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John Grant & Joe Dever

DAS VERMÄCHTNIS DER KAI

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John Grant & Joe Dever

DAS VERMÄCHTNIS
DER
KAI

Aus dem Englischen von Daniel Mayer

Roman

Titel der englischen Originalausgabe:
ECLIPSE OF THE KAI

1. Auflage
Veröffentlicht durch den MANTIKORE-VERLAG
NICOLAI BONCZYK
Frankfurt am Main 2015
www.mantikore-verlag.de

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe
MANTIKORE-VERLAG NICOLAI BONCZYK
Text © John Grant & Joe Dever 1989

Titelbild: Alberto Dal Lago
Deutschsprachige Übersetzung: Daniel Mayer
Lektorat: Nic Bonczyk
Satz: Matthias Lück
Bildbearbeitung: Thomas Michalski
Covergestaltung: Mirela Barbu

ISBN: 978-3-945493-14-4

Inhalt

I EIN VERSCHMÄHTER MAGIER

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

II FLUCHT IN DIE FINSTEREN LÄNDER

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

III BEGRÜSSUNGEN

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

IV VON WAHRHEIT UND LÜGE

Kapitel 1

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

V DIE MUSIK VON ZAGARNA

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

VI EIN STURM ZIEHT AUF

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

VII STRASSEN

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

VIII INFORMATIONEN

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

IX DIE DUNKELHEIT DER KAI

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

X IN DEN HIMMELN

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

XI DÄMMERUNG DER DUNKELHEIT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

I

EIN VERSCHMÄHTER MAGIER

1

Das Wort klang in der uralten Halle wider. Seine Echos verloren sich inmitten der vermummten Häupter.

„Narr!“

Der Gildenmeister wich nicht zurück. Mit seinem weißen Haar und weißen Bart saß er gelassen auf seinem vergoldeten Thron und blickte Vonotar mit seinen ruhigen blauen Augen an.

Die Ruhe, mit welcher der Angesprochene auf seinen Ausbruch reagierte, erzürnte den hin und her schreitenden Magier. „Inkompetent!” schrie er in die Höhe, als würde er die Decke der Halle meinen. „Alter Schwachkopf!” rief er in Richtung eines Lagers von schimmligen Bannern.

Der Gildenmeister regte sich auf seinem Thron. Als er endlich das Wort ergriff, spürte man seinen Widerwillen. „Vonotar”, sagte er mit eingerosteter Stimme. „Wir hatten diesen Streit schon viele Male zuvor. Die Bruderschaft des Kristallsterns hat sich der Magie des Linken Pfads verschrieben, um die edlen Götter Kai und Ishir dabei zu unterstützen …”

Vonotar spuckte auf den Boden. Er war ein großer, gutaussehender Mann mit einem ordentlich gestutzten Bart und einer stolzen Adlernase. Seine grauen Augen flackerten zornig.

„Du bringst nur immer wieder den gleichen Unsinn hervor, du zitternder alter Gimpel“, blaffte er. „Unsere Bruderschaft wurde nicht aus hohen und erhabenen Idealen gegründet, sondern nur mit einem einzigen Zweck: Macht zu erlangen! Du und deine Vorgänger haben uns von diesem wahren Pfad abgebracht. Und was sind wir nun?“

Er machte eine ausladende, eindrucksvolle Geste mit dem Arm, um auf die Versammlung der Ahnen der Bruderschaft zu deuten, die in betroffener Stille lauschten. Selbst der Gildenmeister musste im Stillen zugeben, dass sie keine allzu attraktive Versammlung waren: Männer wie Frauen zeigten deutlich sichtbare Zeichen des hohen Alters und des geistigen Verfalls.

Ehe der Gildenmeister antworten konnte, erhob Vonotar wieder das Wort. Seine Stimme war scharf wie das Schwert eines Giaks. „Ja, ich weiß, was du denkst, Gildenmeister. Diese Ansammlung von Antiquitäten … was sind sie? Diese Leute sind nur in den Rat der Bruderschaft aufgestiegen, weil sie alt sind. Niemals haben sie etwas hinterfragt. Niemals haben sie versucht, auch nur vorzuschlagen, dass die Rolle unserer Bruderschaft überdacht werden sollte. Sie sind … sie sind … ein altes Nichts!”

Die Halle von Torans Magiergilde war still. Durch ein Buntglasfenster schien ein Strahl roten Sonnenlichts, in dem Partikel aus glitzerndem Staub schwebten. Für einige Augenblicke waren diese das einzige, was sich bewegte, als Vonotar, der Gildenmeister und die Ahnen wie die Ölgötzen erstarrten. Vonotars Arme waren ausgestreckt. Sein einer Zeigefinger deutete anklagend auf den Gildenmeister, der andere auf die niedrige Galerie, auf der die zwölf Ahnen saßen, die Münder geöffnet in verschiedenen Ausdrücken des Entsetzens und der Kränkung. Die verblichenen Flaggen der Bruderschaft des Kristallsterns, verkrustet mit Schichten aus Staub, die Jahrhunderte alt waren, hingen bewegungslos in der klammen Luft.

Die Stille wurde von einem kleinen, grauen Kätzchen unterbrochen. Es tollte in die Halle, sprang mit einigen Schwierigkeiten die drei Stufen zum Throne des Gildenmeisters empor und begann sich genüsslich an seinem Bein zu reiben.

Einer der Ahnen lachte glucksend, und das brach den Bann.

Vonotar schien zu wachsen. Er war immer ein großer Mann, doch jetzt erschien er doppelt so groß. Seine breite Brust drückte sich gegen das Tuch seiner mit Sternen verzierten blauen Robe.

„Du!” brüllte er und deutete auf den Ahnen. „Du glaubst, dass es einen Grund für Gelächter gibt? Ich habe den Pfad der Rechten Hand studiert und weiß, dass es unser einziger Weg zur Macht ist!”

Er bewegte seinen rechten Arm und deutete auf das Kätzchen, welches gerade den ausgestreckten Fuß des Gildenmeisters leckte.

„Könnt ihr dies mit dem Pfad der Linken Hand?” flüsterte Vonotar.

Eine Flamme zuckte von seinen ausgestreckten Fingern zu dem Kätzchen.

Das kleine Tierchen zerfiel augenblicklich zu Asche.

Der Magier wandte sich wieder den Ahnen zu. „Seid gewarnt”, sagte er. „Ich könnte das mit jedem von euch machen. Die Magie des Pfades der Rechten Hand ist weitaus mächtiger als die der Linken. Sie kann verwendet werden um zu töten, nicht nur um zu heilen. Wenn unsere Bruderschaft die Macht erlangen soll, die sie verdient – die sie benötigt – müssen wir bereit sein, den Pfad der Rechten Hand zu studieren!”

Der Gildenmeister blickte Vonotar mit einstudierter Unbestimmtheit an.

„Ein Kätzchen zu töten ist ein kindischer Trick, der deiner nicht wert ist, Vonotar”, sagte er mit sanfter Stimme. „Vielleicht könntest du den Pfad der Rechten Hand verwenden, um das Kätzchen zum Leben zu erwecken?”

Der Rebell verschränkte die Arme und starrte den weißhaarigen Gildenmeister streitlustig an.

Erneut wurde es still.

Der Gildenmeister war vor vielen langen Jahren ernannt worden, und dies nicht nur aufgrund seines magischen Könnens, sondern auch wegen seines perfekten Sinns für dramatische, wirkungsvolle Auftritte. Nachdem er den Augenblick lange genug währen hatte lassen, lächelte er Vonotar an wie ein Vater sein Kind. Dann lehnte er sich nach vorne und berührte den kleinen Aschehaufen zu seinen Füßen. Die Asche regte sich und war im nächsten Augenblick wieder ein kleines, graues Kätzchen. Das Kätzchen kletterte die Robe des Gildenmeisters empor und setzte sich in seinen Schoß, wo es sich niederließ und erstaunlich laut zu schnurren begann.

„Du musst wissen“, sagte der Gildenmeister. „Unsere Bruderschaft dreht sich nicht nur um Macht an sich, es geht um die Macht, diese Welt – ganz Magnamund – vor den Mächten des Bösen zu beschützen. Wir lehnen den Pfad der Rechten Hand bewusst ab. Zwar mögen die Weisen ihn ohne Folgen verwenden können, doch die Narren verfallen dem Banne Naars, des Königs der Dunkelheit.“

„Naar!“ rief Vonotar. „Du sagst, dass Naar die Verkörperung alles Bösen ist, aber mit welchem Beweis? Weißt du denn sicher, dass er überhaupt existiert?“

„Ja“, sagte der Gildenmeister leise. Er setzte das Kätzchen vorsichtig auf den Boden. „Selbst in diesem Augenblick sammeln die Schwarzen Lords, seine Schergen, ihre Truppen in Kaag. Ihr Plan ist es, ihre Armee nach Osten über das Schroffsteingebirge zu führen und Sommerlund zu erobern. Unser Land wird Fackel und Schwert zum Opfer fallen, unser Volk wird gefoltert oder ermordet oder versklavt werden. Wenn du dich entscheidest, weiter dem Pfad der Rechten Hand zu folgen, dann wirst du dazu beitragen – indirekt, ohne Frage, dazu beitragen nichtsdestotrotz – dass all dies Wahrheit wird.“

Vonotar spuckte erneut aus. Dieses Mal blickte der Gildenmeister eindringlich auf die Stelle, wo der Speichel gelandet war. Seine alte Stirn warf noch mehr Falten, als er sich konzentrierte. Das Sonnenlicht in der Halle flackerte.

Wo die glänzend weiße Spucke gewesen war, da war nun eine kleine gelbe Rose erblüht.

„Das Böse“, sagte der Gildenmeister, „kann in Gutes verwandelt werden, aber nur nach einem langen und schwierigen Kampf. Das Gute in Böses zu verwandeln ist weit einfacher.“

Er wedelte gelassen mit seinem Finger, und die blühende Rose war wieder nur ein Klecks Spucke.

„Bis du dazu imstande, Vonotar“, sagte der Gildenmeister, „das Mal deines Hasses und Giftes wieder in eine Blüte zu verwandeln?“

Der Rebell blickte die Versammlung von Ahnen an und grinste höhnisch. „Der Pfad der Rechten Hand erlaubt uns alles zu tun – alles!“ verkündete er wichtigtuerisch. Aus einer Tasche seiner Robe zog er einen kurzen gegabelten Stab, mit dem er auf den Fliesenboden deutete, dorthin, wo der Speichel lag. Sein ganzer Körper verspannte sich, als er die volle Macht seines magischen Wissens in den Stab lenkte. Karmesinrote Funken umtanzten seinen Körper und die Luft wurde dick.

„Versuch es nur, Vonotar“, sagte der Gildenmeister leise.

„Verdammt sollst du sein“, murmelte der Rebell. Die Adern seines Gesichts zeichneten sich deutlich ab, während er sich anstrengte, die letzten Reserven seiner Macht der Rechten Hand anzurufen.

Es ertönte ein lautes Knacken, als sei einer der großen Steine der Mauern plötzlich geborsten.

Vonotar brach ob der plötzlichen Entladung fast in sich zusammen.

Auf dem Boden saß nun eine winzige Kreatur. Sie war nicht länger als ein Finger und kauerte gedrungen auf den Steinen. Sie zog ihre graugrünen Lippen zurück, um Reihen blutroter Zähne zu blecken. Ihre Augen waren so hart und ohne Seele wie Adamant.

Vonotar blickte seine Schöpfung voller Abscheu an. Er warf dem Gildenmeister, der sich selbst ein sanftes Lächeln erlaubte, einen Blick zu.

„Was ist … das?“ fragte Vonotar.

„Es ist, was du aus deinem Zeichen des Hasses zu erschaffen vermochtest.“

„Nicht alles was hässlich ist, ist auch böse“, entgegnete Vonotar.

„Das ist wahr“, sagte der Gildenmeister. „Und nicht alles, was böse ist, ist auch hässlich. Aber lass dich durch deine Augen oder deinen Verstand nicht täuschen: nur weil etwas hässlich ist, bedeutet dies nicht, dass es nicht böse ist.“

Er beugte sich vor, um das Kätzchen an den Ohren zu kitzeln.

„Das Geschöpf, das du in unserer Halle hervorgebracht, ist sowohl hässlich als auch böse. Obwohl es so winzig klein ist, so ist sein Biss doch mächtig genug, um die Kehle der stärksten Männer zu zerfetzen. Und du hast keine Möglichkeit, es zu beherrschen. Es mag sich entscheiden, mich zu töten, doch könnte es gleichermaßen dich ermorden, oder einen der anderen, die sich hier versammelt haben.“

Die Ahnen wanden sich unbehaglich in ihren Stühlen.

„Vonotar, aus deinem Hass heraus hast du Böses erschaffen. Das ist immer der Weg für jene, die sich entscheiden, dem Pfad der Rechten Hand zu folgen. Täusche dich nicht: Das Böse ist mächtig und schwer auszurotten. Und doch kann es bezwungen werden. Wer auf der Seite des Guten steht braucht keine rohe Kraft, um es zu bezwingen – er braucht nur Können, Geschicklichkeit und den Willen, seiner Sache zum Sieg zu verhelfen. Schau genau zu.“

Der Gildenmeister neigte sich erneut zum Kätzchen vor, doch diesmal hob er es vom Boden auf und setzte es auf seine Knie. Er streichelte seinen Kopf, und es schloss die Augen, als es sich der Ekstase des Augenblicks hingab. Er verwuschelte das Fell zwischen den Vorderbeinen des Kätzchens und es blickte ihn leicht verdrießlich an. Dann flüsterte er ihm einige Worte in die Ohren.

Das Kätzchen stellte sich aufrecht hin. Sein Schwanz begann zu zucken. Eindringlich starrte es die abscheuliche kleine Kreatur an, die auf dem blauen und silbernen Mosaikboden kauerte. Lautlos sprang es von den Knien des Gildenmeisters und kauerte sich an seinen Füßen zusammen.

Die krötengleiche Bestie starrte zurück. Ihr Maul öffnete sich erneut, um die messerscharfen Zähne zu entblößen. Eine obszön rote, gespaltene Zunge schoss zwischen den Zähnen hervor. Es war eindeutig, dass die Kreatur hungrig war und dass sie das Kätzchen als ihre nächste Mahlzeit betrachtete.

„Auf welcher Seite stehst du, Vonotar?“ hauchte der Gildenmeister mit belegter Stimme.

Vonotar gab keine Antwort. Wie die Ahnen war auch er absolut bewegungslos und erwartete in hilfloser Faszination den Kampf, der jeden Moment beginnen würde.

„Die Katze heißt Grauer“, sagte der Gildenmeister. „Sie ist noch jung und sie ist nicht stark. Und doch schicke ich sie in den Kampf mit deinem Geschöpf, denn ich weiß, dass sie gewinnen kann. Hat deine Kreatur einen Namen?“ Seine leise Stimme hatte mehr als nur einen Beiklang des Spotts. „Gewiss muss dieses … dieses Ding einen Namen haben?“

„Ich gebe ihm keinen Namen“, murmelte der Rebell.

Das Kätzchen blickte ihn verächtlich an, richtete sich auf und begann eifrig, seine Pfote zu lecken.

Das Geschöpf auf dem Boden huschte mit einem Mal nach vorne in Richtung seines Gegners. Seine hornigen Krallen klapperten auf den Steinfliesen des Bodens. Sein Atem war ein hohes Zischen.

Das Kätzchen wischte sich mit seiner nassen Pfote über den Kopf.

Die Kreatur sprang … und landete auf der Stufe, auf der Grauer noch einen Augenblick zuvor gesessen hatte. Das Kätzchen hatte jedoch blitzartig seinen Platz gewechselt und stand nun hinter Vonotar. Während das kleine Monster sich verwirrt umblickte, wobei seine rote, gespaltene Zunge eifrig die Luft kostete, sprang Grauer auf Vonotars Rücken und kraxelte geschwind auf seine Schulter.

„Was zum—“ stotterte Vonotar.

Das Kätzchen strich mit seiner Wange gegen sein Ohr und begann erneut zu schnurren.

Der Magier nahm die Zuneigungsbekundungen für einige Augenblicke hin und kam dann zu einer Entscheidung. Abrupt legte er die wenigen Schritte zurück, die notwendig waren, um den Thron des Gildenmeisters zu erreichen und stampfte einmal, zweimal, dreimal auf das Monster herab, welches er ins Leben gerufen hatte. Dann streckte er seinen löwengleichen Kopf nach vorne und starrte in die Augen des Gildenmeisters.

„Du sagst, dass ich mit dem Bösen spiele“, rief er, wobei seine Stimme in den Gewölben der riesigen Halle widerhallte. „Und doch habe ich mich, wie du gesehen hast, mit dem Kätzchen verbündet. Ich sage euch, wir können den Pfad der Rechten Hand zum Guten nutzen! Ohne ihn können wir niemals zu wahrer Macht gelangen, und ohne wahre Macht können wir die Welt niemals zur Vernunft bringen!“

Der Gildenmeister ignorierte seine Tirade.

„Wer hat dein kleines Monster getötet, Vonotar?“ seufzte er.

„Das war natürlich ich!“

„Nein. Das Kätzchen war es. Grauer hat dich als Waffe benutzt, so wie du einen Pfeil verwenden würdest, um einen Giak zu töten. Das Kätzchen weiß mehr über den Unterschied zwischen Gut und Böse als du, mein Freund. Ohne Frage“, der Gildenmeister hob die Hand, um den Schwall von Worten zu unterbinden, der über Vonotars Lippen drängte. „Du bist ein Mann großen Wissens und wir alle haben großen Respekt vor dir. Doch dein Wissen ging auf Kosten deiner Weisheit. Mein Kätzchen hat keine Bücher gelesen, keine Zauber entdeckt, doch erkannte es das Böse und, auch wenn es schwach war, begriff es sofort, was es tun musste.“

Vonotar versuchte etwas zu sagen, doch der Wirbel an Gedanken, der durch seinen Kopf jagte, ließ ihn erkennen, dass er das Chaos in seinem Verstand nicht mehr mit Worten ausdrücken konnte.

„Grauer ist mein Geschenk an dich“, sagte der Gildenmeister, und dieses Mal war kein Hauch von Spott in seinem Lächeln. „Lass das Kätzchen dein Lehrer sein, wenn du das nächste Mal das Bedürfnis verspürst, dem Pfad der Rechten Hand zu folgen.“

Am Ende fand Vonotar doch noch Worte.

„Ich verschmähe dein Geschenk!“ donnerte er. „Ich habe diese Kreatur getötet! Ich habe sie als Verkörperung des Bösen erkannt! Nur dass ich dem Pfad der Rechten Hand folge bedeutet nicht, dass ich nicht auf der Seite des Guten stehe.“

„Also bezwingt das Gute das Böse durch das Aufstampfen deines Fußes“, sagte der Gildenmeister traurig. „Vonotar, hebe deinen Fuß.“

Der Rebell gehorchte und blickte nach unten.

Zerdrückt auf den harten Steinstufen lagen die Überreste einer gelben Rosenblüte.

2

„Schick deinen Verstand zurück in eine Zeit, in der die Welt noch jung war.

In einer Zeit, die so weit zurückliegt, dass es noch keine Zeit gab, waren die Herren des Guten und des Bösen in einen ewigen Kampf verstrickt. Es war eine unblutige Auseinandersetzung, haben die Götter doch keine Hände, um ein Schwert zu heben und keine Leiber, die verwundet werden könnten. Sie sind überall und doch sind sie nirgendwo. Der Windhauch, der ein Blatt zum Erbeben bringt, ist Manifestation eines Gottes. Stürzende Felsen, die mit dem gellenden Donner eines Steinschlags Kinder zermalmen, sind die Manifestation eines Gottes. Der süße Atem eines friedlichen Schläfers ist Manifestation eines Gottes.

Der Krieg zwischen den Herren des Guten und der des Bösen hatte schon ewig angehalten. Wir können ebenso wenig begreifen, was mit ‚Ewigkeit‘ gemeint ist, wie wir das wahre Wesen der Götter zu begreifen vermögen. Wir sind beschränkt durch unsere eigenen Vorstellungen davon, was Zeit ist. Wir blicken uns im Universum um und wir sehen, dass sich alles in einem Zustand des Wandels befindet: Monde umkreisen Planeten, Planeten umkreisen Sterne, Sterne umkreisen die Mittelpunkte ihrer Galaxien, und die Galaxien selbst entfernen sich schnell voneinander. Auf einer einfacheren Ebene werden wir geboren, altern, und wenn es an der Zeit ist sterben wir. Wir sehen all diese Veränderungen und wir sagen, dass sie der Beweis sind, dass die ‚Zeit verstreicht‘. Dies tröstet uns, doch ist es wahrlich keine Erklärung. Die Wahrheit ist, dass wir einen Namen – ‚Zeit‘ – für etwas haben, dessen Wesen wir nicht einmal annähernd begreifen können.

Ewigkeit ist ein weiteres dieser Worte, die wir verwenden, ohne sie wirklich zu begreifen. Für die meisten von uns bedeutet es, wenn wir ehrlich sind, wenig mehr als ‚eine wirklich lange Zeit‘. Vielleicht einige Millionen Jahre. Manche Menschen blicken weiter und können sich vorstellen, dass eine Ewigkeit vielleicht einige Milliarden Jahre andauern könnte, doch selbst sie klammern sich an die beruhigende Vorstellung, dass irgendwann die Zeit begonnen haben muss. Was sich vor diesem Augenblick zutrug, darüber können sie nur spekulieren, doch nehmen sie an, dass es einen solchen Augenblick gegeben haben muss. Ihre Vision der Ewigkeit ist eine Zeitspanne zwischen damals und der unendlichen Zukunft – denn niemand hat die Vorstellung, dass die Zeit jemals enden wird.

Doch ist diese Wahrnehmung der Ewigkeit ein Irrtum. Ein Irrtum basierend auf einem Irrtum. Zeit ist eine Vorstellung, die von Sterblichen erschaffen wurde, um zu erklären, was sich um sie herum zuträgt. Für die Götter gibt es keine Zeit; ihr Universum hat schon immer existiert und wird auf ewig existieren. Die Ewigkeit ist für die Götter die wahre Ewigkeit.

Dennoch sollten wir das Konzept der Zeit nicht allzu eilig verwerfen. Zahllose Millionen Jahre vor der Erschaffung des Mondsteins gab es eine Störung in den zeitlosen Gewässern der Ewigkeit. Diese Störung war das plötzliche Erscheinen unseres physischen Universums – die Sterne und die Planeten und die Steine und die Bäume, die Luft und die Blumen. Und von Geschöpfen wie uns selbst.

Die Entstehung des Universums trug sich folgendermaßen zu:

Die Göttin Ishir suchte ein Ende des zeitlosen Krieges. Wir vermögen nicht zu sagen, wie die Götter miteinander sprechen, und doch wissen wir, dass sie irgendwie die Aufmerksamkeit Naars, des Königs der Dunkelheit erweckte, und sich mit ihm verständigte. Sie schwor, dass die Herren des Guten nicht mehr länger gegen die Herren des Bösen kämpfen würden, unter der Bedingung, dass die Herren des Bösen ein ähnliches Versprechen ablegen sollten. Auch Naar war des Krieges müde und zu Ishirs Überraschung (so gesagt werden kann, dass die Götter zur Überraschung fähig sind) stimmte er ihren Bedingungen zu.

Frieden regierte, doch brauchten die Götter ein Symbol ihrer Übereinkunft. Ishir nahm die Wahrheit ihres eigenen Gelübdes und formte sie zu einem Gefäß. Natürlich war dies kein Fass und keine Schachtel; doch erkannten die Götter es als ein Gefäß. In das Gefäß legte sie Naars Macht und sein Böses, so dass sie vom Rest des Universums abgeschlossen sein sollten. Das Gefäß und sein Inhalt wurden Aon genannt, was „Das Große Gleichgewicht“ bedeutet.

Die Götter mögen überall sein, doch sind sie nicht allwissend. Ishir konnte nicht wissen, dass die Erschaffung Aons der Funke war, der unser physisches Universum entstehen ließ. Für alle Ewigkeit hatte es nur eigenschaftslose Leere gegeben – einen unbeschriebenen Hintergrund, vor dem der Krieg der Götter ausgetragen worden war – doch nun war diese Leere gestört worden. Aon war eine winzige Saat, doch beeinflusste er die Leere, indem er sie verbog und sie zerdrückte, bis die kleinsten Partikel von Energie in eine explosive Existenz brachen. Bald führte das Eingreifen des wahnsinnigen Schöpfergotts Qinmeartha dazu, dass diese Partikel die Kräfte und anderen Energien um sie herum verwendeten, um sich selbst zu Materie zusammenzufügen. In der Zeit eines göttlichen Schlummers hatte sich das physische Universum mit einer Vielzahl gleißender Sterne bevölkert, die alle ihre eigene Gefolgschaft aus Welten hatten.

Die Götter waren erstaunt.

Niemals zuvor hatten sie sich vorgestellt, dass es eine Realität außerhalb ihrer eigenen Unberührbarkeit geben könnte. Sie sahen zu, wie sich das physische Universum entwickelte und seine eher zweifelhafte Stabilität erreichte. Sie sahen, wie die Galaxien voreinander flohen. Sie sahen, wie Sterne explodierten und dabei neue Sterne erschufen. Sie sahen Planeten abkühlen und harte, felsige Kugeln oder Klumpen aus Flüssigkeit und Gas werden.

Und sie sahen, wie auf einigen Planeten Leben aus den Wassern kroch.

Das war der Zeitpunkt, in dem der empfindliche Frieden von Ishir auseinanderfiel. Die gesamte Endlosigkeit der Ewigkeit hatten die Götter geglaubt, dass Empfindsamkeit und freier Wille ihnen selbst vorbehalten waren: jetzt erkannten sie, dass das physische Universum, das aus Aon geboren worden war, imstande war, andere intelligente Wesen zu erschaffen – nicht in Tausenden oder Millionen, sondern in milliardenfachen Milliarden.

Diese Lebensformen, dachten die Götter, waren ihre potentiellen Verbündeten.

Naar war der erste, der den Waffenstillstand brach. Er erblickte eine kleine Welt, nahe des Randes einer unbedeutenden Galaxie, deren Bewohner einer Version des Wegs der Dunkelheit folgten. Er entschied, sich dort zu manifestieren. Er nahm die Gestalt eines kleinen Kindes an, so dass auch die Guten unter den Bewohnern der Welt an seine Unschuld glaubten. Innerhalb weniger Generationen hatte sich diese Welt dem Bösen verschrieben und zahllose Millionen ihrer Bewohner starben einen grausamen Tod.

Denn Naar hatte während seines Ausflugs in eine körperliche Gestalt etwas Neues entdeckt. Die Götter hatten niemals zuvor das Konzept von Schmerz gekannt. Sie hatten den Tod (und andere neue Ideen) unter den Völkern der zahllosen Welten von Aon beobachtet, doch hatten sie niemals verstanden, dass es unter den Sterblichen etwas wie Schmerz gab. Es war etwas, das allem, was sie selbst jemals empfunden hatten, vollkommen fremd war.

Naar ergötzte sich an seiner Erkenntnis und an seiner neu entdeckten Macht. Indem er ihnen Schmerzen androhte, konnte er Sterbliche seinem Willen unterwerfen. Er eroberte noch eine Welt, und dann noch eine.

Ishir begriff schnell, dass der Krieg zwischen den Herren des Guten und des Bösen in eine neue Phase eingetreten war und nun von den Sterblichen ausgetragen werden würde – das heißt, mit Sterblichen als Schachfiguren der Götter. Still annektierte sie mehrere Welten für die Mächte des Guten und teilte dies Naar mit. Seine Antwort war, alle bewohnbaren Planeten einer gewaltigen Galaxie seinem brutalen Willen zu unterwerfen. Ishir reagierte, indem sie Gesandte zu über einem Viertel der bewohnbaren Welten in Aon schickte. Naar konterte, indem er …

Aber wir alle wissen, was als nächstes geschah.

Das Gleichgewicht zwischen den Mächten des Guten und den Mächten des Bösen in unserem Universum ist empfindlich. Eine einzige Welt – unsere Welt – ist alles, was zwischen dem Triumph Naars und dem Triumph Ishirs steht.

Ishirs Gefährte, der edle Kai, der Gott der Sonne, ist gekommen, uns in unserer Aufgabe zu unterstützen. Doch auch Kai wird niemals allein imstande sein, unsere Welt auf den Pfad des Guten zu leiten. Wir Bewohner Sommerlunds sind unvollendete Werkzeuge Kais und Ishirs, doch liegt es in unserer Macht, das Böse in die Knie zu zwingen.

Die Mächte der Dunkelheit sind überall um uns herum. Selbst jetzt, da ich mit euch spreche, sammeln die Schwarzen Lords ihre Truppen bei Kaag, um gegen Sommerlund zu marschieren.

Meine Schüler, der letzte Krieg mag nicht mehr zu unseren Lebzeiten kommen, doch könnte er ebenso gut morgen beginnen, oder sogar noch heute. Bislang seid ihr nur Akolythen, aber bald werdet ihr Kai-Lords sein wie ich selbst. Doch seid wachsam, denn vielleicht sind die Schergen Naars unter uns, noch während ich zu euch spreche. Und vergesst nicht dass, auch wenn ihr selbst nicht auserwählt seid, im ruhmreichen Krieg gegen das Böse zu kämpfen, dies vielleicht nicht für jene gilt, die ihr in den kommenden Jahren ausbildet, und die eurem Beispiel folgen – also wird eure Ausbildung nicht vergebens sein, denn ihr könnt alles an sie weitergeben, was ihr gelernt habt.“

Sturmfalke erlaubte sich ein tiefes Seufzen.

„Ich bin ein alter Mann und ich bin müde, auch wenn die Sonne kaum den Horizont überquert hat. Eure Lektionen sind für heute beendet. In zehn Tagen wird der Feiertag Fehmarn sein und alle Kai-Lords werden sich hier versammeln, um den ersten Tag des Frühlings zu feiern. Achtet auf eure Manieren, wenn ihr ihnen begegnet; besser noch, geht ihnen aus dem Weg.

Die Unterrichtsstunden werden morgen bei Tagesanbruch fortgesetzt, wie üblich hier im Refektorium. Nun esst euer Frühstück, meine Schüler, und erfreut euch an der Tatsache, dass der Krieg zwischen Gut und Böse noch nicht begonnen hat.“

Als seine Morgenansprache beendet war, setzte sich der alte Kai-Lord zu seinem eigenen Mahl hin, einer dampfenden, gekochten Forelle frisch aus dem Fluss. Sturmfalke war ein gewaltiger Mann. Er hatte zwanzig Jahre seines hohen Alters als Lehrer hier im Kloster verbracht – eine Aufgabe, die er vorbildlich erfüllte. Die jungen Männer und Frauen, die in seiner Verantwortung waren, würden schon bald Krieger für das Gute werden. Das waren seine Gedanken, als er seinen Fisch anstarrte, der seinen Blick glasig erwiderte. Alle außer …

Er blickte auf, und wie er es erwartet hatte schlüpfte einer von ihnen gerade aus dem Raum. Der Junge, der den Namen Lautloser Wolf trug, bereitete ihm gewaltige Kopfschmerzen. Wieder einmal war er während des Unterrichts eingeschlafen, und wieder einmal war er damit bestraft worden, auf das Frühstück zu verzichten und Feuerholz in den Ausläufern des Waldes zu sammeln. Tatsächlich hatte das Kloster aufgrund des anhaltend schlechten Betragens von Lautloser Wolf mehr Feuerholz angehäuft, als es in den Sommermonaten verbrennen konnte: die Sinnlosigkeit von Lautloser Wolfs Bestrafung war ein Teil der Lektion, von der Sturmfalke nur hoffen konnte, dass er sie lernen würde. Dennoch war es sehr wahrscheinlich, dass der Junge niemals den Rang eines Kai-Meisters erreichen würde. Es war ein Fehler gewesen, ihn in seinem Dorf auszuwählen und in das Kloster zu bringen.

Sturmfalke konzentrierte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Fisch. Er sah auf jeden Fall appetitlich aus, aber … aber irgendwie fühlte er sich unwohl. Heute war nicht ein Tag wie jeder andere; er war sich sicher, dass etwas passieren würde, aber er wusste nicht, woher diese Sicherheit kam. Seine eigene Macht der Vorhersehung war eingeschränkt, doch nun setzte er sie ein, um die Zukunft so gut zu sondieren, wie er konnte.

Er sah nichts als eine formlose Dunkelheit.

Er schauderte und schob seinen Teller von sich weg. Nur wenige der Akolythen bemerkten, dass er den Raum verließ, das Haupt gebeugt vor Nervosität.

3

Schick deinen Verstand zurück in eine Zeit, ehe du jung warst …

Im Jahre 5036 MS wurde im Dorf Dage, am Ufer des Flusses Tor in Sommerlund, ein Junge namens Landar geboren. Seine Eltern waren respektierte Mitglieder der Dorfgesellschaft. Sie hatten schon zwei ältere Kinder, ein Mädchen namens Kari und einen Jungen namens Jen. Als Landar geboren wurde, war Kari dreizehn und Jen acht Jahre alt. Kari war ein hübsches Kind und Leute aus nahen Dörfern hatten bereits ihre Söhne als passende zukünftige Ehepartner angeboten. Jen im Gegensatz dazu schielte und humpelte. Er hatte strähniges schwarzes Haar und das Sprechen machte ihm Schwierigkeiten.

Landars Eltern fürchteten seine Geburt. Sie liebten Jen wie alle Eltern ihre Kinder lieben, doch waren seine Behinderungen sehr kostspielig. Landars Mutter Houva war fünfundvierzig Jahre alt; als sie erfuhr, dass sie wieder schwanger war, fuhr sie nervös mit den Fingern durch ihr Haar und bemerkte, dass es allzu offensichtlich grau war. Es war zu spät für sie, ein Kind zu bekommen und sie fürchtete, dass das neugeborene Kind ebenso behindert sein würde wie Jen, wenn nicht sogar stärker.

Doch war der Junge vollendet geformt und es wurde allzu schnell deutlich, dass auch sein Verstand scharf war. Er hatte einen ausgeprägten Sinn für Humor, doch war er alles andere als subtil: viele Male musste Houva ihn für die grausamen Streiche schlagen, die er seinem großen Bruder Jen spielte. Jen selbst lachte nur über die Spiele des kleinen Jungen und duldete ihn, wie ein Hund einen Welpen.

Landars Vater starb, als Landar vier Jahre alt war. Kari und Houva teilten sich den Haushalt. Als Landar fünf Jahre alt war, heiratete Kari den Sohn eines Kaufmanns. Sie verabscheute ihren neuen Ehemann Raballen, doch trug der Wohlstand seines Vaters zur Sicherheit ihrer eigenen Familie bei. Und so duldete sie ihn, wie er eben war. Später sollte sie ihre Ehe lösen, weil er mittlerweile Ihre Abneigung, ja ihren Hass, erwiderte. Doch der eigentliche Grund war, dass er häufig betrunken war, und sie in diesem Zustand regelmäßig schlug.

Jen andererseits blieb unverheiratet: die Mädchen aus dem Dorf lachten ihn nur aus. Die einzigen Menschen, die seine Güte und seinen Sinn für Humor zu schätzen wussten, waren seine Mutter Houva und sein kleiner Bruder Landar.

Die beiden Jungen wanderten oft durch das Land, erklommen Bäume und schwammen in Tümpeln. Jens körperliche Einschränkungen verhinderten, dass er sich an den haarsträubenderen Abenteuern beteiligte, die Landar vorschlug, doch wenn er im Wasser war, dann gab es keinen Unterschied mehr zwischen ihnen: mit seinen kräftigen Armen und Schultern konnte sich Jen schneller durch das Wasser bewegen als die meisten erwachsenen Männer.

Für ein Kind war Dage ein Paradies. Um die ganze Wahrheit zu sagen, muss hier allerdings erwähnt werden, dass der Schmied Lorbach griesgrämig war und nach jedem Kind schlug, das sich in Reichweite seiner Arme begab. Gunniweb, der örtliche Geldverleiher und ein berüchtigter Geizkragen, schrie den beiden Jungen stets unverständliche Beleidigungen nach, wenn sie an seinem Landen vorbeigingen. Aber das waren nur unbedeutende Ärgernisse.

Dage lag in einem Ring von niedrigen, sanften Hügeln, auf denen Schafe grasten und Tauben im sicheren Wissen umher stolzierten, dass sie vor Raubtieren sicher waren. Die Außenwelt war genau das – außen – und die Menschen von Dage scherten sich nur wenig darum, was dort vor sich ging. Wenn es nach dem Jungen Landar ging, war Dage das ganze Universum, das es gab.

An Landars sechstem Geburtstag überredete er Jen, mit ihm am Ufer des Flusses Tor Fische kitzeln zu gehen. Es war ein sonniger Tag, es war so hell, dass der Himmel fast schmerzhaft blau war. Der ältere Junge hob Steine vom Ufer auf und ließ sie über das behäbige, braune Wasser springen. Er jubelte, wenn sie hüpften und tanzten, jede Berührung erschuf einen sich ausdehnenden Kreis von Wellen, die sich auf ihrem Weg flussabwärts langsam auflösten.

Landar platschte durch den Matsch, bis er um eine Flussbiegung gelaufen und ein gutes Stück von Jen entfernt war. Trotz seiner sauberen weißen Tunika warf er sich auf den Bauch und blickte in das seichte Wasser. Er konnte kleine silberne Fische umher flitzen sehen, doch spürte er auch eine stille, lauernde Präsenz – eine Forelle oder ein Lachs beträchtlicher Größe.

Der Junge hielt den Atem an. Wenn er es schaffen würde, diesen Fisch zu kitzeln, dann würde es an diesem Abend ein prächtiges Mahl geben – ein Mahl, das zum Anlass seines Geburtstags passte.

Er griff mit seinem dünnen, rosa Arm in das kalte, machtvolle Wasser.

Er bewegte die Hand langsam, so langsam dass nicht einmal die kleinen Fische davor Angst hatten. Er spürte, wie ihre kleinen Leiber gegen seinen Unterarm stießen. Abgesehen von seinem Arm war sein ganzer Körper bewegungslos, aber nicht angespannt. Er stellte sich vor, er sei eine Pflanze, die am Ufer wuchs und versuchte seinen Geist mit dieser Vorstellung zu erfüllen. Langsam ließ er seine Hand nach unten gleiten, wo die große braune Gestalt befand.

Eine kleine Wolke schob sich vor die Sonne und Landar zuckte instinktiv zusammen, als das helle Tageslicht verschwand. Seine plötzliche Bewegung erschreckte den großen Fisch, der sich mit einigen effizienten Bewegungen seiner Schwanzflosse hinwegbewegte.

Landar konnte sein Pech nicht fassen. Er benutzte ein Wort, das er beim Spielen mit Freunden aufgeschnappt hatte, von dem er aber zu Recht ausging, dass seine Mutter ihm verboten hätte es zu verwenden. Er erhob sich und nachdem er sichergestellt hatte, dass Jen ihn nicht hören konnte, benutzte er es erneut.

Es war allerdings in jederlei Hinsicht ein perfekter Tag und seine Wut löste sich bald in Luft auf. Er hob einen Zweig auf, warf ihn in die Strömung und sah zu, wie er unaufhaltsam in Richtung Meer gerissen wurde.

Er begann zufrieden zu grinsen.

Egal ob es einen Fisch zum Abendessen gab oder nicht, das Leben war schön und er war froh, ein Teil davon zu sein.

Er frage sich, wo Jen war und begann sich langsam auf seinen Weg zurück, entlang des Ufers, zu machen. Der Schlamm war tief, so dass er manchmal bis zu den Knien einsank. Wo es möglich war, nutzte er gefallene Baumstämme als Trittstufen.

Das war eine gute Idee, bis sich einer der Baumstämme unter seinen Füßen bewegte.

Er begriff voller Grauen dass er auf den Rücken eines schlafenden Storgh getreten war.

Die Bestie war von rindenartigen Schuppen bedeckt und ihr Schwanz war scharf wie ein Breitschwert. Sie hatte keine Augen – ihr Kopf war eine ausdruckslose Maske – doch ihre großen Nasenlöcher orteten den Eindringling ohne Schwierigkeiten. Sie öffnete ihre gewaltigen Kiefer und schnappte in die Richtung von Landars Beinen.

„Jen!“ kreischte er.

Sein Schrei hatte kein Echo und er begriff, dass er nur im Geiste gerufen hatte.

Und doch erschien Jen an der Flussbiegung, in Händen ein schlammiges Stück Holz, das er offensichtlich gerade vom Boden aufgehoben hatte.

„Hilfe!“ schrie Landar. Dieses Mal wusste er, dass er tatsächlich laut gerufen hatte.

Der Storgh gluckste. Es klang wie ein Mensch, der über einen gut erzählten Witz lachte. In einer Taverne wäre das Geräusch beruhigend, versichernd gewesen. Von den ledrigen Lippen dieses mächtigen Raubtiers kommend jedoch war es das schrecklichste Geräusch, das Landar jemals gehört hatte.

Er sprang zurück in den Schlamm, als die Bestie ihren schweren Schwanz schwang.

Der Storgh war jedoch viel zu schnell für ihn. Dieser brachte sich in eine überlegene Position, begann vorzurücken und Landar in Richtung des Wassers zu treiben. Seine Ohren stellten sich aufrecht auf – ein sicheres Zeichen, dass er auf Nahrung aus war.

Jen kam so schnell näher wie er nur konnte, brüllte bedeutungslose Silben in einem Versuch, die Kreatur einzuschüchtern. Sein lahmes Bein allerdings und der klebrige Schlamm sorgten dafür, dass er nur langsam vorankam.

Landar wich vor dem fauchenden Ansturm zurück. Plötzlich stand er bis zu den Knöcheln im Wasser, dann bis zu den Waden. Er wusste, dass er sich nicht viel weiter zurückziehen konnte; Storghs waren auf dem Land schnell, aber im Wasser noch viel schneller.

„Jen! Hilf mir! Bitte!

Der ältere Junge schleppte sich heran und warf sich auf den Storgh. Er wandte sich um, um Landar anzublicken, als die Bestie ihre gewaltigen Zähne in seine Schulter schlug. Er sagte mit unfassbarer Ruhe: „Geh jetzt, Landar. Lauf nach Hause.“

Landar hob den Ast auf, den Jen als Waffe geführt hatte und schlug ergebnislos auf den hornbewehrten Rücken des Storgh ein. Die Kreatur achtete nicht auf ihn, sondern begann, systematisch den großen Bruder des Jungen zu verschlingen.

Jens Schreie würden für den Rest seines Lebens in Landars Ohren widerhallen. Das Kind, das die staubigen Straßen von Dage mit seinem Gelächter erfüllt hatte, würde nur noch selten lächeln.

Wie es ihm aufgetragen worden war, rannte Landar den ganzen Weg nach Hause. Er hämmerte gegen die hölzerne Tür seines Zuhauses, bis seine Mutter sie aufriss. Sie hörte gerade lange genug seinem chaotischen Bericht zu, um zu begreifen, dass sie ihren ältesten Sohn verloren hatte. Ihr Schmerzensschrei war im ganzen Dorf zu vernehmen.

Landar empfand ein überwältigendes Gefühl der Schuld, doch konnte er nicht erkennen, woher es genau kam. Er wollte seine Mutter trösten, doch wusste er nicht wie. Er wollte Jen wieder ins Leben zurückbringen, doch das war offensichtlich unmöglich. Er wollte … er wollte irgendetwas anderes sein als er war.

Was sich gut fügte.

Fast genau ein Jahr später wurde er von den Kai-Lords als Schüler im Kloster ausgewählt. In dem Augenblick, in dem er dort eintraf, wurde er umbenannt und wurde ein neuer Mensch. Auf ihre Anweisung legte er den Namen Landar ab und streifte den Menschen ab, der Landar gewesen war, um ein neuer Mensch zu werden, der als Lautloser Wolf bekannt war. Und zum gleichen Zeitpunkt – auch wenn die Kai-Lords diesen Wunsch nicht erkannten – legte er die Überreste seines Sinns für Humor und Gelächter ab.

Missmutig lehnte er die meisten Dinge ab, die ihm beigebracht werden sollten. Hier und dort schnappte er auf dem Weg die Grundlagen der Magie auf. Aber wenn der alte Sturmfalke über die Herkunft des Universums zu faseln begann, stieß er oft die Parodie eines Kicherns aus, wobei sein Mund in eine Form verzerrt war, die das genaue Gegenteil von Freude zeigte. In Pausenzeiten saß er herum und las Bücher, während die anderen Kinder durch die Gegend rannten und spielten; während der Nächte lag er wach und erinnerte sich an das effiziente Knirschen der Zähne des Storgh auf dem toten Körper seines großen Bruders. Manchmal dachte er an seine Mutter, aber nicht sehr oft: wenn es nach ihm ging, war sie jemand, der nur in seiner verschwommenen und weit zurückliegenden Vergangenheit wichtig gewesen war.

Seine Aufgabe, so beschloss er in der rauen Umgebung des Klosters, war es zu überleben.

Und so überlebte er.

4

Alyss berührte eine Fliederblüte und sah zu, wie sie sich in ein Glühwürmchen verwandelte und von dannen flog.

Als ihr Spiel sie zu langweilen begann, hob sie ihre braunen Arme und glitt schon bald zwischen den Wolken. Sie schoss zwischen die Vögel und ließ ihre Finger über ihre langen, muskulösen Rücken gleiten. Dann machte sie sich in den Weltraum auf und warf ihren schlanken Leib in das weißglühende Plasma der Sonne, wo sie sich in einem Gefühl der wehmütigen Seligkeit badete.

Sie verlor den Überblick darüber, wie viele Jahre vergingen, doch am Ende erkannte sie, dass auf Magnamund das Böse aufmarschierte. Sie schnippte mit ihren starken Fingern und stand nur Augenblicke später auf einem Hügel in der Nähe von Toran.

Ein junger Mann in einer blauen Robe, die mit silbernen Sternen verziert war, kam auf einem verwahrlosten Pony auf sie zu.

Sie streckte ihren rechten Arm aus und ließ ihre Finger in der Luft spielen. Von ihren Fingerspitzen fielen kleine summende Insekten. Sie warf den Kopf zurück und lachte.

Ein weiterer Einfall war, eine Sonnenfinsternis auszulösen. Es war zwar keine besonders gute Finsternis, aber andererseits war Alyss auch kein sehr guter Mensch.

Genau genommen war sie eigentlich überhaupt kein Mensch.

II

FLUCHT IN DIE FINSTEREN LÄNDER

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