Erzählungen

 

Heinrich von Kleist

 

 

 

 

Inhalt:

 

Heinrich von Kleist – Biografie und Bibliografie

 

Michael Kohlhaas

Die Marquise von O...

Das Erdbeben in Chili

Die Verlobung in St. Domingo

Das Bettelweib von Locarno

Der Findling

Die heilige Cäcilie oder

Die Gewalt der Musik

Der Zweikampf

 

 

 

 

Erzählungen, H. von Kleist

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

 

ISBN: 9783849625399

 

www.jazzybee-verlag.de

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Heinrich von Kleist – Biografie und Bibliografie

 

Hervorragender deutscher Dichter, geb. 18. Okt. 1777 in Frankfurt a. O., gest. 21. Nov. 1811 am Wannsee bei Potsdam, Sohn eines preußischen Offiziers, verlor bereits früh seine Eltern, den Vater 1788, die Mutter 1793; nach deren Tod übernahm eine Tante, Frau v. Massow, die Führung des Haushaltes; Kleists Herzen am nächsten stand seine Stiefschwester Ulrike (geb. 1774). Zuerst in seiner Vaterstadt durch Privatunterricht herangebildet, wurde K. 1788 in Berlin dem Prediger Catel in Pension gegeben, bei dem er sich eine ausgezeichnete Kenntnis der französischen Sprache erwarb. Den Überlieferungen seiner Familie folgend, trat K. im Dezember 1792 in das Heer ein (1. Garderegiment), wurde zunächst Gefreiter-Korporal, war als solcher in den nächsten Jahren an den kriegerischen Operationen am Rhein beteiligt und schloß hier Freundschaft mit Fouqué, wurde 14. Mai 1795 zum Fähnrich befördert, kehrte nach Potsdam zurück und rückte hier 7. März 1797 zum Sekondeleutnant auf. Unbefriedigt von dem Dienst und von heißem Bildungstrieb erfüllt, nahm K., dessen Seele 1798 durch die erste Liebe, zu Fräulein Luise v. Linkersdorf, erschüttert worden war, 4. April 1799 seinen Abschied aus der Armee und begab sich in seine Vaterstadt, um sich an der dortigen Universität dem Studium der Mathematik, Philosophie und Kameralwissenschaften zu widmen. Den Freuden des Studentenlebens blieb er fern; in ungestümem Eifer die Gefahren der Überbürdung und Zersplitterung nicht erkennend, gewann er auch zur Wissenschaft kein freies und glückliches Verhältnis. Aber eine tiefe Wandlung erfuhr Kleists Seelenleben durch die Liebe zu Wilhelmine v. Zeuge, der Tochter des im Februar 1799 als Chef des dortigen Infanterieregiments nach Frankfurt versetzten Obersten v. Zeuge, die des Jünglings Gefühle aufrichtig erwiderte und bewundernd zu ihm emporschaute, während er ihr gegenüber in oft fast befremdender Weise den belehrenden Hofmeister spielte. Nach drei in Frankfurt verbrachten Studiensemestern zog K. 14. Aug. 1800 nach Berlin, in der Hoffnung, in der Zoll- und Steuerverwaltung oder auch in der Königlichen Seehandlung eine Anstellung zu erhalten. Doch zunächst reiste er in Begleitung seines edlen Freundes Brockes nach Würzburg, wahrscheinlich, um in der dortigen Klinik von einem Leiden, das sein Gemüt verdüsterte, Heilung zu suchen (vgl. Morris, H. v. Kleists Reise nach Würzburg, Berl. 1899); auf der Hinreise ließ er sich in Leipzig unter falschem Namen immatrikulieren. Bald nach seiner Rückkehr, 28. Okt. 1800, scheint K. für einige Monate als Volontär im Handelsressort des Ministeriums beschäftigt worden zu sein; seine Stimmung war heiter, zumal ihn der Verkehr mit den Freunden Brockes, Rühle v. Lilienstern, Ernst v. Pfuel und Graf Alexander zur Lippe beglückte.

 

Erst um das Jahr 1800 erwachte Kleists poetisches Talent; bereits in Würzburg beschäftigte ihn der Plan der »Familie Schroffenstein« und auch wohl schon der des »Robert Guiscard«. Mit Leidenschaft bohrte er sich in die Probleme des Lebens hinein; auf Reisen und dann in der Zurückgezogenheit eines weltfremden idyllischen Milieus wollte er seinen Geist bereichern und den tiefsten Grund seines Ichs entdecken. Ende April 1801 brach K. in Begleitung der geliebten Schwester Ulrike von Berlin auf, um sich nach kurzem Aufenthalt in Dresden, Leipzig, Halberstadt (wo er den alten Gleim besuchte), Kassel, Frankfurt und Straßburg nach Paris zu begeben, wo er kurz vor dem Nationalfeste des 14. Juli eintraf. Aber dem harten Ostelbier war das Treiben, das er hier beobachtete, zuwider, er faßte tiefe Abneigung gegen die Franzosen, und, einseitig nach innen lebend, blind für die große Kultur der Weltstadt, beschloß er, sich als einfacher Landmann in der Schweiz niederzulassen, um dort (Jahrzehnte vor Tolstoi!) das Rousseausche Naturideal zu verwirklichen. Im Dezember 1801 traf der Dichter in Basel ein; Ulrike kehrte heim. Aber K. fand nicht, was er suchte. Wohl bot ihm in Bern die Freundschaft mit Heinrich Zschokke, Ludwig Wieland, dem Sohne des »Oberon«-Dichters, und Heinrich Geßner, dem Sohne des Idyllendichters, anregende Stunden, wohl befand sich das Häuschen auf dem Delosea-Inseli (am Ausfluß der Aare aus dem Thuner See), das K. mietete, in entzückender Lage, wohl erfrischte ihn die naive Natur seiner Wirtstochter, die hier lange seinen einzigen Umgang bildete, aber der Bruch mit Wilhelmine v. Zeuge, den K. selbst durch seinen Brief vom 20. Mai 1802 herbeiführte (sie lehnte es ab, ihm als Bauersfrau in die Schweiz zu folgen), und die unablässigen Aufregungen des in grüblerischem Ehrgeiz sich einsam zermarternden Dichters zerrütteten seine Gesundheit. Freunde brachten ihn im Sommer nach Bern in ärztliche Obhut; im Oktober eilte Ulrike herbei. Im November 1802 weilte K. in Jena und Weimar, wo er Goethe kennen lernte und glänzende Aufnahme bei Wieland fand, als dessen Gast er bis Ende Februar 1803 in Oßmannstedt blieb. Mehrere Monate verbrachte der Dichter in Leipzig, 13. Juni traf er in Dresden ein, wo er mit den alten Freunden Fouqué, Rühle und Pfuel zusammen lebte, aber lebensmüde und geistig bankrott erschien. Um ihm zu helfen, erbot sich Pfuel zum Reisebegleiter nach der Schweiz und Oberitalien; aber unbefriedigter Ehrgeiz verdüsterte auch hier das Gemüt des Kranken. »Wie von der Furie gepeitscht« eilte er mit dem Freund im Oktober 1803 nach Lyon und Paris, verbrannte hier in einem Wahnsinnsanfall das Manuskript des fast vollendeten »Guiscard«, begab sich, Pfuel entfliehend, ohne Paß nach Nordfrankreich, um sich für das französische Heer anwerben zu lassen, ward aber von einem Bekannten auf die Gefahr seiner Lage aufmerksam gemacht und bestimmt, von dem preußischen Gesandten in Paris einen Paß zu erbitten, den dieser aber direkt nach Potsdam ausstellte. Nach Deutschland zurückgekehrt, verblieb K. zunächst wegen eines schweren Nervenleidens fünf Monate in Mainz, im Frühjahr 1804 wurde er bei einem Pfarrer in der Nähe von Wiesbaden untergebracht, und nachdem er noch den Versuch gemacht hatte, sich als Tischler zu verdingen, traf er im Juli, leidlich genesen, wieder in Potsdam ein.

 

Kleists erstes Werk: »Die Familie Schroffenstein« (Bern 1803), hatte ursprünglich den Titel »Familie Ghonorez« und wurde erst nachträglich auf Ludwig Wielands Rat und zum Teil von diesem selbst in die jetzige Fassung gebracht (die ältere Form, hrsg. von E. Wolff, in Hendels »Bibliothek der Gesamtliteratur«, Nr. 1643); es ist in Einzelheiten genial und durchgreifend, vielfach aber noch unreif, unselbständig und fremdartig. Die von E. Wolff herausgegebenen »Zwei Jugendlustspiele« (Oldenb. u. Leipz. 1898) rühren nicht von K. her, sondern sind klägliche Machwerke Ludwig Wielands. Dagegen ist der durch ein Bild angeregte, in der Hauptsache 1803 geschriebene, aber erst 1811 veröffentlichte »Zerbrochene Krug« eines der bedeutendsten Lustspiele der deutschen Literatur; es ist durch Lebensfülle und-Wahrheit, köstlichen Humor, höchst eigenartige, nur selten etwas schleppende Führung der Handlung, ausgezeichnete Charakterzeichnung und treffliche Milieuschilderung in gleicher Weise bemerkenswert. Und nicht minder vollendet in seiner Art ist das vom »Robert Guiscard« gerettete Fragment (zuerst veröffentlicht im »Phöbus« 1808), das durch den meisterhaften Stil und durch die majestätische Größe des Helden an die ersten Muster tragischer Kunst gemahnt.

 

Um die Mitte des Jahres 1804 bewarb sich K. auf Anraten seiner Freunde wieder um eine Staatsanstellung; er wurde im Auswärtigen Amt beschäftigt und um die Jahreswende nach Königsberg versetzt, wo er sich mit größerer Freiheit der Seele als zuvor seiner poetischen Produktion widmen konnte, mit dem Dichter F. A. v. Stägemann bekannt wurde und außer dem Freunde Pfuel auch seine einstige Braut Wilhelmine, die sich mit dem Philosophie-Professor Krug verheiratet hatte, wiedersah. Von der Königin Luise war ihm eine Jahrespension von 60 Louisdor ausgesetzt worden. Seine Gesundheit blieb schwankend; das Seebad in Pillau, das er 1806 besuchte, brachte ihm keine Erleichterung. Tief bewegte ihn die nationale Not; wie ihn schon Österreichs Mißgeschick bei Austerlitz erschüttert hatte, so vollends Preußens Zusammenbruch nach der Schlacht bei Jena; aber er ließ zunächst den Mut nicht sinken und bewunderte den Heldensinn der Königin Luise. Im Januar 1807 verließ K. Königsberg, um in Dresden die Drucklegung mehrerer seiner Werke zu überwachen; aber in Berlin wurde er mit zwei Bekannten von den französischen Behörden als angeblicher Spion verhaftet und nach dem Fort de Joux bei Pontarlier nahe der Schweizer Grenze gebracht, wo er 5. März 1807 eintraf und erst 13. Juli nach langen Remonstrationen befreit wurde. Ende August war K. in Dresden, wo er einer verhältnismäßig ruhigen und glücklichen Zeit entgegenging. Er traf hier wieder mit Rühle und Pfuel zusammen und wurde mit dem Naturphilosophen G. H. v. Schubert und dem romantischen Publizisten Adam Müller genauer bekannt, oberflächlicher auch mit den Brüdern Schlegel, Varnhagen v. Ense, Dahlmann und Ludwig Tieck. Zahlreiche Dichtungen veröffentlichte K. in der von ihm während des Jahres 1808 herausgegebenen Zeitschrift »Phöbus«, mit der er jedoch trotz namhafter Mitarbeiter (Goethe, auf den er gerechnet hatte, hielt sich unfreundlich zurück) keinen äußern Erfolg erzielte. Auch eine Buchhandlung, die er mit Rühle und Pfuel ins Leben rief, scheiterte. Neue Liebeshoffnung erfüllte Kleists Herz, als er in dem Hause Gottfried Körners dessen Pflegetochter Juliane Kunze kennen lernte, die zwar des Dichters Gefühl erwiderte, aber sich doch nach einiger Zeit verletzt von ihm abwandte. In heftige Erregung versetzten ihn die Ereignisse des politischen Lebens: hatte ihn bereits der Erfurter Kongreß (September und Oktober 1808) mit Bitterkeit erfüllt, so entfachte der Ausbruch des Krieges zwischen Frankreich und Österreich im Frühjahr 1809 seine nationale Leidenschaft zu heller Glut; am 29. April verließ er die Hauptstadt des mit Frankreich verbündeten neuen Königreiches Sachsen.

 

Die Jahre 1804–09 waren für K. an poetischen Erträgnissen überaus reich. Seine geistvolle Neubearbeitung des Molièreschen »Amphitryon« (Dresd. 1807) bietet eine Umdeutung der Fabel ins Christliche: Alkmene erscheint als eine zweite Jungfrau Maria und Juppiters Besuch wird aus einem leichtfertigen Abenteuer zur göttlichen Begnadigung (über das Verhältnis zu Molière vgl. Ruland, Kleists »Amphitryon«, Dissert., Rost. 1897). In dem Trauerspiel »Penthesilea« (Tübing. 1808), das des Grauenvollen und Furchtbaren fast zu viel bietet, schildert der Dichter in gewaltiger Darstellung den Übergang von Liebe zu Haß in der Brust der Amazone und die erschütternde Reaktion, die sie erfährt, nachdem sie ihr Liebstes getötet hat; zugleich spiegeln sich in dem Werke Kleists eigne Erfahrungen, die er bei der Entstehung seines Lieblingswerkes, »Robert Guiscard«, gemacht hatte. Die langsam vorrückende Handlung des Stückes ist durch große Anschaulichkeit einzelner Gemälde ausgezeichnet, die Charakterzeichnung der beiden Hauptpersonen ist tief, aber von fast abstoßendem Realismus, der Stil bildkräftig, aber auch nicht frei von Übertreibungen. Die Sympathien weiter Kreise erwarb sich K. durch sein Ritterschauspiel »Das Käthchen von Heilbronn« (Berl. 1810), dessen Konzeption mit Kleists Liebesbeziehungen zu Julie Kunze in innerer Beziehung steht. Unter Anlehnung an eine Ballade Bürgers und eine solche aus Percys »Relics of ancient English poetry« sowie an Schuberts mystische Naturphilosophie, ersann K. eine Handlung von unvergleichlichem romantischen Liebreiz, die trotz des bedenklichen (wahrscheinlich erst nachträglich eingeführten) Schlusses alle Herzen gefangen nimmt; dabei ist dem Dichter die Milieuschilderung ebenso vortrefflich gelungen wie die Charakterzeichnung, und in der Hauptfigur schuf er eine Frauengestalt, deren poetische Weihe fast an Goethes Kunst gemahnt. Nicht minder groß zeigte sich K. in seinen Erzählungen, unter denen »Das Erdbeben von Chili«, »Die Marquise von O.«, »Die Verlobung in St. Domingo«, vor allem aber »Michael Kohlhaas«, die tragische Geschichte des beleidigten und verirrten Rechtsgefühls, hervorragen. K. fesselt in diesen Werken ebensosehr durch die Wahrheit und Tiefe der Seelenschilderung wie durch die erschütternden Schicksalswendungen; das erzählende Element kommt fast ausschließlich zur Geltung, Reflexionen und lyrische Ergüsse sind fern gehalten, nirgends treten ermüdende Beschreibungen hervor, und dennoch erzielt der Dichter eine fast greifbare Anschaulichkeit der Darstellung, die ihresgleichen sucht; auch der spröde periodenreiche und von Sonderlichkeiten nicht freie Stil ist ausdrucksvoll und bedeutend.

 

Nach dem Abschied von Dresden begab sich K. in Begleitung Dahlmanns nach Prag, vernahm mit Jubel die Nachricht von dem Siege bei Aspern, mit Schmerzen die von der Niederlage von Wagram, erbat, von Krankheit und Schulden bedrückt, den Beistand der Schwester Ulrike, erschien im November 1809 in der Heimatstadt, hielt sich im Dezember und Januar in unbekannter Absicht in Gotha und Frankfurt a. M. auf und ließ sich im Februar 1810 in Berlin nieder, wo er bis zu seinem frühen Lebensende verblieb. Hier trat er in die von Achim v. Arnim u. Adam Müller begründete Christlich-deutsche Tischgesellschaft, welche die besten und tüchtigsten Vaterlandsfreunde in sich vereinte und der opportunistischen Politik des Staatskanzlers Grafen von Hardenberg entgegenarbeitete. K. gab vom 1. Okt. 1810 ab die im Sinne dieses Kreises gehaltenen »Berliner Abendblätter« heraus, bis sie Ende März 1811 von der Regierung unterdrückt wurden; er widmete sich dieser Arbeit mit dem hingebenden Fleiß und der ganzen Energie seiner feurigen Natur. Das Scheitern des Unternehmens war für ihn ein schwerer Schlag. Aber schon vorher hatte ihn ein noch schwererer getroffen: der am 19. Juli 1810 erfolgte Tod seiner hohen Gönnerin, der Königin Luise. Damit verlor K. auch seine kleine Pension, und, aller Mittel beraubt, entschloß er sich schweren Herzens, bei dem König um Wiederanstellung im Militärdienst einzukommen, den er vor mehr als 11 Jahren verlassen hatte; aber K. war so arm, daß er nicht einmal die zu seiner Equipierung erforderlichen 20 Louisdor aufbringen konnte; überdies erschien ihm die naheliegende Möglichkeit, als preußischer Offizier unter Napoleons Oberherrschaft ins Feld ziehen zu müssen, unerträglich. Zu alledem kamen noch Herzenswirren, die nicht völlig aufgeklärt sind: es ist möglich, daß K. zu Maria v. K., der Gattin eines Vetters, in nähere Beziehungen getreten war, die sein Leben erschütterten; jedenfalls verknüpfte ihn ein sonderbares Liebesband mit Henriette Vogel, der leidenden Gattin des Rendanten Louis Vogel in Berlin, der gegenüber er vielleicht ritterliche Pflichten zu erfüllen hatte, die seinem Gefühl widersprachen. Nachdem er noch in Frankfurt eine höchst kränkende Familienszene erduldet hatte, in der ihn selbst Ulrike mit bittersten Vorwürfen überhäufte, erschoß er Henriette und sich 21. Nov. 1811 an den Ufern des Wannsees in der Nähe von Potsdam. Hier ist auch seine letzte Ruhestätte, die 1904 von dem Prinzen Friedrich Leopold (s. Friedrich 65), dem Besitzer des Grund und Bodens, der deutschen Nation zu eigen gegeben wurde. Erst zehn Jahre nach Kleists Tod erschienen in den von Tieck herausgegebenen »Hinterlassenen Schriften« (Berl. 1821), die Meisterwerke seiner letzten Jahre: »Prinz Friedrich von Homburg« und »Die Hermannsschlacht«, die im engern Kreise seiner Bekannten meist ebenso teilnahmlos aufgenommen worden waren wie die Mehrzahl seiner andern Werke von dem großen Publikum seiner Zeit. Den vielbehandelten Stoff der »Hermannsschlacht« (vgl. Riffert, Die Hermannsschlacht in der deutschen Literatur, Dissert., Leipz. 1887) belebte K. dadurch, daß er in ihm die modernsten Zeitverhältnisse spiegelte, unter den Römern die Franzosen, unter den zu Hermann und Marbod stehenden Germanen die Preußen und Österreicher verstand und zahlreiche Anspielungen auf die Rheinbundfürsten, den Tugendbund etc. anbrachte; vor allem aber tränkte er den Stoff mit seinem eignen Herzblut, er schrieb ein nationales Tendenzgedicht. Seine Helden sind durchaus keine blassen Idealgestalten, sein Hermann ein verschlagener Fanatiker, Thusnelda von weiblicher Schwäche und brutaler Grausamkeit nicht frei; auch sonst fehlt es nicht an barbarischer Härte, und der Stil des Werkes ist ungleich; aber die wohlgebaute Handlung ist wie im ganzen zündend, so im einzelnen von poetischer Kraft. Am vollkommensten verkündet sich Kleists Eigenart in dem »Prinzen von Homburg«, einem Werk, das den großen Gegensatz zwischen soldatischem Pflichtgefühl und der Neigung des Herzens meisterhaft verkörpert, in der Figur des Kurfürsten eine geschlossene Gestalt von Shakespearescher Größe aufstellt, den soldatischen Geist seiner Umgebung unübertrefflich schildert und in der Person des Prinzen die große Entwickelung von somnambuler Träumerei bis zur Todesbereitschaft und unbedingter Anerkennung der Staatsräson in packender Handlung und glänzendem Stil ergreifend vorführt.

 

Kleists Dichtung ragt durch Wahrheit und Größe über die aller seiner Zeitgenossen empor; aber sie hält sich nicht frei von dem Abschreckenden und Fürchterlichen, sie führt oft hinüber in das Gebiet dunkler und krankhafter Seelenregungen und ermangelt der Schönheit und Abtönung, auf die das an Goethes Dichtung herangebildete Geschlecht den größten Wert legte; erst eine spätere Zeit ist ihm gerecht geworden, wohl einsehend, daß die Nachwelt gut machen müsse, was die Mitwelt an dem von tragischen Lebenswirren zermarterten Dichter gesündigt hatte. Die »Gesammelten Schriften« Kleists wurden zuerst von Ludwig Tieck herausgegeben (Berl. 1826, 3 Bde.; revidiert von Julian Schmidt, zuletzt 1891, 2 Bde.), von Heinr. Kurz (Hildburgh. 1872, 2 Bde.), von A. Wilbrandt (Berl. 1879), von Grisebach (Leipz. 1884, 2 Bde.), gut von Zolling (Stuttg. 1884), ferner von Muncker (das. 1884, 4 Bde.; neue Ausg. 1893), am besten, im Verein mit R. Steig und G. Minde-Pouet von Erich Schmidt (Leipz. 1904 ff., 5 Bde.; mit vollständiger Sammlung der Briefe); ein Abdruck der »Abendblätter«, früher ungenau und fragmentarisch als »Politische Schriften« von Köpke herausgegeben (Berl. 1862), wird von Steig vorbereitet. Briefe Kleists wurden von E. v. Bülow (»Kleists Leben und Briefe«, Berl. 1848), Koberstein (»Kleists Briefe an seine Schwester Ulrike«, das. 1860), Rahmer (dieselben, das. 1904), Zolling (in »H. v. K. in der Schweiz«, Stuttg. 1882) und K. Biedermann (»H. v. Kleists Briefe an seine Braut«, Bresl. 1883) veröffentlicht. Sein Bildnis s. Tafel »Deutsche Klassiker des 19. Jahrhunderts« (S. 96 dieses Bandes). Vgl. Wilbrandt, Heinrich v. K. (Nördling. 1863); H. v. Treitschke, Historisch-politische Aufsätze, neue Folge, Bd. 2 (Leipz. 1870); Brahm, Heinrich v. K. (3. Aufl., Berl. 1892); Bonafous, Henri de K., sa vie et ses œuvres (Par. 1894); Minde-Pouet, H. v. K., seine Sprache und sein Stil (Weim. 1897); R. Steig, H. v. Kleists Berliner Kämpfe (Berl. 1901, wertvoll) und Neue Kunde zu H. v. K. (das. 1902); F. Servaes, H. v. K. (Leipz. 1902); Rahmer, Das Kleist-Problem (Berl. 1903); Bertold Schulze, Neue Studien über H. v. K (Heidelb. 1904); Wukadinović, Kleist-Studien (Stuttg. 1904); W. Hegeler, Kleist (Berl. 1904).

 

 

 

Michael Kohlhaas

 

Aus einer alten Chronik

 

An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.

 

Er ritt einst, mit einer Koppel junger Pferde, wohlgenährt alle und glänzend, ins Ausland, und überschlug eben, wie er den Gewinst, den er auf den Märkten damit zu machen hoffte, anlegen wolle: teils, nach Art guter Wirte, auf neuen Gewinst, teils aber auch auf den Genuß der Gegenwart: als er an die Elbe kam, und bei einer stattlichen Ritterburg, auf sächsischem Gebiete, einen Schlagbaum traf, den er sonst auf diesem Wege nicht gefunden hatte. Er hielt, in einem Augenblick, da eben der Regen heftig stürmte, mit den Pferden still, und rief den Schlagwärter, der auch bald darauf, mit einem grämlichen Gesicht, aus dem Fenster sah. Der Roßhändler sagte, daß er ihm öffnen solle. Was gibt's hier Neues? fragte er, da der Zöllner, nach einer geraumen Zeit, aus dem Hause trat. Landesherrliches Privilegium, antwortete dieser, indem er aufschloß: dem Junker Wenzel von Tronka verliehen. – So, sagte Kohlhaas. Wenzel heißt der Junker? und sah sich das Schloß an, das mit glänzenden Zinnen über das Feld blickte. Ist der alte Herr tot? – Am Schlagfluß gestorben, erwiderte der Zöllner, indem er den Baum in die Höhe ließ. – Hm! Schade! versetzte Kohlhaas. Ein würdiger alter Herr, der seine Freude am Verkehr der Menschen hatte, Handel und Wandel, wo er nur vermochte, forthalf, und einen Steindamm einst bauen ließ, weil mir eine Stute, draußen, wo der Weg ins Dorf geht, das Bein gebrochen. Nun! Was bin ich schuldig? – fragte er; und holte die Groschen, die der Zollwärter verlangte, mühselig unter dem im Winde flatternden Mantel hervor. »Ja, Alter«, setzte er noch hinzu, da dieser: hurtig! hurtig! murmelte, und über die Witterung fluchte: »wenn der Baum im Walde stehen geblieben wäre, wär's besser gewesen, für mich und Euch«; und damit gab er ihm das Geld und wollte reiten. Er war aber noch kaum unter den Schlagbaum gekommen, als eine neue Stimme schon: halt dort, der Roßkamm! hinter ihm vom Turm erscholl, und er den Burgvogt ein Fenster zuwerfen und zu ihm herabeilen sah. Nun, was gibt's Neues? fragte Kohlhaas bei sich selbst, und hielt mit den Pferden an. Der Burgvogt, indem er sich noch eine Weste über seinen weitläufigen Leib zuknüpfte, kam, und fragte, schief gegen die Witterung gestellt, nach dem Paßschein. – Kohlhaas fragte: der Paßschein? Er sagte, ein wenig betreten, daß er, soviel er wisse, keinen habe; daß man ihm aber nur beschreiben möchte, was dies für ein Ding des Herrn sei: so werde er vielleicht zufälligerweise damit versehen sein. Der Schloßvogt, indem er ihn von der Seite ansah, versetzte, daß ohne einen landesherrlichen Erlaubnisschein, kein Roßkamm mit Pferden über die Grenze gelassen würde. Der Roßkamm versicherte, daß er siebzehn Mal in seinem Leben, ohne einen solchen Schein, über die Grenze gezogen sei; daß er alle landesherrlichen Verfügungen, die sein Gewerbe angingen, genau kennte; daß dies wohl nur ein Irrtum sein würde, wegen dessen er sich zu bedenken bitte, und daß man ihn, da seine Tagereise lang sei, nicht länger unnützerweise hier aufhalten möge. Doch der Vogt erwiderte, daß er das achtzehnte Mal nicht durchschlüpfen würde, daß die Verordnung deshalb erst neuerlich erschienen wäre, und daß er entweder den Paßschein noch hier lösen, oder zurückkehren müsse, wo er hergekommen sei. Der Roßhändler, den diese ungesetzlichen Erpressungen zu erbittern anfingen, stieg, nach einer kurzen Besinnung, vom Pferde, gab es einem Knecht, und sagte, daß er den Junker von Tronka selbst darüber sprechen würde. Er ging auch auf die Burg; der Vogt folgte ihm, indem er von filzigen Geldraffern und nützlichen Aderlässen derselben murmelte; und beide traten, mit ihren Blicken einander messend, in den Saal. Es traf sich, daß der Junker eben, mit einigen muntern Freunden, beim Becher saß, und, um eines Schwanks willen, ein unendliches Gelächter unter ihnen erscholl, als Kohlhaas, um seine Beschwerde anzubringen, sich ihm näherte. Der Junker fragte, was er wolle; die Ritter, als sie den fremden Mann erblickten, wurden still; doch kaum hatte dieser sein Gesuch, die Pferde betreffend, angefangen, als der ganze Troß schon: Pferde? Wo sind sie? ausrief, und an die Fenster eilte, um sie zu betrachten. Sie flogen, da sie die glänzende Koppel sahen, auf den Vorschlag des Junkers, in den Hof hinab; der Regen hatte aufgehört; Schloßvogt und Verwalter und Knechte versammelten sich um sie, und alle musterten die Tiere. Der eine lobte den Schweißfuchs mit der Blesse, dem andern gefiel der Kastanienbraune, der dritte streichelte den Schecken mit schwarzgelben Flecken; und alle meinten, daß die Pferde wie Hirsche wären, und im Lande keine bessern gezogen würden. Kohlhaas erwiderte munter, daß die Pferde nicht besser wären, als die Ritter, die sie reiten sollten; und forderte sie auf, zu kaufen. Der Junker, den der mächtige Schweißhengst sehr reizte, befragte ihn auch um den Preis; der Verwalter lag ihm an, ein Paar Rappen zu kaufen, die er, wegen Pferdemangels, in der Wirtschaft gebrauchen zu können glaubte; doch als der Roßkamm sich erklärt hatte, fanden die Ritter ihn zu teuer, und der Junker sagte, daß er nach der Tafelrunde reiten und sich den König Arthur aufsuchen müsse, wenn er die Pferde so anschlage. Kohlhaas, der den Schloßvogt und den Verwalter, indem sie sprechende Blicke auf die Rappen warfen, miteinander flüstern sah, ließ es, aus einer dunkeln Vorahndung, an nichts fehlen, die Pferde an sie loszuwerden. Er sagte zum Junker: »Herr, die Rappen habe ich vor sechs Monaten für 25 Goldgülden gekauft; gebt mir 30, so sollt Ihr sie haben.« Zwei Ritter, die neben dem Junker standen, äußerten nicht undeutlich, daß die Pferde wohl so viel wert wären; doch der Junker meinte, daß er für den Schweißfuchs wohl, aber nicht eben für die Rappen, Geld ausgeben möchte, und machte Anstalten, aufzubrechen; worauf Kohlhaas sagte, er würde vielleicht das nächste Mal, wenn er wieder mit seinen Gaulen durchzöge, einen Handel mit ihm machen; sich dem Junker empfahl, und die Zügel seines Pferdes ergriff, um abzureiten. In diesem Augenblick trat der Schloßvogt aus dem Haufen vor, und sagte, er höre, daß er ohne einen Paßschein nicht reisen dürfe. Kohlhaas wandte sich und fragte den Junker, ob es denn mit diesem Umstand, der sein ganzes Gewerbe zerstöre, in der Tat seine Richtigkeit habe? Der Junker antwortete, mit einem verlegnen Gesicht, indem er abging: ja, Kohlhaas, den Paß mußt du lösen. Sprich mit dem Schloßvogt, und zieh deiner Wege. Kohlhaas versicherte ihn, daß es gar nicht seine Absicht sei, die Verordnungen, die wegen Ausführung der Pferde bestehen möchten, zu umgehen; versprach, bei seinem Durchzug durch Dresden, den Paß in der Geheimschreiberei zu lösen, und bat, ihn nur diesmal, da er von dieser Forderung durchaus nichts gewußt, ziehen zu lassen. Nun! sprach der Junker, da eben das Wetter wieder zu stürmen anfing, und seine dürren Glieder durchsauste: laßt den Schlucker laufen. Kommt! sagte er zu den Rittern, kehrte sich um, und wollte nach dem Schlosse gehen. Der Schloßvogt sagte, zum Junker gewandt, daß er wenigstens ein Pfand, zur Sicherheit, daß er den Schein lösen würde, zurücklassen müsse. Der Junker blieb wieder unter dem Schloßtor stehen. Kohlhaas fragte, welchen Wert er denn, an Geld oder an Sachen, zum Pfande, wegen der Rappen, zurücklassen solle? Der Verwalter meinte, in den Bart murmelnd, er könne ja die Rappen selbst zurücklassen. Allerdings, sagte der Schloßvogt, das ist das zweckmäßigste; ist der Paß gelöst, so kann er sie zu jeder Zeit wieder abholen. Kohlhaas, über eine so unverschämte Forderung betreten, sagte dem Junker, der sich die Wamsschöße frierend vor den Leib hielt, daß er die Rappen ja verkaufen wolle; doch dieser, da in demselben Augenblick ein Windstoß eine ganze Last von Regen und Hagel durchs Tor jagte, rief, um der Sache ein Ende zu machen: wenn er die Pferde nicht loslassen will, so schmeißt ihn wieder über den Schlagbaum zurück; und ging ab. Der Roßkamm, der wohl sah, daß er hier der Gewalttätigkeit weichen mußte, entschloß sich, die Forderung, weil doch nichts anders übrigblieb, zu erfüllen; spannte die Rappen aus, und führte sie in einen Stall, den ihm der Schloßvogt anwies. Er ließ einen Knecht bei ihnen zurück, versah ihn mit Geld, ermahnte ihn, die Pferde, bis zu seiner Zurückkunft, wohl in acht zu nehmen, und setzte seine Reise, mit dem Rest der Koppel, halb und halb ungewiß, ob nicht doch wohl, wegen aufkeimender Pferdezucht, ein solches Gebot, im Sächsischen, erschienen sein könne, nach Leipzig, wo er auf die Messe wollte, fort.

 

In Dresden, wo er, in einer der Vorstädte der Stadt, ein Haus mit einigen Ställen besaß, weil er von hier aus seinen Handel auf den kleineren Märkten des Landes zu bestreiten pflegte, begab er sich, gleich nach seiner Ankunft, auf die Geheimschreiberei, wo er von den Räten, deren er einige kannte, erfuhr, was ihm allerdings sein erster Glaube schon gesagt hatte, daß die Geschichte von dem Paßschein ein Märchen sei. Kohlhaas, dem die mißvergnügten Räte, auf sein Ansuchen, einen schriftlichen Schein über den Ungrund derselben gaben, lächelte über den Witz des dürren Junkers, obschon er noch nicht recht einsah, was er damit bezwecken mochte; und die Koppel der Pferde, die er bei sich führte, einige Wochen darauf, zu seiner Zufriedenheit, verkauft, kehrte er, ohne irgend weiter ein bitteres Gefühl, als das der allgemeinen Not der Welt, zur Tronkenburg zurück. Der Schloßvogt, dem er den Schein zeigte, ließ sich nicht weiter darüber aus, und sagte, auf die Frage des Roßkamms, ob er die Pferde jetzt wiederbekommen könne: er möchte nur hinuntergehen und sie holen. Kohlhaas hatte aber schon, da er über den Hof ging, den unangenehmen Auftritt, zu erfahren, daß sein Knecht, ungebührlichen Betragens halber, wie es hieß, wenige Tage nach dessen Zurücklassung in der Tronkenburg, zerprügelt und weggejagt worden sei. Er fragte den Jungen, der ihm diese Nachricht gab, was denn derselbe getan? und wer währenddessen die Pferde besorgt hätte? worauf dieser aber erwiderte, er wisse es nicht, und darauf dem Roßkamm, dem das Herz schon von Ahnungen schwoll, den Stall, in welchem sie standen, öffnete. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er, statt seiner zwei glatten und wohlgenährten Rappen, ein Paar dürre, abgehärmte Mähren erblickte; Knochen, denen man, wie Riegeln, hätte Sachen aufhängen können; Mähnen und Haare, ohne Wartung und Pflege, zusammengeknetet: das wahre Bild des Elends im Tierreiche! Kohlhaas, den die Pferde, mit einer schwachen Bewegung, anwieherten, war auf das äußerste entrüstet, und fragte, was seinen Gaulen widerfahren wäre? Der Junge, der bei ihm stand, antwortete, daß ihnen weiter kein Unglück zugestoßen wäre, daß sie auch das gehörige Futter bekommen hätten, daß sie aber, da gerade Ernte gewesen sei, wegen Mangels an Zugvieh, ein wenig auf den Feldern gebraucht worden wären. Kohlhaas fluchte über diese schändliche und abgekartete Gewalttätigkeit, verbiß jedoch, im Gefühl seiner Ohnmacht, seinen Ingrimm, und machte schon, da doch nichts anders übrigblieb, Anstalten, das Raubnest mit den Pferden nur wieder zu verlassen, als der Schloßvogt, von dem Wortwechsel herbeigerufen, erschien, und fragte, was es hier gäbe? Was es gibt? antwortete Kohlhaas. Wer hat dem Junker von Tronka und dessen Leuten die Erlaubnis gegeben, sich meiner bei ihm zurückgelassenen Rappen zur Feldarbeit zu bedienen? Er setzte hinzu, ob das wohl menschlich wäre? versuchte, die erschöpften Gaule durch einen Gertenstreich zu erregen, und zeigte ihm, daß sie sich nicht rührten. Der Schloßvogt, nachdem er ihn eine Weile trotzig angesehen hatte, versetzte: seht den Grobian! Ob der Flegel nicht Gott danken sollte, daß die Mähren überhaupt noch leben? Er fragte, wer sie, da der Knecht weggelaufen, hätte pflegen sollen? Ob es nicht billig gewesen wäre, daß die Pferde das Futter, das man ihnen gereicht habe, auf den Feldern abverdient hätten? Er schloß, daß er hier keine Flausen machen möchte, oder daß er die Hunde rufen, und sich durch sie Ruhe im Hofe zu verschaffen wissen würde. – Dem Roßhändler schlug das Herz gegen den Wams. Es drängte ihn, den nichtswürdigen Dickwanst in den Kot zu werfen, und den Fuß auf sein kupfernes Antlitz zu setzen. Doch sein Rechtgefühl, das einer Goldwaage glich, wankte noch; er war, vor der Schranke seiner eigenen Brust, noch nicht gewiß, ob eine Schuld seinen Gegner drücke; und während er, die Schimpfreden niederschluckend, zu den Pferden trat, und ihnen, in stiller Erwägung der Umstände, die Mähnen zurechtlegte, fragte er mit gesenkter Stimme: um welchen Versehens halber der Knecht denn aus der Burg entfernt worden sei? Der Schloßvogt erwiderte: weil der Schlingel trotzig im Hofe gewesen ist! Weil er sich gegen einen notwendigen Stallwechsel gesträubt, und verlangt hat, daß die Pferde zweier Jungherren, die auf die Tronkenburg kamen, um seiner Mähren willen, auf der freien Straße übernachten sollten! – Kohlhaas hätte den Wert der Pferde darum gegeben, wenn er den Knecht zur Hand gehabt, und dessen Aussage mit der Aussage dieses dickmäuligen Burgvogts hätte vergleichen können. Er stand noch, und streifte den Rappen die Zoddeln aus, und sann, was in seiner Lage zu tun sei, als sich die Szene plötzlich änderte, und der Junker Wenzel von Tronka, mit einem Schwarm von Rittern, Knechten und Hunden, von der Hasenhetze kommend, in den Schloßplatz sprengte. Der Schloßvogt, als er fragte, was vorgefallen sei, nahm sogleich das Wort, und während die Hunde, beim Anblick des Fremden, von der einen Seite, ein Mordgeheul gegen ihn anstimmten, und die Ritter ihnen, von der andern, zu schweigen geboten, zeigte er ihm, unter der gehässigsten Entstellung der Sache, an, was dieser Roßkamm, weil seine Rappen ein wenig gebraucht worden wären, für eine Rebellion verführe. Er sagte, mit Hohngelächter, daß er sich weigere, die Pferde als die seinigen anzuerkennen. Kohlhaas rief: »das sind nicht meine Pferde, gestrenger Herr! Das sind die Pferde nicht, die dreißig Goldgülden wert waren! Ich will meine wohlgenährten und gesunden Pferde wiederhaben!« – Der Junker, indem ihm eine flüchtige Blässe ins Gesicht trat, stieg vom Pferde, und sagte: wenn der H... A... die Pferde nicht wiedernehmen will, so mag er es bleibenlassen. Komm, Günther! rief er – Hans! Kommt! indem er sich den Staub mit der Hand von den Beinkleidern schüttelte; und: schafft Wein! rief er noch, da er mit den Rittern unter der Tür war; und ging ins Haus. Kohlhaas sagte, daß er eher den Abdecker rufen, und die Pferde auf den Schindanger schmeißen lassen, als sie so, wie sie wären, in seinen Stall zu Kohlhaasenbrück führen wolle. Er ließ die Gaule, ohne sich um sie zu bekümmern, auf dem Platz stehen, schwang sich, indem er versicherte, daß er sich Recht zu verschaffen wissen würde, auf seinen Braunen, und ritt davon.

 

Spornstreichs auf dem Wege nach Dresden war er schon, als er, bei dem Gedanken an den Knecht, und an die Klage, die man auf der Burg gegen ihn führte, schrittweis zu reiten anfing, sein Pferd, ehe er noch tausend Schritt gemacht hatte, wieder wandte, und zur vorgängigen Vernehmung des Knechts, wie es ihm klug und gerecht schien, nach Kohlhaasenbrück einbog. Denn ein richtiges, mit der gebrechlichen Einrichtung der Welt schon bekanntes Gefühl machte ihn, trotz der erlittenen Beleidigungen, geneigt, falls nur wirklich dem Knecht, wie der Schloßvogt behauptete, eine Art von Schuld beizumessen sei, den Verlust der Pferde, als eine gerechte Folge davon, zu verschmerzen. Dagegen sagte ihm ein ebenso vortreffliches Gefühl, und dies Gefühl faßte tiefere und tiefere Wurzeln, in dem Maße, als er weiterritt, und überall, wo er einkehrte, von den Ungerechtigkeiten hörte, die täglich auf der Tronkenburg gegen die Reisenden verübt wurden: daß wenn der ganze Vorfall, wie es allen Anschein habe, bloß abgekartet sein sollte, er mit seinen Kräften der Welt in der Pflicht verfallen sei, sich Genugtuung für die erlittene Kränkung, und Sicherheit für zukünftige seinen Mitbürgern zu verschaffen.

 

Sobald er, bei seiner Ankunft in Kohlhaasenbrück, Lisbeth, sein treues Weib, umarmt, und seine Kinder, die um seine Knie frohlockten, geküßt hatte, fragte er gleich nach Herse, dem Großknecht: und ob man nichts von ihm gehört habe? Lisbeth sagte: ja liebster Michael, dieser Herse! Denke dir, daß dieser unselige Mensch, vor etwa vierzehn Tagen, auf das jämmerlichste zerschlagen, hier eintrifft; nein, so zerschlagen, daß er auch nicht frei atmen kann. Wir bringen ihn zu Bett, wo er heftig Blut speit, und vernehmen, auf unsre wiederholten Fragen, eine Geschichte, die keiner versteht. Wie er von dir mit Pferden, denen man den Durchgang nicht verstattet, auf der Tronkenburg zurückgelassen worden sei, wie man ihn, durch die schändlichsten Mißhandlungen, gezwungen habe, die Burg zu verlassen, und wie es ihm unmöglich gewesen wäre, die Pferde mitzunehmen. So? sagte Kohlhaas, indem er den Mantel ablegte. Ist er denn schon wiederhergestellt? – Bis auf das Blutspeien, antwortete sie, halb und halb. Ich wollte sogleich einen Knecht nach der Tronkenburg schicken, um die Pflege der Rosse, bis zu deiner Ankunft daselbst, besorgen zu lassen. Denn da sich der Herse immer wahrhaftig gezeigt hat, und so getreu uns, in der Tat wie kein anderer, so kam es mir nicht zu, in seine Aussage, von so viel Merkmalen unterstützt, einen Zweifel zu setzen, und etwa zu glauben, daß er der Pferde auf eine andere Art verlustig gegangen wäre. Doch er beschwört mich, niemandem zuzumuten, sich in diesem Raubneste zu zeigen, und die Tiere aufzugeben, wenn ich keinen Menschen dafür aufopfern wolle. – Liegt er denn noch im Bette? fragte Kohlhaas, indem er sich von der Halsbinde befreite. – Er geht, erwiderte sie, seit einigen Tagen schon wieder im Hofe umher. Kurz, du wirst sehen, fuhr sie fort, daß alles seine Richtigkeit hat, und daß diese Begebenheit einer von den Freveln ist, die man sich seit kurzem auf der Tronkenburg gegen die Fremden erlaubt. – Das muß ich doch erst untersuchen, erwiderte Kohlhaas. Ruf ihn mir, Lisbeth, wenn er auf ist, doch her! Mit diesen Worten setzte er sich in den Lehnstuhl; und die Hausfrau, die sich über seine Gelassenheit sehr freute, ging, und holte den Knecht.

 

Was hast du in der Tronkenburg gemacht? fragte Kohlhaas, da Lisbeth mit ihm in das Zimmer trat. Ich bin nicht eben wohl mit dir zufrieden. – Der Knecht, auf dessen blassem Gesicht sich, bei diesen Worten, eine Röte fleckig zeigte, schwieg eine Weile; und: da habt Ihr recht, Herr! antwortete er; denn einen Schwefelfaden, den ich durch Gottes Fügung bei mir trug, um das Raubnest, aus dem ich verjagt worden war, in Brand zu stecken, warf ich, als ich ein Kind darin jammern hörte, in das Elbwasser, und dachte: mag es Gottes Blitz einäschern; ich will's nicht! – Kohlhaas sagte betroffen: wodurch aber hast du dir die Verjagung aus der Tronkenburg zugezogen? Drauf Herse: durch einen schlechten Streich, Herr; und trocknete sich den Schweiß von der Stirn: Geschehenes ist aber nicht zu ändern. Ich wollte die Pferde nicht auf der Feldarbeit zugrunde richten lassen, und sagte, daß sie noch jung wären und nicht gezogen hätten. – Kohlhaas erwiderte, indem er seine Verwirrung zu verbergen suchte, daß er hierin nicht ganz die Wahrheit gesagt, indem die Pferde schon zu Anfange des verflossenen Frühjahrs ein wenig im Geschirr gewesen wären. Du hättest dich auf der Burg, fuhr er fort, wo du doch eine Art von Gast warest, schon ein oder etliche Mal, wenn gerade, wegen schleuniger Einführung der Ernte Not war, gefällig zeigen können. – Das habe ich auch getan, Herr, sprach Herse. Ich dachte, da sie mir grämliche Gesichter machten, es wird doch die Rappen just nicht kosten. Am dritten Vormittag spannt ich sie vor, und drei Fuhren Getreide führt ich ein. Kohlhaas, dem das Herz emporquoll, schlug die Augen zu Boden, und versetzte: davon hat man mir nichts gesagt, Herse! – Herse versicherte ihn, daß es so sei. Meine Ungefälligkeit, sprach er, bestand darin, daß ich die Pferde, als sie zu Mittag kaum ausgefressen hatten, nicht wieder ins Joch spannen wollte; und daß ich dem Schloßvogt und dem Verwalter, als sie mir vorschlugen frei Futter dafür anzunehmen, und das Geld, das Ihr mir für Futterkosten zurückgelassen hattet, in den Sack zu stecken, antwortete – ich würde ihnen sonstwas tun; mich umkehrte und wegging. – Um dieser Ungefälligkeit aber, sagte Kohlhaas, bist du von der Tronkenburg nicht weggejagt worden. – Behüte Gott, rief der Knecht, um eine gottvergessene Missetat! Denn auf den Abend wurden die Pferde zweier Ritter, welche auf die Tronkenburg kamen, in den Stall geführt, und meine an die Stalltüre angebunden. Und da ich dem Schloßvogt, der sie daselbst einquartierte, die Rappen aus der Hand nahm, und fragte, wo die Tiere jetzo bleiben sollten, so zeigte er mir einen Schweinekoben an, der von Latten und Brettern an der Schloßmauer auferbaut war. – Du meinst, unterbrach ihn Kohlhaas, es war ein so schlechtes Behältnis für Pferde, daß es einem Schweinekoben ähnlicher war, als einem Stall. – Es war ein Schweinekoben, Herr, antwortete Herse; wirklich und wahrhaftig ein Schweinekoben, in welchem die Schweine aus-und einliefen, und ich nicht aufrecht stehen konnte. – Vielleicht war sonst kein Unterkommen für die Rappen aufzufinden, versetzte Kohlhaas; die Pferde der Ritter gingen, auf eine gewisse Art, vor. – Der Platz, erwiderte der Knecht, indem er die Stimme fallen ließ, war eng. Es hauseten jetzt in allem sieben Ritter auf der Burg. Wenn Ihr es gewesen wäret, Ihr hättet die Pferde ein wenig zusammenrücken lassen. Ich sagte, ich wolle mir im Dorf einen Stall zu mieten suchen; doch der Schloßvogt versetzte, daß er die Pferde unter seinen Augen behalten müsse, und daß ich mich nicht unterstehen solle, sie vom Hofe wegzuführen. – Hm! sagte Kohlhaas. Was gabst du darauf an? – Weil der Verwalter sprach, die beiden Gäste würden bloß übernachten, und am andern Morgen weiterreiten, so führte ich die Pferde in den Schweinekoben hinein. Aber der folgende Tag verfloß, ohne daß es geschah; und als der dritte anbrach, hieß es, die Herren würden noch einige Wochen auf der Burg verweilen. – Am Ende war's nicht so schlimm, Herse, im Schweinekoben, sagte Kohlhaas, als es dir, da du zuerst die Nase hineinstecktest, vorkam. – 's ist wahr, erwiderte jener. Da ich den Ort ein bissel ausfegte, ging's an. Ich gab der Magd einen Groschen, daß sie die Schweine woanders einstecke. Und den Tag über bewerkstelligte ich auch, daß die Pferde aufrecht stehen konnten, indem ich die Bretter oben, wenn der Morgen dämmerte, von den Latten abnahm, und abends wieder auflegte. Sie guckten nun, wie Gänse, aus dem Dach vor, und sahen sich nach Kohlhaasenbrück, oder sonst, wo es besser ist, um. – Nun denn, fragte Kohlhaas, warum also, in aller Welt, jagte man dich fort? – Herr, ich sag's Euch, versetzte der Knecht, weil man meiner los sein wollte. Weil sie die Pferde, solange ich dabei war, nicht zugrunde richten konnten. Überall schnitten sie mir, im Hofe und in der Gesindestube, widerwärtige Gesichter; und weil ich dachte, zieht ihr die Mäuler, daß sie verrenken, so brachen sie die Gelegenheit vom Zaune, und warfen mich vom Hofe herunter. – Aber die Veranlassung! rief Kohlhaas. Sie werden doch irgendeine Veranlassung gehabt haben! – O allerdings, antwortete Herse, und die allergerechteste. Ich nahm, am Abend des zweiten Tages, den ich im Schweinekoben zugebracht, die Pferde, die sich darin doch zugesudelt hatten, und wollte sie zur Schwemme reiten. Und da ich eben unter dem Schloßtore bin, und mich wenden will, hör ich den Vogt und den Verwalter, mit Knechten, Hunden und Prügeln, aus der Gesindestube, hinter mir herstürzen, und: halt, den Spitzbuben! rufen: halt, den Galgenstrick! als ob sie besessen wären. Der Torwächter tritt mir in den Weg; und da ich ihn und den rasenden Haufen, der auf mich anläuft, frage: was auch gibt's? was es gibt? antwortet der Schloßvogt; und greift meinen beiden Rappen in den Zügel. Wo will Er hin mit den Pferden? fragt er, und packt mich an die Brust. Ich sage, wo ich hin will? Himmeldonner! Zur Schwemme will ich reiten. Denkt Er, daß ich –? Zur Schwemme? ruft der Schloßvogt. Ich will dich, Gauner, auf der Heerstraße, nach Kohlhaasenbrück schwimmen lehren! und schmeißt mich, mit einem hämischen Mordzug, er und der Verwalter, der mir das Bein gefaßt hat, vom Pferd herunter, daß ich mich, lang wie ich bin, in den Kot messe. Mord! Hagel! ruf ich, Sielzeug und Decken liegen, und ein Bündel Wäsche von mir, im Stall; doch er und die Knechte, indessen der Verwalter die Pferde wegführt, mit Füßen und Peitschen und Prügeln über mich her, daß ich halbtot hinter dem Schloßtor niedersinke. Und da ich sage: die Raubhunde! Wo führen sie mir die Pferde hin? und mich erhebe: heraus aus dem Schloßhof! schreit der Vogt, und: hetz, Kaiser! hetz, Jäger! erschallt es, und: hetz, Spitz! und eine Koppel von mehr denn zwölf Hunden fällt über mich her. Drauf brech ich, war es eine Latte, ich weiß nicht was, vom Zaune, und drei Hunde tot streck ich neben mir nieder; doch da ich, von jämmerlichen Zerfleischungen gequält, weichen muß: Flüt! gellt eine Pfeife; die Hunde in den Hof, die Torflügel zusammen, der Riegel vor: und auf der Straße ohnmächtig sink ich nieder. – Kohlhaas sagte, bleich im Gesicht, mit erzwungener Schelmerei: hast du auch nicht entweichen wollen, Herse? Und da dieser, mit dunkler Röte, vor sich niedersah: gesteh mir's, sagte er; es gefiel dir im Schweinekoben nicht; du dachtest, im Stall zu Kohlhaasenbrück ist's doch besser. – Himmelschlag! rief Herse: Sielzeug und Decken ließ ich ja, und einen Bündel Wäsche, im Schweinekoben zurück. Würd ich drei Reichsgülden nicht zu mir gesteckt haben, die ich, im rotseidnen Halstuch, hinter der Krippe versteckt hatte? Blitz, Höll und Teufel! Wenn Ihr so sprecht, so möcht ich nur gleich den Schwefelfaden, den ich wegwarf, wieder anzünden! Nun, nun! sagte der Roßhändler; es war eben nicht böse gemeint! Was du gesagt hast, schau, Wort für Wort, ich glaub es dir; und das Abendmahl, wenn es zur Sprache kommt, will ich selbst nun darauf nehmen. Es tut mir leid, daß es dir in meinen Diensten nicht besser ergangen ist; geh, Herse, geh zu Bett, laß dir eine Flasche Wein geben, und tröste dich: dir soll Gerechtigkeit widerfahren! Und damit stand er auf, fertigte ein Verzeichnis der Sachen an, die der Großknecht im Schweinekoben zurückgelassen; spezifizierte den Wert derselben, fragte ihn auch, wie hoch er die Kurkosten anschlage; und ließ ihn, nachdem er ihm noch einmal die Hand gereicht, abtreten.

 

Hierauf erzählte er Lisbeth, seiner Frau, den ganzen Verlauf und inneren Zusammenhang der Geschichte, erklärte ihr, wie er entschlossen sei, die öffentliche Gerechtigkeit für sich aufzufordern, und hatte die Freude, zu sehen, daß sie ihn, in diesem Vorsatz, aus voller Seele bestärkte. Denn sie sagte, daß noch mancher andre Reisende, vielleicht minder duldsam, als er, über jene Burg ziehen würde; daß es ein Werk Gottes wäre, Unordnungen, gleich diesen, Einhalt zu tun; und daß sie die Kosten, die ihm die Führung des Prozesses verursachen würde, schon beitreiben wolle. Kohlhaas nannte sie sein wackeres Weib, erfreute sich diesen und den folgenden Tag in ihrer und seiner Kinder Mitte, und brach, sobald es seine Geschäfte irgend zuließen, nach Dresden auf, um seine Klage vor Gericht zu bringen.