Umschlag

Kathrin Heinrichs / Theo Pointner (Hg.)

Tausend Berge,
tausend Abgründe

Kriminalstorys

SUNDERN

Letzte Ausfahrt Ochsenkopf

Sandra Lüpkes

Zio Antonio ist ein lässiger Onkel, echt jetzt, aber auch ein strenger, wenn es darum geht, seine Kunden zufriedenzustellen. »Nino – hier kannste gleich noch mal mit dem Sauger über das Leder, so geht das nicht, mit den Krümeln da in der Ritze!«

Hey, normalerweise lasse ich mich nicht so rumkommandieren, aber Zio Antonio darf das, weil er in meinen Augen so was wie ein Held und außerdem mein Chef ist. So richtig verwandt sind wir gar nicht, aber er hat meine Eltern angerufen, in unserem Dorf Calopezzati, wo irgendwie alle dasselbe Blut haben, und hat nach mir gefragt. Ob ich nach Deutschland kommen wolle, nach Sundern, und bei ihm im Betrieb arbeiten wolle. Ich natürlich so: Klar will ich das! Vier Jahre ist das her.

Heute hat er ’nen feuerroten Ferrari in der Werkstatt stehen, ein 599 GTO mit den neuen 20-Zoll-Schmiedefelgen, voll der Hammer! Und Dank Zio Antonio hat der jetzt noch mehr Power unter der Haube und einen Sound wie eine Horde hungriger Wölfe.

Gehört so ’nem Fußballstar, erste Liga, superberühmt. Mit der Eins aufm Rücken, also Torwart, neulich erst ’ne Glanzparade in der Champions League im Endspiel gegen AC Mailand: Elfmeterschießen, alle gehalten. Hat natürlich auch italienische Wurzeln. Wie alle Helden. Der kann sich so ’ne Karre leisten und die Spezialbehandlung bei Zio Antonio noch obendrauf. Soweit ich weiß, hat er noch einen Stall anderer Sportwagen in seiner Nobelvilla irgendwo in Bayern.

»Bis morgen picobello«, sagt der Chef und wirft mir die Schlüssel zu. Lustiger Anhänger: Eine Rote Karte – haha, witzig. Und wenn man an einer Ecke auf einen kleinen Knopf drückt, schnellt ein Messer hervor, so nach dem Motto: Hey, wenn die Rote Karte nicht reicht, dann aber aufgepasst!

Ich kann mein Glück kaum fassen. Autoputzen kann ein mieser Job sein, aber wenn du so ein Wahnsinnsteil bearbeiten darfst, dann ist das wie Liebe machen. Ich fange an mit dem Spezialtuch, Mikrofaser, da klingelt mein Handy.

»Nino, alles klar?« Es ist mein Kumpel Luca wegen heute Abend. »Die Jana steht auf dich«, erzählt er mir. »Sie hat gesagt, wenn du willst, kannst du sie abholen. Um elf. Sie will ins Zero. Hast du ’ne Karre?«

Ich lasse den Speziallappen sinken. Die Jana steht auf mich! Sie ist die Hammerbraut. Blond und ’nen Busen wie ’ne Göttin. Was ganz Besonderes. Ich fühl den Schlüssel in der Hosentasche, den mit der Roten Karte dran, und denke: Klar hab ich ’ne Karre! Aber hallo!

Hab ich schon gesagt, dass die Jana eine Hammerbraut ist? Hab ich! Sie reißt ihre superlangen Wimpern auseinander, als ich mit dem Ferrari vor ihrem Mietshaus stehe. Ich gucke ganz normal, jedenfalls so normal wie möglich, denn das ist nicht leicht. Ich bin schon lange in die Jana verknallt, da guckt man immer etwas komisch. Aber sie achtet sowieso nur auf die Karre und steigt ein.

»Ins Zero?«, frag ich lässig und sie nickt.

Wir haben ’ne geile Straße in Sundern, die L685. Kurven wie in Monte Carlo, da geht dir die Pumpe. Und glücklicherweise ist das auch die kürzeste Strecke nach Arnsberg, wo der Schuppen ist, in dem Jana tanzen will. Verdammt viele Kurven, und schon bei der ersten, wenn man von der Hüstener Straße hoch muss auf den Ochsenkopf, da schmiert es mir die Reifen weg, als hätte jemand Seife auf dem Asphalt verteilt.

»Über fünfhundert PS«, erkläre ich den Ausrutscher. »Zio Antonio ist der Meister auf dem Gebiet der Exhaust Systeme. Klappengesteuerte Abgasanlage und Fächerkrümmer, arbeitet nach dem 4-in-2-in-1-Prinzip, Edelstahl, besser geht’s nicht.« Ich geb Gas, damit sie nicht merkt, wie unsicher ich bin. Die Karre macht ein Wahnsinnsgeräusch. Jana versinkt fast im gepolsterten Leder. Dann kommt die erste Serpentine. Manche denken, im Sauerland gibt es so was nicht, aber wer mal mit dem Auto von Sundern nach Arnsberg über den Ochsenkopf gefahren ist, der weiß es besser.

»Und?«, frage ich die Jana, aber sie sagt nichts. Sprachlos. Mann, die hab ich so was von kassiert!

Die Strecke bin ich schon oft gefahren und ich weiß, wenn es wieder bergab geht, dann wird es eng und gefährlich. Besonders wenn es schon dunkel ist, so wie jetzt. Wenn dir da was vor die Karre läuft, dann … Scheiße! Da liegt was auf der Straße, mitten in der Kurve, irgendein Vieh. Jana schreit und ich weiß nicht, rechts oder links oder geradeaus drüber. Das Bremsen macht die Sache nicht besser. So ist das, fünfhundert Pferde lassen sich nicht einfach zügeln, wenn sie gerade losgaloppiert sind. Wenn mir jetzt noch einer entgegenkommt, dann … Ein Mofa taucht im Scheinwerferlicht auf, war ja klar! Quietschen und Scheppern und ein Motor, der so tut, als spiele er bei Rammstein mit. Und Jana schreit immer noch.

Aber ich hab es doch irgendwie geschafft. Bin ja ein Vollblutitaliener, also ein Held. Echt jetzt. Rechts ran, wo der Seitenstreifen mal ausnahmsweise ein bisschen breiter ist als ein Waschlappen.

Das war so was von krass. Ich atme durch. Öffne die Tür, trau mich fast nicht zu gucken, aber dann bin ich verdammt froh, denn es ist nichts passiert, zumindest nichts, was man im Halbdunkel sehen könnte. Karre heile. Jana heile. Ich auch. Mofafahrer weitergetuckert.

Jana will aber unbedingt, dass ich nach dem Ding auf der Straße gucke, weil sie Tiere liebt und es nicht ertragen würde, wenn man da vielleicht noch was wiederbeleben könnte und trotzdem weiterfährt.

»Wenn ich da in der Kurve stehe und das Tier wegbringe, und dann kommt einer und erwischt mich mit dem Kühlergrill, versprichst du mir, dass du mich auch wiederbelebst?«, lasse ich meinen Charme spielen.

Sie verspricht es mir.

»Mund zu Mund?«, kläre ich die Sache vollends ab.

Sie nickt.

Ich ziehe vorsichtshalber den Zündschlüssel raus, stecke ihn in die Tasche meiner Baggy Jeans und latsche los. Fährt ja zum Glück kaum ein Schwein hier lang um die Uhrzeit.

Das Ding auf der Straße ist mausetot. Ein kleines Wildschwein oder ein Dachs oder ein seltsamer Hund, so genau kann ich das im Mondlicht nicht erkennen. Ich ziehe es trotzdem von der Strecke, zumindest die untere Hälfte, damit kein Motorradfahrer ins Schleudern gerät. Das wird die Jana gut finden. Doch als ich den anderen Teil mit dem halben Kopf bergen will, rast ein Auto auf mich zu. Auch eine schicke Karre, aber nicht ganz so geil wie meine. Davon überfahren werden will ich trotzdem nicht und springe im letzten Moment zur Seite. Die Karre bleibt direkt hinter dem Ferrari stehen. Jana fummelt gerade an ihren langen rosa Fingernägeln herum, das sehe ich, weil sie das Licht im Wageninnern angeknipst hat. Toll, ich kratze ein totes Tier von der Straße und sie macht Maniküre …

Aus dem anderen Wagen – jetzt sehe ich es, ein Porsche immerhin – steigen zwei Männer aus. Sie gehen auf den Ferrari zu, der eine reißt die Beifahrertür auf und ich kann nicht so schnell gucken wie er die Jana gepackt und rausgezogen hat. Sie kann nicht schreien, weil der Typ seine Hand auf ihren Mund drückt.

Der andere Kerl ist wesentlich größer, hat die Arme verschränkt und spricht mich an. Ich verstehe erst nicht, was er eigentlich will und denke: Scheiße, den hat mir Zio Antonio auf den Hals gehetzt, weil er was von meiner kleinen Spritztour mitbekommen hat. Aber dann kapiere ich, dass er mich verwechselt. Er hält mich für den Fußballer. Klar! Beides italienische Helden und im Dunkeln nicht zu unterscheiden, dann das einmalige Auto … Ich will das Missverständnis gleich regeln, doch der Typ zischt: »Arschloch!«

Dann hat er mich auch schon gepackt, meine Sportjacke kneift im Rücken, als er mich am Kragen nach oben zieht. Kein Landsmann. Irgendwas vom östlichen Ufer des Mittelmeeres.

»Ich bin nicht …«

»Wir wissen, wie du diese Scheißkarre mit dem ganzen Technikdreck bezahlt hast!« Ich bin ihm jetzt ganz nah. Er hat einen Punkt unter dem Auge tätowiert. Das bedeutet, er war schon mal im Knast.

»Mit unserer Kohle, du Wichser!« Er spuckt beim Schreien. »Es war ganz anders ausgemacht, oder?«

Ein Auto fährt langsam vorbei, streift uns fast, aber wahrscheinlich konzentriert sich der Typ am Steuer auf die verdammten Kurven und kriegt nicht mit, dass ich gerade gelyncht werde. Oder eigentlich dieser Torwart, mit dem der Riese mich verwechselt.

»Wir haben ein Schweinegeld ausgegeben, damit es zum Elfmeterschießen kommt. Der Schiedsrichter hat seinen Job erledigt. Zwei falsche Abseits, eine Rote Karte für euren Stürmer – ganze Arbeit. Aber du? Was hast du gemacht?«

Ich weiß es. Ich hab das Spiel gesehen. Zusammen mit Luca. Da hab ich noch gesagt: Schau mal an, der Keeper lässt seinen Ferrari bei uns frisieren. Und der hält echt jeden Elfer! Fand ich voll gut, obwohl ich ja eigentlich für AC Mailand gewesen bin.

Jetzt sehe ich das anders. Den Jungs hier hätte es anscheinend besser gefallen, wenn die Italiener ein paar mehr ins Netz geschossen hätten. Jedenfalls fängt der Riese an, mir mit der freien Hand in den Magen zu boxen, während er brüllt: »5:3, verstanden? So war der Deal. Endstand 5:3, die Wettquote wäre gigantisch gewesen. Aber du …« Wieder ein Schlag ins Gedärme. Mir ist schlecht. Ich schaffe einen Blick über die Schulter gegenüber und sehe die Jana, gefesselt auf der Motorhaube, Paketkleber im Gesicht, starr vor Angst. Ich bin mir nicht mehr so sicher, ob das mit uns beiden heute Abend noch was wird.

Jetzt bekomme auch ich ein Klebeband um Handgelenke und Füße verpasst, dazu eins auf den Mund. »Wir müssen echt ein Zeichen setzen«, erklärt der Große, tut so, als wolle er sich für irgendwas rechtfertigen. »Deine Kollegen sollen wissen, was passiert, wenn man sich nicht an die Vereinbarung hält.« Dann hebt mich der Koloss vom Balkan wie ein kleines Baby auf die Motorhaube, während der andere die Jana und mich mit diesem verdammten braunen Paketkleber wie so zwei verpuppte Schmetterlingsraupen am Auto fixiert. Streifen für Streifen, die müssen den ganzen Kofferraum voller Klebefilm haben. Ich will gar nicht an den Lack denken, der kann das bestimmt nicht gut haben mit dem Zeug. Und überhaupt, was soll der Scheiß?

Die wollen doch nicht etwa … Doch, genau das haben sie vor. Handbremse lösen, kleiner Schubs bergab, die Straße geht hier zum Glück erst mal geradeaus. Doch fünfzig Meter weiter, wenn die Bergkuppe zu Ende ist, wartet ein Abhang, der zu tief ist, als dass ich mich je getraut hätte, während der Fahrt hinunterzuschauen. Und selbst wenn ich diesen Sturz überleben sollte, wäre die Freude von kurzer Dauer. Zio Antonio würde mir den Kopf abreißen wegen dem Ferrari, also habe ich keine Chance. Das Leben zeigt mir die Arschkarte. Komisch, dass ich daran denken muss, mir hat nämlich mal jemand erzählt, der Begriff Arschkarte käme aus dem Fußball, weil der Schiedsrichter die Rote Karte immer am Hintern gebunkert hat, um sie in der Hektik nicht mit der Gelben in der Brusttasche zu verwechseln. Deshalb: Wenn er sie herauszieht, hat man die Arschkarte und muss vom Platz. Da fällt mir prompt der Zündschlüssel ein mit dem coolen Anhänger vom Fußballer, die Rote Karte mit dem Messer. Die könnte ich jetzt echt gebrauchen. Und zum ersten Mal denke ich, dass meine Mutter recht hat, wenn sie über meine Arschhängehosen meckert. Bei meinen Baggy Jeans sitzen die Taschen irgendwo bei den Kniekehlen, und da komme ich verdammt schlecht an den Schlüsselbund ran.

Die beiden Fieslinge von der Wettmafia treten noch mal nach, der Wagen setzt sich in Bewegung, erst mal langsam, aber ich merke schon die Beschleunigung. Die Jana schaut zu mir herüber. So gut kenne ich sie ja leider noch nicht, als dass ich ihren Blick hundertpro deuten könnte. Wut, Verzweiflung oder ein Flehen, dass ich was unternehmen soll.

Würd ich ja! Ich drücke meinen Rücken krumm, winde mich wie ein Breakdancer, schiebe meine Hand immer weiter Richtung Hosentasche. Verdammt, sitzt die tief.

Inzwischen rollen wir auf festem Grund, was die Karre in Fahrt bringt.

»Ciao, Arschloch!«, brüllen die beiden miesen Typen, ich drehe mich zu ihnen um und sehe, wie sie in ihren Porsche steigen, der Motor heult auf, weg sind sie.

Da, endlich! Meine Fingerspitzen finden den Schlüsselbund, greifen danach, ziehen ihn hoch. Wir haben schon ein Viertel der Strecke bis ins Jenseits hinter uns und werden immer schneller. Den kleinen Knopf zu ertasten ist gar nicht so einfach, die Rote Karte fühlt sich glatt an, nur in der einen Ecke gibt es die winzige Erhöhung, ich drücke drauf und … zack! Das Messer ist da. Ich muss Gas geben, wir rollen auf den Abhang zu, verdammt noch mal. Zum Glück schneidet die Klinge sich zügig durch das Plastik und ich habe die Hände frei, wenige Sekunden später auch die Füße. Die Jana macht komische Geräusche hinter ihrem Paketkleber, ich weiß, sie will auch losgeschnitten werden, kann ich auch echt verstehen, weil wir schon haarscharf an der wenig stabil wirkenden Leitplanke sind, aber ich muss mich entscheiden: Nur die Jana retten – oder auch den Ferrari? Ich denke an Zio Antonio, reiße die letzten Kleber ab und springe von der Motorhaube. Bei aller Liebe – nur so werde ich das hier mit heiler Haut überstehen.

Um die Fahrertür zu öffnen, muss ich schneller als das Auto sein, doch wenn dir der sichere Tod an den Hacken klebt, bist du ein Sprinter vor dem Herrn. Ich packe den Griff, zieh die Tür auf, hechte auf den Sitz und danke der Muttergottes, dass ich sofort die Handbremse zu fassen kriege. Vom Autoputzen habe ich kräftige Oberarme bekommen, so ist es kein Problem, den Hebel mit einem Ruck hochzureißen.

Der plötzliche Stillstand lässt mich gegen das Lenkrad knallen, da bleibe ich liegen, atme schwer, schicke noch ein Stoßgebet gen Himmel, dass jetzt niemand mehr so dringend über den Ochsenkopf muss und uns in der Außenkurve mal eben mitnimmt.

Dann schnalle ich mich sogar an, was ich sonst nie tue, stecke den Schlüssel ins Schloss und fahre im Schneckentempo mit der völlig fertigen Jana auf der Scheibe bis zur nächsten Nothaltebucht. Halleluja, echt jetzt!

Als der Supertorwart in der nächsten Woche höchstpersönlich vorbeikommt, um seinen hochfrisierten Ferrari abzuholen, schlendere ich ganz zufällig durch die Werkstatt. Zio Antonio mag das überhaupt nicht, er sagt immer, Diskretion sei das Wichtigste in seinem Geschäft. Aber mal ehrlich, wer eine feuerrote Karre mit fast fünfhundert PS fährt und dabei einen Höllenlärm verursacht, der kann nicht wirklich Wert auf Diskretion legen, oder? Also schleiche ich mich mit dem Mikrofaserlappen in der Hand ums Auto herum. Von meiner kleinen Ausfahrt über den Ochsenkopf sieht man nichts mehr, hat kein Schwein gemerkt, und die Jana ist mir seitdem verfallen, die wird keinen Mucks verraten.

»Willste ’n Autogramm?«, fragt der Torwart.

»Nee«, sage ich und fahre mit dem Zeigefinger über die so vertrauten roten Kurven. Mann, hab ich geputzt noch in derselben Nacht. Eine Schweinearbeit, echt, ich hasse Paketkleber!

»Willste Trinkgeld?« Der Bundesligakeeper steigert sich immerhin.

»Nee.«

»Was willste denn?« Jetzt schaut er schon etwas unfreundlicher. »Maoam?«

»’n Sportwagen«, sag ich und blinzel ihn an.

»Den hier? Da muss ’ne alte Frau aber lange für stricken, mein Lieber.«

»Ein älteres Modell tut es auch. Ich hab ’ne neue Freundin, wissen Sie. Und die ist anspruchsvoll in Sachen fahrbarer Untersatz.«

Er klimpert mit dem Schlüsselanhänger rum. Man sieht ihm an, dass er auf heißen Kohlen sitzt und wegwill. Mit dreihundert Sachen Richtung Bayern zum Fußballtraining wahrscheinlich. »Und was hab ich damit zu tun?«

»5:3«, deute ich an, worum es geht. »Sagt Ihnen das was?«

Er schüttelt den Kopf und ist schon mit halber Pobacke im Wagen.

»So sollte das Spiel ausgehen. 5:3 für AC Mailand. Damit haben Sie die Karre hier bezahlt.«

Jetzt schiebt er sich wieder raus und hängt irgendwie schief neben dem Auto. »Woher weißt du …?«

»Ist doch egal, woher. Weiß ich eben.« Ich zucke mit den Schultern, damit er denkt, ich bin so ein ganz Abgebrühter, aber in echt – na ja – so Serpentinengefühl eben.

»Wie wäre es mit dem Audi R8? Der silberne? Steht doch sowieso nur bei Ihnen rum, sagt der Chef.«

Es ist elf Uhr und ich halte vor Janas Mietshaus. Sie macht die Augen nur halb auf, wahrscheinlich mag sie Feuerrot lieber. Mit gelangweiltem Gesicht steigt sie ein, streicht etwas missmutig über das schwarze Leder, zieht sich den Lippenstift im Außenspiegel nach.

»Ins Zero?«, frage ich – zugegeben etwas enttäuscht, ich hatte mehr Begeisterung erwartet. Aber wenn du einmal eine Braut im Ferrari herumkutschiert und ihr dabei noch das Leben gerettet hast, liegt die Messlatte verdammt hoch.

Sie nickt. »Bloß nicht über den Ochsenkopf«, ist ihre Bedingung.

NEHEIM-HÜSTEN

Frauenfrühstück

Lucie Flebbe

Es ist keine Schande hinzufallen,
aber es ist eine Schande, einfach liegen zu bleiben.

Theodor Heuss

Leo:

Ich wusste schon, wie er aussehen würde: größer als ich. Gelber Sandstein. Der Name in verschnörkelter Schrift eingemeißelt. Unter den anderen Namen verstorbener Familienmitglieder, die seit Jahrzehnten und Jahrhunderten dort standen. Neben den steinernen Füßen des lebensgroßen, bekümmerten Jesus war extra Platz für kommende Generationen gelassen worden.

Ich wusste auch schon, wo er stehen würde. In der Abgeschiedenheit des Möhnefriedhofs, hinter den Gedenkstätten, die an die Kriegstoten erinnerten und an die Neheimer Flutkatastrophe 1943, als ein Bombenangriff auf die Staumauer des nahen Möhnesees Tausende das Leben kostete.

Ich war gern auf dem Friedhof, zum Joggen oder Lesen, auf parkähnlichen Rasenflächen unter uralten Bäumen. Gerade dort spürte man am deutlichsten, was die ›Stadt der Leuchten‹ unter ihrer schicken Oberfläche verbarg: Neheim war ein Ort, der Katastrophen überstehen konnte.

Die meisten Grabstätten wirkten ebenfalls wie Denkmäler. Bemooste Engel, antike Säulen und Kreuze, auf denen man bekannte Neheimer Namen über Generationen zurückverfolgen konnte. Manche Menschen ließen sogar ihre Titel eingravieren. Ärzte oft, aber auch Dipl.-Ing.s.

Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass auch mein Name auf so einem Ungetüm stehen würde. Glücklicherweise besaß ich keinen erwähnenswerten Titel. ›Frau Ex-Dr.‹ sagte man ja eher selten.

Obwohl – offiziell bin ich ja keine ›Ex‹. Und dass man bei Bestellung der Grabinschrift die Promotion des Verstorbenen nachweisen musste, hatte ich noch nicht gehört. Es würde doch wohl niemand auf die Idee kommen …?

Arztehefrauen, die sich mit ›Frau Doktor‹ ansprechen ließen, obwohl sie nie einen Stöckelschuh in eine Uni gesetzt hatten, hatten mich immer genervt. Und dann hatte SEINE uralte Sekretärin, die er zusammen mit dem ausgestopften Marder auf dem Schreibtisch von seinem Vorgänger übernommen hatte, mich plötzlich »Frau Doktor Fürst« genannt! Dabei war ER gar kein Arzt, sondern nur Doktor der Elektrotechnik.

»Die will doch nur höflich sein«, besänftigte mich Marie. Ihre Harmoniesucht lenkte meine Gedanken zurück zu unserem Frauenfrühstück.

War klar, dass Marie die Amtsaufdrängung nicht störte. Sie war ja selbst hauptberuflich Gattin. Knapp über dreißig trug sie Designerjeans, die ihren Arsch noch knackiger machten, war geschminkt, gebotoxt und blondiert. Nicht wasserstoffblond, sondern stilvoll, mit Strähnchen und draufgesetzter Sonnenbrille, obwohl es stürmte. Hatte IHREN mindestens hundertfünzig Euro gekostet, die Mähne. Na ja, es traf ja keinen Hartz-IV-Empfänger, und wenn er was zum Protzen wollte, musste er auch in das Gerät investieren.

Marie war vor allem perfekt: perfekte Hausfrau, perfekte Gastgeberin, perfekte Mutter, perfekte Gummipuppe. Und nebenbei engagierte sie sich ehrenamtlich für den Kunstverein.

Ich hasste Marie.

Ich schob mir einen Löffel Müsli in den Mund.

»Höflich nennst du das? Schwachsinn!«, spottete Nora, die Dritte an unserem Frühstückstisch, und zog mit hohlen Wangen an ihrer Marlboro light. »Die kriecht im eigenen Schleim vor dem Großmeister der Glühbirnen.«

Nora war mir eindeutig die Liebere. Sie war nur ein wenig älter als ich, Anfang vierzig, was man ihr ansah. Ihren dunklen Kurzhaarschnitt hatte sie mit roten Strähnchen aufgepeppt und rebellisch in die Höhe gefönt.

Ich bewunderte Nora. Für diese Frisur. Weil sie überall rauchte. Weil sie IHREN auf Unterhalt verklagt hatte und sich jetzt alleinerziehend und berufstätig mit drei pubertierenden Rockern durchschlug. Nora war eine Vision meiner eigenen Zukunft, die ich nie erreichen konnte.

Meine eigenen Haare hingen grauschwarz und kraftlos von meinem Kopf, nur noch an den Spitzen hell von der herauswachsenden Färbung. Meine Frisur sah aus, wie ich mich fühlte. Mein Gesicht war schmal geworden in den letzten Wochen. Verhärmt. Die Lippen nur noch ein zusammengepresster Strich zwischen zwei nach unten gerichteten Falten. Beim Vergleich mit Maries aufgespritztem Schmollmund war ich froh, dass meine Haare mein Gesicht verhängten.

Nora:

Heinz Heuer war nicht mein Typ. Wirklich nicht.

Ich drückte die Kippe in die Krümel auf meinem Teller. Das rauchige Aroma der feinen Qualmwolke ließ mich gleich die nächste Zigarette aus der Packung schnippen. Und ein Schluck Kaffee, während ich das Feuerzeug zückte.

Ich genoss Nikotin und Koffein und meine zum gestrigen Nachmittag zurücktreibenden Gedanken. Dachte an seine kratzigen Bartstoppeln und den überraschend kühlen Hüftspeck, in den sich meine Finger krallten.

Kostete mich Mühe, meinen Verstand zu reaktivieren.

Heinz Heuer kam als Partner einfach nicht infrage. Sah aus wie Rübezahl, verdiente als Gärtner kaum über Sozialhilfeniveau und hatte zwei pubertierende Töchter aus einer gescheiterten Ehe. Zusammen mit meinen machte das fünf Kinder, die gegen die Beziehung sein würden.

Wie stellte ich mir das vor?

Konnte ihn ja nicht mal in meine Wohnung lassen, weil ich seit sechs Wochen nicht gesaugt hatte, die Schmutzwäsche aus allen Zimmern quoll, im Flur seit Jahren ein Turm unausgepackter Umzugskartons stand.

Ich war eine Rabenmutter, die ihre Jungs morgens allein zur Schule gehen ließ, weil ich um acht in der Boutique sein musste. Und was meine Kinder nachmittags machten, hatte ich bis heute nicht herausgefunden.

Und statt mich um sie zu kümmern, wenn ich mal frei hatte, vögelte ich Rübezahl – als hätten wir nicht schon genug Probleme.

Ich wollte mich doch nicht ernsthaft ins Patchwork-Chaos stürzen?! Mit fünf statt drei Kindern weiter versuchen, Familie, Haushalt und Job zeitgleich zu schaffen? Während Rübezahl wie jeder andere Mann davon ausging, dass ich ihm nach der Arbeit ein warmes Essen servierte?

Hätte losheulen können, wenn ich nur an die Wäscheberge dachte, die fünf Kinder produzieren würden.

»Mann, Marie! Du bist für IHN nur ein Geldschein mit Titten«, giftete Leo gerade Marie an und lenkte meine umherschweifenden Gedanken wieder zum Kaffee zurück.

»ER könnte genauso gut mit ’ner neuen Rolex losmarschieren, wann kapierst du das endlich?«

Der Grund für Leos Wut war wohl hauptsächlich, dass sie es selbst ebenfalls ein paar Jährchen später kapiert hatte, als alle anderen.

Überhaupt schien Leo gereizt. Sah gar nicht gut aus heute Morgen. Hätte wahrscheinlich mal nachfragen sollen. Aber ehrlich gesagt, wollte ich nichts hören. Mein Kopf brummte schon genug: Stimmen von den Lehrern beim Elternsprechtag, die wissen wollten, woher Tims Aggressionen kamen, Motoren von Geschirrspüler und Waschmaschine, die ich auch hören konnte, wenn die Geräte gar nicht da waren, mein Chef, der wissen wollte, ob ich am verkaufsoffenen Sonntag einspringen konnte, und meine eigene innere Stimme, die unaufhörlich daran erinnerte, dass ich noch Geschirrspültabs kaufen musste, wenn ich keine Rattenzucht eröffnen wollte. Das Gequatsche in meinem Schädel schwoll so laut an, dass mein Kopf jeden Moment zerplatzen musste.

Bei Heinz’ erstem Blick in meine Wohnung würde meine toughe Fassade zerbröckeln. Er musste durchschauen, wie überfordert ich als Frau und Mutter war. Ich konnte ihn nicht wiedersehen. Musste das Date heute Nachmittag absagen. Mit zitternden Fingern sog ich an meiner Zigarette, als ich begriff, dass ich nie wieder einen Mann hinter meine Fassade schauen lassen konnte.

Marie:

Leo machte mir in letzter Zeit Angst. Die Verachtung in ihrem Blick kribbelte auf meiner Haut. Dabei hatte ich ihr nichts getan. Keinem hatte ich etwas getan. Im Gegenteil. Ich versuchte wirklich, es allen recht zu machen. Nur klappte das immer weniger. Allein durch mein Organisationstalent konnte ich das Chaos noch kontrollieren.

Auch wenn meine Mutter mir jedes Talent abgesprochen hätte. Sie war eine Übermutter. Eine der lästigen Sorte, die keine Rezepte zum Kochen brauchte. Deren Haus noch nie ein Putzfrauenfuß betreten hatte. So eine, deren Kinder es mal besser haben sollten. Ein Studium, einen gut bezahlten Job, ein Haus im schönen Neheim sollte ich haben.

Meine Mutter hatte vor Schreck einen Infarkt erlitten, als ich im zweiten Semester schwanger geworden war. Sie sah mich schon in einer Zwei-Zimmer-Werkswohnung im Stadtteil Hüsten hocken und mein Leben lang bei Aldi einkaufen.

Allerdings hatte sie sich überraschend schnell von ihren Herzbeschwerden erholt, als sie erfuhr, dass ihr zukünftiger Schwiegersohn der Spross einer wohlhabenden Neheimer Familie und Ingenieur beim Leuchten-Kaiser war. Die Neheimer Lichtindustrie produzierte neben Straßenlaternen und Supermarktleuchten auch die Schreibtischlampen bekannter Fernsehkommissare und Laserschwerter für den dunklen Lord. Das Gehalt war also gesichert.

Doch obwohl ich erreicht hatte, was meine Mutter wünschte, verachtete sie mich. Ob ich denn dieses Jahr noch mal zum Friseur zu gehen gedachte, hatte sie gestern gefragt. Mein drei Finger breiter, dunkler Scheitel wäre die Krönung der Verwahrlosung. Kein Wunder, dass ER die hübsche, neue Elektrotechnikerin selbst durch die Werkshallen führte.

Von der neuen Technikerin wusste ich nichts, trotzdem hatte ich den Friseurtermin gestern noch in meinen Terminkalender gequetscht. Irgendwie ging es immer.

Um fünf Uhr früh klingelte gewöhnlich mein Wecker, damit ER mich nicht verwahrlost erwischte. Dann Frühstück vorbereiten für IHN und die Kleinen.

Das Öko-Obst zu schälen dauerte ewig. Aber sie sollten ja was Gesundes mit in den Kindergarten nehmen. Nebenbei schrieb ich die Listen, drei Stück, jeden Morgen. Eine mit meinen Terminen, eine mit den Terminen der Kinder und die Einkaufsliste.

Nach dem Frühstück noch schnell zur Maniküre, danach kochen. Dann musste der Kleine in die Musikschule, der Große zum Rhönrad-Training …

Oder war freitags Turntag?

Herzklopfen.

Nein, nein. Rhönrad, ganz sicher.

Obwohl – ?

Meine Hände wurden schwitzig.

Da war es wieder – das Gefühl, nur noch Watte im Kopf zu haben. Ohne Liste konnte ich mir nichts mehr merken. So musste es sich anfühlen, wenn man Alzheimer bekam. Konnte es sein, dass ich schon Alzheimer hatte?

Nervös glitten meinen feuchtkalten Finger in die Gesäßtaschen meiner Jeans. Tasteten nach den ordentlich gefalteten Zetteln, die meinen Tagesablauf wieder unter Kontrolle bringen konnten.

Leos Blick war meiner Hand zu meinem Hintern gefolgt.

Sie musterte mich verächtlich.

Leo hasste mich.

»Du würdest mich am liebsten umbringen, nicht wahr?«, flüsterte ich tonlos.

Leo:

»Guten Morgen, Leo«, wurde unser Frauenfrühstück gestört. »Wie geht es Ihnen heute?«

Die Visite hatte mich entdeckt und bog vom Flur in den Frühstücksraum. Die Weißbekittelten wirkten ein wenig fehl am Platz in dem freundlichen, hellen Raum mit den großen Fenstern, den Vorhängen in warmen Gelbtönen und der offenen Tür zur Dachterrasse, durch die der Wind hereinfegte. Hier vergaß man schnell, dass man sich auf der psychiatrischen Station im St.-Johannes-Hospital befand.

»Danke, gut«, antwortete ich dem Chefarzt. Seine skeptische Miene verriet, dass diese Antwort an einem Ort wie diesem gewöhnlich gelogen war.

Aber mir ging es tatsächlich besser. Seit ich wusste, was ich tun würde, hatte ich kaum noch an IHN gedacht. Auch nicht an seine uralte Sekretärin, die mir erklärte, er wäre in einer Besprechung. Oder an den nackten Frauenkörper neben dem ausgestopften Marder auf seinem Schreibtisch. Und sein verdattertes Gesicht, das zwischen ihren Schenkeln auftauchte.

Manchmal hatte ich sogar schon die düstere, kleine Werkswohnung vergessen, die ER mir besorgt hatte. Und meine Freundinnen, die eigentlich alle nur die Frauen SEINER Freunde waren. Und meine Mutter, die sich wieder mal ohnmächtig abtransportieren lassen würde, sobald sie von unserer Trennung erfuhr.

Ich griff mir an die Schläfen, um das ins Schleudern geratene Karussell meiner Gedanken anzuhalten.

»Und wie gefällt Ihnen Ihr Therapieplan heute?«, half mir der Chefarzt dabei.

»Toll«, murmelte ich. »Bis zur Gruppentherapie ist noch Zeit. Ich vertrete mir kurz die Beine.«

Marie und Nora nickten ebenfalls.

Kaum waren die Weißbekittelten weitergezogen, stand ich auf. Verblüffenderweise verschwand auf einmal die schwarze Leere im Kopf, die sich anfühlte, als stünde man starr vor Schreck in den verkohlten Überresten seines ausgebrannten Hauses. Es war, als würde ein dunkler Schleier von mir gehoben. Meine raschen Schritte hallten im Treppenhaus. Ich wunderte mich, dass das Lähmungsgefühl nachließ und ich wieder in der Lage war zu laufen. Als hätte meine Entscheidung die Symptome geheilt.

Durch die Eingangshalle, vorbei an der Empfangsdame und den Buntbarschen im Aquarium.

Vor dem Krankenhaus hielt ich inne. Wohin?

Zögernd sah ich mich um. Die schmale Gasse entlang, die nach wenigen Metern in die Neheimer Innenstadt mündete. Zum Dom hinauf, dessen Spitze die Dächer überragte. Auf das Gerüst am Glockenturm, den man mal wieder vom Taubendreck befreien wollte. Ein freundliches Winken des Schicksals.

Entschlossen setzte ich mich wieder in Bewegung, wurde schneller, rannte zwischen den eng stehenden Häusern hindurch und prallte in den Alltag.

Es waren kaum hundert Meter von der Psychiatrie in die Fußgängerzone. Freitagmorgen um neun erwachte gerade das Leben in Boutiquen, Schuhläden und Cafés. Auf trendigen Korbsesselchen unter Sonnenschirmen, mit Latte-macchiato-Bechern auf Teakholz-Tischchen. Wind und Wolken trotzte man mit Sonnenbrillen im Haar und Wolldecken auf dem Schoß.

Mariemäßig schöne Frauen, die mit den Neheimer Lampen um die Wette leuchten konnten, nippten genussvoll an ihren Tassen. Vor gar nicht langer Zeit hatte ich selbst oft hier gesessen.

Ich wandte mich zum Dom.

Majestätisch erhoben sich Schieferdächer und Bleiglasfenster über Menschen, Geschäfte und die rauschenden Kronen der Bäume. Mitten in der erwachenden Stadt schien eine kirchliche Stille das alte Gebäude zu umgeben. Auf dem Gerüst am Glockenturm wurde noch nicht gearbeitet. Niemand achtete auf mich, als ich die kalten Alustangen griff und hinaufkletterte.

Schnell stieg ich höher, mühelos fast. Dabei hatte mich seit Wochen allein der Anblick mehrerer Stufen in Tränen ausbrechen lassen. Der Wind wackelte am Gerüst, Bretter klapperten, doch ich ließ mich nicht beirren.

Ich erreichte die mit Taubendreck bekleckerte Domuhr. Der frische Wind fegte mir ins Gesicht, walzte die Wolken über Stadt und Berge hinweg. Ein Sprung von hier oben würde seinen Zweck erfüllen.

»Leo!«, hielt mich Marie plötzlich zurück.

Nora packte meinen Arm.

Verdammt! Wo kamen die her?

»Lass den Quatsch!«, befahl Nora. »Irgendwie geht es schon weiter. Du siehst es doch an mir.«

Ich riss ihr meinen Arm weg.

»Es geht nicht weiter, Nora! ER ist tot, kapierst du das nicht?« Meine Stimme wurde schriller, je mehr Bilder in meinen Kopf zurückdrängten: Die Betriebsanleitung SEINES Z3, die ich mir aus dem Internet geladen hatte. Unser Garagenschlüssel, der noch immer an meinem Schlüsselbund baumelte. Die winzigen Zähne, die ich aus dem Kiefer des ausgestopften Marders in seinem Büro gebrochen hatte, um damit die zu den Rädern führenden Bremsschläuche zu bearbeiten. Das betroffene Gesicht des Polizisten, der mir die Nachricht vom Unfall überbrachte. Mein erster Gedanke, wie einfach ein Mord war. Mein zweiter Gedanke, dass nun niemand von unserer Trennung erfahren würde.

»Ich kann nicht mehr werden wie du!«, keifte ich Nora an. »Und so wie du will ich nie wieder sein!«, schnappte ich nach Marie. »Ich bin eine Mörderin, verdammt noch mal!«

Sekundenlang dachten beide über meine Worte nach. Dann streckte mir Nora erneut die Hände entgegen.

»Aber sie haben dich nicht erwischt«, lächelte sie verschwörerisch.

Tatsächlich war bis heute niemandem aufgefallen, dass der Marder in seinem Büro eine Brücke benötigte.

»Und dass du als SEINE Witwe psychiatrische Hilfe brauchst, beweist doch nur, wie sehr du trauerst«, zwinkerte Marie mir zu.

Zum ersten Mal begriff ich, dass wir wirklich Freundinnen waren.