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Sauerlandkrimi & mehr

© 2001 by Kathrin Heinrichs

Alle Rechte vorbehalten

Vierte Auflage 2008

ISBN 3-934327-02-8

eISBN 978-3-93432718-4

Kathrin Heinrichs

Bauernsalat

Sauerlandkrimi & mehr

Denen gewidmet, die eine Kuh melken können

Ähnlichkeiten zu realen Orten sind gewollt. Personen und Handlung des Romans dagegen sind frei erfunden. Bezüge zu realen Menschen wird man daher vergeblich suchen.

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Weitere Fälle von Vincent Jakobs

1

Ich liebe den Herbst. Ich liebe den Herbst, obwohl er mich fürchterlich melancholisch macht. Und der Herbst im Sauerland scheint dazu eine besondere Begabung zu haben. Der Laubwald im Borketal hatte eine zauberhafte Mischung von Gelb- und Rottönen angenommen. Jetzt, wo die Sonne durch die lichter werdenden Baumwipfel schimmerte, erschien der Herbst goldener denn je. Rechter Hand plätscherte der Fluß, dessen Oberfläche märchenhaft im Sonnenlicht glitzerte.

Im Zuge meiner zunehmenden Melancholie mußte ich unwillkürlich an ein Gedicht aus meiner Studienzeit denken: „Herbsttag“ – ein Klassiker von Rainer Maria Rilke, der in dieser Jahreszeit bei jeder Gelegenheit rezitiert wurde: „Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“ Schon wußte ich nicht mehr weiter, was mir peinlich war. Schließlich hatte ich Germanistik studiert und mich mit speziell diesen Versen beschäftigt.

Mir schoß in den Kopf, daß dieser Sommer bereits mein zweiter im Sauerland gewesen war, nachdem ich vor eineinhalb Jahren eine Lehrerstelle an einer katholischen Privatschule angenommen hatte. War ich mir damals nicht sicher gewesen, daß ich es höchstens ein Jahr lang hier aushalten würde? Nun, inzwischen hatte ich meine Aufenthaltsdauer mental verlängert, wenngleich mich der Gedanke an ein kühles Glas Kölsch nach wie vor noch sehnsuchtsvoller stimmen konnte als jede sauerländische Herbstlandschaft. Alexa – natürlich hatte vor allem sie dazu beigetragen, daß ich mich in der neuen Umgebung zunehmend wohler fühlte. Meine Freundin Alexa, mit der ich seit über einem Jahr den Beweis antrat, daß mit Rheinland und Westfalen nicht zwei unvereinbare Mentalitäten zusammenkommen. Darüber hinaus machte mir auch der Lehrerberuf Spaß, noch dazu, da ich an meinem ländlichen Gymnasium das Klassenzimmer noch ohne Kugelweste und Verteidigungsspray betreten konnte.

Es sprach eben alles für eine Zukunft im Sauerland, eine Zukunft an Alexas Seite – es sprach alles für festgefügte Strukturen und glückliche Jahre im Eigenheim. „Sie sind schließlich nicht mehr der Jüngste!“ hatte mir die Sekretariatsnonne Gertrudis erst unlängst im Lehrerzimmer mitgeteilt – und im selben Atemzug hinzugefügt, der anstehende Millenniumswechsel sei das ultimative Datum für meine Trauung. Ich hatte mir abgewöhnt, dem zu widersprechen. Schwester Gertrudis war nun mal der Meinung, daß man in meinem Alter nur noch unter Zuhilfenahme mehrerer Erbschaften verheiratet werden konnte.

Bei solcherlei Überlegungen überkam mich dann jedesmal dieses flaue Gefühl. Es hatte irgendwie Ähnlichkeit mit den Vorzeichen einer Magen-Darm-Grippe. Es war so ein Ziehen, das gleichzeitig ein Drücken war. Es begann direkt in der Magengegend, zog sich von dort in den Herzbereich, sorgte da für einen Beinahausfall der Herztätigkeit und schlug dann auf den Kreislauf über, so daß mich ein heftiger Schwindel überkam, der meist mit einem Klirren in den Ohren endete. Während ich das Ortsschild von Alexas Heimatdorf passierte, setzte das flaue Gefühl in der Magengegend bereits zum Sprung auf die Herzregion an. Ich versuchte mich zu entspannen. Heute konnte ich mir Schwächeleien nicht leisten. Heute hatte ich einen Auftrag. An diesem Samstag sollte ich mich um Alexas Oma oder, wie man im Sauerland sagt, „Ommma“ kümmern. Ein Kinderspiel, denn ich brauchte noch nicht einmal selbst für Ommmas Unterhaltung zu sorgen. Vielmehr sollte ich Ommmas Schwester Mia, die im selben Ort wohnte, herbeikutschieren und nachher wieder zurückbringen. Alexa selbst war der tierärztliche Notdienst dazwischengekommen und so war ich eingesprungen. Warum auch nicht? Schließlich war ein Ausflug in eine herbstlich geschmückte Dorfidylle eine durchaus verlockende Vorstellung. Ich ahnte noch nicht, was der Nachmittag mit Ommma und ihrer Schwester an Überraschungen für mich bereithalten sollte. Viel weniger noch sah ich voraus, wie sehr mein Bild von der Dorfidylle in wenigen Stunden aufs heftigste erschüttert werden würde.

Von all dem machte ich mir keine Vorstellung, als ich den Wagen vor Alexas Elternhaus parkte und gutgelaunt auf die Eingangstür zuschritt. Als sich die Haustür öffnete, blieb mir keine Zeit für eine Begrüßung. Ommma Schnittler zog mich sofort zu sich heran und flüsterte mir verschwörerisch etwas zu, ohne zu berücksichtigen, daß wir sowieso ganz allein im Haus waren.

„Von mir aus bräuchten Sie meine Schwester gar nicht zu holen“, raunte Ommma. „Ich lade sie immer nur ein, um ihr einen Gefallen zu tun. Damit sie auch mal etwas Abwechslung hat, in ihrem Alter.“

Ich versuchte mich zu erinnern. Alexa hatte mir erzählt, Tante Mia sei 84, also knappe zwei Jahre älter als Ommma.

„Mia hat eben nicht so viele Bekannte wie ich, was auch kein Wunder ist bei ihrer eingebildeten Art. Sie bekommt nie Besuch und wird auch nirgendwohin eingeladen.“

„Ah ja!“ Ich lächelte verständig.

„Wenn es nach mir ginge, bliebe jeder, wo er ist. Aber man muß ja Mitleid haben mit ihr. Sie hat ja sonst keinen.“

Soviel ich wußte, lebte auch Tante Mia mit der Familie ihrer Tochter unter einem Dach.

„Früher mußte ich jeden Samstag zu ihr hin“, erklärte Ommma jetzt aufgebracht. „Das war noch viel schlimmer für mich. Aber damit sie überhaupt noch einen Schritt vor die Tür macht, kommt sie jetzt jeden Samstag zu mir.“ Ommma hielt sich die Hand vor die Stirn, um zu signalisieren, wie sehr sie die samstägliche karitative Aufgabe belastete.

„Es muß ja auch bitter für sie gewesen sein, daß unsere Eltern mich lieber mochten als sie“, zeigte Ommma plötzlich ein vorher undenkbares Verständnis für Mias Situation. „Ich spreche da natürlich nicht drüber, aber Mia war ein schrecklich ungeschicktes Kind, gar nicht praktisch veranlagt, im Haushalt überhaupt nicht zu gebrauchen. Da ist es ja kein Wunder, daß unsere Eltern mich immer bevorzugten.“

Ommma warf einen Blick auf die Wanduhr. „Es wird Ihnen wohl nichts anderes übrig bleiben“, seufzte sie, „als Mia jetzt abzuholen. Es ist schon drei Uhr.“

In Wirklichkeit war es erst halb drei, aber ich wollte Ommma nicht auf ihre Sehschwäche aufmerksam machen.

„Sie haben sich den Weg ja beschreiben lassen“, meinte die indes, „einfach die Straße rauf, am alten Sägewerk abbiegen, und dann ist es das Haus, wo das Unkraut im Vorgarten fast bis zu den Knien hoch steht.“

Der Vorgarten war topp in Ordnung. Davon konnte ich mich überzeugen, als ich mich fünf Minuten später bei Tante Mia vor der Haustür wiederfand. Tante Mia öffnete lächelnd, ohne daß ich klingeln mußte.

„Na, dann wollen wir es mal wieder hinter uns bringen!“ seufzte sie, als sie auf mein Auto zumarschierte. „Glauben Sie bloß nicht, daß mir diese wöchentlichen Besuche Spaß machen. Aber was tut man nicht alles für seine Schwester? Sie hat ja außer mir keine Bekannten. Kein Wunder, so besserwisserisch wie sie ist.“

Mir blieb der Mund offenstehen.

„Sicher hat sie schon über mich gehetzt, nicht wahr?“

Gott sei Dank brauchte ich nicht zu antworten. Tante Mia sprach sofort weiter. „Das liegt daran, daß unsere Eltern mich immer bevorzugt haben. Ich war eben ein so niedliches Kind. Ist doch klar, daß man mich da lieber hatte.“ Mia warf einen Seitenblick auf mich. „Leider hat Magda das bis heute nicht verkraftet.“

„Verstehe!“ Ich öffnete die Beifahrertür und suchte krampfhaft nach einem anderen Gesprächsthema. Vorerst hieß es jedoch, Tante Mia in mein kleines Auto zu bugsieren. Immerhin tat sie sich mit dem Laufen schwer, und es fiel mir nicht leicht, ihre steifen Beine vorsichtig im Auto zu verstauen.

„Jeden Samstag diese Tortur!“ stöhnte sie. „Aber von meiner Schwester Magda kann man natürlich nicht erwarten, daß sie noch zu solchen Unternehmungen in der Lage ist. Seit ihrer Hüftoperation kriegt sie ja gar nichts mehr auf die Reihe. Ich bin zwar die ältere von uns beiden, aber ich war schon immer die robustere. Wenn Sie mich fragen: Ich glaube, sie macht es nicht mehr lange!“ Mit Schwung zog Tante Mia die Autotür zu.

Das Aussteigen vor Schnittlers Haus erwies sich als noch schwieriger. Ich mußte Tante Mia erst in eine leichte Seitenlage bringen, bevor ich ihre Beine aus dem Auto herausbekam.

Ommma hatte hinter dem Fenster gestanden. „Du warst aber auch mal wendiger“, sagte sie zur Begrüßung ihrer Schwester. „Seit der Thrombose vor sechs Monaten ist nicht mehr viel los mit ihr!“ zischte sie mir zu.

„Dafür höre ich aber noch recht gut!“ rächte Tante Mia sich sofort. „Aber mit deinen Augen scheint ja auch was nicht in Ordnung zu sein. Sonst hättest du heute morgen vorm Spiegel gemerkt, in welchem Zustand sich deine Haare befinden. Oder ist da nichts mehr zu machen?“

Ommma marschierte wutentbrannt vor Tante Mia ins Wohnzimmer. Letztere wandte sich einmal mehr an mich. „Mit ihrem Aussehen hat sie es eben nicht. Ihren Mann hat sie nur mitgekriegt, weil ich bereits vergeben war. Eigentlich hatte Willi nämlich ein Auge auf mich geworfen, aber zu der Zeit war ich bereits mit Anton verlobt!“

Inzwischen waren wir im Wohnzimmer angekommen.

„Das wäre aber nicht nötig gewesen!“ sagte Ommma und nahm Tante Mia ein Geschenk aus der Hand. Sie packte es nicht aus, sondern stellte es kurzerhand auf einen Seitenschrank. „Ich nehme an, es ist wieder ein Pfund Kaffee!“ murmelte Ommma. Zu mir zischte sie: „Glaubt die eigentlich, wir könnten uns keinen leisten? Wahrscheinlich bekomme ich demnächst noch ein Care-Paket von ihr.“

Ich hätte wetten können, daß das Kaffeegeschenk bei nächster Gelegenheit unausgepackt weiterverschenkt wurde, vielleicht sogar an Tante Mia höchstselbst.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Ich war froh, daß ich mich für einen Augenblick in den Schnittler’schen Wohnbereich zurückziehen konnte. Am Apparat war Alexa.

„Na, ist alles in Ordnung?“ fragte sie gutgelaunt.

„Wie man’s nimmt!“ antwortete ich. „Sie arbeiten gerade ihre Kindheit auf, die ja auch erst schlappe 80 Jahre zurückliegt. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob sie nicht gleich anfangen, sich um ihre verstorbenen Ehemänner zu prügeln.“

„Ich sehe, es läuft alles wie immer“, meinte Alexa lapidar. „Du kannst sie jetzt alleine lassen, die kommen nun zurecht.“

Ich lehnte mich in dem festen Glauben zurück, das Schlimmste bereits überstanden zu haben.

„Sag mal, warum tun die sich das an?“ wandte ich mich an Alexa. „Es ist doch für beide nur eine Qual!“

„Das denkst du! Ein Samstag ohneeinander und sie sind kreuzunglücklich. Tief in ihrem Herzen mögen sie sich!“

„Dann können sie es aber prächtig verbergen! Ach, eine Frage habe ich noch“, die Sache ging mir schon die ganze Zeit durch den Kopf. „Meinst du diese Art, die die beiden haben, die ist erblich? Hast du das auch in deinen Anlagen?“

„Nicht die Spur!“ hörte ich durch den Hörer Alexas selbstsichere Stimme. „Aber du mußt mal meine Schwester erleben. Die ist unmöglich. Als wir klein waren, da hat sie mir immer gesagt, nur sie …“ Ich weiß auch nicht, wie es kam. Es muß ein Reflex gewesen sein. Irgend etwas in mir hatte den Hörer aufgelegt.

Einen Moment später klingelte es wieder. Ich nahm ab. Schließlich war ich heute verantwortlich. „Bei Schnittler!“

Ich hörte förmlich, wie am anderen Ende jemand stutzte. „Ich wollte eigentlich Alexa sprechen“, sagte eine männliche Stimme. „Ist sie da?“

„Nein!“ sagte ich knapp. „Wer ist denn da überhaupt?“ Plötzlich tutete es in der Leitung. Der Mistkerl hatte aufgelegt. Nachdenklich lehnte ich mich zurück. Wer war der Anrufer gewesen? Woher hatte er gewußt, daß Alexa heute kommen wollte, und warum hatte er so komisch reagiert? Offensichtlich hatte Alexa hier Kontakte, von denen ich nichts ahnte. Ich schnaubte vor Wut. Ich Blödmann saß hier, um ihre Ommma zu versorgen, anstatt zu realisieren, daß sie noch andere Männer bei Laune hielt. Eine neue Welle herbstlichen Selbstmitleids überkam mich. Wie endete das Gedicht von Rilke noch? „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben“.

Scheiß Herbst, Scheiß Gedicht, Scheiß Sauerland!

Fünf Minuten später klingelte erneut das Telefon. Ich ließ es länger klingeln. Wahrscheinlich wieder ein pubertierender Verehrer, der ein Rendezvous mit Alexa arrangieren wollte. Beim siebten Läuten ging ich dran – es konnte ja auch für mich sein.

„Vincent, wo warst du denn so lange?“ fragte Alexa aufgeregt.

„Muß ich neben dem Telefon sitzen, um deinen Verehrern geduldig Auskunft zu geben? Vielleicht darf ich sogar deine Handy-Nummer weitergeben, falls jemand sie noch nicht hat?“

„Wovon redest du?“

„Warum weiß jemand, daß du um diese Zeit bei deinen Eltern sein wolltest, fragt nach dir und legt dann einfach auf? Das stinkt doch wie ein sauerländischer Misthaufen!“

„Vincent, ich bitte dich, das muß Elmar gewesen sein! Genau seinetwegen rufe ich jetzt auch an. Er hat sich anschließend hier bei mir in der Praxis gemeldet. Er braucht Hilfe!“

„Wie schön! Gut, daß du gerade Notdienst hast. Kannst du solche Hilfeleistungen auch abrechnen?“

„Du spinnst ja! Elmar ist ein alter Freund!“

„Na, wie praktisch! Da kennt man sich ja dann sehr detailliert.“

„Können wir vernünftig miteinander reden?“

„Weißt du, wie ich mir vorkomme? Ich Esel sitze hier und passe auf deine Seniorenverwandtschaft auf und ahne nichts von den Elmars dieser Welt.“

„Ich hatte in letzter Zeit fast gar nichts mehr mit Elmar zu tun. Er ist ein Freund aus Kindertagen. Vor zwei Wochen hat er mich dann mal angerufen und mich um ein Gespräch gebeten. Ganz kurzfristig hatte ich aber keine Zeit. Danach hat er sich bei meiner Mutter erkundigt, wann ich mal wieder bei meinen Eltern bin – er wollte bei der Gelegenheit vorbeikommen. Deshalb dachte er, daß ich da bin.“

„Und warum hat er dann nicht mal die Güte, einen vernünftigen Satz mit mir zu sprechen? Warum legt er einfach auf?“

„Er hat ein Problem – und zwar ein ganz gewaltiges. Sein Onkel ist tödlich verunglückt – und zwar nach einem heftigen Streit mit Elmar. Jemand hat die Polizei gerufen, und jetzt steht Elmar natürlich ziemlich blöd da.“

„Klar, daß er da als erstes seine lang verschollene Sandkastenfreundin anruft!“

„Vincent, ich habe keine Ahnung, warum er in dieser Situation gerade mich um Hilfe gerufen hat. Als er sich in der Praxis gemeldet hat, war er völlig verwirrt. Einer der Polizisten hat ihm gesagt, er dürfe jemanden anrufen. Aber er brauche keinen Anwalt, hat er zu mir gesagt. Irgendwie ist er statt dessen wohl auf mich gekommen. Wahrscheinlich, weil er mich heute sowieso bei meinen Eltern anrufen wollte. Aber darum geht es jetzt auch gar nicht. Elmar braucht Hilfe, und ich kann nicht kommen, jedenfalls nicht sofort.“

„Falls das ein Wink sein sollte, so habe ich ihn überhört. Ich kenne Elmar nicht, und ich weiß auch gar nicht, ob ich ihn kennenlernen möchte. Ich könnte ihm nicht die geringste Hilfe sein. Außerdem ruft Ommma gerade nach mir. Wahrscheinlich braucht sie Unterstützung im Wortgefecht mit ihrer Schwester, und ich tue gut daran, jetzt –“

„Vincent, ich brauche dich jetzt. Ich habe Elmar versprochen, daß ich dich vorbeischicke. Schließlich hattest du schon häufiger mit Mordfällen zu tun.“

„Du tust, als würde ich bei der Kripo arbeiten. Ich bin zweimal in so eine Mordsache reingeschlittert, doch nach einem Jahr Abstinenz sehe ich mich als geheilt an. Ich werde mich nicht nochmal in sowas reinziehen lassen. Außerdem kannst du nicht einfach jemandem versprechen, daß du mich vorbeischickst. Ich bin doch kein Paketdienst!“

„Vincent, es ist eine Notlage. Leg doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Ich bitte dich darum: Fahr zu Elmar nach Hause und sieh, ob du ihm helfen kannst!“

„Und was ist mit Ommma und ihrem Besuch?“

„Die kommen schon klar, wenn sie zusammen sind! Frag mal, ob sie was im Fernsehen gucken wollen! Ich bin dir so dankbar, Vincent. Ich liebe dich!“

Seufzend legte ich den Hörer auf. Ich war einfach zu gutmütig. Da saß ich nun, im Gepäck Ommma, Tante Mia, einen vermeintlichen Nebenbuhler und einen Todesfall. Da sollte mir nochmal jemand was von Idylle erzählen. Oder von Liebe!

2

Den Weg zu Elmar fand ich ganz problemlos. Ommma und Tante Mia hatten sich praktisch darum gerissen, mir eine Wegbeschreibung zu liefern, und waren sich daher permanent ins Wort gefallen. Dabei hatte ich erfahren, daß die Schulte-Vielhabers einen Bauernhof bewohnten, den größten weit und breit, wie Tante Mia versicherte. Ein Jungbauer war es also, der um Alexa buhlte. Ich bezweifelte, daß sein Interesse sich allein auf Alexas tierärztliches Fachwissen beschränkte. Schließlich war es kein Geheimnis, daß die Zunft der Landwirte Probleme bei der Heiratsvermittlung hatte. Kein Wunder also, daß Hoferbe Elmar mal in den Fotoalben geblättert und sich dabei an seine Kindergartenliebe Alexa erinnert hatte – noch dazu, da sie in der Zwischenzeit einen so handfesten, vom Landleben geprägten Beruf ergriffen hatte. Wahrscheinlich sah dieser Elmar seine Zukünftige bereits morgens zum Melken unter der Kuh liegen und abends … Ich drehte ab. Heute gab es schließlich Melkmaschinen! Außerdem war die Vorstellung grotesk, daß Alexa sich als Bäuerin bewähren könnte. Wenn ich an ihren freien Tagen die Rolladen vor zehn Uhr hochzog, lief ich glatt Gefahr, noch in derselben Stunde hingerichtet zu werden. Und auch an ihren Arbeitstagen war Alexa in den frühen Morgenstunden nicht gut ansprechbar – als Bäuerin also gänzlich ungeeignet, resümierte ich befriedigt und bog von der Bundesstraße auf den schmalen Feldweg zum Hof ab.

Der Bauernhof präsentierte sich von seiner besten Seite. Schon die Zufahrt war eindrucksvoll. Zu beiden Seiten von hohen Linden gesäumt, wirkte der Weg wie eine hochherrschaftliche Allee. Nach etwa dreihundert Metern tat sich dann vor mir der Hof auf: Zur Linken eine gepflegte Scheune, vor mir das eigentliche Haupt- und Wohngebäude. Es war in allerbestem Zustand, wahrscheinlich erst vor kurzem frisch weiß verputzt – das Ganze wirkte wie ein Bilderbuchhof. Mittig veredelte eine großflüglige Holztür das Gebäude, die vielen kleinen Holzsprossenfenster vervollständigten das Bild. Rechts und links schlossen sich in ein paar Metern Abstand nach hinten hufeisenförmig zwei größere Nebengebäude an, das eine auch so eine Art Scheune, in der aber offenbar die landwirtschaftlichen Fahrzeuge untergebracht waren, das andere wahrscheinlich ein Stall. Mitten auf dem Hof lockerten zwei riesige Kastanienbäume das Bild auf. Ihre Blätter hatten sich bereits gelb gefärbt.

Ich parkte mein Auto in einer Reihe neben fünf anderen Wagen, von denen einer ein Streifenwagen war. Als ich mich abschnallte, sah ich im Spiegel, wie eine Katze hinten um mein Auto strich. Sie sprang davon, als ein weiteres Fahrzeug auf den Hof fuhr. Es war ein Leichenwagen, die klassische Variante, wie sie fast jedes Beerdigungsunternehmen besitzt. Langsam kletterte ich aus dem Auto aus und beobachtete, wie zwei Männer aus dem Leichenwagen stiegen und anschließend einen metallenen Sarg aus dem hinteren Teil zogen. Ich ging auf sie kurz und sah erst jetzt, daß sich ein Polizist in Uniform näherte.

„Tach zusammen“, grüßte er. „Sie müßten dann einmal um die Scheune rum!“

Ganz offensichtlich glaubte der Polizist, ich gehörte zum Beerdigungsunternehmen. Die Beerdigungstypen wiederum hielten mich wohl für einen Ermittler. Ich dagegen wußte selbst nicht so genau, warum ich hier war. Trotzdem folgte ich dem Sarg um die Scheune herum bishin zu einem Schiebetor, das rückwärtig angebracht war. Der Anblick war fürchterlich. Der Tote lag auf dem Betonboden, der die Scheune in etwa drei Metern Abstand umgab, direkt neben einer überlangen Leiter aus Aluminium. Sein Gesicht war blutüberströmt, offenbar war ihm auch Blut aus Mund und Nase gelaufen, seine Arme waren unnatürlich nach hinten gedreht. Ich wollte nicht wissen, was an ihm alles gebrochen war. Eine Gruppe von Menschen wirbelte um den Toten herum. Irgend jemand fotografierte, zwei weitere Männer fuchtelten mit anderen Gerätschaften herum.

„Ihr könnt ihn mitnehmen!“ sagte gerade jemand zu den beiden Männern mit dem Metallsarg. „Er geht natürlich in die Obduktion.“

Der, der gesprochen hatte, drehte sich um. Ein alter Bekannter – Christoph Steinschulte. Steinschulte blickte irritiert: „Was machst du denn hier?“

„Ich war zufällig ganz in der Nähe!“ antwortete ich und merkte im selben Augenblick, wie blöd der Satz klang.

„Aha!“ Steinschulte gab mir die Hand. „Ich dachte, vorne ständ jemand als Absperrung.“ Steinschulte sah einen seiner Mitarbeiter mißmutig an.

„Der Jungbauer ist ein Freund von Alexa!“ schob ich nach, als würde das meine Anwesenheit rechtfertigen.

„Ach!“ Jetzt zeigte Steinschulte erstmalig Interesse.

Ich hatte den Kommissar kennengelernt, als vor gut einem Jahr in einem Schützenverein ein Mord passiert war. Steinschulte hatte damals zusammen mit seinem Vorgesetzten die Ermittlungen geleitet. Ganz nebenbei war er auch ein alter Bekannter von meinem Freund Max, dem Taxifahrer.

„Was ist denn eigentlich passiert?“ Mit einer Kopfbewegung deutete ich auf den Toten hin, der gerade eingesargt wurde. Ich vermied es, einen weiteren Blick auf ihn zu werfen.

„Er ist von der Leiter gestürzt!“ erklärte Christoph Steinschulte und steckte die Hände dabei in die Jackentasche. „Er hat wohl da oben an der Dachrinne gearbeitet. Dabei ist er hier voll auf den Beton geknallt.“

Ich mochte mir nicht vorstellen, mit welcher Wucht er aufgeprallt war. Die Dachrinne war bestimmt fünf, sechs Meter hoch.

„Bei aller Tragik – warum ist das ein Fall für die Kripo?“ Einer der Männer von der Spurensicherung hob den Kopf und warf mir einen neugierigen Blick zu. Dann strich er weiter mit einem Pinsel auf der Leiter herum.

„Eine Zeugin hat gehört, daß der Tote unmittelbar vor dem Sturz mit jemandem gesprochen hat. Genauer: Er hat jemanden angebrüllt, er solle die Leiter stehen lassen. Einen Augenblick später ist er gestürzt.“

„Hat die Zeugin den anderen denn nicht gesehen?“

„Die Zeugin hatte bei der Frau des Hauses Eier gekauft. Sie verließ das Wohnhaus und ging über den Hof zu ihrem Auto. Plötzlich hörte sie von dieser Seite der Scheune das Gebrüll, dann den Aufprall. Nach ein paar Schrecksekunden lief sie um die Scheune herum und fand hier den Toten. Nach ihren Angaben war kein anderer Mensch zu sehen.“

„Wenn der Täter der Zeugin nicht entgegengekommen ist, kann er immer noch in mehrere Richtungen geflüchtet sein“, resümierte ich mit Blick auf das angrenzende Feld und den Feldweg, der den Hof vom Feld abgrenzte. Auf diesem Weg konnte man innerhalb kurzer Zeit hinter der nächsten Biegung verschwunden sein.

„Kann er“, meinte Christoph Steinschulte lapidar. „Vielleicht ist er aber auch einfach nur um die Scheune herumgegangen, und zwar nicht auf der Vorderseite, die auch Frau Wiegand genommen hat, sondern an der Rückseite entlang. Dann kann er plötzlich wie selbstverständlich auf dem Innenhof gestanden haben. Ein Mitglied der Familie zum Beispiel.“ Steinschultes Tonfall ließ keinen Zweifel daran, daß dies für ihn die wahrscheinlichste Möglichkeit war.

„An wen denkt ihr?“ Steinschulte wandte sich zum Gehen. Ich schloß mich einfach an.

„Elmar Schulte-Vielhaber, der Hofnachfolger und Neffe des Toten, hatte vorher eine heftige Auseinandersetzung mit seinem Onkel. Das streitet er gar nicht ab.“

Ich schlenderte mit Steinschulte zum Wohnhaus hinüber.

„Elmar wird also tatsächlich verdächtigt?“

„Das kann man so sagen!“

„Und was habt ihr jetzt vor?“

„Wir werden mit allen Beteiligten nochmal sprechen. Vielleicht ergeben sich dadurch neue Gesichtspunkte. Vielleicht macht auch jemand eine Aussage.“ Christoph hob verheißungsvoll die Augenbrauen. Ein schnelles Geständnis hielt er wohl nicht für ausgeschlossen. Inzwischen waren wir an der Haustür angekommen.

„Hast du was dagegen, wenn ich für einen Moment mit reinkomme?“

Christoph zögerte einen Augenblick, während er die Klinke in der Hand hielt. Dann hatte er sich entschieden. „Wenn du nicht störst, hab ich nichts dagegen.“

Als wir in die Diele traten, hörte man eine Wanduhr ticken. Obwohl Personen im Haus sein mußten, war eine unheimliche Stille zu spüren, die das Geräusch um so mehr hervorhob. Plötzlich öffnete sich eine Tür und ein Polizist in Uniform kam auf uns zu.

„Ich bin mit den Schulte-Vielhabers hier drinnen“, erklärte er im halblauten Tonfall. „Schneider ist mit Frau Wiegand drüben im Wohnzimmer.“

„Gut, ich spreche nochmal kurz mit der Zeugin“, sagte Christoph. „Dann kann sie endlich nach Hause gehen. Anschließend komme ich zu euch.“

Ohne ein weiteres Wort öffnete Christoph eine Tür und ließ mich stehen. Kurzerhand schloß ich mich dem Polizisten an, der wieder in die Küche ging. Als ich reinkam, hoben sich zwei Köpfe. Auf einem Stuhl saß eine Frau mit kurzen, grauen Haaren. Sie hatte eine jugendliche Figur und einen jungen Haarschnitt, doch ein Blick in ihr verweintes Gesicht ließ mich sie auf um die sechzig schätzen. An die Küchenzeile gelehnt stand ein junger Mann in Arbeitskleidung. Er war groß und sportlich, hatte braunes, welliges Haar und ein offenes Gesicht. Er schaute mich ernst an, wahrscheinlich hielt er mich für einen der Ermittler.

„Ich heiße Vincent Jakobs“, erklärte ich und gab erst der Mutter, dann Elmar die Hand. „Alexa hat mich eben angerufen. Sie kann nicht selber kommen, aber vielleicht kann ich etwas für Sie tun.“

Elmars Mutter blickte fragend ihren Sohn an, Elmar wippte auf seinen Wollsocken herum.

„Es wird sich bald alles aufklären“, grummelte Elmar. „Ich brauche keinen Anwalt.“

„Aber es ist trotzdem nett, daß Sie gekommen sind“, sagte seine Mutter leise.

„Allerdings wäre es nicht nötig gewesen“, beharrte Elmar. „Hier ist ein Unfall auf dem Hof passiert – ein schlimmer Unfall. Mein Onkel ist von der Leiter gestürzt. Und jetzt behauptet eine Nachbarin, sie hätte meinen Onkel mit jemandem streiten hören. Dabei kann das gar nicht sein.“ Elmar fuhr sich unwillig durch die Haare. „Es war niemand mehr auf dem Hof – außer uns, meiner Mutter und mir. Und wir waren am Arbeiten, meine Mutter im Haus und ich im Stall. Kurz vorher war noch einiges los hier, Leute, die Eier gekauft haben, ein Freund, der mir ein Werkzeug zurückgebracht hat, aber dann war endlich Ruhe, und wir konnten an unsere Arbeit gehen. Und jetzt behauptet diese Frau, mein Onkel hätte vom Dach aus mit jemandem gestritten. Das kann gar nicht sein.“ Elmar ereiferte sich.

„Jetzt wollen die diesen Unfall womöglich meinem Sohn unterschieben, nur weil er vorher einen Streit mit Franz gehabt hat“, sagte Elmars Mutter mit bebender Stimme.

„Wer wußte denn überhaupt von dem Streit?“ wollte ich wissen.

„Na, das hat eben auch die Wiegand mitgekriegt“, schimpfte Elmar. „Als sie zum Eierholen kam, habe ich mit Onkel Franz an der Stalltür gestanden. Er wollte mich schon wieder wegen des Futtermittels belabern. Immer wieder fing er damit an. Ich hab ihm gesagt, daß ich selbst weiß, was ich den Tieren gebe, da ist er dann laut schimpfend abgezogen und wollte weiter seine dämliche Regenrinne reparieren.“

„Und Sie?“

„Ich bin zum Füttern gegangen, was sonst? Ich bin erst wieder rausgekommen, als meine Mutter mich rief.“

„Frau Wiegand hatte bei mir Eier gekauft und ist dann gegangen“, erklärte Elmars Mutter. „Ein paar Minuten später kam sie wieder ins Haus gestürzt und schrie, der Franz sei tot.“

„Ich bin die ganze Zeit im Stall gewesen“, wiederholte Elmar patzig. „Und sonst war niemand auf dem Hof.“

„Das würde ich an Ihrer Stelle nicht ganz so fest behaupten“, meinte Christoph Steinschulte. Er trat zur Tür herein und hatte offensichtlich den letzten Satz mitangehört. „Ihre Nachbarin Frau Wiegand bleibt bei ihrer Aussage, daß sie Stimmen gehört hat, und es gibt bislang keinerlei Anlaß zu der Annahme, daß die Zeugin falsch aussagt. Folglich müßten Sie eigentlich ein Interesse daran haben nachzuweisen, daß sich noch jemand anderes auf dem Hof befand. Ansonsten sind Sie nämlich unser Hauptverdächtiger.“

Elmar verschränkte die Arme vor der Brust und schwieg trotzig. Seine Haltung verlieh ihm etwas von einem widerborstigen Kind. Gleichzeitig mußte ich mir eingestehen, daß Elmar ein sehr attraktiver Mann war.

„Wir gehen den Nachmittag noch einmal durch“, bestimmte Christoph und ließ sich gemächlich auf einen Küchenstuhl fallen. „Sie sind damit einverstanden, daß Herr Jakobs im Zimmer bleibt?“ Steinschulte deutete in meine Richtung.

„Ich hab ja selbst bei Alexa angerufen“, grummelte Elmar, als wäre das eine Antwort.

Dann ging alles von vorne los. Elmar erzählte, wie er den Nachmittag verbracht hatte, wer auf dem Hof gewesen war. Es wurden Uhrzeiten verglichen und Namen aufgeschrieben. Elmars Mutter bekam einmal einen Heulkrampf und bat, ob sie sich einen Augenblick zurückziehen könne. Immer wieder fragte Christoph nach Elmars Verhältnis zu seinem Onkel.

„Warum sind Sie überhaupt der Hoferbe?“ wollte er wissen.

Elmar verdrehte die Augen. „Jetzt fangen Sie auch noch damit an. Onkel Franz hatte keine Kinder. Deshalb war ich an der Reihe. Mein Vater war der Bruder und hat hier auf dem Hof mitgearbeitet.“

„Frau Wiegand erwähnte, Ihr Onkel habe sehr wohl ein Kind – ein Adoptivkind.“

„Das stimmt, aber der wollte von Landwirtschaft nichts wissen.“

„Hat er trotzdem Erbansprüche?“

„Nein – ja! Das ist ziemlich kompliziert.“

„Hatten Sie deshalb häufiger Streit mit Ihrem Onkel?“

„Ja, aber nicht nur. Ich hatte wegen allem möglichem Streit mit meinem Onkel. Wegen des Fütterns. Wegen der Familie, wegen –“

„Ja?“

„Mein Onkel machte nichts lieber als streiten. Man konnte mit ihm einfach nicht klarkommen.“

„Ist der Streit deshalb eskaliert?“

„Nein, es war wie immer. Er hat mich angegriffen. Und ich habe Kontra gegeben.“

„Aber Sie waren verärgert.“

Elmars Gesicht glühte. Seine Augen sprühten vor Zorn. „Ich sag überhaupt nichts mehr. Sie –“

„Ich habe Ihnen eine Frage gestellt!“

„Sie wollen mir da etwas unterschieben. Ich habe Onkel Franz nicht umgebracht.“ Elmars Stimme überschlug sich beinahe. In dem Moment kam Alexa herein. Vielmehr: Sie stürmte herein. An Christoph vorbei, an mir vorbei– in die Arme von Elmar Schulte-Vielhaber.

„Elmar, geht’s dir gut?“

„Alexa!“ Elmar schossen die Tränen ins Gesicht. Er begann zu weinen. Ich hätte mich nicht überflüssiger fühlen können. Einige Sekunden später stand ich auf dem asphaltierten Hof unter dem Kastanienbaum. Der Boden war übersät mit Kastanien. Es gab eben keine Kinder, die die Früchte aufsammelten und damit bastelten. Ich schoß eine braune Kugel mit voller Wucht hinweg. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr“ schoß es mir in den Sinn, „wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“ Vielleicht wurde das ja bald was mit Kindern auf diesem Hof. Es war schließlich zu schade um die Kastanien.

3

Es war meinem unbändigen Pflichtgefühl zu verdanken, daß ich nicht sofort nach Hause fuhr. Ich wollte erst nach Ommma und ihrer Schwester schauen. Womöglich hatten sich die beiden im Streit um die Gunst ihrer Eltern etwas angetan. Es war viel schlimmer. Schon als ich die Schnittler’sche Haustür öffnete, scholl mir ein heiserer Gesang entgegen. Ich stürmte in Ommmas Wohnzimmer und war entsetzt. Die beiden meiner Obhut überlassenen Senioren lagen sich singend in den Armen. Ihre Nasen waren auf eine verräterische Art und Weise rot gefärbt und ihre Augen so glasig wie ein glibbeliges Spiegelei.

„Na, wen ha- wen habben wir denn da?“ Tante Mia war offensichtlich nicht mehr in der Lage, ganze Sätze stolperfrei auszusprechen. „Ist das nicht mein – mein rei-, mein ratz-, mein reizender Choffür?“

„Wenn er das nicht wirklich ist!“ jodelte Ommma und prostete mir vergnügt mit ihrem Glas zu. Ich war immer noch wie gelähmt. Endlich aber griff ich nach der Flasche. Es war eine Eckes-Traubensaftflasche. Auf einem kleinen Schildchen war jedoch handgeschrieben Johannisbeerlikör vermerkt. Gerade in diesem Moment nahm Ommma aus ihrem Wasserglas einen herzhaften Schluck. Panisch blickte ich durch das dunkle Flaschenglas. Es war nur noch eine kleine Pfütze zurückgeblieben.

„Was macht ihr denn da?“ schrie ich hysterisch und vergaß dabei, daß Ommma, Mia und ich noch gar nicht im Duz-Dreieck angekommen waren.

„Wir sitzen hier – und erzählen uns was“, erklärte Ommma und fand ihre Antwort so lustig, daß sie vor Vergnügen losprustete.

„Ja, aber habt ihr denn gar nicht gemerkt –?“

„Wir habben uns nur ein bißen – ein bichen – ein bißchen Traumsaft gegönnt!“ versuchte es Mia.

„Da haben Sie doch nichts dagegen?“ lallte Ommma, „oder hätten Sie gerne ein Gläschen mitgetrunken?“

„Von wegen Traubensaft“, schnaubte ich, konnte aber nicht ausreden.

„Der gute –“, brabbelte Ommma inzwischen, „kricht man sons nur im Krankenhaus, wonnich Mia?“

„Aber wir – “ Mia verschluckte sich und holte nochmal Schwung für einen zweiten Anlauf. „Aber wir kriech – krien – das auch hier.“ Mia bekam erneut einen Lachanfall und auch Ommma konnte sich kaum mehr halten.

„Ich müßte jetzt nur mal aufstehn“, murmelte Ommma, nachdem sie sich beruhigt hatte. Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. In diesem Zustand würde Ommma niemals lebend die Toilette erreichen.

„Was ist denn hier los?“ Der entsetzte Aufschrei kam von der Tür her. Ich fuhr herum. Da standen Schnittlers mit aufgerissenen Augen, offenen Mündern und einem Blick, der zwischen Ungläubigkeit und Entsetzen schwankte.

„Was ist denn hier los?“ wiederholte Frau Schnittler, als würde die Frage dadurch harmloser.

„Nichts Besonnenes – Besonderes“, antwortete Mia indes. „Wir trinken nur einen Taubensaff mit unserm Choffür.“

Eine Stunde später saß ich mit den Schnittlers völlig erledigt im Eßzimmer. Es hatte uns eine Heidenmühe gekostet, die beiden Damen aus ihren Sesseln zu bugsieren und ohne Zwischenfälle abzutransportieren. Ommma war nach einem Zwischenstopp auf der Toilette direkt ins Bett verfrachtet worden, für Mias Heimfahrt waren Papa Schnittler und ich zuständig gewesen. Tante Mia hatte auf der Fahrt zunächst lautstark protestiert, weil es schon nach Hause gehen sollte, kurz vor ihrem Haus nickte sie dann aber kurzerhand ein. Als sie beim Aussteigen wach wurde und mich zu einem Glas Traubensaft in ihr Schlafzimmer einlud, stürzte ihre Tochter aus dem Haus.

„Was ist denn hier los?“ kreischte sie und faßte ihre Mutter hektisch unter den Arm.

„Das iss mein Choffür“, stellte Tante Mia mich vor. „Ein ganz ratzender Mann.“ Mias Tochter würdigte mich keines Blickes, während Tante Mia an ihrem Arm ins Haus torkelte.

Ich blendete diese Erinnerung aus, als ich mit den Schnittlers vorm Kaminfeuer saß.

„Alles halb so wild“, grummelte Alexas Vater. „Für eine Alkoholvergiftung hätten die noch eine Flasche gebraucht.“

Ich rieb mir die Augen. Die Ereignisse der vergangenen Stunden hatten mich deutlich erschüttert. Ich wollte nach Hause.

„So schlimm ist es wirklich nicht, daß die beiden sich einen gepichelt haben“, tröstete Mutter Schnittler mich. „Wenn Sie das gleich der Alexa erzählen, dann lacht die sich kaputt.“

„Alexa ist ganz hier in der Nähe!“, murmelte ich kleinlaut.

Und dann erzählte ich vom Unfall, der vielleicht ein Mordfall war, von Elmar Schulte-Vielhaber und seiner Mutter und von der Nachbarin, die ihre Aussage gemacht hatte.

„Das gibt’s doch gar nicht. Ein Mord bei uns in Renkhausen?“ Frau Schnittler starrte ungläubig geradeaus. „Und dann soll das auch noch der Elmar getan haben? Das glaube ich im Leben nicht.“ Sofort unterstellte ich ihr, daß sie den Jungbauern lieber zum Schwiegersohn hätte als mich.

„Ist das so unvorstellbar?“ fragte ich deshalb patzig.

„Und wie das unvorstellbar ist“, trompetete Frau Schnittler. „Der Elmar ist schließlich ein durch und durch sanftmütiger Mensch. Ich kenne ihn doch von unseren Kindern her. Ein guter Kumpel war das, ein ganz echter Kerl.“

„Immerhin hat er Streit mit seinem Onkel gehabt“, führte ich an.

„Kein Wunder!“ schnaubte ihr Mann. „Mit dem Schulten Franz kam man auch nicht klar. Es muß eine Tortur für den Jungen gewesen sein, zusammen auf dem Hof mit diesem Griesgram.“

„Seit Elmars Vater nicht mehr ist, steht er ja ganz allein da“, fügte Frau Schnittler erklärend hinzu. „Seine Mutter ist eine starke, fleißige Frau, aber gegen den Franz, ihren Schwager, kommt sie auch nicht an.“

„Wie sind denn jetzt die Familienverhältnisse auf dem Hof?“ fragte ich verwirrt. „Elmar und seine Mutter habe ich kennengelernt. Und der Vater ist tot?“

„Der Paul, der Bruder vom Franz, das war ein feiner Mensch“, schwärmte Herr Schnittler. „Der war immer da, wenn man ihn brauchte, und arbeiten konnte er auch. Aber leider war er eben der Zweitgeborene, und deshalb ging der Hof an den älteren Franz.“

„Er hätte nicht auf dem Hof bleiben sollen, der Paul“, sagte seine Ehefrau nachdenklich. „Das wäre besser für alle gewesen, wenn er sich mit der Hannah, seiner Frau, etwas ganz anderes gesucht hätte. Aber so?“

„Der Franz kam und kam nicht ans Heiraten, trotz des großen Hofes“, führte Alexas Vater weiter aus. „Er war zu wählerisch.“

„Er war ein Fiesling. Deshalb wollte ihn niemand haben“, widersprach seine Frau.

„Wie auch immer, er hat geheiratet, da waren er und seine Frau schon über die vierzig. Da haben sie keine Kinder mehr gekriegt.“

„Und da hat der jüngere Bruder gehofft, sein Elmar könne den Hof übernehmen?“ schlußfolgerte ich.

„Wird er wohl“, gab Frau Schnittler zu, „wenngleich er kein berechnender Typ war.“ Langsam beschlich mich das Gefühl, daß der verstorbene Paul ein so feiner Kerl gewesen war, daß auch die liebe Frau Schnittler glattweg seinem Charme erlegen war.

„Wahrscheinlich ist Paul deshalb nicht vom Hof weg“, bilanzierte ihr Mann nüchtern. „Und als dann der Adoptivjunge kam, da gab’s natürlich ernsthaft Probleme.“

„Obwohl der mit der Bauerei gar nichts am Hut hatte“, beeilte Frau Schnittler sich zu sagen.

„Wo ist denn dieser Adoptivsohn?“ wollte ich endlich wissen.

„Der Frank? Keine Ahnung“, schnaubte Herr Schnittler. „Der konnte gar nicht schnell genug von zu Hause loskommen. Als die Mia, die Frau vom Franz, noch lebte, da kam er immer mal, um sich Geld zu holen, aber seitdem nur noch der Alte da ist, kriegt man gar nichts mehr zu hören von dem.“

„Na, dann hat Elmar doch freie Bahn“, warf ich ein. „Das Zwischenspiel des Adoptivvettern war nur von kurzer Dauer, und er, der Bauer aus Fleisch und Blut, kommt ungehindert zum Zuge.“

„Ja, das sagt sich so leicht“, meinte Frau Schnittler unwillig. „aber Elmar versteht sich nun mal nicht mit seinem Onkel. Und der hat ihm, soviel ich weiß, den Hof noch keineswegs überlassen. Wenn’s mal wieder Ärger gab, dann drohte Franz, er werde den Hof doch dem Frank übergeben, und wenn der auch eine Autowerkstatt daraus machen werde.“

„Trotzdem: Wenn Elmar der Hof noch nicht überschrieben war, dann hatte er doch gar keinen Grund, seinen Onkel umzubringen“, stellte ich fest.