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Über dieses Buch:

Der Planet Shilgat in einer vergessenen Ecke des Universums: Eine gefährliche Seuche hat einen großen Teil der Bevölkerung von Shilgat befallen. Dante Barakuda versucht, mit einem neuen Impfstoff dagegen anzukämpfen. Zur gleichen Zeit erfährt er von einem gefährlichen Krieger, der bereits ein großes Heer um sich geschart hat und plant, Shilgat mithilfe der legendären „Großen Maschine“ in die Luft zu sprengen. Barakuda muss sich ihm in den Weg stellen und den Untergang des Planeten verhindern …

Die Barakuda-Trilogie von Gisbert Haefs ist unter Science-Fiction-Fans längst Kult. Bei dotbooks erscheint sie nun in überarbeiteter Fassung als eBook.

Über den Autor:

Gisbert Haefs wurde 1950 in Wachtendonk am Niederrhein geboren. Er studierte Anglistik und Romanistik, war während des Studiums Komponist, Chansonnier und Kneipier; heute ist er Übersetzer, Herausgeber und Autor von Krimis, Science-Fiction- und historischen Romanen.

Bei dotbooks erschienen die drei Bände der Barakuda-Trilogie: „Die Frauen von Pasdan“, „Die Händler von Gashiri“ und „Die Mönche von Banyadir“.

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Überarbeitete Neuausgabe Januar 2014

Dieses Buch erschien bereits 1986 unter dem Titel Die Gipfel von Banyadir in der Reihe Goldmann SF sowie überarbeitet unter dem Titel Banyadir 1992 im Haffmans Verlag und 1996 im Verlag Wilhelm Heyne.

Copyright © der Originalausgabe 1986 Goldmann Verlag, München

Copyright © der überarbeiteten Neuausgabe 2014 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München

Titelbildabbildung: © thinkstock

ISBN 978-3-95520-481-5

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Gisbert Haefs

Die Mönche von Banyadir

Die Barakuda-Trilogie – Band 3

dotbooks.

I

Unterhalb von Golgit, am Ende des breiten Sees, stürzten die Wassermassen des Huagilera auf einer Breite von fast einem Kilometer senkrecht in die Tiefe. Am Fuß der dreihundert Meter kochte es milchig zwischen den bläulichen Basaltklippen. Die untergehende Sonne färbte den Gischtvorhang und ließ vom Westufer den konischen Schatten eines Gipfels hineinwachsen.

Elzo Savinnik schaltete auf Weitwinkel und schmatzte. »Hoffentlich wird das was.« Der umgebaute Aufklärungsrobot bewegte den Kugelkopf langsam von links nach rechts.

»Bei dem Licht müßte es eigentlich eine Delikatesse werden. Wenn man es mag.« Barakuda blickte über die Schulter zurück; dann griff er ins Steuerrad und schob den Fahrtregler hoch. Vorsichtig brachte er das Boot aus der reißenden Strömung in das ruhigere Uferwasser.

»Und morgen wollen Sie über diese Berge?« Der Reiseschriftsteller deutete auf die steilen schattigen Ausläufer des Massivs.

»Nicht ganz. Es gibt da einen gangbaren Paß, am Ende eines Tals. Alles halb so wild.«

Saravyi räusperte sich. »Ein Ausflug für junge Leute. Ich werde an Bord bleiben und mich des Alters erfreuen.« Er lehnte an der Backbordreling und blickte zum Ostufer, wo der dichte Farnwald in der Abendsonne lag. »Außerdem kenne ich Golgit und das Wahlverfahren.«

Savinnik schaltete den Robot ab. »Ich kenne Golgit nicht«, sagte er. »Aber ich habe noch immer Muskelkater von der Kraxelei bei Kiotliq. Können Sie die kleine Kamera mitnehmen, Barakuda?«

Dante wiegte den Kopf. »Und hinterher schreiben Sie irgendeinen Unsinn über Golgit, ohne dagewesen zu sein?«

Savinnik kicherte. »Sie dürfen das Manuskript korrigieren. Bringen Sie ein paar schöne Bilder mit, ein bißchen interessanten Ton, und mal sehen, was ich daraus machen kann.«

Valdir Töröcsik hatte sich nach dem Schauspiel des Wasserfalls wieder dem MedRob zugewandt, der an unerklärlichen Bewegungsstörungen litt. »Wer geht dann überhaupt mit?« Er fuchtelte mit einem Stift und deutete auf seinen Kollegen, der sich nahe dem Aufgang zum Sonnendeck in einem Liegestuhl fläzte und die Stirn runzelte. »Bogai und ich und die Robots, wir müssen ja. Sie sind als Führer unentbehrlich, Dante. Wer noch? Sieht nach einer sehr kleinen Expedition aus.«

»Generelles Abschlaffen, schätze ich.« Nardini stand von der dritten Stufe der Treppe auf. Er hängte das rechte Auge an Barakuda; mit dem linken schien er das vorbeigleitende Ufer abzusuchen. »Ich bin auch für einen Ruhetag. – Weib, komm, Suppe kochen.« Er zog die ehemalige suldá Marsila Bodrelur vom Deck hoch und schob sie vor sich her in die Kombüse.

Seit dem Untergang von Gashiri waren eineinhalb Jahre vergangen. In sechs Standardmonaten würde die Quarantäne-Blockade des Planeten enden. Für eine endgültige Bilanz war es zu früh, aber es gab Grund zur Hoffnung. Die erste Seuchenwaffe der Anarchovegetarier, das Breitband-Antisteroid, war mit den Handelsgütern, die es enthielten, in viele Gebiete von Shilgat gelangt; manche waren stark, andere kaum betroffen. Die zweite Waffe, der kurz alangra-II genannte Erreger der Explosiven Beulenpest, hatte vor allem in den Gebieten um das äquatoriale Binnenmeer Opfer gefordert, ebenso in den Berglanden, die an Gashiri grenzten. Und in Gashiri selbst. Das vom Team des Laborschiffs entwickelte Gegenmittel hinterließ an der Stelle der Injektion – meistens am Oberarm – eine häßliche wulstförmige Narbe, die gleichzeitig als eine Art Impfnachweis diente. Die Blockadeflotte des Commonwealth hatte Gleiter, MedRobs und einige Freiwillige – Ärzte und Pfleger – abgestellt, die bis zum Ende der Quarantäne auf Shilgat bleiben mußten. Zwei Jahre betrug die Lebensdauer der Erreger aus mutiertem alangra.

Das Shilgat-Abkommen hätte strenggenommen den massiven Einsatz technischer Hilfsmittel untersagt, aber nach dem Ende der Anarchovegetarischen Union hatten die Vertreter der Shilgebiete das Abkommen gekündigt und diese Form der Hilfe erbeten. Monatelang waren die Gleiter mit Ärzten und Robots auf dem Doppelkontinent und den Inseln des Planeten unterwegs gewesen. Sogar Banyadir, die letzte Sektierer-Enklave, hatte Hilfe angenommen, sich danach aber wieder abgeschottet.

Dante Barakuda und die anderen Überlebenden der verkauften Transport- und Passage-Gesellschaft TraPaSoc hatten einen Teil ihres makabren Goldbergs sinnvoll investiert. Ein kompakter Wasserstoff-Helium-Meiler, geliefert von der Blockadeflotte, war in ein Fischerboot eingebaut worden. Barakuda und seine Gefährtin Begheli, René Nardini, Marsila Bodrelur, zwei Shil und zwei Mischlinge aus dem aufgelösten Protektorat, alle erfahren im Umgang mit Maschinen und Schiffen, sowie die Wissenschaftler Valdir Töröcsik und Nazim Bogai aus dem Laborschiff, das bis zum Ende der Quarantäne auf Shilgat bleiben mußte, waren von der Ostküste des Isthmus nach Süden gefahren. In Küstenstädten und erreichbaren Ballungsgebieten an Flüssen wollten sie Nachimpfungen und Kontrollbesuche vornehmen. Sie hatten die Fischerdörfer südlich des Protektorats besucht, später die Hauptstadt des ehemaligen Königreichs des Südens, Kelgarla. Dann befuhren sie den zwischen Südkontinent und Antarktis liegenden Ausläufer des großen Lysangrischen Ozeans; an der Taggasee lag die uralte Stadt Sa'orq, und dort war Saravyi an Bord gekommen. Sie hatten das weltabgeschiedene Kiotliq besucht und waren dann den Huagilera aufwärts gefahren, bis zum Katarakt von Golgit. Seit Anfang der Fahrt war auch Elzo Savinnik dabei; der Autor hatte zu Beginn der Gashiri-Krise Urlaub auf der Touristeninsel Huasiringa gemacht und beschlossen, nach Verhängung der Quarantäne die Zwangslage kreativ zu nutzen.

Zwei Meilen südlich des Wasserfalls steuerte Barakuda das Boot in die zuvor ausgesuchte kleine Bucht. T'unga sprang an Land und wickelte das Tau um einen Eisenbaum. Der frühere Agent des Sekretariats für Sicherheit war wie Nardini und Bodrelur durch die gräßlichen Narben der Beulenpest entstellt. Nach dem Ende von Gashiri hatte er den Dienst quittiert und fast ein Jahr lang bei den Sprengkommandos mitgearbeitet, in jener Gruppe, bei der auch die ehemaligen suldaus und TraPaSoc-Mtglieder Sten Timoara und Kara Kikuyo arbeiteten. Im Lauf der Jahrhunderte war von den AVs ein bis zu vierfach gestaffeltes System von Grenzfestungen mit Verliesen angelegt worden. Die Sprengungen waren noch längst nicht beendet.

Nardini und Peloy, einer der Mulis aus Cadhras, kletterten ebenfalls an Land. Sie schleppten Eimer und holten Frischwasser aus dem kleinen Bach, der hier in den Huagilera mündete. Nardini hatte freiwillig den Küchendienst für die ganze Reisedauer übernommen; seit er und Marsila Bodrelur sich zusammengetan hatten, sang er weniger und war umgänglicher als früher.

Barakuda schaltete den Antrieb aus und half Begheli beim Tischdecken. Es war ein kühler Herbstabend; das Achterdeck zwischen Kombüse und Steuer bot etwas mehr Schutz vor dem Wind als das Sonnendeck. Savinnik hockte auf der Reling und spielte mit dem Kasten der Fernsteuerung. Im Halbdunkel richtete der Aufklärungsrobot glimmende Augen auf Begheli.

»Bilden Sie sich nicht ein, ich wollte Sie abbilden, Dante«, sagte Savinnik. »Aber von Ihnen, gnädige Frau, kann ich nicht genug bekommen. Auf den Film, meine ich.«

Begheli lächelte. »Versprechen Sie mir etwas?«

»Kommt drauf an.«

»Morgen will ich mir einen ruhigen Tag machen, baden und in der Sonne liegen.«

Savinnik ächzte theatralisch. »Und dabei darf ich keine Aufnahmen machen?«

»Das wäre sehr rücksichtsvoll, ja.«

»Ach ja. Rücksichtsvoll. Na denn.«

Beim Abendessen – es gab P'aodhu-Stew, Safranreis, kandierte Früchte und leichten trockenen Sampawein – erzählte Saravyi Schelmenanekdoten aus den ungeschichtlichen Annalen von Sa'orq. An den Hängen des vom Bach ausgewaschenen kleinen Tals flackerte Feuermoos, Wasser plätscherte gegen den Bootsrumpf und raschelte zwischen tiefhängenden Zweigen einer Blutweide, und über allem lag der schwere, süßliche Duft des Strauchs, den die Shil mongur, die Cadhrassi cinnamongo nannten.

Plötzlich sagte Saravyi: »Bevor wir uns in ersprießlichem Geplauder verlieren – ich glaube, wir sollten Wachen aufstellen. Noch nicht, aber später, für die Nacht.«

Barakuda studierte das runzlige Gesicht des Greises, der nicht gealtert zu sein schien, seit sie vor Jahren zusammen durch die Steppe geritten waren. »Hast du Gründe?«

Saravyi hob die Schultern. »Ein Gefühl. Ich habe in letzter Zeit viele Gefühle.«

»Ich mag deine Gefühle nicht.« Barakuda schob den Teller fort und zündete sich eine Zigarette an. »Immer, wenn du Gefühle hast, passiert etwas.«

Saravyi nickte. »Deshalb sollten wir Wachen aufstellen. Vielleicht ist es nichts, aber ... ich kann sowieso nicht schlafen. Ich werde wachen.«

Savinnik gähnte. »Ich wache mit – wenn Sie mir beim Wachen Geschichten erzählen.«

»Versprechen Sie ihm nichts, Saravyi«, sagte Nazim Bogai. »Sonst wachen wir am Ende alle, nur um Ihre Geschichten zu hören.«

»Da wir gerade dabei sind ... «, murmelte Savinnik. Er stand auf, verschwand im Niedergang zu den Kajüten und kehrte mit einer Tasche zurück. Töröcsik und Yagur, der zweite Shil, räumten den Tisch ab. Savinnik steckte einen Magnetstift hinter sein rechtes Ohr und wühlte in den Papieren und Fotos, die er aus der Tasche gezogen hatte. Dann schaltete er den kleinen Computer ein, der Bild und Ton aufzeichnete, einen von Solarzellen gespeisten mikrokompakt. »Das ist der erste Abend vor Anker, gewissermaßen«, sagte er, als wolle er sich entschuldigen. »Bisher war immer soviel zu erledigen ... Ich habe viele Fragen. Darf ich?«

Saravyi nickte. Barakuda runzelte die Stirn, nickte dann aber auch.

»Also, ich weiß nicht so recht, was ich mit dem ganzen Material anfangen soll«, sagte Savinnik.

»Verbrennen«, schlug T'unga vor.

»Pah. Das hier ist ja nur ein Teil. Ich stelle mir das im Moment so vor – entweder wird es ein Buch über Shilgat allgemein, mit Anekdoten und schönen Bildern und so, oder eine Geschichte der beiden Krisen, Pasdan und Gashiri, mit Blick auf Hintergründe und Nebenschauplätze und mit den Biographien der wichtigsten Personen.« Er blickte Barakuda an, fast vorwurfsvoll. »Wenn nicht ein paar von denen so überaus zurückhaltend wären, könnte ich viel weiter sein.«

Dante hob sein Weinglas; Begheli betrachtete ihn amüsiert. »Was wollen Sie mit Biographien?« sagte Barakuda. »Die Ereignisse sind wichtig, die Personen austauschbar. Bis auf Saravyi, natürlich.«

Der alte Shil verzog keine Miene. Er starrte zum Feuermoos hinüber und schien dem aufgeregten Lärm der zahllosen Zimtschrillen im Gesträuch zu lauschen.

Savinnik klopfte auf den Papierstapel – Notizen und Ausdrucke – und nahm den Stift, um ihn wie eine Waffe auf Barakuda zu richten. »Damit untertreiben Sie, Mann. Was ist mit Ihnen und der Gouverneurin, den Frauen und Männern der Garnison, nicht zu reden von den Fürsten der Banyashil und der Königin von Kelgarla?«

»Sie sprechen von nichtexistenten Amtsträgern«, sagte Dante. »Die Ämter galten dem Notfall. Nach Pasdan ist das Fürstentum der Banyashil erloschen, nach Gashiri die Königinnenwürde von Kelgarla.«

»Ich weiß, ich weiß. Sie haben mir ja genug Vorträge gehalten. Aber verstehen Sie – die nackten Fakten sind fein und aufregend, nur reichen sie nicht aus. Ich brauche Personen aus Fleisch und Blut, mit denen sich die Leser identifizieren können.«

Barakuda blickte auf den Fluß hinaus, in dessen Wasser Sterne glitzerten. »Ich glaube, Sie sollten bei einer Planetenbeschreibung bleiben. Die meisten Leser werden ohnehin Schwierigkeiten haben, sich mit sich selbst zu identifizieren; wozu dann noch mit anderen?«

Savinnik seufzte und schob ihm einen Zettel hin. »Da. Ihre Daten, soweit ich sie hier und da habe zusammentragen können. Was soll man damit anfangen? Es ist zu dünn, viel zu dünn.«

Dante nahm das Blatt und überflog es ohne Interesse. Dante Barakuda, geb. 14-6-425 CT auf Kolchis, Myrna IV, Praesepe-Sektor; Eltern?; Waisenhaus in Corvina (Kolchis-Süd, Bez. DCXVI) bis 436; Internat Tyrgonai/Corvina, bis 443; Commonwealth-Flotte (Risikokommando der Abwehr); bei Einsatz gegen Diktatur auf Tartagal als legat verwundet (452); Beförderung – kapitán – und Versetzung zum Raumhafendienst, Abwehrzentrale, Atenoa, Gaia. Nach Unfalltod seiner Frau 459 Versetzung nach Shilgat, dort als tribún im Sonderdienst Leiter des Sekretariats für Sicherheit; koordinierte 466 Aktionen gegen Banditen und Matriarchat, dabei erneut verwundet; 467 nach Ende der Pasdan-Krise ausgeschieden mit Rang und Abfindung eines supraetor ; gründete mit ehemaligen suldás und suldaus Karawanengesellschaft TraPaSoc in Shontar, Cadhras-Nord; sorgte Ende 467/Anfang 468 (?) für Aufdeckung der Gashiri-Pläne; Teilnahme an Zerstörung von Tag'gashir'dir 468.

Barakuda schob das Blatt zurück und schnitt eine Grimasse. »Viel zu viel. Lassen Sie mich da raus.«

Savinnik schüttelte heftig den Kopf. »Ich denke nicht daran. Und es ist viel zu wenig. Ich wüßte zum Beispiel gern, woher Ihre Narbe stammt und was mit Ihrer Kindheit und den Eltern ist, und ob die Daten stimmen ... «

Barakuda legte den Zeigefinger an die Narbe, die zwischen Auge und Mundwinkel über die linke Wange lief. »Ein Souvenir von Tartagal. Und was die Daten angeht – ich kann Ihnen nicht viel sagen.«

»Sie werden doch mehr über Ihre eigene Vergangenheit wissen als das, was da steht!«

Begheli legte die Hand auf Dantes Unterarm. »Weiß er bestimmt. Das heißt aber nicht, daß irgendwer etwas davon erfahren muß. Nicht mal ich weiß viel mehr als Sie.« Dann lächelte sie und setzte hinzu: »Wozu auch?«

»Und die Daten aus der jüngsten Zeit kriegen Sie vom Gouvernement.« Barakuda blickte Begheli in die Augen und zwinkerte. »Ich war während der Gashiri-Krise lange Zeit auf einem Sklavenschiff. Meine Erinnerungen daran beziehen sich, wenn überhaupt, auf den Sa'orqi-Kalender, und ich habe keine Lust, das alles in Commonwealthzeit umzurechnen.«{1}

Savinnik hob die Hände und ließ sie wieder fallen.

»Fragen Sie Saravyi, wenn Sie mit ihm Wache halten«, sagte Barakuda. »Er weiß alles, was es zu wissen gibt, und wenn Sie unbedingt einen Helden aufbauen wollen, nehmen Sie ihn. Er hat nämlich alles ›koordiniert‹, wie Sie sagen, und er wäre auch ohne das Gouvernement mit Pasdan und Gashiri fertig geworden.«

Saravyi starrte immer noch zum Land. »Da war ein Schatten auf dem Feuermoos«, sagte er. »Dante Barakuda, du redest wirr. Laß dir etwas Albernes einfallen, nicht nur Wirres. Wenn es ausreichend albern ist, sorge ich dafür, daß du als erster Cadhrassi in die Annalen von Sa'orq aufgenommen wirst.«

»Was hast du eigentlich in Sa'orq gemacht, alter Mann?«

Saravyi blinzelte. »Gelesen.«

Barakuda legte den Kopf schräg. »Suchst du schon wieder Informationen aus der Frühzeit eures Volkes? Oder noch immer?«

»Beides. Weder noch. Wie du willst.« Saravyi schloß die Augen. Die Zimtschrillen schwiegen für einen Moment, und als er weitersprach, hallte seine Stimme über das Wasser der Bucht. »Es gibt da etwas unter Banyadir ... « Er öffnete die Augen, horchte dem Klang seiner Stimme nach und schüttelte den Kopf. Leiser sagte er: »Aber es ist hier nicht die Zeit noch der Ort für derlei Reden.«

Später lagen sie einander in den Armen. Als Dante das Fenster der Kajüte öffnete und im Stehen eine Zigarette rauchte, genoß er die kühle Nachtluft auf seinem verschwitzten Körper. Begheli wickelte sich in die Decke. Im Widerschein des Feuermooses schien ihre olivrosa Mischlingshaut zu brennen.

»Liebe, Ruhe und Reisen«, sagte sie halblaut. »Keine Krisen; keine Konflikte, außer den kleinen alltäglichen. Ich glaube, so gefällt mir das Leben.«

Dante legte die Hand an ihre Wange. »Wir haben noch ein paar Jahrzehnte davon vor uns. Ruhe und Reisen jedenfalls.«

Sie murmelte etwas Unverständliches.

»Na ja, du bist fünfzehn Jahre jünger als ich«, sagte Dante. »Außerdem halten Frauen sich sowieso länger.«

Die leichte Brise brachte undeutliche Stimmen vom Ufer. Barakuda spähte mit zusammengekniffenen Augen hinaus. »Saravyis Märchen- und Geisterstunde«, sagte er dann. »Ich glaube, er hält Savinnik einen Vortrag über die Weltanschauung der Kiotliqi. – Was meint er bloß mit ›unter Banyadir gibt es etwas‹?«

Begheli sog Luft durch die Zähne. »Er wird es dir schon noch sagen. Bitte, keine großen Unternehmungen zur Rettung der Welt mehr.«

Aus: Nachgelassene Fragmente, Elzo Savinnik; aus Notizen und Bändern zusammengestellt und herausgegeben von X. Faringi, Atenoa 472.

» ... Die Sprache der Shil erlaubt keine Realitätszuweisung bei immateriellen Begriffen; nur faßbare Gegenstände – oder zweifelsfrei wahrzunehmende wie die nicht unfaßbare Sonne Shalga – werden mit normalen Substantiven bezeichnet. Alle spekulativ-weltanschaulichen Termini hingegen werden, abgestuft nach dem Grad ihrer Unmöglichkeit, durch Fügungen von Potential- oder Irrealpräfixen (bzw. -suffixen) und Substantiven angedeutet.

... Abgesehen von den defunkten Notfalls-Einrichtungen (Fürsten der Banyashil, Königin von Kelgarla) gab es in der überschaubaren Vergangenheit keine Strukturen, die sich auf Konzepte wie Regierungen oder dergleichen gründen. Alltägliche Verrichtungen (Straßenreinigung, Absprachen von Handwerkern in Zünften o. ä.) gelten als real, da sie jedem unmittelbar eingängig sind. Aber schon eine Feuerwehr wäre ein Potentialgebilde, da es ja nirgendwo dauernd brennt und da im Brandfall einfach der Nächststehende löscht. Die Vorstellung einer ständig mit ›Gesetzen‹ oder ›Zukunftsplanung‹ befaßten Regierung ist völlig absurd.

... Daher dienen alle (und es sind zahllose) von den Shil erfundenen politischen bzw. weltanschaulichen Systeme (weder ist der Shil ein zoon politikon, noch bedarf die faßbare Welt abstrahierender Anschauung!) einzig der Verblüffung und Zerstreuung ... Aus gleichen oder ähnlichen Gegebenheiten erwachsen dabei die abstrusesten Gegensätze. Während z. B. in Arameq am Binnenmeer alles auf den Fisch ausgerichtet ist (die Zunfträte heißen ›Kiemen‹, sie tagen in der ›Reuse‹, Wächter sind ›Schuppen‹, ohnmächtiges Stadtoberhaupt ist der Fischfisch, der gemäß einer aus dem Maul des Großen Fisches einmal aufgestiegenen Luftblase immer Ubba-bul heißt), ist die Küstenstadt Kiotliq an der Taggasee allem abhold, was mit Meer und Fisch zu tun hat – allerdings verehrend abhold. Einige Reiseeindrücke und Fotos:

... Der Weg von Sa'orq ist kaum gangbar, wird nicht gepflegt und außerdem durch Kullus erschwert, eine seltsame Sorte von Aasvögeln des Hochlands, die in ihrer Dummheit Schlafende nicht von Toten unterscheiden können; dies gilt für Tier und Mensch gleichermaßen. Da die Reise etwa acht Tage lang durch Kullu-Gebiet führt, die Tiere spitze Schnäbel haben und chronische Schlaflosigkeit auf Shilgat nicht endemisch ist, verschmähen die Händler die Strecke Sa'orq-Kiotliq.

... Die Stadt ist Hauptort eines von der Welt nahezu völlig abgeschlossenen Gebiets; sie liegt an der Spitze einer breiten Mündungsbucht. Der Bhartotandi entspringt im Hochland und frißt sich durch unzugängliche Schluchten südwärts. Verstärkt durch mehrere kleine Nebenflüsse, hat er nahe der Küste ein breites, fruchtbares Tal geschaffen, das vom Binnenland aus nicht zu erreichen ist.

Die Tagesreise vom Paß zur Stadt führte uns durch Salzmarschen und Lagunen am Meer entlang über einen mit großen Brocken und Geröll aufgeschütteten, durch Pfosten und Knüppel befestigten Damm. Gehöfte und – seltener – kleine Ortschaften standen auf Pfählen im grauen Marschland neben dem Damm. Schwarze Punkte näherten sich uns hüpfend von den Pfahlbauten.

Die Marschen sind allenthalben mit Pfosten gekennzeichnet, die offenbar halbwegs begehbare Strecken markieren. An diesen Pfosten entlang hüpften Kinder und Erwachsene mit verblüffender Geschwindigkeit zum Damm und folgten der Karawane. Als sie nahe genug gekommen waren, sahen wir, daß sie unter die Füße ovale Schilde geschnallt hatten, die ihnen halfen, nicht im Morast zu versinken. Mit langen Stangen, die etwa einen halben Meter oberhalb des Unterendes ebenfalls eine kleine Platte aufwiesen, bewegten sie sich wie Stabweitspringer vorwärts, ohne zu versinken oder jemals die Balance zu verlieren.

In der Nähe der ersten größeren Ansammlung von Pfahlbauten, offenbar ein Vorort von Kiotliq, entdeckten wir mehrere runde Plattformen aus Holz. Sie lagen zwischen massigen Pfosten unbefestigt auf dem schwankenden Boden; bei höherem Wasserstand oder einer Überflutung konnten sie zwischen den Pfosten steigen.

Die Leute von der hüpfenden Eskorte steuerten diese Plattformen an, legten Fußschilde und Stakstangen ab und liefen auf Stegen weiter, die zwischen den Pfosten ebenfalls auf dem feuchten Grund lagen und schwankten.

Der steinige Weg entfernte sich vom Meer. Die eigentliche Stadt Kiotliq liegt zu Füßen der Berge auf einem vorgeschobenen Felsplateau und besteht – abgesehen von den Vororten – aus normalen Holz- und Steinhäusern. Über den Türen und neben den Fenstern der Untergeschosse sind Reliefs und Statuen, Bilder und Objekte zu sehen. Es wimmelt da von gräßlichen Fischdämonen, die aus klebrig malmenden Seen heraus auf den Betrachter starren; in ihren geöffneten Rachen drohen nadelfein zugeschliffene Zähne oder aber Barten, die züngelnde Schlangen sind. Über einer Eingangstür wälzt sich eine monströse Muräne; man erwartet unwillkürlich, jeden Augenblick die Tür zusammenbrechen zu sehen. Am nächsten Haus zerdrückt eine Eisscholle, auf der ein Seedrache sitzt und an einem menschlichen Bein nagt, die angedeuteten Trümmer eines Boots. Die Tür eines Ladens, dessen Auslage verschiedene Hölzer, ein Terrarium und Honigtöpfe zeigt, ist von Brechern eingerahmt, die über dem Eintretenden zusammenzuschlagen und ihn zu vernichten drohen (Fotos 17-29). Daneben findet sich ein besonders häßliches Seeungeheuer am Portiko, eine Mischung aus Igelfisch und Flügelschlange, mit einem glotzenden Auge, zwei Zungen, Sägezähnen und einem Geißelschwanz.

... Die Kiotliqi haben beschlossen, ihre Ahnen seien über See von einer versunkenen Insel im Lysangrischen Ozean hierher gekommen. Bei dieser Reise wurden sie angeblich von Fischen, Tang und Wellen in selbstloser Freundlichkeit unterstützt; zum Dank haben sie geschworen, die Geschöpfe des Meeres und das Meer selbst nie wieder zu behelligen. Also stellen sie die hilfreichen Meeresbewohner als Ungeheuer dar. Kein Bewohner von Kiotliq und Umgebung kann schwimmen. Diese Menschen leben am Meer und an der Mündung eines Flusses, fischen manchmal mit Ritualnetzen, die sie an langen Stangen befestigt haben, gehen dabei aber weder ins Wasser, noch bauen sie etwa Boote. Sie essen auch den Fisch nicht, den sie fangen, sondern werfen ihn wieder zurück. Das macht auch den Handel mit ihnen so schwierig. Es wäre kein Problem, Kiotliq von See her anzulaufen, aber davon wollen sie nichts wissen. Alles hat über Land zu geschehen ...

 ... ›Seevergeuder‹ ist ein Schimpfwort für jene, die das Meer nicht in Abscheu ehren, sondern durch Gleichgültigkeit oder gar Nutzung schmähen – also alle Nicht-Kiotliqi ... Einer der vielen Sammelbegriffe für Ekelhaftes oder Belastendes ist ›Würgetang‹; auch sagt man ›eher sollen mir Flossen sprießen, als daß ich ... ‹. Der in einem demonstrativ defekten, kieloben liegenden Steinboot tagende Rat besteht aus ›Bodenbürgen‹; diese ehrende Bezeichnung für alle, die in Abkehr vom göttlichen Meer dem profanen Boden schmähend huldigen, gilt per extensionem auch für Kiotliqi, die den Rat für überflüssig halten ... «

II

Eine Stunde vor Sonnenaufgang erzählte Saravyi noch immer. Der alte Mann winkte, als sie dem Bach talauf folgten. Barakuda klopfte auf die Tasche mit dem kleinen Aufnahmegerät, und Savinnik klatschte.

Talsilaq ging voran. Der stämmige, wortkarge Muli hatte einige Zeit zum technischen Personal einer der zahlreichen Wanderbühnen von Golgit gehört und behauptete, die Gegend zu kennen. Barakuda kannte sie nur flüchtig und vom Überfliegen in seiner Zeit als Sekretär für Sicherheit. Der Weg führte zwischen dem Bach und den Feuermoos-Flächen aufwärts zu einem kleinen Paß, hinter dem eine auch von Karawanen benutzte Nord-Süd-Straße verlief. T'unga ging am Ende der Gruppe; in der Mitte schwebten drei MedRobs. Ihre Antigrav-Aggregate reichten nicht aus, Menschen als »Marschgepäck« zu tragen. Die beiden Wissenschaftler debattierten halblaut über das graugrüne Feuermoos und den unerforschten Vorgang der Selbstzündung. Tagsüber speicherten die Pflanzen Sonnenlicht und Hitze. Das Moos gedieh nur auf sauren Böden, denen es Mineralsalze und andere Elemente entzog; bis zum mittleren Frühjahr erreichten die Kissen eine Höhe von fast eineinhalb Metern. In kalten Jahren bestand immer die Gefahr der Petrifizierung; erst bei Tagestemperaturen über 21,41° konnten die Pflanzen genug Energie speichern, um jenen Vorgang einzuleiten, den die Commonwealth-Biologen einigermaßen hilflos als »para-osmotische Reduktions-Verbrennung« bezeichneten. Die gespeicherte Energie verflüssigte bestimmte aufgenommene Mineralstoffe zu Säuren, die die Moossubstanz angriffen und die übrigen Mineralien zersetzten. Das Zersetzungsprodukt, ein klebriges, ätzendes Koagulat, wurde abermals zersetzt und in einer kalten Gasflamme abgegeben. Die Selbstzündung fand statt, wenn die Lufttemperatur nach Sonnenuntergang unter 18,2° absank; wie sie funktionierte, war rätselhaft. Bis zum Herbstende schrumpften die Moose zu einem wenige Zentimeter dicken Teppich zusammen. Die Shil nutzten sie, um übersäuerte Böden zu sanieren, wobei in kälteren Gebieten abgeflämmt werden mußte.

Als sie den kleinen Paß erreichten, ging die Sonne auf. Die Nord-Süd-Route jenseits der Berge war schon zu dieser Stunde belebt; die Wahl in Golgit lockte mit ihren Begleiterscheinungen Shil aus dem ganzen Einzugsgebiet der Stadt an.

»Verstehen Sie jetzt, weshalb ich in den letzten Tagen ein bißchen zur Eile gedrängt habe?«

Töröcsik klopfte Barakuda auf die Schulter. »Alles klar, Chef.« Er grinste. »Ein schöner Morgen und ein feines Schauspiel. Und wenn die alle in Golgit sind, haben wir es mit dem Überprüfen der Impfnarben leichter. Dann sind sie alle zusammen.«

Zwei Stunden nach Sonnenaufgang kamen sie zur Stadt. Diesseits der Katarakte hatte der Huagilera ein weites Tal zum See gemacht; Golgit nahm den größten Teil des Westufers und der Berghänge ein. Mehrere Seilbahnen, getrieben von großen Schwungrädern, in denen P'aodhus stumpfsinnig vor sich hintrotteten, verbanden die Unterstadt mit dem neueren Viertel der Wohlhabenden, das auf einem Plateau lag.

»Wie viele Einwohner hat das Labyrinth hier?« Bogai bestaunte eine Gruppe von Shil in grellrosa Gewändern. Die dunkle Olivhaut der Gesichter war mit komplizierten, ebenfalls grellrosafarbenen Mustern bemalt. Die Gruppe ging fast im Gleichschritt, bahnte sich einen Weg durch das Gewimmel in den engen Kopfsteingassen und reagierte weder durch Gesten noch durch eine Regung der versteinerten Mienen auf die Umgebung. »Und was sind das für Leute?«

Barakuda hob die Schultern. »Ich schätze, Golgit hat etwa hunderttausend Einwohner, aber im Moment sind viele Besucher aus dem Umland hier. Und die kann ich nicht einordnen. Talsilaq, diese grellrosa Gruppe da vorn, kennst du sie?«

Der Muli wiegte den Kopf. »Kennen ist zuviel gesagt. Ich habe von ihnen gehört. Sie wohnen in einem fast unzugänglichen Nebental, weiter im Süden.« Den Gerüchten zufolge hielten die Bewohner des Tals alles Menschliche, repräsentiert durch die (Haut-)Farbe Oliv, für minderwertig und verehrten statt dessen die »Gegenfarbe« Rosa. Sie hatten rosafarbene Häuser, zogen rosafarbene Pflanzen, merzten alle Grüntöne in ihrem Tal aus und hatten es sogar geschafft, aus den braungrünen, zottigen P'aodhus eine rosa Büffelrasse zu züchten.

Die meisten Häuser von Golgit bestanden aus Basaltfundamenten, einem steinernen Erdgeschoß und weiteren Stockwerken aus Holz und Lehmziegeln. Auf dem Plateau blitzten weiße Gebäude in der Morgensonne; ein mit stinkenden Algen beladener Karren rumpelte aus einer Nebengasse zum Marktplatz.

»Ein Leckerbissen«, sagte Talsilaq. »Am Seeufer gibt es gläserne Unterwassergärten, in denen das Zeug gezogen wird, amthi'stai. – Ich glaube, das hier ist der beste Platz.«

Der Markt lag zu Füßen der Felswand, auf der sich die Paläste erhoben. Der Hauptzugang zum Marktplatz war leicht zu überblicken und mühelos abzusperren.

»Hier könnte man gut einen Impfpaß einrichten.« Töröcsik schüttelte den Kopf und kicherte. »Das war nicht beabsichtigt. Ist aber ein gutes Wort.«

Barakuda bat um Geduld. Er ließ die anderen mit den Robots zurück und ging zum Gebäude der Zünfte, wo er ein kurzes Gespräch mit einigen alten Frauen führte, die er noch aus seiner Amtszeit kannte. Sie billigten seine Vorschläge, wenn auch keine Fälle von Explosiver Beulenpest aufgetreten seien, wie sie versicherten. Dante hörte es mit Erleichterung.

T'unga und Talsilaq schafften Tische herbei, mit denen der Durchgang bis auf einen engen »Paß« blockiert wurde. Bogai und Töröcsik aktivierten die MedRobs. Zwei der Zunftfrauen stellten sich neben die Tische, um im Fall von Mißmutsäußerungen angehaltener Shil Erklärungen abzugeben. Das Verfahren war einfach und schnell durchführbar: Alle Passanten wurden gebeten, die Oberarme zu entblößen. Wer eine Impfnarbe hatte, konnte sofort weitergehen; die übrigen – es waren wenige – erhielten eine Injektion und den Rat, sich über eine kleine Entzündung mit Narbenbildung nicht aufzuregen.

Mit Savinniks Kamera wanderte Barakuda eine Weile durch den Ort. Dann begab er sich zur Residentin des Noch-Gouvernements. Das Gebäude der Vertretung von Cadhras lag auf einem kleinen Hügel am Seeufer. Von der blumengesäumten Terrasse bot sich ein prächtiger Blick über Stadt und See.

Die Residentin begrüßte ihn freundlich und ließ Kaffee auf die Terrasse bringen. »Sie segeln jetzt also um den Planeten und impfen? Interessant. Ich hätte nicht gedacht, Sie jemals bei einer so vergleichsweise ruhigen Tätigkeit zu sehen.«

Barakuda lächelte knapp. »Wissen Sie, nach den Ereignissen der letzten Jahre kann ein bißchen Ruhe nicht schaden. Zumal keiner weiß, was nach dem Ende der Quarantäne geschieht.«

Sie nickte; ein wenig traurig, wie es schien. »Ja. Wir werden das alles hier wohl aufgeben und abziehen, wenn sich an dem Beschluß nichts mehr ändert.«

»Gibt es etwas Neues in Cadhras? Ich habe seit zwanzig Tagen nichts gehört.«

Sie überlegte. Barakuda betrachtete die kleine, energische Frau. Die Residentin war Anfang Fünfzig und vertrat das Gouvernement seit sieben Jahren in Golgit. Dante wußte, daß sie den Planeten und seine Bewohner liebte. Und daß sie, wie so viele, bald zwischen Shilgat und dem Commonwealth wählen mußte.

»Ich glaube, in den letzten Tagen ist nichts passiert. Die Erfassung geht weiter, ebenso die Entschädigungsberechnungen. Nach den neuesten Zahlen werden etwa vierzig Prozent das Territorium verlassen.«

Gegen den Widerstand des ehemaligen Banyashilfürsten Gortahork und des alten Saravyi hatten die Shilvölker das Shilgat-Abkommen gekündigt. Außer der Erkenntnis, daß man notfalls auch ohne Hilfe von Cadhras die Krisen um Pasdan und Gashiri hätte bewältigen können, war die Einschätzung der letzten Sektierer in Banyadir entscheidend gewesen. Die »Mathematischen Mönche« stellten keine Gefahr dar; ihr Land war von hohen Bergen eingeschlossen. Sie mochten dort in Ewigkeit ihre Halluzinationen pflegen.

Unmittelbar würde sich wenig ändern. Im Palais der Gouverneure würde bald ein Kommissar sitzen; anstelle des Gouvernements würde das Kommissariat den Raumhafen und die sonstigen Anlagen verwalten, den Passagier- und Frachtverkehr mit anderen Welten überwachen und den Kultur- bzw. Technologie-Transfer unterbinden. Aber mit dem Ende des Protektorats endete auch der Einfluß von Gadhras; anders als die Gouverneure würden die Kommissare außerhalb der ihnen unterstehenden Anlagen keinerlei Befugnisse besitzen, nicht einmal in der Stadt Cadhras – falls nicht neue Beschlüsse winzige Änderungen ergaben. In den beiden Krisen war die letzte Gouverneurin praktisch Beherrscherin des Planeten gewesen; der zu ernennende Kommissar wäre nur ein Botschafter mit gewissen Vollmachten. Das Autonome Territorium des Isthmus wurde aufgelöst; die Bewohner konnten entweder bleiben oder mußten sich, wenn sie weiterhin Bürger des Commonwealth mit Rechten und Pflichten sein wollten, auf anderen Welten ansiedeln. Wegen der von vornherein offengelassenen Möglichkeit der Kündigung des Abkommens hatte es im Isthmus nie privaten Grundbesitz gegeben; das Land war von den Shilvölkern widerruflich zur Verfügung gestellt und von den Commonwealth-Behörden an Bauern, Unternehmer und Privatleute verpachtet worden. Nun hatte sich das Commonwealth verpflichtet, denen, die Shilgat verlassen wollten, auf anderen Welten für eine Übergangszeit von zehn Jahren ähnliche Ackerflächen pachtweise zur Verfügung zu stellen beziehungsweise bei der Anmietung von Wohn- und Nutzgebäuden zu helfen.

»Was werden Sie machen, Madame?«

Die Residentin hob die Hände. »Ich weiß es nicht. Es wird kaum möglich sein zu bleiben ... «

»Das Kommissariat wird genauso Botschafter brauchen wie das Gouvernement.«

»Natürlich. Aber es gibt vor allem zwei Probleme; von den zahllosen anderen nicht zu reden. Geld und Beziehungen.«

Barakuda nickte. »Sie haben natürlich recht. Aber ich würde nicht zu schwarz sehen. Erfahrung sollte auf jeden Fall zählen.«

Ob ein Kommissar oder eine Kommissarin die bisherigen Residenten übernahm oder neue Leute ernannte, war eines der beiden Probleme. Das zweite war wichtiger. Bisher hatte das Gouvernement sich ausschließlich aus Zolleinnahmen finanziert – zehn Prozent vom Warenwert aller Güter, die den Raumhafen passierten. Durch den Exodus eines Teils der Bevölkerung und die nicht kalkulierbaren Entwicklungen des interstellaren Fracht- und Personenverkehrs nach Shilgat würde sich die Lage ändern. Zunächst stand noch nicht fest, ob ein Kommissariat überhaupt Zoll erheben durfte; selbst wenn ja, blieb zweifelhaft, ob die Höhe der Einnahmen nach dem »Wandel« ausreichen würde, die bisherigen Abteilungen des Gouvernements beizubehalten.

»Wir können es ohnehin nicht ändern und müssen abwarten. Was haben Sie denn vor?«

Barakuda blickte über den See. Fischerboote mit eckigen Segeln; Laubenflöße, üppig bewachsen, auf denen Paare oder Ausflugsgruppen den See genossen; ein Schwarm fliegender Plattfische, der sogenannten pinyapadis oder Flatterflundern; die Spitze des Kristalldoms, der das unterseeische Amüsierviertel überwölbte. Unterhalb der Terrasse standen Laokoon-Feigen mit verschränktem Geäst; daneben Zinnobersträucher und Kissen von Nimmergrün, süßer cinnamongo, junge Blutweiden, in denen eine orangefiedrige shimsel hockte und ihren Pentatriller ausstieß, und würzige Minz-Ulmen.

»Ich werde bleiben.«

Auf dem Weg von der Residenz zum Markt schlenderte Barakuda durch das Handwerkerviertel. Bei einem Lederwerker sah er einen sauber gearbeiteten, mit grünen Halbedelsteinen verzierten Umhängebeutel, den er für Begheli kaufte. Nebenan gab es einen Schlosser, der gleichzeitig allen möglichen metallischen Krimskrams – geflickte Töpfe, alte Zierleisten, kleine gußeiserne Dämonenfiguren, Nägel, Zahnzangen – in Kästen unsortiert feilbot. Dante wühlte eher zerstreut eine Weile darin herum; eine halbe Stunde später hatte er acht kleine Metallzylinder mit Ausbuchtungen und Stiften gefunden. Sie erinnerten ihn an seltsame Schlüssel. Hoch im Norden, in der Blutgrafschaft Vagaván, hatte einst ein irrer Baumeister, dessen Gebäude ausnahmslos auf Primzahlen basierten, einen Palazzo mit einem Dreiundzwanzigeck als Grundriß errichtet. In diesem Palazzo, in dem es 23 Räume gab und alle Treppen 23 Stufen hatten, wohnte seit Bestehen des Gouvernements der jeweilige Resident von Cadhras. Im Keller (im 23. Kellerraum) gab es eine 23eckige Tür mit 23 Schlössern, und in zweieinhalb Jahrhunderten hatten die Residenten 16 Schlüssel zusammengetragen Es fehlten 7 – hier hatte er nun 8 gefunden, die den gesuchten ähnelten; einer, der ihm vor einiger Zeit in die Hände gefallen war, lag noch in seiner Wohnung in Shontar. Wahrscheinlich paßten sie nicht in die Schlösser; außerdem war einer überzählig. Aber es wäre ja möglich. Der Schlosser wußte nichts über die Herkunft der Zylinder und überließ sie Dante billig.

Schließlich erwarb er bei einem Buchdrucker noch drei in Bockleder gebundene Werke, gedruckt mit beweglichen Eisenholzlettern auf Büttenpapier: eine Sammlung hypothetischer Tatsachen von ersprießlicher Nutzlosigkeit, vollkommen bizarre Einfälle, Notizen und Anekdoten eines dem verschwiegenen Drucker angeblich unbekannten Autors; eine Serie von Mystifikationen und philosophischen Vexierspielen unter dem Titel Katalog unbewohnbarer Gedanken; sowie lakonische Erzählungen eines berühmten Autors namens Durdary aus Sa'orq, Trockene Geschichten vom Fluß. Durdarys Buch kostete 25 Foldar, die beiden anderen je 10. Barakuda, der nicht mehr genug Shilgeld bei sich trug, legte 90 Drachmen hin. Er steckte die Bücher und Schlüssel in den Beutel und machte sich auf zum Markt, um das Ende der Wahldebatten mitzubekommen.

Die Wahl des neuen Stadtsklaven fiel in eine Zeit der Besorgnis. Die Besitzer hatten jene Frauen und Männer nominiert, die ihnen in neun der üblichen zehn Jahre{2} mit auffallender Wirksamkeit und Intelligenz gedient hatten. Delegierte aus den Dörfern, Bergnestern und Städten des Bereichs, der sich viertausend Kilometer von Nord nach Süd und fünfhundert von West nach Ost erstreckte und Hochebenen, Bergketten, Moore, Wüsten und Wälder umfaßte, waren wie jedes Jahr in Golgit zusammengekommen, zu Markt, Volksbelustigung, Götterschmähung und Sklavenwahl, aber über allem lag noch der Schatten der Ereignisse von Gashiri. Eine alte, erfahrene Schmäherin mit sprödem Greisinnenbart und ungeheuerlichem Wortschatz mutmaßte, die Prinzipien der Akausalität{3} drohten zu Ordnung zu werden; das fruchtbare Chaos sei nur dadurch zu gewinnen, daß man Konzessionen an die fiktive Kausalität mache und die nichtexistenten Gottheiten in ausreichendem Maße beschimpfe. Dies sei in den vergangenen Jahren vernachlässigt worden, und Früh- und Fehlgeburten seien die angemessene Strafe, eine das Große Chaos pervertierende Unzufälligkeit.

Manche stimmten ihr zu; andere hingegen brachten gewichtige Einwände vor. Wenn, so sagte ein stimmbrüchiges Milchgesicht, die Schmähung nichtexistenter Gottheiten das Große Chaos an einer Stelle schwäche, indem sie darin einen geballten Kausalbereich erfinde, so bewirke dies keineswegs, wie angenommen, an einer anderen Stelle einen besonders wirksamen Akausalbereich, der den Schmähenden zugute komme. Diese Annahme setze ein inneres Auswiegen im Großen Chaos voraus, das dadurch zu einer Form von Ordnung werde –