Lilien, ein Flüchtlingskind im Allgäu
 
 
Lilien Mergner
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Erschienen im novum pro Verlag

Impressum
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© 2011 novum publishing gmbh
 
ISBN Printausgabe: 978-3-99003-279-4
ISBN e-book: 978-3-99003-583-2
Lektorat: Mag. Iris Mayr
 
Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.
 
www.novumpro.com
 
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Vorwort
 
 
Das Abschiednehmen rückte immer näher.
Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass es ein Abschied für sehr lange Zeit sein würde. Niemand ahnte, dass die knapp eintausend Kilometer, die uns bald trennen würden, in zwei verschiedene Welten mündeten.
Meine Kindheit war damit zu Ende. Ich hatte es so gewollt.
Die Warnungen, die ich von verschiedenen Menschen meiner Umgebung hörte, schlug ich mit jugendlicher Unbekümmertheit in den Wind.
Und meine Familie? Gewiss – es wurden Zweifel geäußert und geseufzt, ob denn alles gut ginge, wenn man eine Vierzehnjährige in eine fast unbekannte Welt schickte.
Für meine Angehörigen war es trotz allem Für und Wider zunächst einmal eine Erleichterung, dass ich für die nächsten Monate und vielleicht Jahre versorgt war. Es war ein Esser weniger, einer weniger, der die täglichen Dinge des Lebens nicht mehr benötigte.
Außerdem war meine Familie voller Optimismus, was die politische Lage im Jahr 1957 betraf: Die deutsche Wiedervereinigung konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Alle Zeichen standen dafür. Ständig las man in der Zeitung, dass die Ostzone nicht mehr lange durchhalten könne. Eigentlich, so erfuhr ich von den Erwachsenen, waren nur die Russen das größte Hindernis, welches man noch nicht so richtig durchschauen konnte. Doch diese, so entnahm ich den Reden der klugen Erwachsenen, würden noch das Letzte aus diesem armen Land herausholen, um dann für immer zu verschwinden.
Zweifellos kannten sich die Erwachsenen in der Politik gut aus und mir kam gar nicht die Idee, an ihren Worten zu zweifeln.
„Eiserner Vorhang“, „Kalter Krieg“, „Kommunismus“! Das waren alles Begriffe, die mich zum Schaudern brachten. Dennoch wurde mein Bild über die damalige Deutsche Demokratische Republik geprägt von dem starken Eindruck, den unsere Verwandten aus der Ostzone bei mir hinterlassen hatten. Dies waren Onkel Jonny, der Bruder meiner Mutter, und Tante Isabell, seine Frau.
Beide waren Schauspieler in der Ostzone, in diesem Land, welches sich als „sozialistischer Staat“ bezeichnete, worunter ich mir absolut nichts vorstellen konnte.
Diese Verwandten lebten zum damaligen Zeitpunkt in der mecklenburgischen Stadt Schwerin und konnten uns „noch“ jährlich einmal besuchen.
Onkel Jonny und Tante Isabell waren völlig andere Menschen, als ich sie bisher in meinem dörflichen Leben kennengelernt hatte. Ihre Mimik, ihre Gestik, ihr gesamtes Auftreten war ungeheuer beeindruckend für mich. Besonders ihre Sprache, die in meinen Ohren fast fremdländisch klang, faszinierte mich. Die Unterhaltung mit ihnen war so fesselnd, dass ich kein Auge von ihnen wandte. Mit offenem Mund starrte ich Tante Isabell an, als sie sich sogar schminkte und sich ihre Fingernägel lackierte.
Die beiden hatten einen Sohn namens Tomy. Wenn sie uns besuchten, brachten sie ihn mit. Ansonsten lebte er bei den Eltern von Tante Isabell in einem mecklenburgischen Dorf.
Diese Familie war damals für mich die Vertretung und das Aushängeschild der Ostzone. Sie hatten mein zukünftiges Leben in die Wege geleitet und besaßen mein volles Vertrauen.
Natürlich war mir auch wehmütig ums Herz. Trotz unserer Armut liebte ich das Dorf meiner Kindheit, dieses Dorf am Gebirgsfluss Iller im Allgäu. Die damals noch weitgehend unberührte Natur des Alpenvorlandes hatte meine Kindheit geprägt und tiefe Spuren in mir hinterlassen. Eine starke familiäre Verbundenheit und die freundschaftlichen Beziehungen zu den Gefährten meiner Kindheit machten mir die Trennung schwer.
Die Zukunft lag im Nebel. Was würde mich erwarten?