Vor der Wende – nach der Wende
Ein zweigeteiltes Leben
 
 
Fritz Stietzel
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Erschienen im novum pro Verlag

Impressum
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© 2011 novum publishing gmbh
 
ISBN Printausgabe: 978-3-99003-266-4
ISBN e-book: 978-3-99026-082-1
Lektorat: Sigrid Jost-Topitsch
 
Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.
 
www.novumpro.com
 
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Vorwort
 
 
Meinen Lesern möchte ich mit dieser Erzählung meinen Lebensweg schildern. In unterschiedlichen Zeitabschnitten, in unterschiedlichen Berufs- und Lebensabschnitten war der Weg durch die unterschiedlichen Staatsformen für viele Menschen eingeengt. Für mich war es immer eine Herausforderung. Mit Schule und Lehrzeit legte ich den Grundstein, Ziele mit Erfolg anzustreben. Dazu gehörten auch manche persönliche Überwindungen, die einem jungen Menschen schwer fielen. Mit viel Enthusiasmus und Elan arbeitete ich in einem großen Konfektionsbetrieb. Diese Zeit formte einen Menschen wie mich zur leitenden Person. Hohe Qualifikation, Erfahrung und Menschenkenntnis waren die Fundamente, die mich zu neuen Aufgaben herausforderten. Die Mitarbeit im Staatsapparat hatte großen Einfluss auf mein weiteres Leben. Als hauptamtlicher Mitarbeiter in einem der größten Gemeindeverbände, „Großheim-Fellbachtal“, und als Ratsmitglied der größten Gemeinde, Grossau/Erzgebirge, trug ich aufopfernd zum Wohle kommunaler Politik bei. Mit der politischen Wende sollte für mich ein grundsätzlich anderer Lebensweg abgesteckt werden. Anpassung an die neue Gesellschaftsform war gefragt. Der Grundsatz, auch hier den Erfolg zu suchen, hatte für mich oberste Priorität.
Mit mehreren Zwischenstationen, die zum Lebensunterhalt notwendig waren, sollte ich die zweite Chance erhalten, im Ausland zu arbeiten. Eine Herausforderung, die ihresgleichen sucht. Über sieben Jahre wurde meine Arbeitskraft in Polen, Rumänien, der Tschechoslowakei, Estland und Lettland benötigt. Mit 65 Jahren schied ich aus dem Arbeitsleben aus. Meine Erzählung dokumentiert das Wesentliche aus meinem reichen Arbeitsleben. Für mich sind beim Lesen viele Dinge noch offen, die ich meinen Lesern überlassen möchte. Ich möchte, dass man sich über das Gelesene Gedanken und sich selbst ein Bild macht oder ein Urteil bildet. Ich hatte immer den Wunsch, einmal einige Zeilen zum Nachlesen zu schreiben, um darin zum Ausdruck zu bringen, wie schön das Leben sein kann, wenn man ein verloren geglaubtes Glück – ein eigenes Heim – zurückerobert.
Was in diesem Buch geschildert wird, habe ich selbst erlebt, es sind keine Erfindungen oder Nacherzählungen von anderen Personen. Es sind Gedanken und Erlebnisse, die nur ein Bruchteil dessen sind, was ich erlebt habe. Das Niedergeschriebene besteht aus Ereignissen, die immer wieder in meine Gedanken zurückkehren. Man vergisst sie nicht. Manchmal ist es, als wären sie gerade erst passiert. Bildhaft erscheinen sie wieder, als hätten sie gestern stattgefunden. Ich kann sie nicht ausblenden, nein, im Gegenteil, ich werde immer wieder in die Vergangenheit zurückversetzt. Mit der Betrachtung der eigenen Vergangenheit komme ich schnell zu dem Resultat, das jeden zum Nachdenken anregt.
Da ich mit meinem Buch niemandem zu nahe treten möchte, möchte ich hier betonen, dass alles Geschriebene aus meiner persönlichen Beobachtung stammt. Aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen habe ich alle Namen, Ortsnamen, Ämter, Vereine, Flüsse und anderes geändert. Städtenamen mit ihren Sehenswürdigkeiten außerhalb Deutschlands wurden nicht verändert. Sicherheitshalber möchte ich erklären, dass eventuelle Übereinstimmungen mit wirklichen Personen reiner Zufall und unbeabsichtigt sind.
 
Autor/Verfasser
 
1. Kapitel – Kindheit und Schulzeit
 
 
Ich folge manchmal mit Wehmut den Gedanken, die mich in meine Kindheit und Schulzeit zurückführen. Insgesamt fügte sich diese Zeit in die damalige Epoche ein, in der Deutschland vielen europäischen und später den Vereinigten Staaten von Nordamerika die Stirn bot.
Es war Krieg. Vielen Familien und insbesondere den Kindern wurde dadurch viel an Lebensfreude, Zufriedenheit und Glück genommen. Und wenn man nach Jahren wehmütig auf diese Zeit zurückblickt, erkennt man mit ein wenig innerer Zufriedenheit, dass man es relativ gut überlebt hat.
Ich wurde am 12. 08. 1936 geboren. Ich hatte einen Bruder (Karl), der vier Jahre früher als ich das Licht der Welt erblickt hatte. Unsere Eltern waren strebsam, arbeitsam und ihre Kinder konnten viel Elternliebe entgegennehmen. Mein Vater war gelernter Zimmermann. Sein Handwerk übte er so aus, dass nach Jahren noch für seine guten Arbeiten Lob ausgesprochen wurde. 1939 begann der Zweite Weltkrieg und mein Vater war mit der erste Rekrut in unserer Gemeinde Grossau. Er wurde als Panzerfahrer an die Westfront abkommandiert. Meine Mutter, bis dahin Hausfrau, musste eine Arbeit zum Unterhalt der Familie aufnehmen. Das Familienleben hatte einen scharfen Einschnitt erhalten. Unsere Mutter, die sehr lebensfroh war und Trübsal nicht kannte, litt sehr unter diesem Umstand. Dass sie in ihren recht jungen Jahren ohne Mann die Geschicke der Familie allein lenken musste, belastete sie sehr. Sie weinte tagelang, nach Wochen noch waren ihre Augen gerötet. Von ihrer Lebensfreude war vieles genommen worden. Sie sprach nur noch das Nötigste. Ich war über diesen Zustand sehr traurig. Es dauerte sehr lange, bis unsere Mutter sich mit der neuen Situation abfand. Wir, unsere kleine Familie, mussten uns daran gewöhnen, dass unser Vater lange Zeit weg blieb.
Aber unsere Mutter blieb stark für uns.
Sie konnte nun nachfühlen, wie es ihrer eigenen Mutter – meiner Großmutter – nach dem Ersten Weltkrieg ergangen war. Sie hatte ihren Mann an der Ostfront nach drei Tagen verloren und hatte drei kleine Kinder am Rockzipfel, von denen meine Mutter selbst eines war. Es mag für sie eine Entlastung gewesen sein, dass in den Folgemonaten und -jahren viele Familien das gleiche Schicksal erdulden mussten. Auf das Wunder zu warten, dass unser Leben wieder in geordnete Bahnen zurückkehrte, war nicht die Art meiner Mutter. Sie packte das Leben mit eigenen Händen an. Man spürte nach Monaten ihren Willen, weiterzuleben. Ja, sie wollte mit ihren Fähigkeiten ein neues Leben aufbauen und das alte vergessen. Unsere Mutter musste sich mit dem Umstand, eine alleinstehende, alleinerziehende und berufstätige Frau zu sein, auseinandersetzen und anfreunden.
Nach vielen Jahren erst, meine Schulzeit war längst vorbei, wurde die Lebensführung meiner Mutter für mich nachvollziehbar. Sie wollte für uns Kinder alles geben, ihre -Mutterliebe stand an erster Stelle. Sie wollte gesunde, lebensfrohe und fleißige Kinder erziehen. Dafür hat sie bis zu ihrem Tod geschuftet und gearbeitet, dabei blieb natürlich ihr Körper auf der Strecke. Sie starb 1974 an den Folgen von Brustkrebs, der sich in den letzten Jahren in ihrem ganzen Körper ausgebreitet hatte. Unsere Mutter war sehr fleißig und gewissenhaft an ihrem Arbeitsplatz. Besonders nach dem Krieg, als täglich das Wort „Hunger“ ausgesprochen wurde, brachte sie noch die Zeit auf, neben ihren täglichen Verpflichtungen aufs Land zu fahren, um etwas zu essen für ihre Kinder zu besorgen. „Hamsterfahrten“ wurden diese Aktionen genannt, die zum Teil übermenschliche Anstrengungen abverlangten. Hamsterfahrten waren in der Regel „Tauschfahrten“. Man musste zuerst einmal etwas erwerben, das man zum Eintauschen anbieten konnte. Man musste auch etwas „Tauschglück“ haben, um das Anzubietende (wie zum Beispiel Rührsieb, Backformen, Besteck) bei der Landbevölkerung eintauschen zu können gegen zum Beispiel Roggen, Weizen, Mehl, Speck. Dass die Deutsche Reichsbahn in diesen Jahren überfordert war, stand außer Zweifel. Auf den Trittbrettern stehend mit vollem und schwerem Rucksack beladen, wurde manche Heimfahrt bewältigt.
Nicht selten kam es vor, dass der „Tauschende“ ohne großes „Tauschglück“ wieder nach Hause fahren musste. Wie groß musste die Enttäuschung bei dem Betreffenden dann gewesen sein?
Unserer Mutter gelang es, ihre Fahrten immer mit relativ gutem Erfolg zu beenden. Es war uns vergönnt, dass immer etwas an Reis, Roggen, Weizen oder Pudding für eine Mahlzeit vorhanden waren. Diese bescheidenen Speisereserven hatten Platz in einem Karton, der in unserer Küche unters Sofa geschoben wurde.
Nach dem Einzugsbefehl unseres Vaters bat unsere Mutter beim größten Betrieb in unserer Gemeinde um Arbeit. Sie wurde Mitarbeiterin in den Pappen- und Kartonagenwerke/Grossau. Sie hatte Spaß daran. Man schätzte ihre Arbeit sehr. Da unser Vater vor seinem Marschbefehl auch in diesem Betrieb gearbeitet hatte und durch seine gute Arbeit in Erinnerung geblieben war, war natürlich hilfreich. Mutters Lebensfreude kam langsam zurück. Ihre Redseligkeit nahm zu. Sie wollte von Vergangenem nicht viel wissen. Sie blickte nach vorn und achtete darauf, dass wir in der Schule keinen Ärger verursachten. Unsere Mutter hatte damals allein uns, konnte uns aber nicht ständig beaufsichtigen. Diese Zeit formte uns Geschwister. Mein Bruder Karl war vom Charakter und vom Aussehen her das Gegenteil von mir. Er war schon in diesem Alter recht selbstsicher. Ein aufgeweckter, kompromissloser, zäher Junge, der hart im Geben und Nehmen war. Diese Zeit war für ihn wie auf den Leib geschnitten. Unsere Mutter hatte in jungen Jahren Gitarre spielen gelernt und war zudem mit einer schönen Singstimme gesegnet. Diese beiden Dinge machte sie sich zunutze, um noch etwas Geld zu verdienen. Was anfangs nur als Hobby betrieben wurde, führte später zu öffentlichen Auftritten. Mit dem Singen in einer Gruppe mit Begleitmusikern ging für sie ein Traum in Erfüllung.
Für uns Kinder allerdings war dies eher belastend.
Um als Singgruppe erfolgreich zu bleiben, mussten ständig geprobt undneue Lieder einstudiert werden, was sehr viel Zeit in Anspruch nahm. Das Repertoire musste ständig verfeinert und ergänzt werden.
Da diese Proben und Auftritte überwiegend in den Abendstunden und an Wochenenden stattfanden, hatten wir Jungs viel „freie“ Zeit. Ich, als der „Kleine“ oder Fritz, hatte das Glück, bei meiner Oma und Tante unterschlüpfen zu können. Mein Bruder hatte das Glück, in vielen Dingen über sich selbst entscheiden zu können. So wuchsen wir heran. Im Nachhinein kann ich feststellen, dass wir beide ohne große Sorgen und ohne große Unterstützung die Schulzeit durchliefen. Es bestand niemals die Gefahr einer Nichtversetzung. Bei meinem Bruder stand im Mittelpunkt die Frage, nach der achten Klasse die Schule zu verlassen – so kam es, dass er seine Schuhmacherlehre begann. Seine Ausbildung schloss er mit Erfolg ab, aber sein Charakter war damals schon ausgeprägt. Er wollte mehr. Er zeigte sich aufgeweckt für alles, was sich um ihn herum bewegte.
In unserem Ort war in den Jahren 1948/49 durch die „Wismut AG“ der Uran-Abbau durch die sowjetische Besatzungsmacht voll im Gange. Die „Wismutkumpel“ verdienten gutes Geld, weit mehr, als ein Schuhmachergeselle verdiente. Hinzu bekamen sie bei Überschreiten der Norm am Monatsende eine zusätzliche Vergütung in Form von Bons, die den zusätzlichen Kauf von Schnaps, Milch, Käse, aber auch Schuhen und anderen Dingen ermöglichte. Viele, insbesondere junge, Männer zog es zu dieser Arbeit hin. So auch meinen Bruder Karl. Ab dieser Zeit war er erwachsen. Er stand mit beiden Füßen auf dem Boden. Er fasste keinen Schuh mehr an, auch nicht wegen einer Reparatur. So verging die Zeit, bis der Ab- und Raubbau durch die „Wismut AG“ beendet wurde. In dieser Zeit fand er seine Frau. Mit ihr zog er drei Kinder groß. Seine nächste Arbeitsstelle war der „VEB Eisengießerei Burg“, bei der er als Putzer sein Geld verdiente.
Die „Wismutzeit“ hatte ihn geformt. Er demonstrierte an seiner neuen Arbeitsstelle, „wer der Herr hier im Hause ist“. Das musste auch seine Familie ertragen. Schlechte, mitunter schwere Zeiten musste die Familie erleben. Nach einem gemeinsamen Einkaufsbummel mit seiner Frau fiel er ohne Ankündigung rücklings mit dem Hinterkopf auf das Kopfsteinpflaster, wobei er das Bewusstsein verlor. Er erwachte im Krankenhaus aus dem Koma nicht mehr auf und verstarb 1982 mit fünfzig Jahren. Sein Leichnam wurde eingeäschert.
Meine Wenigkeit erblickte das Licht der Welt – wie eingangs erwähnt – am 12. 08. 1936. Im Nachhinein wurde mir erzählt, dass die ganze Verwandtschaft mit Freude meiner Geburt entgegensah. In dieser Zeit war es üblich, dass die Entbindungen in der eigenen Wohnung stattfanden. Ich erblickte die Welt und meine Eltern hatten für mich noch keinen Namen. Man konnte sich nicht einigen. So verbrachte ich einige Tage ohne Namen. Zu meinem Vornamen trug der Umstand bei, dass ein Nachbar meiner Mutter zur Geburt gratulierte. Dieser Nachbar war ein sehr kluger Mann. Er war zu
dieser Zeit Lehrer an unserer Schule. Er wohnte zwei Häuser von unserem Haus entfernt in einem schönen, großen, hellen Haus mit Balkon und einem Zwiebelturm. Es war für mich das schönste Haus in unserer Gemeinde. Er hatte die Tochter des Hausbesitzers geheiratet, die wiederum das Familienunternehmen „Handspitzenklöppelei Siepert“ in Grossau führte. Dieser Herr Weidemann, Fritz, um es vorwegzunehmen, war mir bis zu seinem Tode immer sehr zugetan. Als ich die Schule besuchte und lesen und schreiben konnte, lud er mich in seine Wohnung ein. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Was für eine Anzahl von Büchern stand in den Regalen und Schränken. Sein Wunsch war es, dass ich sie alle lesen sollte. Ich erschrak bei dieser Aufforderung. Dabei führte er mich zu den Karl-May-Bänden. Von da an hatte ich den ersten Lesekontakt zu den drei Bänden des Indianerhäuptlings „Winnetou“ und zu den Reiseerzählungen von Karl May.
Er fragte meine Mutter bei seinem Besuch, wie der „Kleine“ denn mit Vornamen heißen solle, worauf meine Mutter antwortete: „Wir haben noch keinen Vornamen!“ Die Antwort des Lehrers soll gewesen sein: „Macht euch das nicht zu schwer, gebt ihm den Namen Fritz, ich würde mich freuen, wenn es in unserer Waldstraße einen weiteren Fritz geben würde.“ So hatte ich schließlich meinen Vornamen.
Zu seiner Person muss noch hinzugefügt werden, dass am Ende unserer Waldstraße in den Jahren ab 1925 in -freiwilligen Arbeitseinsätzen, insbesondere durch die Arbeiterklasse, eine relativ große Sporthalle mit Gaststätte, Umkleidekabinen, Duschen, Nebenräumen und einer Wohnung gebaut worden war. Das Richtfest „Sporthalle Grossau“ war am 01. 11. 1925. Ein Ballspielplatz sollte nicht fehlen. Der Schützenverein hatte sich angrenzend daran etabliert, es fehlte an nichts. Und ein ak-tiver, zielstrebiger, etwas eigenwilliger Privatmann namens Walter baute nebenan seine „Walterburg“. Ein tolles, burgähnliches Gebäude mit einer Einkehrgaststätte. Dieses gesamte Ensemble lud an den Feierabenden und Wochenenden Sportler und Familien zur Erholung ein.
Am 11. 04. 1933 hatten sich die Faschisten vorgenommen, der Arbeiterbewegung von Grossau durch Terror den Garaus zu machen. Schon am Morgen besetzten sie die Ortseingänge. Lärmend zogen SA und SS durch die Straßen. Die Bevölkerung sollte eingeschüchtert werden. Sie fühlten sich stark. Kommunisten, Sozialdemokraten und parteilose Bürger holten sie aus den Wohnungen und trieben sie wie Verbrecher in die Sporthalle. Dort wurden sie verhört und misshandelt. Zu den Opfern zählte auch der Lehrer, Herr Weidemann, Fritz. Die Faschisten, einmal an die Macht gekommen, setzten auch in der Schule ihre Herrschaft rücksichtslos durch und entließen Lehrer Weidemann aus dem Schuldienst. Mit dem Herannahen der Fronten hörte der Unterricht im April 1945 ganz auf. Die Grossauer Schule öffnete ihre Pforten wieder am 01. September 1945 und am gleichen Tag wurde der Lehrer Weidemann zum Schulleiter berufen. Ab 01. 04. 1950 stand er der damaligen „erweiterten Oberschule“ als Direktor vor. Für seine Verdienste in der Volksbildung wurde er zum Oberstudienrat befördert.
Der Zufall wollte es, dass der damalige Schulleiter Herr Weidemann in Grossau als Deutschlehrer für meine Klasse zuständig war. Nach jedem Diktat musste jeder Schüler aus den Händen des Lehrers sein geschriebenes Werk abholen. Dazu bekam fast jeder Schüler eine mündliche Randbemerkung mit auf den Rückweg zu seinem Platz. Ich kann mich noch erinnern, dass er einmal zu mir sagte: „Mach weiter so, du hast das Soll voll erreicht!“ – Ich hatte elf Fehler!
Meine Kindheit unterschied sich nicht wesentlich von der anderer Kindern. In unserer Waldstraße gehörten wir zusammen. Wir spielten zusammen, überstanden die bekannten Kinderkrankheiten und hatten Spaß und Freude daran, wenn wir gemeinsam beim Nachbarn die ersten reifen „Glaskirschen“ ohne dessen Einwilligung ernteten. Im Sommer wurde gerne „Braut und Bräutigam“ gespielt. Dabei wurde oftmals der Spielplatz mit Decken ausgelegt und überspannt. Und wenn ein Elternteil uns beim Spiel mit Limonade überraschte, war es ein Fest für uns. Mit das Schönste und Aufregendste war das Badengehen. Angrenzend an unsere Waldstraße hatte ein Bauer einen relativ großen Teich für eine Karpfenaufzucht angelegt. Dieses Wasser zog uns regelrecht an. Mit und ohne Badehose wurde er zur Erfrischung an heißen Tagen genutzt. Nur der Besitzer des Teiches hatte etwas dagegen. Ach, war das ein Spaß, wenn er mit saftigen Flüchen und Drohgebärden aus seinem Gehöft kam und uns mit der Pferdepeitsche drohte! Wie die Hasen liefen wir verstreut durch das Wiesengrund. Er hatte niemals die Chance, einen von uns zu fassen. Im fünften Lebensjahr lernte ich in diesem Karpfenteich das Schwimmen.
Im Winter wurden die Schlitten und Schlittschuhe vom Boden geholt. Unsere Straße hatte fürs Rodeln eine ideale Neigung und Länge. Leider endete unsere Straße quer zur Hauptstraße. Wenn auch in diesen Jahren noch keine Autos oder nur selten eines die Hauptstraße befuhr, konnten Pferdegespanne und Menschen als Unfallgefahren nicht ausgeschlossen werden. Unsere Straße war eine der beliebtesten Rodelbahnen im Ort. Von früh bis spät abends wurde darauf gerodelt. Durch unsere lieb gewordenen, rasanten Abfahrten wurde es an manchen Stellen sehr glatt, was anliegende Hausbesitzer veranlasste, zur Abstumpfung Asche zu streuen. Dies mussten wir akzeptieren, obwohl wir darüber sehr traurig waren. Wenn wir jedoch frühmorgens die Augen aufschlugen und Neuschnee gefallen war, waren alle Sorgen wie weggeblasen. Die Freude am Rodeln hatte wieder Einzug gehalten. So vergingen meine -Kinderjahre. Sorglos wuchs ich heran. Ich eiferte meinem vier Jahre älteren Bruder nach, den ich jedoch nie erreichen konnte. Er legte manchmal seine Hand auf meinen Kopf und meinte: Du bist und bleibst „der Kleine“ und lachte über das ganze Gesicht.
Die Zeit verging und meine Kindheit sollte langsam in die Schulzeit münden. 1942 wurde ich eingeschult. Meine Mutter und alle nächsten Verwandten wollten, dass ich ein begeisterter Schüler werden sollte. Zur Feier des Tages bekamen ich und mein Bruder einen maßgeschneiderten Matrosenanzug mit Mütze und Bändern. Am Mützenrand stand „Seevogel“. Ach, war ich stolz. Die Zuckertüte war so groß wie ich und bis zum Boden mit Süßigkeiten gefüllt. Auf einem Bild war ich mit Zuckertüte und meinem einen Kopf größeren Bruder, der eine kleine Zuckertüte in den Händen hielt, abgebildet. Ach, war das drollig – ich hatte ihn eingeholt.
Ich ging zur Schule und musste auf der letzten Bank Platz nehmen. So hatte ich ein neues Umfeld bekommen und es gefiel mir. Ich ging vom ersten Tag an gerne in die Schule und war ein aufmerksamer, gelehriger und folgsamer Schüler. Ich erledigte meine Aufgaben zur Zufriedenheit aller.
Etwa ab Mitte 1944 erwachte mein Interesse am Kriegsgeschehen. Ich war noch zu klein, um dies alles zu verstehen. Es wurde viel über den Kriegsverlauf gesprochen. Die Ostfront war in aller Munde. Zu Hause, bei den Nachbarn und Bekannten fand man viele andere Worte zum Fortgang des Krieges als bisher. Von einem Sieg war man voll überzeugt, nur dauerte es vielen zu lange, bis man den „Endsieg“ feiern könnte. Für mich lag etwas in der Luft, wollte es keiner mit Worten bestätigen. Ich sah auf einmal die schon seit Jahren befestigten Plakate und Parolen mit anderen Augen. Ich suchte eine Verbindung zu dem, was man auf der Straße sagte und was man sah. Ich spürte, es musste etwas anders geworden sein. Nur was, das wusste ich nicht.
Da ich mit meinen schulischen Aufgaben recht gut vorankam, rückte das Umfeld außerhalb der Schule in dieser Zeit immer mehr in den Vordergrund. Was wird der nächste Tag bringen? Das machte mich wissbegierig, neugierig. Dafür hielt ich Augen und Ohren offen.
 
Unser oberes Erzgebirge wurde von den Kriegseinwirkungen relativ verschont. Der Krieg, die Front, war weit weg. Ich konnte aber wahrnehmen, dass oftmals Personen in Trauerkleidung zu unseren Nachbarn ins Haus gingen. Unser Nachbar, Herr Edgar Baumann, war Totengräber in unserer Gemeinde und seine Schwiegertochter, Frau Anna Otto, war als Totengräberin die rechte Hand des Pastors. Diese beiden waren neben dem Pfarrer die Ansprechpersonen bei der Regelung einer Erdbestattung. Die meisten dieser Besucher hatten einen Verwandten durch den Krieg verloren. Da diese Besuche nicht selten waren, schreckten die Bürger auf. Die zweite Hälfte des Krieges setzte andere Akzente. Bei Beginn des Krieges, bis weit in die zweite Hälfte, stand der Sieg nie in Frage. Man glaubte fest an einen heroischen Sieg der Deutschen Wehrmacht. Ich als Schulbub war überzeugt davon, dass nach dem Sieg die Welt durch „uns“ beherrscht und regiert werden würde.
In dieser Zeit kam ich dazu, als im Vorgarten des Hauses zwei Männer ein Loch aushoben. Darin befestigten sie ein fünfzehn Zentimeter breites und einen Meter langes Eisenrohr. Sie stampften es fest und drückten einen Deckel darauf. Die Arbeit war getan. Der darauffolgende Tag muss ein Feiertag gewesen sein. Ich ging frühmorgens aus dem Haus und mir wehte eine stolze Hakenkreuzfahne vor der Nase. Meine Oma Elsa hatte eine fünf Meter lange Fahnenstange mit entsprechender Fahne aufstellen lassen. Da unser Haus auf einem seitlichen Hügel erbaut war, strahlte diese „Neuanschaffung“ weit ins Dorf hinein. Ich freute mich, es standen noch viele Fahnen in unserer Waldstraße. Meine Oma kam dazu und sah mich an. Wir sagten kein Wort. Die Fahne wehte leicht im Wind. Was würde sie uns bringen – diese Fahne? Wir sollten es erleben.
Ich sah es täglich auf den Plakaten. Was waren die Franzosen und Engländer mit ihren schüsselförmigen Stahlhelmen für Menschen. Die Feindbilder aus dem Osten waren so dargestellt, dass man glauben musste, das seien keine normalen Menschen. Die musste man beseitigen oder umerziehen. Die Bürger ganz Deutschlands bejubelten den „Durchmarsch“ durch ganz Polen, der nicht länger als sechs Wochen dauerte. Frankreich kniete später vor der deutschen Wehrmacht. In Norwegen und Nordafrika waren deutsche Soldaten. Und man hörte, es sei nur eine Frage der Zeit, und England würde kapitulieren. Mit diesen Erfolgen, wenn sie es denn waren, wollte man den „Osten“ befreien. Die Ukraine, die Kornkammer Europas. Das Erdöl aus Baku, die billigen, dummen und dreckigen Sowjets. Nein, das Wort „Sowjets“ wurde nicht in den Mund genommen, die „Bolschewisten“, das war der Name, den man aussprach. Dies waren die Anhänger von Lenin, dem Begründer der kommunistischen Partei Russlands.
Was stellte im Gegensatz der Deutsche dar! Auf Plakaten sah man einen ganz anderen Menschen. Der deutsche Mann – heller Teint, leicht gebräunt, von athletischer Figur, groß und schlank mit blonden, mittellangen Haaren und blauen Augen. Die deutsche Frau – dem Mann angepasst, groß, kräftig, gute Figur, heller Teint mit rosa Wangen, natürlich mit goldglänzendem Haar, in starken Zöpfen gebunden. Sie strahlte Herzensgüte, Wohlwollen, mütterliche Fürsorge aus. Und was trug sie auf den Armen an ihrer Brust? Ein fröhliches, lachendes Baby mit denselben Merkmalen wie Mutter und Vater. Später hörte ich von einer „arischen Rasse“. Damit konnte ich nichts anfangen, kann es bis heute nicht. In unserem Familienstammbaum, den ich verfolgen konnte, habe ich nie etwas von einer „arischen Rasse“ lesen können. Wir wurden nur als „Deutsche“ geführt. Da mich die Bilder der Deutschen auf den Plakaten immer beschäftigten, habe ich sie vom Aussehen her nach Norddeutschland bis hin nach Schweden eingeordnet. Ich wollte es einmal genau wissen. Zwei Tage lang hielt ich in unserer Gemeinde Ausschau nach Personen, die dem Bild der Plakate gleichkamen. Um ehrlich zu sein, ich fand vier Personen, die eventuell einiges vom Bild einer „Deutschen Frau“ und eines „Deutschen Mannes“ aufweisen konnten. Ich fand keine weitere Person mehr, die ich dazu einordnen konnte.
Zurück zum Alltag: Die Ostfront wurde erweitert. Russland war der erklärte Feind. Für uns war alles weit weg. Wir hörten über unseren Mitteldeutschen Rundfunk Leipzig nur Erfolgsmeldungen, bis eines Tages eine Meldung von schweren, verlustreichen Kämpfen an der Front im Osten kam. Das Wort „Stalingrad“ hörte ich das erste Mal. Die Erfolgsmeldungen von der Ostfront wurden magerer oder hatten einen anderen Wortlaut. Der Krieg dauerte schon Jahre. Von Müdigkeit wurde gesprochen. An den erhofften „Endsieg“ glaubten nur noch -wenige, auch wegen Berichten über den Rückzug der Wehrmacht.
Meine Oma zog daraus die Schlussfolgerung: Die Hakenkreuzfahne vor ihrem Haus wurde niemals wieder aufgezogen.
 
Das erste spürbare und sichtbare Kriegserlebnis für uns war der Bombenangriff auf Dresden am 13./14. Februar 1945 durch die alliierten Kräfte. Wir schauten aus dem Fenster vom Speicher und trauten unseren Augen nicht. Über uns leuchteten am Himmel gelbe, grüne, rote Lichterketten, wir sagten Weihnachtsbäume dazu. Der Horizont wurde immer heller. Wir konnten sehen, dass irgendwo ein großes Feuer sein musste. Wie ein Lauffeuer verbreite sich die Meldung, dass Dresden bombardiert werde. Wir hörten dumpfe Einschläge und Detonationen. Der Horizont wurde heller, breiter und rückte immer näher. Die Menschen sahen sich angstvoll an. Viele von ihnen fingen an zu weinen. Der Krieg wird auch zu uns kommen, war die Meinung der „Schaulustigen“. Man merkte auf einmal, dass die Menschen alles dafür geben würden, wenn nur der Krieg sein Ende finden möge.
Und jetzt überkam uns die Realität und die Furcht. Die Russen standen vor unserer „Haustür“. Die vorrückende Ostfront trieb Tausende von Menschen nach Deutschland. Unsere Gemeinde wurde durch Trecks belagert. Der halbe Ort war zugestellt mit Menschen und Pferdewagen. Sie sahen erschöpft aus. Keiner wusste, wo sie herkamen. Des Rätsels Lösung war bald gefunden. Sie wollten alle nach Westen. Sie hatten Angst vor den Russen. Sie waren aus ihrer Heimat Schlesien/Ostpreußen vertrieben worden und suchten eine neue Heimat. Aber dieses Erlebnis machte sichtbar, dass das ruhige obere Erzgebirge in Bewegung kam: Die Angst vor dem totalen Krieg griff um sich. Wir mussten erleben, dass ein Teil der Wehrmacht, die den Rückzug angetreten hatte, Halt in unserer Gemeinde machte. Auf einmal sahen wir Soldaten, Autos, Geschütze, Pferdegespanne und anderes. Nun war man überzeugt, die Front komme zu uns. Nach einer Verschnaufpause zog die Militärkolonne weiter nach Westen und ließ einzelne Pferdegespanne zurück. Die Pferde wurden von unseren Ortsbauern übernommen, der ehemalige Gespannführer bekam eine Ziviluniform und beendete somit seinen Dienst in der deutschen Wehrmacht. Nach Tagen waren auch sie verschwunden. Der Krieg war für sie vorbei. Sie hatten sich abgesetzt und ihre Gespanne mit Wagen und Inhalt unseren Bauern überlassen. Umso bedrohlicher wurde es für uns. Luftalarm war keine Seltenheit, und auf die Kreisstadt Blumberg fielen die ersten Bomben. Für uns war es eine Erleichterung, zu hören, dass die Kriegsfront unsere Region nicht erfassen würde. Ein Aufatmen war spürbar. Schluss mit dem verdammten Krieg. „Nur kein Krieg mehr“, hörte man oft und mit Überzeugung sagen. Mehr als verblüfft und erstaunt waren wir, als „Amis“ mit ihren Geländewagen auf dem Marktplatz standen. Dort sah ich als neunjähriger Bub zum ersten Mal in meinen Leben einen „Neger“, wie man dunkelhäutige Menschen damals nannte. Es war ein großer, stämmiger Soldat in Uniform mit aufgesetztem Stahlhelm. Er saß am Lenkrad. An den Türen und auf der Motorhaube leuchtete der fünfzackige weiße Stern. Wir trauten uns nicht in die Nähe der Soldaten, und wir bekamen auch keine Schokolade. Für uns Kinder war das Dabeisein schon ein Erlebnis. Am nächsten Tag war alles vorbei. Sie waren weg. Viele Einwohner, die überzeugt gewesen waren, die Amis würden hier stationiert werden, konnten es nicht fassen. Es kam alles anders. Wie eine Bombe schlug es ein, als drei russische Offiziere mit ihrem „Jeep“ auftauchten und die Gemeinde in Augenschein nahmen. Nur hin, man musste sie sehen – wie sahen sie aus, die Menschen, die auf großen Plakaten mit dem Messer im Mund uns jahrelang mörderisch angeschaut hatten? Und was sahen wir? Drei gut aussehende Offiziere. Ich konnte es nicht fassen. Die sahen doch so aus wie Deutsche. Einer von „denen“ hätte ja mein Onkel sein können. Nun standen die Russen da, in ihren langen, fast knöcheltiefen Mänteln. Der Stoff sah verfilzt aus, der Farbton war rotbräunlich, erdfarben. Im Rückenteil hatte er ab der Taille einen langen Gehschlitz und auf der Rückentaille war ein breiter, blinder Gürtel mit zwei Knöpfen links und rechts befestigt. Der Mantel war bei allen drei Offizieren sehr körperbetont, eng anliegend – wie maßgeschneidert. Der Saum war nicht eingeschlagen, die Schulterpolster sehr stark. Eine abfallende Schulter konnte man nicht erkennen. Die golden schimmernden Knöpfe, in zwei Reihen an den Vorderteilen, die goldenen Sterne auf den Schulterklappen, die schwarzen, auf Falten zusammengeschobenen Lederstiefel zerstörten meine Vorstellungen von dem eingehämmerten Feindbild. Da einer dieser Offiziere nach seinen Handschuhen suchte, die sich als Glacéhandschuhe entpuppten, und sie überstreifte, fragte ich mich: Wo hat der diese Handschuhe her? Ich konnte registrieren, dass viele Einwohner aus großer Entfernung alle Bewegungen dieser Offiziere be-obachteten. So wie sie gekommen waren, gingen sie! Sie stiegen in ihren Jeep und fuhren los. Es war wie ein Spuk!
 
Zur Geschichte des Ortes möchte ich folgendes nachtragen: Viele Bürger unserer Gemeinde mögen am 09. Mai 1945 erregt und erwartungsvoll aus dem Fenster geschaut haben. Draußen strahlender Sonnenschein, der für Mensch und Natur die lang ersehnte Wärme brachte. Stille im Ort überall. Es war Frieden. Kein Soldat mehr auf den Straßen. Der Spuk vergangener Tage wie weggeblasen. Kaum erblickte man einen Fußgänger, alle fragten sich, ob nun sowjetische oder amerikanische Truppen erscheinen würden. Mit unterschiedlichen Gefühlen wartete die Bevölkerung auf dieses Ergebnis. Stunden und Tage vergingen. Die Besatzungsmacht blieb aus. Zwei Landkreise, Maring und Blumberg, blieben unbesetzt. Dort lebten damals 300 000 Menschen. Tausende von Evakuierten und Flüchtlingen hatten die Einwohnerzahl erheblich ansteigen lassen. In Grossau wohnten etwa 7000 Menschen. Sie alle stellten sich die Frage: Wie soll es weitergehen? Am 25. Juni 1945 abends kamen zehn sowjetische Soldaten mit ihrem Kapitän Popow in die Kreisstadt und richteten die sowjetische Kommandantur ein, die am 26. Juni ihre Arbeit aufnahm. Die besatzungslose Zeit war damit zu Ende.
Meine Mutter hatte sich in den Kriegsjahren angepasst. Sie hatte sich von vielem gelöst oder abgesondert und ging ihre eigenen Wege. Die Umstände hatten sie zur Selbstständigkeit geformt. Sie war aufgeschlossen gegenüber ihren Mitbürgern, vertrat ihre Meinung recht eindrucksvoll und zeigte sich in -neuer, fescher und bunter Bekleidung. Eine gleichaltrige Nachbarin war Damenschneiderin und riet ihr zu der Verwandlung in Form neuer Kleider, Blusen und Röcke. Ich kann mich noch ganz genau erinnern … Sie trug ein schwarzweißes, klein geblümtes Kleid mit kleinem runden Halsausschnitt, kurze Ärmel, eng anliegend bis unterhalb Leibhöhe, daran ein kurzer Faltenrock. Dieses Kleid schmiegte sich perfekt an ihre schöne Frauenfigur an. Oh ja, sie gefiel mir und vielen anderen auch – außer unserer Oma! Sie trug das Kleid sehr gerne. Sie war auf einmal eine andere Frau und Mutter. Sie stand im Leben ihren „Mann“. So war es nicht überraschend, dass sie nach einer anderen Wohnung suchte. Sie wollte aus der alten Umklammerung heraus. Wir wohnten in ihrem Elternhaus zusammen mit ihrer Mutter, Schwester und Familie, Schwägerin und Familie und einer weiteren fünfköpfigen Familie. Diese Beengtheit trug wesentlich dazu bei, dass sie sich auf die Suche nach einer neuen Wohnung machte. Ihr Arbeitgeber sollte das Problem lösen. In den Kriegsjahren hatte dieser Betrieb in der Nähe drei kleine Doppelhäuser gebaut. Man konnte nach der Fertigstellung als Betriebsangehöriger einen Antrag als zukünftiger Mieter stellen. Unsere Mutter hatte den Mut dazu, sich in die Bewerberliste einzutragen. Ihr Glück kann man nicht beschreiben, als sie tatsächlich den Zuschlag bekam und ein kleines Einfamilienhaus mieten konnte. Unsere Mutter arbeitete in dieser Zeit mehr, als ihr Körper das zuließ. Wir Kinder wurden mit eingebunden und freuten uns über dieses neue Zuhause. Leider war uns dieses Glück nur wenige Jahre vergönnt.
1946 kam unser Vater aus der Gefangenschaft nach Hause. Ein harmonisches Miteinander sollte aber in der Ehe unserer Eltern nicht mehr aufkommen.
Unsere Mutter stand mit beiden Beinen auf dem Boden. Sie hatte in den Jahren bewiesen, dass das Leben ohne Bevormundung zu meistern ist. Sie war an der Arbeitsstelle von den Kollegen geachtet. Sie hatte durch ihr Engagement in der Singgruppe ein zusätzliches Einkommen und ein ständig neues Publikum mit neuen Erlebnissen, was sie sehr mochte.
 
Ein lieb gewonnener Lebensabschnitt sollte vorbei sein. Die Schulzeit ging zu Ende, aber ich wollte es nicht wahr haben und verließ meine Schule mit Wehmut.
 
Die Schule war ein kompakter Bau mit großer Freitreppe und zwiebelförmigem Turm mit Uhr. Weit über unsere Gemeinde hinaus war sie zu sehen. Sie war für mich immer etwas Besseres als die Schulhäuser in den anderen Gemeinden. Vor der Schule führte die Dorfstraße entlang, anschließend war der Große Fellbach überbrückt und diente als Marktplatz. Daran grenzte die Hauptstraße, die mehrere Landkreise miteinander verband. Die Hauptstraße heißt heute Augustin Straße. Symbolisch wird sie in der Silberstraße des Erzgebirges mit eingebunden. Man kann diese Straße befahren von Zwickau–Aue–Schwarzenberg–Anna-berg–Flöha–Freiberg bis nach Dresden. Angrenzend zu der Schule befanden sich die Gaststätte „Zum Einkehren“, die später zum Kindergarten umgebaut wurde, und die Gaststätte „Hotel am Marktplatz“. Ein wunderschöner Aufgang zur Allerheiligenkirche mit dem Kriegerdenkmal für die gefallenen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg. Das sich anschmiegende Pfarrhaus, von viel Grün umwachsen, stellt sich träumerisch dar. Es ist ein großes Fachwerkhaus, das für Bibelstunden, Religionslehre – die ich auch besuchte – und vieles mehr genutzt wurde.
Zum Thema Schule und Lehrer möchte ich eine weitere Episode erzählen.
Dafür wurde eine sowjetische Militäreinheit in Bataillonsstärke nach Grossau verlegt, die in schnell erbauten Wohnhäusern an der Großheimer Straße einquartiert wurde. Diese Wohnhäuser – massives Erdgeschoss, alle weiteren Etagen aus Holz, dazu ein eigenes Kulturhaus – wurden mannshoch mit Brettern umzäunt. Die Soldaten hatten den Auftrag, alle Personen zu kontrollieren, die Grossau besuchten oder verließen. Es hieß, wegen Spionage zum Uranabbau. Es wurden dazu Schlagbäume errichtet. Einer davon stand mitten in der Gemeinde. Die diensthabenden Offiziere und Soldaten benutzten das ehemalige HJ-Heim, das von den Nazis recht niveauvoll erbaut, eingerichtet und ausgestattet worden war, als Kontrollstation und Unterkunft. In dieser Zeit wurde unsere Klasse durch eine Lehrerin, Fräulein Menge, unterrichtet. Sie war eine junge Neulehrerin und sah sehr gut aus. Alle Jungs waren von ihr begeistert. Sie stand bei uns hoch im Kurs. Wir beneideten den Junglehrer, Herrn Franzen, der ihr den Hof machte. Er war Russischlehrer an unserer Schule. Eines Tages hörten wir, dass Fräulein Menge am bewussten Kontrollpunkt festgehalten wurde. Der fehlende Personalausweis sollte der Grund sein. Es wurde laut und hektisch an der Schule. Zur Lösung wurde der Lehrer Franzen zum Kontrollpunkt geschickt. Da er russisch sprechen konnte, war schnell die Ursache – der fehlende Personalausweis – geklärt. Zur Strafe erhielt Fräulein Menge die Arbeitsauflage, das Spülklosett zu reinigen und das benutzte, weggeworfene Klosettpapier aus der Ecke zu besei-tigen. Ob diese Auflage in dieser Form erfolgte, haben wir nicht erfahren.