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Paul Lendvai

MEIN ÖSTERREICH
50 JAHRE HINTER DEN
KULISSEN DER MACHT

 

Paul Lendvai

MEIN ÖSTERREICH
50 JAHRE HINTER DEN
KULISSEN DER MACHT

 

 

 

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Inhalt

Einleitung

Österreich-Klischees: ein Vorhang der Medien

Der Opfermythos und die „Stunde null“ 1945

Gründungsvater mit vielen Gesichtern

Die Erlebnisse eines Auslandskorrespondenten

Kompromiss – Grundlage der Sozialpartnerschaft

Das geheime Wirtschaftswunder der „neuen“ Nation

Krisenjahre der Koalition

Der Reformer Josef Klaus

Glanz und Niedergang der ÖVP–Alleinregierung

Kreiskys geheime Hausmacht

Schatten der Vergangenheit – Kreisky versus Wiesenthal

Das Rätsel Otto Rösch und die „braunen“ Flecken der SPÖ

Der Machtkampf am Hof des „Sonnenkönigs“

Erbe ohne Fortüne: Sinowatz und der Fall Waldheim

Das Vranitzky-Jahrzehnt – ohne Glanz und ohne Krise

Wendekanzler Schüssel – Aufstieg und Absturz

Quellen und Literatur

Register

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Im Andenken an
Kurt Vorhofer (28. 8. 1929 – 25. 5. 1995),
den großen Journalisten, meinen besten Freund
und „Österreich-Lehrer“

Einleitung

 

Am 4. Februar 1957, einem trüben Montag, kam ich in einem gebraucht gekauften, knöchellangen blauen Wintermantel in einer tschechoslowakischen Maschine aus Prag in Schwechat an. In der Tasche hatte ich meinen ungarischen Reisepass mit einem gültigen österreichischen Sichtvermerk. Ich war einer der Spätgekommenen; der Eiserne Vorhang war damals schon kaum mehr zu überwinden. Meine abenteuerliche Reise über Warschau und Prag nach Wien hatte am 12. Januar 1957 begonnen.

Es war die erste Auslandsreise meines Lebens, ich war 27 Jahre alt. Eine polnische Zeitung hatte mich nach Warschau eingeladen. Diese Reise war eine mit Reformfreunden abgesprochene politische Mission kurz vor der mit Spannung erwarteten polnischen Parlamentswahl. Polen war damals für unser geschlagenes und geknebeltes Land Ungarn noch ein Hoffnungsschimmer. Ein Land, in dem – so schien es uns damals – durch den „Frühling im Oktober“ der friedliche Übergang vom Stalinismus zur Reform gelungen war.

Es waren unvergessliche Wochen, geprägt von der noch anhaltenden Aufbruchsstimmung in Warschau. Bald wurde jedoch klar, dass das Kádár-Regime kein Interesse an einer Kompromisslösung mehr hatte und in jeder Hinsicht zu einem unbarmherzigen Rachefeldzug gegen die Aufständischen entschlossen war. Als ich genau drei Monate nach dem sowjetischen Großangriff gegen die revolutionäre Regierung Imre Nagys in Wien eintraf, waren bereits fast 200.000 Ungarn nach Österreich bzw. etwa ein Zehntel davon nach Jugoslawien geflüchtet.

Fünf zum Teil sehr schwierige Jahre lagen hinter mir: Militärdienst, Verhaftung, Internierung und drei Jahre Berufsverbot. Trotz allem hatte ich ursprünglich meine Heimat nicht verlassen wollen. Als ehemaliger junger Linkssozialist, verfolgt und während des Aufstandes nicht „kompromittiert“, konnte ich endlich wieder als Journalist bei einer neuen Tageszeitung arbeiten. Auch hatte ich mit meinen geliebten Eltern vor meiner Warschau-Reise nie ein ernstes Wort über einen Absprung in den Westen gewechselt.

Die Hiobsbotschaften aus Budapest, die Gespräche mit den später zu engen Freunden gewordenen westlichen Auslandskorrespondenten, so auch mit dem damals als stellvertretender Chefredakteur des „Kurier“ nach Polen entsandten Hugo Portisch, und die Eindrücke in Warschau änderten meine Sicht der Dinge unaufhaltsam. Meine Gedanken führten immer mehr zu einem unwiderruflichen Entschluss: Ich kann nicht mehr mit der Lüge leben!

Konnte ich denn über außenpolitische Themen schreiben, während die Freunde, die mich aus dem Lager geholt und meine Rehabilitierung erzwungen hatten, nun selbst hinter Gittern saßen und bewunderte Schriftsteller von langjährigen Gefängnisstrafen bedroht waren? Noch vor meiner Abreise nach Prag, der nächsten Station meiner Tour, war ich fest entschlossen, ein neues Leben anzufangen.[1]

Ohne wohlhabende Verwandte oder Freunde im Ausland, ohne einen erlernten Beruf, zwar mit englischen und deutschen Sprachkenntnissen, aber keineswegs in einem für einen Journalisten ausreichenden Maße, im Alter von 27 Jahren ohne Aussicht auf eine völlig akzentfreie Beherrschung einer Fremdsprache, plante ich im wahrsten Sinne des Wortes einen Sprung ins Ungewisse. Ich war bereit, meine neu gewonnene Existenz in Ungarn aufs Spiel zu setzen, aber ich hatte zugleich nicht die geringste Ahnung von meiner persönlichen Zukunft. Zur Verblüffung meiner Eltern und meiner Freunde suchte ich in Wien sofort um politisches Asyl an. Ohne Illusionen, aber auch ohne Angst bereitete ich mich auf die Freiheit der Wahl in einer freien Welt vor.

Dank hilfsbereiten ausländischen Kollegen gehörte ich zu jener Minderheit der Flüchtlinge, die privat wohnen konnten und nicht in einem Lager oder Heim untergebracht waren. Mit dem aus Deutschland über China in die USA eingewanderten früheren US-Finanzminister Michael Blumenthal hätte auch ich sagen können: „Ich hatte großes Glück. Das Leben ist nicht nur Ehrgeiz und Arbeit, sondern auch Glückssache.“ In Österreich fand ich schnell Freunde und gute Aufnahme. Nicht alle hatten dieses Glück.

Für die Ungarnflüchtlinge, die aus der totalen Abkapselung auftauchten und in Österreich ohne Rücksicht auf Herkunft und Vergangenheit mit offenen Armen aufgenommen wurden, war Wien nicht bloß ein Schaufenster des Westens, sondern auch, ja vor allem ein Leuchtturm der Freiheit, der Toleranz und der Menschlichkeit. Als mir Jahrzehnte später österreichische und erst recht ausländische Freunde zuweilen vorwarfen, „du idealisierst noch immer das Land!“, musste ich häufig an diese unvergesslichen ersten Eindrücke denken. Die Flüchtlinge hatten damals das gute Österreich kennengelernt, wo die Menschen nicht nachforschten, wer was ist oder als was er gilt, sondern einfach halfen. Genau so übrigens wie 1968 den Tschechen und Slowaken, 1980–81 den Polen, 1991–1995 den Flüchtlingen aus dem zerfallenen Jugoslawien und 1999 den Kosovo-Albanern.

Zweifellos war die ungarische Revolution und deren blutige Niederschlagung durch die Sowjets auch ein politischer und psychologischer Wendepunkt in der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Dass ein Land nach sieben Jahren „Anschluss“ und Krieg, nach zehn Jahren Besetzung und so kurz nach dem Abzug der letzten fremden Soldaten, aber noch ohne eine eigene Armee die ungarischen Flüchtlinge derart natürlich, unerschrocken und großzügig aufgenommen hat, bleibt für eine ganze Generation ausschlaggebend und hat nicht wenig zum Selbstverständnis der Zweiten Republik beigetragen. Hier bestand ein Volk seine historische Bewährungsprobe.

Was die Österreicher damals leisteten, war einmalig: von den improvisierten Lagern und spontanen Spendenaktionen bis zur Mobilisierung der Weltöffentlichkeit und der Staatengemeinschaft. Ein offensichtliches Schuldgefühl der westlichen Regierungen, dass sie im Spätherbst 1956 so kläglich versagt hatten, war wohl der tiefere Grund für die nachfolgende und in dieser Art nie mehr wiederholte Aufnahmebereitschaft so vieler Staaten, von der Schweiz und der Bundesrepublik bis zu den Vereinigten Staaten und Kanada. In relativ kurzer Zeit, bis Ende 1957, verließen praktisch alle auswanderungswilligen Flüchtlinge Österreich.[2]

Bei der Entscheidung zwischen „Weiterziehen oder Dableiben“ spielte die bei den Umfragen in den letzten fünfzig Jahren immer wieder erwiesene Ungarn-Sympathie der Österreicher eine wichtige Rolle. Sie gab bei den mehr als zehntausend in Österreich verbliebenen Ungarnflüchtlingen, auch bei dem Verfasser dieser Zeilen, den Ausschlag. Wie der Politikwissenschaftler Norbert Leser fast vier Jahrzehnte später formulierte: „Der Volksaufstand war für Österreich und die Österreicher eine Bewährungsprobe der Menschlichkeit und eine Möglichkeit, die Dankbarkeit dafür, dass Österreich um so viel besser gefahren ist als Ungarn, den lebenden Ungarn zugute kommen zu lassen.“[3] Man kann, verglichen mit den späteren Flüchtlingsströmen, ohne Übertreibung sagen, die 1956er-Flüchtlinge waren damals privilegiert gewesen, weil sie eben aus Ungarn stammten. Wie Kurt Vorhofer zum 30. Jahrestag des Aufstandes in der „Kleinen Zeitung“ schrieb: „Die Magyaren sind das einzige Nachbarvolk, über das hierzulande eigentlich nicht gewitzelt oder gar gehöhnt wird.“

Umgekehrt sahen ich und wohl auch zahlreiche zu Österreichern gewandelte ehemalige Flüchtlinge es als eine Art Verpflichtung an, ihre Erinnerung an „das gute Österreich“ laut und deutlich gerade in schwierigen Zeiten (1986 der Fall Waldheim, 2000 die EU-Sanktionen nach der Bildung der schwarz-blauen Regierung) kundzutun.[4]

Ich betrachtete damals den Kampf gegen österreichfeindliche Klischees sowie gegen unverantwortliche und elektronisch multiplizierte Worthülsen über die österreichische Geisteshaltung als Teil meiner journalistischen Tätigkeit. Diese kurze Schilderung des österreichisch-ungarischen Verhältnisses im Allgemeinen und meine persönliche Einstellung im Besonderen soll dem Leser bloß verdeutlichen, von welcher Warte aus und aufgrund welcher Erfahrungen ich als langjähriger Korrespondent der Londoner „Financial Times“ und Schweizer Zeitungen, sodann als Chefredakteur und später Intendant des ORF sozusagen von innen und von außen aus die Komplexe und Ängste, das Zerrbild und prägenden Persönlichkeiten der Zweiten Republik aus der Nähe erzählen und analysieren möchte.

Dieses Buch ist ein zutiefst persönlicher Bericht über meine Erinnerungen an ein halbes Jahrhundert hinter den Kulissen der Macht in Österreich, an meine Erlebnisse als Auslandskorrespondent, ORF-Journalist und Chefredakteur der „Europäischen Rundschau“. Es geht um das Erlebte in Österreich, vor allem im Spiegel der Begegnungen mit Persönlichkeiten, die ich hier kennengelernt habe – wobei die enge Beziehung zu Bruno Kreisky (zwischen 1960 und 1990) einen wichtigen Platz einnimmt.

Zum vollständigen Bild gehört schon hier die Danksagung an jene Persönlichkeiten, die bereit waren, meine vielen Fragen über ihre Amtszeit beziehungsweise ihre Erlebnisse zu beantworten und mir zugleich auch ihre Meinung über politische Freunde und Gegner mitzuteilen. Die Gesprächspartner waren in alphabetischer Reihenfolge:

Bruno Aigner, Hannes Androsch, Gerd Bacher, Karl Blecha, Oscar Bronner, Rudolf Burger, Erhard Busek, Josef Cap, Hans Dichand, Heinz Fischer, Michael Graff, Alfred Gusenbauer, Jörg Haider, Heinrich Keller, Karl Krammer, Herbert Krejci, Johannes Kunz, Josef Krainer jun., Franz Kreuzer, Ferdinand Lacina, Erwin Lanc, Heinrich Neisser, Hugo Portisch, Erwin Pröll, Susanne Riess-Passer, Andreas Rudas, Margit Schmidt, Wolfgang Schüssel, Fred Sinowatz, Heribert Steinbauer, Ludwig Steiner, Rudolf Streicher, Josef Taus, Fritz Verzetnitsch, Franz Vranitzky, Gerhard Weis, Alfred Worm. Ich habe auch Zitate aus Interviews mit Kardinal Franz König, Rudolf Kirchschläger, Eva und Peter Kreisky, Franz Olah, Wolfgang Petritsch, Otto Schulmeister sowie im Ausland mit Uri Avnery, Muhammad Gadaffi, Mohammed Hosni Mubarak und Shimon Peres verwendet, die im Jahr 2000 für eine von mir und Helene Maimann gedrehte ORF-TV-Dokumentation zum zehnten Jahrestag des Todes von Bruno Kreisky aufgenommen wurden.

 

***

 

Noch eine persönliche Notiz: Die hautnahe Bekanntschaft mit der braunen und der roten Diktatur, beide lebensgefährlich, hat für mich nicht nur die Zeit der Jugend, sondern auch mein Geschichtsverständnis geprägt. Wenn man über die völlig gegensätzliche Entwicklung im Westen wie im Osten Europas spricht, kann man die Augen nicht verschließen oder, um Goethe aus den „Maximen und Reflexionen“ zu zitieren, „aufrichtig zu sein, kann ich versprechen – unparteiisch zu sein, aber nicht.“

Zum Schluss will ich noch Jean Améry aus seinem Artikel über „Aspekte des Österreichischen“ zitieren: „Fühlen Sie sich eigentlich als Österreicher? fragte ich einmal gesprächsweise den Dichter Ernst Jandl. Ja, meinte er. Aber (ich zitiere aus dem Gedächtnis) auf ganz unsentimentale Weise“.[5] Nun, ich fühle mich trotz meiner Jugend in Budapest und trotz meines unauslöschlichen ungarischen Akzents auf ganz sentimentale Weise vor allem in Krisensituationen als Österreicher, als ein Zugereister, der diesem Österreich und seinen Menschen, die ihm nicht nur einen Reisepass, sondern in „finsteren Zeiten“ (Bertolt Brecht) auch eine neue Heimat geboten haben, bis zu seinem Lebensende unendlich dankbar sein wird. Ich flüchtete nach Österreich als ein Mensch, der sich nach den eigenen jugendlichen Irrwegen für die Wahrheit und gegen die Lüge, für die unperfekte Demokratie und gegen den Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, entschied. Deshalb muss auch die Liebe zu Österreich eine kritische sein und bleiben.

[1]
Für meine Erlebnisse in Ungarn und für den Weg in die Freiheit siehe: Auf schwarzen Listen, Erlebnisse eines Mitteleuropäers, überarbeitete und erw. Neuaufl., Wien 2004.
[2]
Vgl. für Details den Sammelband Die ungarische Revolution und Österreich (Hrsg. I. Murber/Z. Fonagy), Wien 2006; ferner Paul Lendvai, Der Ungarnaufstand 1956, München 2006, bes. S. 214–231.
[3]
In: Europäische Rundschau, Wien, 1995/2, S. 9.
[4]
Siehe z. B. den „liebevollen Spiegel“ von Peter Stiegnitz, Österreich aus der Nähe, Wien 2006.
[5]
Jean Améry, Aspekte des Österreichischen, in: Im Brennpunkt: ein Österreich (Hrsg. M. Wagner), Wien 1976, S. 10.

Österreich-Klischees: ein Vorhang der Medien

Es ist schwierig, oft fast unmöglich, den Vorhang der Klischees und Vorurteile beiseitezuschieben, wenn über Österreich gesprochen oder geschrieben wird. Die Mythen über die Geschichte der Zweiten Republik erklären manches und verdunkeln viel; die Klischees schwanken zwischen Hochmut („kulturelle Großmacht“) und Selbsterniedrigung („österreichische Lebenslüge“). Der Abscheu vor den Verbrechen des NS-Regimes und die österreichische Verstrickung in den Nationalsozialismus verstellen bis heute den Blick von außen auf die alles in allem einzigartige Erfolgsbilanz der wohl glücklichsten Epoche der österreichischen Geschichte (1945–2005).

Dass es aber im Ausland so viele Gesten der Liebeserklärung und der Verachtung gegenüber einem so kleinen Land gibt und dass zugleich so viele österreichische Schriftsteller eine Hass-Liebe-Hass-Beziehung zu ihrer Heimat unterhalten – das ist etwas Besonderes. Die politische Führungsschicht der Zweiten Republik sonnte sich so lang und so erfolgreich im historischen Glanz eines unschuldigen Opfers des Dritten Reiches, dass die massive und überzogene ausländische Reaktion auf den Fall Waldheim (1986–1992) und die Regierungsbeteiligung der Haider-FPÖ (Februar 2000) das von Papst Paul VI. 1971 ausgesprochene Lob für Österreich als „Insel der Seligen“ als beliebte Selbstbeschreibung durch eine Flut von negativen Klischees fast gänzlich zerstörte.

Die Dialektik zwischen dem Feindbild von außen und dem Selbstbild der Österreicher führte zur Herausbildung jener Stereotypen, die sich im Laufe der Zeit zu einem Österreich-Bild im Westen verdichteten, das wohl einer der Hauptgründe für die grobe Fehleinschätzung der wirklichen Lage in diesem Lande selbst war und vielleicht noch ist.

Die geradezu hysterischen Reaktionen auf dem Höhepunkt der beiden Krisen hatten die Mehrheit der Österreicher, auch Anhänger der Linksparteien, verblüfft. Sie bestätigten die zeitlose Gültigkeit dessen, was Paul Valéry, der große französische Dichter und Essayist, um 1942 schrieb: „Die Gesellschaft lebt nur von Illusionen. Jede Gesellschaft ist eine Art kollektiven Traums. Diese Illusionen werden gefährliche Illusionen, wenn sie anfangen nicht mehr zu täuschen. Das Erwachen aus dieser Art Traum ist ein Alpdrücken.“[1]

Die Schockwirkung der massiven Kritik aus dem Ausland an Österreichs Umgang mit dem Nationalsozialismus – beginnend bereits in der Kreisky-Ära und verschärft nach der Wahl Kurt Waldheims zum Bundespräsidenten – hat weitreichende und widersprüchliche politische Folgen ausgelöst, mit denen wir uns später beschäftigen werden. Zu interessieren hat freilich auch der Befund der Meinungsforscher, dass die Versuche zur internationalen Isolierung des Landes sich zuweilen zum Nutzen derer auswirkten, denen sie angeblich schaden sollten. Zugleich hat die heikle Gratwanderung zwischen der Dämonisierung im Ausland und der weitverbreiteten Verniedlichung im Innern die jüngeren und meist linken Historiker, Schriftsteller und Journalisten zunehmend empört. Einer der scharfsinnigsten Essayisten, Karl-Markus Gauß, hat später seinen Finger auf die Wunde bei den Österreich-Kritikern gelegt: „Dieser staatskluge Opportunismus war es, der es später mir und vielen anderen so schwer machte, gerade in der Kritik ihr eigenes Bild Österreichs zu entwerfen, in dem sie sich hätten erkennen wollen. Da wir jedoch erkannt hatten, wie vieles in Österreich vertuscht wurde, identifizierten wir statt dessen Österreich selbst mit der Vertuschung ... Alles an Österreich schien irgendwie missraten, und was nicht missraten war, konnte nichts mit Österreich zu tun haben. Was in Österreich geschah, war folglich österreichisch, also provinziell und verlogen, oder nicht verlogen und nicht provinziell, also nicht österreichisch.“[2]

Das Jahr 2005 war mit seinen historischen Anknüpfungspunkten für Österreich in besonderer Weise ein Gedenkjahr und zugleich Gedankenjahr: Gedenken an 1945, also den Zusammenbruch des Dritten Reiches und die Wiedererrichtung der Republik Österreich; Gedenken an 1955, also den Staatsvertrag und die Wiedergewinnung der vollen Freiheit und Souveränität, und Erinnerung an 1995, das Jahr des Beitrittes zur Europäischen Union. Am Anfang dieses Jahres der Jubiläen wussten allerdings laut einer Umfrage 55 Prozent der Österreicher und sogar 72 Prozent der unter 30-Jährigen nicht, was eigentlich 2005 gefeiert wird.

In diesen Rahmen fügt sich das Ergebnis einer Untersuchung im Auftrag des Bildungsministeriums für Unterricht vom November 2004 ein, wonach sich 53 Prozent der jungen Österreicher unter 24 Jahren schlecht informiert fühlten.[3] Ob und wie weit man junge Menschen durch die beispiellose Flut von Gedenkfeiern, Ausstellungen, Konferenzen, Sonderpublikationen und durch die groß angelegte vierteilige TV-Dokumentation von Hugo Portisch nicht nur erreicht, sondern im wahren Sinne des Wortes aufgeklärt hat, werden wohl nur künftige Umfragen und Recherchen zeigen können.

Was nun die Generation der Eltern und Großeltern betrifft, so geht man angesichts der einschlägigen Leserbriefe und der Stimmen aus dem rechtspopulistischen Milieu kaum fehl, dass wegen tradierter Vorurteile und Feindbilder sowie aus Unkenntnis viele Österreicher noch immer nicht bereit sind, der ganzen Wahrheit über die NS-Zeit ins Auge zu sehen. Zugleich wäre es aber auch unklug, den im Ausland spürbaren Hang zu pauschaler Österreich-Verachtung und zur Schwarzmalerei zu übersehen. Bewusst oder unbewusst wollen manche Beobachter von außen das in den letzten zwei Jahrzehnten in der kritischen Selbstwahrnehmung in Österreich Geschehene kleinreden. Wenn man sich etwa heute an Karikaturen auf der Titelseite in der Pariser Tageszeitung „Le Monde“ erinnert, die drei Tage nacheinander im Februar 2000 Österreich als Naziland abbildeten, wo zum Beispiel ein Zug in ein KZ mit der deutschsprachigen Aufschrift „Arbeit macht frei“ fährt, oder wenn man an die Flut der sensationell aufgemachten Berichte über die hastige Strafaktion der 14 EU-Staaten gegen die schwarz-blaue Regierung denkt, dann könnte dem aufmerksamen Leser einer der „unfrisierten Gedanken“ des polnischen Satirikers Stanisłav Jerzy Lec einfallen: „Manche Menschen entbehren der Gabe, die Wahrheit zu sehen, aber welche Ehrlichkeit atmet dafür ihre Lüge!“[4]

Es hängt freilich in erster Linie mit der ganzen Komplexität der realen Geschichte Österreichs zusammen, dass dieses Land so oft entweder als eine unendlich reiche Insel der biederen Seligen oder als eine Alpenfestung der unverbesserlichen Nazis hingestellt wird. Man braucht nur Thomas Bernhards 1988 aufgeführtes Stück „Heldenplatz“ in Erinnerung zu rufen oder die häufigsten Schnittbilder aus den TV-Dokumentationen über diesen schicksalhaften österreichischen Gedächtnisort, wo Hitler vor einer unübersehbaren jubelnden, auf 250.000 geschätzten Menschenmenge die Rückkehr seiner Heimat ins Deutsche Reich verkündete. Es war dieses unauslöschliche Bild, das mich, den jungen Auslandskorrespondenten der Londoner „Financial Times“ und der Zürcher „TAT“, irgendwann in den frühen sechziger Jahren bewegte, dem damaligen Außenminister Bruno Kreisky in seinem Ministerbüro am Ballhausplatz die Frage zu stellen, wie symbolträchtig eigentlich der so oft zitierte Jubel um Hitler am Heldenplatz war. Kreisky antwortete, wie stets in einem Vieraugengespräch mit Journalisten, nicht ausweichend, sondern offen und suggestiv: „Haben Sie denn daran gedacht, wie viele nicht da waren und wie viele Österreicher, von der Gestapo gefasst, bald schon nach Dachau in überfüllten Zügen unterwegs waren?“ Ich hatte damals während des aufwühlenden Gesprächs und danach keine detaillierten Notizen gemacht, aber das von ihm verwendete Brecht-Zitat nie vergessen: „Und man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.“

In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ im Frühjahr 1988, also ein halbes Jahrhundert nach dem Massenrausch, wiederholte der greise Staatsmann: „Am Heldenplatz sah man sie im Lichte und überall, wo sie sich zur Diktatur bekannt haben, waren sie im Lichte, und die mehreren waren im Dunkeln. Die waren entweder auf ihren Feldern oder sie haben in den Kirchen gebetet oder sie haben zu Hause geweint – sie waren jedenfalls nicht sichtbar. Aber sie waren in der Mehrheit. Darüber gibt es gar keinen Zweifel.“ Im Gespräch mit uns Journalisten und in seinen Erinnerungen wies Kreisky als unverdächtiger Zeuge immer wieder darauf hin, selbst auf dem Höhepunkt sei nur etwa ein Drittel der Österreicher für Hitler gewesen.[5]

Der Weg zum „Anschluss“, der Jubel nach dem Einmarsch der deutschen Truppen und der Massenrausch am Heldenplatz können ohne die mit dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie verbundene Zäsur in der österreichischen Geschichte nicht erklärt und nicht verstanden werden. Für mich, der in Budapest mit einem ähnlichen Trauma, nämlich mit der von den Siegermächten erzwungenen Amputation des historischen Ungarns durch das Diktat von Trianon aufgewachsen war, hat der Schock des Friedensvertrages von Saint-Germain-en-Laye vom 10. September 1919 immer den Ausgangspunkt für die späteren Betrachtungen über den „Sonderfall“ Österreich bedeutet.

„Was ist Geschichte?“, fragte der bedeutende britische Historiker E. H. Carr und antwortete kurz und bündig: „ein Dialog ohne Ende zwischen Gegenwart und Vergangenheit“.[6] Wenn man bedenkt, dass nach den unvergessenen Worten des französischen Ministerpräsidenten Georges Clemençeau bei den Friedensverhandlungen Österreich der auf 80.000 Quadratkilometer zusammengeschrumpfte „Rest“ eines mehr als 670.000 Quadratkilometer großen Reiches mit knapp 7 Millionen Einwohnern (statt über 50 Millionen) war, braucht man keine wissenschaftlichen Abhandlungen, um die permanenten Fragestellungen nach der Lebensfähigkeit dieses kleinen Staates, damals unter dem Schock des Zusammenbruches, zu verstehen. Im Gegensatz zum Trianon-Ungarn handelte es sich bei dem zisleithanischen Teilstaat der Monarchie nicht „nur“ um den Verlust von Millionen (deutschsprachiger) Einwohner und um die wirtschaftlichen Folgen der Zerschlagung des großen Marktes und der Errichtung von Zollmauern in den Nachfolgestaaten. Übrigens wies Hugo Portisch zu Recht darauf hin, dass angesichts der Naturschätze und der industriellen Produktionskraft selbst dieser Rumpfstaat lebensfähig gewesen wäre.[7]

Es ging in diesem „Staat, den keiner wollte“ (Hellmut Andics) um „das österreichische Identitätsproblem im 20. Jahrhundert“ schlechthin, darum nämlich, dass die Bürger „erst lernen mussten, Österreicher zu sein“,[8] zumal in der Monarchie die deutschsprachigen Bewohner einfach Deutsche genannt wurden. Sie sahen sich als die eigentliche Staatsnation nicht nur der deutschsprachigen Reichshälfte, sondern der ganzen Habsburger Monarchie. Dieser Staat wider Willen nannte sich „Deutsch-Österreich“, eine Republik, die „Bestandteil des Deutschen Reiches“ sei. Mit Hinweis auf diese erste Verfassung zog Erwin Ringel, der große Psychiater der „österreichischen Seele“, die treffende Schlussfolgerung: „Das war ein Staat, der mit dem ersten Satz, den er aussprach, zugleich schon Selbstmord begangen hat ... Da war schon in der Wurzel der Staat, den keiner wollte, enthalten und damit der neuerliche Tod besiegelt.“[9]

Infolge des Anschlussverbotes durch die Siegermächte musste Österreich seinen Namen von „Deutsch-Österreich“ bald auf „Republik Österreich“ umändern. Die politischen Eliten, allen voran die Sozialdemokraten, natürlich auch die deutschnationalen, weniger die christlichsozial-konservativen, lehnten den Rumpfstaat ab. Sie alle waren bis zur Machtergreifung Hitlers für den Anschluss an Deutschland. Politische, soziale und wirtschaftliche Dauerkrisen führten zu einer Radikalisierung und Militarisierung der innenpolitischen Auseinandersetzungen durch die Entstehung von paramilitärischen Verbänden: sozialdemokratischer Schutzbund gegen die christlich-soziale Heimwehrbewegung. Nach dem skandalösen Freispruch von drei rechtsgerichteten Frontkämpfern, die beschuldigt waren, im Januar 1927 bei Zusammenstößen in Schattendorf einen Kriegsinvaliden und ein Kind erschossen zu haben, kam es in Wien im Juli 1927 zu Massendemonstrationen und zum Brand des Justizpalastes. Der Polizeieinsatz mit Schießbefehl forderte 89 Todesopfer und Hunderte Verletzte.

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 traf den Rumpfstaat besonders hart. Der Stand des Bruttosozialproduktes von 1913 wurde erst wieder Mitte des 20. Jahrhunderts erreicht! Ein Drittel der Werktätigen war arbeitslos und fast jeder Zweite erhielt keine Unterstützung. Vor dem Hintergrund des großen Elends führte die innenpolitische Polarisierung zu immer häufigeren gewaltsamen Zusammenstößen zwischen den verfeindeten politischen Lagern.

Schließlich schaltete der christlich-soziale Bundeskanzler Engelbert Dollfuß durch Ausnützung des Rücktrittes der drei Parlamentspräsidenten nach einem heftigen Streit das Parlament am 4. März 1933 aus. Sein autoritärer Kurs zur Errichtung eines Ständestaates führte am 12. Februar 1934 zum Bürgerkrieg und zum Verbot der unterlegenen Sozialdemokraten und der freien Gewerkschaften. Bereits im Juli unternahmen die von Hitler-Deutschland ermunterten Nazis einen missglückten Putschversuch. Es gab viele Todesopfer; Bundeskanzler Dollfuß wurde im Bundeskanzleramt von den Putschisten ermordet. Während die Sozialdemokraten und die Liberalen den wegen seiner Kleinheit „Millimetternich“ genannten Dollfuß als faschistischen Zerstörer der Demokratie und Wegbereiter Hitlers betrachten, gilt der ermordete österreichbewusste Staatsmann für die Christlich-Sozialen und heute für die ÖVP als Märtyrer des Anti-Nazi-Widerstandes.

Der britische Journalist und Zeithistoriker Gordon Brook-Shepherd stellte in seiner Österreich-Geschichte fest: „Die meisten Patrioten waren nicht Demokraten und die meisten Demokraten waren nicht Patrioten.“ Die unbarmherzige Verfolgung der Schutzbündler und der in die Illegalität gezwungenen sozialdemokratischen Aktivisten, unter ihnen der junge Bruno Kreisky, hatte tiefe Spuren hinterlassen. Im berüchtigten Anhaltelager Wöllersdorf wurden am Höhepunkt der Verhaftungswellen Hunderte Sozialdemokraten zusammen mit Nationalsozialisten und Kommunisten eingesperrt.

Kreisky hat später oft, auch mir gegenüber, eine Geschichte (jeweils anders akzentuiert) aus seiner einjährigen Haft im Jahr 1936 erzählt, als er mit einem überzeugten Nazi und einem ähnlich fanatischen Kommunisten in einer gemeinsamen Zelle untergebracht war. Der Nationalsozialist tröstete sich laut mit dem Gedanken: „Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird auch in Österreich der Hitler kommen, und dann werde ich frei sein, und es wird mir gut gehen.“ Der Kommunist antwortete ihm: „Mag schon sein, dass auch bei uns der Hitler kommt, aber dann wird der Stalin kommen, wird deinen Hitler verjagen, und dann werde ich endlich frei sein, und es wird uns allen besser gehen.“ „Und ich“, beendete Kreisky die Geschichte, „habe keinen Hitler und keinen Stalin gehabt, auf den ich hätte hoffen können, sondern nur die Hoffnung auf die Demokratie. Und genau die hat sich durchgesetzt, während es längst keinen Hitler und keinen Stalin mehr gibt.“

Der Dollfuß-Nachfolger Kurt Schuschnigg setzte die Linie des autoritären Staates fort und versuchte durch verschiedene Veranstaltungen und Propagandaaktionen ein österreichisches Nationalbewusstsein zu wecken. Seine Bemühungen um eine Stabilisierung der Wirtschaftslage scheiterten ebenso wie seine vorsichtige und verspätete Öffnung Ende 1937 gegenüber den Sozialdemokraten und den Gewerkschaften. Als Hitler ultimativ den Anschluss forderte, setzte Schuschnigg für den 13. März 1938 eine Volksabstimmung „Für ein freies und deutsches, unabhängiges und soziales, für ein christliches und einiges Österreich“ an. Hitler untersagte das Referendum, weil er wusste, dass diese Abstimmung eine klare Mehrheit von „Nein“-Stimmen gegen den Anschluss bringen würde. Vor dem Einmarsch der deutschen Truppen am 12. März beschloss der gescheiterte Kanzler seine Rundfunkrede mit den Sätzen „Wir weichen der Gewalt“ und „Gott schütze Österreich“.

Dem deutschen Einmarsch wurde kein Widerstand entgegengesetzt. Kreisky betonte immer wieder, die österreichische Demokratie sei nicht wie die deutsche von Hitler vernichtet worden, sondern von Dollfuß. Als im Jahr 1938 Hitler kam, haben das deshalb viele nicht als einen Angriff auf die österreichische Demokratie empfunden, denn sie hat es nicht gegeben, sondern auf das Regime oder auf das System, wie man damals formulierte. „Wir haben das ja immer gesagt, unzählige Male, in allen Schriften: Die Dollfuß-Straße führt zu Hitler“, schrieb Kreisky in seinen Erinnerungen. Bei dem großen Sozialistenprozess am 16. März 1936 hielt der kaum 25-jährige Kreisky der österreichischen Spielart des Faschismus Heuchelei und Kurzsichtigkeit vor. Seine Verteidigungsrede wurde in der internationalen Presse voll Anerkennung vermerkt, vor allem die Feststellung, „dass die Regierung in einem ernsten Moment die breiten Massen des Landes zur Verteidigung der Grenzen aufrufen muss. Aber nur ein demokratisches Österreich wird dieses Volksaufgebot zustande bringen. Nur freie Bürger werden gegen Knechtung kämpfen.“

Nach den Hinrichtungen der Schutzbündler und den Verhaftungen durch das Dollfuß-Regime war laut Kreisky der Hass vieler in den Untergrund gezwungenen sozialdemokratischen Parteiaktivisten auf Dollfuß und den Ständestaat stärker „als die Angst vor allem anderen.“

Nicht nur während der Arbeit an seiner Biografie, sondern auch in den folgenden Jahren war ich immer wieder verblüfft über die Diskrepanz zwischen Kreiskys scharfer, kompromissloser und emotionaler Ablehnung des Ständestaates unter Dollfuß und Schuschnigg einerseits und seiner geradezu verständnisvollen Einschätzung der ehemaligen Nazis. Zum persönlichen Erleben gehörte auch die Hilfe der ehemaligen Nazi-Zellengenossen aus der Zeit der Haft unter Schuschnigg bei seiner nach einer neuerlichen Verhaftung durch die Gestapo gelungenen Ausreise nach Schweden. Diese Erinnerung prägte wohl Jahrzehnte später sein für viele Freunde und Bewunderer irritierend großes Verständnis für manche „Ehemaligen“ in der Politik. Nur vor diesem historischen und persönlichen Hintergrund können auch seine von mir mehrmals hautnah erlebten, auch öffentlichen Hassausbrüche gegen Simon Wiesenthal verstanden (freilich nicht entschuldigt) werden. Wiesenthal hatte 1970 die NS-Vergangenheit von vier Mitgliedern der ersten Kreisky-Regierung und 1975 die Zugehörigkeit FPÖ-Chefs Friedrich Peter zu einer SS-„Spezialeinheit“ 1941–42 enthüllt.

Bruno Kreisky hatte Wiesenthal bis zu seinem Lebensende bekämpft, obwohl beide, wie dies Wiesenthal einmal formulierte, „vom selben Baum“ stammten. Das regelrechte Kesseltreiben der gesamten SPÖ-Führung gegen den weltbekannten „Eichmann-Jäger“ hing auch damit zusammen, dass dieser mit seinen Enthüllungen an einer alten Wunde der österreichischen Sozialdemokratie gerührt hatte. So war vor allem Karl Renner, die Schlüsselfigur bei der Wiedergeburt Österreichs 1945, der erste Staatskanzler der Ersten Republik 1918–1920 und dann 1945 bis 1950 erster Bundespräsident der Zweiten Republik, jener Mann, der wie vielleicht kein zweiter Politiker die Wege und Irrwege der ungeliebten Ersten Republik gegangen war.

Renners öffentlich ausgedrückte „wahrhafte Genugtuung“ über den „Anschluss“ („obschon nicht mit jenen Methoden errungen, zu denen ich mich bekenne“) und sein Bekenntnis zum „Ja“ bei der von Hitler proklamierten Volksabstimmung (in einem am 3. April 1938 veröffentlichten Interview mit dem „Neuen Wiener Tagblatt“) war zweifellos eine aufsehenerregende Geste der freiwilligen Anpassung – wie übrigens auch die Empfehlung des Wiener Kardinals Theodor Innitzer für ein „Ja“. Zugleich bekannten sich auch prominente Sozialdemokraten im Exil, allen voran der von Kreisky bewunderte Otto Bauer in Brünn, noch immer zum Anschluss – trotz ihrer kompromisslosen Ablehnung des Nationalsozialismus – und träumten von einer „gesamtdeutschen Revolution“.

In Momentaufnahmen und Büchern wurden die noch vor der fast hundertprozentigen Zustimmung (99,6 Prozent) bei der Volksabstimmung vom 10. April begangenen Terroraktionen vor allem gegen die Juden und die politischen Gegner festgehalten. Der deutsche Dramatiker Carl Zuckmayer beschrieb in seinen Erinnerungen jene Märztage in Wien: „An diesem Abend brach die Hölle los ... alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen: die einen in Angst, die andren in Lüge, die andren in wildem, haßerfülltem Triumph ... Was hier entfesselt wurde, war der Aufstand des Neids, der Mißgunst, der Verbitterung, der blinden böswilligen Rachsucht – und alle anderen Stimmen waren zum Schweigen verurteilt ... Hier war nichts losgelassen als die dumpfe Masse, die blinde Zerstörungswut, und ihr Haß richtete sich gegen alles durch Natur oder Geist Veredelte. Es war ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Werte.“[10]

Nach den Jahrzehnten des geschürten Antisemitismus wurden die Gewalttaten gegen die rund 200.000 österreichischen Juden von der großen Mehrheit der Österreicher hingenommen und wohl vielfach gutgeheißen – ähnlich wie dies einige Jahre später in den benachbarten mittel- und osteuropäischen Ländern geschah. Unzählige persönliche Geschichten haben Zuckmayers Beobachtung bestätigt: „Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen.“

Nicht um mit Hinweisen auf eigene Leiden die unter anderen von Alfred Polgar und Hilde Spiel erlebte und geschilderte Bestialität in dieser dunklen Epoche der österreichischen Geschichte zu relativieren, geschweige denn zu verdrängen, sondern um die internationale Relevanz des mörderischen Antisemitismus in Erinnerung zu rufen, muss ich die heikle Frage aufwerfen: Gilt das, was man den Wienern ankreidete, nicht auch für die Budapester oder Warschauer Gesellschaft, für die nichtjüdischen Bürger in Lettland oder Litauen? Waren die Dämonen, die 1944 aus der Budapester Volksseele hervorbrachen und die ich als 15-Jähriger erlebte, nicht ebenso erschreckend wie jene sechs Jahre früher in Wien?

Es bedeutet auch nicht eine Verniedlichung der österreichischen Kollaboration mit dem NS-Regime, wenn ich schon jetzt zustimmend den Zeithistoriker Oliver Rathkolb zitiere, dass die häufigen Behauptungen über eine „überproportionale Beteiligung von Österreichern an den Massenvernichtungen derzeit empirisch nicht nachweisbar und analytisch fragwürdig“ sind. All das entschuldigt freilich weder die skandalösen Freisprüche von NS-Verstrickten vor österreichischen Gerichten in den sechziger Jahren noch die verspätete Aufarbeitung der mit der Opferdoktrin verbundenen schwerwiegenden Versäumnisse – Versäumnisse sowohl gegenüber den überlebenden Opfern und ihrer Nachkommen als auch in der Erziehung und Geschichtsschreibung.[11]

Bald nach dem „Anschluss“ hatte es auch heldenhafte Aktionen des Widerstands gegeben. Bis zum Kriegsende starben 35.000 Österreicher in Gefängnissen und Konzentrationslagern: Rund 2700 wurden von den Volksgerichtshöfen zum Tod verurteilt und hingerichtet. Mehr als 70.000 Menschen, Funktionäre des Ständestaates, aber auch viele Sozialdemokraten und Kommunisten sowie Monarchisten wurden verhaftet. Die Nazis brachten bereits am 1. April, zehn Tage vor der Volksabstimmung, viele Gegner, darunter herausragende Persönlichkeiten aus der politischen Führungsgarnitur der Zweiten Republik wie die späteren Bundeskanzler Leopold Figl und Alfons Gorbach, Vizekanzler Fritz Bock, Bürgermeister Karl Seitz und Gewerkschaftspräsident Franz Olah, in das Konzentrationslager Dachau. Nach den schändlichen antisemitischen Ausschreitungen folgte die „ordentliche“ Arisierung von etwa 60.000 Wohnungen sowie zahlreicher Geschäfte und Betriebe. Carl Merz und Helmut Qualtinger haben in der legendären Person des „Herrn Karl“ den Mitläufer Wiener Prägung beklemmend genau dargestellt. Rund 130.000 Juden wurden vertrieben und etwa 65.000 verschleppt und ermordet, 8000 Roma und Sinti sowie viele Geisteskranke und Behinderte fielen dem Rassenwahn der NS-Herrschaft zum Opfer.

Die Auslöschung Österreichs von der Landkarte durch den Anschluss an Hitler-Deutschland und die Degradierung zur „Ostmark“, später ersetzt durch die Namen von Alpen- und Donaugauen, war der Auftakt zu dem von der NS-Diktatur entfesselten Zweiten Weltkrieg. Einige Zahlen reichen aus, um die Schreckensbilanz zu verdeutlichen: Von den mehr als 1,2 Millionen eingerückten Soldaten aus Österreich fielen oder starben in der Kriegsgefangenschaft rund 250.000. Noch viel höher war die Zahl der Verwundeten. 24.320 Zivilisten kamen bei Luftangriffen oder Kriegshandlungen ums Leben.

Der in New Orleans lehrende österreichische Zeithistoriker Günter Bischof vertritt die These, dass Staatskanzler Karl Renner schon in der Unabhängigkeitserklärung vom 27. April 1945 alle Elemente der Nachkriegs-Opferideologie konstruiert habe. So heiße es in der Proklamation, Hitlers Annexion habe das Volk Österreichs macht- und willenlos gemacht, es in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt, den kein Österreicher jemals gewollt habe usw. Renner – so Günter Bischof – widme kein Wort der ihm durchaus bekannten Kollaboration vieler Ostmärker mit Nazi-Deutschland, es gebe kein Wort zum Widerstand, kein Wort zu der erstaunlichen Durchhaltementalität in den Donau- und Alpengauen bis in die letzten Kriegstage, kein Wort zu der Beteiligung von Österreichern an Euthanasie, Ausbeutung von Zwangsarbeitern, am Holocaust und an den „Endzeitverbrechen“ (Todesmärsche), kein Wort zu der (durchaus bekannten) Beteiligung vieler Soldaten an Verbrechen der Wehrmacht, im Gegenteil: Renner habe alle österreichischen Soldaten als Opfer hingestellt.

In einer seiner historischen Betrachtungen über das schwierige Thema der Österreicher in der Wehrmacht erklärte Bundespräsident Heinz Fischer: „Die Österreicher und die Österreicherinnen waren zwischen 1938 und 1945 nicht gesamthaft schuldig und nicht gesamthaft unschuldig, sondern es gab Millionen unterschiedlicher Biographien mit Heldentaten und Übeltaten, mit Zustimmung und Ablehnung, mit Mut und Feigheit ... Es kann keine Pauschalverurteilung, aber auch keinen Pauschalfreispruch geben. Wir müssen uns zu dem viel mühevolleren Weg des Differenzierens bekennen, dem Weg der individuellen Verantwortung, dem Weg des Um-Verzeihung-Bittens und des Verzeihens und vor allem auch zum Weg des Lernens für die Zukunft.“

In ähnlicher Weise plädierte Heinz Fischer für Aufklärung und für historische Wahrheit bezüglich der Deutschen Wehrmacht: „Wir wissen heute – und es soll auch klar ausgesprochen werden –, dass nicht jeder, der die Uniform der Deutschen Wehrmacht getragen hat, dadurch automatisch Schuld auf sich geladen hat. ... Aber wir wissen gleichzeitig – und müssen auch dies offen aussprechen –, dass die Deutsche Wehrmacht zum Instrument eines verbrecherischen Angriffskrieges gemacht wurde, und wir wissen auch, dass wir auf den Wegen der Deutschen Wehrmacht durch weite Teile Europas viele Spuren von Kriegsverbrechen finden, die aufzuzeigen und aufzuklären nicht nur legitim, sondern auch notwendig ist. Und bei jedem Kriegsverbrechen gibt es notwendigerweise Täter und Opfer.“[12]

Diese Worte, aus großer zeitlicher Distanz und angesichts eines weit gediehenen Prozesses der Aufarbeitung mit größerer Sensibilität ausgesprochen als in den Politikerreden der vorangegangenen Jahrzehnte, zeigen erst recht, wie unterschiedlich selbst angesichts der schrecklichen Bilanz des Krieges noch vor nicht allzu langer Zeit die NS-Herrschaft von den meisten Zeithistorikern und von einem nicht unbeträchtlichen Teil der Bevölkerung beurteilt wurde. Der Salzburger Historiker Ernst Hanisch zählte in einer Studie einige Hauptelemente der Bindung an das NS-Regime am Beispiel Salzburgs auf: beschleunigter Modernisierungsschub mit Rückgang der Arbeitslosigkeit, Lockerung der Bindungen an die Familie und die Kirche, pseudorevolutionäre ideologische Propaganda; die besondere Wirkung des Führer-Mythos, sozialpolitische Leistungen und Verwischung der Klassenschranken durch die „Volksgemeinschaft“ und die seit Jahrzehnten genährte „Anschluss“-Sehnsucht und dann der Sieg der deutschen Identität. Er bekräftigte als Zeithistoriker den zitierten Ausspruch Kreiskys über die Reaktion auf den „Anschluss“: „Gar nicht wenige Arbeiter erfüllte 1938 eine klammheimliche Freude, dass es der verhaßten Schuschnigg-Herrschaft an den Kragen ging ... Und nach 1945 verzieh die SPÖ einem Funktionär eher, wenn er 1938 schwach geworden, als wenn er 1934 umgefallen war.“ Mit der sich abzeichnenden Katastrophe entdeckten freilich immer mehr Menschen ihr verschüttetes Österreichertum, meinte Professor Hanisch, und zog die Schlussfolgerung: „Was die Front jedoch bis zum Schluß zusammenhielt, war die Angst vor dem Osten, war der Antikommunismus.“[13]

[1]
Vgl. Paul Valéry, Werke, Band 5, Frankfurt am Main 1991, S. 432.
[2]
Karl-Markus Gauß, Ins unentdeckte Österreich, Wien 1998.
[3]
Kurier, Wien, 15.1.2005; vgl. auch Paul Schulmeister, Erinnerungswende nach 60 Jahren?, in: Europäische Rundschau, Wien, 2005/2.
[4]
Unfrisierte Gedanken, München 1959, S. 49.
[5]
Bruno Kreisky, Zwischen den Zeiten, Wien 1986, S. 292; vgl. auch Süddeutsche Zeitung, München, 19.2.1988.
[6]
E. H. Carr, What is history?, London 1978, S. 30.
[7]
Vgl. seine „Wiener Vorlesung“ im Rathaus vom 22. November 1999, umfassend erweitert, Wien 2000.
[8]
Ernst Bruckmüller im Ausstellungskatalog „Das neue Österreich“, Wien 2005, S. 241–254; vgl. auch sein Buch Nation Österreich, 2., ergänzte und erweiterte Ausgabe, Wien 1996.
[9]
Erwin Ringel, Neue Rede über Österreich, in: Das Buch Österreich (Hrsg. H. Rauscher), Wien 2005, S. 46–69.
[10]
Carl Zuckmayer, Als wär’s ein Stück von mir, Frankfurt am Main 1966, S. 70–78.
[11]
Vgl. Oliver Rathkolb, Die paradoxe Republik, Wien 2005, S. 357–398.
[12]
Siehe für die Zitate von Bischof den Aufsatz von Paul Schulmeister, Erinnerungswende nach 60 Jahren?, in: Europäische Rundschau, Wien, 2005/2, S. 3–21. Heinz Fischer, Überzeugungen, Wien 2006, S. 63, 74–75.
[13]
Ernst Hanisch, Ein Versuch, den Nationalsozialismus zu „verstehen“, in: Das Große Tabu (Hrsg. A. Pelinka/E. Weinzierl), Wien 1987.