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Michael Berger

Für Kaiser, Reich und Vaterland

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Avram Mendel König

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Maximilian Leib Rohrlich als Leutnant im Ersten Weltkrieg

Michael Berger

Für Kaiser, Reich und Vaterland

Jüdische Soldaten
Eine Geschichte vom 19. Jahrhundert bis heute

© 2015 Orell Füssli Verlag AG, Zürich

www.ofv.ch

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Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines
Fotos von © Michael Berger

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ISBN 978-3-280-03907-6

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Im Gedenken

an die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten der Deutschen und der Österreichisch-Ungarischen Armee,

an die jüdischen Soldaten, die im Spanischen Bürgerkrieg im Kampf gegen den Faschismus fielen,

und an die jüdischen Kriegsteilnehmer des Zweiten Weltkrieges, die von den Nationalsozialisten in den Vernichtungslagern ermordet wurden.

Meiner Frau Nicoleta, baschert

Grußwort des Bevollmächtigten des Landes Baden-Württemberg beim Bund

Nachdem Leutnant Josef Zürndorfer 1915 mit seinem Flugzeug abgestürzt war, entdeckten seine Angehörigen folgenden Eintrag in seinem Testament: »Ich bin als Deutscher ins Feld gezogen, um mein bedrängtes Vaterland zu schützen. Aber auch als Jude, um die volle Gleichberechtigung meiner Glaubensbrüder zu erstreiten.« Wie Zürndorfer sahen viele junge Deutsche jüdischen Glaubens zu Beginn des Ersten Weltkriegs ihre Chance, durch militärisches Engagement gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. Der Historiker Golo Mann stellte gar fest, dass es »nichts deutscheres« gegeben habe, als die jüdischen Kriegsfreiwilligen des Ersten Weltkrieges.

Ohne Zweifel hat die nationale Begeisterung jüdischer Soldaten und Offiziere für Respekt und Anerkennung bei vielen ihrer nicht-jüdischen Kameraden gesorgt. Geholfen hat dieser Respekt, diese Anerkennung indes niemandem; die ersehnte Gleichberechtigung blieb vollständig aus.

Mehr noch: Nachdem die Nationalsozialisten an die Macht gekommen waren, setzten sie alles daran, die jüdischen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg für ihr Land, für Deutschland, gefallen waren, aus dem Gedenken auszuschließen. Ein Jude – ein Bürger zweiter Klasse – war weder Deutscher noch Held. Dass sich Juden mit ihrem Land identifizierten und tapfer in der deutschen Armee kämpften, passte nicht in das Propagandabild, das die Nazis zeichneten: Juden? Das waren feige, schmächtige Drückeberger – weder fähig noch würdig für Deutschland zu kämpfen. Und je länger das Regime existierte, je lebensbedrohlicher die Lage für die deutschen Juden wurde, desto mehr mussten sich die jüdischen Soldaten des Ersten Weltkriegs widerlegt, gedemütigt und betrogen fühlen – betrogen um die eigene Biographie.

Selbst die höchsten militärischen Auszeichnungen, die jüdische Soldaten zwischen 1914 und 1918 erhalten haben, hatten auf ihre Deportation und Vernichtung in Nazi-Deutschland – wenn überhaupt – nur aufschiebende Wirkung.

Die Tatsache, dass im Ersten Weltkrieg auch jüdische Soldaten für ihr Vaterland ins Feld gezogen und gefallen sind, ist noch immer vielen Menschen unbekannt. Ich bin sogar versucht zu sagen, es ist für viele Menschen auch heute noch nicht zu verstehen.

»Alle Bewohner des Staates sind geborene Verteidiger desselben!« Mit diesen Worten begann Gerhard von Scharnhorst, der Leiter der Militärreorganisationskommission der preußischen Armee, 1807 seine »Denkschrift über die Bildung einer Reservearmee«, die die Grundzüge der ab 1814 eingeführten Allgemeinen Wehrpflicht in Preußen skizzierte. Diese für jedermann geltende Wehrpflicht ist heute eine staatspolitische Selbstverständlichkeit für jeden Bürger in Deutschland. Damals hingegen handelte es sich um ein gesellschaftspolitisches Novum mit weitreichenden Konsequenzen für die große jüdische Gemeinschaft in Preußen.

In Scharnhorsts Überlegungen zählte damals weder die Herkunft noch die Religion, um diese Dienstpflicht am Staat vollziehen zu können. Er bezog bei seinen Überlegungen unterschiedslos alle Staatsbürger und damit erstmalig auch die Bürger jüdischen Glaubens in eine militärische Dienstpflicht gegenüber dem Staat mit ein. Für die in Preußen lebenden jüdischen Bürger bedeutete dies in der Folge, dass sie aus einer jahrhundertelangen gesellschaftlichen Isolation heraustraten und zumindest in diesem Bereich des öffentlichen Lebens den übrigen Staatsangehörigen gleichgestellt werden konnten.

Dennoch galt Scharnhorsts Diktum vorerst nur auf dem Papier. Der in Deutschland latent vorhandene Antisemitismus verhinderte nach wie vor die volle Gleichberechtigung und Gleichbehandlung jüdischer Soldaten. So blieb ihnen auch weiterhin der Zugang in die Laufbahn der Offiziere versagt.

1812 folgte mit dem »Edikt zur Emanzipierung des Judentums« im Rahmen der von den preußischen Staatsministern Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein und Karl Graf von Hardenberg eingeleiteten Staatsreformen in Preußen wenigstens formal die angestrebte gesamtgesellschaftliche Gleichberechtigung der jüdischen Staatsbürger. Aber auch sie konnte tatsächlich die Gleichberechtigung der Juden in Preußen nicht umfassend durchsetzen.

Ungeachtet dieser Diskriminierung leisteten viele deutsche Juden in verschiedenen Kriegen ihren Dienst für ihr Vaterland. Sie taten dies mit dem gleichen Verständnis, wie dies bei den übrigen Deutschen der Fall war. Auch wenn ihre Taten und Leistungen im Kameradenkreise und darüber hinaus respektiert und anerkannt wurden, blieb die gesamtgesellschaftliche Würdigung, die sie verdient hätten, aus. Es entsteht der Eindruck, dass der deutsche Staat die oftmals selbstlosen Leistungen der jüdischen Soldaten als selbstverständlich erachtete, die Anerkennung jedoch aus grundsätzlichen Erwägungen verweigert hat.

Die nach dem Ersten Weltkrieg verstärkt einsetzenden offenen Anfeindungen und schließlich die Verfolgung und staatlich gelenkte Vernichtung dieser Patrioten in der Zeit des Nationalsozialismus stellten den moralischen und gesellschaftspolitischen Bankrott der deutschen Geschichte und die dramatische Zäsur in der Geschichte des Judentums in Deutschland dar.

Vor dem Hintergrund dieser unvorstellbaren Verbrechen war es das vordringliche Anliegen der Mütter und Väter des Grundgesetzes, die Menschenrechte als unabänderliche Grundlage unseres Staates festzuschreiben. Die ersten Artikel des Grundgesetzes sind auch deswegen nicht nur unveräußerliches Gut für jeden Bürger unseres Landes, sondern gerade die Lehre aus der deutschen Geschichte.

Mit der Konzeption der Inneren Führung und dem Leitbild des Staatsbürgers in Uniform schuf die Bundeswehr einen neuen Soldatentyp, der in erster Linie als Wahrer der Menschenrechte auf der Grundlage des Grundgesetzes zu verstehen ist. Die Streitkräfte der Bundesrepublik sind Garant der Freiheit und des Rechtes aller seiner Bürgerinnen und Bürger.

Auch aus diesem Grunde werden im Traditionsverständnis der Bundeswehr die Leistungen von Soldaten jüdischen Glaubens in Ehren gehalten. So ist es beispielsweise guter Brauch in Deutschland, nach solchermaßen verdienstvollen Soldaten Kasernen und Einrichtungen der Bundeswehr zu benennen.

Zum Beispiel denke ich gerade an Leutnant Wilhelm Frankl. Er war einer von vielen patriotischen jüdischen Reserveoffizieren in der preußischen Armee. Als Flugzeugführer der Königlich-Preußischen Fliegertruppe im Ersten Weltkrieg wurde er für seine Tapferkeit im Krieg mit dem höchsten preußischen Tapferkeitsorden, dem Pour-le-Mérite, ausgezeichnet. Als Namensgeber einer Luftwaffenkaserne in Neuburg an der Donau steht er für uns heute stellvertretend für die zahlreichen jüdischen Soldaten, die ihr Leben im Dienst für das Vaterland gaben.

Angesichts dieser historischen Entwicklung empfinde ich es als Selbstverständlichkeit und Geste des Respekts, dass die Bundeswehr jährlich mit einer Kranzniederlegung unter anderem auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee ihrer gedenkt und sie so in Erinnerung hält.

Dass ab dem 19. Jahrhundert Juden trotz mancher Diskriminierung in den deutschen Armeen dienten, war mir bekannt. Ebenso war mir in einem allgemeinen Sinne bewusst, wie beschämend, ehrlos und unmenschlich sich Deutschland unter der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft auch gegenüber seinen Veteranen jüdischen Glaubens verhalten hat.

Indem aber Michael Israel Berger Einzelschicksale hervorhebt, wird das vielfach anonyme Geschehen noch sehr viel fassbarer – und umso unverständlicher. Dem Leser begegnen Menschen und Begebenheiten aus seiner Heimatregion und von Orten, die er kennt.

Ich lese vom Reichstagsabgeordneten Dr. Ludwig Frank aus Mannheim, der sich wie viele deutsche Juden freiwillig zum ersten Weltkrieg meldete und fiel.

Ich stoße auf die Gemeinde Rexingen bei Horb, die vor dem Krieg zu einem Drittel aus jüdischen Einwohnern bestand. Von den 223 Rexingern, die in den Ersten Weltkrieg zogen, waren 105 jüdische Bürger.

Ein Ehrenmal erinnert an die Toten, einige jüdische Soldaten wurden für ihre Tapferkeit ausgezeichnet und befördert. Dies hinderte die Nationalsozialisten jedoch nicht, auch die Veteranen und ihre Familien zu verfolgen, zu vertreiben oder gar zu ermorden.

So lese ich vom Göppinger Rabbiner Dr. Aron Taenzer, der sich 1914 freiwillig als Feldrabbiner meldete und mehrfach geehrt und ausgezeichnet wurde. Er starb 1937 und die Nationalsozialisten verschleppten seine Frau in das KZ Theresienstadt, wo sie 1943 ihr Leben verlor.

Das Schicksal der jüdischen Veteranen und ihrer Familien führt uns vor Augen, wie menschenverachtend die Nationalsozialisten Deutschland missbraucht und unser Land damit beschämt haben. Vor dem Beispiel der deutschen Soldaten jüdischen Glaubens verstummen gleichzeitig Verhöhnungen aller Art von Patriotismus, Dienstbereitschaft, Mut und Tapferkeit.

Dass heute wieder Deutsche jüdischen Glaubens in der Bundeswehr dienen, ist daher ein besonderes und wichtiges Zeichen der Verbundenheit, der Wertschätzung und auch des Vertrauens in die Bundesrepublik Deutschland. Dass das Wunder jüdischen Lebens in Deutschland nach der Shoa auch diesen Teil unseres Staatsalltags umfasst, ist ein Geschenk. Gemeinsam mit ihren Kameraden christlicher und anderer Bekenntnisse stehen sie für unsere Sicherheit und die Verteidigung unserer demokratischen Grundordnung ein. Die deutsche Staatsangehörigkeit ist ihnen nicht nur Papier, sondern steht für Heimat, Freiheit und Menschenwürde, für das Grundgesetz. Dafür gebührt ihnen unser aller Dank und unser aufrichtiger Respekt.

Peter Friedrich,
Minister für Bundesrat, Europa und internationale Angelegenheiten des Bundeslandes Baden-Württemberg

Einführung

»Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litthauer!« Mit diesen Worten rief König Friedrich Wilhelm III. im März 1813 sein Volk auf, sich gegen die napoleonische Besatzung zu erheben. In allen preußischen Provinzen eilten Freiwillige zu den Fahnen. Dem Aufruf folgten auch die jüdischen Bürger des preußischen Königreiches. Mit dem Auszug der Freiwilligen begann ein mehr als 100-jähriger Kampf der deutschen Juden um Integration und Gleichberechtigung in Staat – insbesondere im Militär – und Gesellschaft sowie gegen den seit den 1880er Jahren immer stärker hervortretenden Antisemitismus. Dieser Kampf der Juden um »Recht auf ihren Platz und um den Platz ihres Rechts«, wie es Dr. Leo Baeck einmal nannte, zog sich über die Zeit des Deutschen Kaiserreiches und den Ersten Weltkrieg hin, führte zwar immer wieder zu Erfolgen, endete jedoch in einer grausamen Täuschung.

Zu dem Zeitpunkt, als die ersten jüdischen Soldaten in der preußischen Armee dienten, gab es in Österreich die Wehrpflicht für Juden bereits seit mehr als 20 Jahren. Kaiser Joseph II. hatte im Jahre 1788 die Militärpflicht für Juden eingeführt, die dann auf alle habsburgischen Länder ausgedehnt worden war. Juden waren fortan »... auch zu dem Militärstande tauglich und, wenigstens vom Anfang, zu dem Fuhrwesen, dann zu der Artillerie als Stuckknechte zu verwenden, und gleich bei jetzigem Kriege dazu abzugeben.« Die Entscheidung, Juden als Soldaten zu verwenden, war im Rahmen der Reform- und Toleranzpolitik Kaiser Josephs II. erfolgt, der bereits 1782 ein Toleranzpatent für die Wiener Juden erlassen hatte. Wie in Preußen ergab sich der Militärdienst im Zuge der Emanzipation als Konsequenz aus der Verbesserung der rechtlichen Stellung der jüdischen Bevölkerung. So wurden während der Napoleonischen Kriege in der Armee der Habsburgermonarchie bereits die ersten jüdischen Offiziere ernannt. Auch im Folgenden entwickelt sich die Situation der Juden in der Armee Österreich-Ungarns wesentlich günstiger als in deutschen Armeen.

Während in Preußen im gesamten 19. Jahrhundert nur ein einziger Jude Stabsoffizier werden konnte – nur wenig mehr waren es zum Beispiel. in der Bayerischen Armee –, gab es in Österreich-Ungarn zahlreiche Beispiele für jüdische Soldaten, die bis in die höchsten Stabsoffiziers- und sogar Generalsränge aufsteigen konnten und in vielen Fällen für ihre Verdienste geadelt wurden. So hatte Kaiser Franz Joseph I. schon in den 1880er Jahren gegen die antisemitische Bewegung Stellung bezogen: »Die ganze Bewegung ist mir recht unsympathisch, und jetzt, nachdem die jüdischen Soldaten in den Jahren 1878 und 1882 so vieles Respektable geleistet, sogar peinlich.«

Im Ersten Weltkrieg dienten fast 100 000 deutsche Juden in Heer und Marine – davon waren mehr als 3000 Offiziere, Sanitätsoffiziere und Militärbeamte im Offiziersrang. 12 000 jüdische Soldaten verloren im Krieg ihr Leben. In der k.u.k. Armee waren es 300 000 jüdische Soldaten, mindestens 30 000 fielen im Kampf. Die Zahl der Offiziere, von denen mehr als 1000 an der Front fielen, war um ein Vielfaches höher als in der Armee des Deutschen Kaiserreiches. Insgesamt 25 000 jüdische Offiziere dienten während des Weltkrieges in der Armee der Habsburgermonarchie. Während die deutschen jüdischen Soldaten im Oktober 1916 die in höchstem Maße diskriminierende Judenzählung über sich ergehen lassen mussten, mit der die militärische Führung in Deutschland das Band der durch gemeinsame Waffenbrüderschaft gefestigten Kameradschaft endgültig durchtrennte, erhielten die jüdischen Soldaten in der Österreichisch-Ungarischen Armee höchste Anerkennung für die Kaiser und Vaterland geleisteten treuen Dienste. Der von 1848 bis 1916 regierende Kaiser Franz Joseph I. war für die Juden seiner Länder geradezu Symbol eines – auch der jüdischen Bevölkerung gegenüber – gerechten Herrschers und die Juden in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie liebten in ihrer Mehrheit Kaiser und Kaiserreich.

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges kam auch das Ende der Monarchien und sowohl in Deutschland als auch in Österreich die Zeit der Republiken. Die Republik und ihre Verfassung garantierte nun auch den deutschen Juden die endgültige und uneingeschränkte Gleichberechtigung. Im Allgemeinen sahen die Juden sowohl in der Weimarer Republik als auch in der Republik Deutschösterreich ihre Zukunft im neuen demokratischen Staat. Gleichzeitig kam es jedoch in beiden Ländern zu einem Erstarken der rechtsextremen Parteien, die einen Schuldigen für den verlorenen Krieg suchten und diesen im »Juden« fanden. Die antisemitsiche Hetze rechter Parteien und Gruppierungen begann sich zunehmend auch gegen die ehemaligen jüdischen Frontsoldaten zu richten und führte in Deutschland bereits nach Kriegsende zur Gründung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten (RjF). Im Jahre 1932 gründeten ehemalige Frontkämpfer in Österreich den Bund jüdischer Frontsoldaten Österreichs (BJF).

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland am 30. Januar 1933 wurde zum Endpunkt einer Entwicklung, die schon in den Jahren des Niedergangs der Weimarer Republik begonnen hatte. Sie war gleichzeitig der Beginn einer systematischen Ausgrenzung und Entrechtung der deutschen Juden, deren Folge die physische Vernichtung des deutschen und dann auch des österreichischen Judentums war. Im März 1934 unternahm der Hauptmann der Reserve und Vorsitzende des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten Dr. Leo Löwenstein einen letzten verzweifelten Versuch, die Entlassung der jüdischen Soldaten aus der Reichswehr abzuwenden. Sein Appell an den Reichspräsidenten und Obersten Befehlshaber der Reichswehr Paul von Hindenburg blieb erfolglos. Eine endgültige Entrechtung der deutschen Juden erfolgte mit den sogenannten »Nürnberger Gesetzen« vom September 1935, die unmittelbar nach dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich auch auf die österreichischen Juden angewendet wurden.

Der Weg der deutschen und österreichischen Juden führte über die Arisierung ihres Besitzes, das Novemberpogrom 1938, die gegen die sogenannten Mischlinge 1. und 2. Grades verhängten Zwangsmaßnahmen im Anschluss an die von der nationalsozialistischen Führung 1941 beschlossene »Endlösung der Judenfrage« in mehreren Deportationswellen in die Vernichtungslager auf deutschem oder deutsch besetztem Boden. Wer nicht rechtzeitig auswandern konnte, fiel, so wie der größte Teil des deutschen und österreichischen Judentums, der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung zum Opfer. Auch die jüdischen Frontkämpfer, die im Verlauf der Pogrome vom 9. auf den 10. November 1938 verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt worden waren, wurden später dort ermordet. So endete die Geschichte deutscher jüdischer und österreichisch jüdischer Soldaten nach mehr als 150 Jahren in den Ghettos und Lagern der Nationalsozialisten. Gleichzeitig wurde auch die Erinnerung an ihre soldatischen Leistungen und die Opfer, die sie auf den Schlachtfeldern für ihr Vaterland erbracht hatten, von den Ehrenmalen entfernt. Die Nationalsozialisten wollten sie für alle Zeiten auslöschen.

Juden als Soldaten – das war vor der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Alltag im deutschen Militär. Zwölf Jahre später jedoch, nach und angesichts der Shoah, war es für viele Juden undenkbar, in einer deutschen Armee zu dienen. Wer hätte bei der Gründung der Bundeswehr auch nur daran zu denken gewagt, dass es fünfzig Jahre später wieder jüdische Soldaten in deutschen Streitkräften geben würde? Und dennoch leisten in der Bundeswehr von heute einige Zeit- und Berufssoldaten jüdischen Glaubens ihren Dienst und gründeten im Jahre 2006 einen Verband, den Bund jüdischer Soldaten. Auch im österreichischen Bundesheer dienten und dienen wieder jüdische Berufssoldaten und bis zur Aussetzung der Wehrpflicht auch Wehrpflichtige.

Es sind nun mehr als 160 Jahre vergangen, seit auch in der Schweiz Juden ihren Militärdienst leisten. Schweizer Juden konnten jederzeit in die Armee eintreten und dort eine Laufbahn als Unteroffiziere und Offiziere einschlagen und in dieser Laufbahn auch ungehindert bis in höchste Ränge aufsteigen, ohne daran wegen antisemitischer Vorbehalte von Vorgesetzten gehindert zu werden wie im Deutschen Kaiserreich. Dies war und ist ein Verdienst der von Beginn an demokratischen staatlichen Strukturen und Institutionen der Eidgenössischen Republik, die allen Bürgern die gleichen Rechte und Chancen garantierte. Heutzutage ist dieses Recht auf und diese Pflicht zum Militärdienst in der modernen Schweiz zur Selbstverständlichkeit geworden. Jüdische Männer leisten Militärdienst und machen Karriere in der Schweizer Armee, ohne dass dies wie noch vor Jahren in den deutschsprachigen Nachbarländern Deutschland und Österreich irgendwelches Aufsehen erregen würde.

In den nun folgenden Ausführungen wird – abgesehen von wenigen Ausnahmen – von Personen die Rede sein, die sich aufgrund ihrer getroffenen Bekenntnis- und Gemeindeentscheidung als Juden fühlten. In der Zeit von den Freiheitskriegen bis Ende des Ersten Weltkrieges war diese persönliche Orientierung oftmals nur an einer klaren Entscheidung gegen die Taufe erkennbar. Getaufte Juden wurden im 18. und 19. Jahrhundert von der Gesellschaft weitgehend akzeptiert, der Zugang zum Staatsdienst und die Aufnahme in das Offizierskorps waren für diesen Personenkreis ohne Einschränkungen möglich. Dies änderte sich erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als der rassische Antisemitismus an Bedeutung gewann und der bis zu diesem Zeitpunkt religiös motivierte Antijudaismus im Gegenzug an Einfluss verlor.

So gibt es auch kaum Indizien dafür, dass getaufte Juden im Militär schlechter behandelt wurden, nur weil sie jüdische Vorfahren hatten. Auf der anderen Seite lässt sich die jüdische Abstammung eines Soldaten in den Personalakten nur dann feststellen, wenn er nach Eintritt in das Militär getauft wurde. Findet sich in den Personalakten kein Vermerk »israelitisch« oder »mosaisch«, haben wir keinen Beweis für die jüdische Abstammung des betreffenden Soldaten. So müssen sich sämtliche Ausführungen auf die Personen beschränken, die sich selbst zum Judentum bekannten. Die wenigen Ausnahmen betreffen Personen, die entweder aufgrund ihrer außergewöhnlichen Karriere Erwähnung finden oder als Beispiel dafür dienen, dass getaufte Juden nahezu uneingeschränkt in ihrer militärischen Laufbahn avancieren und bis in die höchsten Gesellschaftsschichten aufsteigen konnten.

Teil I: Von der Epoche der Emanzipation bis zum Ersten Weltkrieg

1. Geschichte jüdischer Soldaten in deutschen Armeen

»Ich bin als Deutscher ins Feld gezogen, um mein bedrängtes Vaterland zu schützen. Aber auch als Jude, um die volle Gleichberechtigung meiner Glaubensbrüder zu erstreiten.«1 Nachdem der Fliegerleutnant Josef Zürndorfer 1915 mit seinem Flugzeug abgestürzt war, entdeckten seine Angehörigen diesen Eintrag in seinem Testament. Wie Zürndorfer sahen viele junge Deutsche jüdischen Glaubens zu Beginn des Ersten Weltkriegs ihre Chance, durch militärisches Engagement gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten. Der Historiker Golo Mann wies später darauf hin, dass es »nichts deutscheres« gegeben habe als die jüdischen Kriegsfreiwilligen des Ersten Weltkrieges.2 Der fortwährende Kampf der deutschen Juden um Gleichberechtigung und Anerkennung in Staat und Gesellschaft hatte jedoch bereits etwas mehr als 100 Jahre zuvor mit einem Aufruf des preußischen Königs begonnen.

Dem Aufruf Friedrich Wilhelm III. vom März 18133 folgten zahlreiche jüdische Freiwillige. »Wer von euch edlen, großherzigen Jünglingen denkt und fühlt in diesem Augenblick nicht ebenso wie David? Wer hört ihn nicht mit Freuden, diesen ehrenvollen Ruf, für das Vaterland zu fechten und zu siegen, wem schlägt das Herz nicht hoch empor bei dem Gedanken, das Feld der Ehre zu betreten?«4 So riefen die jüdischen Gemeinden ihre Mitglieder auf, zu den Fahnen zu eilen. Die Begeisterung, die aus diesen Worten spricht, hatte die jungen jüdischen Männer ergriffen. Hatten sie nicht gerade erst die bürgerliche Gleichstellung erhalten? War es damit nicht selbstverständlich, auch Waffendienst zu leisten?

Eines wird an dieser Stelle deutlich: Mit Preußen ist die Geschichte der deutschen Juden untrennbar verbunden, in allen Höhen und Tiefen. Die auf die Niederlage des preußischen Heeres bei Jena und Auerstedt im Jahre 1806 folgende Heeresreform, die stets nur im Kontext mit einer Gesamtreform des preußischen Staates zu sehen war, hatte gerade durch die Wechselwirkung der staatlichen und militärischen Reformen sowie der dadurch in Gang gesetzten Dynamik eine wesentliche Wirkung auf die Umsetzung der bürgerlichen Gleichstellung der Juden in Preußen. Die Heeresreform war dabei nur ein Teil, eingebettet in ein »Reformgebäude«, wobei die Staatsreformen nicht als Mittel zur Durchführung der militärischen Reformen, sondern als tragender Bestandteil des gesamten Reformwerkes zu sehen waren. Den Maßnahmen zur Modernisierung der Armee folgten Verwaltungsreformen und verfassungspolitische Reformen, Agrar-, Gewerbe- und Finanzreformen sowie weitreichende Bildungs- und Gesellschaftsreformen. Auch die von Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg durchgesetzte bürgerliche Gleichstellung der preußischen Juden war Teil dieser Gesellschaftsreformen. Das königliche Edikt vom 11. März 18125 »betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden im Preußischen Staat« näherte die rechtliche Stellung der jüdischen Untertanen jener der übrigen Bürger an. Die nur wenig später folgende Einbeziehung in den Militärdienst schien die bürgerliche Gleichstellung zu vollenden und zu sichern. Aus diesem Grund sollte der im engen Zusammenhang zwischen Gesellschafts- und Heeresreformen deutlich sichtbare integrative Charakter des Militärdienstes in dem nun folgenden fast hundertjährigen Kampf der deutschen Juden um bürgerliche Gleichstellung und gesellschaftliche Anerkennung eine Schlüsselrolle spielen.6

Infolge des Ediktes von 1812 entwickelte sich in Preußen, insbesondere in der Hauptstadt Berlin, ein selbstbewusstes jüdisches Großbürgertum, prosperierten Wissenschaften und Künste, getragen von jüdischen Intellektuellen. Daran erinnern die Familiennamen Mendelssohn, Herz, Meyerbeer, von Bleichröder, Wertheim, Rathenau, Ullstein, Mosse, um nur einige zu nennen. Von Berlin ging auch die Zerstörung des jüdischen Lebens in Deutschland aus, hier wurde die Auslöschung der jüdischen Geschichte, Kultur und Präsenz geplant, von hier wurde sie gesteuert. Wer den jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee durchwandert, wird irgendwann vor einem gewaltigen Kriegerdenkmal stehen, vor dem vom Gemeindebaumeister Alexander Beer entworfenen Ehrenmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten der jüdischen Gemeinde Berlin; daneben ein großes Ehrenfeld mit Gräbern der Gefallenen in Reihen, dort liegen sie zusammen: der Landsturmmann und der Leutnant, der Stabsarzt und der Unteroffizier, der Fliegeroffizier und der Kanonier.

Es waren jedoch nicht nur die jüdischen Bürger aus den großen Städten, die bei Kriegsbeginn zu den Fahnen eilten, nicht nur die Studenten und Intellektuellen, die Söhne der Großbürger und Rabbiner aus den großen Gemeinden; es waren ebenso die Handwerker, Kaufleute und Viehhändler aus kleinen Städten und Marktgemeinden. Dort gab es vor der Zeit der Shoah7 ein lebendiges Landjudentum, in jedem zweiten Ort eine jüdische Gemeinde. Auf vielen jüdischen Friedhöfen finden sich Ehrenmäler, in den Synagogen Gedenktafeln für die jüdischen Gefallenen. Auf dem jüdischen Friedhof im fränkischen Bad Kissingen liegt das Grab des preußischen Leutnants Jakob Michaelis,8 gefallen im Krieg von 1866, dort ruht er zusammen mit einem preußischen Kameraden neben einem bayerischen Soldaten. Im württembergischen Rexingen findet man neben dem Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges das Ehrengrab des bereits erwähnten Fliegerleutnants Josef Zürndorfer. Diese Beispiele sind Zeugnisse für die fortwährende Präsenz jüdischer Soldaten in deutschen Armeen, ihren treuen Dienst für das deutsche Vaterland.

Deutschland, mein Vaterland!? – Auch der »nicht vorbelastete« Leser wird spätestens hier verstehen, worum es in diesen Ausführungen geht, welchen Stellenwert der Militärdienst in der Emanzipationsgeschichte des deutschen Judentums einnahm. Ausrufezeichen und Fragezeichen stehen für Sehnsucht, Wunsch und Willen auf der einen, für Zweifel und Zerrissenheit durch die immer wieder erlittenen Demütigungen und Zurückweisungen auf der anderen Seite. Die Geschichte jüdischer Soldaten reflektiert auch sehr deutlich – gerade in der Zeit nach der Gründung des Kaiserreiches – die Spannung zwischen dem unter deutschen Juden nach wie vor ungebrochenen Integrationswillen einerseits und dem immer stärker werdenden Antisemitismus in der vom preußischen Militarismus geprägten Gesellschaft ab dem späten 19. Jahrhundert andererseits.9 An dieser Stelle sollte man jedoch auch einen Blick auf die Situation und rechtliche Stellung der Juden in Deutschland und Europa in der Zeit vor der Französischen Revolution werfen.

Noch im 18. Jahrhundert wurden Juden in den Ländern Europas als Bürger zweiter Klasse betrachtet. Neben der traditionellen Elite von Gemeindevorstehern und weltlichen Gelehrten gab es einige wenige Hofjuden und Hoffaktoren, die im Dienste eines Fürsten standen. Abgesehen von dieser kleinen privilegierten Schicht war der größere Teil der jüdischen Bevölkerung eine Klasse minderen Rechts am Rande der Gesellschaft. Die im frühen Mittelalter verliehenen Privilegien, die zumindest einen Teil der jüdischen Bevölkerung in der Rechtsstellung mit der christlichen Bevölkerung gleichsetzten, wurden nach der mit den Kreuzzügen einsetzenden Verfolgung durch die Kirche und den Beschlüssen des 4. Laterankonzils von 1215 nach und nach entzogen und durch demütigende Bestimmungen ersetzt. So verloren Juden auch das Recht, Waffen zu tragen, und gehörten damit spätestens seit Mitte des 13. Jahrhunderts zu den schutzbedürftigen, waffenlosen Gruppen, die unter den Schutz des Kaisers bzw. Landesherrn gestellt wurden. Sie wurden zu Kammerknechten (servi camerae)10 des Kaisers, die das Judenregal als persönlichen Besitz betrachteten: »Sie (die Juden) galten als Vermögensobjekt des Kaisers, der nicht selten das einträgliche Schutzrecht über sie verkaufte oder als Ausdruck seiner Gnade verschenkte.«11 Jedoch unterstützten Juden in Kriegs- und Notzeiten Maßnahmen zur Landesverteidigung und waren am Ausbau und der Unterhaltung von Stadtbefestigungen beteiligt. In der Regel wurden sie für Hilfsdienste herangezogen; nur in seltenen Fällen fanden sie Verwendung als Kämpfer.

Die Emanzipation und ihre Auswirkungen auf den Militärdienst der Juden

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde in Deutschland und anderen europäischen Ländern der Ruf nach einer Verbesserung der Situation der jüdischen Bevölkerung laut. Einer der ersten Schritte in Richtung auf eine Verbesserung der rechtlichen Stellung der Juden waren die von Kaiser Joseph II. 1781/82 erlassenen Toleranzpatente, die zumindest einige Beschränkungen für wohlhabende Juden milderten.12 Insgesamt handelte es sich um acht Toleranzpatente, die zwischen 1781 und 1789 erlassen wurden.13 Die Gewährung gewisser bürgerlicher Rechte musste letztendlich zur Wahrnehmung staatsbürgerlicher Pflichten wie dem Wehrdienst führen. So wurde in den Jahren 1788/89 in Österreich die Militärpflicht für Juden eingeführt.14

In Deutschland forderten, getragen vom Geist der Aufklärung, einflussreiche Gelehrte und Politiker wie Gotthold Ephraim Lessing, Karl August von Hardenberg15, Christian Wilhelm von Dohm16 und Wilhelm von Humboldt die Emanzipation der Juden. Der preußische Staatsrat Christian Wilhelm von Dohm veröffentlichte in den Jahren 1781–83 die für den Geist der Aufklärung aufschlussreiche Schrift »Über die bürgerliche Verbesserung der Juden«17. Die judenfeindliche Politik sei »ein Überbleibsel der Barbarei der verflossenen Jahrhunderte, eine Wirkung des fanatischen Religionshasses, die, der Aufklärung unserer Zeit unwürdig, durch dieselbe längst hätte getilgt werden sollen.«18 Doch schon der Titel machte deutlich, dass sich mit dem Wort »Verbesserung« eine gewisse Zweideutigkeit verband. Einerseits war damit natürlich eine Verbesserung der Lebensbedingungen des größeren Teils der jüdischen Bevölkerung durch die Aufhebung antijüdischer Gesetze gemeint, andererseits sollten die Juden an sich verbessert werden. Diese schon in Dohms Schrift erkennbare Richtung setzte sich fort in der folgenschweren Erklärung des Grafen Stanislas de Clermont-Tonnerre19 vor der französischen Nationalversammlung im September 1791: »Il faut tout refuser aux juifs comme nation, il faut tout leur accorder comme individus.«20 – Nicht die Emanzipation der jüdischen Nation wurde gefordert, nur der Jude als Individuum galt als emanzipationswürdig und emanzipationsfähig und besonders dann, wenn er sich von seiner Tradition löste. So ist es nicht verwunderlich, wenn Heinrich Heine die Taufe als »Entréebillet in die europäische Kultur«21 bezeichnete. Besonders betroffen von dieser Entwicklung waren in der Folgezeit diejenigen Juden, die eine Anstellung im Staatsdienst bzw. eine Karriere im Militär anstrebten.

Die Forderung nach Emanzipation kam jedoch nicht nur aus dem Kreis aufgeklärter Geister, sondern auch aus den Reihen privilegierter Juden. Der Hofbaurat Isaak Daniel Itzig, sein Schwager David Friedländer, der Bankier und Reformer Israel Jacobson, die Ephraims, Fraenkels und Hirschs setzten sich für die Gleichberechtigung der Juden im Staat ein und waren Wegbereiter für die Emanzipation ihrer Glaubensbrüder.22 Der berühmte Philosoph Moses Mendelssohn gab die Anregung zu Dohms Schrift »Über die bürgerliche Verbesserung der Juden«. Die jüdisch-deutsche Aufklärung und der Wunsch nach Emanzipation gaben den Anstoß für ein neues jüdisches Selbstverständnis. Viele Juden waren nun nicht mehr beseelt vom Wunsch nach Rückkehr in das Heilige Land, sondern fühlten sich als Bürger eines Staates, von dem sie ihre bürgerlichen Rechte einforderten, aber gleichzeitig auch bereit waren, den damit verbundenen Pflichten nachzukommen.

Die Toleranzpatente Josephs II. und die Beschlüsse der französischen Nationalversammlung vom September 1791 waren zwar ein Durchbruch auf dem Weg zur Gleichberechtigung, doch erst der Vormarsch der Truppen Napoleon Bonapartes in Europa brachte den Juden in den von Napoleon besetzten deutschen Staaten die bürgerliche Gleichstellung. Napoleon hatte schon bei der Eroberung Norditaliens 1796 sämtliche Ghettomauern niederreißen lassen und sein Bruder Jérôme Bonaparte setzte als König von Westphalen die bürgerliche Gleichstellung der dort lebenden jüdischen Bevölkerung mit Nachdruck durch. Napoleon I. befürwortete wie Graf Clermont-Tonnerre eine vollständige Eingliederung der Juden in den französischen Staat bei gleichzeitiger Aufgabe sowohl der religiösen Tradition als auch des Bewusstseins, zur jüdischen Nation zu gehören. Am 30. Mai 1806 berief der Kaiser nach dem Vorbild des Sanhedrin23 in hellenistischrömischer Zeit eine Versammlung jüdischer Notablen ein. Napoleon wollte mit diesem Schachzug die Sympathien der Juden Europas für sich gewinnen. Der Sanhedrin erklärte in seiner zweiten Sitzung am 9. Februar 1807 nach langem Zögern seine Bereitschaft, die staatsbürgerlichen Pflichten den Religionsgesetzen voranzustellen. Diese Zustimmung erfolgte in der Hoffnung, damit endgültig die Verwirklichung der bürgerlichen Rechte zu erreichen.24

Jérôme Bonaparte ließ für das Königreich Westphalen eine Verfassung ausarbeiten, in der die vollständige Gleichberechtigung der Juden verankert war. Der ehemalige preußische Staatsrat Dohm, der nun in westfälische Dienste getreten war, hatte einen großen Anteil an der Erarbeitung dieser Verfassung. Jérôme war ein Befürworter der Gleichheit der Konfessionen und forderte die Juden seines Königreiches dazu auf, öffentliche Ämter zu bekleiden. Damit war der freie Zugang zum Staatsdienst und auch zum Militärdienst gesichert.

Einführung der Militärdienstpflicht und Teilnahme an den Freiheitskriegen

Die ersten deutschen Juden, die zum Militärdienst eingezogen wurden, kamen aus den zu Frankreich geschlagenen linksrheinischen Departements, den drei Hansestädten, dem Großherzogtum Berg, dem Königreich Westphalen und dem Großherzogtum Frankfurt als neu gegründete Staaten.25 Die Gleichberechtigung der Juden in Frankreich hatte einen nicht unbeträchtlichen Einfluss auf die Neuregelung der Rechtslage der in den Rheinbundstaaten Baden und Bayern ansässigen Juden, schon allein wegen der Veränderung des territorialen Besitzstandes beider Staaten. In Baden wurde im Jahre 1809 das Staatsbürgerrecht nur auf jene Juden ausgedehnt, die nicht Hausier-, Trödel- oder Leihhandel trieben. Das bayerische Judengesetz von 1813 verlängerte das Prinzip des Schutzjudentums durch Zuteilung einer Matrikelnummer. Diese Matrikelnummer und das damit verbundene Niederlassungsrecht konnte nur auf den ältesten Sohn vererbt werden. Die Militärdienstpflicht der bayerischen Juden26 wurde in einer am 30. April 1804 ergangenen Verordnung festgelegt, die ihnen in Rücksicht auf ihre Religion das Recht einräumte, durch Zahlung eines Kopfgeldes von 180 Gulden an die Militärkasse einen Ersatzmann zu stellen.27 Diese Regelung wurde im § 3 des Kantonreglements vom 7. Januar 180528 erneut bestätigt und stieß bei den bayerischen Juden, die vehement für die persönliche Leistung des Militärdienstes eintraten, auf große Ablehnung. Im Konskriptionsgesetz vom 29. März 181229 war zwar die Möglichkeit der Befreiung jüdischer Wehrpflichtiger gegen Zahlung einer Geldsumme entfallen, es gab jedoch die Option der Stellvertretung durch Zahlung sowohl einer Einstandsgebühr an die Konskriptionskasse als auch einer Einstandssumme. Auf diese Weise konnten sich die Wehrpflichtigen durch einen bereits Gedienten vertreten lassen. So kamen die eingezogenen Militärpflichtigen in der Regel aus den unteren Bevölkerungsschichten, die eine Einstandssumme nicht aufbringen konnten. Im Königreich Preußen wurde die Gleichberechtigung durch Staatskanzler Fürst Hardenberg durchgesetzt. Die im königlichen Edikt vom 11. März 181230 festgelegte bürgerliche Gleichstellung war jedoch mit Einschränkungen versehen und sollte nicht von Dauer sein. Im Paragraphen 9 des Ediktes behielt sich König Friedrich Wilhelm III. vor, die Zulassung von Juden zum Staatsdienst »in der Folge der Zeit gesetzlich zu bestimmen«. Diese Einschränkung sollte nach 1815 für die in den Freiheitskriegen kämpfenden jüdischen Soldaten schwerwiegende Folgen haben.

Schon in der Zeit vor den Freiheitskriegen waren eindrucksvolle Beweise für militärische Leistungen jüdischer Soldaten allgemein bekannt. Eine der bekanntesten Geschichten war die des Berek Joselewicz31, der während der polnischen Revolution von 1794 unter Tadeusz Kościuszko eine polnische Kavallerietruppe aus Freiwilligen um sich sammelte, später dann in der polnischen Legion auf Seiten Napoleons kämpfte und in der französischen Armee eine Eskadron kommandierte. Nach Errichtung des Großherzogtums Warschau durch Napoleon kehrte er in die Heimat zurück, wurde Chef einer Ulaneneskadron und fiel 1809 im Kampf gegen österreichische Truppen. Die Heldentaten des Berek Joselewicz beeindruckten den preußischen Minister Leopold von Schrötter32, der eher ein Gegner der Juden war, so sehr, dass er im Jahre 1808 seinem König einen Entwurf bezüglich der Militärdienstfähigkeit der Juden vorlegte, der folgende Kommentare beinhaltete: »Der Jude hat orientalisch-feuriges Blut und eine lebhafte Imagination. Alles Anzeichen einer männlichen Kraft, wenn sie benutzt und in Tätigkeit gesetzt wird. Er ist in der älteren und auch in der mittleren Zeit sehr tapfer gewesen, und man hat selbst in ganz neuerer Zeit, sowohl im amerikanischen als auch französischen Revolutionskriege, auffallende Beispiele von Juden gehabt, welche sich ausgezeichnet haben.«33 Leopold von Schrötters Anmerkungen sind ein Zeichen dafür, dass die militärischen Fähigkeiten der Juden durch ihre Teilnahme an den Napoleonischen Kriege bekannt und in schriftlichen Vorgängen auf höchster Ebene attestiert wurden.

Die Begeisterung, mit der die Juden Preußens seit 1813 an den Feldzügen der Freiheitskriege teilnahmen, zeigt die hohe Zahl Freiwilliger, die durchweg positive Beurteilung der Vorgesetzten, die Zahl der Beförderungen sowie die Anzahl der erworbenen Auszeichnungen. Die Aufrufe vom Februar 1813, in denen der König allen Freiwilligen die Aussicht auf eine spätere Staatsanstellung einräumte, schienen die Ungerechtigkeiten des Ediktes annähernd auszugleichen. Zeitgleich wurde die Regelung, dass Juden für die Dauer des Krieges von der Kantonpflichtigkeit auszunehmen sind, aufgehoben und der Innenminister ordnete an, dass jüdische Freiwillige in die Armee aufzunehmen seien. Das preußische Wehrgesetz vom 3. September 1814 verpflichtete den männlichen Teil der Bevölkerung ab dem 20. Lebensjahr zum Militärdienst. Diese Militärpflicht galt auch für die jüdische Bevölkerung Preußens. So legte bereits der § 16 des Emanzipationsediktes fest: »Der Militair-Konscription oder Kantonspflichtigkeit und den damit in Verbindung stehenden besonderen gesetzlichen Vorschriften sind die inländischen Juden gleichfalls unterworfen. Die Art und Weise der Anwendung dieser Verpflichtung auf sie wird durch die Verordnung wegen der Militair-Konscription näher bestimmt werden.« Als Folge des Wehrgesetzes dienten seit dem Jahre 1814 neben jüdischen Freiwilligen auch regulär zum Wehrdienst eingezogene jüdische Soldaten in der preußischen Armee.34

Absolut zuverlässige Angaben über die Anzahl jüdischer Kriegsteilnehmer in den Jahren 1813–15 existieren nicht. Daher unterscheiden sich zeitgenössische und spätere jüdische Berechnungen von der Erhebung des Kriegsministeriums aus dem Jahre 1843.35 Eine Schrift des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus in Berlin »Die Juden im Heere« berichtet Folgendes über die Teilnahme jüdischer Soldaten an den Freiheitskriegen:

»Erst durch das Edikt vom 11. März 1812, das die Juden zu Staatsbürgern erhob, wurden sie auch militärpflichtig. Die Juden hatten also, als sie anfingen, preußische Soldaten zu werden, keine militärische Tradition und die Uebung fehlte ganz, und trotzdem bestanden sie in dem unmittelbar darauf folgenden Befreiungskrieg die Feuerprobe als Bürger und Patrioten und rechtfertigten das Vertrauen, das der Staat in sie setzte. Die Dankbarkeit ist die Mutter der Begeisterung, und die Juden waren stets im Laufe der Geschichte dankbar für jeden noch so geringen Fortschritt, den man ihnen gewährte. Nach den Feststellungen des preuß. Kriegsministeriums (Militärwochenblatt vom 4. Nov. 1843) traten in den Jahren 1813–1815 als Freiwillige 561 Juden ein – etwa 5 ½ Prozent der im wehrfähigen Alter sich damals in Preußen befindlichen Juden. Dazu kamen 170 Juden, welche ausgehoben wurden, so daß zusammen 731 Juden den Krieg mitmachten. Wie immer in einer Zeit großer Begeisterung, vergaß man, für eine kurze Weile wenigstens, alle Vorurteile, und der König sicherte allen Freiwilligen einen Anspruch auf Anstellung im Dienste des Staates zu.«36

Martin Philippson, der sich bei seinen Nachforschungen im Jahre 1906 auf amtliche Listen und Gemeindeunterlagen stützte, ging von einer Zahl von mindestens 406 Freiwilligen aus. Bei einer Gesamtzahl von 31 000 im damaligen Preußen lebenden Juden kam Philippson auf einen Anteil von 1,31 %. Nimmt man diese mit Sicherheit zuverlässige Angabe als Grundlage und folgt den Ausführungen von Philippson lässt sich bei vorsichtiger Schätzung eine Anzahl von wahrscheinlich mehr als 500 Freiwilligen annehmen, die damit den Angaben des preußischen Kriegsministeriums aus dem Jahre 1843 recht nahe kommt. Die weiteren bereits erwähnten 170 Kriegsteilnehmer waren regulär konskribierte Soldaten, also Soldaten, die aufgrund ihrer Militärpflicht zur Armee einberufen wurden.37 Wenn wir darüber hinaus die Anzahl der Kriegsfreiwilligen ins Verhältnis setzen zu der Gesamtzahl von 73138, zeigt dieser Vergleich eindeutig, welchen Einsatz preußische Juden für ihr Vaterland erbrachten. Allein in der Schlacht von Belle-Alliance fielen 55 jüdische Artilleristen.39 Insgesamt wurden 23 jüdische Soldaten zum Offizier ernannt. An 82 Juden wurde das Eiserne Kreuz verliehen, vier erhielten den russischen St.-Georgs-Orden, vier weitere das Militärehrenzeichen. Einer der ersten Soldaten, denen das Eiserne Kreuz verliehen wurde, war der jüdische Kriegsfreiwillige Günzburg.40 Ein Jude erhielt in den Kriegen gegen Napoleon den höchsten Orden »Pour le Mérite«, der Berliner Fuhrunternehmer und Vater des öffentlichen Personennahverkehrs Simon Kremser. Im Jahre 1806, als Preußen die schwersten Niederlagen hinnehmen musste, stand der jüdische Fuhrmann Kremser als »Königlich preußischer Kriegscommissarius« in den Diensten Blüchers. Von diesem mit dem Transport der Kriegskasse betraut, rettete sie Kremser auf dem Rückzug vor dem Zugriff des Feindes. Als 1813 die »nationale Erhebung« gegen die napoleonische Fremdherrschaft begann, war Simon Kremser in Blüchers Schlesischer Armee. Als Blücher in Paris einmarschierte, fand er dort die noch unausgepackte Quadriga des Brandenburger Tores, die Napoleon als »Souvenir« aus Berlin entführen ließ, eine der größten Demütigungen für die Berliner. Den Rücktransport der Quadriga, die seitdem von den Berlinern liebevoll »Retourkutsche« genannt wurde, soll Simon Kremser geleitet haben. Der König dankte Kremser mit der Verleihung von Eisernem Kreuz und Pour le Mérite sowie dem Monopol für den Berliner Fuhrverkehr. Seinen Namen haben die Berliner in dem überdachten und an den Seiten offenen Pferdewagen verewigt, der seit 175 Jahren zum Straßenbild Berlins gehört.41

Die Memoiren des Freiwilligen Jägers Löser Cohen (1793–1873) sind die einzigen erhaltenen Erinnerungen eines jüdischen Kriegsteilnehmers aus der Zeit der Freiheitskriege.42 Das Manuskript dieser Memoiren wurde 1913 vom Oberbibliothekar der Jüdischen Gemeinde Berlin, Moritz Stern, im Zuge seiner Nachforschungen über die Beteiligung jüdischer Soldaten an den Freiheitskriegen entdeckt. Moritz Stern konnte die Memoiren noch in der Zeit der Naziherrschaft zum Abdruck vorbereiten, verstarb aber schon 1939. Erik Lindner führte diese Arbeit zu Ende und gab 1993 die Memoiren heraus. Es handelt sich dabei um eine Abschrift aus dem Nachlass von Moritz Stern, eingeleitet und kommentiert von Erich Lindner.43 Der nachfolgende Auszug stammt aus dieser Veröffentlichung.

Aus den Memoiren des Freiwilligen Jägers Löser Cohen:

»Am 17ten defilierte die ganze Brigade vor dem Herzoge44 in Doberan. Wir wurden von demselben auf dem Jungfernberge bewirtet und brachen dann nach Rostock auf. Der dortige Empfang war der glänzendste. Die Lorbeerkränze der Damen wurden wieder ganz besonders uns Jägern gespendet. Ich hatte für meine Person 17 Kränze, so daß ich sie nicht mehr zu lassen wußte. Meine Arme voll, auf dem Federbusch hatte ich wenigstens sechs Kränze, auf dem Oberteil meines Hirschfängers fünf. Meine Büchse hatte ich damit bekränzt. Es kam daher, daß ich soviele Kränze hatte: Ich war Flügelmann in der Sektion und war daher so glücklich, von Damenhänden bekränzt zu werden. Da waren wundervolle Ehrenpforten, von Holz gebaut und mit Malereien und Verzierungen dekoriert. Dies zu sehen, war ein wirklicher Genuß. Mein seliger Bruder lag volle acht Tage in Rostock. Es hieß nämlich in Güstrow, daß wir schon acht Tage früher in Rostock eintreffen würden. Nun kann man sich die Freude denken, als wir uns sahen, wir ließen uns gar nicht wieder los. Dies war ein Genuß für mich, welchen ich niemals vergessen werde. Nun denke man sich erst die Freude meiner Eltern und Geschwister! Diese bin ich unfähig zu beschreiben. Die Stadt Rostock hatte vor dem Steintore im Rosengarten Tische für 3000 Mann, sage dreitausend Mann herrichten lassen nebst Bänken und Stühlen. Jeder Mann hatte zwei Flaschen Wein vor sich, Kälberbraten, Butter und Brod und holländischen Käse. Das hat wahrlich viel Geld gekostet.

Ich habe noch von Wismar hier nachzuholen. Ehe wir in Wismar einmarschierten, standen wir alle in Reihe und Glied. Ich wurde die Arrestanten zu bewachen kommandiert. Das Regiment stand beinahe eine Stunde in dieser Stellung, ich an der Spitze mit meinen Arrestanten. Die Kommandeurs ritten hin und her und musterten das Regiment. Ich war neugierig, wie es in Mecklenburg aussah, ich fragte sie danach, das hat mein Oberst in der Entfernung gesehen, kam an mich herangesprengt und schrie, daß es jeder hören konnte: ›Cohen, das muß Ihrer Ehre zu nahe sein, mit diesen Lumpenkerls zu sprechen!‹ Dies war eine große Ehrenbezeigung für mich und freute mich sehr. Da fing mein guter Wendt wieder an mitzusprechen, und sagte: ›Das war gut, Herr Oberst. Unser Cohen ist ein braver und tüchtiger Soldat, im Kriege war er stets, wo ich war.‹ Diese Äußerung machte mir ebenso viele Freude, als die erste. Ich wurde vor dem Einmarsch wieder abgelöst und wurden die zur Wache kommandierten hervorgerufen. Jetzt wurde einmarschiert. Besonders freute mich, daß der Major dieses Alles mit angehört hatte. Er mag sich innerlich geärgert haben, ich gönnte es ihm.