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Birgit Schlieper

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1. Auflage
Originalausgabe Mai 2017
© 2017 by cbt Kinder- und Jugendbuchverlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Kathrin Schüler, Berlin
unter Verwendung mehrerer Motive von Shutterstock
(Lukas Maverick Greyson, Scott Latham,
wavebreakmedia, E. O., Triff)
Lektorat: Kerstin Kipker
he ∙ Herstellung: RN
Satz und E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN: 978-3-641-20788-5
V001

www.cbt-buecher.de

1

IMAGEIch bin seit ungefähr siebenundsechzig Minuten auf britischem Boden, als ich mich bereits bis auf die Knochen blamiere. Linda Clark hatte mich gefragt, ob ich im Auto vorne sitzen wolle. Keine Ahnung, warum sie das vorgeschlagen hat. Ich bin nicht besonders groß oder dick oder so. Vielleicht liegt es an dem überdimensionalen Rucksack auf meinem Rücken, der mich gigantisch erscheinen lässt. Was braucht man für vier Wochen England? Eigentlich alles, oder? Und all das, was nicht mehr in meinen Koffer gepasst hat, habe ich in meinen Rucksack gestopft. Ich nicke also auf ihre Frage hin, gehe um das Auto rum, öffne die Beifahrertür und schaue direkt aufs Lenkrad. Natürlich brechen alle in Gelächter aus. Michael Clark fragt – als er sich endlich beruhigt hat –, ob ich sicher sei, dass ich selber fahren wolle. Ich schüttele nur meinen hochroten Kopf, flitze um das Auto herum und setze mich schnell auf den Beifahrersitz.

Die gesamte Fahrt über höre ich Lisa hinter mir immer wieder kichern. Sie kriegt sich gar nicht mehr ein. Ich gucke mich vorsichtig um, um zu überprüfen, ob sie schon dabei ist, meine peinliche Nummer per WhatsApp in die ganze Welt zu posaunen. Ist sie nicht. Wahrscheinlich kommt sie nicht an ihr Handy. Mit Linda Clark und deren zehnjähriger Tochter Määäry-Äänn (ehrlich, genauso hat sie sich vorgestellt) ist es ziemlich eng hinten auf der Rückbank. Geschieht Lisa ganz recht. Allerdings schlafen meine Füße unter dem Monster-Rucksack auch langsam ein. Aber ich wüsste wirklich nicht, auf was ich beim Packen hätte verzichten können. Eigentlich bin ich gar nicht so eine Modetussi, aber irgendwie sind dann doch ganz schön viele Dinge zusammengekommen. Es ist Sommer. Also mussten sämtliche Shirts, Shorts, Flipflops und so mit. Dann: Wir sind in England. Das bedeutet, dass man stündlich mit einem kühlen Regentief rechnen muss. Also mussten auch Pullover, dicke Jacke, Jeans, Schirm, Lieblings-Sneaker und so weiter mit. Da in unserer Ferienschule auch Sport auf dem Stundenplan steht, muss also auch noch mit: Jogginghose, Tops, Sportschuhe. Das Ganze noch aufgefüllt mit Unterwäsche, Schlafanzug, Schminke, Sonnenmilch, Shampoo und so weiter ergibt fast vierzig Kilo. Dazu kommen natürlich noch etliche Kilos guter Laune und Vorfreude.

Auf der Fahrt von London, wo wir gerade gelandet sind, bis nach Brighton, wo wir die nächsten Wochen verbringen werden, sterbe ich circa siebzehn Tode. Ich denke andauernd, wir wären Geisterfahrer. Dieser Linksverkehr macht mich fertig. Wenn wir abbiegen, möchte ich Michael Clark am liebsten ins Lenkrad greifen, um uns auf die richtige – also eigentlich falsche – Spur zu bringen. Ich spüre, wie er immer mal wieder zweifelnd zu mir guckt und bin froh und dankbar, als wir endlich vor dem kleinen gelben Haus parken. Es sieht genauso aus wie auf Google Maps. Sehr gelb inmitten von grauen und beige-farbenen Nachbarhäusern. Fröhlich irgendwie.

Meine Mutter hatte sehr scharf die Luft eingezogen, als ich ihr das Haus im Internet gezeigt hatte. Sie fand es »merkwürdig und irgendwie beunruhigend«, dass meine Gastfamilie so aus der Reihe tanze. Aber meine Mutter findet es schon beunruhigend, wenn ich einmal kurz huste (angehende Lungenentzündung), wenn es drei Stunden am Stück regnet (Überschwemmungsgefahr) oder wenn mein Vater zehn Minuten später als sonst aus dem Büro kommt (tödlicher Verkehrsunfall).

Als der eher schmächtige Michael Clark meinen Koffer aus dem Auto hebt, schwellen unter seiner Brille die Adern an seinen Schläfen an, und ich habe kurzfristig ein schlechtes Gewissen.

»Warum ist dein Koffer eigentlich so viel leichter?«, frage ich Lisa leise.

»Ich habe gedacht, dass ich mir alles, was ich nicht habe, einfach von dir leihe.« Sie grinst mich an.

Wir müssen feststellen, dass das Haus nicht nur von außen bunt ist, sondern auch von innen. Bunt klingt dabei noch fast ein bisschen zu schal. Ich überlege sofort, wo ich meine Sonnenbrille habe. Rote Couch, grüne Kissen, blumige Vorhänge, hellblauer Teppich auf braunen Dielen. Fast hätten wir in diesem Farbdurcheinander des Wohnzimmers jemanden übersehen: Mitten auf dem Teppich sitzt im Schneidersitz ein Typ mit sehr schwarzem Haar und sehr schmalen Augen.

»This is Yakimi«, stellt ihn uns Linda Clark vor. »He’s from Japan and an exchange student like you.«

Der Japaner, der etwa in unserem Alter sein muss, springt auf, verbeugt sich, und ich beiße mir schnell auf die Unterlippe, um nicht zu lachen. Er wirkt auf eine süße Art irgendwie nerdig mit seiner Stoffhose, seinem Hemd, dem Pullunder und einer viereckigen Brille. Die Gläser sehen wie zwei kleine Laptop-Monitore aus. Und dann haut es uns fast aus den Schuhen, als er uns in perfektem Deutsch – mit leicht bayrischem Einschlag – begrüßt.

»Grüß Gott. Ich bin Yakimi. Ihr seid die Deutschen? Willkommen. Ich bin schon seit einer Woche hier und es ist echt klasse.«

»Warum sprichst du so gut Deutsch?«, will Lisa wissen.

»Ich war letztes Jahr zwei Monate in München«, erklärt dieser Yakimi.

»Super«, freue ich mich. »Dann fliegen wir nächstes Jahr in den Ferien nach Tokyo und sprechen danach fließend Japanisch.«

Unsere Gastmutter führt uns eine Treppe hinauf. Sie wirkt sehr herzlich und unkompliziert und plappert in schönstem Oxfordenglisch vor sich hin, während sie uns das Bad zeigt und die Tücken der Dusche erklärt. Sie ist ein bisschen fülliger, nicht so durchtrainiert wie Mama, wirkt aber, als fühle sie sich wohl in ihrer Haut. Dann zeigt sie uns unser Zimmer. Wow, ist das süß! Ganz oben unterm Dach mit einem Himmelbett für Lisa und mich. Wie nützlich so ein Himmelbett sein kann, zeigt sich später. Weil der Kleiderschrank für unsere ganzen Klamotten natürlich viiiel zu klein ist, hängen wir einfach die Bügel an die Bettkonstruktion – und zwar oben über die waagerechte Messingstange. So sieht es fast ein bisschen so aus, als würden wir IN unserem Kleiderschrank schlafen.

»Guck mal, ganz hinten kann man sogar das Meer sehen«, freue ich mich, als ich die Gardinen zur Seite schiebe, um die Aussicht zu checken. Als ich keine Antwort bekomme, drehe ich mich um. »Lisa?«

Unglaublich! Lisa hat tatsächlich angefangen, mit Reißzwecken Bilder ihrer gesamten Familie über ihren Schlafplatz in die Tapete zu piksen. Sie streicht sich ihre langen braunen Haare aus dem Gesicht und betrachtet stolz ihr Werk. Da ist ein Foto von ihren Eltern und Fotos von Luise, Lara und Lotta. So heißen die drei kleinen Schwestern von Lisa. Ich habe ein bisschen Angst, dass die noch eine Tochter bekommen. Die heißt dann wahrscheinlich Lollipop oder Lillifee oder so. Jetzt holt Lisa allen Ernstes noch ein Foto ihrer Zwergkaninchen heraus – und hat jetzt quasi ein verdammtes Fotoalbum über ihrem Kopfkissen hängen.

Ich schaue auf den leeren Platz über meinem Kopfkissen. Es sieht so aus, als sei ich ein Waisenkind ohne Familie, ohne Freunde, ohne Haustier. Kurzentschlossen schnappe ich mir eine Zeitschrift und blättere los. In einer Modestrecke werde ich fündig. Der Typ sieht gut aus, aber nicht zu gut. Ich reiße ihn raus.

»Gib mir mal eine Reißzwecke.«

Ich pinne den Unbekannten direkt über meinen Schlafplatz.

»Was soll das?«, will Lisa wissen.

»Das ist mein Bruder Nick«, behaupte ich.

Lisa tippt sich nur kurz an die Stirn.

Mir doch egal. Was kann ich dafür, dass ich keine Geschwister habe. Meine Mutter hatte mir irgendwann mal erzählt, wie schwierig es damals gewesen wäre, überhaupt mit mir schwanger zu werden. Ich glaube ja, dass die beiden ein bisschen nachgeholfen haben. Aber so genau will ich das gar nicht wissen. Ich gucke wieder zu dem Bild. Das ist jetzt also mein Bruder. Mal sehen, vielleicht richte ich ihm sogar eine Mailadresse ein. Dann könnte ich Nick schreiben.

Als wir wieder runtergehen, treffen wir auf Määäry-Äänn, die wild vor dem Fernseher tanzt. Offenbar übt sie eine Choreographie. Linda Clark sieht unsere Blicke und erklärt uns, dass ihre Tochter für eine Casting-Show trainiere. Leider wüsste Määäry-Äänn aber noch nicht, ob sie sich als Tänzerin, Sängerin, Model oder als Allround-Talent bewerben soll.

Ich finde: Egal, für was sie sich entscheidet, sie muss auf jeden Fall noch sehr viel üben. Aber das sage ich natürlich nicht. Aus den Mails weiß ich, dass dieses Wesen mit der Miley-Cyrus-Frisur gerade mal zehn Jahre alt ist. Allerdings kleidet sie sich wie eine Siebzehnjährige und hat das Selbstbewusstsein einer Dreiundzwanzigjährigen. Davon könnte ich mir mal eine Scheibe abschneiden.

Lisa fragt unsere Gastmutter, ob wir ans Meer gehen dürfen.

»Of course«, sagte sie, erklärt uns, welchen Bus wir nehmen müssen und drückt uns einen Haustürschlüssel in die Hand.

YES!

Und dann stürmen wir zwanzig Minuten später an den Strand und den Pier. Es ist überhaupt nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Es ist viel besser. Die Luft riecht nach Leben. Nach Freiheit. Nach Spaß. Auf dem alten Pier, der auf riesigen Metallbeinen bis weit ins Meer ragt, kaufen wir uns zwei Cola und schlendern barfuß durch den feinen Kieselsand. Überall sitzen Jugendliche. Alles hier ist grösser als ich es mir vorgestellt hatte. Der Strand, die Wellen, der Himmel. Vom Pier klingt die Musik der Fahrgeschäfte rüber. Es riecht abwechselnd nach Zuckerwatte und Meer. Ein altes Riesenrad dreht stoisch seine Runden. Mein Blick geht über die vielen bunten Sonnenschirme am Strand zum Horizont.

Ich lasse mich einfach fallen.

»Lisa, das wird der beste Urlaub unseres Lebens. Ich spüre das. Es ist als würden Ameisen in meinen Adern Salsa tanzen.«

Sie setzt sich neben mich, hält ihr Gesicht in die Sonne und nickt. »Ist klar, dass du das glaubst. Du musst das glauben! Nur wegen deiner Mutter, die ihren Schatz nicht so weit weglassen will, sind wir ja hier gelandet – und nicht in Kalifornien oder Australien.« Dann schaut sie mich kritisch an. »Und weißt du, was mir schwant? Wenn du nicht ganz schnell aus der Sonne gehst, beginnt unsere Freiheit bei dir mit einem fetten Sonnenbrand.«

Wie kann sie in solch einem Moment nur so doof sein? Aber sie hat leider recht. Ich habe ziemlich helle Haut und schaffe es, mir in fünf Minuten ein feuerrotes Gesicht einzuhandeln. Die Farbe beißt sich dann meist mit meiner Haarfarbe. Ich persönlich finde, dass die Farbe meiner Haare eher so »mahagoni« ist. Andere sagen einfach »rot«. Das ist leider nicht das einzige Problem. Ich habe Locken. Klingt gut. Ist es aber nicht. Ich habe Korkenzieherlocken. Im Alter von drei bis fünf ist das super. So niedlich. So süß. Danach ist es nur noch peinlich.

Perücken für Prinzessinnen haben Korkenzieherlocken.

Deswegen habe ich meine Haare eigentlich immer hinten zusammengebunden. Oder ich mache mir einen ganz straffen Pferdeschwanz. So fest, dass meine Augen fast so aussehen wie Yakimis. Ich seufze und beneide Lisa zum hunderttausendsten Male um ihre glatte, braune und wunderbar lange Haarpracht.

Aber jetzt ist keine Zeit für trübe Gedanken, denn jetzt heißt es, die Freiheit, die Sonne, die Ferien genießen.

Ein anderes Bild schiebt sich vor meine Augen. Unser Dorfplatz mit Apotheke, Eisdiele, Kirche, Bücherei. Ich weiß ganz genau, wie es da jetzt am Sonntagnachmittag aussieht: Ein paar Mütter sitzen vor ihrem Latte macchiato. Ihre Kids haben sich mit ihrem Spaghetti-Eis eingesaut, ein paar ältere Damen schieben mit ihren Rollatoren vorbei. Im Eingang zur Bücherei hängen ein paar Jugendliche ab. Ab und zu schießt einer von denen mit seinem Skateboard über die Holpersteine. Es riecht immer noch ein bisschen nach Mittagessen. Langeweile hoch zehn.

Hier ist es so anders. So frei.

Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, in ein paar Wochen wieder Teil von diesem heimatlichen Stillleben zu sein.

Lisa und ich schlendern noch ein bisschen den Strand entlang und mit jeder Pore sauge ich die Sonne und dieses Gefühl auf. Und auf einmal weiß ich, dass ich mich an keinem Ort der Welt besser fühlen könnte.

Als wir um kurz vor sieben die Haustür bei den Clarks aufmachen, ist jede meiner Poren sofort verstopft. Ein fieser Bratenduft wabert uns entgegen. Unsere Gastmutter, die wir Linda nennen dürfen, guckt fröhlich aus der Küche. Das wäre ja schön, dass wir so pünktlich seien – wir könnten uns gleich zum Essen setzen. Auf dem Tisch steht schon eine große Pfanne. Darin liegt ein dickes Stück faseriges Fleisch in grau-brauner Soße. An den Rändern glänzt Speck, mehrere Fettaugen gucken mich triefend an. Dazu gibt es Kartoffeln und erbsenähnliches Gemüse. Für Erbsen sind die Dinger eigentlich zu groß, für Rosenkohl zu klein. Vielleicht ist es eine landestypische Bohnenart.

Ich hole tief Luft und erkläre Linda ganz freundlich, dass ich wohl vergessen hätte zu erwähnen, dass ich kein Fleisch essen würde. Nie.

Lisa starrt mich an.

»No meat at all?«, kreischt Määäry-Äänn.

Linda, die gerade ein dickes Stück von dem toten Tier abschneiden wollte, verharrt und reißt die Augen auf.

Dann holt sie Luft. Das hätte ich doch vorher angeben müssen, sie hätte noch nie einen vegetarischen Gastschüler gehabt, was ich denn jetzt essen wolle und so weiter.

Ich versuche, ganz freundlich zu gucken und erkläre, dass das überhaupt kein Problem sei. Ich würde ja ansonsten alles essen und das Fleisch einfach weglassen. Und bei Fisch würde ich eine Ausnahme machen. Sie müsse für mich jetzt kein Tofu braten oder so. Um das zu unterstreichen, schaufele ich mir gleich drei Kartoffeln und jede Menge grüne Kugeln auf meinen Teller. Die schmecken erfreulicherweise nach gar nichts. Hätte ja schlimmer kommen können.

Erst jetzt bemerke ich, dass Yakimi mit Stäbchen isst. Er ist echt geschickt darin, das Kullergemüse mit den Hölzern einzufangen.

»Isst du alles mit Stäbchen?«, frage ich ihn vorsichtig.

»Sandwiches nicht. Die esse ich mit den Fingern.« Er grinst mich an.

»So, so. Du isst also kein Fleisch«, stellt Lisa grinsend beim Zähneputzen fest. »Keine Chickenwings, keine Grillwürstchen, keine Burger. Das wird ja lustig.«

»Vielleicht überlege ich es mir in speziellen Situationen ja anders«, räume ich ein. »Aber ich kann definitiv nichts essen, was mich mit solch großen Fettaugen anglotzt.«

Im Bett widme ich mich erst mal meinem Handy. Mit ein, zwei Nachrichten hatte ich ja gerechnet. Aber meine Mutter hat mir seit heute Nachmittag sechs SMS geschickt. Dabei hatte ich sie natürlich vom Flughafen angerufen, um ihr zu sagen, dass wir erstaunlicherweise nicht entführt worden waren und auch keinen Triebwerkbrand hatten. Seitdem wollte sie wissen:

Seid ihr gut in Brighton angekommen? Ist die Familie nett?

Hast du das Gastgeschenk schon übergeben?

Gerade an der Küste merkt man den Wind nicht so. Hast du deinen Schal um?

Gerade bei Wind merkt man die Sonne nicht so. Bist du eingecremt?

Hast du meine Nachrichten erhalten?

Muss ich eine englische Vorwahl wählen, um dich zu erreichen?

Ich überlege kurz, ob ich ihr schreiben soll: Ich habe deine sechs Nachrichten nicht erhalten, weil du eine englische Vorwahl wählen musst. Aber dann lasse ich es. Sie würde es nicht verstehen. Stattdessen schreibe ich: Alles gut. War mit Schal, Mütze und Handschuhen am Strand. Habe mich mit Sunblocker eingecremt und mich nur im Schatten aufgehalten. Gastfamilie nett. Geschenk überreicht.

Das Letzte ist zwar gelogen, aber ich glaube, die Clarks werden diesen Abend auch ohne die große Pralinen-Luxus-Ausgabe überstehen, die meine Mutter mir mitgegeben hat. Es reicht wohl, wenn ich ihnen die zehntausend Kalorien morgen in die Hand drücke.

Dabei sollte ich eigentlich froh sein, dass ich jetzt überhaupt in Brighton neben Lisa in einem Himmelbett liegen darf. Es war ein sehr harter Kampf gewesen. Nachdem schon unsere Halbjahreszeugnisse gezeigt hatten, dass wir ganz dringend an unseren Englischkenntnissen arbeiten müssen, hatten Lisa und ich mit einem Aufenthalt in den USA oder Australien geliebäugelt. Auch Neuseeland hatte uns gereizt. Als ich das meinen Eltern vorgeschlagen habe, ist meine Mutter ganz blass geworden und hat erst mal mit dem Tischstaubsauger den blanken Tisch bearbeitet. Klassische Übersprungshandlung. Sie hatte dann allen Ernstes gemeint, dass wir ja vielleicht innerhalb von Deutschland auf eine englische Schule gehen könnten. Dann könnten Papa und sie mich auch mal am Wochenende besuchen. Meine Mutter fand im Internet sogar ein englisches Internat, das Sommerferienkurse anbot. In Bielefeld.

Das kam sogar meinem Vater komisch vor.

Nach vielen Gesprächen konnten wir uns schließlich auf Großbritannien im Allgemeinen und Brighton im Besonderen einigen. London hatte meine Mutter natürlich auch sofort von der Liste gestrichen. Viel zu gefährlich. Aber Brighton fand sie charmant.

»Ein nettes Küstenstädtchen. Und wenn es sein muss, sind wir ja mit dem Flugzeug schnell da«, fand meine Mutter. Ich weiß nicht, was sie genau meint mit »wenn es sein muss«. Will ich auch gar nicht wissen. Ich hatte gelesen, dass Brighton in etwa so ist wie London in Klein, nur am Meer. Hörte sich gut an. Und besser als Bielefeld allemal.

Lustigerweise hatte meine Mutter mich in den letzten Tagen immer wieder daran erinnert, dass ich in Brighton stets das Handy bei mir haben soll. Sie, die sonst immer meckert: »Leg doch mal das Ding weg. Kannst du nicht mal in Ruhe essen? Musst du jetzt schon wieder darauf rumtippen?«

Sie hatte allen Ernstes gesagt: »Stell dir vor, Papa hat einen Herzinfarkt oder so. Da muss ich dich doch erreichen.«

Ich hatte ihr geantwortet, dass es mir lieber wäre, sie würde dann den Notarzt informieren. Mein Vater hatte das Gespräch leider mitbekommen und irgendwie ganz erschrocken geguckt.

Nachdem Lisa und ich das Licht ausgemacht haben, stelle ich mich noch kurz ans Fenster und blicke in den Nachthimmel.

»Bist du jetzt Laura und suchst deinen Stern, oder was?«, fragt Lisa mich.

»Quatsch. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass das derselbe Sternenhimmel ist, den man auch über unserem Kaff sieht. Hier sieht er viel größer aus. Außerdem höre ich das Meer rauschen.«

»Ich glaube, das ist die Autobahn«, kontert Lisa schon halb schlafend.

Ich kuschle mich an sie.

»Schlaf gut, du gemeines Etwas.«

2

IMAGELeider muss ich die gute Linda am nächsten Morgen schon wieder schocken. Als wir zum Frühstück in die Küche kommen, steht unsere Gast-Mom da und streicht dick Butter auf labberige Weißbrotscheiben. Dann legt sie eine Scheibe Käse drauf. Und dann greift sie zu einer riesigen Tube Mayonnaise und drückt zu. Sie macht mehrere fette Kleckse und legt dann die nächste Scheibe Brot darauf.

»Your sandwiches for school«, flötet sie.

Das sind unsere Pausenbrote???

In meinem Kopf rattert es. Schließlich frage ich vorsichtig, ob da wohl Eier in der Mayonnaise seien.

Sie studiert das Kleingedruckte auf der Tube und nickt schließlich.

»Is that a problem?«

Ich nicke und erkläre, dass ich auf gar keinen Fall rohe Eier essen dürfe. Ich hätte eine Allergie und würde stehenden Fußes großflächigen Ausschlag bekommen, radebreche ich.

Sie starrt mich an. Vielleicht hat sie auch nicht alles verstanden. Ich bin schließlich hier, weil ich schon mit dem Alltagsenglisch absolute Probleme habe. Nahrungsmittelunverträglichkeiten habe ich noch nicht oft auf Englisch diskutiert. Vielleicht befürchtet Linda, dass ich zuckend und schäumend auf dem Boden zusammenbreche, falls sich ein Ei in meine Gedärme verirrt. Linda guckt fragend zu Lisa. Die schüttelt den Kopf.

»I don’t have a problem with it«, sagt sie.

Natürlich nicht. Lisa isst ja alles. Die würde auch auf ein kleines süßes Kälbchen zeigen und sagen: »Das esse ich jetzt als Leberwurst. Tötet es.«

Ja, ich gebe es zu: Normalerweise esse ich auch Fleisch und auch Fett. Aber Mayonnaise auf Butter – das muss jetzt echt nicht sein.

»Ich denke, du solltest Linda auch darüber aufklären, dass du keine Schokolade und keine Chips und keine Pommes isst. Soll ich das für dich machen?«, kichert Lisa leise.

»Sei still«, zische ich ihr zu. Linda sieht echt fast traurig aus, als sie jetzt ein Sandwich nur mit Butter und Käse macht.

Immerhin gibt es zum Frühstück Cornflakes. Das steht jetzt vielleicht auf der Liste der gesunden Mahlzeiten nicht im ersten Drittel, aber die schmecken wenigstens. Fasziniert beobachte ich, wie Yakimi die Flakes geschickt mit seinen Stäbchen aus der Milch fischt. Die eigentlich friedliche Stimmung wird ein bisschen von Määäry-Äänn getrübt. Die unterhält sich nämlich mit ihrer Mutter, was ja eigentlich nicht schlimm ist. Sie hat aber schon ihre Inears drin und offenbar lautstark Musik laufen. Deswegen brüllt sie ihrer Mutter auch entgegen, dass sie am Nachmittag Sport habe und wo ihre Glitzerleggings sei und dass sie noch Geld für neuen Lipgloss bräuchte.

Weil Lisa nach dem Frühstück erst noch Kajal, Wimperntusche und Lidschatten in ihrem Gesicht verteilt, müssen wir echt rennen, um den Schulbus zu bekommen.

»Toll, du siehst jetzt gut aus, dafür riechen wir beide total verschwitzt«, meckere ich.

»Ich kann das ja wenigstens durch mein zauberhaftes Gesicht ausgleichen«, grinst sie zurück.

Natürlich weiß ich, warum meine ABF sich so aufgebrezelt hat. Für Lisa ist alles – Schule, Besuch beim Arzt, Zoo-Ausflug – eine Möglichkeit, einen Typen kennen zu lernen. Sie hat schon mal auf einer Autobahnraststätte bei einer Pinkelpause einen Jungen getroffen, mit dem sie noch zwei Wochen gechattet hat. Wobei zwei Wochen für Lisa eine Ewigkeit sind. Lisa kann sich innerhalb eines Tages ver- und entlieben. Deswegen merke ich mir auch nie die Namen der Typen. Lohnt überhaupt nicht. Es gibt immer nur eine jeweilige Nummer eins. Bis der nächste die Nummer eins ist. Mit den Jungs läuft allerdings nie was. Nichts Ernsthaftes. Lisa ist halt einfach nur gerne auf Wolke sieben bis acht.

Auch unsere Klasse bietet da einiges für meine Lieblings-Lisa. Wir sind vierzehn Schüler, neben uns beiden und Yakimi noch fünf Mädchen und sechs Jungen. Drei der Jungs sind indiskutabel, mindestens ein Jahr jünger als wir und peinlich-pickelig. Bleiben noch drei. Vincent, ein lustiger Österreicher mit breitem Akzent, Leo, ein dunkelhäutiger Spanier, und der supercoole Adam aus Polen. Die Mädels sehen so weit okay aus. Ich denke, mit denen können wir hier Spaß kriegen.

Unsere Lehrerin Mrs Collins stellt uns unseren Stundenplan vor. Wir haben jeden Tag von neun bis zwölf Unterricht. Die Fächer sind: News (wir diskutieren aktuelle Nachrichten), History (alles über England, was wir noch nie wissen wollten), Creative Projects (wahrscheinlich machen wir lustige Bastelarbeiten). Dazu kommen noch Exkursionen und Sport – aber kein Handball oder Turnen. Wir lernen Einradfahren, Jonglieren und so was. Nicht schlecht: Falls das mit dem Abi nicht klappt, kann ich immerhin noch im Zirkus auftreten.

Nach anderthalb Stunden gibt es eine große Pause. Wir schlendern in den großen Innenhof. Wow, sind hier viele! So eine Feriensprachschule hatte ich mir nicht so groß vorgestellt! Bestimmt zweihundert Mädchen und Jungen liegen auf dem Gras, lungern auf Bänken oder spazieren wie Lisa und ich einfach rum. Ein paar ältere Typen werfen sich einen Basketball zu.

»Ich fühle mich wie in einer amerikanischen Fernsehserie«, rutscht es mir raus. »Irgendwie cool hier. Vielleicht gehe ich echt nach der Schule als Au-pair-Mädchen in die USA oder so.«

»Klar, und wie ich deine Mutter kenne, kommt sie auch mit, dann kann die sich um die Kids kümmern und du dich um deinen Spaß«, lacht Lisa.

Ansonsten passiert an unserem ersten Schultag nicht viel. Wir bekommen noch einen Spind zugewiesen (original wie in einer amerikanischen Highschool), Bücher ausgeteilt und ein paar Merkzettel. Das war es. Um kurz nach zwölf sind wir frei.

»Müssen wir wohl jetzt nach Hause zum Mittagessen? Hat Linda dir was gesagt? Ich habe ein bisschen Angst vor dem Essen«, gebe ich zu. »Bestimmt ist sie bei der Arbeit, oder? Die wird doch nicht hauptberuflich Gastmutter sein?«

Zum Glück ist Lisa besser informiert als ich. »Das stand doch in dem ersten Brief, den wir bekommen haben. Sie arbeitet in einer Anwaltskanzlei und Michael ist bei der Stadt. Irgendein Bürojob.«

»Aha«.

»Die Frage ist, ob sie da den ganzen Tag in der Kanzlei ist oder nur bis mittags, weil sie dann ihren Gastschülern merkwürdige Gerichte vorsetzen muss. Ich rufe bei denen zu Hause einfach mal an«, erkläre ich.

Es tutet und tutet. Keiner geht ran.

Glück gehabt.

Wir einigen uns darauf, dass wir erst in die Stadt gehen, weil Lisa unbedingt shoppen, und danach an den Beach, weil ich unbedingt das Meer riechen will. Und den Wind spüren. Ich gehe nicht gerne shoppen, was Lisa ÜBERHAUPT nicht verstehen kann. Sie hat mir schon mal einen genetischen Defekt attestiert und behauptet, ich hätte zu viele männliche Anteile. Für Lisa ist es eine Zumutung, dass die Geschäfte sonntags geschlossen haben, obwohl man doch gerade am Sonntag soo viel Zeit hätte, um zwischen all den Ständern und Regalen und Tischen zu wühlen. Lisa findet auch immer irgendwas. Ein Top, Ballerinas, einen Rock – egal. Ich finde nichts, weil ich nicht suche. Mir ist das zu anstrengend. Ich hasse es, in winzigen verstaubten Umkleiden zu stehen. Ich trage Jeans und weiße Shirts oder auch weiße Hemden (keine Blusen!!! Das ist ein großer Unterschied!). Dazu trage ich Tücher. Also immer nur eins. Ich habe ungefähr fünfzig bunte, große, kleine, witzige, dramatische und einfarbige Tücher. Ich liebe sie alle. Und dazu trage ich meine Lederjacke. Ich habe sie letztes Jahr auf einem Secondhandmarkt gefunden und ich würde sie am liebsten mit ins Bett nehmen. Sie hat Brusttaschen, ist ganz dünn und knallblau.

Seit sechs Jahren, seitdem wir uns also kennen, versucht Lisa mich umzustylen. Immer wieder hält sie mir Tops, Kleider, Hotpants und weiß-ich-nicht-was hin. Nur um ihr einen Gefallen zu tun und damit sie endlich still ist, habe ich neulich Jeans-Hotpants genommen – aber welche, die nicht ganz so knapp saßen. Für die ganz heißen Tage eigentlich ganz gut.

Nach fast zwei Stunden habe ich es geschafft. Lisa hat ihre Shopping-Sucht befriedigt und bummelt glücklich mit zwei Tüten an der Hand neben mir gen Strand. Zuerst waren wir im Churchill-Center. Lisa hatte sich natürlich vorher die Shopping-Hotspots ausgedruckt. Danach ging es weiter in die North Laine. Das gefiel mir schon besser. Viele kleine Boutiquen und Läden, süße kleine Teestuben und Konditoreien mit den feinsten kleinen Cupcakes. Mir war das Wasser im Munde zusammengelaufen. Aber Lisa trieb mich weiter an. Wie ein kleines Trüffelschweinchen war sie zwischen den Sales-Angeboten unterwegs. Gut, dass sie jetzt erst mal genug cash ausgegeben hat.

Auf dem Pier steht ein Typ mit einer Gitarre und singt Passenger-Songs. Sogar ganz gut. Wir lassen uns gegenüber auf einer Bank nieder und ich habe wieder dieses schön-schaurige Gefühl. Als würde jemand meinen Magen in der Hand halten und ganz leicht zudrücken. Es tut nicht weh, aber es zieht ganz leicht. Es ist einfach eine namenlose Sehnsucht in mir.

Ich bin kein Masochist – also nicht dass ich wüsste –, aber manchmal bin ich so gerne traurig. So endlos traurig, ohne Heulen und das alles. Dann stelle ich mir vor, dass jetzt gerade, genau in diesem Moment, jemand stirbt. Dass sich jetzt gerade Menschen verlieben, sich scheiden lassen, sich streiten. Dass jetzt eine Frau einsam in einer Bar sitzt. Es ist gleichzeitig dunkel, hell oder dämmernd auf dieser Welt. Irgendwo fällt die Sonne gerade ins Wasser, woanders steigt sie gerade auf.

Ich schließe die Augen und stelle fest, dass ich jetzt genau da bin, wo ich sein will.

Das fühlt sich gut an.

Bei Lisa geht eine Textnachricht ein. Sie liest kurz und klatscht dann in die Hände. »Los geht’s. Wir gehen Boule spielen.«

»Was ist das?«

»Dieses Boccia. Du musst deine Kugeln ganz nah an eine kleine Kugel werfen.«

»Aha. Und mit wem gehen wir Kugelstoßen?«

»Mit Adam«, grinst Lisa.

»Du hast Adam deine Handynummer gegeben?«, staune ich.

»Ja. Und?«

»Wann? Wir waren seit heute Morgen ununterbrochen zusammen. Wann hast du ihm die gegeben?«

»Auf dem Weg raus. Er hat mich gefragt, und ich dachte, dass sei vielleicht eine ganz gute Idee.«

Ich fasse es nicht. Das ist Lisa.

Ich muss dann allerdings feststellen, dass mir dieses Boule Spaß macht. Auch Xenia und Ella sind mit dabei. Das sind zwei Bayerinnen in unserer Klasse, ziemlich derb und ziemlich witzig, und ihr Englisch ist definitiv noch schlechter als meins. Ich mache mir fast in die Hose, als Ella irgendwann ausruft: »Ja mei, I really like this kugeling balls.«

Wir haben so viel Spaß, dass wir erst ein paar Minuten nach sieben (Abendessenzeit!) wieder bei den Clarks sind. Ich rieche es sofort – Lisa auch. Es gibt Chickenwings. Sie guckt mich mitleidig an. »Immerhin sind diese armen Tiere nicht für dich gestorben«, sagt sie anerkennend.

Beim Essen bemühe ich mich, nur auf meinen Teller zu gucken. Auf die Kartoffeln und den Blattsalat. Ich will gar nicht sehen, wie die anderen sich die knusprigen Wings in den Mund stopfen. Irgendwann höre ich nur eine sehr erstaunte Linda, die zu Lisa sagt: »My goodness, you must have been starving!«

Wie viele hat sie schon verschlungen? Fünf? Sechs? Sieben?

Ich huste schnell, damit niemand meinen knurrenden Magen hört.

Doch später oben auf dem Zimmer, muss ich feststellen, dass ich die aller-aller-beste Freundin (also AABF) habe. Lisa hat mir drei Chickenwings in einem Tempo aufs Zimmer geschmuggelt. Sie ist so cool!

Fünf Minuten später bin ich nicht nur satt, sondern auch selig. Michael Clark hat uns einen kleinen Besuch in unserem Zimmer abgestattet und uns mal eben das Passwort für das W-LAN mitgeteilt.

Wir sind im Netz!

Wir sind drin!

Die nächsten drei Stunden liegen wir mit Lisas iPad auf dem Bett und schicken Mails und surfen. Lisa skypt noch kurz mit ihren L-Schwestern. Als sie mal kurz auf dem Klo ist, richte ich eine Mail-Adresse ein. »Besterbrudernick@gmx.de«. Wenn ich jetzt mal Lust habe, an meinen nicht existenten Bruder zu schreiben, kann ich das einfach tun. Gut, skypen ist ein bisschen schlecht. Aber immerhin.

»Das hätte die ja auch schon gestern ankündigen können«, stöhnt Lisa am nächsten Morgen.

Mrs Collins hat uns gerade mitgeteilt, dass wir heute Vormittag eine Exkursion machen, um die Stadt kennen zu lernen. Lisa starrt auf ihre Peeptoes, auf die Absätze, um genau zu sein. Das sind super Schuhe, um im Klassenzimmer zu sitzen. Das sind Scheißschuhe, um damit durch die Stadt zu latschen.

»Am besten gehst du direkt barfuß«, schlage ich vor.

»Dann trete ich direkt in ein Kaugummi oder eine Scherbe oder was-weiß-ich«, mault sie.

»Vielleicht trägt dein Adam dich ja auch auf Händen«, stichle ich weiter.

Sie wirft mir nur einen bösen Blick zu und die Haare nach hinten.

Wir lernen eine Menge über die Stadt. Eine Menge, die uns nicht interessiert. Bischofssitz, Palast, Universität und die älteste elektrische Eisenbahn Großbritanniens. Und auch, dass Passenger (!!!!) in Brighton geboren worden ist.

Ich lerne zunächst, dass es ganz wichtig ist, beim Überqueren der Straße immer erst nach rechts – und nicht zuerst nach links – zu gucken. Ich bin während unseres Marsches wirklich fast überfahren worden, weil ich natürlich aus Gewohnheit zuerst nach links geschaut hatte. Aus Gewohnheit und weil ich abgelenkt war – von meiner Mutter. Die hatte mich um halb zwölf auf dem Handy angerufen und sich lautstark beschwert, dass ich mich überhaupt nicht melden würde.

»Mama, wir haben gerade Unterricht«, zische ich ihr zu.

»Ihr habt nur bis zwölf Uhr Schule. Das weiß ich genau«, kontert sie besserwisserisch.

»Stimmt. Aber wir haben erst halb zwölf.«

Ich habe mich ein bisschen zurückfallen lassen. Müssen ja nicht alle dieses peinliche Gespräch mitbekommen.

»Wieso ist es bei euch früher?«, will sie nun misstrauisch wissen.

»Es gibt verschiedene Zeitzonen auf dieser Welt.«

In dem Moment wird mir bewusst, dass ich schon seit Jahren in einer anderen Zeitzone lebe als meine Mutter.

»Und wieso gehst du ans Telefon, wenn du gerade Unterricht hast? Was ist denn das für eine Schule?«

»Ich dachte, wenn du während der Schulzeit anrufst, ist es vielleicht wichtig«, antworte ich angesäuert.

Das ist der Moment, in dem ich fast überfahren werde. Ich schreie auf, der Autofahrer hupt.

»Nora? Nora? Ist alles in Ordnung? Wer hupt denn da?«, kreischt meine Mutter.

Ich bin mittlerweile auf der anderen Straßenseite angekommen.

»Ja, ja. Alles in Ordnung. Das war gerade ein Auto.«

»Wieso macht ihr Unterricht auf der Straße?«

»Wir machen eine Exkursion.«

Wieso beende ich dieses Gespräch nicht einfach? Ich bin echt zu nett.

»Eine Exkursion? Das finde ich gut. Ein bisschen Bewegung tut euch allen gut.«

Sagt meine Mutter, die bei der Schwangerschaftsgymnastik das letzte Mal Sport gemacht hat.

3

IMAGEUm kurz nach zwölf haben wir alle wichtigen Bauten bestaunt und Mrs Collins entlässt uns. Wir stärken uns kollektiv bei Starbucks und Lisa verabredet sich mit ein paar anderen – allen voran natürlich Adam – zum Basketballgucken. Es gibt wohl ein Turnier nachher auf dem Schulgelände.

»Ich bin ja nicht so der Basketball-Fan«, sage ich leise zu ihr.

»Ich auch nicht. Von mir aus könnten die auch Minigolf oder Kricket spielen, Hauptsache, es ist was los. Hast du eine bessere Idee?«

»Ich wollte ja noch in die Altstadt. Da soll es ein paar interessante Secondhandläden geben. Bei deinem Shoppingtrip hast du die ja ausgelassen …«

Lisa grinst und verdreht die Augen. Sie weiß genau, wie sehr ich Secondhandläden liebe.

»Pass auf, ich gehe jetzt in meine geliebten Staubhöhlen und hole dich dann am Basketballplatz ab«, schlage ich vor.

»Alles klar.« Sie gibt mir ein Küsschen auf die Wange und ich mache mich auf den Weg.

Was für Lisa Zara und H&M ist, sind für mich kleine vermuffte Secondhandläden. Ich liebe einfach diese Schatzsuche. Manchmal muss man ganz lange stöbern. Erst vor zwei Monaten habe ich ein wunderschönes Medaillon aus Silber gefunden. Für fünf Euro! Ich stelle mir vor, wie das mal eine Frau mit dem Foto ihres Mannes getragen hat. Oder ihres Kindes. Ich habe es noch nie getragen, weil ich nicht wirklich weiß, wessen Foto ich da rein tun sollte. Aber es ist einfach schön. Ich könnte natürlich wieder irgendwo ein kleines Bild rausreißen und behaupten, das sei mein großer Bruder Nick.

Die ersten beiden Läden sind ein Reinfall. Viele Bücher (auch noch auf Englisch natürlich), Oma-Pelz-Jacken, Silberbesteck und prunkige Gemälde. Ich bummel weiter durch die kleinen Gässchen. Ich weiß endlich, wofür das Wort »putzig« erfunden wurde. Außerdem ist alles bunt, aber nicht schrill. Alle wirken entspannt, keiner drängelt. Und es riecht einfach aufregend. Nach Fish ’n’ Chips, nach Salz, nach Vanille-Tee und nach Freiheit.

Der dritte Laden ist eine Fundgrube. Der Typ, der aussieht, als wäre er 1985 eingefroren und gerade wieder aufgetaut worden, begrüßt mich nur kurz und lässt mich dann in Ruhe wühlen und liest einfach weiter.

Er hat wunderschöne Armbänder und – reifen, die ich mir alle nicht leisten kann. In einem alten Regal stehen ganz feine Teetassen, bei denen ich erst gar nicht nach dem Preis gucke. Ich wüsste ohnehin nicht, wie ich die heil nach Hause bekommen sollte. Und dann verliebe ich mich. In einen Hut. Er ist schwarz und eine Mischung aus Schlapp- und Cowboyhut und genau das Richtige, um mich vor der Sonne zu schützen. Ich setze ihn ganz vorsichtig auf und gucke in den Spiegel. Er ist einfach perfekt.

»It suits you«, kommentiert der Verkäufer. »And goes perfectly with your glasses«, fügt er hinzu.

»Thanks«, sage ich leise und verkneife mir ein Grinsen.

Wenn er wüsste, wie sehr er mit »glasses« recht hat. Ja, ich trage eine Brille. Eine dunkle Hornbrille, die früher mein Opa getragen hat. Sie gibt meinem Gesicht irgendwie einen interessanten Touch. Meine helle Haut, helle Augenbrauen, hellblaue Augen – das war alles zu farblos. Fand ich. Und als mein Opa vor ein paar Jahren gestorben ist, habe ich seine Brille für mich beansprucht. Was meine Eltern total daneben fanden, weil ich ja eigentlich keine Brille brauche. Ich habe ihnen aber erklärt, dass meine Augen extrem empfindlich seien. Dass mir andauernd da was reinfliegen würde, dann würde ich ewig reiben, die Augen würden ganz rot und ich könnte kaum gucken. Weil sie immer noch nicht ganz überzeugt waren, habe ich ihnen erklärt, dass es besonders schlimm in der Schule sei. Da wäre immer eine so extrem trockene Luft und dann dieser Staub von der Kreide. Neulich hätte ich in der Mathearbeit die letzte Aufgabe nicht lösen können, weil ich nicht richtig sehen konnte. Wenn ich eine Brille aufgehabt hätte, wäre mir nichts in Auge geflogen, und ich hätte statt einer Drei mindestens eine Zwei geschrieben.

DAS hat sie natürlich überzeugt. Sie sind mit mir zum Optiker und haben zwei Fenstergläser in die Fassung einsetzen lassen. Und genau deswegen muss ich fast grinsen, als der Verkäufer meine »glasses« erwähnt.

Außer meinen Eltern weiß nur Lisa, dass meine Brille ein Fake ist. Und weil ich ganz andere Geheimnisse von ihr weiß, kann ich mich darauf verlassen, dass sie das niemandem verrät.

Ich nehme den Hut ab und linse ganz vorsichtig auf den Preis. Dreißig Euro umgerechnet. Das ist eigentlich nicht in meinem Budget. Haben tue ich die dreißig Euro allerdings. Ich nehme mir vor, mir demnächst fürs Mittagessen einfach was aus dem Clarkschen Kühlschrank mitzunehmen und keine teuren Starbucks-Sandwiches mehr zu kaufen, und gehe direkt zur Kasse. Immerhin ist dieser Hut ja absolut zeitlos und kein kurzlebiger modischer Schnickschnack. Da sind dreißig Euro echt nicht zu viel.

Lisa pfeift durch die Zähne, als ich ihr vor ihr stehe. »Hey cowgirl, wo ist dein Pferd?«

»Dafür hat das Geld nicht mehr gelangt. Aber vielleicht kann ich mir ja den Esel da schnappen«, antworte ich und deute auf Adam.

»Sei nicht gemein. Der Adam ist echt ein Netter. Und er hat es auch nicht leicht.«

»Bitte???«

»Seine Urgroßeltern waren eigentlich Fürsten. Oder so was. Aber dann sind sie einfach entmachtet worden und jetzt geht es Adams Familie total schlecht«, erklärt mir Lisa mit besorgtem Blick.

Ich muss laut lachen.

»Du willst mir gerade erzählen, dass dein Adam ein verarmter Prinz ist? Auf so eine Masche fällst du doch nicht rein, oder?« Ich deute auf Adams Po.

»Hast du übrigens gesehen? Dein verwunschener Prinz trägt eine true religion am Arsch. So viel zum Thema ›verarmt‹.«

Sie reckt ihren Hals. »Stimmt. Das zahlt er mir heim. Im wahrsten Sinne.«

»Was?«

»Ich habe ihm zwei Bier ausgegeben, weil er meinte, er könne sich das nicht leisten.«

»Der kann sich so ein Mädel wie dich definitiv nicht leisten, der Kaspar. Komm jetzt.«

Als wir um die Ecke zu unserer kleinen Straße biegen, erblicken wir Määäry-Äänn. Sie geht wenige Meter vor uns. Nein – sie geht eigentlich nicht. Sie stakst, als wäre der Bürgersteig voll mit unzähligen Hundehaufen und sie müsse sich irgendwie den Weg bahnen. Dabei hat sie die Hände irgendwie unnatürlich in die Seiten gestemmt. Vielleicht hat sie Seitenstechen. Als sie vor dem Haus der Clarks ankommt, bleibt sie völlig abrupt stehen, wirft ihre Hüfte nach links und dreht sich mit Karacho um.

Dann stakst sie auf uns zu.

Lisa und ich sind völlig erschrocken stehen geblieben. Sie stoppt ihren Marsch zwei Meter vor uns mit einem Gesichtsausdruck, der nach »Ich bin ein Todesengel« aussieht. Ich kriege echt ein bisschen Angst.

Plötzlich löst sie ihre Gesichtszüge und grinst uns verschmitzt an.

Wie sie war, will sie brüllend von uns wissen.

Ich sehe jetzt erst, dass sie natürlich die Kopfhörer trägt und total taub ist.

Ich zucke nur mit den Schultern. Was will sie denn nun wissen? Wie WAS war?

Sie verdreht die Augen und bequemt sich, die Musik abzustellen.

»Did you like the way I walked?«, fragt sie uns. »Like a model«, fügt sie hinzu und macht noch eine Extradrehung, als sie die Fragezeichen auf unserer Stirn wahrnimmt.

»Für mich sah das nicht nach Laufsteg, sondern nach Kriegspfad aus«, sage ich leise zu Lisa.

Laut sage ich, dass es sehr interessant ausgesehen hat. »Interesting« ist eines der Wörter, das ich immer benutze, wenn mir das Wort, das ich eigentlich suche, nicht einfällt.

Määäry-Äänn ist mit »interesting« offenbar zufrieden. Wortreich erklärt sie uns, dass sie sich jetzt erst mal für die Modelkarriere entschieden habe. Wenn sie dann für die großen Laufstege dieser Welt zu alt geworden sei, könne sie immer noch Schauspielerin oder auch Sängerin – oder auch beides – werden.

Ich frage mich, woher diese Göre ihr Selbstbewusstsein nimmt.

Ein paar Minuten später ahne ich, woher dieses Kind seine kreative Ader hat. Oder zumindest den Glauben an diese Ader. Linda steht ausnahmsweise mal nicht in der Küche, sondern mit einer Bürste in der Hand mitten im Wohnzimmer. Sie trägt eine langhaarige blonde Perücke, eine knallenge Jeans mit viel Schlag unten und eine Blumenbluse.

Neben ihr steht Michael in einem mintgrünen Anzug (ebenfalls mit Schlag) und einer geblümten Krawatte. Er hat einen Kochlöffel in der Hand und eine Fernbedienung. Die drückt er und ein Klavier ertönt. Määäry-Äänn steht mit uns in der Tür und klatscht aufgeregt in die Hände. Was kommt denn jetzt?

»Das Lied kenne ich«, sagt Lisa leise hinter mir. »Das ist Abba.«

»Das ist aber was? Aber lustig? Aber interesting?«

»Nein. Die Band heißt Abba. Meine Eltern haben eine CD von denen.«

Ich drehe mich zu Lisa um. Bis jetzt fand ich ihre Eltern immer ganz cool.

Mit theatralischem Gesichtsausdruck führt Linda nun die Bürste an ihre Lippen und fängt an zu singen: »I don’t wanna talk …«

»Dann lass es doch«, kichere ich.

»Shhh«, herrscht Määäry-Äänn mich an.

Die Falte auf Lindas Stirn wird immer tiefer. Sie leidet sehr in diesem Song und schüttelt zu dem Refrain »The winner takes it all, the loser has to go« traurig ihren Kopf.

»Das ist survival of the fittest«, flüstere ich Lisa zu, die die Lippen zusammenpresst, um nicht zu lachen.

Als das Clark-Duo endlich fertig ist mit seiner Vorführung, klatschen wir kurz.

»Did you like it? It’s a new song in our repertoire«, strahlt uns Michael an.

Repertoire? Wird das jetzt hier zu einer regelmäßigen Veranstaltung?

»Do you like Abba?«, erkundigt sich Lisa vorsichtig.

Begeistert erklärt uns Linda, dass sie mit den Nachbarn, den Whites, als Abba-Coverband auftreten würden. In diesem Jahr wird ein großer Contest veranstaltet, hier in Brighton. Schließlich habe Abba hier den Eurovision Song Contest gewonnen. Danach gebe es eine landesweite Ausscheidung. Und die Siegerband bekommt einen Plattenvertrag.

Alle Abba-Bands? Wie viele gibt es davon wohl?

Hinter mir meldet sich jetzt Yakimi zu Wort. Er hätte ein paar Abba-Songs auf seiner Karaoke-App. Wenn die Clarks damit mal üben wollten?

»Was ist denn eine Karaoke-App?«, erkundigt sich Lisa vorsichtig.

Yakimi grinst breit. »Eine App ist so etwas wie ein kleines Programm für den Computer. Das kann man in einem App-Store kaufen. Das ist wie ein Geschäft, wo die süßen kleinen Programme in den Regalen liegen.«

»Was eine App ist, weiß ich«, zischt Lisa.

»Und was Karaoke ist, weißt du auch. Da singen Leute, die es meist nicht können und oder betrunken sind, alte Kamellen«, füge ich an.

»Betrunken sind?« Yakimi zeigt mir einen Vogel. »In Japan ist Karaoke Volkssport. Es gibt mehr Karaoke-Bars als Parkplätze. Karaoke ist Kunst«, belehrt er mich jetzt.

Es stellt sich heraus, dass seine App in etwa wie SingStar funktioniert, nur dass man dafür keine Konsole benötigt, sondern nur einen Computer oder ein Tablet.

Was er für Lieder denn auf seiner App habe, mischt Linda sich jetzt ein.

Zehn Minuten später sitzt sie mit leuchtenden Augen vor Yakimis iPad. »Michael!«, kreischt Linda aufgeregt, »He’s got Fernando, Chiquitita and Super Trouper.« Sie freut sich wie ein Kind.

»Perhaps you can try it out after dinner?«, melde ich mich. Ich habe Hunger!

»Dinner? Oh no«, mit diesem Aufschrei rennt Linda in die Küche, wo sie einen tiefschwarzen Auflauf aus dem Ofen holt.

Ich kann Überreste von Blumenkohl, Broccoli und Kohlrabi ausmachen und bin nicht soo traurig.

Michael wedelt mit einer Speisekarte, auf der eine riesige Pizza abgedruckt ist. Das ist doch mal eine gute Idee. Spontan verkünde ich, dass ich eine Salami-Pizza wolle.

»Thank you«, fällt Lisa mir ins Wort und erklärt den Clarks, dass ich immer für sie mitbestellen würde, das wäre so eine Angewohnheit von mir. Die Salami-Pizza sei natürlich für sie und ich würde wie immer eine mit Spinat nehmen.

Ich nicke nur blöd dazu. Immerhin hätte es mit Pilzen oder Artischocken noch schlimmer kommen können.

Während wir auf den Pizza-Flitzer warten, üben sich Linda und Michael im Karaoke. Auf dem Bildschirm erscheinen zwei Männer und zwei Frauen. Die Frauen sehen immer sehr dramatisch und tieftraurig aus. Außerdem reißen sie beim Singen den Mund extrem weit auf. Die Männer stehen meist nur in der Gegend rum. Manchmal hat einer von ihnen eine Gitarre umhängen.

»Ich bin Agnetha. Die mit den blonden Haaren«, erklärt Linda unnötigerweise. Schließlich trägt sie noch immer die Blondhaar-Perücke. Ganz konzentriert versucht sie den Text am unteren Rand passend zu den Mundbewegungen zu singen.

Während wir unsere Pizza futtern, sage ich leise zu Lisa, dass wir mit Abba ja eigentlich noch richtig Glück hatten.

»Stell dir vor, nicht Abba hätte seinerzeit diesen Song-Contest gewonnen, sondern Lady Gaga. Da würde Linda hier dauernd als Schnitzel oder so rumlaufen«, flüstere ich ihr zu. Sie verschluckt sich dabei so, dass sie mit hochrotem Kopf und hustend im Bad verschwindet. Ich nutze die Gelegenheit, um mir heimlich ein Stück Salami zu mopsen.

»Warum hast du eigentlich so eine Karaoke-App auf deinem tablet? Singst du nachts heimlich in deinem Zimmer?«, wende ich mich an Yakimi.

»Mmh«, nickt er mit vollem Mund.

»Und was singst du dann so?«

Er schluckt und lächelt breit.

»Michael Jackson.«

Lisa ist wieder reingekommen und sagt sofort: »Das will ich hören.«

Und in der nächsten Abba-Pause singt dann Yakimi. Und mehr noch. Er tanzt dazu. Original wie Michael Jackson. Zum Schluss greift er sich tatsächlich noch fett zwischen die Beine.

»Damit kannst du auftreten«, findet Lisa ganz begeistert.

»Tue ich auch.«

»Echt? Wo?«

»Auf Partys und so.«

Ich fasse es nicht. Da sitzen wir hier zwischen Abba- und Michael-Jackson-Doubles. Ich habe ein bisschen Angst, dass ich in ein paar Wochen auch die Kopie von jemand anderem sein möchte. Aber von wem wohl? Ich finde es oft doch schon schwierig genug, ich selber zu sein.

Natürlich endet der Abend damit, dass auch noch Määäry-Äänn, Lisa und ich einen Song singen müssen. Lisa und ich singen zusammen von Juli Die perfekte Welle, da brauchen wir uns nur mit dem Gesang blamieren und nicht auch noch mit unserem schlechten Englisch. Die Tochter der Clarks wählt ausgerechnet I will always love you von Whitney Houston aus. Ich habe noch ein schrilles Pfeifen in den Ohren, als wir ins Bett gehen. Määäry-Äänn sollte über ihren Berufswunsch ganz dringend noch mal nachdenken.

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