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Nr. 2630

 

Im Zeichen der Aggression

 

Der Weg des Tokun Gavang – seine Behinderung ist seine Kraft

 

Marc A. Herren

 

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In der Milchstraße schreibt man das Jahr 1469 Neuer Galaktischer Zeitrechnung (NGZ) – das entspricht dem Jahr 5056 christlicher Zeitrechnung. Seit dem dramatischen Verschwinden des Solsystems mit all seinen Bewohnern hat sich die Situation in der Milchstraße grundsätzlich verändert.

Die Region um das verschwundene Sonnensystem wurde zum Sektor Null bestimmt und von Raumschiffen des Galaktikums abgeriegelt. Fieberhaft versuchen die Verantwortlichen der galaktischen Völker herauszufinden, was geschehen ist. Dass derzeit auch Perry Rhodan mitsamt der BASIS auf bislang unbekannte Weise »entführt« worden ist, verkompliziert die Sachlage zusätzlich.

Kein Wunder, dass in der Milchstraße an vielen Stellen große Unruhe herrscht. Mit dem Solsystem ist schließlich ein politischer und wirtschaftlicher Knotenpunkt der Menschheitsgalaxis entfallen – die langfristigen Auswirkungen werden bereits spürbar. Um eine politische Führung zu gewährleisten, wurde auf der Welt Maharani eine provisorische neue Regierung der Liga Freier Terraner gewählt.

Perry Rhodan kämpft indessen in der von Kriegen heimgesuchten Doppelgalaxis Chanda gegen QIN SHI. Diese mysteriöse Wesenheit gebietet über zahllose Krieger aus unterschiedlichen Völkern und herrscht nahezu unangefochten in Chanda. Ihre Krieger leben und sterben IM ZEICHEN DER AGGRESSION ...

Die Hauptpersonen des Romans

 

 

Tokun Gavang – Der Dosanthi lebt im Zeichen der Aggression.

Goldoron – Ein junger Badakk betätigt sich als Fahrlehrer.

Vetela – Der Xylthe verfolgt die Feinde QIN SHIS mit all seiner Kraft.

Picaru Volil – Der Dosanthi muss um seinen Rang kämpfen.

Kaowen – Der Protektor bestreitet auch gefährliche Einsätze persönlich.

1.

Furcht und Schmerzen

 

Angst bevölkerte die Halbwelt zwischen Traum und Wirklichkeit.

Seran Giftun suchte nach den Halteflächen der Realität, ertastete die Wärme der Wand, an der sie klebte.

»Eine brüchige Wand«, flüsterte Seran.

Kalter Schauder lief über ihren nackten Körper, als sie an die Bilder dachte, in denen sie bis vor wenigen Momenten gefangen gewesen war. Die Schreckensamme erinnerte sich an die furchtbare Kreatur, die ob des Schocks der bröckelnden Wand erwacht war und sich sogleich tatendurstig geschüttelt hatte.

Etwas berührte in der Dunkelheit ihren Rücken. Die Amme schrie mit hoher Stimme auf.

»Seran«, hauchte jemand, »erschrick nicht. Ich bin es.«

Seran Giftun brachte das verwaschene Gesicht der Kreatur nicht aus ihren Gedanken. Es hinderte sie daran, klar zu denken. Die Stimme kam der Dosanthi vertraut vor, aber ...

Sie atmete tief ein, roch den vertrauten Geruch der Dosedo-Pflanze, meinte gar, die beruhigende Strahlung der blauen Heimatkristalle körperlich zu fühlen. Mit Erleichterung spürte sie, wie der Druck des Albs langsam nachließ.

»Was ist mit dir?«, kam es aus der Dunkelheit. »Zieh dich an, wir müssen in die Höhle der Gavangs. Alia steht kurz vor der Geburt!«

Endlich erkannte die Schreckensamme Hola Terkans Stimme. Die Worte ihrer Ogok-Azacho-Kollegin drangen durch das feinmaschige Netz der letzten Traumbilder und zerrissen es.

»Alia ist so weit?« Seran hielt einen Moment den Atem an. »Sie ist viel zu früh, ich ... ich beeile mich.«

Nur allzu gerne hätte sie ihre Kollegin weggeschickt, um ein paar Augenblicke für sich zu haben, um sich von den Schrecken des Albtraumes zu erholen. Andererseits gab ihr Holas Anwesenheit Kraft und Zuversicht, den mit Unwohlsein erwarteten Weg in die Gavang-Kaverne anzutreten. Seran wandte den Kopf nach links. Ihre Augen hatten sich mittlerweile so weit an die Dunkelheit gewöhnt, dass sie den Körper ihres Sexualpartners Korrag neben sich an der Wand erkannte. Er bewegte sich unruhig im Schlaf.

Suchen dich auch schlechte Träume heim, Liebster?, fragte Seran in Gedanken.

Korrags spitze Ohren zuckten nervös.

»Seran, was ist denn?«, fragte Hola mit sanfter Stimme.

Die Schreckensamme löste sich von der Wand, ließ sich auf den mit weichem Ferrokat-Moos bedeckten Höhlenboden sinken. »Ich habe nur schlecht geträumt. Nichts weiter.«

Hola Terkan reichte ihr den traditionellen roten Umhang der Schreckensammen. Seran setzte sich auf ihren Sessel und schlüpfte zuerst in die weite gelbe Hose, bevor sie den Umhang entgegennahm.

»Seltsam«, murmelte Hola. »Auf dem Weg hierher habe ich ungewöhnlich viele Dosanthi im Schlaf sprechen hören. Was habt ihr denn alle gestern Abend gegessen? Ich habe gut geschlafen – jedenfalls bis ich von der kleinen Sirran Gavang geweckt worden bin.«

Seran verzog den schmallippigen Mund. Ihre Kollegin pflegte Ängsten häufig mit ihrem ganz eigenen Humor zu begegnen. Eine Marotte, die ihr offenbar guttat – und ihre Umwelt regelmäßig nervös und teilweise ungehalten machte.

Mit zittrigen Händen nahm Seran ihre klobigen Stiefel und schlüpfte hinein.

»Wovon hast du geträumt?«, fragte Hola leise.

»Es war seltsam. Eine Wand, die sich langsam auflöste.«

»Klingt schrecklich.«

»Ja. Und ein Wesen, das gerade aufwacht.«

»Was für ein Wesen?«

»Ich weiß nicht mehr«, gab Seran ungeduldig zurück. Sie hatte den zweiten Stiefel falsch herum angezogen. Mit einigem Zerren bekam sie den Fuß frei und setzte erneut an. »Ist auch unwichtig. Ich mache mir Sorgen um Alia.«

»Sie ist ein wenig zu früh. Aber das war schon bei der kleinen Sirran der Fall. Sie hat sich seither ordentlich entwickelt.«

Korrag stöhnte leise im Schlaf.

Seran blickte besorgt zu ihrem Partner hoch. »Lass uns gehen«, flüsterte sie.

Sie verließen die Kaverne und schlugen den Weg zu der Wohnhöhle der Gavangs ein. Leuchtmoose verbreiteten ein spärliches Licht. Der säuerliche Geruch vieler schlafender Dosanthi lag in der Luft.

Schweigend eilten sie nebeneinander durch die Gänge. Die kugelförmige Wohnkaverne war von den Helfern QIN SHIS perfekt auf die Bedürfnisse der Dosanthi hergerichtet worden. Die felsigen, mit unterschiedlichen Moosen bepflanzten Gänge und Höhlenanlagen erschienen vollkommen natürlich – als würden sie alle auf Dosanth leben und nicht in einem gelandeten Raumschiff auf dem Planeten Meloudil.

Das Boden-Granulat knirschte unter Serans Stiefeln, als sie in den Gang einbogen, der sie spiralförmig in die tieferen Bereiche dieser Wohnkaverne bringen würde.

Immer wieder tauchten Dosanthi vor ihnen auf. Ängstlich wichen diese zur Seite, um die Schreckensammen vorbeizulassen.

Was macht ihr alle um diese geisterschwarze Zeit allein in den Gängen?, fragte sich Seran. Was ist das für eine seltsame Nacht?

Serans Sorge wuchs mit jedem Schritt, der sie näher an die Wohnhöhle der Gavangs heranbrachte. Nach Sirrans Geburt wäre sie am liebsten in eine andere Stadt auf Meloudil gezogen, um ja weit weg vom Vorsteher Karun Gavang zu kommen. Es war schlimm genug gewesen, dass sie als Schreckensamme für sein erstes Töchterchen hatte walten müssen. Dass er sich gegen Alia durchgesetzt und das kleine Ding Sirran genannt hatte, war für Seran fast unerträglich gewesen. Aber Korrag hatte seine Arbeit in der Siedlung – er hegte die Ableger der Dosedo-Pflanze – nicht aufgeben wollen und partout nicht verstanden, weshalb Seran wegziehen wollte.

Weshalb auch? Sie hatte es ja nie geschafft, ihm ihr dunkles Geheimnis zu erzählen.

Von weit her hörten sie eine Stimme.

»Es ist Alia«, presste Seran heraus. »Etwas stimmt nicht ... Es wird doch hoffentlich nicht zu Panikausbrüchen kommen?«

»Red keinen Unsinn!« Hola schnaufte schwer. »Doch nicht bei einem Frühchen. Alia ist viele Tage zu früh dran. Das Kleine wird nicht in der Lage sein, allzu viel Ogokoamo auszudünsten. Unsere Aufgabe wird in erster Linie die Beruhigung Alias sein, damit sie beim Gebären nicht allzu großen Schmerzen ausgesetzt ist.«

Seran presste die Lippen aufeinander. Gleich würden sie es wissen.

Die letzten Schritte. Kerzenlicht und besorgte Stimmen drangen aus der Wohnhöhle der Gavangs. Dazwischen hohe, fast klägliche Töne.

Alia.

Serans Angst verwandelte sich in Panik. Hola stieß einen spitzen Schrei aus.

»Ich grüße euch, Ogok-Azacho«, erklang die laute Stimme des Vorstehers, der am Eingang der Wohnhöhle stand.

Hola Terkan grüßte einsilbig und rannte an Karun vorbei in den Innenbereich. Widerwillig blieb Seran stehen. Karun hatte in erster Linie sie angesprochen.

»Wie geht es Alia?«

»Wir sind alle in Sorge.« Karun griff nach ihrem Oberarm. »Der Kleine stößt Ogokoamo aus. Das ... das ist kein gutes Zeichen, nicht?«

»Deswegen sind wir hier«, sagte sie steif. »Wir werden den Angst-Dunst – das Ogokoamo – aufsaugen, die Panikausbrüche mildern.«

Sein Griff um ihren Oberarm verstärkte sich. »Ich weiß sehr zu schätzen, dass du hier bist, Seran. Ich wüsste nicht ...«

Die Schreckensamme streifte seine Hand ab. »Ich bin für Alia und dein Kind da«, flüsterte sie. »Das hat nichts mit dir oder uns zu tun! Verstanden?«

Karun zog den Kopf ein, blickte verschämt zu Boden. Seran ließ ihn stehen.

Alia klebte an der Wand. Sie zitterte am ganzen Körper. Zwischen den Lamellen sickerte dickflüssiges Sekret hervor. Der Gestank der Panik breitete sich in der Wohnhöhle aus. Die kleine Sirran klebte neben ihrer Mutter an der Wand. Sie bewegte sich stark – viel zu stark –, sodass feine Triebe der Dosedo-Pflanze sich lösten und zu Boden rieselten.

»Es ist nicht gut, dass Sirran so nah ist«, sagte Seran laut. »Sie soll sich an eine andere Wand heften!«

Zwei Dosanthi aus der Gavang-Familie lösten die sich heftig windende Sirran von der Wand. Weitere Dosedo-Triebe fielen ab. Unter beruhigenden Worten klebten sie Sirran einige Körperlängen von Alia entfernt an die Höhlenwand. Dabei zuckten sie immer wieder zusammen, wenn eine neue Woge der Panik sie erfasste.

Hola hatte eine Hand auf Alias Nacken gelegt, während sie ihr mit der anderen Hand über den Unterleib strich, wo sich die Scheide zum Gebären geweitet hatte. Blut- und Schleimfäden troffen herunter, verbanden sich mit dem Bodenmoos.

Die Schreckensamme warf Seran einen unsicheren Blick zu. »Der Kleine will wohl einen neuen Ogokoamo-Rekord für Meloudil aufstellen.«

Angst wallte in Seran auf. »Kein weiteres Wort!«, befahl sie barsch.

Mit beiden Händen massierte sie Alias Unterleib. Die Scheidenmuskulatur fühlte sich hart wie Fels an. Alia zuckte und wimmerte.

»Alles wird gut, Alia«, flüsterte Seran.

Die Antwort von Karuns Frau ging in der Panikattacke verloren. Seran vermochte ein leises Stöhnen nicht zu unterdrücken.

Die unkontrollierten Ogokoamo-Ausdünstungen des Ungeborenen waren heftiger als alles, was Seran in den vielen Jahren als Ogok-Azacho je erlebt hatte.

»Ist das normal?«, fragte jemand aus der Sippe. »Das kann nicht normal sein. Bei unserem Nachwuchs war ...« Der Rest des Satzes ging in einem Gurgeln unter.

Seran atmete tief ein und aus. Nur wenn sie geistig und körperlich ausgeglichen war, würde es ihr gelingen, die Ogokoamo-Ausdünstungen zu absorbieren. Sie spürte, wie es ihr die Kehle zuschnürte; ihr Inneres zog sich zusammen, bildete angesichts der unkontrolliert über sie rollenden Panikwellen schmerzhafte Klumpen.

Aufgabe der Ogok-Azacho war es, die Panik-Ausdünstungen von Neugeborenen aufzusaugen, deswegen bezeichnete man sie schließlich als Schreckensammen. Bei neun von zehn Geburten waren die Ausdünstungen dermaßen schwach, dass nicht einmal die Schreckensammen etwas davon mitbekamen und die Ängste im Trubel der Geburtsgefühle einfach verschwanden.

Gerade bei Kindern, die ein paar Tage zu spät geboren wurden, stieg die Gefahr, dass es zu unkontrollierten Panikausbrüchen kam.

Bevor es Schreckensammen gegeben hatte, kamen durch solche Ausbrüche ganze Höhlengemeinschaften zu Tode. Erst als Dosanthi die Fähigkeit des Azacho entdeckt und entwickelt hatten, gelang es ihnen, die gefährlichen Ausdünstungen des Ogokoamo wie Schwammmoos in sich aufzusaugen und zu verdauen. Eine Tätigkeit, die ebenso verwirrend wie schmerzhaft sein konnte – den Ammen in den gesamten Siedlungen aber viel Anerkennung und Respekt einbrachte.

Hola stöhnte. »Ich schaffe es nicht. Es ist zu viel Ogokoamo. Ich kann nicht alles ...«

»Etwas stimmt nicht«, flüsterte Seran so leise, dass Alia es hoffentlich nicht hören konnte. Die Traumbilder der brüchigen Wand kamen ihr wieder in den Sinn. Das Ungeheuer, das aufgewacht war und sich tatendurstig geschüttelt hatte. »Das All hat sich gegen uns verschworen.«

»Was sagst du da?«, gab Hola zurück. Ihre Stimme bebte vor Furcht.

»Nichts. Konzentrier dich. Wir müssen Alia helfen.«

 

*

 

Alia hörte jedes Wort, das die beiden Ogok-Azacho hinter ihr wechselten. Ihr Herz schlug wie verrückt vor Angst. Sie begrüßte den Schmerz wie einen alten Freund; er übertünchte ihre furchtbaren Gedanken und das Grauen, das sie durchschüttelte.

Alia spürte die Hände der beiden Ammen an ihrem Unterleib. Sie massierten und kneteten ihr Reb'ak, damit sie sich entspannte und das Kind einfacher durch die enge Öffnung schlüpfen konnte.

Alia roch die Zeichen der Angst. Sirran und die anderen Familienmitglieder, die irgendwo um sie herum standen, stanken nach der von Hormonen und Enzymen getränkten Lamellenflüssigkeit. In der Aufregung der frühgeburtlichen Wehen hatten sie vergessen, sich mit Deckstoffen einzureiben.

Eisige Kälte stieg in der Dosanthi auf, ließ ihr Inneres gefrieren. Ansatzlos verwandelte sich das Gefühl in einen grausamen Eindruck des Fallens, als stürze Alia in eine bodenlose Felsspalte. Ihre Finger und Zehen krallten sich um die Ranken der Dosedo-Pflanze. Sie spürte die Wärme der Wand an sich – und doch fiel sie immer weiter.

Sie öffnete den Mund, schrie das Grauen aus sich heraus, hörte Stimmen, die in ihr Schreien einfielen, und andere, die mit seelenlosen Worten auf sie einredeten.

Die nächste Schmerzwoge rollte heran, brachte ihr zumindest die Sicherheit und Stabilität der Wand zurück. Hitze strömte aus ihrem Unterleib, sättigte das Moos der Wand. Ekelerregender, süßlicher Geruch breitete sich aus.

»Ich bin bei dir«, hörte sie eine kläglich leise Stimme in ihrem Rücken, »achte nicht auf die Angst, konzentriere dich auf deinen Körper. Ich versuche sie für dich zu ... zu ...«

Alia stöhnte. Sie wusste, dass die Geburt so schnell wie möglich stattfinden musste, damit das Kleine nicht noch mehr Ogokoamo ausstieß.

»Seran«, stieß Alia gurgelnd aus. »Ich weiß von dir und ...«

Weiter kam sie nicht. Es war auch nicht wichtig, was sie herausgefunden hatte. Dieses Kind war das letzte, das sie zusammen mit Karun zeugen würde.

»Konzentrier dich auf ... dein Kind ... Alia«, erklang nochmals die schwache Stimme der Schreckensamme. »Sei ... standhaft.«

Ihr Unterkörper verkrampfte sich. Der Schmerz fühlte sich an, als ob ihr ein Stück heißes Eisen quer durch den Körper getrieben würde. Alia spürte, wie sich etwas durch ihr Reb'ak schob.

Sofort brandete neues Entsetzen durch ihren Geist. Die beiden Schreckensammen schrien auf.

»Halte durch, Alia«, hörte sie Karuns gedämpfte Stimme.

Weshalb litten nur sie und die Ogok-Azacho und nicht derjenige, der für ihre Schmerzen zuständig war?

Alia schrie. Das Etwas, das sie immer deutlicher in ihrem Reb'ak spürte, glitt ein Stück nach unten. Plötzlich bewegte es sich wie wild. Gleichzeitig flammte neuer Schmerz auf. Es fühlte sich an, als würden Totenkäfer mit kräftigen Hornzangen Alias Eingeweide zerteilen.

»Es soll aufhören!«, brüllte Alia mit aller Kraft, die sie aufbrachte.

Schmerz und Furcht, Pein und Horror wechselten sich in immer schneller werdenden Zyklen ab. Alia klammerte sich an die Wand, versank in einer Höhle aus Agonie.

Dann gab etwas plötzlich nach. Ihr Reb'ak zog sich zusammen. Das Etwas verließ ihren Unterleib. Sie hörte ein sanftes Plumpsen. Die Hände, die zitternd und bebend ihren Leib massiert hatten, verschwanden plötzlich.

Einen Moment lang war alles ruhig.

Friedlich.

Dann hörte sie das Weinen.

 

*

 

»Wie geht es dir, Mutter?«

»Mir geht es gut, mein Schatz. Ich bin nur sehr müde. Wie geht es dir?«

»Ich hatte große Angst.«

»Die hatten wir alle. Aber nun ist dein Bruder da, und wir brauchen uns um ihn keine Sorgen mehr zu machen.«

»Ich mag ihn nicht.«

»Ach Sirran. Sag nicht so etwas. Komm her und schau ihn dir an. Schau, wie klein er ist. Er benötigt unsere Hilfe.«

Der Junge blickte hoch, als wisse er genau, dass über ihn gesprochen wurde. Seine Schlitzpupillen waren so weit geöffnet, dass sie beinahe rund erschienen. Er weinte nicht mehr, ruhte zwischen Wand und Alias warmem Oberkörper.

»Er hat mir wehgetan.« Sirran legte beide Hände über die Augen, wie sie es oft tat, wenn sie sich nicht länger an einer Unterhaltung beteiligen wollte. Ihre Lamellen zogen sich leicht zusammen, als sie sich enger an die Wand schmiegte.

Alia seufzte.

Keine drei Schritte von ihr entfernt kämpften sie um das Leben von Seran Giftun.

Alia hoffte, dass die Schreckensamme ihre Worte nicht verstanden hatte, die sie in den Wechselbädern zwischen Furcht und Pein ausgestoßen hatte. Ansonsten war es ihr einerlei, was mit Seran geschah. Jeder in der Gesellschaft auf Meloudil hatte seine Aufgabe. Als Ogok-Azacho war man eben bestimmten Risiken ausgesetzt. Sollte sie sich Vorwürfe machen, weil Seran ihrer Aufgabe offenbar nicht gewachsen gewesen war?

Emotionslos betrachtete sie den Kindsvater. Karun saß am Boden, den Umhang getränkt mit Blut und Geburtsschleim. In seinem Schoß ruhte der Kopf der Schreckensamme. Zitternde Augenlider, der Mund einen Spaltbreit geöffnet.

»Karun?«

»Ja?«

»Wir sollten ihn Tokun nennen. Den Standhaften.«

»Was? Wen?«

»Deinen Sohn.«

Das Neugeborene blickte auf. Die Augen getrübt.

In diesem Moment starb Seran. Die Luft entwich ihren Lungen. Das Zittern der Augenlider hörte auf.

»Tokun«, wiederholte Alia. »Ein guter Name.«

2.

Lichter im Dunkeln

 

»Ich will nicht hingehen!«

Tokun blickte zu Boden. Alia fühlte Ärger in sich aufsteigen. Wie so häufig, wenn sie und ihr Sohn aneinandergerieten.

Ihr wurde mehr und mehr bewusst, dass ihre Lamellenfreundinnen nicht ganz unrecht hatten mit der Behauptung, dass dem Jungen eine richtige Vaterfigur fehlte.

Karun Gavang hatte sich den Titel eines Vorstehers erarbeitet. Damit verwaltete er nicht nur die Stadt Dogeju, ihm unterstand der gesamte Nordkontinent Irgia.

Er sorgte sich um die kleinen und großen Bedürfnisse der Dosanthi genauso wie um stadtplanerische Aufgaben und die wichtigen Verhandlungen mit den Xylthen.

Diese Tätigkeiten vereinnahmten Karun so stark, dass er sich nur selten um seinen Sprössling kümmerte. Wenn er einmal ein paar Stunden aufwenden wollte, gelang es Alia meist nicht, ihren Angstgeist zu besiegen, und daher rollte sie ihrem Partner alle möglichen Steine vor den Höhleneingang.

Ihrem früheren Partner.

»Die Prozession des Lichts ist einer der Höhepunkte des Jahres, mein Schatz. Ich habe mich jeweils schon Monate zuvor ...«

»Ich bin aber nicht du!«, maulte Tokun. Seine Schlitzpupillen verengten sich zu dünnen Strichen. »Ich bin anders. Ich will nicht bei den anderen Kindern sein!«

Alia fühlte Ohnmacht in sich aufsteigen. Was sollte sie bloß auf Tokuns Totschlagargument entgegnen? Sie wusste, dass ihr Sohn speziell