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Deutsche Geschichte

Von
Ulf Dirlmeier
Andreas Gestrich
Ulrich Herrmann
Ernst Hinrichs
Konrad H. Jarausch
Christoph Kleßmann
Jürgen Reulecke

Reclam

 

Alle Rechte vorbehalten

© 2014 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

Gesamtherstellung: Reclam, Ditzingen

Made in Germany 2014

RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN: 978-3-15-960413-8

ISBN der Buchausgabe: 978-3-15-019085-2

www.reclam.de

Inhalt

Einleitung: Was ist »deutsche Geschichte«?

Von Ulrich Herrmann

Früh- und Hochmittelalter (6.–13. Jahrhundert)
Von Ulf Dirlmeier

Epochenüberblick

Frühmittelalterliche Voraussetzungen der deutschen Geschichte (6.–9. Jahrhundert)

Das Hohe Mittelalter (10.–13. Jahrhundert)

Literaturhinweise

Spätmittelalter (Mitte 13. Jahrhundert bis Ende 15. Jahrhundert)
Von Ulf Dirlmeier

Epochenüberblick

Das Reich im Spätmittelalter: Die Rahmenbedingungen

Vom Ende der Staufer zum Wahlkönigtum (Mitte 13. Jahrhundert bis Mitte 14. Jahrhundert)

Neue Ansätze zur Gestaltung des Reiches ab der Mitte des 14. Jahrhunderts

Literaturhinweise

Von der Reformation bis zum Westfälischen Frieden (Ende 15. Jahrhundert bis 1648)
Von Ernst Hinrichs

Epochenüberblick

Deutschland zu Beginn des 16. Jahrhunderts

Reformation und universale Kaiserpolitik Karls V.

Deutschland nach Augsburg und Trient: Das »konfessionelle Zeitalter«

Vorgeschichte und Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

Literaturhinweise

Vom Westfälischen Frieden bis zum Wiener Kongreß (1648–1814)
Von Andreas Gestrich

Epochenüberblick

Das Reich am Ende des Dreißigjährigen Krieges

Das Reich in den europäischen Konflikten zwischen 1648 und 1740

Gesellschaft im Wandel: Kultur, Religion, Wirtschaft im 18. Jahrhundert

Das Ende des Alten Reiches

Literaturhinweise

Vom Wiener Kongreß bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs (1814–1914)
Von Jürgen Reulecke

Epochenüberblick

Aufbrüche, Reaktionen und Reformen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Von der Revolution 1848/1849 bis zur Reichsgründung von 1871

Das Kaiserreich: Staat und Gesellschaft zwischen Modernisierung und Beharrung

Literaturhinweise

Die Zeit der Weltkriege (1914–1945)
Von Jürgen Reulecke

Epochenüberblick

Vom Ersten Weltkrieg zur ersten deutschen Republik

Die Weimarer Republik: Aufstieg und Versagen eines »Experiments in Demokratie«

Die »Machtergreifung« und der Ausbau des NS-Regimes (1933–1939)

Der Zweite Weltkrieg: Epochenende oder Episode im 20. Jahrhundert?

Literaturhinweise

Teilung und Wiederherstellung der nationalen Einheit (1945–1990)
Von Christoph Kleßmann

Epochenüberblick

Überlebensstrategien – Die Zusammenbruchgesellschaft in den vier Besatzungszonen

»Kalter Krieg«, Teilung Deutschlands und doppelte Blockintegration

Der Mauerbau 1961 als Zäsur deutscher Nachkriegsgeschichte

»Wandel durch Annäherung« – Stabilisierung durch Abgrenzung: Deutschlandpolitik in Ost und West

Gesellschaftliche Entwicklungslinien in beiden deutschen Staaten

Der innere Zerfall des real existierenden Sozialismus und die Revolution in der DDR

Die alte und die neue Bundesrepublik

Literaturhinweise

Anfänge der Berliner Republik (1990–2012)
Von Konrad H. Jarausch

Epochenüberblick

Ambivalente Folgen der Vereinigung

Suche nach »normaler« Identität

In der Globalisierungsfalle

Perspektiven einer Berliner Republik

Literaturhinweise

Verzeichnis der Karten

Namenregister

Hinweise zur E-Book-Ausgabe

[9] Einleitung

Was ist »deutsche Geschichte«?

Von Ulrich Herrmann

Das vorliegende Büchlein bietet eine »deutsche Geschichte« vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Kann es das überhaupt geben – eine »deutsche« Geschichte?

Bevor man sich auf die Lektüre und Vergegenwärtigung einer »deutschen Geschichte« einläßt, erscheint es ratsam, sich zu vergewissern, was das eigentlich ist – »deutsche Geschichte« – oder was damit gemeint oder bezeichnet sein könnte; denn die Erzählung einer Vergangenheit und Gegenwart setzt die Konstruktion ihres Gegenstandes voraus. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten solcher (Re-)Konstruktionen – als Geschichte eines Volkes, einer Nation, eines Staates; der Ereignisse auf einem bestimmten Territorium; einer Kultur- und Sozialgeschichte. Es hängt von dem jeweiligen Gesichtspunkt und Blickwinkel ab, was dann jeweils als »deutsche Geschichte« in den Blick kommt.

Ist eine »deutsche« Geschichte, eine Geschichte »der Deutschen« als eines Volkes, denkbar? Wohl kaum; denn einigermaßen feststehende Grenzen eines Siedlungs-, Sprach- und Kulturraums dieser »Deutschen« über die Jahrhunderte hinweg bestanden nicht. »Die« Deutschen mögen sich – mehr oder minder – zusammengehörig gefühlt haben, über politische Grenzen hinweg, in abgesonderten Siedlungsgebieten von Auswanderern, bis hin nach Übersee. Aber deswegen hatten sie in der Regel keine gemeinsame Vergangenheit und keine gemeinsame Geschichte.

Gewiß, seit der Aufteilung des fränkischen Reiches [10] nach Karl dem Großen und dem Übergang der Herrschaft von den Franken auf die Sachsen trennten sich nach und nach – auch schon im Bewußtsein der Zeitgenossen – die Franken von den »Deutschen« jenseits, östlich des Rheins; man sprach vom regnum teutonicum. Aber von einem »deutschen« Nationalbewußtsein konnte zunächst keine Rede sein, ebensowenig von einem territorial eindeutig identifizierbaren »deutschen« Staat. Das tritt erst im 11. Jahrhundert auf. Vielmehr sind »die Deutschen« Bestandteil eines »Reiches«, das von der Ostsee bis Sizilien reicht.

Dieses Heilige Römische Reich »deutscher Nation« – das sich im 15. Jahrhundert als Regierungsform ausbildet – endete erst 1806, als Franz II. die Kaiserkrone niederlegte. In diesem »Reich« waren »die Deutschen« weder als Staat noch als Nation organisiert, und innerhalb dieses Reiches hatten deutschsprachige Bevölkerungen politische Eigenständigkeit erringen können (z. B. die Niederländer und die Schweizer am Ende des Dreißigjährigen Krieges). Ja, innerhalb dieses Reichsverbandes führten zum Beispiel im 18. Jahrhundert Reichsfürsten – Preußen und Österreich – Kriege gegeneinander. Offensichtlich vermittelten weder die gemeinsame Sprache noch die Reichszugehörigkeit ein gemeinsames »National«-Bewußtsein und auch kein Selbstverständnis als »Deutsche«, etwa im Sinne einer Kulturnation. »Die Deutschen« waren damals im »politischen« Sinne keine Nation und kein Staat; sie lebten in »Deutschland«, ohne daß dessen Grenzen genau anzugeben gewesen wären; und sie waren im »kulturellen« Sinne kein Volk: konfessionell getrennt, landsmannschaftlich orientiert, lokal und regional organisiert in einer Vielzahl von Städten und Residenzen. Schiller und Goethe formulierten diesen Sachverhalt in zwei berühmt gewordenen Xenien (Nr. 95 und 96):

[11] Das Deutsche Reich

Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land
                    nicht zu finden,
          Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf.

Deutscher Nationalcharakter

Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche,
                    vergebens;
          Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen
                    euch aus.

Gleichwohl bestand das Bedürfnis im ausgehenden 18. Jahrhundert, so etwas wie »Nationalbewußtsein« auszubilden, dessen Anfänge man rückblickend durchaus mit der Reformation und der Entwicklung einer deutschen literarischen Hochsprache betrachten kann. Die Schaffung einer »National«-Literatur, die Gründung eines »National«-Theaters sind Belege für dieses Bedürfnis. Aber an eine national-»staatliche« Einheit war nicht zu denken.

Als im Gefolge der territorialen Neuordnung Europas und »Deutschlands« – zuerst durch Napoleon, dann durch den Wiener Kongreß 1814 – Deutschland neu definiert wurde, verstand man darunter den Deutschen Bund (1815 bis 1866). Aber die »deutschen« Patrioten wollten mehr: die staatliche Einheit. Sie war das erklärte Ziel der Frankfurter Verfassungs-Versammlung in der Paulskirche 1848/1849. Die »kleindeutsche Lösung«, die Bismarck mit militärischen Mitteln erzwang, entfernte Österreich aus diesem »Deutschland«, das von 1871 bis 1945 die Bezeichnung »Deutsches Reich« annahm. Österreich hat nach dem Ersten Weltkrieg versucht, in das Deutsche Reich zurückzukehren; die Alliierten haben es untersagt. Der Österreicher Adolf Hitler betrachtete es als einen seiner Triumphe als deutscher Reichskanzler, dies im Jahre 1938 rückgängig gemacht zu haben.

[12] Strenggenommen dürfte sich eine »deutsche Geschichte« zunächst nur auf den Zeitraum nach 1871 (bis 1945) beziehen: ein »Nationalstaat« einte – unter Preußens Führung – »die Deutschen«. Jetzt kam Deutschland als »Deutsches Reich« auch zu allen »nationalen« Symbolen und Attributen: Briefmarken und Geldscheine mit der »Germania«, Reichstag, Reichsregierung, Reichsgesetzgebung usw. – aber ohne »National«-Hymne. Die preußische »Nationalhymne« war Heil dir im Siegerkranz, vor 1866 galt als »deutsche« Nationalhymne eine Vertonung von Ernst Moritz Arndts Was ist des deutschen Vaterland?; dann setzte sich nach 1871 Deutschland, Deutschland über Alles durch, als offizielle deutsche Nationalhymne seit 1922 – in der ersten deutschen Republik, ironischerweise unverändert auf die Melodie Gott erhalte Franz den Kaiser. Dabei blieb es, allerdings in der Bundesrepublik Deutschland – aus leicht verständlichen Gründen – nur mit dem Text der dritten Strophe. (Das war das Ergebnis fehlgeschlagener Versuche, die Bundespräsident Heuss angeregt hatte, eine neue Nationalhymne einzuführen.) Das Gedicht stammt von Hoffmann von Fallersleben, geschrieben 1841 im Vormärz als Das Lied der Deutschen, das heißt als Ausdruck der Hoffnung auf Volksherrschaft, auf bürgerliche Freiheitsrechte und als Appell für die Herbeiführung der nationalen politischen Einheit »Deutschlands« im Rahmen einer verfassungsmäßigen freiheitlichen Ordnung. Die Hoffnungen der Revolution von 1848 erfüllten sich nicht, und das kaiserliche imperialistische Deutschland besang dröhnend seine Sendung und (angebliche) Weltgeltung: »Deutschland, Deutschland über Alles …« – bis alles in Scherben fiel.

Eine »Nation« wird durch einen politischen Willen, eine nationale Idee, geformt. Das war – nach dem Vorbild der Franzosen – Preußens politisches Bewußtsein seit der napoleonischen Besatzung. Diesem »Nationalismus« mußte der »Staat« sozusagen nachgeliefert werden. So [13] wurde denn auch im 19. Jahrhundert »deutsche« Geschichte verstanden und geschrieben: vom Aufstieg Preußens im 17. und 18. Jahrhundert über den Deutschen Bund zur Reichsgründung. »Deutsche« Geschichte war im wesentlichen Hinführung zum zweiten deutschen Kaiserreich. Es schien, als hätten Volk, Nation und Staat unter Preußens Führung in den Kriegen nach außen – gegen Dänemark, Österreich und Frankreich – und durch die Bekämpfung der Feinde im Innern – vor allem der Sozialisten und Katholiken – ihre Übereinstimmung gefunden. Die Reichsverfassung von 1871 sprach von »ganz Deutschland« als dem Insgesamt der Bundesstaaten; die Weimarer Verfassung berief sich in ihrer Präambel auf »Das Deutsche Volk, einig in seinen Stämmen und von dem Willen beseelt, sein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneuen und zu befestigen«.

Und was war mit Volk, Nation und Staat »der Deutschen« 1945 nach dem Ende dieses Deutschen Reiches? Die Österreicher entwickelten ein eigenes Bewußtsein als Staatsnation, und die Deutschen fanden sich in zwei Staaten wieder, ohne doch – wie sich 1989/1990 zeigte – das Zusammengehörigkeitsgefühl eines Volkes verloren zu haben. Die Präambel des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland von 1949 sprach von einer übergangsweisen staatlichen Ordnung für »das Deutsche Volk«, zugleich im Namen jener »Deutschen«, die daran nicht hatten mitwirken können, und schloß mit der Verpflichtung: »Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden«. Übrigens sprach die erste Verfassung der DDR von 1949 in eben diesem Sinne ebenfalls vom »deutschen Volk« und von »Deutschland«.

Die deutsche Geschichte als eine Geschichte unklarer Grenzen und schließlich als eine Geschichte der Zweistaatlichkeit endete, infolge der Wende von 1989, mit dem [14] Moskauer Zwei-plus-Vier-Vertrag vom 12. September 1990 (BRD, DDR, Frankreich, UdSSR, UK, USA). Mit diesem Vertrag wurde das Recht der Deutschen auf Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes anerkannt, vor allem aber: die bestehenden Grenzen der BRD und der DDR sind die endgültigen Grenzen der neuen Bundesrepublik, die jetzt und in Zukunft keinerlei Gebietsansprüche mehr erheben wird (Art. 1). Die Alliierten des Zweiten Weltkriegs beendeten ihre Rechte und Verantwortlichkeiten. »Das vereinte Deutschland hat demgemäß volle Souveränität über seine inneren und äußeren Angelegenheiten.« (Art. 7)

Die zweite Gründung eines deutschen Nationalstaates am Ende des 20. Jahrhunderts beantwortet die Frage von Ernst Moritz Arndt »Was ist des Deutschen Vaterland?« zum ersten Mal in der deutschen Geschichte mit Zustimmung aller Deutschen eindeutig und abschließend. Damit hat sich Deutschland von einem Unruheherd in der Mitte Europas zu einem Stabilitäts- und Integrationsfaktor gewandelt. Damit geht einher ein neues, an Frieden und kooperativer guter Nachbarschaft gebundenes Nationalbewußtsein, das identisch ist mit einer Zustimmung zur verfassungsmäßigen Ordnung der neuen »Berliner Republik«. Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte hat ein deutscher Nationalstaat feste Grenzen, zustandegekommen mit der Zustimmung seiner Nachbarn, besonders der Polen.

Aus historischem Blickwinkel ist die deutsche Wiedervereinigung das Resultat einer langen Vorgeschichte – die Integrationspolitik Konrad Adenauers nach Westen, die Ostpolitik von Willy Brandt –, vorangetrieben durch den Helsinki-Prozeß für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der mit dem Namen des deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher verbunden ist. Ihm war es auch gelungen, die Figuration Zwei-plus-Vier herbeizuführen. Letztlich hat Michail Gorbatschow, damals Generalsekretär der KPdSU und Staatsoberhaupt der UdSSR, [15] im Vertrauen auf die Politik der Regierung Kohl/Genscher den Weg zur deutschen Einheit freigemacht.

Mit dem Eintritt in das 21. Jahrhundert ergibt sich eine neue Lesart der deutschen Geschichte: nicht mehr entlang der Grenzenfrage, sondern im Rahmen des europäischen Einigungsprozesses. Immer mehr Entscheidungen in wichtigen Politikbereichen fallen nicht mehr in Berlin, sondern in Brüssel und Straßburg. Aber die Kräfte der Zentralisierung wecken immer auch die Gegenkräfte der kulturellen Regionalisierung. Regionalförderung ist auch für die Kommission in Brüssel eine wichtige Agenda, und die noch auf unabsehbare Zeit erforderliche Förderung der strukturschwachen Regionen in Ostdeutschland ist, schon wegen ihrer enormen haushaltspolitischen Auswirkungen, ein zentrales Thema unserer europäisch-deutschen Innenpolitik. Die neue Bundesrepublik muß sich nicht nach außen behaupten oder beweisen: ihre Hauptaufgabe ist die Vollendung der inneren Einheit – ein neues Kapitel in der Geschichte der Deutschen.

Aber was heißt »innere Einheit«? Gleiche Lebensverhältnisse in Ost und West, Nord und Süd? Die gab es auch in der alten Bundesrepublik nicht. Eine regionale »Normalverteilung« der parteipolitischen Optionen in der Bevölkerung? Dagegen sprechen die dauerhaften Wahlerfolge der CSU in Bayern und der PDS im Osten. Gleiche Zukunftschancen für junge Leute? Dagegen spricht die hohe Jugendarbeitslosigkeit in den strukturschwachen Regionen im Osten und Norden.

Wichtige innenpolitische Ziele der Bundes- und Länderpolitik – Senkung der Arbeitslosigkeit, ausgeglichene Haushalte, Verringerung der Staatsschulden – lassen sich angesichts der noch auf lange Sicht unvermeidbaren Transferleistungen von West nach Ost nicht verwirklichen. Einstweilen herrscht Ratlosigkeit, nicht minder aber auch in der erweiterten Europäischen Union. Zwei Transitorien scheinen sich gegenseitig zu blockieren.

[16] Das vorliegende Büchlein kann den detaillierten Überblick in Gebhardts Handbuch der deutschen Geschichte (das auch als Taschenbuch-Ausgabe erhältlich ist) nicht ersetzen, auch nicht die umfangreichen Epochendarstellungen, die in den letzten Jahren von den Verlagen C. H. Beck, Oldenbourg, Propyläen, Siedler, Suhrkamp und Vandenhoeck & Ruprecht herausgebracht worden sind. Die 1996 erstmals erschienene Kleine deutsche Geschichte von Hagen Schulze behandelt im wesentlichen nur das 19. und 20. Jahrhundert. Einzelheiten lassen sich leicht im Ploetz und in Steins Kulturfahrplan nachschlagen; Personen, Ereignisse und Institutionen verzeichnet mit großer Genauigkeit das Lexikon der deutschen Geschichte im Kröner Verlag; ein handlicher zweibändiger Atlas zur Weltgeschichte ist bei dtv erschienen.

Auf diese Darstellungen und Nachschlagewerke wird hier verwiesen. Im Unterschied zu ihnen haben die Autoren dieses Bandes ein anderes Ziel verfolgt: nicht »die« deutsche Geschichte zu rekonstruieren und nachzuerzählen – was bei dem zur Verfügung stehenden Raum von vornherein aussichtslos sein mußte –, sondern in das Verständnis der »Grundzüge« und »Grundstrukturen« in der jeweiligen Epoche deutscher Geschichte einzuführen. Die Gliederung orientiert sich deshalb an den Epochen der politischen Geschichte, in der Darstellung durchaus Bezug nehmend auf wichtige sozial- und kultur-, wirtschafts- und geistesgeschichtliche Aspekte. Die Epochendarstellungen können dabei im Prinzip nicht mehr liefern als die »Konstellationsanalysen« und die »Strukturgeschichte« der jeweiligen Epoche. Das hat den Vorzug, daß die Triebkräfte und die Rahmenbedingungen des Geschehens vor allem an seinen »Scheidewegen« im Mittelpunkt stehen und die vergangene Gegenwart gestaltet wird zu dem, was erinnerte erzählte Vergangenheit sein soll: Geschichte als Einsicht in die Geschichtlichkeit der Gegenwart.

[17] Literaturhinweise

Conze, Werner: Die Deutsche Nation. Göttingen 1963.

Demandt, Alexander (Hrsg.): Deutschlands Grenzen in der Geschichte. München 1990.

Falter, Jürgen W. [u. a.]: Sind wir ein Volk? Ost- und Westdeutschland im Vergleich. München 2006.

Langewiesche, Dieter: Reich, Nation und Staat in der jüngeren deutschen Geschichte. In: Historische Zeitschrift 254 (1992) S. 341–381.

Schieder, Theodor: Nationalismus und Nationalstaat. Göttingen 1992.

Schulze, Hagen: Kleine deutsche Geschichte. München 1996.

Sheehan, James J.: What is German History? Reflections on the Role of the Nation in German History and Historiography. In: Journal of Modern History 53 (1981) S. 1–23.

– German History 1770–1866. Oxford 1989.

Theorie der Geschichte. Beiträge zur Historik. 5 Bde. München 1977 ff. Bd. 1: Objektivität und Parteilichkeit. Bd. 2: Historische Prozesse. Bd. 3: Theorie und Erzählung in der Geschichte. Bd. 4: Formen der Geschichtsschreibung. Bd. 5: Historische Methode.

Wehler, Hans-Ulrich (Hrsg.): Scheidewege der deutschen Geschichte. Von der Reformation bis zur Wende, 1517–1989. München 1995. (Beck’sche Reihe. 1123.)

Winkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen. 2 Bde. München 2000.

[19] Früh- und Hochmittelalter
(6.–13. Jahrhundert)

Von Ulf Dirlmeier

Epochenüberblick

Die Dreiteilung der europäischen Geschichte in Antike, Mittelalter und Neuzeit geht auf Christoph Cellarius (1638–1707) zurück und ist bedingt durch philologischästhetische Wertungen und Deutungsschemata, wie sie sich seit dem 17. Jahrhundert entwickelt haben. Umstritten war und ist der Beginn der mittelalterlichen Periode im Auflösungsprozeß des römischen Imperiums. Die Erklärungsmodelle reichen von der auf den Germaneneinfällen des 3. und der Völkerwanderung des 4. bis 6. Jahrhunderts aufbauenden »Katastrophentheorie« über die besonders von der Siedlungs-, der Wirtschafts- und Sozialgeschichte vorgetragene »Kontinuitätstheorie« bis hin zu dem modifizierten kultur- und wirtschaftshistorischen Kontinuitätsansatz des belgischen Historikers Henri Pirenne (1922/37): Pirenne ging – stark verkürzt – von einer seit der Antike ununterbrochenen Entwicklung aus, die erst im 8. Jahrhundert durch den Einbruch des Islam in die Mittelmeerwelt ihre entscheidende Zäsur erfahren habe. Wie dem auch sei: Man wird in Europa von einem das 6. und 8. Jahrhundert überspannenden Brückenzeitalter auszugehen haben, das nicht abrupt, sondern allmählich in die Zeitperiode übergeht, die wir als Mittelalter bezeichnen. Entscheidend war wohl nicht so sehr die Islamisierung des Mittelmeerraums als vielmehr die beginnende rechtliche, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Neuorientierung des [20] sich durch die Großreichsbildung der Karolinger formierenden Europas. Der gesamtgesellschaftliche Ablösungsprozeß aus antiken Befindlichkeiten gestaltete sich dabei regional ganz unterschiedlich, ging etwa in Südfrankreich und Italien viel langsamer vonstatten als im nördlichen und östlichen Europa. Unübersehbar sind aber auch dort die massiven sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen vom 9. bis zum Beginn des 13. Jahrhunderts. Zu nennen sind die herrschaftliche Durchdringung des Landes, erkennbar beispielsweise an dem überwiegenden Verschwinden der Freien aus den überlieferten Quellen, die Verbesserungen in der vorherrschenden Wirtschaftsform, der Landwirtschaft, unter anderem durch das Vordringen der Dreifelderwirtschaft und ihrer zunehmenden Marktorientierung, der damit zusammenhängende Bevölkerungsanstieg besonders im 12. Jahrhundert sowie das Wiederaufblühen des Städtewesens mit all seinen Voraussetzungen wie Folgen: eine sich ständig intensivierende Handelstätigkeit, die Verdichtung kaufmännischen Kapitals in Handelsgesellschaften, unterschiedliche Spezialisierungs-, Diversifizierungs- und Konzentrationsprozesse in Handwerk und Gewerbe, ein zunehmendes Stadt-Land-Gefälle mit teilweise erheblichem demographischem und wirtschaftlichem Druck besonders auf stadtnahe Räume.

Aus dem in der Mitte des 9. Jahrhunderts einsetzenden und rund ein Jahrhundert dauernden Verfall des Karolingerreichs sind überregionale Großeinheiten entstanden, die sich ihrerseits in einem mehrere Generationen anhaltenden und bis ungefähr zur Mitte des 11. Jahrhunderts währenden Formierungsprozeß zu eigenständigen regna ausbildeten. Die spätere Staatenwelt Europas hat im Hochmittelalter ihre Wurzeln. Das ostfränkisch-deutsche Reich ist Ergebnis dieses Zeitalters; es wurde geprägt durch die dauernde Rivalität großer Adelsverbände, die trotz der sich im Königtum ablösenden Großdynastien – Ottonen, Salier und Staufer – das Recht zur Wahl des [21] Königs behaupteten und bewahrten, welches Kern der Reichsverfassung bis zu ihrem Ende war. Das ostfränkisch-deutsche regnum erfuhr weitere entscheidend wichtige Ausformungen durch die Erneuerung des imperium unter Otto I. (936–972), durch die Herrschaft des seit dem späten 11. Jahrhundert so genannten römischen Königs über Reichsitalien und das Königreich Burgund (1032), durch die Entstehung einer feudalisierten Reichskirche, die sich freilich im Investiturstreit zumindest teilweise der unmittelbaren königlichen Kontrolle entzogen hat. Insbesondere die in hohem Maß politische wie religiös-ideologische Konfrontation von Papsttum und Kaisertum wurde wie die damit zusammenhängende Italienpolitik zu einem Kennzeichen deutscher Geschichte im Hochmittelalter mit weitreichenden innen- wie außenpolitisch belastenden Bezügen in das 14. und 15. Jahrhundert hinein.

Frühmittelalterliche Voraussetzungen der deutschen Geschichte (6.–9. Jahrhundert)

482–511

Chlodwig I., Frankenkönig.

498?

Taufe Chlodwigs.

511

Reichsteilung unter Chlodwigs Söhne.

558–561

Chlothar I., Alleinherrscher über das Frankenreich.

656

Sog. Staatsstreich Grimoalds.

679–714

Pippin der Mittlere, Hausmeier von Austrien, regiert ab 687 das Gesamtreich.

714–741

Karl Martell, Hausmeier im Gesamtreich.

732

Sieg Karl Martells über die Araber bei Poitiers.

741–768

Pippin der Jüngere, Hausmeier von Neustrien, Burgund, der Provence, ab 751 König.

754

Vertrag Pippins mit Papst Stephan II.

768–814

Karl der Große, ab 771 Alleinherrscher, ab 800 Kaiser.

[22] 772 – etwa 800

Sachsenkriege.

800

Kaiserkrönung Karls in Rom.

813–840

Ludwig der Fromme, ab 813 Mitkaiser, ab 814 Alleinherrscher.

817

Reichsteilungsplan (Ordinatio Imperii).

831

Neuer Reichsteilungsplan.

833

Niederlage Ludwigs gegen seine Söhne bei Colmar; Kirchenbuße des Kaisers.

840

Beginn des Bruderkriegs zwischen Lothar I., Ludwig »dem Deutschen« und Karl dem Kahlen um die Aufteilung des Reichs.

Die Rahmenbedingungen

Die Voraussetzungen für gesellschaftliche und wirtschaftliche Neuansätze nach dem Ende der römischen Reichsstrukturen in Mitteleuropa (frühes 5. Jahrhundert) waren zunächst wenig günstig: der bereits in der Spätantike zu beobachtende Bevölkerungsrückgang setzte sich fort. Verstärkt durch die »Pest Justinians« (542), erreichte die demographische Entwicklung im 6. und 7. Jahrhundert ihren Tiefstand, bevor eine zögernde Erholung einsetzte.

Bevölkerungsentwicklung des frühen und hohen Mittelalters (geschätzte Werte, in Millionen)  Jahr  Europa gesamt  Mittel- und Westeuropa  Jahr  Europa gesamt  Mittel- und Westeuropa   500  27,5  9,0  1100  48,0  –   650  18,0  5,5  1150  50,0  –   700  27,0  –  1200  61,0  –  1250  69,0  –  1000  38,5–42,0  12,0  1300  73,0  –  1050  46,0  –  1340  73,5–77,0  35,5

Bevölkerungsentwicklung des frühen und hohen Mittelalters (geschätzte Werte, in Millionen) Jahr Europa gesamt Mittel- und Westeuropa Jahr Europa gesamt Mittel- und Westeuropa  500 27,5 9,0 1100 48,0 –  650 18,0 5,5 1150 50,0 –  700 27,0 – 1200 61,0 – 1250 69,0 – 1000 38,5–42,0 12,0 1300 73,0 – 1050 46,0 – 1340 73,5–77,0 35,5

[23] Der Bevölkerungsrückgang begünstigte einen allgemeinen wirtschaftlichen Schrumpfungsprozeß, den Rückgang von Handel, Gewerbe und Geldumlauf. Dabei wurde der Zustand einer autarken Naturalwirtschaft aber nie erreicht, der Austausch von Wirtschaftsgütern hat keineswegs vollständig aufgehört.

Im dominierenden agrarischen Bereich – bis zu 90 % der mittelalterlichen Bevölkerung lebten auf dem Land bei natürlich beträchtlichen zeitlichen und regionalen Abweichungen – begann im 6. Jahrhundert offenbar eine Anpassung der Anbaumethoden an Klima- und Bodenbeschaffenheit des nordalpinen Raumes, erkennbar am Einsatz des hier besser geeigneten Räderpflugs mit eiserner Pflugschar und am langsamen Übergang zur Dreifelderwirtschaft. Die Ertragslage, besonders im Getreideanbau, blieb aber unbefriedigend. Man rechnet mit einem durchschnittlichen Saat-Ernte-Verhältnis von 1:2, das nur örtlich auf 1:12 ansteigen konnte. Diese bis in das Zeitalter der Industrialisierung nicht grundsätzlich behobene Strukturschwäche (im Spätmittelalter stiegen die Ernteerträge möglicherweise im Durchschnitt auf 1:5) war die Hauptursache für die Krisenanfälligkeit der vormodernen Ernährungswirtschaft.

Dennoch haben die bescheidenen, vielleicht auch durch ein frühmittelalterliches Klimaoptimum begünstigten agrarischen Produktivitätsfortschritte ausgereicht, um die wieder zunehmende Bevölkerung Europas zu ernähren. Um darüber hinaus Überschüsse zu erzielen, die einem im Hochmittelalter wachsenden Teil der Bevölkerung den Übergang in nichtagrarische Erwerbstätigkeiten möglich machten, mußte der Getreideanbau in Mitteleuropa allerdings auch flächenmäßig ausgedehnt werden. Das führte zu einer frühmittelalterlichen Rodungstätigkeit, deren erste Ansätze im 7. Jahrhundert zu beobachten sind und die mit dem karolingischen Landesausbau (8. und beginnendes 9. Jahrhundert) deutlich zugenommen hat.

[24] Vom fränkischen Kernland zwischen Rhein und Loire ausgehend, wurde im 7. und 8. Jahrhundert die fränkische Grundherrschaft mit ihrem Fronhofsystem zur vorherrschenden Organisationsform. Die zur Bewirtschaftung des Herrenlandes (Meierhof) unentbehrliche Fronarbeit der Hörigen des Hofverbandes steht in engem Zusammenhang mit einer charakteristischen Gesellschaftsentwicklung der Karolingerzeit: Abhängigkeitsverhältnisse und persönliche Bindungen nahmen zu, alle gesetzgeberischen Maßnahmen gegen diese Ausbreitung der Unfreiheit erwiesen sich als wirkungslos, sofern sie überhaupt ernst gemeint waren. Die sich ausbildende spezifisch mittelalterliche Form der Abhängigkeit, die Hörigkeit, bedeutete für die ehemals Freien einen Statusverlust, für die zunächst in sklavenähnlicher Stellung auf den Fronhöfen arbeitenden servi und mancipia dagegen den Aufstieg zum Stand der Halbfreiheit.

Die Masse der Landbevölkerung, zunehmend Unfreie, wurde von der zahlenmäßig kleinen adligen Oberschicht dominiert. Zum fränkischen »Reichsadel«, seit dem 6. Jahrhundert formiert, stießen im 7. und 8. Jahrhundert Gefolgsleute der Karolinger, die besonders über den Kriegsdienst zu Pferd die Möglichkeit zum Aufstieg fanden. Aus dieser Schicht des fränkischen Reichsadels sonderte sich im Übergang zwischen frühem und hohem Mittelalter dann eine engere Elite, aus der die späteren deutschen und französischen Fürstenhäuser hervorgingen.

Die handwerkliche Gütererzeugung hat im frühen Mittelalter besonders im Rahmen von Grundherrschaft und Klosterwirtschaft weitergelebt. Zeugnisse dafür sind, neben archäologischen Befunden, z. B. das Capitulare de villis (um 800, mit Vorschriften zur Verwaltung der Königshöfe) und der Sankt Galler Klosterplan. Doch gab es daneben sehr früh bereits eine eindeutig marktorientierte Gewerbeproduktion: Schmuck-, Glas- und Keramikherstellung sind für den Rhein-Mosel-Raum schon seit dem [25] 6. Jahrhundert nachweisbar, häufig wohl in Kontinuität zur Spätantike; gut belegt, unter anderem durch frühe Ausfuhrverbote, ist die karolingische Waffenproduktion (Schwerter); in der Textilerzeugung werden mit den vieldiskutierten pallia frisonica (Tuche aus Friesland bzw. England) schon landschaftliche Spezialisierungen greifbar.

Ein deutlicher Rückgang des Handelsvolumens im frühen Mittelalter ist, besonders im Mittelmeerraum, unbestreitbar. Es werden aber auch Neuansätze sichtbar: Im Norden des Frankenreichs begann Mitte des 6. Jahrhunderts der Güteraustausch mit England und Skandinavien, seit dem 7. Jahrhundert entstanden neue Seehandelsplätze, von denen Quentowik am Fluß Canche (668) am frühesten schriftlich belegt ist. Neben Juden wurden Friesen, Skandinavier und Franken zu den Trägern des Fernhandels mit Luxuswaren, zu denen auch Sklaven zählten. Mit einer allgemeinen Belebung der Wirtschaftsbeziehungen ist ab dem 8. Jahrhundert zu rechnen, allerdings wurden durch den Verfall der Römerstraßen (seit dem 5. Jahrhundert) besonders Transaktionen über Land durch eine schlechte Infrastruktur behindert.

Dem zunächst reduzierten, aber entwicklungsfähigen Weiterleben von Handel und Gewerbe entsprach der Zustand des Geldwesens. Das allmähliche Verschwinden der Großmünzen aus Gold und der kleinen Werte aus Bronze ist ebenso Krisenzeichen wie der Verlust der Einheitlichkeit im Münzwesen: im fränkischen Merowingerreich gab es rund 800 Prägestätten! Aber der Übergang zur reinen Silberwährung im Karolingerreich am Ende des 8. Jahrhunderts war maßgeblich für die Entwicklung des europäischen Geldwesens bis zur Wiederaufnahme der Goldprägung um die Mitte des 13. Jahrhunderts.

Auch für die Weiterexistenz eines Städtewesens gelten die Jahrhunderte des Frühmittelalters nicht mehr ausschließlich als eine dunkle Zeit. Die antiken Städte an Rhein und Donau konnten ihre alten zentralörtlichen [26] Funktionen sicher nur sehr partiell behaupten, sofern sie sich überhaupt als Inseln in einer rustikalen Umwelt (E. Ennen) halten konnten. Aber neben den weiterbestehenden Bischofssitzen (wie Mainz, Trier, Köln) signalisieren doch die schon erwähnten Seehandelsplätze (neben Quentowik beispielsweise Dorestad in der Verzweigung von Rhein und Lek sowie Haithabu am Südufer der Schlei) neue, vorstädtische Entwicklungsansätze. Und bereits im 9. Jahrhundert wird im Maas-Schelde-Raum der Beginn der hochmittelalterlichen Wiederbelebung des Städtewesens erkennbar.

Die vielfältigen wirtschaftlichen Entwicklungsansätze und der demographische Aufschwung wurden in Mitteleuropa durch die Teilung des Karolingerreiches und durch die zunehmenden Außenbedrohungen im 9. und beginnenden 10. Jahrhundert (Normannen, Sarazenen, Ungarn) nach übereinstimmender Ansicht der neueren Forschung zwar behindert und verlangsamt, aber nicht tiefergreifend unterbrochen. Das Abflauen der Außenbedrohungen ermöglichte in Mitteleuropa seit der Mitte des 10. Jahrhunderts einen neuen Wachstumsschub, der sich zur hochmittelalterlichen Expansionsphase steigerte.

Grundzüge der politischen Entwicklung

Verglichen mit allen anderen germanischen Völkerschaften erzielten die Franken bei ihrer von Nordgallien ausgehenden Reichsbildung überragende Erfolge. Der Aufstieg begann im wesentlichen mit dem Frankenkönig Chlodwig (481–511), dessen Sieg (486) über Syagrius, den letzten römischen Statthalter in Gallien, in der neueren Forschung mit Recht als »Machtübernahme«, nicht als Eroberung bezeichnet wird. Chlodwigs Herrschaft war nicht Fremdherrschaft, sondern beruhte auf der [27] »Interessengemeinschaft zwischen den Gallo-Römern im Norden und den Franken« (K. F. Werner). Sein Übertritt zum katholischen Glauben (Taufe 498?) ermöglichte die Kooperation und schließlich die Verschmelzung von gallo-römischer und fränkischer Oberschicht. Das war, im Gegensatz zu anderen germanischen Staatswesen, ein herrschaftsstabilisierender Faktor und eine wesentliche Voraussetzung für das spätere Zusammengehen von Reich und Kirche.

Chlodwigs Söhne erweiterten ihr Erbe durch beträchtliche Eroberungen im Osten (Thüringen) und Süden (Burgund). Unter Chlothar I. gelang sogar zwischen 558 und 561 noch einmal die Zusammenfassung des merowingischen Gesamtreichs unter einheitlicher Königsherrschaft, doch der Grundsatz der Erbteilung erwies sich als stärker. Es mag durchaus sein, daß die nachfolgenden dynastischen Konflikte der Merowinger und besonders deren häßliche Begleiterscheinungen um des Effektes willen oft übertrieben negativ dargestellt werden; aber es bleibt unbestreitbar, daß sich im Verlauf der Auseinandersetzungen mit Austrien, Neustrien und Burgund drei rivalisierende Teilreiche ausbildeten, in denen die tatsächliche Macht im 7. Jahrhundert zunehmend vom König auf den Hausmeier (maior domus) überging. Ein erster Versuch der Arnulfinger-Pippiniden (der Vorfahren der Karolinger) zur förmlichen Ablösung der alten Dynastie in Austrien scheiterte mit dem »Staatsstreich« des Hausmeiers Grimoald (656) nicht zuletzt am Problem der fehlenden Legitimität. Dagegen gelang es Pippin dem Mittleren (679–714), die Erblichkeit des Hausmeieramts für seine Familie durchzusetzen – ein wichtiger Schritt zur schließlich doch erreichten Rangerhöhung der Dynastie auf Kosten der Merowinger. Karl Martell (714–741), Pippins Sohn aus einer Nebenehe, konnte sich ab 716 gegen hinhaltenden Widerstand als Hausmeier des Gesamtreiches durchsetzen. Er praktizierte die Vergabe von Land (meist aus Kirchenbesitz) an Gefolgsleute als Lohn für Kriegsdienst zu Pferd. Das war [28] längerfristig die Voraussetzung für das mittelalterliche Lehnswesen und ermöglichte ihm unmittelbar den Sieg über die Araber in der Schlacht von Poitiers (732). Karl Martell hat damals wohl kaum, wie eingängig, aber vereinfachend oft behauptet, das Abendland gerettet; aber er hat unter anderem mit diesem Sieg seinem Haus ein Prestige verschafft, das es zu einer Macht europäischen Ranges aufsteigen ließ.

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[30] Der letzte Schritt vom privilegierten Hausmeier zur neuen Königsdynastie gelang Karl Martells Sohn Pippin dem Jüngeren (741–768): Er wurde 751 zum neuen Frankenherrscher gewählt und erstmals feierlich gesalbt. Voraussetzung dafür war das von Abt Fulrad von Saint-Denis, seinem maßgeblichen Berater, konzipierte Zusammengehen mit der römischen Kirche. Papst Zacharias gab den berühmten und legitimierenden Bescheid, es sei besser, den auch als König zu bezeichnen, der tatsächlich die Macht habe … Drei Jahre später, als Papst Stephan II. das Frankenreich besuchte, wurde das Zusammengehen bekräftigt und vertieft: Der Papst salbte den neuen König und dessen Familie, im Gegenzug erhielt er Schutzversprechen gegen die Langobarden in Italien und territoriale Zusagen unklaren Umfangs. Diese Abmachungen bedeuteten weit mehr als eine Bestätigung des Dynastiewechsels von den Merowingern zu den Karolingern, sie schufen die Voraussetzung für die enge Zuordnung von Reich und römischer Kirche im Hohen Mittelalter.

Auf den vom Vater gelegten sicheren Fundamenten weiterbauend, gelang Karl dem Großen (768–814), seit dem Tod des Bruders Karlmann im Jahr 771 unbestrittener Alleinherrscher, die Intensivierung der Königsherrschaft nach innen und gleichzeitig die Ausweitung des Reiches an fast allen Grenzen. In seiner größten Ausdehnung erstreckte es sich von der Elbe im Osten (nach Abschluß der langwierigen Sachsenkriege) bis zum Atlantik im Westen, von der Nordseeküste bis über die Pyrenäen [31] und tief in die italienische Halbinsel im Süden. Das unter Pippin eingeleitete Zusammengehen mit der Papstkirche wurde noch verstärkt, als Karl – eine Bestätigung seiner überragenden Stellung in der westlichen Christenheit – am Weihnachtstag des Jahres 800 die Kaiserkrone aus den Händen des Papstes empfing. Als Folge wurden die Spannungen mit dem byzantinischen Kaisertum im Osten ebenfalls zu einer Konstante der mittelalterlichen Geschichte.

Karls des Großen politische Erfolge und sein Charisma als Herrscher waren geeignet, die Probleme des riesigen Reiches zu verdecken, die unter seinem Sohn und Nachfolger Ludwig dem Frommen (813/814–840) rasch deutlich wurden, voran das Dilemma zwischen Geblütsrecht (Beteiligung aller Erbberechtigten an der Macht) und Bewahrung der Reichseinheit. Es zeigte sich auch, daß die fehlenden Infrastrukturen zur Aufrechterhaltung einer zentralen Herrschaft über das Großreich nur unvollständig durch lehnsrechtliche Bindungen zu ersetzen waren. Geschwächt wurde die Stellung des Herrschers überdies durch den zunehmenden Einfluß der Kirche, der zu einer Art Mitregierung der Bischöfe führte (Ludwigs des Frommen von seinen Söhnen erzwungene Kirchenbuße 833). Zu diesen Schwierigkeiten im Inneren kam die wachsende Außenbedrohung. Seit der Mitte des 9. Jahrhunderts nahmen die Einfälle der Normannen und der Sarazenen an Häufigkeit und Intensität in dramatischer Weise zu, selbst das Binnenland war nicht mehr sicher. Die Unfähigkeit der Zentralgewalt zu wirksamem Schutz schwächte deren Ansehen und begünstigte den Aufstieg regionaler Gewalten. Der mit dem Teilungsvertrag von Verdun (843) eingeschlagene Weg hin zur Auflösung der Reichseinheit erwies sich am Ende des 9. Jahrhunderts als irreversibel.

[32] Das Hohe Mittelalter (10.–13. Jahrhundert)

Die Rahmenbedingungen

Das Gebiet des entstehenden fränkisch-deutschen Reiches nördlich der Alpen war insgesamt dünner besiedelt und wirtschaftlich weniger entwickelt als die westliche Hälfte des Karolingerreiches, als das künftige Frankreich. Doch setzte auch hier gegen die Mitte des 10. Jahrhunderts ein erneutes Wachstum ein, das sich gegen Ende des Jahrhunderts verstärkte und zur hochmittelalterlichen Expansionsphase überleitete, deren Ende unterschiedlich in das ausgehende 13. bzw. in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert wird. Kennzeichnend für diese rund 250 Jahre sind vielfältige wirtschaftliche Fortschritte, aber auch zunehmende Spannungen innerhalb eines sich differenzierenden und komplizierenden Gesellschaftsgefüges. Das anhaltende Bevölkerungswachstum (s. Tabelle S. 22), dessen Maximum wohl im 12. Jahrhundert lag, ermöglichte nicht nur die umfangreiche Ostsiedlungsbewegung und den Wiederaufstieg des Städtewesens: Unter dem stetigen Bevölkerungsdruck wurde in vielen Teilen (Mittel-)Europas eine Siedlungsdichte und eine Ausdehnung des Kulturlandes erreicht, die, wenn überhaupt, vielfach erst in der Neuzeit übertroffen werden konnte. Parallel zu diesen Ausdehnungs- und Verdichtungsprozessen mehren sich aber die Indizien für eine relative Übervölkerung, wobei die sich häufenden Versorgungskrisen und Hungersnöte an erster Stelle zu nennen sind.

Für Teile der bäuerlichen Bevölkerung ergaben sich aus der hochmittelalterlichen Entwicklung Chancen zur Verbesserung der rechtlichen und materiellen Lage. Ein höheres Maß an persönlicher Freiheit versprach die Teilnahme an Rodungsunternehmen, an der Ostsiedlungsbewegung oder die Abwanderung in die Stadt, und die verbreitete Auflösung der Fronhofsysteme ermöglichte die [33] Umwandlung körperlicher Leistungsverpflichtungen (bis über drei Tage Fronarbeit pro Woche) in feste Geldzahlungen, die allerdings nachfolgend durch den kontinuierlichen Wertverlust der Silberwährung an Gewicht verloren. Man sollte trotzdem die wirtschaftliche Lage der bäuerlichen Bevölkerung, besonders in den Getreidezonen, nicht zu optimistisch sehen. Zwar setzten sich die bereits im frühen Mittelalter bekannten Verbesserungen (eiserner Räderpflug, Dreifelderwirtschaft) weitgehend durch, und der vermehrte Einsatz von Wind- und Wassermühlen konnte von schwerer Arbeit entlasten, aber nach wie vor wurde die Wirtschaftsbilanz der Höfe von den trotz einer gewissen Steigerung niedrigen Ernteerträgen (5:1 im Verhältnis zur Aussaat als Durchschnitt?) bestimmt. Wohl wegen des ungelösten Düngerproblems blieb die Getreideerzeugung auf Dauer hinter dem Bevölkerungswachstum zurück, die Flächenausdehnung (»Vergetreidung«) bis in ungünstige Lagen konnte ebenfalls keine Problemlösung bringen. Verstärkt wohl auch durch eine ungünstige Klimaentwicklung, kulminierten die ertragsbedingten Mangelerscheinungen des späten 13. Jahrhunderts in den schweren Hungerkrisen der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

Deutliche Strukturveränderungen im landwirtschaftlichen Bereich wurden durch die sich wandelnde Nachfragesituation bewirkt: Die Bevölkerungskonzentration in den Städten förderte die Marktorientierung der Landwirtschaft und den Handel mit Agrarerzeugnissen. So ließ der Bedarf an tierischen Produkten Zonen intensiver Grünlandnutzung entstehen: von der Nordseeküste (Marschen) über die Mittelgebirge bis zu den Alpen und deren Vorland, wo im 12. und 13. Jahrhundert zahlreiche Viehhöfe (Schwaigen) gegründet wurden. In den klimatisch geeigneten Landschaften – und teilweise darüber hinaus – wuchsen die Rebflächen, die jetzt auf steilere Hanglagen ausgedehnt wurden. In den ganz Europa umspannenden Weinhandel wurden Landschaften des Reiches [34] einbezogen, voran das Elsaß und der Rheingau. Der Bedarf des Textil- und Färbereigewerbes stimulierte auch den Anbau von Flachs (z. B. in Oberschwaben) und von Farbpflanzen (z. B. Waid in der Oberrheinebene). Dieser marktorientierte Trend zur Ausbildung regionaler Sonderkulturen verstärkte sich noch im Spätmittelalter.

Insgesamt wurden die wirtschaftlichen Veränderungen und Fortschritte des Hohen Mittelalters entscheidend von den Städten geprägt. Der im Maas-Schelde-Raum seit dem 9. Jahrhundert erkennbare Aufstieg des mitteleuropäischen Städtewesens erreichte westlich und östlich des Rheins seinen Höhepunkt im 12. bzw. 13. Jahrhundert. Bei den zahlreichen Neugründungen und Stadterhebungen dieses Zeitraums spielten neben machtpolitischen Zielsetzungen auch wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle. Am Ende des Mittelalters zählte das Reich rund 4000 Städte, von denen die allermeisten vor 1350 entstanden sind. Köln stand mit wohl 35 000 bis 40 000 Einwohnern zu Beginn des 14. Jahrhunderts an der Spitze, aber die Masse der Städte kam auf weniger als 2000 Köpfe.

Neben den oberitalienischen Kommunen waren die Städte nördlich der Alpen besonders erfolgreich um politische Selbständigkeit bemüht. Seit dem späten 11. Jahrhundert entwickelte sich das eigene Stadtrecht. Unter Führung der Oberschicht (dem meist aus Stadtadel und Fernhändlern gebildeten Meliorat) gelang es besonders bischöflichen und königlichen Städten, de facto weitgehende Unabhängigkeit vom Stadtherrn zu erringen. Die damit verbundenen teilweise harten Auseinandersetzungen wurden im wesentlichen im 13. Jahrhundert abgeschlossen. Innerhalb der Bürgerschaft wurden gleichzeitig die rechtlichen Unterschiede zwischen Freien und Unfreien (Ministeriale, Zensuale, Hörige) eingeebnet, während soziale Differenzierungen akzentuiert wurden. Reichtum bildete das entscheidende Schichtmerkmal und bestimmte zugleich den unterschiedlichen Anteil der Stadtbewohner an den politischen [35] Entscheidungen. Die Orientierung am wirtschaftlichen Erfolg erleichterte bis zu einem gewissen Grad die soziale Mobilität, aber die Beteiligung der Aufsteiger am Stadtregiment gelang nicht ohne innere Konflikte, Verfassungskämpfe häuften sich ab dem Beginn des 14. Jahrhunderts. Sie führten in vielen Fällen dazu, daß der in Zünften organisierte Teil der Bürgerschaft Zugang zum Rat erhielt.

Während die kleinen Ackerbürger-Städte agrarisch geprägt blieben, dominierten in den überregionalen Wirtschaftszentren (wie z. B. Lübeck, Köln, Augsburg, Nürnberg) Handel und spezialisiertes Handwerk. Wichtigster revierbildender Gewerbezweig war zuerst das Textilgewerbe, danach die Metallverarbeitung. Die Konzentration auf die Städte erleichterte das Eindringen kaufmännischen Kapitals; seit dem 12. Jahrhundert wird das Verlagssystem nachweisbar. Die schon im 11. Jahrhundert beginnende Verlagerung der handwerklich-gewerblichen Produktion in die Städte war gewollt, die Diskriminierung des Landhandwerks und die wirtschaftliche Beherrschung des Umlandes gehörten zur Zielsetzung aller Städte.

Die von Bevölkerungswachstum und Entfaltung des Städtewesens getragene Nachfrage nach gewerblichen Produkten ermöglichte trotz infrastruktureller und fiskalischer Hemmnisse vom 11. bis 13. Jahrhundert einen Handelsaufschwung, der als »kommerzielle Revolution« bezeichnet wird. Dazu gehören neue, meist von Italien ausgehende Organisationsformen (Handelsgesellschaften), neue Handelstechniken (Buchführung, seit dem 13. Jahrhundert auch nördlich der Alpen nachweisbar) und neue Handelswege wie die Gotthardstraße oder der direkte Seeweg von Italien nach Brügge. Die Ausweitung des Handels gelang, obwohl die religiös-moralisch bestimmten offiziellen Wirtschaftsnormen dem entgegenstanden. Aber Zins- und Wucherverbote wurden erfolgreich umgangen, im Hohen Mittelalter konnten sogar neue Formen des Geldverkehrs entwickelt werden. So verbreitete sich ungefähr bis 1300 der [36] Wechselbrief auch im Europa nördlich der Alpen, dessen Rückstand gegenüber Italien wohl geringer war, als bisher von der Forschung angenommen. Schon zeitgenössisch wurden Schattenseiten des hochmittelalterlichen Wirtschaftswachstums beklagt, die nicht nur ethisch-moralischer Art (Geldgier, Wucher) waren: die Bautätigkeit, die Salzgewinnung von Lüneburg bis Reichenhall, der bis ins 13. Jahrhundert expandierende Bergbau und die Erzverhüttung ließen den Holzverbrauch derartig ansteigen, daß Waldzerstörung und Holzmangel kritisch beobachtet, zugleich erste Versuche zur Abhilfe unternommen wurden.

Andere Aufstiegsmöglichkeiten als durch Handel und Reichtumserwerb bestanden in der vergleichsweise noch offenen hochmittelalterlichen Gesellschaft in der Adelswelt außerhalb der Städte. Der Dienst für Könige und Fürsten ermöglichte besonders den Ministerialen (ursprünglich unfreien Dienstleuten), Anschluß an den niederen Adel zu gewinnen. Behilflich war die Orientierung am hochmittelalterlichen Ritterideal, das hinsichtlich Bewußtsein und Lebensstil die erforderlichen Unterscheidungsmerkmale gegenüber der nichtadligen Bevölkerungsmehrheit liefern konnte.

Zu den unerfreulichsten Entwicklungen in der Gesellschaft des Hohen Mittelalters zählt die in bisher unbekannter Schärfe auftretende, oft nur vordergründig religiös motivierte Intoleranz gegen Minderheiten. Neben »Ketzern« waren davon in erster Linie die Juden betroffen, deren Rechtsstellung und materielle Lage seit den schweren Kreuzzugspogromen Ende des 11. Jahrhunderts in einem stetigen Wechsel von Verfolgung und fiskalisch bedingter Duldung immer weiter verschlechtert wurde. Noch bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts konnten sich aber jüdische Kreditgeber großen Stils behaupten, im Dienst von Territorialherren – beispielsweise des Erzbischofs von Trier – oder in Städten wie Straßburg, Augsburg und Nürnberg.

[37] Von den karolingischen Reichsteilungen zur Herrschaft der Ottonen