Cover

Birgit Schlieper

Kinder- und Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

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1. Auflage 2015

© 2015 by cbt Verlag,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Kerstin Kipker

Umschlaggestaltung: Geviert, Grafik & Typografie

Illustration: Sabine Völkers

he · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-15864-4
V003

www.cbt-buecher.de

1.

Mir ist langweilig. Fürchterlich, grässlich langweilig. Diese Sommerferien nerven. Alle anderen sind im Urlaub – Timo ist mit seinen Eltern sogar nach Kalifornien geflogen. Der Angeber. Die letzten Tage vor dem Zeugnis hat er andauernd davon geschwärmt, in welche Freizeitparks er gehen würde. Und dass er auf einem Jetski fahren dürfte. Und natürlich gäbe es jeden Tag einen fetten Burger. Ich konnte es echt schon nicht mehr hören und habe mir vorgestellt, wie Timo nach all dem Fast Food ganz schwabbelig und aufgedunsen wiederkommt.

Ich gehe selber zum dritten Mal innerhalb von zwei Stunden am Kühlschrank vorbei. Es ist immer noch nichts drin, was mich interessiert. Ich würde jetzt sogar mit Fynn tauschen. Der ist in Österreich – mit seinen Eltern, seiner nervigen kleinen Schwester und seinem Opa. Selbst da ist es bestimmt spannender als hier.

Vielleicht sollte ich mir einen Arm oder ein Bein brechen. Dann käme ich ins Krankenhaus. Da darf man den ganzen Tag fernsehen. Oder? Und da wären andere Kinder. Wir könnten Rollstuhlwettrennen veranstalten. Wie kompliziert muss man sich wohl ein Bein brechen, damit man wirklich im Krankenhaus bleiben darf und nicht einfach mit Gips nach Hause geschickt wird? Ich entscheide mich gegen den Bruch. Der Plan erscheint mir doch zu riskant.

Ich sehe den Schatten zu spät – Fell erwischt mich mit ihren Krallen am Hals, ehe sie wieder auf den Schrank springt. Wie immer guckt sie mich danach triumphierend an. Ich schwöre es, diese Katze kann richtig gemein grinsen. Sie liebt es, mich aus dem Hinterhalt anzuspringen und zu zerkratzen.

Ich habe sie »Fell« getauft, dabei würde »Monster« oder »Nervensäge« viel besser passen. Sie denkt sich permanent neue Gemeinheiten aus. Letzte Woche hat sie sogar im Badezimmer hinter der Wäschebox gelauert, bis ich aus der Dusche kam. Meinen Rücken hat sie erwischt und von oben bis unten mit ihren messerscharfen Krallen aufgeschlitzt.

Ich starre sie an und sie starrt vom Schrank zurück. »Irgendwann erwische ich DICH«, zische ich ihr zu. Sie fängt an, sich zu putzen.

»Du wäschst dich mit deiner eigenen Spucke. Bäh!«, sage ich laut. Sie ignoriert mich arrogant. Dabei ist sie auch noch hässlich. Ihr Schwanz ist halb weg, und wir wissen nicht, wie das passiert ist. Sie wurde schon so deformiert bei meinem Vater abgegeben. Ihr Rest-Schwanz steht hoch wie eine Antenne. Wie bei einem ferngesteuerten Auto. Ich würde sie zu gerne im Kreis laufen lassen. Manchmal frage ich mich, wie man nur so demoliert und trotzdem so eingebildet sein kann.

Dabei ist diese verstörte Katze einer der Gründe, warum ich diese ganzen verflixt langen Sommerferien zu Hause verbringen muss.

Ein anderer Grund heißt Walter. Walter ist ein Papagei und hat ein Sprachproblem. Nein. Ein Sprachproblem hat er eigentlich nicht. Er spricht sehr gut. Er hat ein Vokabular-Problem. Sein gesamter Wortschatz besteht aus Schimpfwörtern. Ich weiß wirklich nicht, wo der vorher gewohnt und all diese Worte gelernt hat. Immer wenn man ins Wohnzimmer kommt, wo sein riesiger Käfig steht, wird man mit einem Schwall von Beleidigungen begrüßt. »Idiot«, »Volltrottel«, »Taube Nuss« ertönt es sofort. Und das sind noch die harmlosen Titulierungen.

Der dritte Grund, warum wir in den Ferien zu Hause bleiben, ist Leon. Leon sitzt in einem Terrarium und macht nichts. Dabei ist er ein Chamäleon und müsste etwas machen, nämlich die Farbe ändern. In grünem Gras müsste Leon grün werden, auf beigem Sand müsste er sich beige verfärben. Das machen normale Chamäleons, um sich zu schützen. Nicht so Leon! In der freien Natur wäre der Gute völlig schutzlos jedem Feind ausgeliefert. Ich glaube ja, dass Leon einfach nur farbenblind ist, mein Vater glaubt, dass es sich um einen genetischen Defekt handelt. Leon sitzt den lieben langen Tag regungslos unter seiner Wärmelampe. Ganz selten frisst er was. Ach ja, ab und zu häutet er sich auch. Dann muss ich die alte, abgestorbene Haut aus dem Terrarium holen und wegwerfen. Super spannend! Mein Vater war es, der alle diese merkwürdigen Kreaturen angeschleppt hat. Er ist Tierarzt, aber wohl ein bisschen zu gutherzig …

Ich finde es ja eigentlich ganz okay, dass mein Dad so lieb ist und sich der Kreaturen annimmt, die keiner mehr will. Ich mag Tiere grundsätzlich auch. Was ich aber absolut nicht okay finde, ist, dass wir deswegen jetzt hier in den Ferien versauern! Natürlich findet sich niemand, der diesen komischen Hauszoo beaufsichtigen möchte. Kann ich verstehen. Wer hat schon Spaß daran, sich zerkratzen und beschimpfen zu lassen und ein Chamäleon zu pflegen, von dem man nicht sicher sagen kann, ob es noch lebt?

Na ja, und es gibt noch ein weiteres Tier. Ein Hängebauchschwein mit dem Namen Piggy. Es gehört mir. Ich habe Piggy letztes Weihnachten auf der großen Tombola in der Schule gewonnen. Ich wollte das Mountainbike. Deswegen hatte ich von meinem Taschengeld drei Lose gekauft. Ich wollte kein Schwein. Natürlich nicht. Meine Eltern fanden das total lustig, und ich musste Piggy an einer Leine nach Hause führen, wo sie direkt vor unsere Haustür gekackt hat. Es war so peinlich! In den Wochen danach haben mich alle nur »Schweinchen Schlau« genannt. Auch weil mein Vater mich gezwungen hat, regelmässig mit der Schweinedame spazieren zu gehen. So ein Tier brauche Bewegung und Abwechslung, meinte er. Ich habe natürlich versucht, mich unauffällig in den Wald mit ihr zu schleichen, weil ich niemanden treffen wollte. Aber irgendjemand hat mich doch immer mit dem Schwein im Schlepp gesehen. Die Sprüche in der Schule waren echt richtig blöd. »Schweinepriester« war noch das netteste.

Lustlos gehe ich in die Garage und schnappe mir mein Fahrrad. Nach einer halben Stunde schaffe ich meinen ersten Wheely. Ich starte nur auf dem Hinterrad, das Vorderrad halte ich in der Luft. Nach einer weiteren halben Stunde bin ich wieder zu Hause. Mit einem völlig aufgeschürften Arm und einem verstauchten Knöchel. Bei dem dritten Wheely habe ich wohl zu fest in die Pedale getreten und bin gleich hintenübergekracht.

Jetzt ist mir wieder langweilig. Und mein Arm und mein Fuß tun weh. Ich setze mich auf die Fensterbank meines Zimmers, lasse die Beine baumeln und starre ins Nichts. An den Computer darf ich nicht. Ich habe meine Daddelzeit schon aufgebraucht. Ich habe eine Stunde Medienzeit am Tag – eine halbe Stunde Fernsehen und eine halbe Stunde Computer. Eine HALBE Stunde. Ich bin sicher, jeder Erstklässler darf länger am Computer spielen. Das einzig Gute: Meine Mutter ist ein bisschen chaotisch und vergisst manchmal, dass ich meine Medienzeit schon aufgebraucht habe.

Ich lausche. Erst ist das komische Geräusch kaum zu hören. Doch es wird immer lauter. Es ist so ein metallisches Scheppern. Es nähert sich und ich bekomme langsam eine ganz ungute Vorahnung. Ich schaue aus dem Fenster und habe die Gewissheit. Ich mache kurz die Augen zu und wünsche mir so sehr, dass das nicht wahr ist. Dass ich eine schlechte Halluzination habe. Habe ich aber nicht. Ich mache die Augen auf und meine Mutter steht immer noch da auf der Straße. Mit einem verrosteten Einkaufswagen. Sie strahlt mich von unten an. »Guck mal, Paul, was ich gefunden habe«, ruft sie. »Ist der nicht super? Da mache ich ein ganz tolles Objekt draus.«

Ich nicke nur. Ein ganz tolles Objekt.

Immer wenn meine Mutter sagt, sie plant ein neues tolles Objekt, bekomme ich Angst. Sie macht fürchterliche Dinge. Sie nennt das »Kunst«. In unserem Vorgarten liegt ein Ding aus Stein und Stahl, das wie ein Meteorit aussieht. Ein Meteorit, den keiner haben will. Überall bei uns im Haus stehen und liegen merkwürdige Teile. In der Küche steht ein Betonklotz, der mit komischen Gedichten beschrieben ist. Und mein Bett ist eine Konstruktion aus alten Holzdielen.

Ich sehe, wie meine Ma mit verliebtem Blick diesen rostigen Wagen begutachtet, und ich weiß jetzt schon, dass es kein Mittagessen geben wird. Sie wird es vergessen. Ganz klar. Wenn sie in ihrer Kunstwelt ist, vergisst sie alles.

Sie ist schon mal auf einem Elternsprechtag erschienen und hatte noch die Schweißerbrille um den Hals baumeln. Ich meine: Da kann ich ja gleich mit Piggy in die Schule gehen!

Nein, ich liebe meine Mutter. Echt. Aber sie ist manchmal einfach peinlich. Auf der anderen Seite macht sie die allerbesten Geburtstagspartys der Welt. Letztes Jahr haben wir bei uns im Garten gezeltet und nachts eine Wanderung gemacht. Um Mitternacht gab es ein kleines Feuerwerk. Danach noch ein bisschen Ärger mit der Feuerwehr. Die ist wirklich mit Blaulicht und Sirene erschienen. Das war echt cool!

In diesem Jahr wollen wir einen Film drehen und hinterher auf Youtube stellen. Meine Mutter und ich sind uns über die Handlung noch nicht ganz einig. Ich fände ja eine Verfolgungsjagd super. Quer durch die Stadt auf Skateboards. Ich habe schon ein paar Stunts einstudiert. Oder ich mache einen Wheely. Es muss wild und gefährlich aussehen. Vielleicht werden wir ja richtig berühmt damit. Meine Mutter möchte lieber was mit einem unheimlichen Kunstobjekt machen, das geheimnisvolle Kräfte hat. Sie steht auf so Fantasy-Quatsch. Außerdem will sie natürlich ihre komischen Objekte in meinen Film schmuggeln. Nur über meine Leiche! Soll sie doch ihren eigenen Geburtstagsfilm drehen.

Ich schlendere in die Küche. Mein Magen knurrt schon leicht. Ich werfe vier Hände voll Spaghetti in einen Topf Wasser und stelle die Platte auf zehn. Im Küchenschrank finde ich ein Glas Tomatensoße und eine Dose eingelegter Früchte. Ich schütte alles in einen weiteren Topf und mache es auch heiß. Ich spüre, dass Fell mich von irgendwo beobachtet. Ehrlich, manchmal spüre ich den Blick dieser durchgeknallten Katze wie einen Nadelstich auf meinem Rücken. Ich drehe mich blitzschnell um und fauche laut. Manchmal hilft das. Im dem Fall allerdings nicht. Meine Mutter steht im Türrahmen und guckt mich überrascht an.

»Hast du mich angefaucht?«, fragt sie erstaunt.

»Ich dachte, du wärst Fell«, antworte ich.

»Und wieso fauchst du die arme Katze an?«, will sie jetzt natürlich wissen.

»Weil sie mich tyrannisiert! Das habe ich dir schon tausend Mal gesagt! Sie lauert mir auf und springt mich dann an. Und dabei lacht sie. Man kann es nicht wirklich hören. Aber sie lacht. Glaub mir. Es macht ihr Spaß, mich zu quälen.«

Meine Mutter legt den Kopf leicht schief und nickt nur. Ich sehe an ihrem Blick, dass sie in Gedanken schon wieder ganz woanders ist. Ich hätte ihr gerade mitteilen können, dass ich mich für die Marsmission beworben hätte und gleich ein Taxi kommen würde, um mich abzuholen. Um vier würde mein Flug nach Cape Canaveral gehen und, ach ja, vom Mars gäbe es ja kein Zurück. Ich würde mich dann jetzt also endgültig von ihr verabschieden müssen. Ich schwöre, sie hätte dann genauso genickt.

»Wie fändest du es, wenn ich an dem Einkaufswagen die Rollen oben anbringen würde? Das würde doch echt witzig aussehen, oder?«, fragt sie mich unvermittelt.

»Oder du nimmst Piggy damit zum Einkaufen, wenn sie zu alt und schwach ist, um noch selber zu laufen«, schlage ich vor. Sie nimmt das Schwein nämlich tatsächlich immer zum Einkaufen mit!

»Keine schlechte Idee«, findet sie.

Das war eigentlich ein Witz von mir. Ich schütte das Nudelwasser ab und vermische die Spaghetti mit dem Tomaten-Früchte-Mix.

»Was isst du da?«, erkundigt sich meine Mutter neugierig.

»Eigenkreation«, antworte ich mit vollem Mund.

»Darf ich?«, sagt sie und nimmt sich auch eine Portion.

Manchmal frage ich mich wirklich, ob in unserer Familie die Rollen richtig verteilt sind.

Für den Nachmittag habe ich mir Folgendes vorgenommen:

1.) Mamas neues Süßigkeitenversteck zu finden

2.) Oma Lise eine Karte schreiben und zu fragen, ob sie sich finanziell an einem iPad beteiligen möchte

3.) Unter meinem Bett aufzuräumen, ehe meine Mutter die Ansammlung von Klamotten und Schokopapier findet, sich wieder aufregt und auf die Idee kommt, meine Medienzeit noch mehr zu kürzen

Mit dem Drei-Punkte-Programm bin ich allerdings schon um drei Uhr fertig (das neue Süßigkeitenversteck meiner Mutter ist ein leerer Blumentopf oben auf dem Küchenschrank). Die Karte ist geschrieben (»Hallo Oma, wie geht es dir? Möchtest du mir nicht Geld für ein iPad geben? Ich brauche das für die Schule. Dringend. Sonst bleibe ich vielleicht sitzen. Liebe Grüße, dein Paul«), und unter dem Bett liegt nichts mehr. Da habe ich sogar noch eine angefangene Packung Kaugummis gefunden. Kaugummi kauend sitze ich also wieder auf der Fensterbank und gucke meiner Mutter zu, die den Einkaufswagen mit Pappmaschee einkleistert.

2.

Ich könnte natürlich auch jetzt schon mal einen Film drehen. Über diese unzumutbaren Ferien. Und wie heldenhaft ich die überstehe. Im Arbeitszimmer finde ich den Camcorder. Ich richte die Linse auf mich und sage ganz sachlich: »Guten Tag. Ich bin Paul und das ist mein Leben.« Ich stoppe die Aufnahme und gehe ins Wohnzimmer, wo Walter mich mit »Rotzlümmel«, »Blöder Affe« begrüßt. Ich zoome ihn heran. Er sieht wirklich fast wütend aus. Er hüpft auf die andere Stange. »Vollpfosten« tönt es laut. Ich spreche direkt ins Mikro: »Das ist Walter. Außer Schimpfwörtern kann er nichts sagen.« Ich gehe ins Nebenzimmer zu Leon.

»Darf ich vorstellen? Das ist Leon, unser farbenblindes Chamäleon. Sehen Sie selbst«, sage ich deutlich. Danach hänge ich verschiedene T-Shirts von mir, die ich extra ausgesucht habe, hinter den Käfig. Ein giftgrünes, ein rotes, ein hellblaues. Leon macht wie immer: nichts. Er bleibt einfach grau.

Fell finde ich auf der Couch. Ich schleiche mich langsam ran, der Camcorder läuft. Ich weiß, dass sie nicht schläft. Sie tut nur immer so. »Das ist Fell«, flüstere ich, »die Tollwut auf vier Pfoten.« Als hätte sie genau verstanden, was ich gesagt habe, springt sie mir ans Bein und klammert sich durch die Jeans in meiner Haut fest. Ich schreie auf, versuche sie abzuschütteln. Die Aufnahmen sind natürlich total verwackelt, aber das macht alles noch dramatischer.

Anschließend filme ich noch den Rest der interessanten Nudelmahlzeit im Topf und dann Piggy, die sich gerade im Dreck suhlt.

Ich schaue mir das Ergebnis an. Und mir wird klar: Wenn ich das auf Youtube stelle, bekomme ich ein eigenes Spendenkonto oder so. Die Leute werden entsetzt sein. Ab diesem Zeitpunkt würde auf meiner Stirn »Loser« stehen.

Ich muss das alles sofort wieder löschen.

Ich werfe den Camcorder aufs Bett. Mist. Ich hatte mir schon vorgestellt, wie ich jeden Tag einen kleinen Film über mich hochlade und immer mehr Fans bekomme.

Aber wahrscheinlich wäre das dann irgendwann auch anstrengend. Ich würde auf der Straße angesprochen. Müsste Autogramme geben. Nervige Mädels würden mich anhimmeln. Das ist doch auch lästig. Und ganz bestimmt würden wir mit Sperrmüll zugeworfen, weil alle denken würden, meine Mutter könnte den gebrauchen. Nein, danke!

Ziemlich genervt schnappe ich mir meinen Fußball und gehe auf die Straße. Wir wohnen in einer Seitenstraße, hier ist kaum Verkehr. Ich suche mir ein paar größere Steine und verteile sie auf dem Asphalt. Anschließend dribbele ich um sie herum. Ich hatte mir vorgenommen, in den Sommerferien meine Technik zu verbessern. Ich bin nicht so gut im Kicken. Ehrlich gesagt bin ich so schlecht, dass bei der Mannschaftswahl sogar die Mädchen vor mir ausgewählt werden. Wahrscheinlich liegt mein Nulltalent daran, dass ich Fußballspielen ziemlich blöde finde. Ich laufe nicht gerne hinter dem Ball her. Ich werde nicht gerne von hinten umgetreten. Ich schwimme gerne, ich mache vom Fünfmeterbrett eine perfekte Arschbombe, ich finde Klettern auch klasse. Das sind eher so Sportarten, die ich mag. Aber die anderen wollen andauernd kicken. Also muss ich darin besser werden. So schwierig kann das ja nicht sein! Als ich gerade auf dem Rasen des Vorgartens Fallrückzieher übe, biegt ein ziemlich großer Lkw in unsere Straße ein. Ich muss mich beeilen, die großen Steine von der Fahrbahn zu räumen.

Der Lkw fährt an mir vorbei und bleibt stehen. Der Motor geht aus. »Steiner-Umzüge« lese ich auf der Seitenwand. Und plötzlich bin ich hellwach. Sind das unsere neuen Nachbarn? Vor ein paar Monaten war die kleine Oma von nebenan ausgezogen. Seitdem hatte das Haus leer gestanden. Jetzt hält dieser riesige Umzugswagen davor. Der Fahrer und zwei andere Männer sind mittlerweile ausgestiegen und haben sich Zigaretten angesteckt. Offenbar warten sie auf irgendjemanden oder irgendwas. Ich warte mit. Um nicht auch blöd in der Gegend zu stehen (und natürlich kann ich mir jetzt schlecht auch eine Zigarette anstecken), versuche ich Kopfbälle gegen die Hauswand. Ich will ja nicht gerade bei einem verunglückten Fallrückzieher auf dem Rücken liegen, wenn unsere neuen Nachbarn kommen. Ich muss fast eine halbe Stunde mir den Kopf dusselig trainieren, bis ein Auto vorfährt. Ich bin so überrascht, dass ich den Ball nicht auf den Kopf bekomme, sondern direkt ins Gesicht. Ich gehe prompt zu Boden, vor meinen Augen wird es ganz bunt. Als ich endlich wieder aufgestanden bin, sehe ich noch drei Personen ins Haus gehen. Einen sehr großen Mann, eine sehr blonde Frau und einen Jungen mit einer coolen Frisur. Kurz und mit viel Gel. So hätte ich die Haare auch gerne. Aber meine Haare sind lang. Nein, nicht richtig lang. Länger als kurz eben. Meine Mutter mag das so. Sie findet kurze Haare bei Jungs einfach nicht gut. Also habe ich eben eine »Mädchenfrisur«, wie meine Oma es nennt. Mir ist es nicht wichtig genug. Und solange meine Ma mich nicht zwingt, mir einen Zopf zu machen, ist es schon irgendwie okay.

Ich starre weiter auf das Nachbarhaus. Wie cool, dass da jetzt ein Junge einzieht. Er muss so ungefähr in meinem Alter sein. In unserer Straße wohnen ansonsten nur alte Menschen, außer einer Familie, die zwei sechsjährige Mädchen namens Emma und Mia hat. Diese Zwillinge sind noch schlimmer als gar keine anderen Kinder in der Gegend. Ehrlich! Das sind die größten Nervensägen, die ich je erlebt habe. Eigentlich kann man die nur mit Kopfhörer und Sonnenbrille überleben. Erstens blinkt es überall an denen. Unter den Schuhen, in den Haaren, in den Jacken: Überall haben sie so alberne bunte Lämpchen. Praktisch, wenn man die mal im Dunklen suchen muss. Dazu kommt, dass diese Mädchen irre laut sind. Entweder sie singen in den schiefsten Tönen oder sie heulen. Weil sie einen Stein im Schuh haben, weil ihr Lieblingshaargummi gerissen ist oder auch nur mal so aus Langweile. Als die frisch in unsere Straße gezogen waren, musste ich die mal mit meiner Mutter besuchen. Ich musste eine ganze Stunde in einem Kinderzimmer sitzen, in dem ALLES rosa war.

Aber jetzt wohnt also auch ein Junge in der Nachbarschaft. Wie blöd, dass ich ihn nicht von vorne gesehen habe. Aber er wird ja wohl bald wieder rauskommen. Denke ich.

Doch er kommt nicht. Bis um sieben Uhr am Abend tragen die drei Männer aus dem Lkw pausenlos Kartons und Möbel ins Haus. Der Sohn bleibt unsichtbar. Wo ist der? Ist der krank und musste gleich ins Bett? Ich beobachte, wie ein cooles Mountainbike ausgeladen wird. Geil. Kurz entschlossen hole ich mein Bike wieder vor und fahre vor dem Haus auf und ab. Wenn er mich biken sieht, bekommt er vielleicht auch Lust. Immer wieder muss ich den Umzugshelfern ausweichen. Auch die Eltern pendeln zwischen Haus und Lkw. Nur ihr Sohn hat offenbar Besseres zu tun. Ich drehe weiter meine Runden, klingle immer mal wieder. Nach einer halben Stunde bin ich total groggy und hole mir in unserer Küche erst mal was zu trinken. Als meine Mutter reinkommt, meckert die noch nicht mal, dass ich das Wasser direkt aus der Flasche trinke. Sie scheint durch mich durchzusehen.

»Alles in Ordnung?«, frage ich vorsichtig.

Sie guckt mich erstaunt an. Als hätte sie mich jetzt erst wirklich erkannt. »Ja, ja. Ich überlege nur gerade, wo wir das neue Objekt hinstellen. Das Pappmaschee ist ja nicht regenfest und daher leider nicht für den Garten geeignet. Vielleicht wäre es oben im Flur ganz hübsch.«

Ich verdrehe die Augen. Dann würde ich andauernd an diesem verunstalteten Einkaufswagen vorbeikommen. Und jeder, der mich besuchen käme, würde es sehen. Wie peinlich.

»Du könntest es auch für die schmutzige Wäsche vor die Waschmaschine stellen. Dann müsstest du dich nicht immer bücken«, entgegne ich spontan.

Sie guckt mich überrascht an. »Vielleicht gar keine schlechte Idee«, findet sie zögerlich.

Ich versuche es draußen jetzt mit dem Skateboard. Wenn ich damit den Bürgersteig runterkrache, ist das definitiv lauter als Radfahren. Das muss er hören. Ich bin einfach so irre neugierig. Vielleicht ist der ja echt nett. Vielleicht findet der ja auch Fußball kacke. Und wahrscheinlich fahren die auch nicht mehr in die Sommerferien, so direkt nach dem Umzug. Da könnte ich coole Fahrradtouren mit ihm machen. Oder vielleicht dürften wir sogar unten am Fluss zelten. Ich hatte meinen Eltern vorgeschlagen, wenigstens ein paar Tage zu zelten, damit ich auch so eine Art Urlaub habe. Sie hatten es natürlich verboten. Alleine dürfte ich das auf gar keinen Fall. Aber zu zweit?

Von meinem neuen Nachbarn ist immer noch nichts zu sehen. Meine Laune ist mittlerweile ziemlich im Keller. Was soll ich denn noch machen? Vielleicht wirke ich ja zu sportlich, wenn ich hier die ganze Zeit wie ein Irrer auf Rollen und Rädern unterwegs bin? Wild entschlossen gehe ich zu unserem kleinen Schweinestall und schnappe mir Piggy. Die sieht richtig erstaunt aus, als ich ihr das Halsband anlege. »Komm, Piggy, wir drehen noch eine kleine Runde«, ermuntere ich sie. Sie startet direkt durch. Ich habe echt Mühe, mit dem Schwein mitzuhalten. »Nicht so schnell«, brülle ich immer wieder, während ich hinter ihr herrenne. Auf der Straße angekommen, biegt sie natürlich spontan in die falsche Richtung ab. Es dauert ein paar Meter, bis ich sie zum Umkehren bewegen kann. Und so laufen wir endlich vor dem Nachbarhaus vorbei. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal. Und dann bleibt dieses blöde Schwein direkt vor dem Haus stehen und macht einen dicken Haufen auf die Straße.

Einen richtig dicken Haufen. Ich bin ein bisschen beeindruckt. Vor allem aber ist es peinlich. Im Schweinsgalopp bringe ich Piggy wieder in ihren Stall und spritze die Sauerei dann mit dem Gartenschlauch in den Gully. In diesem Moment bin ich ganz froh, dass der unbekannte Typ noch nicht aufgetaucht ist.

Und plötzlich ist es mir ganz klar. Dass ich da nicht eher draufgekommen bin! Dieser Junge ist wahrscheinlich gar nicht der Sohn unserer neuen Nachbarn. Der wurde entführt! Das sind nämlich nicht seine Eltern, sondern ein hochkriminelles Paar. Bestimmt haben sie das Haus nur kurzfristig unter falschem Namen angemietet, um den Jungen zu verstecken. Der sitzt wahrscheinlich die ganze Zeit angekettet im Keller. Das ominöse Paar wartet nur, bis das Lösegeld gezahlt wird, und dann sind sie weg. Und was passiert dann mit dem Jungen? Ob sie ihn einfach angekettet und gefesselt zurücklassen? Oder lassen sie ihn wirklich frei? Und warum ziehen die mit so vielen Kartons und Möbeln ein, wenn sie nur kurz bleiben wollen? Womöglich ist das nur Tarnung. Oder sie machen sich darauf gefasst, dass es länger dauert. Vielleicht haben die Eltern die Lösegeldzahlung verweigert.