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Deutsche Erstausgabe (ePub) Juni 2021

 

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2019 by Christina Lee

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»Redeem«

Published by Arrangement with Christina Lee

 

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2021 by Cursed Verlag

Inh. Julia Schwenk

 

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,

des öffentlichen Vortrags, sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile,

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit

Genehmigung des Verlages.

 

 

Bildrechte Umschlagillustration

vermittelt durch Shutterstock LLC; iStock; AdobeStock

Satz & Layout: Cursed Verlag

Covergestaltung: Hannelore Nistor

Druckerei: CPI Deutschland

Lektorat: Stella Sundermann

 

ISBN-13: 978-3-95823-889-3

 

Besuchen Sie uns im Internet:

www.cursed-verlag.de


 

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Aus dem Englischen
von Vanessa Tockner

 

 


 

Liebe Lesende,

 

vielen Dank, dass ihr dieses eBook gekauft habt! Damit unterstützt ihr vor allem die*den Autor*in des Buches und zeigt eure Wertschätzung gegenüber ihrer*seiner Arbeit. Außerdem schafft ihr dadurch die Grundlage für viele weitere Romane der*des Autor*in und aus unserem Verlag, mit denen wir euch auch in Zukunft erfreuen möchten.

 

Vielen Dank!

Euer Cursed-Team

 

 

 

 

Klappentext:

 

Obwohl Michael ein Leben führt, worum ihn sicher viele beneiden, fällt seine Bilanz bei Beziehungen eher mäßig aus. Immer wieder stehen ihm seine Selbstzweifel im Weg und keiner seiner zahlreichen One-Night-Stands kann die quälende Einsamkeit vertreiben. Dann trifft er an Silvester auf Stewart, dessen stumme Verzweiflung bei ihrem heißen Stelldichein etwas tief in Michael berührt. Zunächst einigen sie sich auf Sex ohne Verpflichtungen, aber je mehr Zeit sie miteinander verbringen, desto mehr öffnen sie sich einander – und gestehen Fehler aus der Vergangenheit ein, die nicht wiedergutzumachen sind. Für beide scheint Vergebung unerreichbar, doch vielleicht können sie sich gegenseitig helfen, um nicht wieder alles zu verlieren. Mit Verständnis, Geduld… und Liebe.


 

Kapitel 1

 

Stewart

 

 

Fünf Minuten vor dem Neujahrscountdown ging ich in den hinteren Teil des Pubs. Es hatte gereicht, dass ich Elijah früher an diesem Abend im Bent erspäht hatte, wie er seinen Kumpel – ich würde etwas Zeit brauchen, um Kam als irgendetwas anderes zu sehen – überall begrapscht hatte. Allmählich konnte ich endlich den Gedanken akzeptieren, dass das mit uns vorbei war und ich es gründlich vermasselt hatte. Trotzdem hielt ich es für die bessere Option, in einem Hetero-Lokal zu landen, wo ein Freund heute hinter der Bar arbeitete.

Der Lärm der Menge wurde gedämpft, als die Lautstärke des Fernsehers für den alljährlichen Ball Drop am Times Square aufgedreht wurde. Ich schob die Tür zur Toilette auf und stieß einen erleichterten Seufzer aus.

Glücklicherweise war sie leer, abgesehen von einem großen Kerl im Anzug, der sich gerade am Urinal wieder einpackte. Früher am Abend hatte ich ihn an einem Tisch mit Männern und Frauen bemerkt, die alle Businesskleidung trugen, als wären sie direkt von der Arbeit gekommen. Wir hatten kurzen Blickkontakt hergestellt und es fiel mir schwer, nicht zu bemerken, wie verdammt gut aussehend er war – zu schade, dass ihm eine der Frauen förmlich an den Lippen hing.

Ich trat ans Waschbecken, um irgendetwas mit meinen Händen zu machen, und als ich den Hahn aufdrehte, ging er zum Handtrockner an der gegenüberliegenden Wand, aber erst nachdem er mich von oben bis unten gemustert hatte, wie ich bemerkte. »Niemanden, den Sie um Mitternacht küssen können?«

»Scheinbar sind Sie im selben Boot«, antwortete ich, warf einen Blick über die Schulter und sah sein sexy Grinsen.

Er zuckte mit den Schultern. »Wird völlig überbewertet.« Als ich mir die Nässe von den Händen schüttelte und zum Trockner hinüberging, wandte er sich zur Tür. »Außerdem ziehe ich Ficken dem Küssen vor.«

Die Arroganz seiner Aussage jagte mir zusammen mit dem tiefen Timbre seiner Stimme einen Schauder über den Rücken. Vor der Tür begann der Countdown, als unsere Blicke sich trafen und ineinander verhakten. Seiner war heiß und besitzergreifend und mein Schwanz erwachte sofort zum Leben.

Als er die Hand ausstreckte, um die Tür zu öffnen, erkannte ich, dass ich mich wahrscheinlich in ihm getäuscht hatte. War ja klar. Ich wrang die Hände, sah weg und ließ die Schultern hängen. Plötzlich hörte ich das laute Klicken des Türschlosses im leeren Raum und bevor ich die Situation verarbeiten konnte, wurde ich gegen die Wand gedrückt, mit dem Gesicht nach vorne und der Hand des Fremden fest im Nacken. Mein Herz hämmerte, als einen kurzen Moment lang Panik einsetzte, bis sein Mund an meinem Ohr entlangstrich. »Hol ihn raus.«

Ein Funke durchschoss meinen Körper, als hätte mich ein elektrischer Draht berührt. Normalerweise genoss ich es, die Kontrolle zu übernehmen, aber wie zum Teufel konnte ich mir diese Gelegenheit entgehen lassen? Es war so unerwartet und könnte genau das Richtige sein, das neue Jahr mit einem richtigen Kracher zu beginnen – und das Wortspiel war beabsichtigt.

Meine Finger arbeiteten schnell, um den Knopf und Reißverschluss meiner Jeans zu öffnen. Während ich meinen Schwanz herausholte, hörte ich, wie er dasselbe tat. Dabei ruhte seine Hüfte von hinten an meinem Oberschenkel und hielt mich wirkungsvoll gefangen. Das trug nur zu der elektrischen Energie bei und einen Moment später stieß sein harter und langer Schaft gegen die Naht meiner Jeans. Ich stöhnte und drückte die Stirn an die Wand.

Der Fremde langte mit seiner großen Hand um meine Hüfte herum und schlug meine Finger vom Hosenbund weg. Seine warme Handfläche legte sich um meinen Schwanz und streichelte mich von der Wurzel bis zur Spitze. Meine Knie gaben fast nach, so verdammt gut fühlte es sich an.

»Gefällt dir das?«, knurrte er in mein Ohr, während sein Daumen über meinen Schlitz fuhr und die Lusttropfen von der Spitze aufsammelte, bevor er die Feuchtigkeit auf seinen Fingern nutzte, um mich mit seinen Berührungen willenlos zu machen. Ich wimmerte, als er mit dem Schritt gegen meinen Hintern stieß und Reibung für seinen eigenen harten Schaft suchte. Sein heißer Mund drückte gegen meinen Nacken, während ich mich mit einer Hand stützend an der Wand festhielt.

Ich stöhnte und stemmte ihm meinen Hintern entgegen – vollkommen erregt. Ich liebte es, wie seine größere Gestalt mich von allen Seiten umgab. Normalerweise würde ich in einer solchen Situation in Panik geraten, aber heute Abend war es genau richtig. Von einem attraktiven, anonymen Kerl befriedigt zu werden, während vor der Tür Rufe und Singen zu hören waren, war verdammt heiß.

»Ach Teufel, ist das gut«, keuchte ich, als er nach oben streichelte und gleichzeitig an meinem Hals saugte. Ich hätte vermutlich protestieren sollen, denn er würde bestimmt Spuren hinterlassen, konnte mich aber nicht dazu bringen, mich darum zu sorgen. Außerdem würde es ein Zeichen dieser Nacht sein. Wie ein sexy Brandmal.

Sein Atem klang angestrengter und seine Brust brummte vor tiefer Lust, als er ungeschickt gegen mich stieß. Seine Hand blieb fest und eng um meinen Schwanz geschlossen, während er sich zurückzog und bebend seine Erleichterung herausspritzte. Der Laut war so sinnlich, dass mein Orgasmus mich fast gleichzeitig durchzuckte.

»Heilige Scheiße.« Mein Körper wurde schlaff, als mein Sperma über seine Hand und auf den Boden spritzte. Ich schloss die Augen und hielt den Kopf weiterhin an die Wand gelehnt, als er mich losließ und mein Schaft als Reaktion darauf pulsierte.

Die Stille im Raum wurde ohrenbetäubend – die einzigen Geräusche waren unser Atem und der dumpfe Lärm der Menge vor der Tür.

»Hast du einen Namen?« Ich wusste nicht, warum ich es laut aussprach. Es war nur ein flüchtiger Gedanke in meinem benommenen Gehirn.

»Warum zum Teufel spielt das eine Rolle?«, antwortete er, während das Geräusch seines Reißverschlusses die hallende Stille durchschnitt. »Ist ja nicht so, als würde ich dich je wiedersehen.«

»Weiß nicht.« Meine Wangen wurden rot, deshalb hielt ich den Kopf gesenkt und in meinem Arm vergraben. »Vielleicht kann ich ihn schreien, wenn ich später meinen Schwanz bearbeite und diese Szene noch mal im Kopf durchspiele.«

Er antwortete nicht. Ich hörte, wie er seine Kleidung zurechtrückte und dann ein paar Papiertücher abriss, die er mir in die Hand drückte. »Michael«, murmelte er an meinem Ohr.

Und dann war er verschwunden.


 

Kapitel 2

 

 

Michael

 

Ich trat aus der Dusche und trocknete mich ab, während ich mich dafür verfluchte, mir fünf Minuten mehr zum Wichsen genommen zu haben. Gerade heute war die Zeit knapp, da ich mich auf ein wichtiges Kundenmeeting vorbereiten musste. Aber ich hatte die Erleichterung auch genossen. Mein letzter One-Night-Stand war einen Monat her und ich konnte die Erfahrung immer noch nicht abschütteln. Ich war sogar mit Kunden in dasselbe Restaurant zurückgekehrt, um zu sehen, ob er zufällig wieder auftauchte. Ich war versucht, den Barkeeper-Freund zu fragen, mit dem er an jenem Abend geredet hatte, aber das wäre dann doch komisch. Was sollte ich denn sagen?

Hey, wer ist Ihr Freund? War angenehm, es ihm zu Mitternacht auf der Toilette zu besorgen.

Aber etwas daran, wie verzweifelt der Kerl gewirkt hatte, ging mir nicht aus dem Kopf. Wie er gestöhnt und gegen mich gedrängt hatte. Wie er darauf reagiert hatte, dass ich ihn an die Wand gedrückt hatte. Fuck.

In den Monaten, seit Jonas – oder West, wie er jetzt genannt werden wollte – mich verlassen hatte, war ich gründlich in mich gegangen. Die eigenen sexuellen Vorlieben zu entdecken, wenn man knapp 37 war, war ziemlich verkorkst, aber immer noch besser als nie. Ich hatte herausfinden müssen, was ich wollte, was ich gerne hatte, und darauf waren eine Reihe bedeutungsloser One-Night-Stands gefolgt, die mir eine Menge über mich selbst beigebracht hatten.

Wie zum Beispiel die Tatsache, dass ich bisexuell war, aber eine Vorliebe für Männer hatte. Obwohl es nicht wirklich das gewesen war, was meine Ehe oder meine Beziehung zu West zerstört hatte.

West hatte sich von mir erstickt gefühlt, überall außer im Bett, wo ich auf Abstand gegangen war, sobald ich mir geholt hatte, was ich wollte. Ich hatte mich für meine wachsenden Begierden geschämt und vor ihnen gefürchtet und er hatte mich zu Recht verlassen.

Zweifellos musste ich an mir selbst arbeiten, bevor ich wieder eine Beziehung einging. Aber im Laufe dieser Erfahrungen hatte ich auch erkannt, dass ich einen bestimmten Typ hatte. Nicht unbedingt äußerlich, sondern was Bedürftigkeit betraf. Es gefiel mir, mich um andere zu kümmern, und ich hatte Wests Kritik gebraucht, um mir das einzugestehen. Vorerst blieb ich allerdings besser für mich.

Aber selbst in meiner Nobelwohnung in der Innenstadt spürte ich eine Einsamkeit, die mir tief in die Knochen gedrungen war. Meine zwei Möpse Coco und Chloe halfen, die Leere zu füllen. Auch jetzt wuselten sie um meine Beine und konnten es kaum erwarten, den Tag zu beginnen. Ich bückte mich und kraulte sie hinter den Ohren. »Nur Geduld«, murmelte ich.

Ich schlüpfte in mein blaues Hemd, ein schwarzes Nadelstreifensakko und die dazu passende Hose und sah mich im Spiegel an. Armani hin oder her, unsere Aktionäre mussten den Eindruck bekommen, dass sie ihr Vertrauen der richtigen Investmentfirma schenkten. Mit gerichteter Krawatte und im Wollmantel beugte ich mich hinab, um meine schwarzen Ferragamo-Oxfordschuhe zuzubinden, bevor ich den Hunden ihre Leinen anlegte und zur Tür hinauseilte.

So früh am Morgen waren die Straßen recht leer, aber ich kam gern um acht Uhr ins Büro, manchmal sogar um sieben. Immer noch verbittert, dass ich die Möpse nicht länger zur Hundepflege und Tagesbetreuung Doggie Styles bringen konnte, wandte ich den Blick von dem mittelgroßen Gebäude ab und fuhr daran vorbei zu einem ähnlichen Betrieb – allerdings nur dem Namen nach – zehn Minuten weiter. Nachdem ich sie irgendeinem Jungen übergeben hatte, der ein wenig eingeschüchtert von mir wirkte, seufzte ich und drehte mich wieder zum Parkplatz um.

Ich erwartete das Beste, was West immer hart kritisiert hatte. Halt den Ball flach, hatte er gesagt und das hatte ich versucht. Ich brauchte wohl noch mehr Übung. Mit diesem Gedanken drehte ich mich um und winkte dem Kerl mit den schwarzen Haaren und dem Nasenpiercing zu, der für den Tag auf meine Hunde aufpassen würde. Offensichtlich verblüfft hob er ebenfalls die Hand.

Siehst du, West? Ich kann nett sein.

Auf dem Weg zur Firma kam ich an einem recht neuen Café namens The Roast vorbei und erinnerte mich daran, dass ich es bald ausprobieren wollte. Sie boten auch Catering an, was eine gute Alternative für Frühstück mit Kunden wäre. Auf den ersten Blick sah das Lokal allerdings überfüllt aus, also würde heute die Keurig-Kaffeemaschine von Secure Investments herhalten müssen.

»Guten Morgen«, sagte meine Assistentin Miss Harper von ihrem Computer aus, als ich hereinkam. Sie richtete sich unauffällig in ihrem Stuhl auf, als hätte ich ihre Haltung kritisiert oder so. Gott, war ich wirklich so schlimm? Eine kurze Erinnerung kam mir in den Sinn – wie ich meinem Vater folgte, als er mit hocherhobenem Kinn durch sein Bürogebäude marschierte –, aber ich schüttelte sie ab. »Hätten Sie gern eine frische Tasse, Mr. Walsh?«

»Sobald wie möglich wäre wunderbar«, sagte ich schroff und abwesend, während ich bereits an die Dokumente dachte, die ich für die Präsentation vorbereiten musste. Aus dem Augenwinkel merkte ich, wie sie sich versteifte – genau wie alle Mitarbeiter, wenn ich an ihren Arbeitsplätzen vorbeikam. Als ich mich daran erinnerte, welche Wirkung ich offenbar auf andere ausübte, drehte ich mich um und schenkte Miss Harper ein angespanntes Lächeln. »Bitte.«

»Sofort.« Sie stand auf und die Spannung schien aus ihren Schultern zu weichen. Freundlichkeit fiel nicht schwer, solange sie wohlverdient war, und Miss Harper arbeitete auf jeden Fall hart. Ihr jährlicher Bonus bewies hoffentlich ihren Wert. Vor Kunden konnte ich dieses Spiel spielen, verdammt, also sollte es mir mit meinen eigenen Mitarbeitern nicht so viel schwerer fallen. Trotzdem brauchte ich ab und zu Erinnerungen daran.

Der Tag verging wie im Flug. Ich saß den ganzen Vormittag lang hinter geschlossener Tür und bestellte zum Mittag etwas ins Büro, während ich mich auf die Präsentation vorbereitete, die meiner Einschätzung nach gut verlief.

Mein Kollege James pfiff hinterher sogar und klopfte mir auf die Schulter. Er war schon etwas länger dabei als ich und hatte einen Draht zum großen Chef Mr. Gilbert. Ich behielt alles Persönliche normalerweise für mich, in der Hoffnung, einen guten Eindruck zu machen, aber er zog mich deswegen oft auf. Zwar war ich nicht hier, um Freunde zu finden, aber manchmal fühlte es sich doch so an, als könnte ich einen gebrauchen. Mein Vater war ebenfalls ein einsamer Wolf, obwohl er sehr erfolgreich im Risikokapitalgeschäft war, und ich hatte durchaus Angst, dass ich mich in einen ebenso großen Mistkerl verwandelte, wie er es war.

»Kommst du auf einen Drink nach nebenan mit?«, fragte James.

Ich nickte und folgte ihm und zwei anderen Kollegen zu einem Pub in Gehweite, den wir gelegentlich besuchten. Nachdem wir das Meeting und meine Präsentation verdaut hatten, hörte ich mit einem Ohr zu, wie James über sein Kind aus gescheiterter Ehe redete, und obwohl wir eine Scheidung gemeinsam hatten, trug ich nicht viel zum Gespräch bei.

Als James einen weiteren Drink ablehnte und die anderen verkündeten, dass sie für den Abend genug hatten, bot ich an, die Rechnung zu begleichen, und zog meine Karte hervor. Meine Kollegen tauschten Blicke, protestierten aber nicht. Das war schließlich mein üblicher Modus Operandi: mit Geld um mich zu werfen, aber nie persönlich zu werden, und trotz meiner neuesten Erkenntnisse über mich selbst war das eine Gewohnheit, die ich scheinbar nicht ablegen konnte. Ich war sicher, dass meine Mitarbeiter mich für einen arroganten Arbeitsfanatiker hielten, der immer nur an den nächsten großen Deal dachte, und vorerst würde ich sie in dem Glauben lassen.

Ich hatte schon immer Probleme gehabt, mich zu öffnen. Wenn ich ehrlich war, hatte ich Angst, dass andere hinter meine Fassade sehen und mich trotzdem hassen würden. Das hatte auch West mir vorgeworfen – dass ich mich aufspielte und niemanden an mich heranließ. Sofort schämte ich mich und meine Wangen wurden heiß, als ich die Quittung natürlich mit einem saftigen Trinkgeld unterzeichnete.

Nachdem ich mein letztes Glas geleert hatte, verließ ich den Pub, holte meine Hunde ab und fuhr nach Hause, um Reste zu essen und ins Bett zu fallen. Am nächsten Tag wachte ich auf und wiederholte dieselbe Routine, wenn auch etwas freier atmend, da die Präsentation hinter mir lag.

Ich duschte, schlüpfte in meine graue Hose und fummelte an meinen braunen Haaren und dem Bartschatten herum, die beide langsam getrimmt werden mussten. Nachdem ich mit den Hunden für ihr Geschäft hinausgegangen war, beschloss ich, sie in der Wohnung zu lassen, und versprach ihnen, nach der Arbeit noch einmal Gassi mit ihnen zu gehen. Sie waren ohnehin ziemlich erschöpft, nachdem sie gestern mit anderen Hunden gespielt hatten. Indem ich sie in der Tagesbetreuung ließ, linderte ich meine Schuldgefühle, weil ich so lang arbeitete. Außerdem gab es ihnen eine Gelegenheit, mit anderen Hunden zu interagieren.

Ich zog den Betrieb vor, zu dem ich sie letztes Jahr gebracht hatte, bevor Tristan und ich uns wegen West in die Haare gekriegt hatten. Tristan war der Inhaber von Doggie Styles und Wests neuer Partner und war bei einem unserer Streitgespräche auf dem Parkplatz seines Betriebs eingeschritten. Der Rest war Geschichte.

Tristan ging mir natürlich gegen den Strich, aber sein Geschäft war erstklassig. Es war nicht leicht, einen Ersatz zu finden, der sich so gut um meine Hunde kümmerte, und das war ein heikles Thema für mich.

Ganz offensichtlich war es besser so. Ich wünschte nur, West und ich wären freundschaftlicher auseinandergegangen. Aber natürlich hatte ich alles ruinieren müssen, sodass er nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. Trotzdem hatten wir eine gemeinsame Vergangenheit – und eine Zeit lang war ich sogar sein Vormund gewesen –, deshalb tat es weh, dass ich nicht nach ihm sehen und mich vergewissern konnte, dass es ihm gut ging.

Da ich noch einige Minuten Zeit hatte, hielt ich vor The Roast, dem neuen Café, das heute weniger belebt aussah als gestern. Ich stellte mich hinter den anderen müde dreinblickenden Kunden an und sah zu dem Menü über dem Tresen hinauf. Sie hatten eine anständige Auswahl, nicht nur Kaffee, sondern auch Frühstück, und ich machte mir eine geistige Notiz für mein nächstes Abteilungsmeeting. Als ich an der Reihe war, mein Getränk zu bestellen, wandte ich mich endlich dem Barista vor mir zu und erstarrte.

Heilige Scheiße, das war er: der Kerl von Silvester. Wie zum Teufel konnte er jetzt vor mir stehen? Ich blinzelte, als würde ich träumen, und überlegte, ob ich fliehen sollte, obwohl ich keine Ahnung hatte, warum. Das Entsetzen in seinem Gesicht spiegelte das meine wider und gerade als ich den Mund öffnete, um trotzdem mein Getränk zu bestellen und so zu tun, als wäre es keine große Sache, lehnte er sich vor.

»Was kann ich Ihnen bringen?« Seine Stimme war tiefer als in meiner Erinnerung.

»Einen großen Kaffee, dunkle Röstung«, antwortete ich mit ausgetrockneter Kehle.

Er hob einen leeren Becher und seinen Filzstift, bevor er meinen Blick auffing.

»Michael, oder?«, fragte er, während er meinen Namen darauf kritzelte.

»Richtig…« Ich warf einen Blick auf sein Namensschild. »Stewart

Stewart war sein Name. Verdammt. Und darunter stand in kleinerer Schrift Barista-Manager.

Na, Teufel aber auch. Und warum mich das so überraschte, das war ein Rätsel, das ich später knacken musste.

Seine Wangen röteten sich, als er die Bestellung eingab. Es fühlte sich wie ein geteiltes Geheimnis an, was es ja irgendwie auch war. Ich hatte es ihm an Silvester auf einer Restauranttoilette besorgt. Es war nicht so, als hätte ich noch nie einen One-Night-Stand wiedergetroffen, und ich hatte keine Ahnung, warum es mich diesmal so erschütterte. Vielleicht weil der Kerl im letzten Monat der Hauptdarsteller meiner Fantasien gewesen war. Ich hatte ihn nur kurz gesehen, aber die Laute, die er ausgestoßen hatte… das Gefühl mit ihm… Das alles und der Anblick vor mir waren es mehr als wert, es langsam zu einem Gesamtbild zusammenzufügen.

Ich konnte den Blick nicht von ihm wenden, als er zur nächsten Station ging und mein Getränk zubereitete. Aber irgendetwas an ihm fühlte sich beinahe vertraut an. Hatte ich ihn schon einmal getroffen, ohne es zu wissen? Das war durchaus möglich, da ich schon so lange zu den Hintertüren diverser Clubs ein und aus ging.

Er trug eine enge Jeans und ein schwarzes T-Shirt mit dem Roast-Logo. Genauso sexy wie an Silvester. Ein hübscher, sehniger, kleiner Körper. Weizenblonde Haare, grüne Augen, volle Lippen. Ich erinnerte mich daran, wie ich ihm mit den Zähnen fast die Haut an seiner Schulter aufgebissen hatte, und fragte mich, ob ein Mal zurückgeblieben war. Die Vorstellung war wie ein kleiner Rausch. Meine Güte, reiß dich zusammen.

Als mein Kaffee fertig war, trat er auf der anderen Seite des Tresens wieder zu mir. »Hier, Michael. Sie, äh, wohnen in der Nähe?«

Ich hob eine Braue. Es gefiel mir nicht, dass er Fragen stellte, aber ich wusste nicht, warum. Vielleicht weil es nur ein One-Night-Stand gewesen war. »Möglicherweise.«

»Verzeihung.« Er trat einen Schritt zurück. »Ich hab Sie nur noch nie hier gesehen.«

»Hat dieses Café nicht erst vor Kurzem geöffnet?«

»Kurz vor Weihnachten«, antwortete er und gestikulierte in den Raum. »Das ist das erste Mal, dass ich Sie bemerkt habe. Ich meine, abgesehen von…« Er wurde nervös. »Also…«

»Normalerweise gehe ich zum Starbucks in der Nähe oder benutze einfach die Kaffeemaschine in meinem Büro.«

»Ah, verstehe.« Er musterte mich anerkennend von Kopf bis Fuß, bevor er einen Blick über die Schulter warf, als wollte er sichergehen, dass niemand uns belauschte. »Dann sehe ich dich vielleicht mal wieder.«

Seine Wangen brannten, als er wegsah, offenbar schockiert von seiner eigenen Dreistigkeit. Dann schien er neuen Mut zu fassen und straffte die Schultern. »Außer du bist in zehn Minuten noch hier, wenn ich Pause habe? Ich gehe normalerweise zur Hintertür hinaus, um ein wenig frische Luft zu bekommen.«

Mein Puls raste in meinen Adern, bevor die Realität mich wieder einholte. Meine Güte. Es war ein Arbeitstag und wir waren nicht in irgendeinem Club. »Ich muss los. Bis dann, Junge.«

Heiße Wut blitzte in seinem Blick auf. »Ich bin kein Junge und außerdem bist du gar nicht so alt. Aber was soll's. Wie du willst«, höhnte er.

Anscheinend hatte ich ihn beleidigt. Ich war geschätzt nur zehn Jahre älter als er, aber jüngere Kerle hatten mich schon oft genug Daddy genannt. Tja, warum wohl. Ohne mich noch weiter zu beachten, kehrte er hinter die Kasse zurück.

Ich ging weiter, um mir einen Deckel für meinen Becher und zwei Servietten zu nehmen, aber aus irgendeinem Grund ließ ich mir Zeit, sah auf die Uhr und dachte über meinen Morgen nach.

Was zum Teufel stimmte nicht mit mir? Zog ich ernsthaft in Erwägung, so lange zu bleiben?

Okay, genug. Das war dumm von mir. Ich marschierte zur Tür hinaus und zu meinem Auto, dann saß ich mit meinem Kaffee da und gab vor, die Nachrichten auf meinem Handy durchzusehen, während die Minuten verstrichen.

Plötzlich war die Entscheidung gefallen, egal, wie fehlgeleitet. Ich stieg aus dem Auto und stapfte durch die mit Abfall vollgestellte Gasse zur Hintertür des Cafés, die sich neben einem grünen Müllcontainer befand. Ich fühlte mich schmutzig und lächerlich, aber irgendetwas trieb mich weiter an.

Stewart stand an die Ziegelwand gelehnt, trug in der frischen Morgenluft einen Fleece-Kapuzenpulli und hatte das Gesicht zur Sonne gehoben. Als er mich hörte, huschte sein Blick zum Eingang der Gasse und Schock flackerte kurz in seinen Augen auf. Der wurde allerdings schnell durch ein scheues Lächeln ersetzt, das an seinen Mundwinkeln zupfte und das ich ihm sofort vom Gesicht wischen wollte.

»Ich weiß gar nicht, warum ich gesagt habe…« Er suchte nach Worten, während ich näher trat. »Ich schätze, ich hatte gehofft…«

Ich schnitt ihm das Wort ab, indem ich ihn an die Wand drängte, und hörte zufrieden, wie ihm der Atem stockte.

»Du hast an jenen Abend mit mir gedacht?«, fragte ich heiser und das Blut in meinen Adern kochte plötzlich, als ich mich daran erinnerte, wie sein Körper sich an meinem angefühlt hatte.

»Ja«, antwortete er mit heißem Blick und lehnte sich zu mir. Da stieß sein steifer Schwanz gegen meine Hüfte. Als ich die Hand an seinen Schritt legte, stöhnte er und fuck, auch ich wurde sofort steif.

Ich drückte seinen Schaft leicht durch die Jeans und wich zurück, um ihm Raum zu geben. »Hol ihn raus.«

Er keuchte und warf einen Blick in die Gasse, während er mit geschickten Fingern die Hose aufknöpfte und dann hinabschob, um seinen Schwanz zu befreien.

Er war gerötet und glitzerte im Sonnenlicht des Morgens. Ich leckte mir die Lippen, dachte daran, wie herb und salzig er schmecken würde. Wie sehr ich im Laufe des letzten Jahres den Geschmack und Duft eines Mannes lieben gelernt hatte. Wie sehr beides die sinnliche Begierde in mir anzusprechen schien. Und jetzt war ich hier, in einer Seitengasse neben einem Müllcontainer, weil ich offenbar einfach nicht die Finger davon lassen konnte. Als jagte ich verzweifelt dem Rausch hinterher.

»Hübsch«, murmelte ich, als ich mit dem Daumen über den Schlitz strich und dann die Faust um seinen Schaft schloss. Er schauderte und stützte sich mit einer Hand an der Wand hinter sich ab. Seine Reaktion war so verdammt stark, genau wie beim letzten Mal. Ich lehnte mich vor, grub die Finger in seine Hüfte und streifte mit den Lippen seine Kehle, bevor ich mich dem fleischigen Teil zwischen Hals und Schulter zuwandte.

»Fuck«, flüsterte er und bebte an mir.

Ich biss zu und atmete ihn tief ein. Derselbe Duft – eine Mischung aus Kaffeebohnen und Zimt – und jetzt ergab er natürlich viel mehr Sinn.

»Da ist ja der hübsche Schwanz, den ich so gernhabe«, sagte ich dicht an seiner Haut. »Wenn der Boden nicht so verdammt schmutzig und kalt wäre, würde ich ihn mir vielleicht noch näher ansehen. Oder besser noch, dich auf die Knie drücken und mit meinem eigenen füttern.«

Stewart stieß ein ersticktes Stöhnen aus und ich warf einen Blick über die Schulter und fragte mich, warum ich mich so leichtsinnig verhielt. Jeder konnte zufällig daherkommen und mich in Anzug und Krawatte sehen, wie ich die Hand in der Hose des Baristas hatte. Des Barista-Managers, korrigierte ich mich und schnaubte fast laut auf.

Als ob das eine Rolle spielte.

Ich legte eine Hand auf seinen Mund, um ihn zum Schweigen zu bringen, und er verdrehte die Augen, schwankte und bebte. Offenbar genoss er das. Teufel aber auch.

Meine Hand schloss sich fester um seinen Schaft und ich erhöhte das Tempo und den Druck, während ich mit der anderen Hand an seinen Hintern griff und ihn fester an mich zog. Mein Schwanz suchte die perfekte Reibung an seiner Hüfte und der Jeansstoff verstärkte die Empfindung noch.

»Spürst du, wie hart du mich mit diesen Lauten machst?«, summte ich dicht an seinem Ohr. »Komm für mich, genauso wie an jenem Abend.«

Ich suchte dieselbe Stelle an seinem Hals und biss zu. Er krümmte sich und spritzte ohne Vorwarnung mehrmals über meine Hand, bevor er keuchend an der Wand zusammensackte.

Ich hob den Daumen und leckte seinen Samen ab. Er war herb und salzig und kühlte sofort auf meiner Haut ab, was mich noch härter machte.

Als ich zurückwich, waren seine Augen glasig und seine Lippen zu einem benommenen Grinsen verzogen.

»Michael«, murmelte er befriedigt und sein Blick wanderte träge dorthin, wo mein Schwanz heftig gegen meinen Reißverschluss drückte. »Willst du, dass ich…«

»Machen wir das nicht zur Gewohnheit.« Ich stieß mich von der Wand ab und marschierte durch die Gasse zurück, als hätte ich mich verbrannt. Als ich ins Auto stieg, zitterten meine Hände und glücklicherweise hatte ich noch Servietten von einem Drive-thru übrig, mit denen ich mir seinen Saft von den Fingern wischen konnte. Obwohl ich den Geruch wahrscheinlich trotzdem den ganzen Tag lang in der Nase haben würde.

Was zum Teufel hatte ich mir nur dabei gedacht? Noch dazu mitten an einem Arbeitstag?

Zerstreut fuhr ich den restlichen Weg zur Arbeit, bellte meine Assistentin an, meine Anrufe zurückzuhalten und verschanzte mich in meinem Büro. Ich holte meinen Schwanz heraus und besorgte es mir mit der Hand, während ich an Stewarts Geräusche dachte und daran, wie warm er sich in meiner Hand angefühlt hatte. Aber vor allem daran, wie er es einfach zugelassen hatte, dass ich ihn um den Verstand brachte. Vor Gott und der Welt in einer öffentlich zugänglichen Seitengasse.

Und es war zweifellos das Heißeste, was ich je getan hatte, ohne selbst etwas dafür bekommen zu haben.

Wer hatte gesagt, dass ich nicht den Netten spielen konnte?


 

Kapitel 3

 

 

Stewart

 

Ich verließ meine monatliche psychiatrische Sitzung völlig ausgelaugt, aber wenigstens hatte ich ein neues Rezept für Zoloft in der Hand. Die Ärztin hatte natürlich wieder meine Mutter und ihre zahlreichen Nervenzusammenbrüche angesprochen, die zu Dutzenden Zwangsräumungen und Umzügen und verlorenen Gehältern geführt hatten. Mom hatte mich an verschiedenen Orten bei Freunden gelassen, während sie sich Hilfe geholt oder einen neuen Job gefunden hatte, und es hatte sich immer angefühlt, als würden wir ertrinken und uns nie besonders lange über Wasser halten und nicht, als wären wir in Sicherheit.

Meine panischen Träume darüber, an irgendeinem unbekannten Ort zurückgelassen zu werden, waren zurückgekehrt und die Ärztin glaubte, dass das direkt damit verbunden war, wie ängstlich ich als Erwachsener geworden war. Ich musste alles in meiner Umgebung kontrollieren, auch meine Beziehungen.

Ich wusste nicht, ob sie recht hatte, aber meine Panikattacke letztes Jahr war der Auslöser für meinen ersten Termin bei ihr geworden und der hatte zu den Tabletten geführt, die schließlich geholfen hatten. Die die hartnäckige Angst in meinem Bauch auf ein überschaubares Maß gedämpft hatten.

Und obwohl ich anfangs davor zurückgescheut war, auf Medikamente angewiesen zu sein, zwang mich allein der Gedanke daran, dass mein Herz in der Brust hämmerte, meine Hände schwitzten und die Angst alle meine Sinne überwältigte, dazu, sie fast automatisch jeden Morgen zu schlucken.

Diese Beklemmung hatte ich seit meiner Kindheit nicht verspürt, als ich mich in jeder neuen Wohnung im Schrank versteckt und versucht hatte, tief durchzuatmen, während ich mir eingeredet hatte, dass wir diesmal bleiben würden. Dass ich neue Freunde finden und länger als ein paar Monate an der Schule bleiben würde. Geistige Krankheiten waren heimtückisch und obwohl meine Mutter nach ihrer bipolaren Diagnose endlich in stabilem Zustand und in einer festen Beziehung mit einem Mann in Michigan war, der ihr guttat, waren die Kindheitserinnerungen manchmal schwer abzuschütteln. Sie formten einen, wenn man sie ließ, und ich hatte das auf jeden Fall getan und es viel zu spät erkannt.

Die Medikamente hatten in den letzten Wochen definitiv geholfen, hatten meine Angstzustände beinahe ganz vertrieben. In manchen Situationen fühlte ich mich sogar ermutigt. Warum würde ich sonst riskieren, es mir in der Gasse hinter meinem Arbeitsplatz besorgen zu lassen oder an Silvester auf einer Toilette, wenn wir schon dabei waren?

Letzteres war allerdings verständlicher gewesen. Ich war durcheinander gewesen, nachdem ich meinen Ex Elijah, von dem ich mich – völlig ungerechtfertigt – verlassen gefühlt hatte, mit seinem neuen Freund gesehen hatte, und hatte einfach… vergessen wollen. Und Michael hatte mir diesen Wunsch beide Male erfüllt. Seine herrische und doch irgendwie beruhigende Stimme, seine zuverlässige Art, seine geschickten Finger und Lippen. Gott.

Ich stieg in mein Auto und fuhr zum Roast. Die Stelle des Barista-Managers hatte ich vor Weihnachten angenommen. Sobald ich volljährig geworden war, hatte ich nach der Schule und an den Wochenenden in verschiedenen Geschäften und Restaurants gearbeitet. Das war meine erste Gelegenheit gewesen, auf eigenen Beinen zu stehen und mein eigenes Geld zu verdienen, falls ich es für die Miete oder Essen brauchte. Ich hatte immer noch eine Blechdose in meiner Wohnung, in der ich einige Dollarscheine für Notfälle aufbewahrte.

»Hey, was geht?«, begrüßte ich Demetrius, als ich durch die Hintertür hereinkam und ihn vor einem der Schränke entdeckte, in dem er, dem Chaos auf der Theke nach zu schließen, offenbar Kaffeefilter suchte. Er war einer der anderen Manager des Cafés, hatte mir geholfen, diesen Job zu bekommen, und war zu einem Freund geworden. Demetrius ließ sich nichts von mir gefallen und sagte etwas, wenn ich mich wie ein Arsch verhielt. Tatsächlich war ich nicht sicher, warum er sich die Mühe machte. Wahrscheinlich war es nicht allzu angenehm, mich um sich zu haben.

Es war Demetrius' Vorschlag gewesen, das Café an der Madison in Lakewood zu verlassen, in dem ich davor gearbeitet hatte. Es war im selben Block wie Kams Fahrradgeschäft gewesen. Elijah dabei zu beobachten, wie er vorfuhr, um seinen Freund zu besuchen, war einfach zu viel geworden – ich war zu viel geworden. Verbittert und zittrig und misstrauisch. Aber ich hatte endlich Hilfe bekommen und versuchte, einige Aspekte an mir zu ändern, und vielleicht konnte Demetrius das sehen.

Demetrius arbeitete außerdem nebenbei als Barkeeper in dem Restaurant, in dem ich Michael an Silvester getroffen hatte. Ich war ziemlich sicher, dass er Michael im Café nicht erkannt hätte, wenn er an jenem Tag Schicht gehabt hätte, aber wenn doch, dann hätte er bestimmt irgendeinen Witz gerissen. Er war kein Fan aufgeblasener Geschäftsmänner. Und bis jetzt war ich ziemlich sicher gewesen, dass ich das auch nicht war. Michael war ganz anders als die Männer, auf die ich in Clubs normalerweise zuging.

Versuch, Veränderungen zu akzeptieren, hatte meine Psychiaterin gesagt, obwohl ich nicht sicher war, ob der Rat irgendetwas mit One-Night-Stands zu tun hatte. Ich schnaubte, als ich meine Tasche in meinen Spind hängte.

Aber verdammt, es war nicht leicht, Veränderungen zu akzeptieren. Als Kind war ich schlecht darin gewesen und als Erwachsener bestimmt nicht besser. Ich mochte Routine und Sicherheit. Warum war das so verkehrt?

Weil du manchmal zu verdammt egoistisch bist, Mann. Touché.

»Hier ist alles in Ordnung«, meinte Demetrius, während er sein Chaos aufräumte. Da seine Schicht offiziell zu Ende war, holte er seine Sachen aus seinem Spind. »Braxton kommt übrigens später, nur zu deiner Info. Seine Großmutter…«

»Schon wieder? Ach, was soll's«, sagte ich und wedelte mit der Hand. »Wir haben es alle nicht leicht. Das bedeutet nicht, dass er seinen Job ignorieren kann.«

Demetrius verdrehte die Augen. »Hab etwas Nachsicht mit dem Jungen. Sie ist seine einzige Verwandte und sie stirbt. Er ist jung und leicht zu beeindrucken.«

»Oh, ich werde ihn schon beeindrucken«, antwortete ich frustriert.

»Das hast du schon«, sagte Demetrius spitz und ich verzog das Gesicht. Er hatte recht, die anderen Mitarbeiter hatten irgendwie Angst vor mir. Aber ich mochte keine Dummschwätzer oder Faulpelze. Ich war streng, Demetrius dagegen gutmütig. Ich wollte keine Schwäche zeigen, die ausgenutzt werden konnte. Ich hasste es, in dieser Grauzone zu leben. Ich hatte den Großteil meiner Kindheit darin verbracht.

Als ich das Café betrat, lief alles wie geschmiert. Ich hatte zwei Mitarbeiter, die jeweils die Kasse bedienten, die Tische abräumten und von jeglichem Geschirr oder Zeug befreiten, das die Kunden stehen gelassen hatten. Unwillkürlich sah ich zum Fenster hinaus, ob vielleicht irgendwelche großen Männer in makellosen Anzügen hereinkamen.

Das ist eine ganz andere Grauzone. Aber One-Night-Stands blieben wenigstens einfach. Es gab keine Erwartungen und genau das brauchte ich gerade in meinem Leben.

Unglücklicherweise war es etwa drei Wochen her, seit ich Michael in der Gasse gesehen hatte – nicht, dass ich rund um die Uhr arbeitete. Es war durchaus möglich, dass er an den Vormittagen vorbeigekommen war, als ich nicht gearbeitet hatte.

Ich war versucht, Demetrius zu fragen, ob er in letzter Zeit den Namen Michael auf einem Becher gesehen hatte. Lächerlich. Als hätte er ein Monopol auf den Namen.

Es war auch sehr wahrscheinlich, dass er genug gehabt hatte.

Machen wir das nicht zur Gewohnheit.

In meinem ganzen Leben hatte ich einem anderen Mann noch nie erlaubt, so mit mir umzuspringen, den Ton anzugeben. Aber seine herrische Stimme und seine beharrlichen Hände hatten ein gewisses Etwas. Wie mein Geist abschaltete und leer wurde, wie all der Lärm in meinem Kopf sich in reine Empfindung verwandelte, während er mir meinen Orgasmus entlockte und nichts im Gegenzug verlangte.

Zweimal. Zweimal in zwei Monaten und ich hatte nie Gelegenheit gehabt, auch nur eine Hand an ihn zu legen.

Aber verdammt, ich wollte es. Wollte die harte Länge spüren, die durch den seidigen Stoff seines teuren Anzugs gegen meine Hüfte gestoßen war. Würde sein Schwanz sich ebenso glatt und kultiviert anfühlen?

Hol ihn raus.

Ich spürte seine Lippen noch an meinem Hals. Seine Zähne, wie sie sich in meine Haut gruben. Fuck.

In diesem Moment eilte Braxton, mein verspäteter Mitarbeiter, zur Tür herein und riss die Augen auf, als er mich statt Demetrius hinter der Theke entdeckte.

»Ich lege nur meine Sachen ab, dann fange ich gleich an«, sagte er mit zitternder Stimme, als er an mir vorbeihastete. Er wirkte schuldbewusst, als sein Blick durch den Raum wanderte. Ich hatte ihn wahrscheinlich richtig eingeschätzt, sagte ich mir, und schob meine Schuldgefühle beiseite. Ich hatte jedes Recht, zu erwarten, dass meine Mitarbeiter zur Arbeit erschienen und ihre Pflicht taten.

»Gut, Rhonda hat gleich Schichtende«, fauchte ich und beobachtete befriedigt, wie er zusammenzuckte. Es war wichtig, eine harte Linie zu fahren, egal, was Demetrius sagte.

Und wenn man gerade vom Teufel sprach: Ich hörte, wie der Verräter Braxton fragte, wie es seiner Großmutter ging, und wandte mich verlegen über meine Herzlosigkeit ab.

Irgendjemand muss den bösen Cop spielen.

»Hey, Mistkerl«, sagte Demetrius, als er um die Ecke lugte. »Hast du Bock, mich am Freitagabend im Bent zu treffen?«

Er gab sich immer noch Mühe, selbst nachdem ich mich wie ein Monster verhalten hatte.

Meine Hände zitterten, als ich in mich hineinfluchte, und ich beschloss, heute netter zu Braxton zu sein. Als Kind hatte ich vielleicht nicht eine Menge Freundlichkeit erlebt, aber ich suchte immer – immer – nach einer Rettungsleine, suchte das Beste in anderen Menschen. Und jetzt hatte ich für Braxton nur das Schlimmste übrig. Wie verdammt egoistisch von mir. Schon wieder.

Demetrius räusperte sich, wartete immer noch auf eine Antwort.

Im Bent bestand immer das Risiko, Elijah oder seinen Freunden zu begegnen, was schade war, da es die beste Schwulenbar der Stadt war. Allerdings hatte ich sie das letzte Mal an Silvester besucht und davor hatte ich dort längere Zeit niemanden von ihnen gesehen. Die meisten Leute zogen nicht ohne besonderen Anlass durch die Bars, wenn sie vergeben waren. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich sie sehen würde, war ziemlich niedrig.

»Ja, klar«, sagte ich seufzend. »Eine Clubnacht könnte ich mal wieder vertragen.«