Es gibt auch Sonne hinter den Wolken
Leben mit Legasthenie
 
 
Petra Rütgers
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Erschienen im novum pro Verlag

Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

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© 2011 novum publishing gmbh
 
ISBN Printausgabe: 978-3-99003-303-6
ISBN e-book: 978-3-99026-218-4
Lektorat: Mag. Dr. Margot Liwa
Umschlagfotos: Hdsidesign | Dreamstime.com, Steve Mann | Dreamstime.com
 
Gedruckt in der Europäischen Union auf umweltfreundlichem, chlor- und säurefrei gebleichtem -Papier.
 
www.novumpro.com
 
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Widmung
 
 
Gewidmet meinem Sohn Felix
 
 
 
 
 
Die Hoffnungslosigkeit ist schon die vorweggenommene Niederlage.
(Karl Jaspers, dt. Psychiater und Philosoph)
 
Prolog
 
 
Dies ist kein Ratgeber für Eltern von legasthenischen Kindern.
Es handelt sich auch um keine wissenschaftlich fundierte, umfassende Übersicht zu den Themen Diagnostik, Ursachen und Förderung bei Legasthenie.
Sondern es ist die Chronologie unseres Leidensweges der vergangenen fünf Jahre.
Während dieser turbulenten, nervenaufreibenden Jahre habe ich meine eigenen persönlichen Erfahrungen zum Thema Legasthenie gemacht. Mein Alltag war geprägt von zahllosen Auseinandersetzungen, Verzweiflung und Resignation. Da war eine große Hoffnungslosigkeit. Keiner scheint in der Lage zu sein, deinem Kind wirklich helfen zu können. Man eilt von einer Therapie zur nächsten, ohne dass eine Verbesserung spürbar wird, und wenn man meint, es gehe endlich bergauf, dann droht am nächsten Tag der unerwartete Rückschlag. Permanente Einmischung seitens der Familie und gut gemeinte, aber wenig nützliche Ratschläge sind an der Tagesordnung, doch der Kontakt zu anderen betroffenen Eltern fehlt. Ist dies ein Tabuthema in unserer heutigen Zeit oder gehören wir etwa zu einer traurigen Minderheit von Betroffenen? Diese Frage habe ich mir in den zurückliegenden Jahren unaufhörlich gestellt.
Es war nicht leicht, das Erlebte zu Papier zu bringen, oft fiel es schwer, die Vergangenheit Revue passieren zu lassen, zu schmerzlich sind die Erinnerungen. Dennoch habe ich mich dazu durchgerungen und in der Tat während des Schreibens festgestellt, dass auch dieses Manuskript ein wichtiger Bestandteil meiner eigenen Therapie ist, die für mich von gleicher Wichtigkeit ist wie für meinen Sohn seine logopädische Betreuung während der letzten Jahre.
Denn es wird nicht nur der Kummer von der Seele geschrieben, sondern man schöpft gleichzeitig auch Hoffnung, so unglaublich es vielleicht für den einen oder anderen klingen mag. Hoffnung, das heißt der Glaube, dass sich etwas zum Guten wenden wird, ist ein Lebenselixier. Nur wer glaubt, kann eine schwierige Situation bewältigen, kann Einfluss nehmen.
Hoffnung ist während der vergangenen Jahre eine Tugend für mich geworden.
Die Jahre, die hinter uns liegen, waren schwer, aber wir haben uns nicht unterkriegen lassen und aus eigener Anstrengung heraus enorm viel erreicht. Ich wünsche mir von Herzen, dass auch andere Betroffene aus unserer Geschichte Kraft und Hoffnung schöpfen. Sollte dies der Fall sein, hat es sich umso mehr gelohnt, das Geschehene aufzuschreiben. Die Hoffnung aufzugeben bedeutet, nach der Gegenwart auch die Zukunft preiszugeben.
 
Januar 2010
 
 
1
 
 
Felix war ein Wunschkind.
 
Wir haben lange auf ihn gewartet. Ich war damals bei einem ortsansässigen Pharmaunternehmen als Fremdsprachenkorrespondentin angestellt und arbeitete bereits im sechsten Jahr dort. Mein Mann und ich wünschten uns sehnlichst ein Kind, und als sich dann herausstellte, dass ich endlich schwanger war, war die Freude natürlich groß. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt bereits über 10 Jahre berufstätig gewesen und sehnte mich nach dieser neuen, so anderen Herausforderung.
Wir hatten viele Pläne, auch für unser Kind. So war es unser Traum, irgendwann in ferner Zukunft eventuell in die USA auszuwandern. Wir waren immer sehr viel und vor allem weit gereist und malten uns aus, wie aufregend und spannend es doch wäre, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten sein Glück zu versuchen und Deutschland den Rücken zu kehren. Wir schätzten die Spontaneität und Offenheit der Amerikaner im Gegensatz zur deutschen Reserviertheit.
Nun war ich also schwanger, und im Hinblick auf einen möglichen Landeswechsel in naher oder ferner Zukunft galt es zu überlegen, ob wir das Kind nicht von Anfang an zweisprachig erziehen sollten. Es würde ihm, selbst wenn sich unser Traum nicht erfüllen sollte, enorme Vorteile in Schule und Berufsleben bringen.
Ich freute mich bereits auf diese neue Herausforderung, mit meinem Kind vom Tage seiner Geburt an Englisch zu sprechen. Las ich doch seit ewigen Zeiten ausschließlich englischsprachige Romane. Ein paar Klassiker von Dostojewskij, Stefan Zweig oder Tolstoi waren die traurigen Überreste deutschsprachiger Werke in meinem Bücherregal. Ich war immer eine regelrechte „Leseratte“ gewesen, jede freie Minute verbrachte ich mit einem Schmöker, während mein Mann sich auf die Lektüre von Fachzeitschriften beschränkte. Ich kann das bis heute nicht nachvollziehen. Für mich waren Bücher immer eine willkommene Abwechslung, dem Alltag den Rücken zu kehren und abzutauchen in eine andere Welt und der Fantasie freien Lauf zu lassen.
In diversen Zeitschriften und Familienratgebern hatte ich gelesen, dass sich Musikhören positiv auf das Kind im Mutterleib auswirken könne. War ich bereits in früheren Zeiten eine wahre Barbra Streisand-Verehrerin gewesen, so sollte ihre Musik von nun an ständig und ausschließlich aus allen verfügbaren Lautsprechern ertönen. Mein Mann ertrug es mit Fassung.
Eins meiner fortwährenden Laster war das Rauchen.
Ich habe es selbst zu Beginn der Schwangerschaft nicht geschafft, ganz darauf zu verzichten. Natürlich gab es Tage, an denen ich nicht rauchte. Aber sobald wir beispielsweise ein Restaurant betraten, zog ich auch schon eine Packung aus der Tasche. Es gehörte für mich einfach dazu, nach einem guten Essen eine gute Zigarette zu rauchen. Ich erinnere mich - sehr wohl mit schlechtem Gewissen - an eine Situation, in der wir unsere Uroma zum Geburtstag, es muss ihr 82. gewesen sein, in ein Restaurant begleitet haben. Als sie mich schließlich mit der Zigarette sah, sagte sie nur: „Du musst doch nicht rauchen, du bist schwanger!“
Noch heute plagt mich das schlechte Gewissen darüber, dass ich es nicht fertiggebracht habe, das Rauchen während der Schwangerschaft ganz sein zu lassen.
Bis zum fünften Monat verlief die Schwangerschaft ohne nennenswerte Vorkommnisse. Dann stellte meine damalige Ärztin fest, dass das Kind sehr tief lag und zudem die Gefahr eines vorzeitigen Blasensprungs bestand. Sie verordnete sofortige Schonung, was, sehr zum Ärger meines Chefs, zur Folge hatte, dass ich nun laufend Atteste einreichte und nicht mehr im Büro erschien. Jetzt fand ich es schade, so plötzlich und unerwartet Abschied von der Arbeitswelt nehmen zu müssen. Ich fühlte mich ja auch fit und gesund. Natürlich leistete ich dennoch der Anweisung meiner Ärztin Folge, mich möglichst ruhig zu halten, und bis zum Ende der Schwangerschaft gab es keinerlei spektakuläre Zwischenfälle.
Der Tag des errechneten Geburtstermins rückte näher. Schließlich war er da, von leichten Vorwehen oder Senkwehen jedoch keine Spur. Als sich auch nach Ablauf einer Woche nach dem errechneten Termin nichts tat, entschied ich mich, das Krankenhaus aufzusuchen.
Jetzt bekam ich wehenfördernde Mittel, die den Geburtsvorgang prompt und heftig einleiteten. Natürlich wusste ich, dass „Kinderkriegen“ wahrhaftig kein Zuckerschlecken ist. Es war schon heftig. Einen ganzen Tag lang lag ich im Kreißsaal und kämpfte mit mir und dem Kind, das nicht kommen wollte. Ich hatte mich für eine Rückenmarknarkose entschieden, deren Wirkung unglücklicherweise vorübergehend aussetzte, was die Sache nicht gerade leichter und schmerzlindernder machte.
Bei den Vorsorgeuntersuchungen war bereits festgestellt worden, dass der Kopf des Kindes relativ groß war, mein Becken verhältnismäßig schmal. Waren Komplikationen vorprogrammiert?
Ich lag bis in den späten Abend hinein in den Wehen, aber der Geburtsvorgang schritt nicht wesentlich voran. Schließlich verlangsamten sich auch noch die Herztöne des Babys, sodass der Arzt gegen 23.00 Uhr dazu riet, einen Kaiserschnitt vorzunehmen. Mir war alles recht; die Schmerzen hatten mich mürbe gemacht, ich wollte das Ganze jetzt nur noch hinter mich bringen. Auch mein Mann ging bereits auf dem Zahnfleisch.
Am 10. Oktober 1998, um 23.49 Uhr erblickte unser Felix endlich nach langem Kampf das Licht der Welt. Er maß 56 cm, wog 3670 g und sein Kopfumfang betrug 36,0 cm.
Dankbar und erleichtert schlossen wir unseren gesunden, kräftigen Jungen in die Arme.
Aufgrund des Kaiserschnitts musste ich die nächsten 14 Tage im Krankenhaus bleiben und beneidete insgeheim die anderen frischgebackenen Mütter, die bereits am nächsten Tag auf den Beinen waren und bald darauf mit ihrem Neugeborenen die Klinik verlassen durften.
Ich hingegen kämpfte weiter, der Bauchschnitt machte mir zu schaffen, die Drainage war unangenehm, ich konnte kaum gehen, jeder Gang zur Toilette entpuppte sich als großer Zeitaufwand und war ohne fremde Hilfe nicht zu meistern. Meine Unbeweglichkeit machte sich auch bei den ersten Stillversuchen bemerkbar.
Für mich war immer klar gewesen, dass ich unser Kind auf jeden Fall so lange wie möglich stillen wollte. Kein leichtes Spiel, wie sich schnell herausstellte. Ich resignierte schnell und verzweifelte, was dann auch die Wochenbettdepression einleitete. Ich wollte keinen Besuch empfangen und brach oft grundlos in Tränen aus.
Ich war froh, als ich nach 14 Tagen das Krankenhaus verlassen durfte. Zu Hause würde sich schon alles normalisieren und einspielen.
 
2
 
 
Der kleine Felix entwickelte sich gut. Dank meiner Hebamme klappte es auch mit dem Stillen allmählich immer besser. Natürlich schlief er nachts nicht durch, aber er kam immerhin nur ein- bis zweimal. Durch den plötzlichen Schlafmangel und ungewohnten Schlafentzug war ich wie alle frischgebackenen Mütter tagsüber gerädert. Ich hatte bereits damit begonnen, Englisch mit Felix zu sprechen, während mein Mann Michael den deutschen Part übernahm. So kam es beispielsweise auch nachts vor, dass ich, wenn sich bei Felix der Hunger meldete, ihn im Schaukelstuhl sitzend stillte und ihm kleine englische Geschichten erzählte oder auf Englisch vorsang. Ich hatte gelesen, dass leise Musik oder Gesang beruhigend auf Babys wirken würde, und so durchstöberte ich mein geistiges Repertoire nach halb vergessenen Songs. Das Singen hatte tatsächlich einen positiven Einfluss auf Felix’ Gemütszustand; wie viele Neugeborene, litt er an der typischen Dreimonatskolik, und da gab es die eine oder andere unruhige Nacht, in der sich das Singen wirklich bewährte.
Über die Entwicklung im ersten Babyjahr vermag ich nichts Auffälliges zu berichten. Körperlich entwickelte sich Felix seines Alters entsprechend normal und gut. Die Krabbelphase hatte er übersprungen, konnte mit einem Jahr bereits laufen.
Nachdem ich ihn nach knapp sieben Monaten wegen Milchmangels hatte abstillen müssen, begann ich, ihn allmählich an die Kost der Babygläschen zu gewöhnen, was er allerdings wenig ansprechend fand. In den kommenden Jahren sollte das Thema „Essen“, insbesondere die warmen Mahlzeiten ein ständiges leidiges Thema sein.
Auch hatte Felix ein ausgeprägtes Schnullersyndrom. So fand sich ständig ein Dutzend von den Latexsaugern in allen möglichen Ecken und Winkeln unserer Wohnung. Und es musste ständig einer griffbereit sein. Ich erinnere mich besonders an eine Situation, in der ein verloren gegangener Schnuller unsere Nerven auf eine arge Zerreißprobe stellen sollte.
Wir waren zu Besuch bei Freunden in Köln gewesen und befanden uns am späten Abend auf dem Heimweg. Bereits kurze Zeit nach unserer Abfahrt in Köln entledigte sich Felix seines Schnullers, der daraufhin im Fußbereich der Rückbank landete, sodass ich ihn unmöglich hätte greifen können, ohne mir dabei das Kreuz zu verrenken. Wir befanden uns bereits auf dem Zubringer zur Autobahn, sodass ein Anhalten nicht mehr infrage kam. Felix hatte die Puste und das Ausdauervermögen, während der gesamten Autofahrt nach Hause wie am Spieß zu brüllen. Wir ertrugen es mit Fassung, gleichwohl lagen unsere Nerven blank.
Ich tolerierte die Schnullermanie und versuchte nicht, wie häufig von Ärzten oder in Gesundheitsratgebern empfohlen, ihn mit Gewalt von den Dingern zu entwöhnen. Viele Dinge regeln sich ganz von selbst, dachte ich mir. Eile mit Weile.
Vielmehr glaubte ich, dass er mit der Zeit schon selbst davon abkommen würde.
Im zweiten Jahr warteten wir gespannt auf Felix’ erste Worte.
Ich sprach weiterhin ausschließlich Englisch mit ihm, und an seinen Reaktionen merkte ich, dass er mich hundertprozentig verstand.
Doch Felix’ zaghafte Sprechversuche hielten sich in Grenzen und beschränkten sich zudem ausschließlich auf die deutsche Sprache, worüber ich ein wenig enttäuscht war. Klar, er wurde natürlich stark durch sein deutsches Umfeld geprägt, hörte Familie und Freunde deutsch miteinander sprechen, und auch aus Fernsehen und Radio klang die vertraute deutsche Sprache.
Ich sprach den Kinderarzt bei einer der zahlreichen Vorsorgeuntersuchungen auf das Thema bilinguale Erziehung an. Er fragte mich: „Welches ist Ihre Muttersprache, Englisch?“ Ich verneinte. „Sehen Sie, wären Sie Engländerin oder Amerikanerin, würde das Kind ebenso Englisch wie Deutsch sprechen. Da Ihre Muttersprache aber Deutsch ist, ebenso wie die Ihres Mannes, wird das Ganze nicht so funktionieren, wie Sie sich das vorstellen. Da Sie sich aber nunmehr dazu entschlossen haben, Ihren Sohn zweisprachig zu erziehen, sollten Sie auch weiterhin konsequent Englisch mit ihm sprechen. Schaden wird es ihm auf gar keinen Fall.“
Etwas anderes fiel mir auf und erstaunte mich. Felix mochte sich etwa am Ende seines zweiten Lebensjahres oder am Anfang des dritten befunden haben, jedenfalls hatte ich schon seit einiger Zeit versucht, ihn für kleine Gutenachtgeschichten zu begeistern.
Ich selbst war mit zwei jüngeren Schwestern aufgewachsen und hatte es in meiner Kindheit genossen, die Märchentante zu spielen. Besonders wenn unsere Familie in den Sommerurlaub fuhr und wir Mädchen uns ein Zimmer zum Schlafen teilten, wurde Abend für Abend darauf bestanden, dass ich, während wir drei schon in den Betten lagen, noch eine Geschichte erzählte. Das hatte mir immer großen Spaß bereitet, konnte ich doch meiner Fantasie freien Lauf lassen und mir spontan immer etwas Neues einfallen lassen.
Die kleinen Geschichten fanden damals so viel Anklang, dass meine Eltern vorschlugen, ich sollte sie doch alle einmal zu Papier bringen, was ich allerdings nicht tat.
Für Felix wollte ich zwar noch keine Geschichten vor dem Schlafengehen erfinden, aber ich hatte mich zumindest schon darauf gefreut, hin und wieder eine kurze Geschichte vorzulesen. Da er nicht zu den Kindern gehört, die abends um acht Uhr todmüde erst ins Bett und Sekunden später in den Tiefschlaf fallen, hoffte ich, auf diese Weise „zwei Fliegen mit einer Klappe“ zu schlagen. Dass er einerseits Gefallen an Geschichten entwickeln und dabei ganz sanft einschlummern würde. Auch dieser Plan ging nicht auf – leider.
Felix interessierte sich nicht die Bohne für Bücher und Geschichten, schraubte lieber an irgendwelchen Gegenständen herum und war übrigens auch dem Fernsehen ganz und gar nicht abgeneigt. Ich war enttäuscht, hoffte aber trotzdem, dass ich ihn mit der Zeit auch für das Vorlesen würde begeistern können.
3
 
 
Im Oktober 2001 feierte Felix seinen dritten Geburtstag und gleichzeitig seinen Start im Kindergarten.
Wir hatten uns für einen kirchlichen Kindergarten entschieden, der sich ganz in der Nähe unserer Wohnung befand. Ich würde Felix morgens zu Fuß dorthin bringen können, ohne das Auto bewegen zu müssen. Die Kindertagesstätte wurde zu einem Großteil von Ausländern, insbesondere türkischer und osteuropäischer Herkunft, besucht. Mein Mann und ich hatten uns gerade für diese Einrichtung entschieden, weil sie zum einen bequem zu erreichen war, zum anderen, weil sie unter der Obhut des Pastors stand, der wiederum ein guter Freund der Familie meines Mannes war.
Auf der anderen Seite dieses Kindergartens befand sich ein Montessori-Kinderhaus. Dorthin wurden Kinder aus allen Stadtteilen gefahren. Für das Kinderhaus hatte ich mich in erster Linie interessiert, aber die Aussichten auf einen Aufnahmeplatz waren wenig Erfolg versprechend aufgrund des starken Anmeldeüberhangs und einen Platz für Felix haben wir folglich auch nicht bekommen können.
Felix gehörte nicht zu den Kindern, die morgens aufwachen und sich darüber freuen, in den Kindergarten gehen zu dürfen. Gerade die Anfangsphase, die Eingewöhnung in die Gruppe, die ungewohnte Situation, plötzlich drei Stunden vormittags in einer fremden Umgebung fernab des vertrauten Heimes verbringen zu müssen, kostete nicht nur ihn Überwindung, sondern auch mich eine gehörige Portion Geduld und Durchsetzungsvermögen. Lange Zeit musste ich anfangs noch in seiner Spielgruppe bleiben, damit er nicht von Weinkrämpfen geschüttelt wurde. Bald schon gab es morgens die ersten Machtkämpfe. Er weigerte sich beharrlich, in den Kindergarten zu gehen, bockte herum. Ich wiederum versuchte oft vergeblich, mich durchzusetzen. Schnell lagen die Nerven blank und ich gab klein bei. Doch das konnte nicht der richtige Weg sein.
Mein Einfallsreichtum war gefragt. Ich erfand ein Spiel. Wir sammelten „rote Punkte“ für jeden Tag, an dem er in den Kindergarten ging. Bei 20 Punkten sollte es eine Überraschung geben. Dieses Prozedere funktionierte anfangs recht gut, verlor aber zunehmend an Attraktivität, da Felix einerseits bei meinen Schwiegereltern oft und gut absahnte und auch von seinem Papa nicht selten bedacht wurde. Jedenfalls wurde er reicher beschenkt, als es mir lieb war. Ich hielt es einfach für unangemessen, und die roten Punkte vermochten schließlich auch nicht mehr viel zu bewirken.
So war die dreijährige Kindergartenzeit geprägt von Unregelmäßigkeit bis hin zur Abwesenheit über mehrere Tage.
Also verbrachte Felix nach wie vor viele Tage zu Hause anstatt im Kindergarten.
Ich redete mir ein, dass das auch sein Gutes hatte; so konnte ich wenigstens in Sachen Englisch weiterhin am Ball bleiben. Dennoch „hütete“ sich Felix nach wie vor, auf Englisch zu sprechen oder zu antworten, wenngleich offensichtlich war, dass er jedes Wort verstand.