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Osho

Mut

Lebe wild und gefährlich

Aus dem Englischen von
Pratito Inge Kieffer

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet unter

www.ullstein-taschenbuch.de

Allegria im Ullstein Taschenbuch
Herausgegeben von Michael Görden

Aus dem Englischen von Pratito Inge Kieffer

Titel der Originalausgabe
COURAGE: THE JOY OF LIVING DANGEROUSLY
erschienen bei St. Martin’s Griffin, New York

Die Texte von Osho in diesem Buch stammen aus verschiedenen spontan gehaltenen Vorträgen, die überwiegend in Englisch, aber auch in Hindi gehalten wurden. Alle Vorträge Oshos wurden vollständig in Buchform veröffentlicht und sind auch als Original-Audioaufnahmen erhältlich. Ein Überblick über die Audioaufnahmen und das komplette Textarchiv ist in der online Osho Library unter www.osho.com verfügbar.

Ullstein Taschenbuch ist ein
Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH
Neuausgabe im Ullstein Taschenbuch
1. Auflage August 2004
9. Auflage 2010
© der deutschen Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2004
© der deutschsprachigen Ausgabe 2001 by
Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München
Copyright © 1999
Osho International Foundation, Switzerland
www.osho.com
All rights reserved.
Umschlaggestaltung: FranklDesign, München
Titelabbildung: Art by Osho, Osho International Foundation, Switzerland
eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-8437-0406-9

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Was ist Mut?

Das Tao des Mutes

Der Weg des Herzens

Der Weg der Intelligenz

Der Weg des Vertrauens

Der Weg der Unschuld

Wenn das Neue an deine Tür klopft, öffne sie!

Der Mut der Liebe

Keine Beziehung, sondern ein Seinszustand

Dieser Kuchen ist köstlich!

Eine Welt ohne Grenzen

Weder leicht noch schwierig, sondern natürlich

Löse dich aus der Menge

Die Politik der grossen Zahl

Vertraue deinem inneren Gespür

Freiheit von – Freiheit für

Finde dein ursprüngliches Gesicht

Die Freude, gefährlich zu leben

Was du auch tust, das Leben bleibt ein Geheimnis

Das Leben ist immer ein Wagnis

Der höchste Mut: Kein Anfang und kein Ende

Auf der Suche nach Furchtlosigkeit

Meditation gegen die Angst vor der Leere

Meditation zur Auflösung alter Angstmuster

Meditation für Vertrauen

Meditation zur Verwandlung von Angst in Liebe

Und die letzte Frage: Die Angst vor Gott

Über den Autor

Osho International Meditation Resort

Vorwort

Sprich nicht von Ungewissheit –

nenne es Staunen

Sprich nicht von Unsicherheit –

nenne es Freiheit

Ich habe nicht die Absicht, euch ein Dogma zu geben – denn ein Dogma gibt Gewissheit. Ich habe nicht die Absicht, euch irgendetwas zu versprechen, was die Zukunft betrifft – denn mit einem Versprechen für die Zukunft fühlt man sich sicher. Ich will euch lediglich wach und aufmerksam machen, denn damit seid ihr im Hier und Jetzt, mit all der Unsicherheit, die das Leben bedeutet, mit all der Ungewissheit und Gefahr, die das Leben mit sich bringt.

Ich weiß, ihr sucht nach einer Sicherheit, einem Glauben, einem ›Ismus‹, irgendetwas, wo ihr dazugehören könnt, jemand, auf den ihr euch verlassen könnt. Euch hat die Angst hierher geführt. Ihr sucht nach einer Art schönem Gefängnis, damit ihr ohne jede Bewusstheit leben könnt.

Doch ich möchte euch noch tiefer verunsichern, euch noch mehr Ungewissheit geben, denn so ist nun mal das Leben, so ist Gott. Wenn Unsicherheit und Gefahr größer werden, dann ist Bewusstheit die einzig richtige Art, dem zu begegnen.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder du verschließt deine Augen und wirst dogmatisch, wirst ein Christ, ein Hindu oder ein Mohammedaner ... dann spielst du Vogel Strauß. Dadurch ändert sich nichts am Leben, du schaust nur nicht mehr hin. Du wirst einfach nur dumm, wirst einfach nur unintelligent. Und in deiner Unintelligenz fühlst du dich sicher – alle Dummköpfe fühlen sich sicher. Tatsächlich fühlen sich nur Dummköpfe sicher. Ein wirklich lebendiger Mensch fühlt sich immer unsicher. Was für eine Sicherheit kann es schon geben?

Das Leben ist kein mechanischer Vorgang, deshalb kann es nicht sicher sein. Das Leben ist ein unvorhersehbares Geheimnis. Niemand weiß, was im nächsten Augenblick geschehen wird, nicht einmal Gott, von dem ihr glaubt, dass er irgendwo im siebten Himmel residiert, nicht einmal er – vorausgesetzt, es gibt ihn überhaupt – weiß, was geschehen wird! Wenn er es wüsste, wäre das Leben ein Schwindel, alles wäre schon im Voraus festgelegt, alles wäre vorherbestimmt. Doch wenn die Zukunft offen ist, wie kann Gott wissen, was als Nächstes geschieht? Wüsste er es, dann wäre das Leben nur ein toter, mechanischer Vorgang. Es gäbe keine Freiheit. Und wie kann es ein Leben ohne Freiheit geben? Ihr hättet keine Gelegenheit zu wachsen oder nicht zu wachsen. Wenn alles vorherbestimmt ist, dann gibt es keine Herrlichkeit, keine Würde. Dann seid ihr reine Roboter.

Nein, nichts ist sicher. Das ist meine Botschaft. Nichts kann je sicher sein, ein sicheres Leben wäre schlimmer als der Tod. Nichts ist gewiss. Das Leben ist voller Ungewissheiten, voller Überraschungen – und gerade darin besteht seine Schönheit! Du wirst nie an den Punkt kommen, an dem du sagen kannst: »Jetzt bin ich sicher.« Wenn du sagst, du bist sicher, hast du dich schon für tot erklärt; damit hast du Selbstmord begangen.

Das Leben ist ständig in Bewegung, es birgt tausendundeine Ungewissheit. Das ist die Freiheit des Lebens. Nenne es nicht Unsicherheit.

Ich verstehe sehr gut, warum der Verstand Freiheit als Unsicherheit bezeichnet. Hast du jemals einige Monate oder Jahre im Gefängnis gesessen? Ein Gefangener, der längere Zeit im Gefängnis war und entlassen wird, fühlt sich beim Gedanken an die Zukunft sehr unsicher. Im Gefängnis war alles sicher, alles war tote Routine. Sein Essen wurde gebracht, er hatte Schutz, er brauchte nicht zu fürchten, dass er am nächsten Tag hungern musste – nichts dergleichen. Alles war sicher. Dann kommt nach vielen Jahren plötzlich der Aufseher und sagt: »Sie werden jetzt entlassen.« Auf einmal zittert er. Außerhalb der Mauern wartet wieder die Unsicherheit. Er muss wieder alles neu herausfinden, er muss wieder in Freiheit leben.

Freiheit macht Angst. Die Menschen reden zwar von Freiheit, aber sie haben Angst davor. Doch man ist nicht wirklich Mensch, solange man Angst vor der Freiheit hat. Ich gebe euch Freiheit statt Sicherheit. Ich gebe euch Verständnis statt Wissen. Wissen verschafft euch ein Gefühl der Sicherheit.

Wenn ich euch ein Schema gäbe, ein festgelegtes Schema – dass es einen Gott gibt, einen Heiligen Geist und Jesus, den eingeborenen Sohn; dass es Himmel und Hölle gibt und dies die guten Taten sind und jenes die bösen Taten; wenn ihr sündigt, dann kommt ihr in die Hölle, und wenn ihr das tut, was ich die guten Taten nenne, kommt ihr in den Himmel, und damit fertig! – dann wärt ihr sicher. Deshalb sind so viele Menschen Christen, Hindus, Mohammedaner oder Jaina geworden – weil sie keine Freiheit wollen. Sie wollen ein festes Schema.

Ein Mann hatte einen Verkehrsunfall und lag im Sterben. Weil niemand wusste, dass er Jude war, rief man einen katholischen Priester. Er neigte sich zu dem Mann hinunter, der in den letzten Zügen lag, und fragte: »Glaubst du an die heilige Dreifaltigkeit, an Gott Vater, den Heiligen Geist und Jesus Christus, den Sohn?«

Der Sterbende öffnete die Augen und stöhnte: »Mann, ich liege hier und sterbe und du sprichst in Rätseln!«

Wenn der Tod an deine Tür klopft, sind alle deine Gewissheiten nur noch Rätsel und dummes Zeug. Klammere dich nicht an irgendeine Gewissheit. Das Leben ist unsicher, es ist von Natur aus unsicher. Und ein intelligenter Mensch bleibt immer unsicher.

Genau diese Bereitschaft, in Ungewissheit zu leben, ist Mut. Diese Bereitschaft, ungesichert zu sein, ist Vertrauen. Ein intelligenter Mensch bleibt in jeder Situation wachsam und beantwortet sie aus seinem Herzen heraus. Nicht dass er wüsste, was geschehen wird; nicht dass er wüsste: Wenn du dieses tust, wird jenes folgen. Das Leben ist keine Wissenschaft, es ist keine Kette von Ursache und Wirkung. Wasser kannst du auf hundert Grad erhitzen und es verdunstet – so etwas ist sicher. Aber im wirklichen Leben gibt es diese Sicherheit nicht.

Jedes Individuum ist Freiheit, eine unbekannte Freiheit. Man kann unmöglich etwas Voraussagen oder etwas erwarten; man kann nur sehr bewusst und voller Verstehen leben.

Ihr kommt zu mir auf der Suche nach Wissen. Ihr wollt feste Formeln von mir, an denen ihr euch festhalten könnt. Aber die gebe ich euch nicht. Im Gegenteil: Falls ihr schon welche habt, nehme ich sie euch wieder weg! Stück für Stück zerstöre ich eure Sicherheit; ich lasse euch zögern und verunsichere euch immer mehr. Mehr ist nicht nötig. Das ist das Einzige, was ein Meister zu tun hat! Er muss dich vollkommen frei machen, so frei, dass dir alle Möglichkeiten offen stehen und nichts festgelegt ist. Dann musst du bewusst sein – eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Das nenne ich Verstehen. Wenn du verstehst, dann ist Unsicherheit ein wesentlicher Bestandteil deines Lebens. Und das ist gut, denn so ist das Leben Freiheit, so ist das Leben eine nicht enden wollende Überraschung. Du weißt nie, was als Nächstes geschehen wird. Dein Staunen nimmt kein Ende. Sprich nicht von Ungewissheit – nenne es Staunen. Sprich nicht von Unsicherheit – nenne es Freiheit.

Du kannst nicht aufrichtig sein,

wenn du nicht mutig bist.

Du kannst nicht liebevoll sein,

wenn du nicht mutig bist.

Du kannst nicht vertrauen,

wenn du nicht mutig bist.

Du kannst die Wirklichkeit nicht erkunden,

wenn du nicht mutig bist.

Deshalb ist Mut das Wichtigste.

Alles andere folgt von selbst.

Was ist Mut?

Am Anfang besteht kein großer Unterschied zwischen einem Feigling und einem mutigen Menschen. Der einzige Unterschied ist, dass der Feigling auf seine Ängste hört und ihnen nachgibt, während der Mutige sie beiseite schiebt und weitergeht. Der Mutige geht trotz aller Ängste ins Unbekannte.

Mut heißt, trotz aller Ängste ins Unbekannte zu gehen. Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Furchtlosigkeit stellt sich ein, wenn man mit jedem Mal mutiger und mutiger wird; sie ist der höchste Ausdruck von Mut. Furchtlosigkeit ist die Eigenschaft eines vollkommen mutig gewordenen Menschen. Doch am Anfang besteht kein großer Unterschied zwischen einem Feigling und einem mutigen Menschen. Der einzige Unterschied ist, dass der Feigling auf seine Ängste hört und ihnen nachgibt, während der Mutige sie beiseite schiebt und weitergeht. Der Mutige geht trotz aller Ängste ins Unbekannte. Doch er kennt die Ängste, sie sind da.

Wenn man wie Kolumbus auf den unerforschten Ozean hinausfährt, kommt Angst auf, eine ungeheure Angst, denn man weiß nie, was geschehen wird. Man verlässt das sichere Ufer, obwohl es einem dort eigentlich ganz gut ging. Nur eines fehlte: das Abenteuer.

Dich ins Unbekannte zu wagen bringt Spannung in dein Leben. Dein Herz fängt an, stärker zu klopfen; du wirst wieder lebendig, total lebendig. Jede Faser deines Seins wird lebendig, weil du dem Lockruf des Unbekannten folgst.

Die Herausforderung des Unbekannten trotz aller Ängste anzunehmen – das ist Mut. Die Angst ist da, doch wenn du dich dieser Herausforderung immer wieder stellst, verschwindet sie allmählich. Die Freude, die das Unbekannte mit sich bringt, die große Ekstase, die damit einhergeht, macht dich stark; sie gibt dir eine gewisse Integrität und schärft deine Intelligenz. Zum ersten Mal stellst du fest, dass das Leben nicht langweilig ist, sondern ein Abenteuer. Und nach und nach verschwindet alle Angst; dann bist du ständig auf der Suche nach einem Abenteuer.

Grundsätzlich bedeutet Mut, das Bekannte für das Unbekannte aufs Spiel zu setzen, das Vertraute für das Neue, die Bequemlichkeit für eine unbequeme und beschwerliche Pilgerreise zu einem unbekannten Ziel. Du weißt nie, ob du es schaffen wirst oder nicht. Es ist ein Glücksspiel. Aber nur Spieler wissen, was Leben ist.

Das Tao des Mutes

Das Leben hört nicht auf deine Logik; es geht ganz gelassen und ungestört seinen eigenen Gang. Du musst auf das Leben hören, das Leben hört nicht auf dich. Es kümmert sich keinen Deut um deine Logik.

Was siehst du denn im Leben? Ein starker Sturm kommt und große Bäume werden umgeknickt. Ginge es nach Charles Darwin, sollten sie eigentlich überleben – sie sind doch die Tüchtigsten, die Stärksten und die Mächtigsten. Schau dir einen alten Baum an, dreißig Meter hoch und dreitausend Jahre alt. So ein Baum strahlt eine machtvolle Stärke aus. Millionen von Wurzeln haben sich tief in die Erde eingegraben und darüber erhebt sich dieser mächtige Baum. Und natürlich kämpft er – er will nicht nachgeben, er will sich nicht unterwerfen. Doch wenn der Sturm vorüber ist, ist der Baum umgestürzt, ist er tot. Alles Leben und alle Kraft sind aus ihm gewichen. Der Sturm war zu viel für ihn – der Sturm ist immer zu viel, denn der Sturm kommt aus dem Ganzen und der Baum ist nur ein Einzelner.

Dann sind da noch die kleinen Pflanzen und das gewöhnliche Gras. Wenn der Sturm kommt, gibt das Gras nach. Er kann ihm nichts anhaben. Er kann höchstens darüber hinwegfegen, das ist alles. Und der ganze Staub, der sich darauf angesammelt hat, wird dabei abgewaschen. Der Sturm ist wie ein gutes Bad. Wenn er vorbei ist, stehen die kleinen Pflanzen und Gräser wieder aufrecht und tanzen. Gras hat fast keine Wurzeln. Jedes kleine Kind kann es ausreißen und trotzdem widersteht es dem Sturm. Warum?

Das Gras folgte dem Weg des Tao, dem Weg von Laotse. Der große Baum dagegen folgte Charles Darwin. Der große Baum verhielt sich sehr logisch: Er versuchte, Widerstand zu leisten, er wollte beweisen, wie stark er war. Wenn du deine Stärke demonstrieren willst, wirst du besiegt. Alle Hitler, alle Napoleons, alle Alexander sind große, starke Bäume. Sie alle werden besiegt. Menschen wie Laotse sind wie die kleinen Pflanzen, die man nicht besiegen kann, weil sie jederzeit bereit sind nachzugeben. Wie kannst du einen Menschen besiegen, der nachgibt und sagt: »Ich bin schon besiegt!« Der sagt: »Freuen Sie sich ruhig an Ihrem Sieg, mein Herr. Völlig unnötig, hier groß Arger zu machen. Ich bin schon besiegt.« Selbst ein Alexander wird sich vor Laotse sinnlos Vorkommen. Er kann ihm nichts anhaben.

Genau das ist einmal passiert: Zur Zeit Alexanders des Großen lebte in Indien ein Mystiker namens Dandamis. Als Alexander zu einem Feldzug nach Indien aufbrach, baten ihn sein Freunde, ihnen auf dem Rückweg einen Sannyasin mitzubringen, denn diese seltene Blume blüht nur in Indien. Sie sagten: »Wir möchten gerne mehr über dieses Phänomen Sannyas erfahren – was das ist und was genau ein Sannyasin ist.«

Alexander war so mit Kriegsführung und Kämpfen beschäftigt, dass er ihren Wunsch beinahe vergessen hätte. Erst beim Rückzug an der indischen Grenze erinnerte er sich wieder daran. Als sie gerade das letzte Dorf verlassen wollten, befahl er seinen Soldaten, nachzuforschen, ob irgendwo in der Gegend ein Sannyasin lebte. Zufällig hielt sich Dandamis in diesem Augenblick in dem Dorf auf, unten am Flussufer, und die Leute sagten: »Ihr seid zur richtigen Zeit gekommen. Sannyasins gibt es viele, aber einen wirklichen Sannyasin findet man selten. Und so einer ist gerade hier. Ihr könnt bei ihm Darshan nehmen, ihr könnt ihn aufsuchen.« Alexander lachte. Er sagte: »Ich bin nicht gekommen, um Darshan zu nehmen. Meine Soldaten werden ihn herbringen. Ich will ihn in meine Heimat mitnehmen.«

»Das wird nicht so einfach sein«, meinten die Dorfbewohner.

Alexander verstand sie nicht – was sollte daran schwierig sein? Welche Schwierigkeiten sollte ihm, der schon Kaiser und Könige besiegt hatte, ein Bettler, ein Sannyasin bereiten? Also gingen seine Soldaten zu diesem Dandamis. Er stand nackt am Ufer des Flusses. Sie sagten: »Alexander der Große lädt dich ein, ihn in sein Land zu begleiten. Für jeden Komfort ist gesorgt, du bekommst alles, was du dir wünschst. Du wirst ein königlicher Gast sein.«

Der nackte Fakir lachte und sagte: »Geht und sagt eurem Herrn, ein Mann, der sich groß nennt, kann nicht wirklich groß sein. Außerdem kann niemand mich irgendwohin bringen. Sannyasins leben wie Wolken in völliger Freiheit. Mich kann niemand versklaven.«

Sie erwiderten: »Du hast sicher schon gehört, was für ein gefährlicher Mann Alexander ist. Wenn du nein sagst, wird er nichts darauf geben, sondern dir einfach den Kopf abschlagen!«

Schließlich musste Alexander selbst zu ihm hingehen, denn die Soldaten hatten ihm berichtet: »Er ist ein außergewöhnlicher Mensch. Ein Leuchten umgibt ihn, etwas völlig Unbekanntes. Und obwohl er nackt lebt, hat man in seiner Gegenwart nicht das Gefühl, dass er nackt ist. Erst später fällt es einem wieder ein. Er strahlt eine solche Kraft aus, dass man in seiner Gegenwart die ganze Welt vergisst. Ein Magnetismus und eine große Stille umgeben ihn. Seine ganze Umgebung fühlt sich an, als hätte sie ihre Freude an diesem Mann. Er ist wirklich bemerkenswert. Aber er macht es sich nicht einfach. Er sagt, niemand könne ihn irgendwohin bringen und er sei niemandes Sklave.«

Alexander kam mit gezücktem Schwert. Dandamis lachte und sagte: »Stecke dein Schwert weg, es ist nutzlos hier; stecke es zurück in die Scheide. Es nützt dir nichts, weil du nur meinen Körper töten kannst, und den habe ich schon lange verlassen. Mich kann dein Schwert nicht töten. Also stecke es weg und sei nicht kindisch.«

Und man berichtet, das sei das erste Mal gewesen, dass Alexander den Anweisungen eines anderen folgte. Die reine Präsenz dieses Mannes ließ ihn vergessen, wer er war. Er steckte sein Schwert ein und erklärte: »Noch nie bin ich einem so wunderbaren Menschen begegnet.« Und als er ins Lager zurückkehrte, meinte er: »Es ist schwierig, einen Menschen zu töten, der bereit ist zu sterben; es ergibt keinen Sinn. Man kann jemanden töten, der kämpft, aber einen Mann, der einverstanden ist und sagt: ›Hier ist mein Kopf, du kannst ihn ruhig abschlagen‹, kann man nicht töten.«

Und genau das hatte Dandamis gesagt: »Hier ist mein Kopf, du kannst ihn ruhig abschlagen. Wenn der Kopf ab ist, wirst du ihn in den Sand fallen sehen. Und ich werde ihn ebenso in den Sand fallen sehen, denn ich bin nicht mein Körper. Ich bin ein Beobachter.«

Zu Hause musste Alexander seinen Freunden berichten: »Es gab Sannyasins, die ich hätte mitbringen können, aber die waren keine richtigen Sannyasins. Dann begegnete ich einem Mann, der wirklich außergewöhnlich war. Ihr habt recht gehört, ein Sannyasin ist wirklich eine seltene Blume. Aber man kann ihn zu nichts zwingen, denn er hat keine Angst vor dem Tod. Wie kann man jemanden zu etwas zwingen, der keine Angst vor dem Tod hat?«

Es ist die Angst, die dich zum Sklaven macht – reine Angst. Wenn du furchtlos bist, bist du kein Sklave mehr. Und deine Angst zwingt dich auch dazu, andere zu Sklaven zu machen, bevor sie dich versklaven können.

Ein furchtloser Mensch hat weder vor jemandem Angst noch macht er anderen Angst. Die Angst verschwindet vollständig.

Der Weg des Herzens

Das englische Wort ›courage‹ für Mut ist sehr aufschlussreich. Es stammt von der lateinischen Wurzel ›cor‹ ab, die ›Herz‹ bedeutet. Mutig sein bedeutet also, vom Herzen her zu leben. Nur Schwächlinge leben vom Kopf her. Aus lauter Angst schaffen sie eine Sicherheitszone aus Logik um sich herum. Mit Hilfe von Theologien, Konzepten, Worten und Theorien schließen sie ängstlich alle Türen und Fenster und verstecken sich dahinter.

Der Weg des Herzens ist der Weg des Mutes. Er bedeutet ein Leben in Ungewissheit, in Liebe, in Vertrauen, er bedeutet, dass man ins Unbekannte hineingeht, dass man die Vergangenheit hinter sich lässt und offen ist für die Zukunft. Mut bedeutet, gefährliche Wege zu gehen. Das Leben ist gefährlich und nur Feiglinge versuchen die Gefahren zu vermeiden – doch damit sind sie eigentlich schon tot. Ein Mensch, der lebendig ist, durch und durch lebendig und vital, geht immer ins Unbekannte. Das ist zwar gefährlich, aber dieses Risiko geht er ein. Das Herz ist immer bereit zu riskieren, das Herz ist ein Spieler. Der Kopf ist ein Geschäftsmann. Der Kopf will alles berechnen, er ist clever. Das Herz ist nicht berechnend.

Dieses englische Wort ›courage‹ ist schön und sehr aufschlussreich. Aus dem Herzen leben heißt einen Sinn entdecken. Der Dichter lebt vom Herzen her. Und nach und nach beginnt er in seinem Herzen dem Klang des Unbekannten zu lauschen. Der Kopf kann diesen Klang nicht hören, denn er ist sehr weit vom Unbekannten entfernt. Der Kopf ist voll mit dem Bekannten.

Woraus besteht dein Verstand? Er besteht aus allem, was du weißt. Er ist die Vergangenheit, das Tote, er ist das, was vorbei ist. Der Verstand ist nichts anderes als eine Anhäufung von Vergangenem, von Erinnerung. Das Herz ist die Zukunft. Das Herz hat immer Hoffnung, es ist immer auf die Zukunft ausgerichtet. Der Kopf denkt über das Vergangene nach; das Herz träumt von Zukünftigem.

Die Zukunft kommt erst noch, wir haben sie noch vor uns. Die Zukunft enthält noch Möglichkeiten – sie kommen auf uns zu, sie sind schon so gut wie da. Jeden Augenblick verwandelt sich die Zukunft in Gegenwart und die Gegenwart in Vergangenheit. Die Vergangenheit hat keinerlei Potenzial mehr, sie ist bereits genutzt worden. Du hast sie schon hinter dir gelassen. Ihre Möglichkeiten sind erschöpft, sie ist etwas Totes, sie ist wie ein Grab. Die Zukunft ist wie ein Same. Zukunft ist das, was sich ständig entwickelt, was ständig eintritt und in die Gegenwart übergeht. Du bist immer in Bewegung. Die Gegenwart ist nichts als eine ständige Bewegung in die Zukunft. Sie ist der Schritt, den du soeben tust. Sie führt in die Zukunft.

titelDas Herz ist immer bereit zu riskieren, das Herz ist ein Spieler. Der Kopf ist ein Geschäftsmann. Der Kopf will alles berechnen, er ist clever. Das Herz ist nicht berechnend.

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Jeder Mensch auf der Welt möchte authentisch sein, denn es bringt so viel Freude und so eine grenzenlose Seligkeit mit sich, wenn man authentisch ist. Warum also unecht sein? Wirf einmal einen mutigen Blick darauf: Wovor hast du Angst? Was kann dir die Welt schon anhaben? Die Leute können höchstens über dich lachen. Das tut ihnen gut. Lachen ist immer eine gute Medizin. Die Leute können dich für verrückt halten. Aber das allein macht dich noch längst nicht verrückt.

Und wenn deine Freude, deine Tränen, dein Tanz authentisch sind, dann wirst du früher oder später Menschen begegnen, die dich verstehen und sich dir vielleicht anschließen. Als ich meinen Weg begann, war ich zuerst ganz allein, und dann schlossen sich mir nach und nach immer mehr Menschen an, bis schließlich eine weltweite Karawane daraus wurde! Dabei habe ich niemanden eingeladen; ich habe einfach immer das getan, was aus meinem Herzen kam.

Ich bin nur meinem Herzen verantwortlich, niemandem sonst auf der Welt. Und auch du bist nur deinem eigenen Sein gegenüber verantwortlich. Tu nie etwas gegen dein Herz, denn damit begehst du Selbstmord, damit zerstörst du dich selbst. Und was gewinnst du dabei? Selbst wenn die Leute dir Respekt erweisen, wenn sie dich für einen sehr ordentlichen, nüchternen, respektablen, ehrenwerten Menschen halten – für dein Inneres ist das keine Nahrung. Das gewährt dir keine bessere Einsicht in das Leben und seine unbeschreibliche Schönheit.

Wie viele Millionen von Menschen haben vor dir auf dieser Erde gelebt? Du kennst nicht einmal ihre Namen; ob sie je gelebt haben oder nicht, macht keinen Unterschied. Heilige und Sünder waren darunter, hoch angesehene Leute und alle möglichen Exzentriker und Verrückte, doch alle sind sie verschwunden, ohne die geringste Spur zu hinterlassen.

Richte also deine ganze Aufmerksamkeit darauf, jene Qualitäten zu hegen und zu pflegen, die du mitnehmen kannst, wenn der Tod deinen Körper und deinen Geist zerstört, denn diese Qualitäten werden dein einziger Begleiter sein. Sie sind die einzigen wirklichen Werte. Und nur die Menschen, die diese Werte erlangt haben, leben wirklich. Alle ändern tun nur so, als würden sie leben.

Eines Nachts klopft der KGB an Jussel Finkelsteins Tür. Jussel öffnet verschlafen.

»Lebt hier gewisser Jussel Finkelstein?«, bellt der Geheimagent.

»Nein«, antwortet Jussel in seinem schlottrigen Pyjama. »Nein? Und wie heißen Sie dann?«

»Jussel Finkeistein.« Der KGB-Mann schlägt ihn zu Boden: »Hast du nicht gerade gesagt, du lebst nicht hier?« »Nennen Sie das etwa leben?«, stöhnt Jussel.

Leben ist nicht immer Leben. Schau dir dein Leben an. Kannst du sagen, es ist ein Segen? Kannst du es eine Gabe, ein Geschenk der Existenz nennen? Würdest du das gleiche Leben gerne noch einmal leben?

titelWovor hast du Angst? Was kann dir die Welt schon anhaben? Die Leute können höchstens über dich lachen. Das tut ihnen gut. Lachen ist immer eine gute Medizin.

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Höre nicht auf die Schriften, höre auf dein eigenes Herz. Das ist die einzige Schrift, die ich euch gebe. Höre ihr sehr aufmerksam und sehr bewusst zu, dann wirst du nie etwas falsch machen. Wenn du auf dein Herz hörst, wirst du nie im Zwiespalt sein. Wenn du der Stimme deines Herzens folgst, wirst du in die richtige Richtung gehen, ohne je darüber nachzudenken, was richtig und was falsch ist.

Das ist die Kunst, die die Menschheit in Zukunft beherrschen muss: ständig wach und aufmerksam auf das eigene Herz zu hören. Folge ihm, wo immer es dich hinführt. Gewiss, manchmal wird es dich in Gefahr bringen, aber diese Gefahren brauchst du, um zu reifen. Manchmal wird es dich in die Irre führen, aber auch diese Irrungen sind Teil deines Wachstums. Du wirst viele Male hinfallen – dann stehe wieder auf! Das macht dich stärker, wenn du hinfällst und wieder aufstehst. Das macht dich zu einem integrierten Menschen.

Lebe nicht nach Regeln, die dir von außen auferlegt wurden. Auferlegte Regeln können nie richtig sein, denn sie werden von Leuten erfunden, die Macht über dich ausüben wollen! Gewiss, manchmal hat es große Erleuchtete auf der Welt gegeben – einen Buddha, einen Jesus, einen Krischna, einen Mohammed – aber sie haben der Welt keine Regeln gegeben, sie haben ihr ihre Liebe gegeben. Doch früher oder später versammeln sich die Schüler und arbeiten Verhaltensregeln aus. Wenn der Meister einmal nicht mehr da ist, wenn das Licht verschwunden ist und sie von tiefer Dunkelheit umgeben sind, dann suchen sie nach Regeln, denen sie folgen können, denn das Licht, in dessen Schein sie hätten sehen können, leuchtet ihnen nicht mehr. Jetzt sind sie auf Regeln angewiesen.

Jesus hat nur danach gehandelt, was sein Herz ihm zugeflüstert hat. Doch die Christen tun nicht, was ihr eigenes Herz ihnen sagt. Sie sind Nachahmer. Und wenn du jemanden nachahmst, beleidigst du dein eigenes Menschsein, beleidigst du Gott.

Sei nie ein Nachahmer, sei immer ein Original. Werde nicht zur Kopie. Aber so sieht es auf unserer Welt aus: lauter Kopien. Wenn du ein Original bist, ist das Leben ein einziger Tanz. So folgst du deiner Bestimmung! Schau dir doch an, wie verschieden Buddha und Krischna sind. Wenn Krischna Buddhas Weg gefolgt wäre, dann wäre uns einer der wunderbarsten Menschen auf dieser Erde verloren gegangen. Und wenn Buddha Krischna nachgefolgt wäre, dann wäre aus ihm nur eine armselige Imitation geworden. Stellt euch Buddha vor, wie er auf der Flöte spielt! Er hätte allen die Nachtruhe geraubt – er war nun einmal kein Flötenspieler. Stellt euch Buddha als Tänzer vor – es sähe lächerlich aus, geradezu absurd.

Und genauso Krischna. Ein Krischna, der ohne Flöte unterm Baum sitzt, keine Krone aus Pfauenfedern auf dem Kopf, keine kostbaren Kleider – ein Bettler unter einem Baum, die Augen geschlossen, und keiner, der um ihn herum tanzt, nirgendwo ein Tanz, nirgendwo ein Lied – er wäre ein Bild des Jammers. Buddha ist Buddha, Krischna ist Krischna, und du bist du. Du bist in keiner Weise geringer als andere. Achte dich, achte deine eigene innere Stimme und folge ihr.

Und denke daran: Ich garantiere dir nicht, dass sie dich immer zum richtigen Ziel führt. Viele Male wird sie dich in die Irre führen, denn ehe du an der richtigen Tür ankommst, musst du zuerst an viele falsche Türen klopfen. Das ist nun mal so. Denn wenn du, einfach so, plötzlich vor der richtigen Tür stündest, würdest du sie gar nicht erkennen. Deshalb ist letztendlich keine Anstrengung umsonst; alle Anstrengungen sind ein Beitrag zur höchsten Entfaltung deines Wachstums.

titelBuddha ist Buddha, Krischna ist Krischna, und du bist du. Du bist in keiner Weise geringer als andere. Achte dich, achte deine eigene innere Stimme und folge ihr.

Zögere also nicht und mach dir nicht zu viele Gedanken, ob du in die falsche Richtung gehst. Das ist eins der Probleme: Man hat euch beigebracht, nie etwas falsch zu machen, und dadurch seid ihr so zögerlich und ängstlich geworden. Ihr seid so darauf bedacht, nur ja nichts falsch zu machen, dass ihr festgefahren seid. Ihr könnt euch kaum von der Stelle bewegen: Es könnte ja etwas Falsches passieren. Nun seid ihr wie Felsen, die jede Beweglichkeit verloren haben.

Begehe so viele Fehler wie möglich und achte dabei nur auf eins: dass du nicht den gleichen Fehler zweimal machst. Dann wirst du wachsen. Es gehört zu deiner Freiheit, dass du dich verläufst. Es ist Teil deiner Würde, dass du selbst gegen Gott angehen kannst. Und manchmal ist es sogar gut, gegen Gott anzugehen. So entwickelst du Rückgrat. Schließlich gibt es Tausende von Menschen, die kein Rückgrat haben.

Vergiss alles, was man dir darüber erzählt hat, was richtig ist und was falsch. So starr ist das Leben nicht. Was heute richtig ist, kann morgen falsch sein; was jetzt gerade falsch ist, kann schon im nächsten Augenblick richtig sein. Das Leben lässt sich nicht in Fächer einteilen, du kannst ihm nicht einfach Etiketten aufkleben: »Das ist richtig und jenes ist falsch.« Das Leben ist keine Drogerie, wo jede Flasche einen Aufkleber hat und du weißt, was was ist. Das Leben ist ein Mysterium. In diesem Augenblick passt etwas und dann ist es das Richtige, danach ist schon wieder so viel Wasser den Ganges hinunter geflossen, dass es nicht mehr passt und das Falsche ist.

titelBegehe so viele Fehler wie möglich und achte dabei nur auf eins: dass du nicht den gleichen Fehler zweimal machst. Dann wirst du wachsen.

Was ist meine Definition von richtig? Was in Einklang ist mit der Existenz, ist richtig, und was nicht in Harmonie ist mit der Existenz, ist falsch. Du musst also jeden Moment wachsam sein, denn das muss immer aufs Neue entschieden werden. Um herauszufinden, was richtig und was falsch ist, kannst du dich nicht auf vorgefertigte Antworten verlassen. Das tun nur Dumme, weil dazu keine Intelligenz nötig ist. Sie wissen im Voraus, was richtig und was falsch ist – man kann die Liste auswendig lernen, sie ist nicht sehr lang.

Zehn Gebote, und schon weißt du, was richtig und was falsch ist. So einfach ist das. Aber das Leben ändert sich dauernd. Wenn Moses heute wiederkäme, glaube ich nicht, dass er euch noch einmal die gleichen zehn Gebote geben würde. Unmöglich! Wie könnte er euch nach dreitausend Jahren die gleichen Gebote geben? Er würde sich etwas Neues ausdenken müssen.

Jedes Mal, wenn Gebote gegeben werden, bringt das die Menschen in eine schwierige Situation, denn kaum sind sie gegeben, da sind sie bereits wieder veraltet. Das Leben ändert sich so schnell, es ist dynamisch, nicht statisch. Es ist kein stehendes Gewässer, sondern ein Strom, der ständig weiterfließt. Keine zwei Augenblicke ist es gleich. Was in diesem Moment richtig ist, ist im nächsten vielleicht schon falsch.

Was lässt sich da tun? Es gibt nur eine Möglichkeit: die Menschen so bewusst zu machen, dass sie selbst entscheiden können, wie sie auf die ständig neuen Situationen des Lebens antworten wollen.

Eine Zen-Geschichte:

Es gab einmal zwei rivalisierende Tempel. Die beiden Meister – doch vermutlich waren sie nur Priester und keine echten Meister – waren so verfeindet, dass sie ihre Anhänger aufforderten, dem anderen Tempel auf keinen Fall Beachtung zu schenken. Jeder von den beiden hatte einen Jungen, der ihm diente, Einkäufe für ihn erledigte und Besorgungen machte. Der Priester des ersten Tempels warnte seinen Jungen: »Sprich nicht mit dem anderen Jungen. Diese Leute sind gefährlich.«

Aber Jungs sind nun mal Jungs. Eines Tages trafen sie sich auf der Straße und der Junge vom ersten Tempel fragte den anderen: »Wo gehst du hin?«

»Wohin der Wind mich trägt«, antwortete dieser. Wahrscheinlich hatte er im Tempel ein paar Zen-Sprüche aufgeschnappt. »Wohin der Wind mich trägt« – eine großartige Feststellung, reinstes Tao!

Der erste Junge war verlegen und beschämt und wusste nicht, was er antworten sollte. Er war frustriert, er war wütend und fühlte sich zugleich schuldig. Der Meister hatte ihm ja verboten, mit diesen Leuten zu reden. Die waren wirklich gefährlich! Und so eine Antwort war beleidigend. Er ging zum Meister und erzählte ihm, was geschehen war. »Es tut mir Leid, dass ich mit ihm gesprochen habe. Du hattest Recht, das sind wirklich merkwürdige Leute. Was ist das bloß für eine Antwort! Ich habe ihn nur gefragt: ›Wohin gehst du?‹ Eine einfache, höfliche Frage. Ich wusste ja, dass er genauso zum Markt geht wie ich. Aber er hat gesagt: ›Wöhin der Wind mich trägt.‹«

Der Meister sagte: »Ich habe dich gewarnt, aber du wolltest nicht hören. Jetzt pass auf. Morgen wartest du wieder am selben Ort, und wenn er kommt, fragst du noch mal: ›Wo gehst du hin?‹ Und wenn er erwidert: ›Wohin der Wind mich trägt‹, dann sei ruhig auch ein bisschen philosophisch und frage: ›Und wenn du keine Beine hast, was dann?‹ –

denn die Seele ist körperlos und der Wind kann sie nirgendwo hin tragen. Wie wäre das?«

Der Junge wiederholte diesen Satz die ganze Nacht lang, um hundertprozentig sicher zu sein. Am nächsten Morgen ging er sehr früh zu der besagten Stelle und wartete. Pünktlich um die gleiche Zeit erschien der andere Junge. Wie gut! Jetzt würde er ihm zeigen, was Philosophie ist. Er fragte ihn: »Wo gehst du hin?« Dann wartete er gespannt.

Doch der andere Junge sagte: »Ich gehe zum Markt, Gemüse einkaufen.«

Was half ihm nun seine auswendig gelernte Philosophie?