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Julie Klausner

DU KANNST

MICH MAL

Aus dem Amerikanischen

von Kirsten Borchardt und Conny Lösch

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

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Die Originalausgabe

I DON’T CARE ABOUT YOUR BAND

erschien 2010 bei Gotham Books, New York,

published by Penguin Group (USA)

Vollständige deutsche Erstausgabe 10/2012

Copyright © 2009 by Julie Klausner

Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Katja Bendels

Umschlaggestaltung: yellowfarm S. Freischem unter Verwendung des Originalmotivs von © Kelly Kline

Satz und eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN : 978-3-641-08015-0
V002

www.heyne.de

für meine eltern

Ich liebe Euch so sehr, dass es schon lächerlich ist. Vielen Dank für Eure unerschütterliche Unterstützung bei allen meinen kreativen und persönlichen Unternehmungen und darüber hinaus. Das nächste Mal schreibe ich ein Buch, das Ihr lesen dürft, versprochen.

einleitung

Bevor es losgeht, zwei Anmerkungen zu meiner Person.

Erstens: Ich bin und bleibe Anhängerin von Comedy-Sketchen, die beginnen mit: »Was? Klingt ja total irre! Okay, ich mach’s.«

Und zweitens: Ich liebe Männer, als wär’s mein Beruf.

Ich liebe Männer so sehr, dass ich mir kein einziges Mal überlegt habe, einfach mal »Pause« zu machen und mich nicht mehr mit ihnen zu verabreden, mich auf andere Dinge und nicht mehr aufs Verlieben zu konzentrieren, mir in einem eher von Frauen dominierten Bereich Arbeit zu suchen oder das zu tun, was Lesben empfehlen, wenn einem das Herz gebrochen wurde. Und trotz wiederholter Anfälle von Liebeskummer, trotz Demütigungen, Blamagen und Irrtümern habe ich nie aufgehört, mich in der Rolle derjenigen zu sehen, die sich bereit erklärt, irgendwas total Bescheuertes zu tun und sich leichtfertig und auf absurde Weise immer wieder dem eigenen Optimismus auszuliefern.

Und das aus folgendem Grund: Ich könnte niemals die Hoffnung aufgeben, mich in jemanden zu verlieben, der all die Torten wieder wettmacht, die ich bislang ins Gesicht bekommen habe. Dieses Buch handelt davon, wie frustrierend es ist, immer wieder enttäuscht zu werden, gleichzeitig aber nicht mit dem Verlieben aufhören zu können.

Ich bin von Natur aus eine Expertin darin, nachtragend zu sein. Aber ich spare mir meine Missgunst nicht bis zur endgültigen Trennung auf es ist eher so, dass mich Enttäuschungen verfolgen wie Gespenster. Und so werde ich hier Beziehungen zu Personen betrachten, überdenken und betrauern, die auch Sie schon bald kennenlernen könnten. Ich sag Ihnen, darunter sind ein paar echte Prachtexemplare! Und dabei ist die Geschichte von dem Typen aus dem koreanischen Grillrestaurant noch gar nicht enthalten, der auf eine Bemerkung meinerseits über den in den Tisch eingelassenen Grill meinte, das Restaurant wäre perfekt für ein Blind Date, denn »wenn dir das Gesicht deines Gegenübers nicht gefällt, kannst du’s einfach auf den Grillrost pressen«. Der Typ verdient ein eigenes Buch, aber ich glaube, Bret Easton Ellis hat es schon geschrieben.

Im Folgenden finden sich ausgewählte Geschichten über Männer, die stark anfingen, aber rasch nachließen, oder große Hoffnungen weckten, die sie in der schnöden Realität nicht erfüllen konnten, und über libidinöse Fehlgeburten, nach denen ich selbst wieder aufräumen musste, was genauso widerlich war, wie es klingt.

Ich schreibe dieses Buch nicht, um mich in meinem Kummer zu suhlen, wie die stets mit einem schlechten Gewissen behaftete Hauptfigur in den Cathy-Comics. Und auf keinen Fall wird diese kathartische Sammlung von »Er hat mir Unrecht getan«-Geschichten heiß serviert. Ich bin nicht PJ Harvey, und wir haben auch nicht mehr 1998. Ich habe diese von romantischen Kollateralschäden durchsetzten Geschichten aufgeschrieben, weil ich sie jetzt, wo meine Tränen getrocknet sind lustig finde und dadurch einiges gelernt habe, was hoffentlich bei Frauen, die ähnlich karge Männerkost gewohnt sind, auf Resonanz stoßen wird.

Und es gibt so viele Typen. Ich kann mich noch erinnern, wie eine Freundin zum ersten Mal einen Typen, der mir gefiel, als »Mann« bezeichnete und ich ein Gesicht zog wie Gary Coleman, wenn er fragte: »What’choo talkin’ ’bout, Willis?« Einen Mann zu finden ist schwer, egal ob einen guten oder sonst einen, Typen dagegen gibt es überall. Deshalb fahren Frauen so auf Don Draper in Mad Men ab. Würde die Serie Verrückte Typen heißen, könnte Joe Pesci die Hauptrolle spielen und niemand würde sie sehen wollen.

Inzwischen kenne ich viel mehr Frauen als Mädchen. Eine ganze Generation von uns ist auf den Flügeln feministischer Selbstermächtigung geritten, als wäre sie ein Pegasus mit Afrozöpfchen wir wussten, dass wir schlau waren und alles durften. Das Problem ist nur, dass wir jetzt der Gnade einer Generation von Männern ausgeliefert sind, die sich anscheinend nicht sicher sind, was von ihnen erwartet wird sollen sie doppelt verdienen oder nach einem Blowjob eine SMS schicken? Es gibt keine Traditionen oder Standards mehr, und Manieren sind wie Kinngrübchen oder Locken sie kommen nur in einigen wenigen Familien vor.

Offenbar sind alle verwirrt.

Ich habe erwachsene Frauen wie Teenies ausflippen sehen, als sie merkten, dass ein Typ, der vermeintlich auf eine lange Beziehung aus war, Muffensausen bekam. Sein Verhalten änderte sich plötzlich total, und die Frauen fühlten sich verantwortlich, nur weil er es nach einem harmlosen Wortwechsel mit der Angst zu tun bekam. (»Ich hätte die SMS mit dem blöden Witz nicht schicken sollen!«). Es gibt Ladys, die sich lieber abschleppen lassen, anstatt nach einem Typen für eine feste Beziehung zu suchen, weil das nun mal die Krümel sind, die eine Hungernde am Leben erhalten. Frauen fühlen sich schlecht, wenn sie sich trotz aller Vorbehalte mit einem üblen Typen eingelassen haben und sich dann auch noch in ihn verknallen nicht weil sich die Biologie durchgesetzt hat (»Ich hatte einen Orgasmus, und jetzt mag ich ihn ganz gerne!«), sondern sie fühlen sich schlecht, weil sie sich schlecht fühlen. Als wäre es nicht schon genug, sich schlecht zu fühlen, weil er nicht anruft, nachdem er einem seinen Schwanz reingeschoben hat. Jetzt muss man sich auch noch schlecht fühlen, weil man sich nicht schlecht fühlen darf.

Weil wir jetzt Affären haben, nur um Affären zu haben. Weil wir wissen, worauf wir uns einlassen. Es aber trotzdem tun. Und dann doch alles ganz anders kommt.

Und anstatt einfach so zu sein wie manche Männer in demselben Alter sagen wir mal Ende dreißig, die nie verheiratet waren und bei denen die Uhr tickt, nur dass sie’s nicht hören, weil sie ständig denken: »Meine Karriere!« oder »Sieh dir die ganzen fünfundzwanzigjährigen Mädchen an, mit denen ich jetzt rummache, obwohl die mich auf der Highschool nie rangelassen haben!«, hören wir nicht auf zu suchen. Wir machen nicht dicht, selbst wenn wir allmählich nicht mehr unterscheiden können, ob wir tatsächlich so sind oder ob wir uns nur so behandeln lassen.

Von Natur aus optimistisch versuchen wir es immer wieder im Glauben an die Menschheit, wie Carole King unseren Müttern riet. Und wenn wir weinen, weil nichts funktioniert, weinen wir nicht nur, weil es dem Typen, mit dem wir geschlafen haben, inzwischen scheißegal zu sein scheint, ob wir überhaupt noch am Leben sind, was weit über alles hinausgeht, das einem Lehrer, Eltern, Freunde und alle anderen, die wissen, wie absolut umwerfend wir sind und die uns dazu gemacht haben –, erzählt haben, sondern auch deshalb, weil wir uns dafür schämen, dass wir weinen.

Frauen sind nun mal so veranlagt, dass sie sich an allem, was nicht rund läuft, die Schuld geben. Wir fühlen uns nicht gleichermaßen entscheidungsbefugt wie Männer, nicht mal wie fiktionale, zum Beispiel Will Hunting, der nur von Robin Williams angeschrien werden musste: »Es ist nicht deine Schuld!«, um in den Bus der Selbstachtung zu springen. Inzwischen ist es so weit gekommen, dass wir uns sofort schämen, sobald wir verletzt werden.

Wir vertrauen uns niemandem mehr an, der fragt, warum wir traurig sind, weil wir nicht von einem Standpunkt aus diskutieren möchten, den wir nicht verteidigen können. Wir haben das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, indem wir uns mit einem Mann eingelassen haben, von dem wir hätten wissen müssen, dass er uns nicht geben kann, was wir uns wünschen, und in gewisser Weise glauben wir sogar, ihn verdient zu haben.

Aber die Sache ist die: Indem man die Klappe hält, unterstützt man diese Art von Verhalten. Man erzählt seinen Freunden nicht, was passiert ist, weil man sich für das, was man getan und wie man reagiert hat, schämt, und man versucht zu rationalisieren, dass man ihn irgendwie verschreckt haben muss. Wahrscheinlich lag es daran, dass man zu schnell mit ihm ins Bett gegangen ist und nicht signalisiert hat, dass man nur schwer zu haben ist. Dass man sich nicht an die Regeln gehalten und es nicht geschafft hat, wie eine Nutte einfach mit den Schultern zu zucken und zur nächsten Eroberung weiterzuziehen, als wäre dies das Einzige, was ein Mädchen machen kann.

Also zweifelt man an der eigenen Attraktivität, weil es ja einen Grund dafür geben muss, dass er einem erst nachstellt und dann das Interesse verliert. Man hat ihn zu früh angerufen oder zu häufig. Oder einen dummen Witz gerissen. Oder zu spät auf seine SMS geantwortet, und deshalb hat er nicht mehr zurückgeschrieben. Vielleicht fand er die Bücher blöd, die er bei einem zu Hause im Regal gesehen hat. Vielleicht hat’s ihm die Fußnägel aufgerollt, als er das Emoticon in der letzten E-Mail entdeckte. Oder vielleicht ist er hinter das Geheimnis gekommen: dass man gar nicht geliebt werden kann, weil man nämlich bedürftig, hässlich, fett, verzweifelt, oder egal was sonst noch ist, das Männer auf keinen Fall herausfinden dürfen selbst wenn man die Eier hat, sich weiterhin mit Leidenschaft dem Verlieben zu widmen.

Also reden wir uns ein, dass wir uns in der Kunst des Zusammenkommens und Trennens üben, in der Hoffnung, Letzteres würde von Mal zu Mal leichter fallen. Weil man mit der Übung ja gelassener wird. Wird man aber nicht.

Und jedes Mal fühlen wir uns schlechter und denken, es liegt daran, dass wir bescheuerte Idiotinnen sind, die es unbedingt weiter drauf ankommen lassen möchten.

Naja, wissen Sie was? Für eine Idiotin sind Sie ganz schön schlau. Und für Sie habe ich dieses Buch geschrieben, und für alle anderen, die so sind wie ich und trotz aller Enttäuschungen weitermachen und die wahre Liebe suchen.

Denn die muss es geben.

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Teil eins

das war meine kindheit!

»Du bist was Besonderes!
Hör niemals auf, daran zu glauben!
«
Daddy Warbucks in Annie

der broadway, daddy, und was sonst noch dagegen spricht, mich zu lieben

Es gibt zwei Sorten von Mädchen, die es zu den eher widerlichen Typen im Dating-Pool hinzieht. Zum einen diejenigen, die von ihren Vätern ignoriert, vernachlässigt oder sonst wie zweifelhaft behandelt wurden und sich von Fieslingen dieselbe Art des Umgangs erhoffen, an die sie bereits seit Jahren gewöhnt sind. Sie lassen sich Missachtung, Anfeindungen, drastische Psychokacke, SMS-Nachrichten mitten in der Nacht, die mit »Hey, bin grad in der Gegend« anfangen oder lange Phasen totaler Abwesenheit von Männern gefallen, die sich so benehmen, wie sie vor Urzeiten mal gelernt haben, dass ein Junge ein Mädchen behandeln sollte. Ein paar von diesen Mädchen strippen. Einige davon strippen sogar künstlerisch wertvoll. Und viele sorgen bei Essenseinladungen für eine Superstimmung am Tisch.

Die andere Sorte Mädchen, die im tiefen Tal der Hornochsen verweilt, weiß, dass sie eigentlich was Besseres verdient hätte. Das sind die mit den tollen Dads; diejenigen, die von Anfang an schlechte Karten haben, weil sie wissen, dass die Männerabteilung nichts Vielversprechenderes zu bieten hat als den Kerl, der ihnen das Fahrradfahren beibrachte; die Prinzessinnen, die ausschließlich im Heute la-la-la-la-la-la-leben, da sie wissen, dass Daddy sie mit verschwenderisch viel Aufmerksamkeit verwöhnen wird, wenn sich das Arschloch der Woche wieder aus dem Hühnerstall verzogen hat. So ein Mädchen hat längst einen hochanständigen Mann in der Hinterhand, sodass sie im Verehrerbereich auf keinen Multitasker angewiesen ist ähnlich wie es einem verheirateten Mann egal sein kann, ob sich seine Geliebte mit seinen Freunden versteht. Diese Kategorie von Mädchen, zu der ich mich selbst zähle, tendiert dazu, sich mehr als das normalerweise zugestandene Maß an Bullshit gefallen zu lassen, und wenn auch nur, weil sie zu stur ist, um sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass auch die wunderbarsten Dinge irgendwann ein Ende haben.

Mein Dad war der erste Mann, den ich je so geliebt habe, dass es wehtat. Er war immer da, angefangen beim Frühstück, wenn wir bei einer Schale Cornflakes über die aktuellen Ereignisse des Tages sprachen, bis zu den verheerendsten Katastrophen, beispielsweise als mir damals im Alter von zehn Jahren etwas ganz Fürchterliches zustieß und ich in der zweiten Bewerberrunde für die Gemeindetheateraufführung von Annie rausflog.

Ich betrauerte mein verpfuschtes Leben, während mein Vater und ich im familieneigenen Toyota Cressida über den Sprain Parkway nach Hause rasten. Die Abfahrt nach Briarcliff Manor lag bereits zwanzig Minuten hinter uns, als ich endlich aufhörte zu schluchzen. Mein Dad, der Mitgefühl zeigen wollte, meinte, ich sollte Radio hören, das würde mich ablenken. Ich starrte aus dem Fenster und sah meine Träume zerplatzen.

In meinem zehnjährigen Gehirn war ich fest davon überzeugt, dass mir ein Auftritt in der Titelrolle der Annie zu einem endgültigen, köstlichen, unüberbietbaren Triumph verholfen hätte. Ich wusste, dass ich die Rolle besser spielen konnte als alle anderen in meinem Alter aus dem Ferienlager und der Schule. Zumal bei dieser Aufführung bei der ich schließlich nicht mitwirken durfte echte Erwachsene die älteren Figuren übernehmen sollten; Erwachsene wie Oliver Warbucks, der Milliardär, und Lily St. Regis, das leichte Mädchen mit der Piepsstimme. Dadurch wurde meine Zurückweisung noch schlimmer.

Wie so viele Streberkinder fühlte auch ich mich damals ein bisschen zu erwachsen. Ich rang um die Aufmerksamkeit meiner Lehrer und der Freunde meiner Eltern, als könnten sie mich vor der Gesellschaft gleichaltriger Kinder bewahren und mich mit einem Minivan in das gelobte Land der Eileen-Fisher-Tuniken und Merlottrinker befördern. Ich wollte mich unbedingt in Gesellschaft Älterer bewegen. Und dieses Stück nicht einfach irgendein Stück, sondern Annie, der Inbegriff des Achtzigerjahre-Musicals über Narzissmus und das Streben nach Glück schien die perfekte Chance, mit Erwachsenen zusammenzuarbeiten. Leuten mit Girokonten und Schamhaaren! In meinem beispiellosen Ehrgeiz verzehrte ich mich danach, mit einem richtigen erwachsenen Mann mit kurzgeschorenem Haar oder falscher Plastikglatze Händchen zu halten und im Wechsel zu trällern: »Ich bin arm wie eine Kirchenmaus!« »Ich bin reicher als Midas«, und so den Hauptunterschied zwischen Annie und Oliver Warbucks musikalisch darzustellen.

Allerlei blöde Fantasien paradierten damals mit lachhafter Regelmäßigkeit durch meinen Kopf und stützten meine Argumentation, die ich mir Punkt für Punkt aufbaute in dem Versuch, meine Eltern davon zu überzeugen, dass sie mich dringend zu dem Vorsprechtermin bis nach Yorktown kutschieren mussten. Sie ließen sich tatsächlich darauf ein, und während ich mit fünf anderen Drittklässlerinnen die ersten beiden Takte von »Tomorrow« runternudelte, unterhielt sich meine Mutter mit den anderen Bühnenmüttern. Meine Mom hat mir immer Mut gemacht, aber eine Mama Rose war sie nicht: Sie war der Meinung, seine Zeit bei kostenpflichtigen Vorsprechterminen zu verschwenden oder Schauspielschulen Geld in den Rachen zu werfen, die ihre Schüler mit Hausaufgaben versahen wie »Geh in den Zoo und beobachte ein Tier«, wäre höchstens was für nicht sehr schlaue Kinder.

Zu meiner großen Überraschung überzeugte ich in Runde eins der Proben, sodass ich zwischen jenem ersten Abend und drei Tagen später, als mich mein Dad zum zweiten Vorsprechtermin fuhr, längst überzeugt war, die Rolle in der Tasche zu haben. Ich hatte bereits meine Kurzbiografie für das Programmheft entworfen, in der Formulierungen wie »das Mädchen mit der Goldkehle« und »mit unendlicher Dankbarkeit« vorkamen, meine Rede für die bevorstehende Verleihung des Tony Award geschrieben, in der ich meinen Feinden eine böse Abfuhr erteilte (»Wer ist hier fett und zurückgeblieben?«), und auch schon mal geübt, Autogrammkarten mit meinem selbst gewählten Künstlernamen zu unterschreiben: »Kitty Clay« ein Name, der eigentlich einer auf die Darstellung von Prostituierten spezialisierten Charakterschauspielerin aus den fünfziger Jahren besser gestanden hätte als mir. Mein Absturz war dadurch nur umso tiefer.

Mein Vater, der völlig schief zu »Up On The Roof« auf 101.1 CBS-FM mitsummte, war insgeheim froh, das ich es nicht geschafft hatte. Nicht weil er mich in meinen schauspielerischen Bestrebungen nicht ermutigt hätte; zu behaupten, er habe mich »unterstützt«, wirkt angesichts des Stolzes, mit dem er mich auf der Bühne bewunderte, stark untertrieben. Er sah stets gebannt zu, schärfte mir ein, dass ich zum Star geboren bin, und achtete darauf, dass ich bei Schulaufführungen immer in der ersten Reihe stand. Außerdem hielt er immer zuverlässig Blumen und Lob parat, auch wenn alles in die Hose ging. Zum Beispiel, als mir die Pianistin in der allerletzten Minute eröffnete, dass sie die Noten zu Gypsy nicht dabeihatte und ich mich gegen »a capella« und »gar nicht« dafür entschied, mit voller Hingabe »Rose’s Turn« zum Besten zu geben. Begleitet wurde ich dabei von einer Aufnahme der Produktion mit Tyne Daly einschließlich Zwischenrufen von Claudia Teitelbaum, die »Yeah!«, »You like it!« und »Well, I got it« schrie, was für ein achtjähriges Mädchen schon hart an der Grenze zur Performance Art war.

Nein, mein Dad war einfach erleichtert, als ich die Rolle nicht bekam, weil er jetzt nicht länger den Chauffeur spielen musste. Die Fahrt von Scarsdale nach Yorktown Heights, wo die Proben stattfanden, dauerte anderthalb Stunden, und wäre ich als Annie besetzt worden, oder auch nur als eines der Waisenkinder eine entmotivierende Möglichkeit, die mir nicht mal ansatzweise in den egoman verklärten Sinn gekommen war, hätte er mich an fünf Tagen in der Woche hin und her kutschieren oder das Risiko auf sich nehmen müssen, mir mit seiner Weigerung das Herz zu brechen. Der Klang des Wortes »Nein« war stets ein Schock für mich, wenn er meinem Dad über die Lippen kam, ob es sich nun auf einen dritten Keks oder die Realisierung einer grandiosen Wunschvorstellung bezog. Meine Mutter sagte mir Wochen später, als ich mich endlich beruhigt hatte, dass sie mich sowieso nicht zu den Proben gefahren hätten, auch wenn ich es geschafft hätte. Beim ersten Vorsprechtermin hätten sie sich lediglich noch eine »Kommt Zeit!«-Haltung zu eigen gemacht. Meine Mom, die stets davon ausging, dass ihre Gesprächspartner mit dem Sprichwort-Kanon vertraut waren, führte angefangene Redewendungen nie zu Ende. Bei ihr hieß es immer »Was du heute kannst« oder »Der Apfel fällt nicht weit«, was ein zutiefst verwirrender Ratschlag in den Ohren eines kleinen Mädchens war, das einfach nur dahinterkommen wollte, weshalb Andrea Blum ihre Doritos gestohlen hatte eine allseits äußerst beliebte Klassenkameradin, deren Mutter ein hinterhältiges Monster mit so stark gelifteten Augen war, dass sie aussah wie eine Koreanerin. Ich dachte damals, an der Aufführung teilzunehmen hätte mich von dem sozialen Druck befreien können, dem ich mich in der Solomon Schechter Hebrew School täglich unter dem Einfluss der französisch manikürten jüdischen Alphamädchen ausgesetzt sah und den ich tapfer ertrug. Ich hatte es so satt, Zielscheibe von Andrea Blums spöttischem Grinsen zu sein, von den drei Lizzies, Shapiro, Steinberg und Strauss einmal ganz zu schweigen die Mädchen mit der schönsten Sonnenbräune, den längsten Wimpern und den kratzigsten Benetton-Pullis der ganzen Jahrgangsstufe, deren altkluger Sarkasmus nur von den Mädchen mit den langsam knospenden Brüsten auf der Junior High übertroffen wurde. Ich hatte diese Rolle so unbedingt haben und mich mit einem »Bis später, ihr Versager!« von ihnen allen verabschieden wollen. Sie hätten mir von den billigen Plätzen aus zusehen dürfen, dachte ich. Und ich hätte mit einem erwachsenen Mann und einem lebendigen Hund auf der Bühne gestanden. Das Schluchzen nahm kein Ende.

Mein Dad, der jetzt kleinlaut bei »Under the Boardwalk« mitpfiff, meinte, ich sollte mich entspannen. Das war ein guter Ratschlag, den ich leider in keiner Weise beherzigen konnte, da ich völlig hysterisch war. Wie hatte es nur zu einer solch entsetzlichen Fehlentscheidung kommen können? Als ich zur offenen Abstimmung eintraf und merkte, dass ich die einzige Rothaarige unter den Vorsprechenden war, dachte ich, ich hätte die Rolle in der Tasche. Schließlich weiß jeder, dass Annie rote Haare hat, und wer will schon einem gesunden Kind, das nicht unter Leukämie leidet, eine Perücke aufsetzen? Ich war bereit, hatte zum Film und auch zum Album der Broadway-Show Stepptanz geübt und Annie beziehungsweise mir von Albert Finney beziehungsweise Reid Shelton versprechen lassen, er würde für einen wolkenlosen Himmel keinen Sonnenschein brauchen: »I don’t need anything but you!«

Im wirklichen Leben braucht ein kleines Mädchen mehr als ihren Dad, auch wenn es sich um Oliver Warbucks, den steinreichen Plutokraten handelt, dessen Herz sich nur angesichts des Optimismus einer kleinen Stadtstreicherin mit Karottenkopf erweichen lässt. Aber mein Dad, der in mir eine so starke Liebe zum Musical geweckt hat, dass ich bis heute keine Aufnahme von Sunday in the Park with George hören kann, ohne in Tränen auszubrechen, hat mir, als ich klein war, den Eindruck vermittelt, er sei der einzige Mann, den ich je brauchen würde.

Mein Vater ist ein untersetzter Buchhalter von bescheidener Körpergröße mit Bronx-Akzent und einer kahlen Stelle auf dem Kopf. Er ist ein Mann, der mit den Augen lächelt. Einfache Geschichten wie »Ich habe heute gesehen, wie ein Golden Retriever mit einem Spielzeug im Maul über die Straße gelaufen ist« amüsieren ihn. Und er ist ein unglaublich herzlicher Mensch: Wenn er einem die Hand schüttelt, packt er sein Gegenüber höchstwahrscheinlich gleichzeitig an der Schulter, und immer, wenn er beim Essen einen Witz reißt, sieht er mich an, damit ich auch ja mitbekomme, dass er nur mir zuliebe herumblödelt. Er behielt mich immer im Auge, achtete darauf, dass ich zu Hause anrief, wenn ich bei einer Freundin übernachtete oder in die Stadt fuhr, und immer, wenn ich mich gegen seine Protektivmaßnahmen zur Wehr setzte, erwiderte er schlicht: »Du bist meine einzige Tochter«, was für mich bedeutete, dass ich der einzige Mensch auf der ganzen Welt war.

Mein Dad war es gewohnt, die Rolle des Patriarchen zu übernehmen, seit sein Vater nach dem ich benannt wurde recht jung an einem Herzinfarkt gestorben war. Er ist der mittlere von drei Söhnen und, soweit ich das beurteilen kann, in seiner Jugend ein ziemlicher Krawallbruder gewesen. Eine der markantesten Eigenschaften meines Vaters, was vielleicht eigentümlich erscheinen mag, ist seine ausgeprägte Vorliebe für Musicals. Von seiner allerersten Broadway-Show spricht er bis heute: Li’l Abner, ein Stück, das wie Annie auf einem steinalten, lächerlichen Comicstrip basiert. Er erinnert sich noch, wie er damals mit leuchtenden Augen im Parkett saß und den Mund vor Staunen nicht mehr zubekam, während die Schauspieler den Publikumserfolg »Jubilation T. Cornpone« schmetterten. Doch obwohl mein Dad Musicals immer geliebt hat, wollte er sich nie als Schauspieler versuchen. Selbst wenn er eine Melodie hätte halten können, so ist es einfach nicht seine Art, sich ins Rampenlicht zu stellen. Er ist eher der Typ Beleuchter.

Es ist ein falsches Klischee, dass alle schwulen Männer Musicals lieben, aber vielleicht lässt sich verallgemeinernd sagen, dass es wahrscheinlich nicht wahnsinnig viele heterosexuelle Männer unter fünfzig gibt, die in Begeisterungsstürme verfallen, wenn man ihnen erklärt, dass der Abend mit einer Taxifahrt an den Times Square beginnen und mit einer Verbeugung von Tommy Tune enden wird. Der typische heterosexuelle Mann verabscheut das Gepränge eines Musicals: den schalen Humor, die Darsteller, die in zärtlichen Szenen lautstark anfangen Balladen zu trällern, das Gekünstelte daran, das einerseits hoffnungslos überholt wirkt und andererseits von zweifelhaftem Geschmack zeugt. Was mir persönlich unglaubliche Freude bereitet der Humor, der so schlecht ist, dass er schon wieder gut ist, oder wenigstens witzig ist eine Sprache, die so mancher mädchenliebende Junge nicht versteht, abgesehen von bestimmten Heteros wie teeschlürfenden Aficionados des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Schauspielern, die per definitionem schwul sind, weil alle Schauspieler tierisch auf sich selbst abfahren.

Ich war ungefähr elf Jahre alt, als mir, kurz nachdem ich die Rolle der Annie nicht bekommen hatte, klar wurde, dass meine Fähigkeiten zu singen, zu tanzen und ein Publikum in meinen Bann zu ziehen zu dem auch mein Vater gehörte, das sich aber keinesfalls auf ihn beschränkte lange noch keine Garantie dafür waren, dass es mir gelingen würde, Männer zu verführen. Zwanzig Jahre später, als ich mich längst vom Musical ab- und meiner Tätigkeit als Autorin zugewandt hatte, merkte ich, dass witzig sein auch nicht weiterhalf.

Damals im Ferienlager spielte ich mit aufgemaltem Schnurrbart als Junge verkleidet Rusty Charlie in einer Aufführung von Guys & Dolls. Ich sang das Stück mit dem unglaublichen Titel »Fugue for Tinhorns« und trug dabei ein Herren-Tweedjackett und einen französisch geflochtenen Zopf, den mir einer der Betreuer unter meinen Bowlerhut aus Plastik gestopft hatte als wäre ich Teil einer perfiden Wette, die verlangte, dass ich auf keinen Fall hübsch aussehen durfte. Damals war ich jedoch absolut zuversichtlich, dass mein Auftritt mit oder ohne Schnurrbart den Deal mit dem Jungen, mit dem ich bis dahin lediglich geflirtet hatte, perfekt machen würde. Sein Name war Evan Pringsheim und er stammte aus dem exotischen Chappaqua. Wir waren als Paar abgestempelt, seit ich in meinem Schlafsaal erzählt hatte, dass mir sein Gesicht gefiel ein pikantes Tratschdetail, das Evans Freunden zugetragen worden war, die sich daraufhin wie Angehörige eines Kannibalenstamms in einer Reihe aufstellten, um dem brodelnden Schlund eines Vulkans eine Jungfrau darzubieten. »Los, mach’s!« schrien sie im Sprechchor und schubsten ihn mir mit knallrotem Gesicht entgegen. Ich war entzückt. Jetzt gehörte er mir, ganz allein mir!

Während unserer nachmittäglichen Treffen zog ich alle Register. Ich erzählte Evan Witze aus den »Truly Tasteless«-Witzsammlungen und davon, wie ich meinen Zahn verloren hatte. Dabei trug ich stets mein treffsicheres Köderoutfit: das neonpinkfarbene T-Shirt mit dem bananengelben Schriftzug LA JOLLA, CALIFORNIA und meine »schicken Shorts« eine tödliche Kombination, vergleichbar mit einem Bustier-Nahtstrumpf-Ensemble. Und dabei hatte mich Evan noch nicht einmal geküsst. Ich wusste, wenn er mich mit »Fugue« sehen würde wenn alle Gangster gegeneinander ansingen und sich die Namen der Pferde, auf die sie wetten wollen, an die Köpfe knallen würde er mir gehören.

Ich sollte mich irren. So wie Hitler sich geirrt hatte. Aber für ein paar Stunden an jenem Abend, in denen ich gut gelaunt und abgelenkt auf der Bühne des Ferienlagers stand, vermisste ich meinen Vater etwas weniger. Am Ende der Show sagte Evan nichts. Ich glaube, er wollte auf seine Art nett sein, so tun, als sei nichts gewesen. Als hätte er nicht dort sitzen müssen und seine Freundin mit aufgeschminktem Schnurrbart singen hören: »Just a minute, boys! I’ve got the feed box noise! It says the great-grandfather was Equipoise. »Vielleicht hatte er sich gedacht, wenn er so tat, als sei nichts gewesen, würde er es eines Tages doch noch schaffen, eine Erektion zu bekommen.

Evan hatte etwas Peinliches in etwas Unsichtbares verwandelt, und seine Nichtreaktion auf mein ehrgeiziges Unterfangen war nur das erste Ereignis in einer langen Kette, die sich zu einem lebenslangen Trend auswachsen sollte. Solange ich mich erinnern kann, musste ich den Drang niederkämpfen, Jungs hinterherzurennen, die sich mir gegenüber gleichgültig zeigten. Das ist alles andere als ladylike.

Don Juan und Alexander Portnoy sind zum Beispiel Männer, die von vornherein keinen Hehl daraus machen, dass sie verrückt nach Mädchen sind. Ich aber verliebe mich so, wie fette Menschen Hunger haben. Wenn ich verknallt bin, komme ich mir vor wie Divine in Hairspray, die alle in ihrer näheren Umgebung warnt, dass die Wirkung ihrer Diätpillen nachlässt. Mein anhaltendes Streben nach den Opiaten, die nur in männlicher Zuwendung enthalten sind, herrlicher männlicher Zuwendung, hat mich lebenslang zu unschicklichem und lächerlich demütigendem Verhalten verurteilt.

Evan Pringsheim aus Chappaqua war der erste von vielen Möchtegern-Schönlingen, die nicht in der Lage waren, die Mauer zu umschiffen, die Daddy rings um mich herum errichtet hatte und deren Steine von einem Mörtel aus Tanz und Musik zusammengehalten wurden. Als mich Evan Ende des Sommers sitzenließ, heulte ich wie damals im Wagen meines Vaters und flüchtete mich zu Hause in die tröstenden Arme meiner Eltern und meines Bruders, der mir nach meiner ersten Trennung erklärte: »Männer sind Abschaum.«

Ich nahm mir diese Erkenntnis zu Herzen, fühlte mich nach meiner Liebesschlappe dadurch aber auch nicht besser. Ich wollte eben einfach nur einen Freund haben, okay? So wie ich an meinem Geburtstag Schokomüsli frühstücken und die Barbie namens Miko haben wollte, die angeblich aus Hawaii kam und einen gebatikten Badeanzug trug.

Aber Jungs und Theaterrollen kann man leider nicht einfach aus dem Regal ziehen und zur Kasse tragen. Man muss da raus, acht Takte singen und abwarten, ob man für den Job geeignet ist. Und wenn’s nicht gut läuft? Dann muss man darauf achten, dass jemand in der Nähe ist, der einen liebt und daran erinnert, dass es immer auch noch eine andere Show geben wird.

kermit der frosch
ist ein schlechter freund

Als der Muppets-Film Anfang der achtziger Jahre im Fernsehen gezeigt wurde, haben meine Eltern ihn mit unserem alten Videorekorder aufgenommen. Ich habe die Kassette so häufig eingelegt, dass sie zum Schluss ganz ausgeleiert war, so viel Spaß hatte ich an den Abenteuern von Kermit und seinen Freunden, die vor Doc Hopper, dem Besitzer eines Froschschenkel-Restaurants, fliehen mussten und zu den Klängen von Electric Mayhem tanzten. Ich hatte unglaubliche Ehrfurcht vor Madeline Kahn, Carol Kane und Cloris Leachman die dort als Gäste auftraten, und ich gebe dem Film noch immer die Schuld an meiner Schwärmerei für Austin Pendleton. Aber mehr noch als alles andere wollte ich genauso sein wie Miss Piggy. Sie war ma héroïne.

Ich war ein tapferes kleines Mädchen, aber mit den wilden Ikonen der Kinderliteratur wie Pippi Langstrumpf oder der Spionin Harriet hatte ich nichts am Hut. Selbst mit Ramona Quimby, die eigentlich echt cool zu sein schien, konnte ich nicht viel anfangen. Sie war dürr und rauflustig, und ich war sanft und sarkastisch. Stattdessen identifizierte ich mich mit Miss niemals »Ms.« Piggy, der Comédienne extraordinaire, die abwechselnd mit den Wimpern klimperte und Karatehiebe verteilte, angesichts von Mädchenkram wie Schokolade, Parfüm, Federboas oder einer lässig eingestreuten Französischvokabel in Verzückung geriet und dann urplötzlich, wenn sie sich beleidigt fühlte, ihre Stimme senkte und sagte: »Legt euch bloß nicht mit mir an, Jungs.« Sie war ungemein feminin, erfrischend ehrgeizig und auf rasend komische Art brutal, wenn es nicht nach ihrem Kopf ging, egal ob bei der Arbeit, der Liebe oder im Leben. Und obwohl sie eine Schweinemarionette war, deren Stimme von einem Mann gesprochen wurde, der ihr seine Hand in den Hintern schob, war sie die kämpferischste Feministin, die mir bis dato begegnet war.

Ich tat es Piggy gleich und stellte mit schweinischer Entschlossenheit jedem Möchtegern-Kermit in meiner Nachbarschaft nach. Und zwar aggressiv. Eine »Jungs sind eklig«-Phase habe ich nie durchlaufen ich verknallte mich und trat mit den Hufen aufs Gas. Ich war kein Mädchen, das nicht nein sagen konnte, sondern eines, das kein Nein akzeptierte. Meinem Schwarm aus der ersten Klasse, Jake Zucker, habe ich noch Mitte März Valentinsgeschenke aufs Schülerpult gestellt. Und Avi Kaplan habe ich im Gang in eine Ecke gedrängt und versucht, ihn dazu zu bringen, mich zu küssen. In der zweiten Klasse flehte ich meine Mom an, sie möge Ben Margulies’ Mutter erzählen, wie verliebt ich in ihren Sohn war, in der Hoffnung, diese würde ein gutes Wort für mich einlegen. Als ob so etwas jemals funktioniert hätte.

Damals sah ich mich nicht so, wie ich mich jetzt im Rückblick sehe: als rotgesichtigen Mini-Gulliver mit Rattenschwanzzöpfen, der in Turnschuhen und viel zu bunten Pullis, die stämmigen Oberschenkel in Stonewashed Jeans gezwängt, durch die Gegend stampfte. Sobald ich »einen MAAAAANN!« auch nur roch, hätte ich dem niedlichen Jungen, an dem ich Gefallen gefunden hatte, am liebsten eins mit der Keule über den Kopf gezogen und ihn an den Haaren in meine Höhle gezerrt, wo ich ihn gezwungen hätte, mich ebenfalls zu mögen. Damals hielt ich mich für ein Schwein fatale. Miss Piggy wollte dasselbe wie ich, nämlich berühmt und fantastisch sein und von dem einzig wahren Frosch auf der ganzen Welt geliebt werden (und gelegentlich auch von Charles Grodin). Aus heutiger Sicht muss ich allerdings einräumen, dass Kermit nicht so richtig auf sie stand.

Vieles an Kermit ist absolut liebenswert: sein Sinn für Humor, seine Loyalität gegenüber seinen Freunden, sein Charme und sein Selbstvertrauen, obwohl es bestimmt nicht einfach ist, grün zu sein. Gleichzeitig aber legt Kermit angesichts der Annäherungsversuche seiner künftigen Geliebten ein ebenso ausgeprägtes Desinteresse an den Tag, wie ich es seit der Grundschule von den Jungs, die meinen Weg kreuzten, zu erwarten gelernt habe. Ich glaube, indem ich Piggy dabei zusah, wie sie Kermit nachstellte, bekam ich eine seltsame Ahnung davon, was Männer und Frauen im wahren Leben tun, wenn sie erwachsen sind. Ich stellte mir vor, wenn man glamourös, witzig und wunderbar, wie man nun mal war einen Jungen gefunden hatte, der seinerseits witzig, beliebt, charmant und schüchtern war und einem gefiel, dann ging man einfach auf ihn zu und erplauderte sich seine Gunst. Piggy und Kermit waren für mich der Inbegriff der Romantik. Und ich weiß nicht, ob das so gesund war.

Als ich mir neulich den Muppets-Film noch einmal ansah, hatte ich ein Déjà-vu, allerdings nicht so, wie man es erwarten würde, wenn man einen Film schaut, den man als Kind geliebt hat. Als ich sah, wie Kermit, kurz bevor er zwischen zwei Dampfwalzen zermalmt wurde, nichtsahnend und vollkommen sorglos die Straße entlangradelte, dachte ich: »Oh Gott. Den kenn ich. Mit dem war ich mal zusammen.« Kermit, der geliebte Frosch vergangener Tage, erinnerte mich plötzlich und unübersehbar an die Typen aus Greenpoint oder Silver Lake, die mit ihren Second-Hand-Brillengestellen auf der Nase zwischen Bandprobe und Kneipenbesuch durch die Straßen radelten, völlig unbeeindruckt von den lauernden Gefahren der Realität und des Erwachsenendaseins. »Oh Gott«, dachte ich. Kermit ist einer von diesen Hipstern, die den Eindruck machen, als hätten sie Angst vor mir.

Und plötzlich passte alles zusammen.

Wissen Sie noch, wie zufrieden Kermit war, als er auf einem Baumstamm im Sumpf saß und Banjo spielte? Das ist der Mann, dem ich mein Leben lang nachgerannt bin, dem ich unbedingt beweisen wollte, wie wunderbar ich bin. Erinnern Sie sich, wie Kermit immer nur höflich lachte, wenn ihn Miss Piggy herzzerreißend anflehte, ihr doch bitte, bitte ein Küsschen zu geben, oder wie er direkt vor ihrer Nase mit einem der hübschen weiblichen Gaststars flirtete und ihre Eifersuchtsattacken ignorierte? Piggy musste sich ständig verbiegen, um eine gute Rolle in der Show zu bekommen, während Kermit immer der Star war. Und weil sie ihn liebte, nahm Piggy immer das, was er ihr gerade zu geben bereit war. Und das war nie etwas wirklich Tolles, wie der Schmuck, den sie sich selbst kaufte. Perlen vor die Säue? Nein, eher ein Fall von Bruder vor dem Luder.

Kermit hat nie zu schätzen gewusst, was er an Piggy hatte, weil sie einfach nur eines von vielen tollen Dingen in seinem Leben war. Er vertrat genau die Haltung, die auch Frauenzeitschriften ihren Leserinnen verkaufen, nämlich dass Partner nur der Zuckerguss auf der Torte des Lebens sind. Dabei weiß jeder, dass ein Kuchen ohne Zuckerguss bloß ein gewöhnlicher Muffin ist.

Kermit wollte sich nicht darum bemühen, Piggy glücklich zu machen er wollte einfach nur seine Sendung moderieren und ein bisschen Zeit mit Freunden verbringen. Wenn sie ihn um mehr bat, musste er schlucken. Erinnern Sie sich an Die Muppets erobern Manhattan? Am Ende gelingt es Piggy mit einem Trick, Kermit zu heiraten, indem sie Gonzo in der Broadway-Show, in der Kermit und Piggy ein Hochzeitspaar spielen, durch einen echten Pfarrer ersetzt. Und das alles nachdem Kermit Piggy vor allen ihren Freunden zur Schnecke gemacht und sich spöttisch darüber ausgelassen hat, dass kein Frosch wie er sich jemals mit einem Schwein wie ihr einlassen würde.

Er bekommt ihren Karateschlag zu spüren, und genau genommen ist er zu diesem Zeitpunkt auch gar nicht Kermit, weil er sein Gedächtnis verloren hat. Trotzdem hat er Piggy den kompletten Film hindurch leiden lassen. Als sie ihn heimlich durchs Gebüsch verfolgt, muss unsere arme schweinische Heldin zusehen, wie ihr Geliebter mit einer mäuschenhaften menschlichen Kellnerin anbandelt (deren Kolleginnen tatsächlich Mäuse sind). Und die ganze Zeit über weiß sie, dass auf Kermits Prioritätenliste das Versprechen gegenüber seinen Freunden, die Show zum Erfolg zu führen, ganz weit oben steht, und das ist ihm viel wichtiger, als dass es mit ihnen beiden funktioniert.

Sogar als sie schon verheiratet sind, bringt Kermit Piggy noch um ihren romantischen Abschlusssong. Die beiden frisch Vermählten halten Händchen, und direkt bevor der Film mit einer Einstellung endet, die sie zusammen auf einem Halbmond sitzend zeigt, schwingt sich Kermit dann doch noch zu dem Maximum an Romantik auf, zu dem er fähig ist: Er singt für seine Frau.

»What better way could anything end? Hand in hand with a friend.«

Einer Freundin? Was zum Teufel denkt der sich???

Ich erinnere mich, die Zeile als Kind für das Netteste überhaupt gehalten zu haben, und jetzt war ich entsetzt. Ich habe nichts gegen die romantische Vorstellung, dass ein Ehepartner gleichzeitig auch der beste Freund oder die beste Freundin sein kann, denn das ist ganz offensichtlich wahnsinnig rührend, noch kann ich mich der Komik verschließen, wenn eine rallige Frau hinter einem schüchternen Mann her ist das ist ganz klar witzig und war es schon immer, angefangen bei Looney Tunes bis zu Joan Rivers unvergesslicher Stand-up-Comedy, die davon handelt, dass man sie nicht ficken kann. Aber im Bereich der Kinderunterhaltung interpretierte ich die Muppets als Parabel. Für mich waren das keine Geschichten, es waren Originale. Und wenn ich daran denke, wie sehr ich Piggy nacheiferte prächtig herausgeputzt mit Federboa, lavendelfarbenen Pantöffelchen und Ringen über den Satinhandschuhen, frage ich mich, wie viele Jungs aus meiner Generation Kermit wohl für einen coolen Typen hielten?

Und ob sie es okay fanden, die Annäherungsversuche einer so wunderbaren Frau abzuwehren, von der sie wussten, dass sie ihnen sowieso erhalten bleiben würde, egal was geschah, und stattdessen verträumt kreativen Bemühungen nachzugehen und sich mit ihren Konkurrenten anzulegen. Ob sie von Kermits ständiger Erwähnung der Verpflichtungen seinen Freunden gegenüber, die stets Vorrang vor seiner Freundin hatten, den Wert wahrer Männerfreundschaften ableiteten. Und ob sie auch von ihm gelernt haben, dass einem die Mädchen scharenweise hinterherlaufen, wenn man nur schüchtern ist, leise redet und ein Musikinstrument spielt. Dass man nicht lernen muss, wie man eine Frau anspricht, oder sich Sorgen zu machen braucht, ob sie eifersüchtig wird, wenn man vor ihren Augen mit anderen Mädchen flirtet. Man lässt einfach nur seiner Kreativität freien Lauf und hängt mit den Jungs ab, und schon kann man sich vor weiblichen Avancen kaum noch retten.

Manchmal habe ich den Verdacht, Kermit ist mit seinem Gehabe zu einem Vorbild moderner Maskulinität geworden. Wenn dem so ist, dann passt das allerdings nicht zum Paarungsverhalten und den Erwartungen einer Generation von Miss Piggys, die irgendwann zumindest mehr will. Schließlich hat man uns schon als kleinen Mädchen beigebracht, dass es sich nur dann lohnt, Fröschen nachzulaufen, wenn sie sich beim Küssen in Prinzen verwandeln.

Vielleicht wäre es Piggy mit Fozzie besser ergangen. Gonzo war pervers und Rolf, ebenfalls Musiker, hätte schon bald auf Tour gehen müssen. Sicher, Stand-ups haben ihre eigenen Probleme, aber ich wette, der Bär hätte sie wenigstens zum Lachen gebracht. Neben dem zotteligen und ziemlich breit gebauten Fozzie hätte Piggy die Chance gehabt, ein bisschen zarter zu wirken. Es gibt nichts Besseres als einen spindelbeinigen Amphibienjungen, der deutlich weniger wiegt als man selbst, um sich wie eine Wildsau zu fühlen.

Piggys Selbstachtung schien unter den vielen Zurückweisungen nicht zu leiden, aber das Weibsstück ist wie Beyoncé stahlhart und möglicherweise aus dem Weltall. Doch wenn ich zurückblicke und daran denke, wie ich Jake Zucker bei seiner Geburtstagsparty auf Schlittschuhen hinterherjagte oder betete, Ben Margulies möge meine Nachricht bekommen, in der ich ihm mitteilte, er habe eine »heimliche« Verehrerin, dann wünsche ich, ich hätte damals etwas mehr Selbsterhaltungswillen bewiesen. Wenn man zum Beispiel der Star seiner eigenen Show sein möchte, sollte man vielleicht einfach eine eigene Show auf die Beine stellen. Oder den Kerl stehen lassen, dem es egal ist, ob man eifersüchtig wird, wenn er direkt vor einem mit anderen flirtet. Vielleicht wird einem dann eines Tages auch klar, dass man in Wirklichkeit gar nicht auf den allseits beliebten Charmeur mit einem Talent fürs Banjospielen steht, sondern dass man viel lieber den Mann haben will, der verrückt nach einem ist und der einem das Gefühl gibt, selbst der Star zu sein.