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Inhaltsverzeichnis
 
 
 
 
 

Für Lukas und Jascha

Einleitung
Das Folgende liest sich wie eine vertraute Geschichte: Als sich Hans H. im Frühjahr 1949 anschickte, aus seinem bisherigen Leben zu erzählen, lagen bereits Monate einer aufreibenden inneren Unruhe hinter ihm.1 Genau genommen dauerte diese sogar schon mehrere Jahre an. In den letzten Tagen aber hatte sich alles zugespitzt. Mehrere Nächte hatte er nicht mehr geschlafen. Achtunddreißig Jahre war er alt, und sein Leben schien zerrüttet.
Dabei war er einst sehr erfolgreich gewesen, ein ehrgeiziger junger Mann – das hatte sich bereits in der Schule abgezeichnet, auch wenn er sie seinerzeit vor der Oberprima verlassen hatte. Der Dienst bei der Polizei war verlockender für ihn gewesen. Tatsächlich entwickelte sich daraus eine Karriere. Hans H. hatte diese in ihren einzelnen Stationen knapp in einem handschriftlichen Lebenslauf skizziert. Sein Rückblick war schnörkellos, fast nüchtern. Die Beförderung zum Polizeiwachtmeister datierte auf das Jahr 1932. Nach Auflösung der Landespolizei und der Wiedereinführung der Allgemeinen Wehrpflicht 1935 sei er dann als Unteroffizier in die Luftwaffe übernommen worden. Von einer weiteren Beförderung zum Feldwebel im darauffolgenden Jahr berichtete er ebenfalls nur kurz. Es handelte sich offenbar eher um einen untergeordneten Punkt in seinem Leben, denn Hans H. hatte neue und andere Herausforderungen gesucht – und ergriffen.
Der Spanische Bürgerkrieg bot ihm eine erste Gelegenheit: Sofort hatte er sich damals freiwillig gemeldet. Er war der Legion Condor beigetreten, mehr als zwei Jahre hatte er dort gekämpft. Auch zehn Jahre später noch zeigte Hans H. sich erkennbar stolz darüber, dass er im Stab des Generals von Richthofen hatte tätig sein können. Doch der eigentliche Karrieresprung erfolgte nach der Rückkehr. Man habe ihm »durch die inzwischen erfolgte Aufstellung neuer Polizeitruppenverbände die Möglichkeit geboten, unter günstigen Beförderungsaussichten Polizeioffizier zu werden«, erläuterte er, und tatsächlich hatte Hans H. die ihm gebotene Gelegenheit ergriffen. (Nur nebenbei erwähnte er, dass er selber bei seiner Rückkehr aus Spanien überzeugt gewesen war, »dass die Polizei wichtiger sei u[nd] die Wehrmacht eine Gefahr für das Volk darstelle«.) Im November 1939 jedenfalls bat er um seine Entlassung aus der Wehrmacht, um von der Schutzpolizei übernommen zu werden. Sein Einsatz sollte nicht umsonst sein: Bereits acht Monate später konnte Hans H. nicht nur seine Beförderung zum Leutnant der Schutzpolizei feiern; auch sein gutes Prüfungsergebnis zahlte sich aus. Mittlerweile im Rang eines SS-Untersturmführers und in das SS-Führerkorps aufgerückt, wurde Hans H. »sofort vom Lehrkörper« übernommen, wo er als Lehr- und Ausbildungsoffizier an verschiedenen Polizeioffiziersschulen seinen Dienst tat. Im Januar 1942 schien ihn dies jedoch nicht länger zufriedenzustellen. Was Hans H. reizte, war der Krieg, genau genommen der direkte Einsatz an der Front, zu dem er sich freiwillig meldete. Als Zugführer in einem Polizei-Reservebataillon ging es nach Südrussland.
Was Hans H. über die nachfolgenden Jahre bis zum Kriegsende berichtete, war immer noch nicht viel. Vor allem rekapitulierte er Ehrungen: seine Ernennung zum Oberleutnant der Schutzpolizei und Kompaniechef in einem Polizeiregiment im Februar 1942 und die fast zeitgleich erfolgte Beförderung zum SS-Obersturmführer; dazu die Vielzahl an Kriegsauszeichnungen. So macht alles einen geordneten Eindruck, nur die Bemerkung, dass er viel Alkohol im Krieg getrunken habe, fügt sich nicht so recht ein. Darüber aber ließ sich Hans H. nicht genauer aus. Wie er überhaupt – jedenfalls den Krieg selbst betreffend – offenbar nur von einem Erlebnis ausführlicher erzählte: von seiner Granatsplitterverletzung. Hans H. erwischte es im Januar 1944. Es war das einzige von ihm erwähnte Ereignis, das die zerstörerische Kraft des Krieges zum Ausdruck brachte. Seinem aktiven Einsatz in diesem Vernichtungskrieg hatte sie damals ein jähes Ende gesetzt. Hans H. war in ein Lazarett gebracht worden, das er erst nach Monaten wieder verlassen konnte. Auch vier Jahre nach Kriegsende waren ihm die eigenen Schmerzen, die kaum zu ertragen gewesen seien, äußerst präsent. In seiner Erzählung nahmen sie vergleichsweise viel Raum ein. Oftmals habe er wegen der Schmerzen sogar »Tobsuchtsanfälle« bekommen, berichtete er; das viele Morphium habe ihm nur vorübergehend Erleichterung verschafft. Mehrmals habe er damals sogar »Selbstmordgedanken« gehabt. In der Tat war die Verletzung am linken Bein erheblich. Nach zwei Monaten sahen die Ärzte keinen anderen Ausweg mehr: Sie mussten das Bein amputieren.
Seitdem trug Hans H. eine Prothese. Doch er klagte nicht darüber; jedenfalls tat er es nicht laut. In seinem Lebenslauf verwies er stattdessen darauf, dass sein beruflicher Status und seine soziale Lage auch nach der Verletzung ungebrochen gewesen seien. Immerhin, seine Frau wurde im Spätsommer 1944 zum ersten Mal schwanger, und beruflich ging es weiter aufwärts: Im Dezember 1944 wurde ihm der Rang eines SS-Hauptsturmführers zugesprochen. »Wegen besonderer Bewährung vorm Feinde«, wie es damals hieß, erfolgte obendrein die Beförderung zum Hauptmann der Schutzpolizei, mit der dann auch seine Versetzung zum Kommando der Schutzpolizei Dresden verbunden war. Es war ein verantwortungsvoller Posten, den man ihm übertragen hatte. Allein: Die Zeit, die Hans H. dort noch tätig sein konnte, war begrenzt. Nur einige Monate später kapitulierte das Deutsche Reich. Schon Wochen zuvor hatte sich Hans H. von neuem in einem Lazarett wiedergefunden, dieses Mal in Bayern. Man hatte ihn rechtzeitig dorthin abgeordnet, wie er erläuterte, »um der Gefangennahme durch sowjetische Truppen und damit dem sicheren Tode zu entgehen«.
Hans H. hatte also Glück gehabt, die amerikanischen Besatzungsbehörden nahmen ihn nicht einmal gefangen; sie genehmigten sogar seine Entlassung in die britische Besatzungszone, in die er sich »ungehindert« begab. Und dennoch: Hans H. machte seither, so verrieten seine Schilderungen, schwierige Zeiten durch. Er war bedrückt, auch unruhig. Gegenüber seinem Arzt, den er vier Jahre nach dem Ende des Krieges aufsuchte, formulierte er es folgendermaßen: Er befinde sich in einer »krankhaften Anspannung«, ja, er fühle sich »für die gesamte deutsche Misere verantwortlich«. Hans H. quälte zudem der Gedanke, dass »man sich wieder durch Passivität schuldig« mache. Er selber habe »als SS-Mann geschwiegen«, nun aber »wolle er nicht mehr schweigen«, ja, er fügte hinzu, keiner solle »mehr weinen«, »alle sollten lachen und glücklich sein«.
Folgt man den Erzählungen von Hans H., war er im Frühjahr 1949 fest davon überzeugt, zu Freude schon lange keinen Anlass mehr gehabt zu haben. Auch er hatte zu leiden, genau genommen seit er in die britische Besatzungszone gereist war. Prompt hatte man ihn damals doch noch festgenommen und in ein Internierungslager für NS-Führungskräfte und mögliche Kriegsverbrecher gebracht. Fünf Monate blieb er dort inhaftiert und wurde angeblich während »zahlreiche[r] nächtliche[r] Verhöre« auch »sehr gequält«. Schließlich aber sei er als »Amputierter entlassen worden«, allerdings »mit dem Vermerk, dass er sich in keiner Weise betätigen dürfe«, da er andernfalls »wegen seiner Tätigkeit als SS-Mann in Russland« den »Russen« ausgeliefert würde. So war Hans H. zwar frei, doch Fuß fassen konnte er nicht. Es ging ihm schlecht. Beruflich hatte er zu kämpfen, in der Ehe, im Entnazifizierungsverfahren. Gerade in seiner Ehe, die kaum sechs Jahre alt war, gab es beträchtliche Spannungen. Hans H. sprach in diesem Zusammenhang von »Hass«, der sich immer weiter vertiefte. Angeblich gebrauchte seine Frau ihm gegenüber »dauernd harte Ausdrücke, wie dass er kein Offizier mehr sei, Geld verdienen sollte etc.«. Vier Jahre versuchte er nun schon, in seinen Beruf als Polizist zurückzukehren. Überall sei er auf Ablehnung gestoßen. Was blieb, war ein Nachtwächterposten, und auch der war nur vorübergehend. Finanziell ging es somit schlecht. Bei seiner letzten Beschäftigung sei sein Monatseinkommen so gering gewesen, dass er »davon kaum den allernotwendigsten Lebensaufwand« seiner Familie habe bestreiten können. Seit einigen Wochen war er sogar wieder einmal ganz ohne Einkommen. Für Hans H. gab es erkennbar nur eine Option: Er klammerte sich daran, womöglich doch noch in den Polizeidienst wiedereingestellt zu werden. Für ihn selbst verband sich damit eine höhere Aufgabe, schließlich wolle er mithelfen, erklärte er, »eine solche Polizei aufzubauen, dass wenn die Besatzungsmächte einmal abzögen, wir gegen den Osten gewappnet seien, wo die Wehrmacht unter dem Deckmantel der Polizei wieder aufgebaut worden sei«. Hans H. stand eines dabei deutlich vor Augen: Seine Rückkehr in den Polizeidienst war vom Ausgang seines Entnazifizierungsverfahrens wesentlich mit abhängig.
Als Hans H. in die Psychiatrie kam, war sein Verfahren noch nicht abgeschlossen. Doch der ehemalige SS-Hauptsturmführer hatte gekämpft, wie er seinem Arzt nach einigen Tagen der Behandlung mitteilte: Bis zum »obersten Spruchgericht« war er gegangen, er habe sein Verfahren »durchgepaukt« und den Nachweis führen können, »dass er nicht freiwillig zur SS gegangen sei«. Kurze Zeit später stellte sich heraus, dass Hans H. damit überzeugt hatte. Der »Freispruch vom Entnazifizierungsgericht« lag ihm vor. Seine Stimmung war wie gewandelt; der Arzt sprach von einem »kolossalen Aufschwung«. »Nicht die leiseste psychische Abnormität« sei an ihm festzustellen, notierte er weiter, nachdem er von Hans H. außerdem erfahren hatte, dass ihm nicht nur eine neue Anstellung angetragen worden sei, sondern er zudem eine Aufforderung erhalten habe, »bei der Polizeibehörde ein erneutes Gesuch einzureichen«. Hans H. bewarb sich umgehend, und schon für den darauffolgenden Monat wurde ihm eine Stelle in Aussicht gestellt, die er auch antrat. Nunmehr fühlte er sich »vollkommen belastungsfähig«, aus ärztlicher Sicht ergab sich kein anderer Eindruck. Für Hans H., der auf Außenstehende jetzt wirkte, als sei er »voller Schwung und Unternehmungslust«, schienen der Krieg und seine Verbrechen keine weiteren Spuren mehr hinterlassen zu haben.
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Als der Zweite Weltkrieg in Europa im Frühjahr 1945 zu Ende ging, blickten die Menschen in diesem »zerstörten Kontinent« auf die Folgen einer Gewalt- und Vernichtungseskalation, die unter dem nationalsozialistischen Regime eine einzigartige Dimension angenommen hatte.2 Rund fünfzig Millionen Menschen hatten in diesem Krieg, der von deutscher Seite im September 1939 entfesselt worden war, den Tod gefunden, mehr als die Hälfte von ihnen waren Zivilisten.3 Allein die Sowjetunion verzeichnete über 25 Millionen Tote. In Polen belief sich die Zahl der Todesopfer auf etwa sechs Millionen, unter ihnen waren mit zirka drei Millionen Menschen mehr als die Hälfte aller ermordeten Juden in Europa. Die Deutschen hatten im Osten einen barbarischen Vernichtungskrieg geführt. Die Verbrechen, die sie vor allem dort, aber auch in anderen Teilen Europas mehrheitlich an den Juden verübten, waren in dieser Form in der Geschichte ohne jede Parallele.4
Wie die Menschen nach 1945 mit dieser massenhaften Gewalt und der Erinnerung an die begangenen Verbrechen umgingen, ist mittlerweile keineswegs mehr nur eine Frage, die allein mit Blick auf die deutsche Gesellschaft diskutiert wird.5 Wie die vergangenheitspolitischen Debatten zeigen, befinden sich die Deutschen allerdings bis heute in einer besonders prekären Situation, wenn sie auch die eigenen Opfer und die selbst durchgemachten Leiden thematisieren. In jüngster Zeit ist das wiederholt zu beobachten gewesen, wenn Deutsche ihren Blick auf den Bombenkrieg, auf die Flucht und die Vertreibung aus dem Osten, aber auch auf die deutschen Kriegsheimkehrer aus sowjetischer Gefangenschaft richteten.6 Der Argwohn ist groß – leider auch nicht durchweg unberechtigt7 -, die Deutschen betrieben mit der Thematisierung der eigenen Opferrolle eine Selbstviktimisierung, mit der die von ihrer Seite begangenen Verbrechen während des Nationalsozialismus relativiert, womöglich auch die deutsche Täterschaft in den Hintergrund gedrängt werden sollen.8 Es ist sogar argumentiert worden, die deutsche Gesellschaft laufe Gefahr, eine »Rhetorik der Viktimisierung« und eine hochgradig selektive Erinnerung an den Krieg fortzuschreiben, aus der die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen ausgeklammert würden, wie man es bereits für die Phase unmittelbar nach der totalen Niederlage im Mai 1945 und bis weit in die 1960er Jahre hinein beobachten könne.9
Tatsächlich scheint vorderhand nicht viel für die Behauptung zu sprechen, es handele sich bei dem jüngsten Sprechen über die eigenen Opfer um den Bruch eines seit Kriegsende bestehenden Tabus. In der öffentlichen Erinnerungskultur der Nachkriegszeit lassen sich bereits zahlreiche Beispiele dafür finden, in denen die Deutschen ihren eigenen Opferstatus betonten – in Ost und West je unterschiedlich ideologisch überformt und durch den Kalten Krieg geprägt.10 Auf den offiziellen Gedenkfeierlichkeiten etwa, die in der DDR seit 1950 in Erinnerung an die Bombardierung Dresdens und seiner Zivilbevölkerung ausgerichtet wurden, beklagte man die eigenen Opfer, für die man »westliche Imperialisten« verantwortlich machte.11 Umgekehrt fehlte es auf dem politischen Parkett der Bundesrepublik nicht an Äußerungen, die das Leiden der Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten, aber auch der deutschen Kriegsheimkehrer aus den sowjetischen Lagern, vor allem dem sowjetischen Terror zur Last legten.12 Auf beiden Seiten der Grenze war schließlich sogar das offizielle Zugeständnis zu hören, die meisten Deutschen – auch ihre Soldaten – seien im Grunde nur ein Opfer Hitlers und seiner »kriminellen« Elite gewesen. Sie hätte diesen zerstörerischen Krieg begonnen, den »aber jeder verloren« habe.13 In diesem Sinne formulierte die SED-Führung bereits im Jahr 1946 an die Kriegsheimkehrer das Angebot, ihre innere Verweigerungshaltung gegenüber diesem verbrecherischen Krieg durch eine Hinwendung zum neuen Regime unter Beweis zu stellen.14 Im Zuge der Bündnisbildung im Westen bauten die höchsten Vertreter der Alliierten den bundesdeutschen Heimkehrern ähnliche Brücken.15
Diese politischen Bemühungen um die Schaffung »neuer Staatsbürger« 16 lassen erkennen, welches Gedächtnis an den nationalsozialistischen Krieg und seine Massenmorde seinerzeit für politisch nützlich und gesellschaftlich notwendig erachtet wurde. Doch der Blick auf die Frage, in welchem Maße persönliche Leiden als eine Folge dieses zerstörerischen Krieges überhaupt öffentlich wahrgenommen und anerkannt wurden, ist dadurch weitgehend verstellt. Offen bleibt auch, auf welche Weise die Gräuel dieses Krieges und seiner Verbrechen in der ganz persönlichen Erinnerung und privaten Imagination der deutschen Nachkriegszeit präsent waren. In der äußerlich fassbaren Geschichte der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft und der frühen Bundesrepublik fällt sogar eine fast reflexhafte »Normalisierung« der Lebensverhältnisse auf. Schon bei manchen Zeitgenossen, aber auch bei vielen Historikern, hinterließ diese Beobachtung über lange Zeit den Eindruck, als sei diese Gesellschaft kaum nachhaltig durch den Krieg erschüttert, als seien die von deutscher Seite verübten Gewalttaten und Verbrechen aus der individuellen Erinnerung getilgt worden. Das prompte Verlangen nach Unterhaltung und Vergnügen etwa schien dafür ebenso zu sprechen wie die rasante Geschwindigkeit, mit der diese Gesellschaft den Wiederaufbau ihres Landes und die eigene Wohlstandssteigerung vorantrieb.17 Weitet man den Blick auf andere europäische Länder, fällt allerdings ins Auge, dass es sich dabei nicht allein um ein deutsches, sondern um ein gemeineuropäisches Phänomen handelte. Auch in Großbritannien, Frankreich und Italien waren die Trümmer noch nicht beseitigt, als die Menschen in Scharen die Kinos aufsuchten. Von einer regelrechten »Welle der Hoffnung und Aufbaubegeisterung« angetrieben, wurden insbesondere im westlichen Europa die materiellen Schäden in einem derart schnellen Tempo beseitigt, dass es nach wie vor in Staunen versetzen kann.18 Dennoch: Trotz dieser allseits beobachtbaren Bemühungen, sich wieder in einen »normalen« Alltag einzufinden, geht die Geschichtswissenschaft in jüngster Zeit vermehrt davon aus, dass die extreme Gewalt des Krieges und das Grauen des Nationalsozialismus in all diesen Gesellschaften, die in den Krieg verwickelt gewesen waren, fortdauernde immaterielle Trümmer hinterließen, die den Wiederaufbau überdauerten.19
Diese Annahme bildet den Ausgangspunkt des vorliegenden Buches mit seinem Fokus auf die in die westdeutsche Gesellschaft zurückkehrenden Wehrmachtssoldaten. Sie hatten den Krieg keineswegs einheitlich erfahren, auch die Dauer und die Härte ihrer Kriegsgefangenschaft waren ausgesprochen unterschiedlich.20 Während sich zum Jahreswechsel 1944/1945 die Zahl der Kriegsgefangenen noch auf zwei Millionen belief, schnellte sie mit der Kapitulation auf etwa elf Millionen hinauf. Mehr als zwei Drittel von ihnen befanden sich im Gewahrsam der Westmächte, der andere Teil im Osten, überwiegend bei den Sowjets. Bis zu Beginn des Jahres 1947 waren die deutschen Kriegsgefangenen von den Alliierten jedoch bereits mehrheitlich wieder entlassen worden. Die etwa zwei Millionen deutschen Soldaten, die weiterhin in den Gefangenenlagern verblieben waren, kehrten nahezu vollständig bis zum Jahresende 1949 wieder in das zivile Leben zurück. Nur die Sowjetunion hielt noch etwa dreißigtausend Gefangene fest. Erst 1956 wurden die letzten von ihnen nach Deutschland entlassen.21
Wie das vorliegende Buch zeigen wird, war das »normale« Leben von unzähligen dieser Kriegsheimkehrer prekärer, als der gängige Eindruck über die deutsche Nachkriegsgesellschaft vermuten lassen würde.22 Nach der Verdichtung und der Eskalation der extremen Gewalt in den 1940er Jahren ist zwar von einem »Schock der Ereignisse« gesprochen worden, der die Menschen auβerstande gesetzt habe, »sich ernsthaft mit Krieg und Tod zu beschäftigen«.23 Doch wird man eher sagen müssen, dass sich die »Normalität« der westdeutschen Gesellschaft gerade nicht dadurch auszeichnete, dass sich der vergangene Krieg und Völkermord hätte »verdrängen« lassen. Vielmehr waren der Tod und die Toten – so meine erste These – in der persönlichen Erinnerungs- und Vorstellungswelt eines erheblichen Teils dieser Nachkriegsgesellschaft immer wieder gegenwärtig. Das Streben der westdeutschen Gesellschaft nach Wiederaufbau und erneuter sozialer Sicherheit war von tiefsitzenden Schrecken und quälenden Alpträumen durchsetzt, die der häufig konstatierten Nüchternheit der Nachkriegsgesellschaft deutlich widersprechen.
Über diese verdeckte Unterseite jenseits der Oberfläche der »Normalisierung« und der vermeintlich unbeschadeten Rückkehr ins »bürgerliche Leben« weiß man nach wie vor nur wenig. Das gilt allerdings für alle Nachkriegsgesellschaften nach 1945. Jahrzehntelang, so scheint es, schien sich die Frage, wie die Gewalt des Krieges auch nach dessen Ende das persönliche Leben der Menschen durchdrang, kaum zu stellen. Das ist kein Zufall, wie deutlich werden wird. Erst in jüngster Zeit trifft man in der neueren Historiografie zunehmend häufiger auf die Behauptung, dass diese Gesellschaften nach 1945 traumatisiert gewesen seien. Auch für die deutschen Kriegsheimkehrer wird das vermehrt angenommen. 24 Doch eine solche Mutmaßung behebt das beschriebene Kenntnisdefizit nur scheinbar. Denn die Behauptung einer Traumatisierung gibt ein Wissen über die Bedeutung von Krieg, Gewalt und Tod für die Verhaltensweisen dieser Kriegsgeneration sowie über die persönlichen Verarbeitungsweisen ihrer Erlebnisse während dieser Zeit vor, ohne dass diese Zusammenhänge konkret historisch belegt würden. Tatsächlich ist die heutige Vermutung einer Traumatisierung der Kriegsteilnehmer selbst das Produkt eines Phänomens, das überhaupt erst einmal zu erklären wäre. Denn die wissenschaftliche Entstehung und gesellschaftliche Etablierung des Trauma-Konzepts, die einer solchen Interpretation zugrunde liegen, müssen – das ist die nächste Grundannahme des vorliegenden Buches – selbst historisiert werden.25
Wissenschaftsgeschichtliche Arbeiten stützen eine solche Position mittlerweile hinreichend. So haben Studien über die Entstehung, die Transformation und das Verschwinden psychiatrischer Diagnosen verschiedentlich herausgearbeitet, dass derartige fachwissenschaftliche Deutungsmuster ihren historischen Ort haben.26 Das gilt auch für das Konzept des psychischen Traumas, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa als Deutungskategorie äuβerst marginal war, im Verlauf der letzten beiden Jahrzehnte in der gesamten westlichen Welt jedoch zu einem zentralen Schlüsselbegriff geworden ist.27 Bei der derzeitig geradezu inflationären Verwendung des Traumabegriffs ist die »Historizität« des Traumas allerdings kaum im Bewusstsein. Folgt man dem Psychiater Richard McNally, verdankt sich diese Blindstelle, die man im Gefolge der enormen Karriere dieses Begriffs beobachten kann, einer weitverzweigten und ausgesprochen vielschichtigen »trauma-industry«,28 die den »Laboratorien« westlicher Industrienationen entspringt und seit den 1980er Jahren einen beständig wachsenden Ertrag auswirft.29 Denkbar ist zudem – dafür spricht der in jüngster Zeit populäre Rückgriff der historischen Erinnerungsforschung auf neurowissenschaftliche Befunde30 -, dass den Naturwissenschaften auf dem Feld menschlicher Verhaltensweisen vermehrt eine uneingeschränkte Deutungskompetenz zugeschrieben wird, wie man sie den Sozial- und Geisteswissenschaften keineswegs mehr zubilligt. Wo heute gängige medizinisch-naturwissenschaftliche Kategorien auf historische Phänomene zurückübertragen werden, sind wir jedoch von einem recht ungebrochenen Fortschrittsdenken nicht weit entfernt. Dieses kommt beispielsweise dann zum Ausdruck, wenn vielen der Hinweis, die im Zuge des Vietnamkrieges entwickelte Diagnose des »Post-Traumatic Stress Disorder« (PTSD) sei seit dem Jahr 1980 durch die American Psychiatric Association – und damit durch »Experten« – offiziell anerkannt, schon als ein hinreichender Beleg für die Richtigkeit des eigenen historischen Arguments genügt.31 Vorstellungen von der Wirklichkeit des Schreckens, der Gewalt und der Brutalität eines Ereignisses werden dabei erzeugt, als ob diese schon bekannt seien. Das gilt auch für die Auswirkungen dieser Ereignisse auf das nachfolgende Leben der Menschen, die man vorgeblich bereits zu kennen glaubt.32
Die Bedeutung der Traumaforschung für die Geschichtsschreibung soll mit diesen Einwänden keineswegs geschmälert werden. Indem man das Trauma-Konzept anerkannte – ob nun in der psychoanalytischen oder neurobiologischen Variante -, wurden neue Wege eröffnet, um über die Auswirkungen gewalthafter Ereignisse nachzudenken. Die jüngeren Studien über die deutsche Nachkriegsgesellschaft seit 1945 können hier selbst als Teil eines allgemeineren Trends begriffen werden, die über Jahrzehnte feststehende Vorstellung in Frage zu stellen, dass viele europäische Gesellschaften ohne besondere Erschütterungen einfach zur »Normalität« zurückgefunden hätten. Das Problem der möglicherweise anhaltenden Präsenz der Gewalt in den privaten Leben aller »Überlebenden« ist damit erst in den Blick geraten.33 Überhaupt kann man beobachten, dass in den letzten Jahren eine immer gröβer werdende Anzahl an Gewaltphänomenen und Katastrophen in der Geschichte wahrgenommen und damit zum Gegenstand historischer Untersuchungen gemacht wurde.34 Diese Entwicklung ist fraglos auf eine ganze Reihe von Faktoren zurückzuführen, die hier nicht im Einzelnen erörtert werden können. Vieles spricht dabei aber für das Argument, dass die Kategorie des »Traumas« zu einem wichtigen Steuerungselement unserer historischen Vorstellungskraft geworden ist, das unsere Wahrnehmung der Vergangenheit und ihrer langjährigen Folgen für das Leben der Menschen, gerade auch ihrer Leidenserfahrungen, verändert hat.
Neben allen denkbaren positiven Folgen gibt es dennoch gute Gründe, von einer Verwendung von Trauma-Konzeptionen als Beschreibungs- und Analyseinstrument historischer Ereignisse und Prozesse abzusehen. »Retrospective historical diagnoses of PTSD constitute a psychiatric version of the Whig interpretation of history«, argumentiert Richard McNally, der eindringlich dafür plädiert, die jeweils Betroffenen nicht in der heutigen, sondern in ihrer eigenen zeitgenössischen Wahrnehmung und Deutungsweise der Ereignisse zu begreifen, wenn man etwas darüber erfahren will, wie sie auf diese Begebenheiten reagierten.35 Die Historikerin Catherine Merridale argumentiert aufgrund ihrer Beobachtungen in Russland ähnlich. Sie stellte sowohl unter den meisten der dort praktizierenden Ärzte als auch in weiten Teilen der dortigen Bevölkerung eine bis heute bestehende Abneigung fest, von ereignisbedingten psychischen Störungen nach den Erfahrungen des Massentodes auszugehen. Dabei beobachtete sie: »They cannot picture it, this trauma, and they do not understand its priviledged place in the Western understanding of violence and its consequences.« Dieses Widerstreben könne man zwar teilweise darauf zurückführen, dass psychische Krankheiten immer noch weitgehend ein Tabu in Russland seien. Doch Merridale vermutet noch einen anderen Grund: »It is also possible that this particular diagnosis and its treatment are so alien to the Russian way of thinking about life, death, and individual need that notions of psychological trauma are genuinely irrelevant to Russian minds.«36
Tatsächlich ist es hilfreich, sich in diesem Zusammenhang zwei Überlegungen des Wissenschaftsphilosophen Ian Hacking zu vergegenwärtigen. Er hat ausgeführt, dass die psychiatrische Wissenschaft nicht nur eine ausgesprochen historische Wissenschaft, sondern auch eine »Gedächtniswissenschaft« sei.37 Es kennzeichnet die Psychiatrie nämlich, dass sie – auch über die Diagnosen des »Traumas« – historisch variable Konzeptionen von Erinnerung und verschiedenartige Sprachregeln über die Erinnerung bereitstellt. Außerdem argumentiert Hacking, dass Individuen, die ihr Verhalten auf eine andere Weise als zuvor interpretieren können, auch eine neue Art des Bewusstseins von ihrem Selbst entwickeln, sich selbst anders sehen und sogar anders als Person fühlen.38 Das ist auch der Grund, warum das Trauma-Konzept für Historiker ein problematisches Analyse-Instrument ist: Es transportiert, spezifische Vorstellungen davon, wie Erinnerung funktioniert und insbesondere, wie Schmerz und erschütternde Erlebnisse in der Erinnerung verarbeitet werden.39 Um Allan Young zu zitieren: »Our sense of being a person is shaped not simply by our active memory (…), it is also a product of our conception of ›memory‹.«40
Das vorliegende Buch folgt dieser Annahme und damit auch dem Plädoyer, die Wahrnehmungen der psychiatrischen Wissenschaft von der menschlichen Verarbeitungsweise des Krieges selbst historisch zu analysieren. Dabei wird deutlich werden, dass es zu kurz greift, die Produktion des psychiatrischen Wissens im Nachkriegsdeutschland nur als eine einfache Verlängerung einer psychiatrischen Kriegspraxis zu sehen, die uns von heute aus bisweilen höchst befremdlich erscheint. Vielmehr wird im Laufe des Buches sichtbar werden, dass die psychiatrische Herstellung von Wissen, wie man sie nach 1945 in Deutschland beobachten kann, durchaus international als Form der diagnostischen Urteilsfindung und der therapeutischen Praxis respektiert war. Außerwissenschaftliche Anforderungen der privaten wie der öffentlichen Erinnerungskultur hatten dabei an der psychiatrischen Wissensproduktion teil. Vor allem aber wirkte diese selbst – so die Ausgangsannahme – als eine Lieferantin von Deutungsmustern, die sowohl den Rahmen der Erfahrungsverarbeitung im Privaten wie der Wahrnehmungsweisen der Kriegsfolgen und Sagbarkeitsregeln der Leiderfahrungen im öffentlichen Raum mit absteckten.
Insofern sind sowohl die Erfahrungsgeschichte der Nachkriegszeit als auch die Erinnerungsgeschichte des Krieges – so meine zweite These – ohne eine »Verarbeitungsgeschichte« extremer Erlebnisse durch die psychiatrische Wissenschaft nicht hinreichend zu verstehen. So wird das Buch zeigen, wie sich der gesellschaftliche Vorstellungshorizont über die psychischen Folgen des Krieges im Verlauf von etwa zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg grundlegend und in Abhängigkeit vom vorherrschenden psychiatrischen Wissensstand verändert hat.41 Das Spektrum der wissenschaftlich und öffentlich anerkannten Auswirkungen des Krieges veränderte dabei auch die Sprechweisen über den Krieg. Die Bruchlinien zwischen öffentlicher und privater Erinnerung verschoben sich – doch lösten sich nie gänzlich auf.
 
Diesen Vorgang wird das Buch in drei Schritten verdeutlichen. In einem ersten Teil geht es zunächst darum, deutlich zu machen, in welchem Maße und auf welche Weise der verbrecherische Krieg und die massenhaften Toten in der Erinnerungswelt von ehemaligen Wehrmachtssoldaten und ihrem persönlichen Umfeld präsent waren. In einem zweiten Schritt wird untersucht, wie die Psychiatrie (teils auch andere medizinische Disziplinen) die Verhaltensweisen der Kriegsheimkehrer, die etwa von ihren Angehörigen als auffällig oder gar besorgniserregend verändert, manchmal auch als krank betrachtet wurden, deutete und zu therapieren versuchte. Die geltende psychiatrische Lehre ging zunächst von der grenzenlosen Belastbarkeit des Menschen aus. Das Buch wird zeigen, aufgrund welcher Bedingungen sie sich dahingehend veränderte, dass sie fortdauernde und selbst spät auftretende seelische Leiden als Folge extremer Gewaltereignisse anzuerkennen bereit war. Abschließend wird, drittens, die öffentliche Erinnerung dahingehend analysiert, auf welche Weise psychiatrische Erklärungsmuster in die öffentlichen Erzählweisen über die Auswirkungen des Krieges eingingen und – ein Augenmerk liegt hier bei den Medien – die öffentliche Wahrnehmung mit prägten, wer überhaupt als Opfer gelten und anerkannt werden sollte. Der Untersuchungszeitraum des vorliegenden Buches erstreckt sich dabei im Kern auf die Jahre 1945 bis 1970. Es setzt damit zu einem Zeitpunkt ein, als sich die totale militärische Niederlage und die Zerschlagung des politischen Systems klar abzeichneten. Und es endet in einer Phase, in der sich in weiten Teilen der deutschen Öffentlichkeit veränderte und ausdifferenzierte Wahrnehmungsmuster der Kriegs- und Verfolgungsfolgen etabliert hatten. Während der beiden nachfolgenden Jahrzehnte sollte sich zumindest in Westdeutschland nichts daran ändern, dass die Öffentlichkeit mehrheitlich von langandauernden psychischen Auswirkungen der NS-Verfolgung ausging, während man den Krieg mit derartigen Folgelasten nicht verband.42
 
Im Einzelnen wird im ersten Teil die Frage verfolgt, auf welche Weise der Krieg und die nationalsozialistische Vergangenheit in der persönlichen Erinnerung der heimkehrenden Soldaten überhaupt aufschienen und damit das Leben der Nachkriegsgesellschaft zeichneten. Ein solcher Abschnitt ist angesichts der zahlreichen jüngeren Studien, welche die Auswirkungen der Nazi-Verbrechen und der Kriegsgräuel auf die deutsche Nachkriegsgesellschaft verfolgen, näher zu begründen. Wie bereits angedeutet, nehmen diese Arbeiten vor allem die öffentliche Erinnerungskonstruktion in den Blick, indem sie den öffentlichen Diskurs in den Medien, die symbolische Erinnerungspolitik und die öffentlichen Gedenkfeiern analysieren. Sie alle betonen, dass die Deutschen den nationalsozialistischen Krieg höchst selektiv erinnerten, da Erzählungen über die eigenen Opfer und das eigene Leid dominierten.43 Damit korrigieren sie zwar das lange Zeit in der Geschichtswissenschaft vorherrschende Bild einer nahezu völligen Verdrängung des Krieges – die Mitscherlichsche These über die »Unfähigkeit zu trauern« hinterließ hier zweifellos lange ihre Spuren.44 Letztlich stimmen diese Studien aber weiterhin darin überein, dass die seit Kriegsbeginn von Deutschen begangenen Verbrechen in der Erinnerung – auch der persönlichen – keine Rolle gespielt hätten.
Zweifellos gibt es viele Hinweise, die diesen Eindruck stützen. Bereits zeitgenössische Beobachter, meist aus dem Ausland, bescheinigten den Deutschen eine ausgesprochene Neigung, jegliche Verantwortung für den Massenmord zu leugnen. Wie sie überhaupt in die Not der Nachkriegsjahre gekommen waren, schienen viele binnen kurzem vergessen zu haben.45 Die Entnazifizierungsverfahren, während deren offenbar ein regelrechter »Wettbewerb des Opportunismus, des Abstreitens und Nichtwahrhabenwollens« ausbrach,46 erhärten bis heute diesen Verdacht und stärken das Argument, die Deutschen hätten sich im Windschatten der »Selbstviktimisierung« frei von der Last der Erinnerung gefühlt. Eine solche Lesart, die mittlerweile geradezu eine Art »nationaler Meistererzählung« für die deutsche Geschichte nach 1945 darstellt,47 mag in vielen Fällen zutreffend sein. Doch der Rückschluss von der öffentlichen auf die persönliche Erinnerung greift – wie oben schon angedeutet – deutlich zu kurz.48 Immerhin kreist die Erinnerungsforschung seit längerem um das Problem, wie die sehr viel komplexere Genese und Wandelbarkeit von Erinnerung – und zwar auf allen Ebenen – erfasst werden können.49 Die Erzähl- und Erinnerungsforschung betont zum Beispiel die Bedeutung eines gruppenbezogenen »kommunikativen Gedächtnisses«, das sich zwischen der öffentlichen Erinnerungskultur und der persönlichen Erinnerung, etwa in Familien oder Vereinen, herstelle.50 Koexistierende und voneinander abweichende Vergangenheitsdeutungen, die verschiedene diskursive Räume beanspruchten, sind dadurch bereits in Ansätzen erkennbar geworden. Zugleich sind politische Rahmenbedingungen, moralische Imperative oder auch institutionelle Logiken als historisch variable Gestaltungsfaktoren hervorgetreten, die auf die Ausformung und Artikulationsmöglichkeiten von persönlicher Erinnerung stärker einwirkten, als es der in der Geschichtswissenschaft beschriebene Viktimisierungsdiskurs nahelegt.51
In der Regel liegen vermeintlich rein persönliche Erinnerungen bislang nur in Form der Familien- und Veteranenerzählungen vor, meist gewonnen durch narrative Interviews seit den 1980er Jahren.52 Die »öffentliche« und »private« Erinnerung, die offiziellen Geschichtserzählungen und die subjektiven Deutungen erwiesen sich in diesen, so konnte wiederholt beobachtet werden, als eng verwoben. Gleichzeitig traten gelegentlich aber auch widersprüchliche Deutungen und Brüche in den Erzählungen zutage. Sie deuteten darauf hin, dass hinter akzeptierten Erzählkonventionen andere, nur schwer artikulierbare persönliche Erinnerungen an das Grauen des Zweiten Weltkrieges stehen. Wie die persönliche Kriegserinnerung in der unmittelbaren Nachkriegszeit aussah, spiegeln diese narrativen Verarbeitungsformen der privaten Kriegsgedächtnisse also nicht unbedingt wider. Ebenso wenig geben sie Einsichten in den persönlichen Umgang mit dem Wissen über die begangenen Verbrechen unmittelbar nach dem Ende des Krieges. In dieser Hinsicht bleiben gerade die ersten Jahre nach der totalen politischen und militärischen Niederlage weitgehend im Dunkeln, wie sich überhaupt die meisten Studien zur Nachkrieggesellschaft auf die 1950er und 1960er Jahre konzentrieren. 53
Das vorliegende Buch analysiert deshalb in einem ersten Schritt vor allem narrative Überlieferungen persönlicher »Erinnerungsfragmente« 54 aus der frühen Phase unmittelbar nach dem Kriegsende, mithin die zum damaligen Zeitpunkt gegenwärtigen Vergangenheiten deutscher Kriegsheimkehrer. Dazu wurden psychiatrische Krankenakten herangezogen. Insgesamt handelt es sich um etwa 450 Akten von Männern der Geburtsjahrgänge 1897 bis 1929.55 Erfasst ist in ihnen ein relativ breites Spektrum ehemaliger männlicher Kriegsteilnehmer. Sie unterschieden sich im Alter, ihrer sozialen Herkunft und ihrem Bildungsgrad ebenso wie in ihrem militärischen Dienstgrad oder der Dauer ihres militärischen Einsatzes. Die in den Akten vorkommenden ehemaligen Soldaten waren auch keineswegs nur von der Ostfront oder aus den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern zurückgekehrt. Unter jenen, die in den ersten Jahren nach Kriegsende aus den Gefangenenlagern zurückkamen, befanden sich viele, die ausschließlich im Westen eingesetzt gewesen waren. Mehrheitlich hatten die Soldaten im Verlauf des Krieges an beiden Fronten gekämpft. Die Ausprägungen und der Verlauf der psychischen Veränderungen, die nach ihrer Heimkehr aus dem Krieg oder der Gefangenschaft zutage traten, waren dabei höchst verschieden. Doch wer glaubt, die schweren psychischen Beeinträchtigungen ausschließlich bei den Kriegsheimkehrern aus den sowjetischen Lagern zu finden, geht fehl. Die hier verwendeten Akten lassen diesen Schluss jedenfalls nicht zu. Eher gewinnt man den Eindruck, dass zwischen den Kriegsheimkehrern der 1940er Jahre und denen der 1950er Jahre zu unterscheiden ist, wobei eine innere Pein bei Ersteren weitaus offenkundiger zutage trat. Manche suchten aufgrund ihrer psychischen Beschwerden selbst psychiatrischen Rat. Oft waren es auch die nahen Familienangehörigen, die den nach Hause gekehrten Mann, der ihnen deutlich verändert erschien, dazu drängten. Meist jedoch war es der behandelnde Hausarzt, der an seine therapeutischen oder diagnostischen Grenzen gestoßen war und die Überweisung zum Psychiater veranlasste. Dabei spricht vieles für die Annahme, dass es sich bei den psychiatrisch behandelten Kriegsheimkehrern unter den insgesamt medizinisch behandelten nur um die Spitze eines Eisbergs handelt. Darauf gibt es immer wieder Hinweise,56 nicht zuletzt in den psychiatrischen Krankenakten selbst. Vor allem stellen diese jedoch ein bis heute kaum genutztes Repositum persönlicher Erinnerungen und ganz privater Bekenntnisse dar,57 über deren öffentliche Sagbarkeit die Betroffenen teilweise erkennbar Zweifel hatten. Das galt selbst für den privaten Raum der Familie.
Bei der Untersuchung dieser Erinnerungsfragmente ist aus methodischen Gründen eine Beschränkung auf die Jahre 1945 bis 1949/1950 geboten. Denn in der »Zusammenbruchsgesellschaft« herrschten andere Sagbarkeitsregeln vor als nach der Etablierung von Versorgungsansprüchen, bei denen die Antragsteller von Kriegsopferrenten mit ihren Schilderungen auch einen ganz spezifischen Zweck verfolgten. Die Erzählungen über den Krieg, vor allem aber über die Härten der Gefangenschaft in den sowjetischen Lagern, waren seither ganz anders durch narrative Muster gekennzeichnet. In der Praxis des Gutachtens, die seit 1950 einen zunehmend großen Raum einnahm, ist das nicht zu übersehen.
Auch in den Krankenakten, die aus der unmittelbaren Nachkriegszeit stammen, sind es allerdings meist nur Bruchstücke, die auf irgendeine Art und Weise um den vergangenen Krieg kreisen. Da weder die Ärzte noch die meisten der Patienten einen kausalen Zusammenhang zwischen den als auffällig wahrgenommenen Verhaltensweisen des Heimkehrers und dem Krieg herstellten, stand dieser nie im Mittelpunkt eines Gesprächs. Bei den psychiatrisch betreuten Männern wird man deshalb kaum außergewöhnliche Sensibilitäten gegenüber dem Kriegsgeschehen unterstellen können. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass die in diesen Akten auffindbaren Erinnerungsfragmente von einer weiter verbreiteten Befindlichkeit zeugen, die in den jeweils individuellen Fällen greifbar wird. Die psychiatrischen Krankenakten machen damit – so könnte man sagen – die Innenseite der oftmals schmerzhaften und irritierenden Hinterlassenschaft des Krieges deutlich und lassen jenseits der individuellen Krankengeschichte Aussagen über die Tiefenschichten der Erinnerung – etwa im Medium des Traums -, über tiefgreifende Desorientierungen und zerstörte Selbstbilder, über die Beängstigung des Neuanfangs und die vermeintliche emotionale »Normalisierung« des frühen Wirtschaftswunders zu. Dabei können Muster der Kriegserinnerung in Artikulationen der Angst, der Desillusionierung oder in Selbstverständigungen über das andere Ich identifiziert werden, die, selbst wenn sie sich gelegentlich nur in Träumen, Wahnvorstellungen oder Halluzinationen äußern, als Bestandteil der wahrgenommenen Gewalt historischen Quellenwert beanspruchen können.
In diesem Buch sind die ausgewählten Fälle nicht als in sich geschlossene Stücke analysiert und beschrieben worden. Allein das oft sprunghafte Reden der Männer ließe ein solches Verfahren nicht zu. Oftmals wechselten sie das Thema abrupt, um dann doch wieder einem vereinzelten Gedanken über die ihnen gegenwärtige Vergangenheit Luft zu machen. Eine Reihe von Fällen kehrt allerdings in den verschiedenen Kapiteln des ersten – und in den einschlägigen des zweiten – Teils wieder. Durch Querbezüge lassen sich die jeweils aufscheinenden persönlichen »Verarbeitungsmuster« der Vergangenheit vernetzen. Im Verlauf des Buches treten damit unterschiedliche Facetten der jeweiligen Person zutage.
Aufgrund des spezifischen Quellenmaterials kann die Analyse der Erinnerungsfragmente allerdings nicht den Anspruch erheben, direkten Einblick in die vergangenen Erlebnisse der Kriegszeit zu gewähren. Das Buch gibt vielmehr Einsichten in die persönlichen Weisen, den Krieg zu verarbeiten, weshalb es sich in seinem ersten Teil auch nicht als ein Beitrag zur Geschichte des Krieges, sondern zur Geschichte einer Imagination des Schreckens in der Nachkriegszeit versteht. Der Begriff der »Erinnerung«, der in der vorliegenden Arbeit meist verwendet wird, erscheint mir dennoch gerechtfertigt. Denn Erinnerungen werden »stets in der Gegenwart und unter deren spezifischen Bedingungen rekonstruiert«, selbst wenn »Erinnerungen« auch in diesem Verständnis gleichwohl nie gänzlich von der Vergangenheit abgelöst werden können. 58 Folgt man Reinhart Koselleck, ist diese »gegenwärtige Vergangenheit, deren Ereignisse einverleibt worden sind und erinnert werden können«, dann allerdings auch ein zentraler Bestandteil von »Erfahrung«, hier also einer Erfahrungsgeschichte der Nachkriegszeit. 59 Das Buch geht dieser Geschichte nach. Es erzählt, wie die Soldaten mit dem Massentod, dem Töten und ihrem Wissen von den Verbrechen weiterlebten, aber auch, wie sie auf die Niederlage, auf die völlige Diskreditierung des politischen Systems und oft auch auf ihre zudem erlebte eigene soziale Deklassierung reagierten. Die Familien gelten gemeinhin als der Ort, in dessen Rahmen die private Aufarbeitung der Kriegs- und Gefangenschaftserlebnisse stattfand.60 Das Interesse gilt daher auch den Auswirkungen des Krieges auf das Familienleben, den inneren Spannungen und Belastungen in den persönlichen Beziehungen von Familienangehörigen, nicht nur zwischen den Geschlechtern, sondern auch zwischen den Generationen. Dabei sind die wechselseitigen Wahrnehmungs- und Kommunikationsweisen genauer in den Blick zu nehmen, um die Möglichkeiten und die Grenzen der Sagbarkeit innerhalb der Familie auszuloten, wenn es um die emotionale Hinterlassenschaft von Kriegsgewalt und Massenverbrechen ging. Was nahmen die Angehörigen der heimkehrenden Soldaten davon überhaupt wahr? Wann erschien den Familien das Verhalten der ehemaligen Soldaten als auffällig und »unnormal«? In welche Begrü ndungszusammenhänge wurden die an ihnen beobachteten Verhaltensweisen und Leiden von den Angehörigen gestellt? Viele unter ihnen standen jedenfalls den als verändert wahrgenommenen Verhaltensweisen der aus dem Krieg oder der Gefangenschaft heimgekehrten Männer, ob mit oder ohne Verständnis, hilflos gegenüber. Sie suchten deshalb häufig professionellen Rat.
 
Im zweiten Teil des Buches wechselt daher die Perspektive auf die Psychiatrie. Im Zentrum stehen die im Nachkriegsdeutschland vorherrschende psychiatrische Lehre über die Fähigkeit, schwere psychische Belastungen zu verarbeiten, sowie die Entstehung und Etablierung eines neuen psychiatrischen Wissens in diesem Feld unter den veränderten politischen Bedingungen und moralischen Herausforderungen. Bereits im Ersten Weltkrieg war der Psychiatrie von staatlicher Seite die Zuständigkeit dafür übertragen worden, die psychisch bedingten Leiden von Soldaten ursächlich zu erklären und Wege zu finden, das seinerzeit gravierende Problem der sogenannten Kriegsneurosen in den Griff zu bekommen. Auch während des Zweiten Weltkrieges sahen sich die Psychiater dieser Aufgabe weiterhin verpflichtet.61 Aus dem Blickwinkel der psychiatrischen Wissenschaft lag ein reichhaltiges Wissen über die »Natur« des Menschen und die »Normalität« seiner psychischen Verarbeitungsweisen im Falle äußerster Belastungen vor, das sich aus ihrer Sicht bewährt hatte. Als in der jungen Bundesrepublik die Kriegsopferversorgung im Jahr 1950 gesetzlich geregelt wurde, sollte es weiterhin ausschließlich den Fachärzten für Psychiatrie vorbehalten sein, im Falle psychisch bedingter Beschwerden der Antragsteller die Ursachen zu ermitteln. Die Kernfrage, die von Seiten der Psychiater entschieden werden musste, war, ob das vorgebrachte Leiden als kriegsbedingt anzuerkennen sei.62
Der Zeitgeschichte ist bislang weitgehend unbekannt, wie die Psychiater nach dem Zweiten Weltkrieg vermeintliche psychische Auffälligkeiten und psychisch bedingte Leiden interpretierten. In der Regel enden die historischen Studien zur psychiatrischen Wissenschaft und Praxis im Jahr 1945.63 Zweifellos ist es deren Bedeutung für die nationalsozialistische Rassen- und Bevölkerungspolitik, die bis heute überwiegend das Interesse weckt.64 So setzt sich das Bild über die Psychiatrie seit dem Ende des Krieges bislang aus ganz wenigen Studien zusammen, die vornehmlich aus dem Kontext der Wiedergutmachungsforschung stammen und um die Anerkennungsverfahren von psychischen Gesundheitsschädigungen bei NS-Verfolgten kreisen. Wie diese Arbeiten betonen, lehnten es die deutschen Psychiater während der 1950er Jahre ab, psychische Leiden als verfolgungsbedingt anzuerkennen, da nach der herrschenden Lehre ihres Fachs die seelische Belastungsfähigkeit des Menschen als nahezu unendlich gegolten habe. Folgt man Christian Pross, der damit seinerzeit eine einflussreiche These formulierte, führten die Ärzte und Behörden im Rahmen der Begutachtungsverfahren einen regelrechten »Kleinkrieg gegen die Opfer«. Diese Behauptung wird zwar mittlerweile in ihrer Pauschalität gelegentlich angezweifelt.65 Doch in der Stoβrichtung ihrer Interpretation sind sich diese Arbeiten einig: In der deutschen psychiatrischen Gutachterpraxis erkennen sie im Wesentlichen nur den Spiegel einer mangelnden personellen und mentalen Entnazifizierung des Fachs und ein Grundmuster deutscher »Vergangenheitspolitik«.66 Dabei wird vor allem auf zweierlei verwiesen: erstens auf die vergleichsweise stärkere Befassung der deutschen Psychiater mit den zurückgekehrten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion, das heiβt: mit den deutschen Opfern, und zweitens auf den Umstand, dass die medizinische Beschäftigung mit den psychischen Leiden der Überlebenden in anderen Ländern weitaus früher eingesetzt habe als in der Bundesrepublik. Hier hätten die Ärzte noch von erblich bedingten Leiden gesprochen und erst sehr viel später als die Kollegen im Ausland die spezifischen gesundheitlichen Schädigungen der NS-Verfolgung anerkannt.67