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Birgit Schlieper

Böser Traum

Birgit Schlieper

Böser Traum

Thriller

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cbt ist der Jugendbuchverlag

in der Verlagsgruppe Random House

Gesetzt nach den Regeln der Rechtschreibreform

1. Auflage 2013

© 2013 für die deutschsprachige Ausgabe

cbt Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Kerstin Kipker

Umschlagfoto: Gettyimages/Stone/David Emmite

Umschlaggestaltung: init.büro für gestaltung, Bielefeld

he · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-09424-9

www.cbt-jugendbuch.de

Ja, es stimmt. Manchmal hilft der Zufall, das große Rätsel zu lösen. Manchmal aber steht der Zufall der Lösung heimlich im Weg. Dann kann es gefährlich werden. Weil keiner an den Zufall glaubt. Er ist der hässliche kleine Bruder der Logik. Wenn zufällig die richtigen Schlüssel in die falschen Hände geraten – ist der falsche Schritt dann das logische Ende?

Zwei Mädchen wollen eine entscheidende Wende und treffen eine fatale Entscheidung.

Die Tür fällt zu. Kein Zufall.

Aber alles, was danach kommt.

Und mindestens eines der Mädchen beginnt zu fallen.

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Die Nachricht

Das ist ein Witz, ODER?

Emilias Finger zittern, und sie hat Mühe, die kleinen Tasten auf dem Handy zu treffen. Sie sieht die Frage auf dem Display und löscht ihre Antwort auf die SMS ganz langsam wieder. Buchstabe für Buchstabe wird aufgefressen. Sie weiß, dass Charlotta keinen Witz gemacht hat. Der Cursor auf ihrem Handy blinkt. Was soll sie schreiben? Was soll sie antworten? Alles in ihr zieht sich zusammen. So wie man einen Turnbeutel zuzieht. Mit einem Ruck und ganz fest. Emilia legt das Handy auf den Schreibtisch und schlingt die Arme um sich. Unsichtbare Hände scheinen ihre Innereien auszuwringen. Sie geht zurück auf Charlottas Nachricht. Als wüsste sie nicht mehr ganz genau, was da steht.

Meine Eltern schicken mich auf ein Internat. Direkt nach den Sommerferien. Ich könnte kotzen. Hilf mir. Kuss Ch.

»Natürlich helfe ich dir«, sagt Emilia leise. Wie weiß sie noch nicht. Was sie weiß: Niemals kann sie Charlotta gehen lassen. Sie kennt das Leben ohne ihre beste Freundin nicht. Will es auch gar nicht kennenlernen. Warum? Und was heißt »beste Freundin«? Das ist viel zu wenig. Viel zu banal. Sie sind mehr. Charlotta ist ein Teil von Emilia und umgekehrt. Sie kennen sich in- und auswendig. Alle Ängste, Sehnsüchte, Träume. Manchmal ahnen sie Dinge, die die andere noch nicht von sich weiß.

Wut steigt in Emilia hoch. Erst sind es kleine Blasen, die sich an die Oberfläche kämpfen. Als würde Wasser zu sieden anfangen. Dann kocht der Zorn in dem Mädchen über. Sie schleudert das Handy auf ihr Bett. Was denken sich Charlottas Eltern eigentlich? Was bilden die sich ein? Charlotta wegschicken? Was soll das? Und wieso Internat? Das kennt Emilia nur aus kindischen Mädchenbüchern. Oder aus kitschigen RTL-Serien. Die Fünfzehnjährige schlägt mit beiden Händen auf den Tisch vor ihr. Immer und immer wieder. Was soll sie jetzt tun?

»Alles in Ordnung?« Emilias Mutter steht in der Tür. Sie guckt fragend.

»Alles in Ordnung. Äh … da, da war eine fiese Spinne«, sagt Emilia schnell. »Die musste ich leider erschlagen.«

Emilia sieht, dass ihre Mutter ihr nicht glaubt, und es ist ihr egal. Ihr Leben ist gerade in die Schieflage geraten. Da darf man wohl mal auf den Tisch hauen.

»Geh mal ins Bett. Es ist gleich zehn Uhr«, sagt die Mutter nur und schließt leise wieder die Tür.

Emilia geht wirklich Richtung Bett. Am liebsten würde sie jetzt die Schuhe anziehen, sich die Jacke schnappen, zu Charlotta fahren und deren Eltern mal kurz mitteilen, dass sie ihren Plan vergessen können. Charlotta wird nicht weggeschickt wie irgendetwas, das man nicht mehr haben will, nicht mehr braucht.

Hilf mir. Die Worte springen Emilia an. Ganz langsam tippt sie nur: Mach ich. Kuss E. Und sendet die Nachricht ab.

Sie löscht das Licht, aber in ihr sind alle Lampen an. Ihr Herz kann sich nicht beruhigen. Der Turnbeutel ist immer noch fest verzurrt. Ihre Gedanken jagen sich quer durch den Kopf. Angst ist dabei. Was, wenn Charlotta wirklich geht? Wie soll sie das ertragen? Erinnerungen tauchen an der Oberfläche auf. So viele Erinnerungen. Als würde sie Daumenkino mit ihren Fotoalben spielen. Charlotta und sie im Kindergarten. Charlotta und sie mit fetten Zahnlücken in der Grundschule, Charlotta und sie mit dem Seepferdchen auf den Bikinis. Charlotta und Emilia immer wieder. Im Urlaub, in der Schule, in einem Bett, auf einem Pferd.

»Ihr seid wie siamesische Zwillinge, nur dass ihr unsichtbar zusammengewachsen seid«, hatte eine Lehrerin mal lachend gesagt. Sie hatte versucht, die Mädchen auseinanderzusetzen, und war damit gescheitert. Die Mädels waren zu schlau, um sich mit Briefchenschreiben zu retten. Sie hatten einfach nichts mehr gemacht. Sich nicht gemeldet, nichts gesagt, wenn sie gefragt wurden. Sie waren in einen Streik getreten. Die Lehrerin hatte damals nachgegeben. Emilia erinnert sich: Sie hatte es damals als persönliche Beleidigung empfunden, dass irgendjemand sie von Charlotta trennen wollte. Und jetzt das.

Auch als sie gegen zwei Uhr in einen leichten Schlaf fällt, bleibt die Anspannung. Sie liegt gekrümmt und versteinert unter der Decke. Wirre Träume wirbeln durch ihren Kopf. Jemand schlägt sie, Charlotta guckt durch ein Fenster, sagt etwas. Emilia kann sie nicht hören.

Emilia merkt nicht, dass sie im Schlaf weint.

Als sie am nächsten Morgen aufwacht, dauert es nur eine halbe Sekunde, bis es ihr einfällt. Alle Muskeln tun ihr weh. Aber am meisten schmerzt die Angst.

Sie küssen sich wie jeden Morgen zur Begrüßung. Danach klammern sie sich aneinander.

»Erzähl«, flüstert Emilia irgendwann in Charlottas Haare.

Die zieht die Nase feucht hoch, wischt sich mit dem Handrücken über die Augen, legt ihre Stirn auf Emilias Schulter. »Was soll ich sagen? Sie schicken mich weg. Die Nachricht gab es gestern nach dem Abendessen. Ich dachte, ich droppe aus.«

»Warum? Warum tun sie das?« Emilia drückt sich kurz mit zwei Fingern fest auf die Augenbrauen. Sie kann das alles nicht glauben.

Charlotta lacht bitter. »Sie wollen ja nur mein Bestes. Meinen, dass ich in Französisch noch mehr leisten könnte.«

»Verdammt, du schreibst eine Eins nach der anderen.« Emilia ist richtig wütend mittlerweile.

»Ja, aber sie sagen, in unserer Schule sei das Niveau nicht hoch genug. Und gerade meine Zweisprachigkeit soll doch später mal mein großer Vorteil sein. Und es sei ja nur für ein Jahr. Mein Abi könne ich dann wieder hier machen.«

Emilia drückt fester mit ihren Fingern zu. Sie versucht sich zu konzentrieren, zu kontrollieren. »Das glaube ich deinen Eltern nicht. Wenn du erst mal auf diesem Internat bist, musst du da bleiben. Glaub mir. Die lügen dich an. Nur ein Jahr. Haha. Die wollen nur erreichen, dass du zustimmst.«

Es klingelt zum zweiten Mal. Emilia nimmt Charlotta an die Hand. »Komm. Wir kriegen das hin. Mach dir keine Sorgen.«

Noch hat sie keinen Plan. Keine Ahnung, wie sie es hinkriegen will, dass Charlotta nicht auf dieses Internat muss. Aber es ist ihre Rolle, die Starke zu spielen. Sie ist in dem Duo diejenige, die immer eine Lösung aus dem Hut zaubert. Sonst zumindest immer. Sie ist die Mutige, Verwegene, Vorlaute. Meistens. Es gibt aber auch Momente, in denen ist sie klein und wackelig. Niemand außer Charlotta kennt diese Momente und ist zur Stelle. Es ist die andere Emilia, die keiner kennt. Außer Charlotta.

Mitten in der Geschichtsstunde wird ihr das klar. Dass sie Charlotta bald vielleicht nicht mehr hat. Die Tränen fließen, als hätten Schleusen, die jetzt geöffnet werden, sie gestaut. Sie hebt nicht die Hand, um zu fragen, ob sie auf die Toilette gehen darf. Sie steht einfach auf und eilt mit großen Schritten zur Tür. Den Kopf hält sie so tief wie möglich.

Auf dem Klo schließt sie sich ein. Lehnt sich an die Tür und lässt den Kopf nach hinten fallen. Die Tränen sollen verdammt noch mal zurücklaufen. Dahin, wo sie hergekommen sind. Sie braucht fast bis zum Ende der Stunde. Ihre Augen sind feuerrot, als sie sich wieder auf ihren Platz setzt. Charlotta guckt ängstlich zu ihr, doch Emilia versucht sie anzulächeln. »Alles wird gut« soll das heißen. Es sieht ein bisschen schief aus.

Direkt in der großen Pause gehen die Freundinnen zum Teich. Eigentlich ist der Teich nur noch ein Tümpel, der in der letzten Ecke des Pausenhofs vor sich hin müffelt. Rücken an Rücken setzen sich die Mädels auf einen Stein. So wie immer.

»Weißt du, was mich fast am meisten nervt? Die haben mir einfach mitgeteilt, dass ich nach den Sommerferien auf dieses französische Dings gehe. Dass ich schon angemeldet bin. Sie haben das nicht mit mir besprochen oder so. Die haben das entschieden und fertig. Als wäre ich ein Sessel, den man einfach woanders hinstellen kann.«

»Ich versteh das nicht. Deine Eltern sind doch sonst nicht so. Hattet ihr Stress in der letzten Zeit?«

»Nein. Nein. Gar nicht.«

So reden sie. Die ganze erste Pause, die zweite Pause und den ganzen Nachmittag. Immer wieder dieselben Fragen. Warum, wieso und wie können wir das ändern?

Sie liegen auf Emilias Bett. Wie so oft. Aber es hat heute einen anderen Beigeschmack. Ein bisschen wie »das erste von den letzten Malen«. Emilia spielt mit Charlottas Haaren. Dreht sich die Strähnen um den Finger.

»Ich entführe dich einfach.« Die Worte fallen aus Emilias Mund. Sie hatte sie vorher nicht gedacht. Die Worte hatten sich selber gebildet.

»Klar. Und dann schneidest du Buchstaben aus Zeitungen aus und schickst meinen Eltern einen Erpresserbrief. Was willst du schreiben? Dass sie hoch und heilig versprechen sollen, dass ich nicht nach Frankreich muss?«

Charlotta lacht Emilia nicht aus wegen des Vorschlags. Ihr ist nicht nach Lachen. Sie schüttelt nur müde den Kopf.

»Fällt dir was Besseres ein?« Emilia klingt nicht beleidigt. Eher verzweifelt.

»Ehrlich gesagt, nein. Ich habe wirklich alles versucht. Ich habe ihnen alles versprochen, was ich nur versprechen kann. Dass ich ab sofort wieder mittwochs in diesen französischen Konversationskursus gehe, dass ich auch in Physik und Chemie mehr machen würde. Dass ich mein Zimmer immer aufräume und sogar selber putze. Es hat nichts geändert.«

»Ich rede mit deiner Mutter. Ich glaube, sie hat einfach keine Ahnung, was sie dir antut. Was sie uns antut.«

Bei den letzten Worten war Emilia aufgestanden und hatte sich ihre Jeansjacke geschnappt. »Komm. Auf was wartest du?«

Scheppernd holt sie ihr Rad aus dem Keller. »Setz dich hinten drauf«, befiehlt sie Charlotta. Emilia hat es eilig. Kräftig tritt sie in die Pedalen. Sie will das jetzt klären. Sie will von Claudine Brandt hören, dass sie es sich anders überlegt haben. Dass sie nicht geahnt hätten, wie sehr Charlotta darunter leiden würde.

»Ich muss mir dir reden«, sagt Emilia direkt, als Charlottas Mutter die Haustür öffnet. Ihre Stimme sollte nur fest klingen, doch ein Beben schwingt mit.

Claudine Brandt staunt, kaut langsam weiter. »Wir machen gerade eine kleine Brotzeit. Kommt doch rein.«

Sie geht vor ins Esszimmer, wo Niklas am Tisch sitzt und ein Leberwurstbrot mümmelt.

»Ich habe keinen Hunger. Danke«, lehnt Emilia ab. Charlotta ist im Türrahmen stehen geblieben. Ihr Blick klebt am Boden.

»Charlotta kann nicht in dieses Internat. Ihr könnt uns nicht trennen. Das geht einfach nicht«, sagt Emilia nachdrücklich. Es wäre ihr jetzt lieber, sie würde Claudine Brandt nicht duzen. Aber vor einigen Jahren haben die Eltern beschlossen, dass dieses Tante-und-Onkel-Getue nicht zu Teenagern passe. Sie dürfen die Eltern der Freundin jetzt duzen. Eigentlich fanden die Mädchen das cool. Jetzt hätte Emilia lieber mehr Distanz. Sie würde bestimmter auftreten können, wenn sie in diesem Haus nicht auch fast zu Hause wäre.

Claudine Brandt ringt die Hände. »Wir wissen, dass das für euch schwer wird. Aber es ist nur für ein Jahr. Und irgendwann müsst ihr sowieso mal getrennte Wege gehen. Das ist doch nicht gleich das Ende eurer Freundschaft. Euch können doch ein paar Hundert Kilometer nichts anhaben«, sagt sie einfühlsam.

»Du hast keine Ahnung. Ich habe das Gefühl, als wolltet ihr mir den linken Arm abhaken«, brüllt Emilia plötzlich. Sie ist selber erschrocken über die Wucht und Lautstärke ihrer Worte. Niklas zuckt zusammen. So kennt er die Freundin seiner Schwester nicht. Ist das die Emilia, die stundenlang mit ihm Lego baut? Mit der er so gerne Verstecken spielt? Charlotta geht von hinten auf ihre Freundin zu, legt ihre Hand ganz leicht auf deren Schulter.

Emilia fährt herum. »Charlotta, verstehst du nicht? Die denken, wir zicken jetzt nur ein bisschen rum. Die wissen nicht, wie sich das anfühlt.«

Emilia wendet sich ab. Sie kann den Blick Charlottas einfach nicht mehr ertragen. Diesen schwimmenden Blick, diese Müdigkeit und Trauer. Dann dreht sie sich wortlos um und geht. Sie fährt nicht direkt nach Hause. Sie fährt einfach los, muss sich bewegen, muss das Gefühl haben, irgendetwas zu tun.

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A wie alleine

Ein Kribbeln liegt in der Luft, schwirrt durch die Schulflure. Nur noch wenige Tage bis zu den Sommerferien. Charlotta und Emilia erleben die Zeit wie in Trance. Sie reden nicht über das eine Thema. Charlotta wartet und Emilia zerbricht sich das Hirn. Sie kennen ihre Rollen.

»Ihr beide könnt den Autoführerschein nur zusammen bestehen«, hatte Dagmar, Emilias Mutter, mal lachend erklärt. »Charlotta bremst und Emilia gibt Gas.«

Was Emilia immer zu viel will, verlangt Charlotta zu wenig. So war es schon immer. Jetzt wollen beide dasselbe, und Emilia weiß, sie ist diejenige, die den Weg finden muss.

»Da bist du ja. Ich habe gerade mit Claudine telefoniert. Brandts kommen am Freitag zum Grillen. Wir wollen die großen Ferien einläuten.« Gut gelaunt kommt Dagmar Engels ihrer Tochter entgegen.

Die wirft ihre Tasche unter die Garderobe und zuckt nur mit den Schultern. »Ich wollte Freitagabend eigentlich ins Kino.«

»Bei dem Wetter?« Dagmar Engels guckt ihre Tochter fragend an. »Was ist los? Ärger? Muss ich Angst haben vor deinem Zeugnis?«

Emilia tritt vor ihre Schultasche. »Ist das deine einzige Sorge? Dass ich eine Fünf auf dem Zeugnis haben könnte? Was anderes interessiert dich nicht, was?« Emilia weiß, dass sie ungerecht ist, aber es ist ihr egal.

Ganz sanft zieht die Mutter die Tochter in die Küche, drückt sie auf einen Stuhl, setzt sich ihr ganz nah gegenüber und wartet.

»Lotta soll nach den Ferien auf so ein Scheißinternat in Frankreich«, sagt Emilia irgendwann.

Dagmar Engels streichelt die Hand der Tochter. »Ich weiß. Claudine und Uwe haben sich diese Entscheidung echt nicht leicht gemacht. Aber was ihr da so in Französisch macht, ist für Charlotta einfach zu wenig. Selbst das Niveau im Leistungskurs lässt zu wünschen übrig, findet Claudine.«

»Du wusstest das?« Emilia zieht ihre Hand ruckartig weg.

»Ja, Claudine hat mit mir darüber gesprochen. Und wir glauben fest, dass eure Freundschaft das aushalten wird. Ihr könnt euch mailen, unsere Telefonrechung wird ungeahnte Höhen erklimmen und vielleicht kannst du sie in den Ferien ja mal besuchen.«

»Ihr denkt euch das alles immer so hübsch aus. Ihr entscheidet mal eben. Als wären wir Marionetten. Als wären wir Kleinkinder, die man nach Belieben anzieht und zum Kinderturnen schickt. Vielleicht habt ihr es noch nicht mitbekommen, aber wir sind keine kleinen Kinder mehr. Wir wissen selber, was wir wollen.«

Emilia ist aufgestanden. Als sie im Türrahmen ist, dreht sie sich noch mal um. »Und wir werden es auch bekommen.«

Das Klirren von Gläsern, das Kratzen vom Besteck ist bis in Emilias Zimmer zu hören. Emilia liegt neben Charlotta auf dem Boden. Die Freundinnen haben definitiv keine Lust auf diesen gut gelaunten Grillabend unten im Hof. Sie spielen ihr Spiel. Sie einigen sich auf einen Buchstaben. Dann nennen die Mädchen Namen von Freundinnen, Bekannten, Lehrern, egal wem – und die andere muss dann eine passende Eigenschaft zu der Person mit dem Buchstaben finden. Sie fangen heute mit »a« an.

»Paula«, sagt Emilia.

»Arrogant, angeberisch, aalglatt«, antwortet Charlotta wie aus der Pistole geschossen.

»Eine Eigenschaft hätte gereicht«, grinst Emilia.

»Herr Schröder«, sagt Charlotta.

»Alt«, findet Emilia.

»Alt? Der ist höchstens dreißig. Ich hätte schwören können, du sagst attraktiv

»Höchstens dreißig und attraktiv passen für mich nicht zusammen«, lacht Emilia.

»Emilia«, sagt Charlotta plötzlich.

»Alleine«, kommt die Antwort fast zu schnell und ein bisschen heiser.

Das Spiel ist vorbei. Sie sind stumm. Liegen auf dem Boden und gucken durch das offene Fenster in den Himmel.

Wie aus der Ferne dringen die Geräusche der kleinen Grillparty in die Altbauwohnung. Emilia lässt ihren Blick durch ihr Zimmer schweifen. Schemenhaft sieht sie die Fotos an der Pinnwand: Charlotta und sie. Immer und immer wieder. Ihre Augen tasten langsam jedes einzelne Bild ab.

Emilias Blick wandert wieder nach draußen in den Sternenhimmel. Sie versucht, eine Linie zu ziehen von Stern zu Stern, versucht Bilder zu erkennen. Es muss eine Lösung geben. Sie erträgt das Gefühl fast nicht mehr. Es ist, als ob ihr Herz in einer Faust läge, die sich immer und immer wieder zusammendrückt. Es auspresst.

»Ich entführe dich wirklich«, sagt sie irgendwann mit leiser, fester Stimme.

Charlotta hatte die Augen geschlossen, aber Emilia wusste, dass sie nicht eingeschlafen war. Wenn Charlotta schläft, gibt sie einen ganz leisen Pfeifton von sich. Das hört man nur, wenn man ganz dicht neben ihr liegt. Eines der Geheimnisse, das nur die beste Freundin kennt.

Noch mit geschlossenen Augen dreht Charlotta den Kopf leicht Richtung Freundin. »Und dann willst du mich gefangen halten, bis wir achtzehn sind und selber entscheiden dürfen?«, fragt sie mit einem traurigen Lächeln.

»Bist du wahnsinnig? Das kann ich überhaupt nicht finanzieren bei den Mengen, die du immer verdrückst«, antwortet Emilia. Sie holt tief Luft. »Es wird reichen, wenn du drei, vier Tage von zu Hause weg bist. Das genügt. Deine Eltern werden so eine Angst um dich haben, dass sie dich ihr Lebtag nicht mehr in ein Internat schicken. Sie werden dich nicht wieder loslassen wollen«, erklärt Emilia kühl.

Charlotta zuckt, als sie ihre Mutter genau in dem Moment laut lachen hört.

Sie dreht den Kopf wieder zurück, guckt dem Mond ins Gesicht. Will sie das? Möchte sie ihren Eltern eine solche Angst machen? Möchte sie wirklich, dass ihre Eltern weinend auf der Couch sitzen und das Telefon anstarren? Der Gedanke tut ihr weh. Aber hat sie eine andere Chance? Möchte sie selber weinend in einem gottverlassenen Zimmer in Frankreich sitzen und dort selber das Telefon anstarren und hoffen, dass Emilia anruft? Möchte sie Angst haben, dass Emilia gerade an all den vertrauten Plätzen mit all den vertrauten Menschen ist und sich amüsiert und sie vergisst? Nein. Definitiv nein.

»Gut, dann entführ mich«, sagt Charlotta feierlich.

Sie hat keine Ahnung, dass dieser Vorschlag fast ein tödlicher ist.

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Plan A und ein gemaltes Aquarium

Als Emilia die Augen aufschlägt, guckt Charlotta ihr direkt ins Gesicht. Es war am Vorabend ein Leichtes gewesen, die Eltern davon zu überzeugen, dass Charlotta bei der Freundin schlafen durfte.

»Natürlich erlauben deine Eltern es«, hatte Emilia Charlotta zugeflüstert. »Sie haben doch ein megaschlechtes Gewissen, weil sie glauben, uns trennen zu können. So kann man sich täuschen.«

»Lass uns planen. Wie und wo wollen wir es machen?«, fragt Charlotta drängelnd, obwohl sie eigentlich weiß, dass Emilia in der Stunde eins nach dem Aufwachen nicht ansprechbar ist.

Emilia streckt sich, zerwuschelt sich ihr kurzes braunes Haar. Die Erinnerung an ihr gemeinsames Vorhaben macht sie wach und übermütig.

»Ich werde dich jetzt knebeln, fesseln und unter mein Bett rollen. Und wenn du lieb bist, bekommst du ab und zu einen Happen. Wenn du böse bist, suche ich einen schönen Schlagersender im Radio, drehe auf und verpiss mich.«

»So wie es auf deinen Möbeln aussieht, muss unter deinem Bett ein Staubinferno sein. Da will ich nicht hin.«

Emilia dreht sich zu der Freundin. »Ganz im Ernst. Lass mich darüber mal in Ruhe nachdenken. Heute haben wir uns erst mal einen geilen ersten Ferientag verdient.« Sie hält ihre flache Hand hoch und Charlotta gibt ihr wie erwartet High-Five.

Nach einem ausgiebigen Frühstück und langem Duschen geht es in die City. Schließlich ist am Abend die Ferien-Auftakt-Party am Baggersee. Die Freundinnen erstehen extra dafür luftige Röcke mit Blumenmuster, Charlotta gönnt sich noch ein paar mintgrüne Sandalen mit Glassteinchen.

Mitten auf der Party sieht Emilia plötzlich die Fragen wie in Leuchtbuchstaben vor sich: Was, wenn es nicht klappt? Wenn die Entführung nicht funktioniert? Wenn Brandts nicht so reagieren wie erhofft?

Von einer Zehntelsekunde auf die andere friert Emilia. Ihre Augen tasten die Menge ab, wandern von Gesicht zu Gesicht, werden endlich fündig. Charlotta singt gerade laut mit, schüttelt dabei den Kopf. Direkt danach löst sie mit einer Hand ihren Knoten, um wieder einen stracken Pferdeschwanz zu machen und diesen dann hochzustecken. Emilia lächelt zärtlich. Wie oft hat sie das schon gesehen? Wie oft hat sie Charlotta schon damit aufgezogen? Warum hast du eigentlich lange Haare, wenn du immer dieselbe Frisur hast? Immer denselben Knoten? Manchmal, ganz selten erlaubt Charlotta ihr, sie zu frisieren und andere Frisuren auszuprobieren. Mit denen Charlotta natürlich niemals rausgegangen ist. Emilia beobachtet Charlotta weiter, saugt die vertrauten Bewegungen und Gesten auf.

Ihr ist klar: Der Plan muss klappen. Es gib keinen Umschlag B.

Emilia versucht noch ein bisschen, sich zu amüsieren, spürt, dass es nicht klappen wird. Sie schlendert von Gruppe zu Gruppe, kann sich auf kein Gespräch – sei es noch so oberflächlich – konzentrieren. Sie fühlt sich entkoppelt. Sie fühlt eine neue Angst in sich. Eine, die schärfere Zähne hat, die hungriger ist als die vertraute Furcht.

So hat sie sich nicht geängstigt, als ihre Eltern sich haben scheiden lassen.

So hat sie sich nicht geängstigt, als die Sache mit ihrem Kopf war.

Den ganzen Sonntag sitzt sie am Schreibtisch. Sie hat die Vorhänge zugezogen. Auf dem Zettel vor ihr steht:

Wo verstecken?

Lösegeld?

Wie lange?

Immer wieder fährt sie die Buchstaben mit dem Stift nach. Mit Mühe schafft sie es, das Blatt zu verstecken, als Sophie in ihr Zimmer platzt.

»Kannst du nicht anklopfen«, blafft sie ihre große Schwester an.

Sophie verdreht die Augen, schlägt leicht mit dem Knöchel von innen gegen die Tür und sagt genervt: »Klopf. Klopf.«

»Sonst noch was?«

Sophie lehnt sich gegen ein Regal, guckt sich in dem Zimmer um und schüttelt leicht den Kopf. Niemals wäre es bei ihr so unordentlich. Sophie hält Ordnung. In ihrem Zimmer und in ihrem Kopf. Sie ist der Typ Ich-weiß-wirklich-nicht,-was-an-Physik-und-Mathe-so-kompliziert-sein-soll. Für sie steht fest, dass sie direkt nach dem sehr guten Abitur an eine Technische Hochschule und danach in die Forschung geht. Ein Kind will sie auch, aber erst spät und sie geht höchstens sechs Monate aus dem Beruf raus. Schöner Plan. Emilia weiß meist noch nicht mal, was sie am nächsten Tag machen oder auch nur anziehen will. Sie hat noch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, was nach dem Abi kommen soll. Jetzt im Moment allerdings verfolgt sie einen ehrgeizigen Plan: Wie kriege ich meine Schwester so schnell wie möglich aus meinem Zimmer?

»Papa hat gestern Abend angerufen. Er will wissen, ob wir ihn in den Sommerferien besuchen wollen. Eine Reise ist nicht drin, dafür läuft das Büro nicht gut genug. Aber er könnte vielleicht eine Woche frei machen und wir vergnügen uns am Starnberger See«, berichtet Sophie knapp und kühl.

»Wir sollen ihn zusammen besuchen kommen?«, fragt Emilia nach.

»Das ist sein Vorschlag.«

»Dann hat er wohl eine Menge verdrängt. Ich fahre definitiv nirgendwo mit dir hin. Ich käme selbst dann nicht mit, wenn er uns gemeinsam in die Karibik einladen würde«, antwortet Emilia mit Bestimmtheit. »Wenn du willst, darfst du ihn gerne alleine besuchen. Meinen Segen hast du«, schiebt sie nach. Immerhin wäre Sophie dann für eine Woche weg.

»Geht leider nicht. Ich mache erst für drei Wochen ein Praktikum im Umweltinstitut und danach fängt mein Sprachkursus an.«

»Wieso fragst du mich, ob ich mitkomme, wenn du schon weißt, dass du nicht kannst?«

»Ich wollte einfach mal sehen, wie du reagierst«, lächelt Sophie und geht mit sehr geradem Rücken hinaus.

Emilia wirft ihr einen Radiergummi nach, trifft aber nur die verschlossene Tür. Immerhin hat sie nun genug Energie, um sich weiter auf ihren Fragebogen zu konzentrieren.

Am liebsten würde sie Charlotta natürlich in ihrer Nähe unterbringen. Am allerliebstem im Keller. Geht natürlich nicht. In Gedanken geht sie alle Möglichkeiten durch und springt plötzlich auf. Natürlich. Dass sie da nicht eher draufgekommen ist! Fett schreibt sie UNSER HAUS auf das Blatt. Vor einiger Zeit hatte sie bei einer ihrer Radtouren ein verfallenes Haus entdeckt. Es steht am Ende eines Holperweges hinter dem Klärwerk. Klein und hässlich kauerte es hinter viel Unkraut und Buschwerk. Die Tür hatte offen gestanden, alle Fensterscheiben waren eingeschlagen. Alleine hatte sie sich nicht reingetraut. Deswegen war sie ein paar Tage später zusammen mit Charlotta hingefahren. Selbst zu zweit war es gruselig. Am schlimmsten fand Charlotta, dass noch verblichene Vorhänge in einigen Fenstern hingen. Sie war mit Charlotta Hand in Hand durch die Zimmer gegangen. Ein paar wenige kaputte Möbel hatten von dem Leben erzählt, das hier mal gelebt worden war. In einem Raum hatten es sich wohl mal ein paar Penner bequem gemacht. Leere Bierdosen und alte Zeitungen lagen herum. Als sie gerade schon gehen wollten, hatten sie eine weitere kleine Tür im Flur entdeckt. Sie war verschlossen gewesen, doch der Schlüssel hing säuberlich an einem Nagel oben neben dem Rahmen. Das Schloss hatte geknirscht und geknackt. Mit einem Sprung öffnete sich die Tür und gab eine steile Treppe nach unten preis. Ganz vorsichtig waren die Mädchen Stufe für Stufe hinuntergegangen. Neugier und Angst hielten sich fast die Waage. Aber die Neugier war doch einen Hauch größer. Der Keller war unspektakulär. Viel Dreck, viel Staub. Kleine verschmierte Fenster, eine kaputte Leiter. Als sie wieder oben waren, hatten sie die Tür wieder verschlossen und Emilia hatte den Schlüssel eingesteckt. Charlotta hatte sie fragend angesehen.

»Das ist jetzt unser Haus«, hatte Emilia verkündet.

Ab und zu hatten sie sich seitdem vorgestellt, wie es wäre, das Haus zu renovieren. Einen großen Garten mit Hollywoodschaukel und Kräuterbeet stellten sie sich vor. Helle Zimmer mit lustigen Möbeln vom Flohmarkt. Sie würden Partys feiern, zusammen kochen, verregnete Sonntage lang im Bett liegen, Kakao trinken und Plätzchen knabbern.

Es klopft wieder und schon steht ihre Mutter neben ihr. Emilia hat Mühe, das Blatt vor sich mit den Unterarmen zu bedecken.

»Wenn man nach dem Klopfen auf kein ›Herein‹ oder sonst was wartet, kann man es auch ganz lassen«, zischt Emilia. Sie fühlt ihr Herz im Hals. Wenn ihre Mutter liest, was unter ihren Armen steht, wird es schwierig.

»Sorry, Süße. Sophie hat mir gerade gesagt, dass du Michael in den Ferien nicht besuchen willst. Warum nicht?«

»Ich habe gesagt, dass ich Dad nicht mit ihr zusammen besuche«, korrigiert Emilia.

»Aber Sophie hat ja eh keine Zeit.«

»Das hat mir deine Vorzeigetochter ja erst zum Schluss gesagt.«

»Und willst du ihn vielleicht alleine besuchen? Das ist doch eine gute Idee von ihm. Der Starnberger See ist vielleicht nicht das Traumziel, aber ihr könntet segeln gehen. Oder vielleicht mal ins Deutsche Museum. Da gibt es so viel zu sehen.«

»Das Deutsche Museum ist genau mein Traumziel für die Sommerferien. Danke, Mama, dass ihr mir das ermöglicht. Wie gut, dass ihr euch getrennt habt. Sonst würde mir das ja entgehen.«

Emilia weiß, dass sie ungerecht ist, und es ist ihr egal. Sie will jetzt einfach alleine sein und dafür bricht sie auch einen Streit mit ihrer Mutter vom Zaun.

»Ich glaube, Papa würde dich einfach gerne sehen«, übergeht Dagmar Engels den Affront.

»Manchmal geht es vielleicht nicht darum, was die Eltern wollen. Manchmal möchten die Kinder auch entscheiden«, sagt Emilia mit Bestimmtheit.

Ihre Mutter ist schon auf dem Rückzug. Sie kennt ihre jüngste Tochter. Sie weiß genau, wann ein Gespräch keinen Sinn mehr macht. Jetzt ist so ein Punkt gekommen.

Vor der Tür bleibt sie kurz stehen, atmet tief durch. »Vorzeigetochter« – das Wort nagt an ihr. Ja, sie liebt Sophie für ihre Geradlinigkeit, ihren analytischen Verstand, ihre Disziplin, ihre Körperspannung und Intelligenz. Ja, und sie liebt Emilia für ihre Spontaneität, ihren Sprachwitz, ihre Verrücktheit, ihre Coolness. Sie liebt beide so, als wären sie das einzige Kind auf der Welt. Und natürlich reicht das beiden nicht.

UNSER HAUS steht jetzt mit schwarzem Edding geschrieben auf dem Blatt.

Was ist mit dem Lösegeld? Wenn man jemanden entführt, muss man Lösegeld verlangen. Das ist in jedem Krimi so. Allerdings wollen Emilia und Charlotta kein Geld. Emilia kaut auf ihrem Stift herum. Im Film ist es immer so: Die geschockten und heulenden Eltern bekommen einen Erpresserbrief oder -anruf, dann kommt die Polizei mit Abhörgeräten und Psycholeuten und dem ganzen Drumherum. Das will Emilia auf gar keinen Fall. Warum überhaupt sollen sie etwas fordern? Sie wollen doch nur, dass Brandts ein bisschen Angst haben. Sie sollen nur ins Grübeln kommen darüber, ob sie ihre Tochter wirklich wegschicken wollen.

KEIN BRIEF notiert Emilia wieder mit dicken Buchstaben.

Allerdings, wenn Charlotta einfach nicht nach Hause kommt, werden Brandts denken, dass ihre Tochter abgehauen ist. Sie würden auch ein bisschen Angst haben. Aber sie wären wahrscheinlich erst mal wütend. Und natürlich würden sie vermuten, dass Emilia davon weiß, und sie in die Mangel nehmen. Wahrscheinlich würden sie auch irgendwie die Polizei benachrichtigen. Aber was sollen die untersuchen, wenn es keinen Brief und keinen Anruf gibt? Welche Spur sollen die verfolgen? Emilia reibt sich die Augen. Dann schreibt sie KAPUTTES RAD auf.

Sie wendet sich der dritten Frage zu: Wie lange soll die Entführung dauern? Reichen zwei Tage? Sind vier Tage zu viel? Emilia sieht Claudine mit völlig verheulten Augen und zitternden Händen auf dem Sofarand sitzen. Plötzlich schiebt sich Niklas in das Bild. Auch er ist völlig verstört, weint lautlos. Emilia verzieht das Gesicht. Das will sie nicht sehen. Auf einmal wird ihr klar, dass sie im Begriff ist, Angst zu streuen wie im Karneval Konfetti.

Sie streicht die Frage nach der Dauer durch. Das müssen sie spontan entscheiden. Sie wird merken, wann die Angst zu groß wird. Genau dann wird Charlotta sich selbst aus ihrem Gefängnis befreien – oder eben so tun als ob – und ihren überglücklichen Eltern in die Arme sinken.

Emilia macht den Stift zu, faltet den Zettel ganz, ganz klein und schiebt ihn in ihr Portemonnaie.

Eigentlich würde sie sich jetzt am liebsten sofort mit Charlotta treffen und ihr den Plan erklären, doch die ist heute auf einem Beachvolleyballturnier, und Emilia hat keine Lust auf die gut gelaunten Volleyballer. Sie hat noch nie verstanden, was Charlotta an diesem Sport gut findet. Emilia hasst grundsätzlich alle Mannschaftssportarten. Sie tritt nicht gerne im Team an. Seit ein paar Jahren spielt sie Badminton. Ein paarmal hatte der Trainer versucht, sie für das gemischte Doppel zu gewinnen. Nachdem sie ihrem Partner einmal den Schläger an den Kopf geworfen hatte, weil dieser einen Schmetterball ins Netz geschmettert hatte, wurde sie nicht mehr gefragt.

Kurz entschlossen setzt Emilia sich aufs Rad und fährt zu dem verfallenen Haus. Auf ihrem Weg zu der windschiefen Haustür guckt sie sich immer wieder verstohlen um. Es wäre einfach saudoof, wenn sie jetzt hier gesehen würde. Der verschlissene Küchenvorhang zittert leicht durch die kaputte Fensterscheibe. Als sie die angelehnte Haustür mit einem leichten Tritt öffnet, sieht sie zwei Mäuse in einem Loch verschwinden. Ziemlich große Mäuse. Sie verbietet sich den Gedanken, dass das Ratten gewesen sein könnten. Durch die Räume streifend, registriert zum ersten Mal die verblichene Blümchentapete im Wohnzimmer. Was waren das für Menschen, die sich so eine Tapete an die Wand klebten? Wer hat hier mitten im Nichts und zudem im Dunst des Klärwerks gewohnt? Vorsichtig geht Emilia die Holztreppe hoch, achtet darauf, nichts anzufassen. Sie will keine frischen Spuren hinterlassen. Nichts soll im Zweifelsfall auf sie deuten. In einem kleinen Zimmer oben ist eine Wand mit Filzstift bemalt. In dem Gekritzel entdeckt sie Fische. Blaue, grüne, gelbe Fische. Soll das Geschmiere drumherum Wasser sein? Hat hier ein Kind gelebt, das sich ein Aquarium gewünscht und einfach auf die Wand gemalt hat? Sie geht weiter, kommt am Bad vorbei. Vom Klo geht fieser Gestank aus. Sie lässt zwei weitere Türen zu, spart sich den Rest. Emilia fühlt sich plötzlich müde. Todmüde. Sie setzt sich auf die unterste Stufe der Treppe, lauscht ins Nichts. Auf ihrer Zunge schmeckt sie eine Mischung aus Angst und Aufregung.

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Ein kaputtes Handy und ein Eimer

Ganz langsam faltet Emilia den Zettel auseinander. Charlotta sitzt neben ihr und schaut ihr gebannt zu. Sie hatten sich für elf Uhr am Baggersee verabredet und waren beide schon um halb elf da gewesen.

Charlotta versucht, ihre Enttäuschung zu verbergen. Sie liest UNSER HAUS, KEINEN BRIEF und KAPUTTES RAD. Dann liest sie es noch einmal. Schließlich guckt sie Emilia leicht von der Seite an. »Tja, du bist auch in deinen Referaten nicht gerade für Ausschweifungen bekannt.«

»Das sind die Eckpfeiler. Ich erzähle dir jetzt genau, wie wir das machen«, beruhigt Emilia sie.

»Also: Ich sperre dich im Keller von unserem verlassenen Haus ein. Du bekommst Wasser und vielleicht noch ein paar alte Zeitungen. Fesseln muss ich dich nicht, weil du da nie im Leben alleine rauskommst. Deine Eltern merken irgendwann, dass du nicht nach Hause kommst, und machen sich Sorgen. Sie werden denken, du wärst aus Trotz abgehauen, weil du nicht in dieses blöde Internat willst. Sie werden wütend sein und irgendwann die Polizei anrufen. Die werden behaupten, dass pubertierende Mädchen in unserem Alter gerne mal abhauen. Und dann wird dein Fahrrad irgendwo gefunden. Am besten ein bisschen kaputt.«

Emilia macht eine Pause, guckt konzentriert auf das glitzernde Wasser. »Ich habe noch eine bessere Idee. Auch dein Handy wird gefunden. Ganz kaputt. Mit einem Stein zerstört.«

»Bist du wahnsinnig? Das habe ich noch keine drei Monate«, protestiert Charlotta.

»Okay. Dann behalt dein hübsches kleines iPhone. Damit kannst du mich ja dann aus Frankreich anrufen, wenn du mal Zeit hast.« Emilia zuckt die Schultern.

Die wortlose Pause ist kurz.

»Du hast ja recht.« Charlotta gibt sich geschlagen und lässt sich nach hinten fallen. »Wie geht es weiter?«

»Das war es eigentlich schon. Deine Eltern werden Angst haben. Sie werden viel an dich denken, dich wie verrückt vermissen. Sie werden fürchten, dass dir was zugestoßen ist, dass du entführt wurdest eben. Sie werden sich alte Fotos mit dir ansehen und dir jeden Wunsch erfüllen, wenn du wieder da bist. Ich werde sie genau beobachten und dir sagen, wann der richtige Moment gekommen ist, um wieder aufzutauchen.«

»Und wie tauche ich wieder auf? Klingel ich zu Hause und sage: Sorry, ist ein bisschen später geworden, aber ich bin entführt worden. Ich musste die Entführer erst mit meinen berüchtigten Karatetricks ins Jenseits befördern. Oder wie?«

»So ungefähr. Du erzählst, dass du mit dem Rad unterwegs warst. Plötzlich bekommst du einen Schlag auf den Kopf. Die Lichter gehen aus. Du wirst wieder wach in einem Keller. Einmal am Tag erscheint eine Gestalt, vermummt natürlich, gibt dir Wasser. Als die Gestalt kommt, um den Eimer aus der Ecke zu holen, kannst du blitzschnell die Treppe hinaufstürmen und türmen. Fertig. Du musst dir die Geschichte genau einprägen. Die Polizei will die hinterher hundertmal von dir hören.«

»Was für einen Eimer?«, fragt Charlotta vorsichtig.

»Kannst du dich an ein Klo im Keller erinnern?«

»Nein.«

»Siehst du.«

Schweigen. Charlotta wird jetzt erst richtig klar, was sie da planen.

»Ich hoffe nur, dass Niklas nicht zu viel mitbekommt. Ich möchte eigentlich nicht, dass er auch Angst hat.«

»Dafür werden deine Eltern schon sorgen. Da kannst du sicher sein.« Emilia lässt sich neben Charlotta ins Gras fallen.

»Wann wollen wir es machen?«, fragt Charlotta irgendwann.

»Am Samstag«, bestimmt Emilia. »Wenn du vormittags losfährst und sagst, dass du zur Mittagszeit zurück sein willst, fällt es schön früh auf.«

Charlottas Stimme klingt belegt, als sie noch eine Frage stellt. »Meinst du, es klappt?«

»Hast du einen anderen Plan?«, fragt Emilia zurück.

Charlotta schüttelt den Kopf.

»Siehst du. Dann muss dieser hier klappen.«

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Raue Wände

Sie weiß im Traum, dass sie nur träumt. Es hilft ihr nicht. Sie schreit tonlos, ihre Augen suchen das Dunkel ab, die Hände tasten nach einer Tür, nach einem Ausweg. Sie hört Niklas leise wimmern. Lautes Heulen wäre ihr fast lieber. Sie will sich die Ohren zuhalten, muss aber weiter nach einer Tür suchen. Ihre Finger fühlen sich schon wund an. Die Wände sind rau. Sie beginnt, auf die steinernen Wände einzuschlagen. Sie wacht auf, weil ihr die Fäuste wehtun.

Charlotta duscht lange am Morgen, hat das Radio so laut gedreht, dass sie es trotz des rauschenden Wassers hört. Mit allen Mitteln versucht sie, die Bilder zu vertreiben. Fast genießt sie die blendende Sonne. So sehr hat sie das Licht im Traum vermisst.

Emilia stockt der Atem. Sie beißt sich in die Kuppe vom kleinen Finger. Das macht sie oft in Stresssituationen. Nach besonders gruseligen Filmen sieht ihr Finger oft noch stundenlang gestanzt aus.

Sie liegen am See unten. Charlotta, sie, Sarah und Ann aus ihrer Klasse und ein paar von den Volleyballmädels. Eigentlich alle, die noch nicht in die Ferien gefahren sind. Von den Volleyballerinnen war die Frage rübergeworfen worden.

»Lotta, bist du am Sonntag dabei? In Köln ist ein großes Turnier direkt am Rhein. Wir haben die Mannschaft gemeldet. Du kommst doch mit, oder?«

»Am Sonntag?«, hatte Charlotta zögernd nachgefragt.

Emilia hatte fester zugebissen. Fast rechnete sie damit, dass die Freundin sagt: Ich kann nicht, ich werde doch am Samstag entführt. Eindringlich guckt Emilia Charlotta an. Die holt tief Luft: »Sonntag? Das passt super. Klar, ich bin dabei.«

Emilia entlässt ihren Finger wieder und lächelt ganz zufrieden. Eigentlich ist es noch besser so. Wenn Charlotta sogar für Sonntag Verabredungen getroffen hat, Pläne gemacht hat, werden ihre Eltern die Möglichkeit des Weglaufens schneller ad acta legen.

Sie bleiben bis zum Schluss. Nach und nach packen alle anderen ihre Taschen, verabschieden sich. Emilia und Charlotta wollen den Tag noch nicht beenden. Sie wollen jede Sekunde auskosten, der Zeit die letzten Minuten abringen.

»Ich hole uns noch ein Eis«. Emilia steht von ihrem Handtuch auf, streckt sich und zieht sich ein Shirt an. Es ist schon kühler geworden.

Schon an der Art, wie Charlotta ihr Magnum umständlich auspackt, merkt Emilia, dass irgendwas ist. Endlich ist das Papier weg und Charlotta knabbert vorsichtig ein kleines Stück Schokolade ab.

»Könnten wir nicht vielleicht einen Zweitschlüssel anfertigen, den ich bekomme?«, fragt sie endlich leise. »Nur zur Sicherheit. Der Gedanke, dass ich da eingeschlossen sitze und ganz real ›gefangen‹ bin, macht mir irgendwie Angst.«

Emilia schiebt ihre Sonnenbrille nach hinten, will ihrer Freundin direkt in die Augen gucken. Zu spät erinnert sie sich daran, dass sie heute die Haare mit viel Gel nach hinten gestylt hat.

»Mist«, flucht sie und versucht mit dem Handtuch den Schmierfilm von den Gläsern zu bekommen. Natürlich macht sie damit alles noch schlimmer. Vielleicht fällt ihre Antwort deswegen etwas zynischer aus als geplant.

»Natürlich. Und wenn du zufällig vorher entdeckt wirst und du den Schlüssel in der Tasche hast, sagst du einfach, den hätten dir die Entführer gegeben, damit du ein bisschen spazieren kannst, wenn dir langweilig ist. Am besten lassen wir die Tür zum Keller einfach offen stehen und einen Fernseher stellen wir dir natürlich auch da rein.«

»Emmi, bitte! Fändest du es nicht beunruhigend, da eingeschlossen zu sitzen?«

»Nicht wenn ich wüsste, dass du einen Schlüssel hast und dich um mich kümmerst. Was mich viel mehr beunruhigt, ist die Vorstellung, dass du demnächst Hunderte Kilometer von mir entfernt lebst.«

Die Temperatur zwischen den beiden Mädchen ist spürbar gefallen.

»Vertraust du mir nicht?«, fragt Emilia nach einer langen Pause und ihre Stimme klingt ganz sachlich.

Charlotta rollt sich näher an die Freundin ran. »Natürlich vertraue ich dir. Wem sonst?«

Sie gucken sich sehr direkt an. In dem Blick liegt ihre ganze lange gemeinsame Geschichte, ihre tiefe Nähe. Plötzlich kichern beide und sagen wie aus einem Mund: »Wer einen solchen Freund hat, muss sich vor gar nichts fürchten.«

Das war immer ihre Geschichte. Der kleine Bär und der kleine Tiger auf dem Weg nach Panama. Sie konnten sich nur nie einigen, wer der Bär sein sollte.

Irgendwann lässt sich der Aufbruch nicht mehr hinauszögern. Sie haben beide schon Gänsehaut auf dem leichten Sonnenbrand. Als Charlotta ihre Sachen in die Tasche wirft, registriert sie im Augenwinkel eine Bewegung. Sie dreht den Kopf und sieht Mats. Sie war sicher gewesen, dass alle anderen schon gegangen waren. Irritiert guckt sie ihn an. Als er ihr leicht zulächelt, wendet sie sich schnell wieder ihrer Tasche zu. Hatte er ihr nicht letzte Woche im Bus auch so zugelächelt und einen Platz frei gehalten? Es ist zwei Wochen her, dass sie sich im Supermarkt um die Ecke getroffen und kurz miteinander gequatscht hatten. Er war zwar eine Stufe über ihr, aber gar nicht herablassend. In dem Gespräch hatten sie festgestellt, dass sie beide nur einen Steinwurf voneinander entfernt wohnten. Dreimal waren sie sich dann noch zwischen Tiefkühltheke, Gemüse und Brot begegnet, und Charlotta hatte das Gefühl, dass das kein Zufall gewesen war.

Während Charlotta jetzt neben Emilia zu den Rädern geht, spürt sie, dass Mats auch auf dem Weg zum Ausgang ist. Sie fühlt seinen Blick auf ihrem Rücken und täuscht sich nicht. Als sie ihr Schloss öffnet, spricht er sie an. »Ihr konntet heute auch nicht genug kriegen, was?«

Sein Lachen ist offen, fröhlich und so ehrlich. Nebenbei schiebt er sein Rad neben ihre Räder.

»Und du gibst jetzt hier unseren Bodyguard, oder was? Eigentlich brauchen wir keinen Aufpasser«, ätzt Emilia ihn an und Charlotta schämt sich. Warum ist ihre Freundin so biestig?

»Ich dachte eigentlich, ihr seid meine Beschützer! Vielleicht kann ich ja in eurem Windschatten fahren?«

»Schmal genug dafür bist du ja«, giftet Emilia weiter.

Charlotta guckt sie an und zieht die Augenbrauen hoch. Hat Emilia ihre Tage? Aber Mats lässt sich von dem blöden Spruch nicht die Laune verderben. Als sie vom Parkplatz runter sind, schwingt er sich wie die Mädchen auf sein Rad und fährt neben ihnen her.

Als Emilia zehn Minuten später in die Bremsen geht, fühlt Charlotta sich unwohl. Sie und Mats müssen jetzt rechts abbiegen. Emilia muss weiter geradeaus. Charlotta bremst auch langsam. Sie steht Emilia gegenüber. Mats wartet ein paar Meter weiter. Sie würde gern noch ein paar Worte mit Emilia allein wechseln, aber Mats zu sagen, er könne schon mal fahren, wäre total unfreundlich. Womit sollte sie das begründen? Sie und Emilia müssten noch was besprechen? Sie haben gerade einen ganzen Tag gemeinsam verbracht. Was ist da ungesagt geblieben?

Sie gibt Emilia einen Abschiedskuss und sagt leise »Bis morgen«. Emilia guckt ihr nach, bis sie hinter der nächsten Ecke verschwunden ist. Sie guckt auf Charlottas langen Rücken. Ihr ist nicht entgangen, wie Mats ihre Freundin angesehen hat.

Als Charlotta ihr Rad kurz vor der Haustür ausrollen lässt, geht auch Mats in die Bremse. Eigentlich weiß Charlotta, dass sie für heute genug Sonne abgekriegt hat, aber sie schafft es nicht, einfach zu gehen. Fast eine Stunde stehen sie da, reden über die Lehrer, die Ferien, über Australien, wohin Mats so gerne mal reisen will, weil man da so gut tauchen kann. Über Frankreich, wo Charlotta in den letzten beiden Ferienwochen sein wird. Wenn ich nach meiner Entführung überhaupt noch das Haus verlassen darf, denkt Charlotta dabei kurz. Zwischendurch ist sie versucht, Mats zu erzählen, dass sie nach den Ferien nicht wieder aufs Gymnasium gehen wird. Dass sie in ein Internat nach Frankreich wechselt. Sie würde gerne seine Reaktion in seinem Gesicht lesen, aber sie hält sich zurück. Sie wird ja zurückkehren aufs Gymnasium, wird in die zehnte Klasse gehen und sich überlegen, welchen Leistungskurs sie neben Französisch noch belegen will. Dreimal schon hat sie Luft geholt, um sich zu verabschieden, aber Mats fällt immer noch etwas Lustiges ein.

Claudine Brandt steht schräg hinter der Gardine und beobachtet die Szene. Sie kann die beiden nicht reden hören, aber sie sieht, wie Charlotta immer wieder mit der Hand einzelne Strähnen hinters Ohr schiebt, den Kopf leicht schräg legt beim Zuhören. Sie beobachtet, wie der Junge manchmal ganz kurz seine Hand auf Charlottas Oberarm legt. Ist er der Grund, warum die Tochter auf gar keinen Fall in das Internat möchte? Ist Charlotta zum ersten Mal verliebt? Er sieht nicht übel aus, der Junge. Für ein, zwei Sekunden erwägt sie, ihrer Tochter diese erste Liebe nicht zu nehmen, den Entschluss mit dem Internat rückgängig zu machen. Doch dann schüttelt sie kurz und bestimmt den Kopf. Der ersten Liebe folgen immer noch weitere. Und wenn es die große Liebe ihres Lebens sein sollte, dann wird die auch das eine Jahr überstehen, befindet Claudine, während sie das Fenster öffnet und hinausruft: »Charlotta, willst du nicht mal langsam zum Essen reinkommen oder soll ich dir was vor die Haustür bringen?«

Ihre Stimme klingt zickiger, als sie sich fühlt.

»Würden Sie mir dann was mitbringen?«, fragt Mats lachend.

Claudine Brandt muss auch lächeln und versteht Charlotta noch ein bisschen mehr.

»Wir sehen uns«, sagt Mats schnell, ehe er sich auf sein Rad setzt und winkend hinter der nächsten Ecke verschwindet.

»Danke, Mama, dass du mich erlöst hast. Der Typ hat ja gar nicht mehr aufgehört zu quatschen«, stöhnt Charlotta und schließt ihr Rad ab.

Ihre Mutter stutzt. Sollte sie sich so vertan haben?