Andere haben bereits »gekündigt«, Konten aufgelöst und Aktien verkauft und ihr gesamtes Geld in Gold angelegt. Was aber sind die wichtigsten Einflussfaktoren unseres Finanzsystems? Die bedeutendsten Aspekte, Mechanismen und Phänomene werde ich in diesem Kapitel beleuchten.

Der Minsky-Moment

Finanzsysteme, Wirtschaftswissenschaften, Geldpolitik – all diese Dinge sind hochkomplex. Wo selbst studierte Experten die Hände heben und passen müssen, vermögen nur sehr wenige Menschen die Zusammenhänge, die großen Linien und die scheinbar naturgesetzartig auftretenden Ereignisse zu begreifen. Zu den begnadeten Denkern und vorausschauenden Analysten gehörte dabei ohne Frage Hyman Minsky (1919–1996). Der US-amerikanische Ökonom war unter anderem Entdecker des sogenannten Minsky-Moments, eines dramatischen, aber scheinbar mit zuverlässiger Regelmäßigkeit einsetzenden Ereignisses, in dem die Finanzmärkte und Währungen kollabieren. Das Interessante dabei: Die heutigen Finanzjongleure scheinen den Minsky-Moment komplett zu ignorieren. Wie die Lemminge marschieren sie in Richtung Abgrund. Und reißen ganze Volkswirtschaften, aber auch leichtgläubige Kleinanleger mit sich.

Eine der Hauptthesen Minskys lautet, dass ein Finanzsystem im Laufe des Aufschwungs automatisch instabil wird. Das Auftreten einer Krise sei unabwendbarer Bestandteil heutiger Geldsysteme. Scheinstabilität und Selbstzufriedenheit würden nach und nach zu einem großen Schuldenüberhang und zu vielen Fremdkapitalfinanzierungen führen. Irgendwann kommt es dann zu einem Ungleichgewicht und das betroffene Finanzsystem kollabiert. Der Minsky-Moment ist da! Die Hypothese einer finanziellen Instabilität leitete Minsky vom falschen Umgang mit der Schuldenaufnahme ab. Betrachtet man die heutige Schuldensituation, kommt man zu folgendem Ergebnis: Aktuell befinden sich die weltweiten Schulden auf Rekordniveau. Annähernd 280 Billionen US-Dollar haben sich hier in den vergangenen Jahrzehnten aufgetürmt. Im Jahr 2030 werden sich diese Schulden nach meinen Schätzungen auf 360 Billionen US-Dollar ausgeweitet haben. Demgegenüber wird der Wert aller auf der Welt hergestellten Waren und Dienstleistungen (Welt-BIP) ca. 113 Billionen US-Dollar betragen.1,2 Folgt man nun den Aussagen Minskys, kann man definitiv von einer Situation der finanziellen Instabilität aufgrund überbordender Schuldenexzesse sprechen.

Als gefährlichste Form betrachtete er dabei die sogenannte »Ponzi-Finanzierung«. Hier können weder die Verbindlichkeiten getilgt noch die Zinsen für aufgenommene Kredite aus dem Cashflow des Schuldners bezahlt werden. Stattdessen wird bei der nach Carlo Ponzi (1882–1949) benannten »Ponzi-Finanzierung« das vorhandene Anlagegut, wie zum Beispiel Anteilsscheine an Kapitalgesellschaften oder Immobilien, zu einem höheren Preis verkauft, als für den Erwerb aufgewendet werden musste. Aus der Differenz sollen dann die Schulden beglichen, die Zinsen bezahlt und zudem noch ein Gewinn erwirtschaftet werden. Laut Minsky drohen aber große Probleme, je mehr die »Ponzi-Finanzierung« um sich greift. Daher bedeutet diese Finanzierungsmethode – aufmerksame Leser haben es sicher schon bemerkt – nichts anderes als ein Schneeballsystem. Die »Ponzi-Finanzierung« und das »Schneeballsystem« unterscheiden sich zwar in Nuancen voneinander, werden jedoch im allgemeinen Sprachgebrauch oft synonym verwendet. Ja, im Englischen steht »Ponzi scheme« für ebendiese Betrugsmasche, bei der bekanntlich Verbindlichkeiten und Ansprüche von Gläubigern mit Geldern/Einlagen von Neukunden beglichen werden. Bis alles zusammenbricht.

Der Minsky-Moment ist immer dann zu erwarten, wenn Anleger sich zu sicher fühlen. Nach dem alten Sprichwort »Wenn dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis« lassen sich nicht wenige Investoren in Zeiten des wirtschaftlichen Hochs auf riskante Geschäfte ein, die nicht illegal sind, aber in ihrem Ansatz – der auf Sand gebaut ist – unweigerlich an den in Südeuropa geborenen und in Nordamerika aktiv gewesenen Signore Carlo Pietro Giovanni Guglielmo Tebaldo Ponzi erinnern. Im Vertrauen darauf, dass »schon nichts passieren wird«, leihen sie sich mehr und mehr Geld und geraten in eine immer größere Abhängigkeit.

Auf der anderen Seite stehen die Banken, die sich gern an solcherlei Kreditunternehmungen beteiligen. Im Ergebnis wird das gesamte Finanzsystem immer instabiler. Der scheinbar nie versiegende Wohlstand wird abgelöst von einer Phase zunehmender Unsicherheit. Der Minsky-Moment droht dabei nicht nur institutionellen Anlegern oder Volkswirtschaften. Auch Kleinsparer kann er teuer zu stehen kommen. Der Grund hierfür liegt in der Tatsache, dass viele Menschen sich beispielsweise dazu hinreißen lassen, Aktien vor allem in Zeiten hoher Kurse zu kaufen. Die Gier nach Gewinnen lässt alle logischen Bedenken schwinden. Doch ist der oben beschriebene und offenbar unausweichliche Minsky-Moment da, wird Heulen und Zähneklappern sein. Anleger tun daher gut daran, Investments nicht durch die rosarote Brille zu betrachten. Jede Aufwärtsphase, und dauere sie auch noch so lange an, ist einmal zu Ende. Diese natürliche Gesetzmäßigkeit wird als »Seneca-Effekt« bezeichnet, benannt nach dem römischen Philosophen Lucius Annaeus Seneca (geboren um das Jahr 1 nach Christus, gestorben 65 nach Christus). Er war ein Philosoph und Politiker und einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. Dieser von ihm beschriebene Effekt kennzeichnet viele Phänomene, die langsam anwachsen und schnell wieder zurückgehen. Wie sich zeigt, können Zusammenbrüche in unterschiedlichster Gestalt und überall auftreten. Sie haben die verschiedensten Ursachen und entwickeln sich auf unterschiedliche Weise. Jedoch haben alle Zusammenbrüche bestimmte gleichbleibende Eigenschaften. Es sind stets kollektive Phänomene, das heißt, sie treten nur in sogenannten komplexen Systemen auf. Komplexe Systeme weisen die Eigenschaft auf, dass sie durch viele Verknüpfungen miteinander verbunden sind. Ein Zusammenbruch eines komplexen Systems ist die rasche Neuordnung einer großen Zahl solcher Verknüpfungen. Diese Knoten sind in unserem Fall Menschen und deren Interaktionen mit ihrer Umwelt.

All diese Systeme haben vieles gemeinsam. So weisen sie alle ein nichtlineares Verhalten auf: In einem komplexen System besteht keine einfache Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Vielmehr kann ein komplexes System die Folge einer Störung vervielfältigen. Umgekehrt kann die Störung auch so gedämpft werden, dass das System kaum davon berührt wird. Diese Tatsachen führen dazu, dass Prognosen in komplexen Systemen unmöglich sind. Voraussagen von Experten über die zukünftige Entwicklung eines komplexen Systems sind schlichtweg Fantasterei. Sie sollten darauf keinen Pfifferling geben.

Im Umgang mit dem drohenden Kollaps des Finanz- und Währungssystems sollten wir uns deshalb an den Rat eines der bedeutendsten Stoiker halten:

Wir müssen die Dinge, die in unserer Macht stehen, möglichst gut einrichten, alles andere aber so nehmen, wie es kommt.3

Epiktet

Daraus folgt, dass man den »Seneca-Effekt« abmildern kann, sofern man die Veränderung akzeptiert, statt gegen sie anzugehen. Es bedeutet, dass man niemals versuchen sollte, das System zu etwas zu zwingen, was es nicht tun will, sondern sich auf die Auswirkungen auf das eigene Leben bestmöglich vorzubereiten. Die heutige Politik scheint jeden Versuch aufgegeben zu haben, sich Veränderungen anzupassen. Stattdessen greift sie zu groben, schlagkräftigen Parolen, die eine Rückkehr in die frühere Zeit des Wohlstands unmöglich machen. Ganze Zivilisationen wie beispielsweise das Römische Reich erlebten einen Niedergang und verschwanden, weil sie sich nicht an Veränderungen anpassten, ein Schicksal, das uns ebenfalls blühen könnte, wenn wir nicht lernen, die Veränderungen anzunehmen. Dabei darf man nicht vergessen, dass man zwar ein Problem beheben kann, nicht aber eine Veränderung. Veränderungen kann man sich nur anpassen.

Weder sollte der breiten Masse gefolgt werden, noch dürfen die oft zweifelhaften Empfehlungen von Beratern ungeprüft ausgeführt werden. Besser ist es, in aller Ruhe eine robuste, langfristige Strategie zu entwickeln.

Der blinde Glaube an unbegrenzten Fortschritt und der damit verbundene materielle Überfluss und Wohlstand waren es auch, die die Hoffnung und den Glauben von Generationen seit Beginn des Industriezeitalters aufrechterhielten. Von der menschlichen und tierischen Körperkraft, die durch mechanische und später nukleare Energie ersetzt wird, bis zur Ablösung des menschlichen Verstandes durch den Computer bestärkte uns der industrielle Fortschritt in dem Glauben, allmächtig und allwissend zu sein. Im Geiste der meisten Wissenschaftler und Politiker entstand der Irrglaube von unbegrenzter Produktion und damit auch von unbegrenztem Konsum. Doch wird es langsam der Mehrheit der Menschen klar, dass sich diese Verheißung nicht erfüllen kann. Und das liegt neben ökonomischen Widersprüchen an dem vom Menschengeschlecht erschaffenen System selbst. Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems? Die Schärfe dieses Konflikts versuchte man durch die These zu verschleiern, dass alles, was dem Wachstum des Systems (oder auch nur eines einzigen Konzerns) diene, auch das Wohl der Menschen fördere. Der Mensch kümmert sich nicht mehr um sein Leben und sein Glück, sondern um seine Verkäuflichkeit.

Der Konjunkturzyklus: Permanentes Auf und Ab

Als »Konjunkturzyklus« wird die typische Abfolge von inflationärem Aufschwung (Boom) und deflationärem Abschwung (Bust) der Gesamtwirtschaft bezeichnet. In einer Boomphase florieren der Konsum und die Investitionen. Auslöser ist die Ausweitung der ungedeckten Geldmenge. Im Zuge dieser Entwicklung kommt es zu massiven fehlerhaften Zuteilungen von Wirtschaftsgütern. Dabei handelt es sich um falsche Entscheidungen über den Gütereinsatz. Wahrgenommen werden diese Entscheidungen jedoch nicht als Fehler, sondern es kommt dem Wirtschaftsteilnehmer als ein fantastischer Erfolg vor, diese Entscheidungen getroffen zu haben. Unternehmer verdienen normalerweise daran, die richtigen Produkte zur richtigen Zeit dem richtigen Kunden zu verkaufen. Doch im inflationären Aufschwung bringt der falsche Gütereinsatz dem Unternehmer einen ansehnlichen Erfolg. Diese Entwicklungen führen zu einem nicht nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung. Die Wertschöpfung nimmt ab und die Tilgung von Darlehen gerät ins Stocken. Daran schließt sich eine Phase wirtschaftlicher Abkühlung mit steigenden Arbeitslosenzahlen, Unternehmenskonkursen und Zahlungsausfällen an. Ein regelmäßiger Lauf der Dinge in modernen Volkswirtschaften.

Potemkinsche Dörfer statt Goldener Konstante

Man kann die Realität ignorieren, aber man kann nicht die Konsequenzen einer ignorierten Realität ignorieren.

Ayn Rand

Medien und Interessenvertreter zeichnen überwiegend ein positives Bild unseres heutigen Geldsystems: Aktienmärkte auf dem Weg zu neuen Höchstständen, starkes Wirtschaftswachstum, weniger Firmenpleiten, massive Staatsverschuldung, die all das noch am Laufen halten. Durch die Coronakrise muss man daran zwar einige Abstriche machen. Doch hat ausgerechnet das vermeintliche Meistern dieser Phase den Glauben an die Robustheit des Systems wohl noch gesteigert. Allerdings sind die – potenziellen und tatsächlichen – Probleme unseres heutigen Systems enorm, eine Liste beängstigend lang. Viele davon wurden durch die finanzpolitischen Corona-Maßnahmen noch verstärkt; andere übertüncht oder verzögert – wie überfällige Firmenpleiten von »Zombiefirmen«:

Wohlgemerkt beinhaltet diese Aufzählung viele mögliche Problemfelder. Manche von ihnen liegen in weiter Ferne, sind aber keineswegs irrelevant. Zu oft haben wir in den vergangenen Jahren lernen müssen, dass selbst vorher als unglaublich angesehene Dinge plötzlich Realität werden. Was heißt das für Investoren und Anleger? Alle Bewertungen vor allem von Finanzanlagen in beliebig vermehrbarem Papiergeld sind nur Potemkinsche Dörfer in unserem globalen Finanzsystem. Beim Begriff des »Potemkinschen Dorfs« handelt es sich um ein Synonym für Trugbild, Blendwerk und eine Fassade, hinter der sich nichts weiter befindet. Anders als Charles Ponzi ist die damit verbundene Person aber zu Unrecht der Namenspate für dieses Phänomen. Trotzdem verbirgt sich dahinter eine lehrreiche und eben auch sprichwörtliche Anekdote.

Die Zarin Katharina II., auch »Katharina die Große« genannt, befand sich auf einer Inspektionsreise durch ihre südrussischen Provinzen und die Krim. Der dortige Gouverneur, so heißt es, habe bei ihr Eindruck erwecken und umfangreiche Ortschaften seines angeblich blühenden Landes vorführen wollen, die es in Wahrheit gar nicht gab. Nichts als Häuserfronten habe Grigori Alexandrowitsch Potemkin, der Hochstapler, errichten lassen – und mit dieser Vorspiegelung die Herrscherin samt großer Begleitung erfolgreich getäuscht. Noch heute allerdings kann sich jeder von Potemkins wahren Bauwerken überzeugen, der durch Odessa, Sewastopol oder auch Dnipro (das frühere Dnjepropetrowsk) fährt. Allerdings sind viele von ihnen inzwischen verwittert, angegraut, in die Jahre gekommen – eben oft nur noch Fassade. Und damit stimmt das Bild wieder, auch wenn Fürst Potemkin wahrlich für den heutigen Zustand seiner einstigen Prachtbauten nichts kann.

Inflation und Deflation

»Inflation« kommt vom lateinischen Wort für »aufblähen« und bezeichnete ursprünglich die Ausweitung der ungedeckten Geldmenge. Gemeint ist damit

Das allgemeine Preisniveau umfasst nicht nur die täglichen Konsumausgaben, sondern ist deutlich weiter gefasst. Auch die deutlichen Kurssteigerungen beispielsweise an den Aktienmärkten oder Immobilienpreise haben Einfluss auf das allgemeine Preisniveau. Gold etwa ist 2021 um knapp 13 Prozent im Preis gestiegen.

In der volkswirtschaftlichen Forschung gibt es eine einfache Faustformel zur Ermittlung der Inflation. Danach berechnet sich die Inflationsrate entsprechend dem Wachstum der Geldmenge minus dem Wirtschaftswachstum. Das ist logisch. Denn normalerweise sollte die Geldmenge bei einem gesunden Geldsystem durch die Wirtschaftsleistung eines Staates gedeckt sein. Steht der Geldvermehrung keine entsprechend gestiegene Wirtschaftsleistung gegenüber, ist das Ergebnis Inflation. Für Deutschland ergibt sich dieser Berechnungsmethode entsprechend für das Jahr 2020 eine Inflationsrate von über 16 Prozent – also weit mehr, als es die offiziellen Daten von 0,5 Prozent4 suggerieren. Laut Angabe der Europäischen Zentralbank von Ende Dezember 2020 stieg nämlich die umfassendste Geldmengendefinition M3 im Euro-Währungsraum um zwölf Prozent5 gegenüber dem Vorjahr – und dieses Wachstum hat sich 2020 deutlich beschleunigt. Laut einer Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW) wird das BIP im Jahr 2020 in Deutschland aber um 5,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr sinken.

Ist das aber der einzige Grund, warum die Behörden in Deutschland, in den USA und in vielen anderen Ländern die Inflationsraten gern nach unten rechnen? Wohl kaum. Ein Zitat des berühmten britischen Ökonomen John Maynard Keynes (1883–1946) nennt das Kind beim Namen: »Mit dem kontinuierlichen Prozess der Inflation kann der Staat heimlich und unbeachtet einen großen Teil des Reichtums seiner Bürger konfiszieren. Mit dieser Methode können die Regierungen nicht nur konfiszieren, sondern willkürlich konfiszieren. Der Prozess stellt alle verborgenen Kräfte der ökonomischen Gesetze in den Dienst der Zerstörung, und er macht es auf eine Art und Weise, die nicht einer aus einer Million Menschen zu erkennen vermag.«6

Diese Ausweitung der ungedeckten Geldmenge täuscht – im Gegensatz zu einer Ausweitung der gedeckten Geldmenge – über das Ausmaß der real vorhandenen Güter und Ersparnisse und setzt eine ungerechte Umverteilung von Vermögenswerten in Gang. Heute wird Inflation meist als Synonym für »Teuerung« verwendet. Der Preisanstieg ist jedoch nur eine Folge der Inflation. Während die Ausweitung des Konsum- und Investitionsgüterangebots den Reichtum einer Gesellschaft mehrt, gilt das jedoch nicht für die Ausweitung der Geldmenge ohne entsprechende Erhöhung der Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft. Die Geldmengenausweitung führt lediglich zu einem Umverteilungseffekt. Ökonomen sprechen vom »Cantillon-Effekt«. Dieser besteht daraus, dass sich eine Erhöhung der Geldmenge nicht automatisch gleichmäßig unter allen Wirtschaftsteilnehmern verteilt, sondern in Kaskadenform in alle Bereiche einer Volkswirtschaft einströmt. Diese stufenförmige Ausbreitung lässt natürlich gewisse Gruppen (Banken, staatsnahe Firmen oder politisch begünstigte Gruppen) zuerst profitieren.

Zinsen als Einnahmequelle funktionieren für Investoren und private Kleinanleger schon lange nicht mehr. Vorbei die Zeiten Anfang der 1980er-Jahre, als es mehr als zehn Prozent pro Jahr mit Bundesschatzbriefen gab.7 Die magere oder negative Rendite wird nun jedoch von der Inflation in die Zange genommen: Viele Jahre war die Geldentwertung niedrig, was je nach politischer Sichtweise geradezu ein Resultat der EZBNiedrigzinspolitik war. Denn eine Geldschwemme führt dem Lehrbuch nach schließlich zu steigenden Preisen. Dagegen lag die Inflationsrate in Deutschland 2015 bei gerade einmal 0,5 Prozent. Ende 2016 schlug das Pendel auf 1,7 Prozent aus. Im Januar 2017 wurde die magische Grenze von zwei Prozent gerissen.8 Die reale Geldvernichtung war wieder in Deutschland angekommen: Inflation und Nullzinspolitik gleichzeitig.

Doch das für deutsche Verhältnisse »hohe« Niveau flachte dann wieder deutlich ab und lag im September 2020 mit minus 0,2 Prozent sogar unter null.9