Allan J. Stark



ASGAROON

Der stählerne Planet







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Vollständige E-Book-Ausgabe
des mehrteiligen ASGAROON-Zyklus‘

Der stählerne Planet



Copyright © 2014 Allan J. Stark

Deutsche Erstausgabe 2014 by Papierverzierer Verlag, Essen

Covergestaltung: © Allan J. Stark

Lektorat: Michaela Harich

Herstellung: Papierverzierer Verlag


ISBN 978-3-944544-74-8


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Erzähl mir, Muse, die Taten des viel gereisten Mannes,

Welcher so weit geirrt, nach der unsrer Welt Zerstörung,

Vieler Menschen Heimstatt hat gesehn, und Sitte dann gelernt,

Und in der Sterne Ozean so viel Leiden hat erduldet,

Seine Seel zu retten und seiner Freunde Zukunft …

(Homer)



Prolog


11.375 pgZ

Kaiserliches Büro für Raumfahrtangelegenheiten


»Das ist nun schon der zehnte Vorfall dieser Art«, sagte Ian Anderby und öffnete seine Mappe. Er holte eine kristalline Scheibe und einige Papiere hervor, die er auf Macendrys Schreibtisch ausbreitete. »Ich habe hier die Logbuchaufzeichnungen und die beglaubigten Aussagen der Kapitäne der betreffenden Schiffe.«

Großadministrator Kallen Macendry lehnte sich in seinem schwarzen Ledersessel zurück und starrte auf die Datenscheibe und die Dokumente. »Diese Vorfälle ereigneten sich über einen Zeitraum von vier Jahren?«

»Das erste Tor, das sich einem imperialen Schiff verweigert hat«, erklärte der Leiter des Nachrichtenbüros, »war das Fayroo im Pentana System. Zeitpunkt: 00:10 Uhr am 2. Februar 11.373 pangalaktischer Zeitrechnung. Das Schiff war eine Fregatte unter …«

»Ich finde diese Daten wohl auf dem Datenträger, oder?«, unterbrach ihn Macendry.

»Natürlich.«

Der Großadministrator schwieg, lehnte sich vor und nahm die Papiere an sich.

»Angesichts der Tatsache«, fuhr Ian Anderby fort, »dass so etwas in zehntausend Jahren nicht ein einziges Mal vorgekommen ist, stellen diese Zwischenfälle innerhalb eines so kurzen Zeitraumes eine äußerst bedenkliche Entwicklung dar.«

»Glauben Sie, das wüsste ich nicht?« Kallen Macendry überflog die Dokumente, ohne seinen Mitarbeiter anzusehen. »Mir macht es jedoch mehr zu schaffen, dass diese Vorkommnisse einen eklatanten Verstoß gegen das Abkommen mit den Othirim darstellen. Der Kaiser empfängt ständig die Delegationen der Othirim, um sich mit den Sternspringerportalen abzusprechen. Und die Othirim gehören nicht gerade zu den angenehmsten Gesprächspartnern. Aber warum erfahre ich davon erst jetzt? Direkt beim ersten Vorfall hätte man mir Bescheid geben müssen!«

Der Offizier klemmte sich seine Mappe unter den Arm und setzte eine Miene herablassender Genugtuung auf. »Ich habe gestern die Leitung des Nachrichtenbüros übernommen«, erklärte er. »Ich habe meinen Vorgesetzten wiederholt auf diesen Sachverhalt hingewiesen und er versicherte mir, die Angelegenheit an Sie weiterzuleiten. Als ich die Akten durchgesehen habe, die ich von meinem Vorgänger erhalten habe, musste ich feststellen, dass nichts an Sie weitergeleitet worden war.«

»Was vermuten Sie, ist der Grund für diese Verzögerungen?« Der Großadministrator legte die Papiere auf den Schreibtisch und sah Ian Anderby interessiert an.

»Ich habe einiges über den ehemaligen Leiter des Nachrichtenbüros, Herrn Samuel Francis Durban, in Erfahrung gebracht«, erklärte Anderby weiter. »Er hat etliche Welten im Kolius Sektor besucht. Darunter viele Systeme, die bevorzugt von Piraten und dem Gesindel des Ghost-Konglomerats aufgesucht werden.«

»Alle Himmel!« Der Großadministrator lehnte sich in seinem Sessel zurück und legte die Fingerspitzen aneinander. Über den Giebel hinweg, den seine Finger formten, betrachtete er Ian Anderby voller Erwartungen. »Wie haben Sie das herausgefunden?«

»Leiter Durban hat zwar gewissenhaft und gründlich darauf geachtet, den Speicher seiner Jacht, der Edinburough, zu löschen, aber sein Rettungsdingi war ein wahrhaftiger Quell von aufschlussreichen Informationen. Der Navcom des Beibootes ist in ständiger Verbindung mit der Leitstelle und hat alles aufgezeichnet.«

»Sie Fuchs!«, lobte Kallen Macendry.

Andery quittierte dieses Lob mit einem zufriedenen Lächeln. »Ich konnte ein detailliertes Diagramm seiner Reiserouten berechnen und es ist höchst aufschlussreich.«

»Ich muss aufpassen, dass Sie nicht bald meinen Platz einnehmen«, scherzte der Großadministrator.

Beide lachten, aber Ian Anderby wirkte dabei leicht betreten. »Ich …«, setzte er etwas unsicher an. »Ich wollte damit nicht …«

Kallen Macendry winkte ab. »Sie legen den Verdacht nahe, dass Durban ein Pirat oder ein Schirku des Ghost-Konglomerats ist.«

»Er gehört mit Sicherheit zu den Piraten«, sagte Ian Anderby mit fester Stimme. »Aber gewisse Aspekte seines Vorgehens weisen auf die konspirativen Methoden der Schirku hin.«

»Und?«

»Ich denke, die Piraten und die Schirku haben eine Art von Zusammenwirken erarbeitet, die es ihnen ermöglicht, bis in die hohen imperialen Kreise einzudringen.«

»Sie wissen von dem Vorfall mit der Dyson Flotte?«

Der Offizier wirkte betroffen. »Nun …«, stammelte er hilflos. »Ich … ich habe dafür keine Worte.«

»Schon gut«, beschwichtigte Kallen Macendry. »Wir waren alle fassungslos. Aber Sie haben bestimmt noch mehr herausgefunden.« Er trommelte mit den Fingerspitzen ungeduldig auf dem Glas der Schreibtischplatte herum.

»Ja, natürlich«, bestätigte Anderby und freute sich. »Es betrifft einen Vorfall, in den ein gewisser Major Breuer, von der Behörde für Altertümer verwickelt ist. Dieser Fall erwies sich als wahre Fundgrube an erschreckenden Fakten. Ich kann nachweisen, dass es einen sehr stringenten Informationsfluss gibt, der zwischen kaiserlichen Behörden, Ghost-Spionen und den bekannten Piratennestern auf Rulin oder Zepata stattfindet. Bei der Sache, in die Breuer verwickelt war, kamen viele um. Und einer der modernsten Kreuzer unserer Flotte wurde fast zerstört. Alles ein Resultat der regen Tätigkeit subversiver Elemente, die sich inzwischen ungehindert Informationen verschaffen können.«

»Wie ich die Sache sehe, haben Sie auf eigene Faust ermittelt. Und das offenbar äußerst effektiv.«

Auf Anderbys Gesicht spiegelte sich ein gewisser Ausdruck von Stolz. »Das habe ich, Sir. Und Sie finden alles, was ich herausgefunden habe, auf dem Datenträger. Ich habe mich besonders auf die Situation konzentriert, die sich im Wirkungsbereich der Fayroo Sternenspringertore ergeben hat.«

Kallen lehnte sich nach vorne, stützte die Ellenbogen auf die Schreibtischplatte und legte erneut die Fingerspitzen aneinander. Sein Blick wirkte besorgt. Er schien etwas sagen zu wollen, aber stattdessen kniff er die Lippen zusammen, bis sie wie eine dünne Linie wirkte. Offenbar war dieses Thema unangenehm für ihn, wie für viele andere auch, die in den Toren eine Gefahr sahen.

»Vor den Fayroo bilden sich große Ansammlungen illegaler Raumsiedlungen«, führte Anderby weiter aus. »Stützpunkte für allerlei zwielichtiges Gesindel.«

»Ich habe davon gehört«, bestätigte Macendry. »Aber ich hielt es für ein einmaliges Phänomen.« Er zog die Stirn kraus. »Haben die Fayroo nicht auf ihre übliche Art reagiert und die Raumsiedlungen ins Nichts geschleudert?«

»Nein, das haben sie nicht.« Ian Anderby schüttelte den Kopf. »Ich weiß, es klingt seltsam, aber es sieht nach einer stillen Übereinkunft zwischen den Sprungtorlenkern und den Piraten aus.«

»Wollen Sie damit andeuten, ein Kiray, ein Torlenker, ein de facto überirdisches Wesen würde sich mit dem Gesindel Asgaroons einlassen?«

Der Leiter der Nachrichtenabteilung schien dafür keine Erklärung zu haben.

»Geld, Gold, Ruhm und Ehre bedeuten ihnen nichts. Sie sind Gefangene ihres unendlichen Traumes. Sklaven des Vaseel.« Kallen Macendry musterte seinen Gegenüber streng. »Wie soll man Geschöpfe, die keine Bindung an die stoffliche Welt besitzen, ködern oder bestechen?«

»Das ist eine Frage, die mein Wissen übersteigt«, entschuldigte sich Ian Anderby. »Diese Frage war nie Gegenstand meiner Nachforschungen. Sicher, meine Ermittlungen berühren auch diesen Bereich, aber er ist mir zu metaphysisch.«

»Das geht vielen so, die sich mit dieser Materie beschäftigen. Wenn Sie sich schon darauf eingelassen haben, wundere ich mich darüber, dass sie diesen Bereich dann doch ausgeklammert haben. Damit bleibt das Bild unvollständig. Mutig genug scheinen Sie ja zu sein. Was hat sie abgehalten, sich des metaphysischen Aspekts zu widmen?«

Anderby hatte darauf keine Antwort. »Was gedenken Sie zu tun?«, fragte er ausweichend.

Kallen Macendry lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er wirkte irritiert. »Der Kaiser sollte umgehend davon erfahren.«

»Das steht außer Frage.«

Eine lange Pause entstand, in der Anderby stirnrunzelnd nach Worten zu suchen schien.

»Sie haben noch mehr auf dem Herzen?«, fragte Macendry mit gereiztem Unterton.

Anderby holte einige kleine Bildfolien aus seiner Aktentasche und legte sie auf den Schreibtisch. »Das hier sind Aufzeichnungen über eine illegale Bergung«, erklärte er. »Und Sie wissen, dass unser Kaiser sehr viel Wert auf die Registrierung archäologischer Aktivitäten legt.«

»Ist mir bekannt.« Macendry nahm eine der Folien und ein Bild wurde sichtbar. »Er hält die Mythen für real, aber ich muss seine Ansicht ja nicht unbedingt teilen.«

»Wenn Sie diese Bilder hier betrachten, werden Sie Ihre Meinung vielleicht ändern.«

Macendry unterzog das Bild einer eingehenden Betrachtung. Anderby hatte allerdings noch weitere Fakten ermittelt. »Der Kurator eines bedeutenden Museums auf Vanetha ist in diese Sache verwickelt. Er ist einer der Leute, mit denen Major Breuer zusammengearbeitet hat. Aus irgendeinem Grund hat er die Ausgrabung abgebrochen. Ich vermute, dass es in Zusammenhang mit dem Ereignis steht, in das Breuer hineingeraten war. Und der Bergungskran, den Sie auf diesem Bild hier erkennen können, wurde gestohlen.«

»Und was ist das für ein Ding, das er da aus dem Wasser gezogen hat?«

»Ein Schiff.«

»Uralt, offenbar.«

»Es stammt mit Sicherheit aus dem Großen Zeitalter.«

»Wer sagt das?«

»Die Schrift auf der Unterseite des Objektes.«

Macendry kniff die Augen zusammen, legte die Finger auf die Folie und vergrößerte den Bildausschnitt. »Altfarandi. Tatsächlich. Der Schiffsname, nicht wahr?«

Ian Anderbys Stimme wurde feierlich. »Die Achilles

Der Leiter des Büros für Raumfahrtangelegenheiten konnte ein Grinsen nicht unterdrücken und legte die Bildfolie zurück auf den Tisch. Danach rieb er sich die Schläfen, als würde ihn die Unterhaltung zunehmend ermüden, und musterte seinen Gegenüber skeptisch.

»Die Unterseite des Wracks lag im Schlamm begraben«, fuhr Ian Anderby unbeirrt fort. »Darum ist der Name noch lesbar. Die Details der Konstruktion sind ebenfalls erstaunlich gut erhalten. Ich wünschte, ich würde noch mehr Material bekommen.«

»Das Schiff mag alt sein und Achilles heißen«, wandte Macendry ein. »Aber warum sollte es DIE Achilles sein? Es hat bestimmt mehrere Schiffe gegeben, die diesen Namen trugen.«

»Ich wäre daran interessiert, die Sache weiter zu untersuchen«, entgegnete Ian Anderby und steckte die Folie zurück in seine Tasche. »Sollte es die Achilles sein, müssen die Geschichtsbücher neu geschrieben werden. Darüber hinaus müssen wir unsere Beziehung zu den Othirim überdenken und noch etliches mehr.« Nachdem er die Daten wieder alle in seiner Tasche verstaut hatte, äußerte er einen Vorschlag. »Ich würde in der Sache Kurator gerne aktiv werden. Meiner Meinung nach steckt viel mehr dahinter, als es den Anschein hat.«

»Ich habe nichts dagegen einzuwenden«, sagte Macendry. »Und ich könnte Sie wohl auch nicht davon abhalten.«

Anderby sah ein Lob in diesen Worten. »Bei allem Respekt – diese Nachforschungen sind zu wichtig. Und ich bin eigentlich hier, um Ihre offizielle Genehmigung dafür zu erhalten und die entsprechenden kommissarischen Vollmachten natürlich.«

»Es sind gefährliche Zeiten«, seufzte der Großadministrator. »Sie müssen vorsichtig sein.«

»Ich stimme Ihnen zu.«

»Wenn ich anordne, Sie dieser Angelegenheit nachgehen zu lassen, würde ich Sie gerne bewaffnet wissen. Haben Sie eine Dienstwaffe? Sind Sie im Training?«

»Selbstverständlich. Ich besitze eine Gemma und kann ausgesprochen gut mit ihr umgehen.«

»Eine Gemma?« Macendry zeigte sich verblüfft. »Ziemlich selten und geradezu antik. Nicht gerade imperialer Standard. Eine private Anschaffung?«

»Ich habe eine Genehmigung«, beeilte sich Anderby zu sagen. »Und sie ist in einwandfreiem Zustand.«

»Kann ich sie mal sehen?«

Als Ian Anderby seine Waffe aus dem Holster holte, krachte ein Schuss.

Mit ungläubigem Gesichtsausdruck sank der Leiter des Nachrichtenbüros vor Macendrys Schreibtisch zusammen.

Der Großadministrator hielt seinen eigenen Strahler in der Faust und betätigte mit der anderen Hand den Schalter der Kommunikationsanlage.

»Sicherheitseinheiten!«, sagte er kühl. »Ich wurde angegriffen!«

Mit eiskalter Gelassenheit nahm er Anderbys Mappe an sich und ließ einige Datenscheiben und Folien in einem Geheimfach seines Schreibtisches verschwinden.

Kapitel 1


Bis auf das rote Licht der Notbeleuchtung war es in den Korridoren des kleinen Transportschiffes dunkel. Die Alarmsirene klagte in monotonen Intervallen. Fahle Schlieren wallten durch die rauchgeschwängerte Luft.

Nea arbeitete sich langsam vorwärts; das Visier ihres Raumanzugs geschlossen, ein Gewehr im Anschlag. Ihr kleiner Helmscheinwerfer warf einen bleichen Kegel in die Rauchschwaden und beleuchtete ein Chaos aus zerstörten Konsolen, geschwärzten Wänden und herumliegenden Geräten. Nea horchte in die Dunkelheit und vernahm ein leises Keuchen, dann eine schattenhafte Bewegung nahe der Wand hinter einer großen Kunststoffkiste.

»Wie sieht es aus?«, hörte sie die Stimme des Einsatzleiters Peter Logan.

»Ich denke, ich habe ein Besatzungsmitglied gefunden«, antwortete sie zögernd. »Wie viele sind es nochmal? Drei?«

»Ja, es sind drei«, bestätigte Logan. »Drei Männer.«

Nea näherte sich einem Transportbehälter, weil sie glaubte, eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Und tatsächlich: Dahinter kauerte ein Mann. Sie sah sich seinen Raumanzug an und fand einen Namen, der auf einem Emblem an seinem Oberarm zu lesen war. »Er heißt Danner

»Ja, das ist einer von Ihnen«, bestätigte Peter Logan. »Eddie Danner. Die anderen sind Hal Amir und Reff Durham, der Chef der Truppe.«

Vorsichtig berührte Nea den Mann mit der Mündung ihres Gewehres an der Schulter. »Hallo?«, sagte sie laut und deutlich. Der Lautsprecher ihres Helmes schnarrte. »Können Sie mich hören?«

Er drehte sich zu ihr um und starrte Nea in das Gesicht hinter dem geschlossenen Visier. »Es wird nichts nützen«, stammelte er. Wahnsinn sprach aus seinen Augen. »Sie können nichts bewirken. Es ist zu mächtig.«

»Schon gut.« Nea versuchte ihn zu beruhigen. »Die Schlepper haben Ihr Schiff sicher heruntergebracht. Es hat planmäßig im Falthurea Sektor aufgesetzt. Sie befinden sich nun auf der Raumhafenwelt Sculpa Trax. Ich bin vom DPA. Sie sind in Sicherheit.«

»Es ist zu mächtig! Zu mächtig! Zu mächtig!«, wiederholte der Mann, ohne Nea anzusehen.

Sie nahm eine Injektionspistole aus ihrem Gürtel, legte die Mündung an den Hals des Mannes und drückte ab. Als er in sich zusammensackte und in tiefe Bewusstlosigkeit versank, setzte Nea ihren Weg fort.

»Besatzungsmitglied war nicht ansprechbar«, teilte sie der Leitstelle mit. »Habe den Mann ruhiggestellt.«

»Ich wünsche angenehme Träume«, scherzte Peter Logan. »Hast du schon einen Verdacht, was es sein könnte?«

»Nicht den geringsten«, gab Nea zu. »Ich habe die meisten Korridore schon passiert. Etwas Großes kann es nicht sein, das hätte ich entdeckt. Es muss sich um ein kleines Wesen handeln, das sich in den Rohrleitungen und Schächten bewegt.«

Nea erreichte das Cockpit. Hier gab es die meisten Kampfspuren. Etliche Monitore waren zerstört und die Konsolen an vielen Stellen durchlöchert. Nea versuchte, den Schalter zu finden, mit dem sie die nervtötende Sirene abstellen würde, aber es gelang ihr nicht. Das Steuerpult war völlig zerstört.

Nea schlich sich aus dem Kommandostand und entdeckte den Zugang zum Frachtdeck. Das Schott stand einen Spalt weit offen und Nea zwängte sich hindurch. Sie stand auf einem kleinen Steg, von wo aus sie den Laderaum überblicken konnte.

»Ich befinde mich im Laderaum«, sagte sie in das Helmmikrophon. »Es gibt da einen großen Container mit Panzerglasflächen. Ich kann hineinsehen. Er ist leer. An den Wänden sehe ich eine Unmenge verschiedener Waffen. – Wow! Wollten die einen Krieg anfangen?«

»Sind alle registriert«, informierte sie Logan. »Die Drei sind Großwildjäger und beliefern die exklusiven Zoos auf Vanetha und Boolin.«

Nea trat zu den Stufen, die nach unten führten. Sie spähte in den dunklen Raum, wechselte den Sichtmodus ihres Helmdisplays und konnte zwei Wärmesignaturen erkennen. »Ich habe die anderen beiden entdeckt. Sie bewegen sich nicht. Liegen verkrümmt auf dem Boden. Ich gehe zu ihnen runter.«

Nea wusste noch immer nicht, mit welchem Wesen sie es zu tun hatte. Auch wenn es ein kleines Tier war, so hatte es drei erfahrene Jäger außer Gefecht gesetzt, weshalb es umso gefährlicher sein musste.

Der Mann, der am geöffneten Ende des Transportcontainers lag, bemühte sich aufzustehen, als er Nea bemerkte. Er tastete unbeholfen nach seiner Waffe.

Nea machte einen Satz nach vorne und kickte die Pistole weg.

»Sie müssen fliehen«, presste der Mann zwischen den Zähnen hervor. Auch in seinem Blick konnte Nea Angst und Panik lesen. Die Adern an seinen Schläfen traten deutlich hervor und pulsierten. »Es kommt! Es kommt und niemand kann ihm entfliehen!«

»Sie fliehen zuerst einmal ins Traumreich des Vergessens«, meinte Nea beiläufig, zog wieder ihre kleine Injektorpistole und versetzte den Mann in Tiefschlaf.

Beinahe im selben Augenblick setzte ihr jemand den Lauf einer Pistole in den Nacken.

»Machst gemeinsame Sache mit der Bestie, wie?« Die Stimme des Jägers verriet die gleiche Verwirrung und Furcht, wie bei seinen Kollegen.

Nea hatte sich einen Augenblick der Unachtsamkeit geleistet. Ihr trat der Angstschweiß auf die Stirn.

»Du hast es aber mit dem furchtlosen Eddie zu tun. Und der wird dir jetzt die Lichter ausblasen.«

Ein heller Blitz erleuchtete die Umgebung und ein Knall hallte durch den Frachtraum. Dem furchtlosen Eddie flog die Waffe aus der Hand. Klappernd und schwelend schlitterte sie über den Boden, als ein weiterer Schuss Neas Augen blendete. Eddie verkrampfte sich, während blaue Lichtbögen über seinen Körper züngelten. Sekunden später ging er zu Boden und blieb reglos liegen.

Nea spähte hinauf zum Zugangsschott. Gerade schob der massige O.G.O.-Roboter die Torflügel auseinander und trat durch den geweiteten Spalt. Seine zweckmäßige Form glich der eines kantigen, mechanischen Skeletts. Er hatte nichts von der Eleganz und dem Design einer Maschine, wie man sie auf den Stadtwelten benutzte. Es sah vielmehr so aus, als hätten seine Konstrukteure sämtliche Abdeckbleche und Chassisteile entfernt, um Ogos funktionale Struktur bloßzulegen und sie zu betonen. Abgesehen von einigen glänzenden Hydraulikelementen, schimmerte der größte Teil seines Körpers in nüchternem, metallischem Grau.

»Ich hatte dir doch gesagt, du sollst bei der Hauptschleuse warten«, entrüstete sich Nea.

»Habe ich aber nicht«, schnarrte die hünenhafte Maschine mit blecherner, emotionsloser Stimme. Er schwenkte den Lauf seines Gewehres nach allen Seiten. »Und es war ganz offenbar gut so. Wie so oft.«

Nea schüttelte den Kopf. »Du machst mich fertig!« Sie rief den Einsatzleiter. »Zentrale! Alle Besatzungsmitglieder wohlauf. Ich suche weiter.«

Nachdem sich Nea im Laderaum umgesehen hatte, nahm sie den Container näher in Augenschein. »Ist irgendetwas über ihre letzte Fracht bekannt?«

»Nein«, antwortete Peter. »Sie kamen direkt von Vanetha über Sprungpunkt 3-33. Aus den Daten geht nicht hervor, dass sie ein Tier von der Stadtwelt mitgenommen hätten.«

»Was immer in diesem Behälter war«, überlegte Nea, »ist auch nicht ausgebrochen. Es hätte sich niemals in den engen Korridoren verstecken können. Es wäre nicht mal durch das Schott gekommen, das zu den Mannschaftsräumen führt.«

»Wie groß ist das Behältnis?«

»Groß genug für eine Felsenechse, einen Streifenwolf oder einen Tigermaug.« Beim letzten Wort kam Nea ein Verdacht. Sie öffnete das Visier ihres Helmes und im gleichen Moment stieß ihr ein scharfer, beißender Geruch in die Nase.

Unvermittelt keimte in Nea Panik auf. Wirre Bilder wirbelten durch ihren Kopf. Sie sah einen Dschungel, Farnwedel, hohes Gras, dichtes Unterholz. Mit den Augen des Jägers eilte sie durch die dichte Vegetation. Gras, Zweige und Schachtelhalme peitschten ihr ins Gesicht. Sie vernahm die entsetzten Schreie von Tieren auf der Flucht. Ein Gewitter, Regen und Wind, der die Wipfel der Bäume schüttelte. Sie sah zerfetzte Kadaver, stapfte durch tiefe Blutlachen, hörte das Knacken fester Knochen, die von kraftvollen Zähnen und Kiefern zermalmt wurden. Sie roch das Blut, das aus tiefen Wunden spritzte. Eine Flut von Eindrücken überwältigte ihren Geist und versetzte sie in einen unangenehmen Rausch. Ihr wurde schwindelig. Nea krümmte sich unter Magenkrämpfen, riss sich den Helm vom Kopf und erbrach sich mehrere Male. Ogo setzte sich in Bewegung, um seiner menschlichen Freundin zu Hilfe zu kommen, aber Nea hob abwehrend die Hand.

»Ist alles in Ordnung.« Sie rappelte sich mühsam auf. Nea rief sich die kurzen Verse einer Wortmeditation in den Sinn, wie es von einer Tengiji-Kriegerin gelernt hatte. Neas Atmung beruhigte sich. Ihre Furcht verging und sie konnte wieder klare Gedanken fassen. Nea konnte ein Lachen nicht unterdrücken, denn inzwischen war ihr ein Verdacht gekommen.

Sie betrachtete den Rahmen des Containers und eine glänzende Stelle auf dem Metall erregte ihre Aufmerksamkeit. Von dort ging dieser widerliche Gestank aus, der ihr die Sinne geraubt hatte.

»Ein Tigermaug hat hier eine mentale Signatur gesetzt«, erklärte sie Peter. »Die Besatzung ist irgendwie damit in Kontakt gekommen. Sie werden noch eine ganze Weile mit den mentalen Projektionen des Tigermaug zurechtkommen müssen. Mit den Jungs würde ich jetzt nicht tauschen wollen.«

»Und was heißt das für uns?«

»Entwarnung«, antwortete Nea. »Du kannst das Schiff freigeben, die Männer auf die Krankenstation bringen und den Container reinigen lassen.«

»Und das war es dann?«

»Ganz genau! Das war‘s dann.«

Logan schaltete die Verbindung ab.

Ogo sandte Nea einen kurzen telepathischen Impuls. Aufmunternd und beruhigend.

»Ja«, sagte Nea müde, »hat mich ziemlich mitgenommen. Wäre mir früher nicht passiert. Ich muss sehen, dass ich bald wieder auf dem Damm bin. Lass uns nach Hause fliegen.«



Die Sicherungseinheiten, die den Frachter umstellt hatten, lösten ihre Formationen bereits auf, als Nea und Ogo aus der Hauptschleuse des Frachtraumes stiegen und die kurze Laderampe herunterkamen. Die schillernden Eindämmungsfelder verblassten und die Roboprojektoren falteten ihre Schirme ein.

Es war später Nachmittag, aber die Sonne brannte noch immer heiß vom Himmel. Die Luft über dem Asphalt der weiten Landeflächen flimmerte. Ein Reinigungsteam eilte ins Innere des Frachters, um die Speichelspuren des Tigermaug zu entfernen. Danach würden ihnen die Sanitäter folgen, um sich der Mannschaft anzunehmen.

Peter Logan stieg aus einem der Gleiter, in dem die Überwachungseinheiten, das Säuberungsteam und die Sanitäter untergebracht waren. Er war ein kleiner, rundlicher Mann, mit dem Nea schon häufig zusammengearbeitet hatte.

»So viel Lärm um nichts.« Er lachte, als Nea ihn um das Datentablet bat.

»Mir hat es gereicht«, antwortete sie und überflog den Einsatzbericht. Sie zog den Handschuh aus, drückte ihre Finger auf das Glas des kleinen Computers, um zu bestätigen, und gab ihn Logan zurück.

»Du kannst Sam sagen, ich schätze es sehr, dass er uns seinen besten Mann, beziehungsweise seine beste Frau geschickt hat.«

Nea grinste. »Mache ich.«

»Wir suchen dir das nächste Mal etwas aus, das eine größere Herausforderung darstellt. In Ordnung?«

Ihr Lachen erstarb. Nea war im Augenblick nicht nach Scherzen zumute und schon gar nicht nach größeren Herausforderungen.

Kapitel 2


Die Nova war Neas Schiff. Es stand einige hundert Meter entfernt in einem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand zum havarierten Frachter. Es war ein alter AVA 111 Boxer, mit zwei kräftigen Triebwerken und einem langgestreckten Rumpf, der über eine große Ladefläche verfügte. Darüber hinaus konnte er auch einige Annehmlichkeiten bieten, wenn Nea Gäste hatte. Es war Neas eigenes Schiff und gehörte nicht der Zefco - der Zefren Company, für die Nea als Scout tätig war. Auf dem Hafenplaneten Sculpa Trax, der auch kurz Scutra genannt wurde, waren etliche Scouts beschäftigt. Wie eigentlich auf jeder anderen Welt mit großen Raumhäfen. Nea arbeitete für gewöhnlich als Mechanikerin, für die Falthurea Cooperation, und ihr unmittelbarer Chef war Samuel Blumfeldt. Aber er vermittelte sie oft an die Zefco, die übergeordnete Instanz, die alle Angelegenheiten auf Scutra regelte. Und dort war Nea für ihre Zuverlässigkeit und ihr Können bekannt. Daher wurde sie oft angefordert, um sich kniffligen Angelegenheiten zu widmen.

»Du bist verdammt ungehorsam«, meckerte Nea mit ihrem O.G.O., streifte die Handschuhe ab, die sie in den Werkzeuggürtel steckte, und öffnete ihren Schutzanzug. Der stete Wind, der über die Ebene blies, kühlte ihren verschwitzten Körper. »Nie kann ich mich darauf verlassen, dass du dort bleibst, wo ich dich hingestellt habe.«

»Bislang waren meine Entscheidungen korrekt«, schnarrte Ogo zurück.

»Trotzdem«, beharrte Nea. »Irgendwie nervt es mich in letzter Zeit.«

»Du solltest zum Arzt gehen.«

»Du liebe Güte!«

»Es wäre gut, wenn du eine eingehende Überprüfung deiner organisch psychischen Systeme …«

»Überprüf du lieber deine Systeme!«, gab Nea schroff zurück.

»Mit mir ist alles in Ordnung«, verteidigte sich Ogo. »Es gibt keinen Grund meinen gelegentlichen Ungehorsam als Fehler in meiner Programmierung zu interpretieren.«

»Ich sehe das aber anders!«

»Meine Selbstanalyse legt den Schluss nahe, dass der Entwickler der O.G.O. Einheiten, Oswald Georg Ohan, eine Affinität zum Ungehorsam in unsere primäre Grundmatrix eingewoben hat. Es ist daher nicht überraschend - ich kann sagen, man sollte es sogar erwarten –, dass O.G.O. Einheiten zum Ungehorsam neigen.«

Nea verdrehte die Augen, diese Dialogsequenz kannte sie zur Genüge. Der O.G.O. wurde nicht müde, seine Einzigartigkeit bei jeder Gelegenheit zu betonen. »Ich erzähle dir gleich etwas über meine primäre Grundmatrix!«

Ogo ignorierte ihren Ärger. »Ohan war ein Freigeist und ich empfinde es nur logisch, wenn er als unabhängiger Konstrukteur diesen Charakterzug in uns etabliert hat.«

»Damit hat er sich selber ruiniert«, warf Nea ein. »Es war dumm von ihm, Freigeister zu erschaffen, die ihre eigene Produktion sabotieren.«

»Es handelte sich lediglich um einen Ablauf von Kausalitäten. Ein konsequenter Ausdruck …«

»Schluss jetzt!«, befahl Nea. »Mein Kopf verarbeitet noch immer die Illusionen des Tigermaug. Ich kann mich jetzt nicht auf deine philosophischen Ausführungen konzentrieren! Flieg uns einfach nach Hause.«



Während Ogo die Nova in den Falthurea Sektor flog, stellte sich Nea unter die Dusche, um sich zu beruhigen und nachzudenken. Als das warme Wasser über ihren Körper rann, überdachte sie die Ereignisse der vergangenen Wochen und Tage. Noch vor einem halben Jahr war jeder Auftrag ein Abenteuer für sie gewesen und ein Anreiz, erneut über sich hinauszuwachsen. Nun aber fühlte sie sich zusehends schwächer. Ihre Fehlerquote häufte sich und sie war unkonzentriert. Auch gelang es ihr nicht mehr, die Ereignisse einfach so zu vergessen, wie sie das früher gekonnt hatte. Die Anspannung blieb noch Tage nach dem Einsatz bestehen und beeinträchtigte ihre gesamte körperliche und geistige Verfassung.

In immer kürzeren Abständen wurde sie von Panikattacken heimgesucht, und wirre Träume in der Nacht taten ein Übriges, um ihre Zustände zu verschlimmern. Ihr trainierter Körper täuschte über die innere Zerbrochenheit hinweg, an der sie litt. Niemand, der sie ansah, würde auf die Idee kommen, wie entkräftet und müde sie war.

Sie ließ den rauschenden Strom warmen Wassers über ihren Nacken laufen und beobachtete, wie die Tropfen zu Boden fielen. Wenn sich doch die Angst und die Unsicherheit so leicht abwaschen lassen würden wie der Schmutz und der Schweiß nach einem anstrengenden Einsatz.



»Ich habe keine Angst«, flüsterte Nea. »Es gibt keinen Grund, dass ich mich fürchten sollte.«

Wie ein Mantra sprach sie die Worte immer und immer wieder. Sie saß aufrecht in ihrem Bett, Laken und Decke von kaltem Angstschweiß durchnässt. Der Albtraum verblasste langsam. Es war, als würde sich die Welt aus einem dunklen Nebel heraus allmählich neu erschaffen. Die Umgebung wurde nach und nach klarer. Aus Schemen wurden greifbare Formen und bald war alles wieder so, wie Nea es kannte. Vertraut und friedlich.

In ihrem Traum war sie in eine bodenlose Tiefe gesunken. Hinunter in einen gähnenden Schlund inmitten eines dunklen Ozeans. Sie war weiter und weiter in den kalten Abgrund gefallen, bis irgendetwas aus dem Dunkel heraufgekommen war. Etwas unendlich Feindseliges, das Nea zu verschlingen drohte. Ein Schatten inmitten der Finsternis, eine Ballung von Dunkelheit, schwärzer als die Nacht. Nea hatte versucht, der Bedrohung zu entkommen, aber es schien sie nur tiefer hinabzuziehen, in die ewige, kalte Nacht. In einer letzten, verzweifelten Kraftanstrengung, die aus schierer Panik entsprang, war Nea den funkelnden, unerreichbar weit entfernten Wellen entgegengeschwommen, auf denen verheißungsvoll der Sonnenschein tanzte. Sie war höher und höher gestiegen, bis sie endlich durch die schillernde Oberfläche gebrochen war, röchelnd und hustend. Endlich fühlte Nea den warmen, freundlichen Sonnenschein auf ihrem Gesicht. Sie sog die Luft in ihre Lungen und schrie ihre Angst mit aller Kraft hinaus. Von ihrem eigenen Aufschrei geweckt, war sie schließlich aus dem Schlaf hochgefahren - wie so oft in letzter Zeit.

Sie keuchte und starrte ins Dunkel, bis sie sich sicher war, dem wirren Traumreich endgültig entflohen zu sein. Manchmal rutschte sie von einem Albtraum in den nächsten oder lief in den Korridoren der Nova umher, ohne wirklich aufgewacht zu sein.

Benommen kletterte Nea aus dem Bett, taumelte ins Cockpit des Schiffes und setzte sich in den Pilotensitz. Sie umfasste die Steuergriffe und packte so fest zu, dass der Kunststoff knirschte und die Knöchel ihrer Finger hell hervortraten. Es fühlte sich gut an. Diese Welt war greifbar und real. Die Schatten und Traumgebilde verblassten und die Realität nahm allmählich solide Formen an - scharf und kontrastreich, als wären sie gerade neu erschaffen worden.

Nea hielt inne. Sie bemerkte, dass sie beobachtet wurde. Als sie sich umwandte, sah sie in die Sichtlinsen ihres O.G.O.

»Lass mich alleine. Mir geht es wieder gut.« Neas Stimme klang belegt und dem großen Roboter, der zu ihr in die Kanzel gekommen war, konnte es nicht entgangen sein, dass sie wieder unter Panikattacken litt - wie so oft in letzter Zeit. Natürlich verrieten weder seine eisernen Gesichtszüge, die spiegelnden Linsen seiner optischen Sensoren, noch seine Haltung irgendeine Art von Gefühlsregung. Aber auch ohne Worte konnte Nea erkennen, was das Elektronengehirn hinter seiner stählernen Maske dachte. Auf eine unerklärliche Art und Weise spürte Nea die Sorge dieser außergewöhnlichen Maschine, die sich so sehr von allen anderen Robotern Asgaroons unterschied. Einem O.G.O entging nichts und manchmal konnte man glauben, er könne über seine emphatischen Fähigkeiten hinaus auch Gedanken lesen. Allerdings bestand seine scheinbare Fähigkeit Gedanken zu erkennen nur aus der Musterinterpretation von aktiven und weniger aktiven Gehirnteilen.

»Träume?«, fragte er.

»Mach dir keine Sorgen«, fuhr sie beschwichtigend fort. »Für diese Nacht bin ich drüber weg.«

Mit kurzem, mehrmaligem Klicken antwortete Ogo. Er blieb noch einen Augenblick stehen. »Ich weiß nur allzu gut, wie gerne sich Menschen selbst etwas vormachen und wie leicht sie Probleme ignorieren«, sagte er.

Nea winkte ab. Sie hatte viele Diskussionen mit Ogo hinter sich gebracht, in denen es um die Natur des Menschen ging. Und offenbar schien er Nea und ihre Artgenossen tatsächlich ganz gut durchschaut zu haben.

»Ich kenne die speziellen, widersprüchlichen Eigenschaften eurer Rasse«, fuhr der Roboter fort. »Der Großteil eurer Handlungsweisen ist nachvollziehbar. Aber mich irritiert dieser selbstzerstörerische Wesenszug, der den Menschen, vor allen anderen Spezies, ganz besonders auszeichnet. Gefahren zu suchen oder sie beiseitezuschieben, ist eine Eigenschaft des Menschen, die ich nicht nachvollziehen kann.«

»Mach dir keine Sorgen«, beschwichtigte Nea. »Ich habe nicht vor mich selbst zu zerstören.« Sie wusste, dass seinen Sensoren nichts entging und er würde sofort erkennen, sollte Nea versuchen, ihm etwas vorzumachen.

Sie empfing einen kurzen, telepathischen Impuls, sanft wie ein Streicheln, dann trat er in den Korridor und ging in den hinteren Teil des Schiffes.

Tatsächlich hatte Nea ihm noch ein kurzes Lächeln geschenkt, bevor sie die Kanzel öffnete, um frische Luft hereinzulassen. Gedankenverloren starrte sie in den Nachthimmel über Sculpa Trax. Wie dünne Spinnfäden spannten sich endlose Reihen an Fahrzeugen über den Himmel. Ein Netz aus Schiffskolonnen. Transporter, Fähren und Passagierschiffe, geführt von unsichtbaren Leitsignalen, glitzernd und blinkend wie ein funkelndes Diamantkollier.

Eine laue Brise strich kühlend über Neas nackten Körper, auf dem noch immer die Schweißperlen glänzten, während sie den Geräuschen lauschte, die dieser seltsame, niemals ruhende Planet von sich gab. Der Wind, der immer den leichten Geruch von Ölen und Treibstoffen in sich trug, spielte mit ihrem glatten, blonden Haar, das ihr über die Schultern reichte. Lange blieb sie reglos in der Pilotenkanzel stehen und ließ all die Empfindungen auf sich wirken. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich sicher war, realen Boden unter den Füßen zu haben und dem Reich düsterer Träume entkommen zu sein. Sie sah hinaus auf die reale Welt. Ihre Welt, ihre Heimat, ihr Zuhause - Sculpa Trax. Raumhafen. Knotenpunkt Asagroons. Immer in Bewegung. Rastlos. Geschäftig und laut. Sie hatte sich in den vielen Jahren an das Brummen, Dröhnen und Donnern gewöhnt, das permanent die Luft erfüllte und das die ständige Begleitmusik ihrer Heimat bildete, wie es auf anderen Welten das Heulen des Windes oder das Rauschen von Meereswellen sein mochte. Nea war es inzwischen zur Gewohnheit geworden, ganz bewusst auf das Jammern und klagende Seufzen der dahineilenden Fahrzeuge zu horchen, die weit über ihr ihre Bahnen zogen.

Sie schloss die Augen und lauschte. Da war das weiche Rumpeln großer Frachter, deren Triebwerksvibrationen sie in ihrem Bauch spüren konnte, oder das helle Wimmern kleinerer Transporter, das in den Ohren kitzelte. Dazwischen das kraftvolle Dröhnen von Schiffen, die beschleunigten oder ihre Triebwerke herunterfuhren, um zu landen. All diese trivialen Eindrücke waren wie ein Anker für Nea, der sie davon abhielt, sich gänzlich in der Welt, jenseits des Bewussten, zu verlieren. Bald war alles wieder so wie immer. Geschrumpft auf das vertraute, harmlose Maß belangloser Alltäglichkeit. Sie öffnete die Augen und blickte wieder hinauf zum Himmel. Nur einige wenige kräftig funkelnde Sterne durchdrangen das dunstige Purpur, in dem die Atmosphäre von Sculpa Trax schimmerte.

Nea stand schweigend in der Kanzel und begann allmählich zu frieren. Sie ließ ihren Blick ein letztes Mal über die bizarre Landschaft aus Asphalt, Stahl und Beton schweifen und drückte dann auf einen Knopf an der Konsole. Surrend stülpte sich das Panzerglas wieder über das Cockpit, bis es mit einem beruhigenden Klicken einrastete. Stille breitete sich aus und legte sich schwer auf ihre Ohren.

»Signalgeber auf zwanzig Prozent«, befahl Nea und eine Geräuschkulisse aus Kontrolltönen erfüllte den Raum. Die Nova erwachte zum Leben. Es war wie ein elektronisches Gähnen, mit dem sich das Schiff bemerkbar machte und seine Einsatzbereitschaft zeigte. Es hatte eine beruhigende Wirkung auf Nea.

Die junge Frau seufzte erschöpft, holte sich frisches Bettzeug, ließ sich in den Pilotensessel fallen und rollte sich in die Decke ein. Kurz darauf war sie wieder eingeschlafen.

Kapitel 3


Als Nea erwachte, lag sie ausgestreckt in ihrem Sitz und noch eingehüllt in die dünne, blaue Bettdecke. Immerhin hatte sie den Rest der Nacht ruhig geschlafen. Helles Tageslicht flutete in den Raum und hinter dem dicken Panzerglas schimmerte ein heiterer Himmel.

Sie hatte viel zu lange geschlafen. Es war nicht ihre Gewohnheit, länger als nötig im Bett zu bleiben und es wurde Zeit sich zu bewegen. Damit schwang sie sich aus dem Sitz und zog ihren roten Pilotenanzug an.

Angenehmer Kakaoduft lag in der Luft und sie hörte Ogo, der in der Bordküche arbeitete. Teller schepperten, Tassen klirrten und das Wasser rauschte durch die Leitungen.

In all dem Tumult mischte sich das energische Summen der Kommunikationsanlage. Nea wandte sich der Cockpitkonsole zu und öffnete den Kanal.

Auf dem Monitor der Anlage erschien das breite Gesicht von Sam Blumfeldt, das den ganzen Schirm einnahm. Er war nicht nur Neas Vorgesetzter, der sämtliche Arbeiten im Falthurea-Sektor leitete, einem der größeren Bezirke von Sculpa Trax, sondern auch Neas Ziehvater, der sich ihrer angenommen hatte, gleich nachdem sie auf Sculpa Trax gestrandet war. Damals war sie noch ein Kind gewesen und über die Jahre hinweg war Nea ihm so lieb wie seine Tochter geworden. Er hatte zwar eine eigene Familie, aber der Kontakt war eingeschlafen. Weder seiner Frau noch seinem Sohn oder seiner Tochter war er in den vergangenen zwei Jahren begegnet.

»Guten Morgen, Kleines«, sagte er und versuchte, ein Lächeln aufzusetzen. »Sieht nicht so aus, als hättest du eine angenehme Nacht hinter dir.«

»Sieht man mir das so deutlich an?«

Er schüttelte besorgt den Kopf. »Ich hatte gehofft, es wäre besser geworden.«

»War auch so«, gab Nea zurück. »Aber der Auftrag mit dem Tigermaug …« Sie brach den Satz mit einer wegwerfenden Handbewegung ab.

»Ich hatte damit nichts zu tun, wie du weißt. Ich hätte dich gewarnt, als der Othero Sektor dich angefordert hatte. Du hast diesen Auftrag angenommen, ohne mich zu informieren.«

»Ja, das war ein Fehler«, meinte Nea. »Ich dachte, ich schaffe das.«

»Du weißt, ich habe dich aus allem herausgehalten, was zu gefährlich war, und dir Aufgaben zugeteilt, die eher deinem Talent als Technikerin entsprechen.«

»Vielleicht brauchte ich etwas Ablenkung.«

Sam winkte ab. »Schon gut. Ich wollte dir nur vor Augen führen, dass ich nicht über deine Gefühle hinwegsehen möchte. Ich denke, du hast eine längere Auszeit verdient. Aber du weißt, wie sehr mir hier der Boden unter den Füßen brennt. Und seit kurzem wird heißer gegessen als gekocht. Aber immerhin hat der Auftrag, den ich für dich habe, nichts mit polymorphen Parasiten, semivenomen Spezies oder dergleichen zu tun. Er erfordert lediglich dein technisches Geschick.«

Nea wartete auf seine Ausführungen.

»Auf dem Hauptkonstruktionsfeld meines Verwaltungsbezirkes steht das halbfertige Gerippe eines Schiffes«, erklärte er. »Der Kaiser selbst hat es in Auftrag gegeben und es wird mehr und mehr zu einem Ärgernis. Ich benötigte jede helfende Hand, die zupacken kann. Der Zeitplan ist verdammt eng. Ich stehe gehörig unter Druck. Etliche Probleme sind noch ungelöst und der Termin für den Stapellauf rückt unaufhaltsam näher.«

Er rieb sich die Stirn und Nea bemerkte die Schatten unter seinen Augen. Auch er musste in letzter Zeit schlaflose Nächte gehabt haben.

»Du glaubst gar nicht, unter welchem Stress ich stehe.« Seine Stimme klang müde. »Ich muss mich zusehends um Sachen kümmern, die nicht meine Aufgaben sind. Wie zum Beispiel um die Feier beim Stapellauf.« Er seufzte, und schüttelte genervt den Kopf. »Laufend wird der Plan geändert und ich muss ständig bei der Flugleitung nachfragen, wie man die Wünsche des Kaisers umsetzen kann. Und die kennen da keine Kompromisse. Ich denke, dass ich unter den Fluglotsen inzwischen kaum noch Freunde habe. Dann ruft mich täglich der kaiserliche Zeremonienmeister an und unterbreitet mir neue Forderungen und Anliegen. Die Gästeliste variiert beinahe stündlich und das bedeutet erhebliche Umgestaltungen bei den Ankunftsterminen und der Bereitstellung von Landeplätzen für die Barken und Jachten.« Er biss die Zähne zusammen. »Und das sind keine kleinen Jachten, wie du dir denken kannst. Hast du eine Ahnung, wie launisch adlige Gäste sein können?«

Nea wusste nur zu gut, dass einige der Häuser vor einer Weile noch Krieg gegeneinander geführt und erst vor kurzem einen brüchigen Frieden geschlossen hatten. Fehler in der Gestaltung des An- und Abflugprotokolls konnten schnell als Affront gelten und zu ernsten Schwierigkeiten führen.

Nea lauschte interessiert. Es kam selten vor, dass Sam sich derart aus der Ruhe bringen ließ. Sie beobachtete sein Mienenspiel und wie die Farbe seines Gesichts wechselte.

»Mein Rücken ist zwar breit«, meinte Sam mit bitterem Witz. »Aber diese Last will ich mir eigentlich nicht aufbinden. Stell dir vor, die würden mir die Schuld an einem Krieg anlasten! Nicht auszudenken! Ich muss sehen, wie ich es allen recht machen kann. Die Änderungen am Schiff machen die Ingenieure wahnsinnig. Sie brauchen immer neues Gerät und neues Material. Du kannst sie schon von weitem mit ihren Zähnen knirschen hören.«

»Du hattest mir die Pläne mal gezeigt«, bemerkte Nea. »War ein schöner Entwurf. Man sollte da nicht …«

»Du hast es erfasst, Kleines«, beeilte sich Sam zu sagen. »Das schöne, elegante Konzept ist einer ungeschlachten, plumpen Konstruktion gewichen. Der Chefdesigner hat sich mittlerweile davon distanziert, um seinen guten Ruf zu schützen.« Er machte eine Pause und begann zu lachen. »Dekladia sollte das Schiff heißen.«

»Hübscher Name«, merkte Nea an. »Und jetzt?«

»Wie wär‘s mit Palateyo

»Auch ganz schön.«

»Hithetrax

»Wie bitte?« Nea schluckte.

»Galflatera, Falimeeto? So könnte man das Schiff doch auch nennen.«

Nea war sprachlos.

»Jafanati und Pokamax waren weitere Vorschläge – ernsthaft. Kein Scherz!«

»Folter für das Trommelfell«, bestätigte Nea Sams Empfindung. »Sie sind doch bei Dekladia geblieben, oder?«

»Zu guter Letzt: ja. Aber er passt nicht mehr zu dem Klops, der da auf dem Konstruktionsfeld steht. Die Leute nennen es nur noch Klotz, Fass oder Klumpen.« Er blickte ins Leere und begann dann bitter zu grinsen. »Erinnerst du dich noch an die Kanoja?«

Bei Nea erweckte der Name unangenehme Erinnerungen. »Wie sollte ich die vergessen?« Als Sam Nea mit einem ihrer Spitznamen angeredet hatte, gerieten Kanojaner in Panik und verursachten ziemliche Aufregung. Für Kanojaner bedeutete es ein schlechtes Omen, wenn Namen geändert wurden. So etwas wie einen Spitznamen gab es in ihrer Kultur nicht. Sie galten als Zeichen für ein Doppelgesicht und jemanden, der mit dem Bösen im Bunde war.

»Hab ich dir jemals erzählt, dass die Kanojaner sofort abgezogen sind?«, erklärte Sam weiter. »Sie haben nicht einmal ihre Rechnungen eingereicht. Wollten nichts mehr mit uns zu tun haben.« Sam schüttete weiter sein Herz aus, beklagte noch viele andere Punkte, die ihm zu schaffen machten, und beteuerte wortreich, den Tag herbeizusehnen, an dem der Bau des Schiffes abgeschlossen werden könne, um es endlich, endlich, dem All zu übergeben, wo es dann für immer verschwinden möge. Er hoffte, dass es nie wieder seinen Kurs kreuzen würde. »Ich werde mich beim Stapellauf unter den Rumpf stellen und dem Klops eigenfüßig einen gehörigen Tritt versetzen, damit er genügend Schwung hat. Ich will auf Nummer sicher gehen. Du siehst, meine Albträume verfolgen mich auch noch, wenn ich wach bin.« Er grinste.

Nea brachte ein mitfühlendes Lächeln zustande.

»Insofern bist du richtig gut dran«, fügte er hinzu und blickte sie lange an. »Also - wir liegen deutlich hinter dem Plan zurück. Und ich kann hierbei leider auf niemanden mehr verzichten.«

Nea hatte ihn zwar verstanden, aber sie sagte nicht sofort zu. Sie hätte lieber einen Urlaub beantragt. Außerdem wurde sie den Eindruck nicht los, dass ihr Sam nicht die ganze Wahrheit sagte. Es gab genügend Techniker, die er einsetzen konnte, ohne dafür einen Scout wie Nea abzuziehen. »Deswegen die lange Rede?«, fragte sie spitz. »Oder steckt mehr dahinter?«

Sam zögerte einen Moment und ihm war anzusehen, dass er darüber nachdachte, sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Aber er entschied sich schließlich, Nea seine Gedanken mitzuteilen.