Oneyun



Allan J. Stark























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Vollständige E-Book-Ausgabe


Copyright © 2015 Papierverzierer Verlag

Papierverzierer Verlag, Essen


Coverbild: © Allan J. Stark

Covergestaltung, Satz, Lektorat, Herstellung: Papierverzierer Verlag


ISBN 978-3-944544-93-9


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Der Eiswind fegte über die leere Ebene, trieb kleine Schneekristalle über den gefrorenen Boden vor sich her und heulte in den Ruinen der einstmals mächtigen Stadt. Turmhohe Gebäude ragten wie die Gipfel eines schroffen Gebirges in den klaren Nachthimmel. Ein paar Lagerfeuer brannten hinter den scheibenlosen Fenstern und zeigten an, dass die Ruinen noch bewohnt waren.

Die Stadt hieß Tarakun und war die einstmals strahlende Metropole von Ruskaron, der Ostmark des Reiches von Mekoona. Vor 300 Jahren ein mächtiges Reich gewesen, hatte sie sich des Wohlstands und des Friedens solange erfreut, bis sich ihre Großfürsten dazu entschieden, Krieg zu führen, um die prächtigen Heiligtümer Oneyuns in ihren Besitz zu bringen, die sich im Mittelreich Ostreya und der Westmark Esperon befanden. Doch der Feldzug bescherte dem Großfürsten von Ruskaron kein Glück. Der Fluch Oneyuns traf sie und brachte Verwüstung, Seuchen und den Tod über ihr Land.

Von weit oben, von einem der hohen Türme, blickte der letzte Großfürst von Ruskaron über das karge mondbeschienene Land, das unter dem harten Winter litt. Mit einer Plane aus Tierhäuten war der leere Fensterrahmen gegen den Wind abgeschirmt worden. In der Mitte der Plane, nicht größer als der Kleinschild eines Schwertkämpfers, befand sich eine klare Glasfläche, durch die der Fürst nach draußen auf sein verfallenes, sterbendes Reich blicken konnte. Sein Name war Okran Kamaru, und er entstammte der ruhmreichen Dynastie der Zaakona, die noch immer über den größten Teil der Ostmark regierte, Herrscher über Wüsten, Sümpfe, Einöden und karge Landstriche, die kaum genug Nahrung hervorbrachten, um das weit verstreute Volk zu ernähren.

Sein Blick schweifte über die Galerie seiner Ahnen, die auf prachtvollen Gemälden abgebildet waren und die schäbigen Wände zierten. Im Schein der flackernden Talglampen sahen ihn die stolzen Gesichter seiner Vorfahren an, die über 6.000 Jahre lang das Land beherrscht hatten. Kraftstrotzend und voller Energie. Abglanz einer vergangenen Epoche. Okran Kamarus gekrümmter, hinfälliger Leib würde niemals dazu taugen, von einem Künstler edel gemalt zu werden. Genauso wenig wie manche Gesichter seiner Ahnen, die der Fluch Oneyuns ereilt und zu abscheulichen Krüppeln verwandelt hatte.

Er sah auf seine wunden Hände und betastete den Verband an seinem Hals, wo nässende Geschwüre wucherten. Seine Finger waren wund, und die Gelenke schmerzten. Es wäre ihm unmöglich gewesen, Schwert oder Schild zu halten. Okran Kamaru kam sich schwach und erbärmlich vor. Er war das fleischgewordene Abbild des Landes, über das er als Großfürst gesetzt worden war.

Schwerfällig hinkte er durch den Raum und ließ sich in den Sessel sinken, um einen Kräutersud zu trinken, der seine Schmerzen lindern sollte. Einige Jahre zuvor hatte er sich noch gesund und kräftig gefühlt. Doch schließlich hatte auch ihn der Fluch des zornigen Gottes Oneyun getroffen.

»Ich habe inzwischen 4.000 Mann unter meinem Befehl«, hörte er eine junge kraftvolle Stimme sagen. »Der Winter bäumt sich noch einmal auf. Bald aber wird der Frühling kommen, und dann können wir endlich zuschlagen.«

Der Großfürst sah seinen Enkel Asaya ausdruckslos an, der schon eine Weile lang im Gemach seines Großvaters stand und darauf wartete, die Unterhaltung fortzuführen, die sie einige Minuten zuvor begonnen hatten. Die kräftige Stimme des Jüngeren verriet Stärke, Eigensinn und Ehrgeiz. Bald würde auch ihn die Plage treffen und ihn um Jugend und Kraft bringen, auf die er sich bis dahin verlassen hatte, um das Land zu führen.

Im trüben Licht erkannte Okran Kamaru einen dunklen Fleck am Hals des jungen Mannes. Noch wirkte er nur wie eine Verfärbung der Haut, die er unter einem Halstuch zu verbergen versuchte. Im Sommer würde die Stelle schmerzen und die ersten kleinen Geschwüre zu wuchern beginnen. Kein Zweifel, Asaya wollte Tatsachen schaffen, bevor ihn die Kräfte verließen.

»Solange die Wege gefroren sind«, fuhr der junge Mann fort, »solange können wir die schweren Waffen bis zur Grenze transportieren. Unsere Späher haben beobachtet, dass die Ostreyaner ihre Grenze kaum noch bewachen. Die Wälle sind durchlässig und die Türme verfallen. Wir können uns formieren und mit starken Truppen ins Feindesland eindringen.«

»Ich wünsche nichts weiter als Ruhe und Frieden«, wendete Okran Kamaru ein. »Warum willst du ein hinkendes und humpelndes Heer über die Grenze senden?«

»Weil ich nicht an Oneyun glaube«, entgegnete der junge Mann. »Und weil ich den Ruhm unseres Volkes wiedererlangen möchte. Ich glaube nicht daran, dass Oneyun ein Gott ist. Er ist ein Teufel, ein Dämon der Hölle.«

»Dann sei froh, dass selbst der Teufel uns vergessen hat«, brüllte der Großfürst plötzlich und schlug dabei mit der Faust auf den Tisch.

Geraume Zeit lang herrschte Schweigen bis Asaya das Gespräch wieder aufnahm. »Ich habe unser Land durchwandert und den Zorn und die Wut unseres Volkes geatmet.«

»Dann bist du vergiftet.«

»Nein, ich bin inspiriert und voller Eifer. Du aber hast dich in einer Höhle verkrochen und weißt nichts über das Leid und die letzten verzweifelten Hoffnungen unseres Volkes.«