Gefahrenzonen

Im Zusammenleben von Mann und Frau gibt es Momente, die sollte man besser vermeiden, etwa der gemeinsame Besuch eines Hochseilgartens, wenn nur einer von beiden schwindelfrei ist, das Entfernen der zentimeterdicken Hornhautschicht von den Fersen, solange der andere noch im Bad ist, oder eine ausgedehnte Shoppingtour zu zweit, während im Fernsehen das WM-Finale live übertragen wird.

Gleiches gilt für gewisse, grundsätzlich und ausschließlich von der Frau gestellte Fragen, bei denen jedem Mann sofort vor Schreck der Atem stockt und die daher aus seiner Sicht am besten für immer unbeantwortet bleiben sollten. Leider handelt es sich dabei ausgerechnet um jene Fragen, deren ehrliche Beantwortung für so gut wie jede Frau mindestens so wichtig ist wie die Luft zum Atmen. Dazu gehören unter anderem: »Steht mir das?«, »Findest du die neue Nachbarin hübscher als mich?«, »Glaubst du, das Kleid ist zu eng?«, »Sehe ich eigentlich alt aus?«, »Was denkst du gerade?«, »Findest du mich zu dick?«, »Liebst du mich noch?«, »Deine Ex war doch eine totale Zicke, oder?«, »War mein Po nicht mal straffer?«, »Was würdest du tun, wenn ich sterbe?«, »Soll ich mir langsam mal die Haare färben oder sieht man die paar grauen gar nicht?«, »Koche ich eigentlich besser als deine Mutter?«, »Hat dir mein Essen etwa nicht geschmeckt?«, »Was erzählst du deiner Sekretärin von mir?«, »Findest du mich eigentlich klug?«.

Daß Frauen sich mit derlei Fragen auf dem allerbesten Weg zum Eigentor befinden, ist ihnen einerseits durchaus klar. Schließlich wissen sie, daß die Männer ihre Gedanken am liebsten für sich behalten. Zum einen, weil sie ihr Innerstes grundsätzlich nicht gerne offenbaren, was die Frau automatisch zu neuen Selbstzweifeln à la »Wenn er mir vertrauen würde, dann würde es ihm sicher nicht schwer fallen, sich mir zu offenbaren« und unnötigen Spekulationen über die Treue ihres Partners verleitet. Zum anderen weil Männer all den banalen Mist, der ihnen so den ganzen Tag und damit leider auch in romantischen Situationen durch den Kopf geht, beim besten Willen nicht für erwähnenswert halten. Was bei der Frau ebenfalls automatisch zu Selbstzweifeln und Spekulationen über die Treue des Mannes an ihrer Seite führt, da sie dies, vor allem in romantischen Situationen, beim besten Willen nicht nachvollziehen können.

Die Quadratur des Kreises ergibt sich daraus, daß sich die Frauen durch eine (möglichst nicht allzu) ehrliche Antwort ihres Partners eine Aufpolierung eben jenes angeschlagenen Selbstwertgefühls erhofft, das durch eine verweigerte Antwort nur noch mehr angekratzt wird.

Es ist nun mal eine unwiderrufliche und durch nichts aus der Welt zu schaffende Tatsache, daß Frauen grundsätzlich mit ihrem Körper, oder zumindest mit einem Teil davon und seien es nur ihre Hände oder Füße, unzufrieden sind. Irgendwie hat Eva wohl nicht laut genug »Hier!« geschrien, als Gott im Paradies das Selbstbewußtsein über ihr und Adam ausgeschüttet hat. Eine wirklich selbstbewußte Frau, die rundherum mit sich und der Welt zufrieden ist – auch wenn sie vermutlich überhaupt nicht existiert –, käme jedenfalls nie auf die bescheuerte Idee, ihr Wohlbefinden von der Antwort eines Schlipsträgers abhängig zu machen. Und eine kluge erst recht nicht.

Natürlich könnte sie auch ihre beste Freundin fragen und sich mit ihr gleich zum Sport, Lifting, Kochkurs oder was auch immer verabreden, um Abhilfe zu schaffen. Aber das wäre etwas anderes. Etwas ganz anderes. Frauen sind auch in diesem Fall (ehrlich gesagt in den meisten Fällen) gar nicht an einer Lösung des Problems interessiert. Sie sind überhaupt nicht daran interessiert, daß einer der in den Fragen thematisierten Punkte sich jemals zu einem Problem entwickeln könnte. Alles, was sie wollen, ist Aufmerksamkeit und Bestätigung. Mehr nicht.

Im Grunde ist das ganz einfach, und hat der Mann das erst einmal erkannt, müßte er durchaus in der Lage sein, seine Antwort so zu gestalten, daß beide erhobenen Hauptes aus der Situation wieder herauskommen. Immerhin ist er im Beruf auch in der Lage, heikle Vertragsverhandlungen, schwierige Jahresgespräche mit Mitarbeitern oder Reklamationen von verärgerten Kunden souverän, gelassen und zielorientiert zu absolvieren. Allerdings scheint die Transferleistung vom Berufs- zum Privatleben schwieriger, als sie auf den ersten Blick aussehen mag.

Warum sonst würde der Mann dieser Herausforderung, im Vergleich zu der die Besteigung des Mount Everest – ohne Sauerstoff, versteht sich – wie ein harmloser Spaziergang wirkt, so hilflos gegenüberstehen. Natürlich ist allen Beteiligten von vornherein und ohne jeden Zweifel klar, daß die falsche Antwort, also die unverblümte, schonungslose, reine Wahrheit, fatale Folgen für den weiteren Verlauf des Abends und womöglich sogar der Beziehung als solcher haben könnte. Aber das ist im Job oft nicht weniger heikel, und da klappt es schließlich auch.

Wie auch immer, die weit verbreitete Taktik des Ignorierens oder Aussitzens, in der Hoffnung, die Sache möge sich irgendwann von selbst erledigen, empfiehlt sich jedenfalls nur in den seltensten Fällen bis gar nicht. Das weibliche Gehirn mag zwar ein paar Gramm leichter sein als das männliche, aber das sagt noch lange nichts über die Kapazität aus. Diese ist nämlich, vor allem was das Langzeitgedächtnis betrifft, in etwa so ausgeprägt wie das eines ausgewachsenen indischen Elefanten. Gleichwohl versuchen es Männer immer wieder, sich ihr deutlich besser ausgeprägtes Sitzfleisch und ihre Ausdauer zunutze zu machen – und handeln sich nicht wenig Ärger damit ein. Denn eine Frau wird es ganz sicher niemals vergessen oder kommentarlos hinnehmen, wenn sie auf eine dieser Fragen keine Antwort bekommt.

Bleibt also nur, darauf zu antworten. Bloß wie?

Ausweichende Antworten sind selbstredend genauso ungeschickt wie allzu leicht zu durchschauende, weil zu offensichtliche Lügen oder der Versuch, sich durch ein Ablenkungsmanöver aus der Situation herauszulavieren, sei es durch einen Gang zur Toilette, die Einnahme von Medikamenten oder die Behauptung, man habe am Auto das Licht brennen lassen und müsse mal kurz vor die Tür. Der einzig gangbare Weg ist und bleibt die Antwort, die so ehrlich wie nur möglich und so unehrlich wie nötig ausfallen sollte. Dabei ist selbstverständlich nicht nur auf den Inhalt des Gesagten, sondern auch auf die Tonlage, die nötige Entschlossenheit, einen entsprechend empörten Unterton sowie den nötigen Nachdruck zu achten. Ein Zögern oder genaueres Nachfragen à la »Wie meinst du das genau?« oder »Macht das einen Unterschied?« oder »Würdest du dich besser fühlen, wenn ich Ja sage« sind absolut tabu. Nur so kann die nötige Glaubwürdigkeit gewährleistet werden, die eine Frau von weiteren (voraussichtlich noch unangenehmeren) Nachfragen abhält.

Damit besteht immerhin in der Theorie die Möglichkeit, daß beide Partner ohne größere Blessuren aus diesen Gefahrenzonen hervorgehen. Wenn das tatsächlich der Fall ist, dann haben sich Mann und Frau fast so was wie verstanden. Mehr geht nun wirklich nicht.

Übrigens, die Antwort auf die Frage, was genau die Frauen von den Männern wollen, ist ganz simpel und lautet: einfach nur geliebt und angenommen werden.

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Intro

Alles eine Typfrage

Zwei Paar Schuhe: Was sie sagt – und was sie meint

Textinterpretation für Könner

»Schatz, wir müssen reden!«

Zu viel Gefühl

Ticktack, ticktack

Kleine Geschenke erhalten die Liebe

Gefahrenzonen

Intro

Eigentlich wäre alles ganz einfach: Die Erde ist rund, der (Fuß)Ball auch, schnelle Autos, kühles Bier und das Internet sind bereits erfunden, ein saftiges Steak bekommt man in jedem Supermarkt, statt das zugehörige Rind selbst erlegen zu müssen, Sex kann man zur Not auch kaufen, und wenn der Lieblingsverein am Wochenende gegen den Erzrivalen gewinnt, ist die Welt in Ordnung. Theoretisch.

Praktisch hat die heile Männerwelt dagegen einen klitzekleinen, dafür aber ungemein wirkungsvollen Makel: Es gibt da nämlich noch die Frauen. Einerseits wird das Leben durch sie erst schön und lebenswert, andererseits können sie es den Männern manchmal so was von schwer machen. Aber so sind sie nun mal, die Frauen: sexy, anregend, süß, verführerisch, sie riechen gut, kurz, sind einfach wunderbar – und so was von kompliziert!

Zwar können sie einem Mann allein mit ihrer Anwesenheit oder einem bewußt inszenierten Augenaufschlag im positiven Sinne den Verstand rauben. Aber sie scheinen auch mit einem Nörgel-Gen auf die Welt zu kommen, mischen sich in lauter Dinge ein, von denen sie nichts verstehen, und versuchen mit Vorliebe, ihren Partner zu erziehen oder zu ändern. Noch dazu mangelt es ihnen an der typisch männlichen Gelassenheit, sie wollen immerzu über alles reden und fragen in den unpassendsten Momenten »Was denkst du?« oder »Liebst du mich eigentlich noch?«. Und immer dann, wenn es aus Männersicht gerade spannend wird, haben sie Migräne. Oder täuschen eine vor. Da kommt kein Mann mehr mit.

Frauen scheinen Wesen von einem anderen Stern zu sein, zumindest aus Männersicht, denn sie geben den Herren der Schöpfung selbst nach über zwei Millionen Jahren gemeinsamer Evolution noch immer Tag für Tag Rätsel auf. Und das liegt ganz sicher nicht alleine an der Tatsache, daß Männer mit dem Kopf denken und Frauen mit dem Herzen.

Im Grunde ihres Herzens (nicht ihres Verstandes) würden die Männer nichts lieber tun, als die Frauen endlich verstehen – und sich damit selbst das Leben erleichtern. Doch das Wesen einer Frau mit all seinen Facetten und Nuancen und Stimmungshochs und vor allem -tiefs bis ins letzte Detail zu erfassen, ist leider wie so vieles im Leben leichter gesagt als getan. Wenn nicht gar unmöglich.